Wolkenbilder

„Wolken (grau)“, 1969

Grau ist eine äußerst komplexe Mischfarbe, die neutral wirkt und doch so vieles beinhalten kann: die Primärfarben Blau, Rot, Gelb, die Sekundärfarben Violett, Grün und Orange, sämtliche Farben zusammen oder auch nur Schwarz und Weiss; Schwarz und Weiß – angereichert um einen kleinen Anteil Umbra, der die Kälte des Grautons bricht… Richter konkretisiert 1975 in einem Brief an Edy de Wilde die Zielsetzung der Grauen Bilder: „Grau. Es hat schlechthin keine Aussage, es löst weder Gefühle noch Assoziationen aus, es ist eigentlich weder sichtbar noch unsichtbar. Die Unscheinbarkeit macht es so geeignet zu vermitteln, zu veranschaulichen, und zwar in geradezu illusionistischer Weise gleich einem Photo. Und es ist wie keine andere Farbe geeignet, ’nichts‘ zu veranschaulichen. (…) Grau ist für mich die willkommene und einzig mögliche Entsprechung zu Indifferenz, Aussageverweigerung, Meinungslosigkeit, Gestaltlosigkeit. Weil aber Grau, genau wie Gestaltlosigkeit und so fort, nur als Idee wirklich sein kann, kann ich auch nur einen Farbton herstellen, der Grau meint, aber nicht ist. Das Bild ist dann die Mischung von Grau als Fiktion und Grau als sichtbarer proportionierter Farbfläche.

G. Richter, zit. n.: W. Obrist: Gerhard Richter. Text, Frankfurt/M. 1993, 76f.

„Wolken“, 1970

Gerhard Richters Wolkenbild von 1970 entstand zu einer Zeit, in der sich der Künstler bereits von den vorherigen ‚grauen Bildern‘, den Abmalungen fotografischer Vorlagen entfernt hatte. Zeitgleich mit seinen Vermalungen oder Farbtafeln entsteht seit Ende der 1960er Jahre ein umfassender Komplex an farbigen Landschaftsdarstellungen, zu denen – u.a. neben der bekannten Landschaft bei Hubbelrath (1969) oder Seestücken, See- und Wolkenbildern – auch einige großformatige farbige Wolkenvariationen mit unterschiedlichen Formationen:

„Wolkenstudie (Gegenlicht)“, 1970

 

„Wolken (Fenster)“, 1970

„Wolken (rosa)“, 1970

„Wolken“, 1978

Richter wendet sich mit diesen Bildern einem traditionsreichen Genre zu, in dem nicht nur spezielle Naturphänomene verstärkt in den Blickwinkel der Kunst rückten, sondern grundlegende Fragen um die Aufgaben und Möglichkeiten der Malerei eine besondere Rolle spielten.
Mit dem Ausgang des 18. Jahrhunderts und bedingt durch eine veränderte Naturwahrnehmung in Kunst und Wissenschaft vollziehen sich auch im Bild der Landschaft, des Himmels, dem Blick auf die sichtbaren Phänomene und Schauspiele über der Horizontlinie bei Tag und Nacht grundlegende Veränderungen. Die Beobachtung der Wolken wird zu einem besonderen Aufgabenfeld der Maler, die dem erlebten und in Naturstudien festgehaltenen Spektakel am Himmel mit veränderter Intention und Darstellungsmethoden beikommen. Himmel- und Wolkenbilder werden zu eigenständigen Gestaltungsaufgaben der Landschaftsmalerei, die seit der Romantik in besonderer Weise vom Interesse an der Wahrnehmung schlechthin und den malerischen Möglichkeiten der Natur-, Erlebnis- und Stimmungsvermittlung geprägt sind.

Gerhard Richters Wolkenbilder, die in der Zeit der Konzeptkunst und Minimal Art, der Zeit von Fluxus und Happening entstanden, stehen durchaus in der Tradition der Landschafts- und Wolkenmalerei. Doch zeugen sie – ungeachtet ihres derart traditionsreichen Bildgegenstandes und ihrer malerischen Umsetzung – von einer veränderten Aufgabenstellung und anderen künstlerischen Verfahren. Dem Wolkenbild von 1970 gehen keine Naturstudien in Form zeichnerischer oder malerischer Fassungen eines erlebten Naturereignisses, sondern vielmehr Fotografien voraus. Wie auch bei früheren Bildern bedient sich Richter auch hier einer Aufnahme, die dem Atlas – seinem nachträglich als umfassende Dokumentation von Bildvorlagen, Skizzen und Werkprozessen angelegten persönlichen Archiv – entstammt.

Das Bild steht also erneut in engster Beziehung zur Fotografie, jenem Medium, dem eine unmittelbare Wiedergabe und indexikalische Beziehung mit dem gewählten Gegenstand zugesprochen wird. Doch setzt Richter auch bei seiner Wolkendarstellung die Fotografie nur als vermittelndes Medium auf dem Weg zum Bild ein: „Wir können uns doch nicht auf das Bild von Wirklichkeit verlassen, das wir sehen; denn wir sehen es doch nur, wie es unser Linsenapparat Auge [ergänzend sei auch der Fotoapparat angeführt; d.V.] zufällig vermittelt, plus den sonstigen Erfahrungen, die dieses Bild korrigieren. Und weil das eben nicht ausreicht, weil wir neugierig sind, ob alles nicht ganz anders sein kann, malen wir.“ (Richter, in: Obrist, Frankfurt 1993, 63).
So vertraut der Künstler im Wolkenbild von 1970 auch nur bedingt auf die Eigenwahrnehmung oder die fotografische Vermittlung, sondern lotet vielmehr die malerischen Mittel aus, die eine über das Abbild hinausgehende, wirklichkeitsnahe bildliche Vermittlung in Aussicht stellen kann: Das 2 x 3 Meter große Bild zeigt eine wechselvolle Formation von Wolken und blauem Himmel – einen Ausschnitt einer Himmelsansicht, die auch mit bloßem Auge betrachtet, nur umfangreicher, jedoch nie umfassend ausfallen könnte. Der Wahl des grenzenlosen Bildgegenstands entspricht auch die Vorentscheidung, diesen in begrenztem Feldausschnitt zu zeigen, Formen zu beschneiden und in rechteckigem Bildformat zu präsentieren. Auch mit der Unschärfe, die in dem Gemälde dominiert, lenkt Richter das Augenmerk gleichermaßen auf die Bildquelle wie auf den malerischen Akt der Gegenstandserfassung. Er thematisiert ebenso den Rückgriff auf die defizitäre fotografische Vorlage wie er die Leistungen der Malerei, der sich auch die Abstraktion zum unscharfen Farb- und Formgebilde verdankt, hervorhebt.

Quelle: Museumsplattform NRW