Rooms by the Sea

Über [Rooms by the Sea] liest man in Jo Hoppers Logbuch, daß es erst anders heißen sollte, nämlich The Jumping Off Place. Und das sieht man dem Bild auch an: Gerade noch ist jemand aus der offenen Tür ins Meer hinausgesprungen, das da bis unmittelbar unter die Schwelle des Zimmers heranschlägt, so als sei dieses Haus auf eine Klippe gebaut oder stünde auf Stelzen im Meer. Und im nächsten Moment wird auch in der Ferne, am Horizont, ein Boot erscheinen, zu weit weg, um den noch aufzufischen, der sich da in das unendliche Meer gestürzt hat. [Es] scheint eine herrliche milde Nachmittagssonne (Jo im Tagebuch: „Early October“) in ein leeres Zimmer, aber auch hier kann ihr schönes Licht nicht die Feindlichkeit der Welt vergessen lassen

Wim Wenders in der Zeit in einem Artikel über die vierbändige Ausgabe der Werke Edward Hoppers, „Edward Hopper, An Intimate Biography“ von Gail Levin

Ein wenig anders sieht es Mark Strand in seiner Schrift „Über Gemälde von Edward Hopper“:

Eine heitere Fremdartigkeit hat von den Räumen Besitz ergriffen. Der Ausblick, der den offenen Zugang rechts ausfüllt, ist zwar gewaltig, aber nicht bedrohlich. Das Wasser scheint bis unmittelbar an die Tür zu reichen, als ob es keinen Mittelgrund oder kein Ufer gäbe, ja als ob es von Magritte gestohlen worden wäre. Es ist eine Ansicht der Natur, die ungeschönt und außergewöhnlich ist. Auf der linken Seite des Bildes bietet sich uns ein schmaler, gedrängter Ausblick auf das Gegenstück zur Natur – auf einen Raum, ausgestattet mit einem Sofa oder einem Sessel, einer Kommode und einem Gemälde – eine Auswahl von Gegenständen des häuslichen Lebens. Das Bild drängt uns zu einer Bewegung von rechts nach links, so als ginge es bei dem Anblick, den es uns bieten will, nicht um das Meer, sondern um den teilweise verdeckten, zweiten Raum. Selbst das Meer, so scheint es, schaut auf und herein, und auch das Licht weist uns eben darauf hin und teilt uns mit, wohin wir blicken müssen.

Der zweite Raum ist ein möbliertes Echo des ersten. Die Verdoppelung des Raumes ist beruhigend, weil sie Vorstellungen von Beständigkeit und Gemeinsamkeit ins Bild setzt, die beide zusammen die Grundlage für häusliches Wohlbehagen ausmachen. Und das Meer und der Himmel, zwei Agenten des Willens der Natur, sehen in diesem Zusammenhang unverfänglich aus.

Der vermeintlich bösartige Unterton von „A Jump Off Place“ soll Hopper bewogen haben, den Titel des Bildes zu ändern.

Beiden Sichtweisen kann ich etwas abgewinnen. Was immer mit den Menschen sein mag, die darauf nicht zu sehen sind, es wäre kein Hopper, ohne sein enigmatisches Moment, dem das von Magritte gestohlene Wasser durchaus etwas Heiteres verleiht. Wenn mich etwas beunruhigt, dann ist es das in der Tat unverfängliche Aussehen der beiden Agenten des Willens der Natur. Ein Satz von Herta Müller fällt mir ein:

Die Landschaft steht intakt da, während du nicht weißt, wie es weitergeht. Irgendwie ist es ihr total egal. Sie will dich ja doch fressen. Wenn du stirbst, hat sie dich.

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Ausgefüllte Leerzeit

Karl-Heinz Schindler, "Siesta am Märchenbrunnen" (Berlin-Friedrichshain, 30. Juli 1980)
Karl-Heinz Schindler, „Siesta am Märchenbrunnen“ (Berlin-Friedrichshain, 30. Juli 1980)

„Ich bin noch überzeugter als vor zehn Jahren von der einzigartigen Qualität des Mittagsschlafs, dieses kristallinen Moments mitten am Tage, dieses subtilen Verschwimmens der Zeitlichkeit, dieses unvergleichlichen Gefühls vollkommener Freiheit. Jetzt höre ich auf mit dieser Plapperei, denn es ist Zeit für eine Siesta. Wie sollte man Nein sagen, wie widerstehen? Und vor allem: Warum sollte man? Die Siesta hat überhaupt keine rationale, logische, ordentliche Begründung nötig. (…) Sie ist eine ganz und gar ausgefüllte Leerzeit.“

Thierry Paquot, „Die Kunst des Mittagsschlaf“

Time wounds all heels

Die Zeit heilt alles, nur nicht die Wunden. Mit der Zeit verliert die Wunde der Trennung ihre wahren Ränder. Mit der Zeit wird der begehrte Körper nicht mehr sein, und wenn der begehrende Körper schon aufgehört hat, zu sein, ist das was bleibt, eine Wunde ohne Körper.

Chris Marker, „Sans Soleil“

Dig my mood…

Von Erinnerungen

Theodore Shaw, "Dutch Scene"
Theodore Shaw, „Dutch Scene“

Im Zeitmagazin vom 28. Februar 2015 erzählt Liv Ullmann unter der Rubrik Ich habe einen Traum von der einzigen Erinnerung, die sie an ihren Vater hat. Berührend. An meinen Vater habe ich viele Erinnerungen. Ich wünschte, es wäre eine gute dabei.

Mein Vater war Zahnarzt, und ich hatte von Geburt an schlechte Zähne. Die waren wohl nicht das einzige, was ihn an mir gestört haben mag. Meine Mutter meint, er hätte doch meine schmalen Schultern  und nicht nur meine krausen Haare sehen können. (Die krausen Haare hatte ich von ihrem Vater, die schmalen Schultern von seiner Mutter.) Für schwere Lasten waren diese Schultern nie gemacht, und nur mit einer Prise Galgenhumor lässt es sich nach jedem Niederschlag wieder aufstehen.

An den ersten erinnere ich mich nicht, doch es gibt diese Anekdote, nach der ich eine Ohrfeige meines Vaters, die mich zur Räson bringen sollte, mit einem Gegenschlag konterte. Ich war noch sehr klein und unbedarft, die Situation entbehrt nicht einer gewissen Komik, denn ich lachte meinem Gegner den Erzählungen zufolge dabei schamlos ins Gesicht. Den Ernst der Lage galt es erst noch zu begreifen. Dass er es todernst meinte, war mir längst klar, als er zum letzten Mal handgreiflich wurde, mir seine Hände um den Hals legte und damit den Morddrohungen aus seinem Munde den nötigen Nachdruck verlieh. Dabei hatte er selber rein gar nichts begriffen. Ich war längst so eingeschüchtert, dass ich mich nichts von alledem traute, was für andere Mädchen meines Alters selbstverständlich war. Nur um sein Missfallen nicht zu erregen, tapezierte ich die Wände meines Zimmers statt mit männlichen Konterfeis mit Bildern schöner Frauen: Greta Garbo, Katherine Hepburn, Ingrid Bergman, Romy Schneider, Liv Ullmann. All die Frauen, die nicht nur schön waren, weil sie hübsche Gesichter hatten. Was sich am Ende als ebenso großer, wenn nicht größerer Fehler erwies, lieferte ich ihm damit doch den augenfälligen Beweis, dass mit mir etwas nicht stimmte.

Selbst meine schulischen Leistungen bereiteten ihm Anlass zur Sorge, wenn ich meiner Mutter Glauben schenken darf. Die waren zwar vorzeigbar, legten jedoch die Befürchtung nahe, dass ich ihm eines Tages geistig überlegen sein würde.

Das Geistige. Mein Vater hat mir vieles genommen, und noch heute stehe ich manchmal der Macht gegenüber, mit der er meine Gefühle kontrolliert hat. Hilflos. Nur die Welt in meinem Kopf, die um so vieles schöner und wirklicher war als die mich umgebende Realität, die entzog sich seinem Zugriff. Das war meine Rettung. Dieses Kind, ich wüsste nur zu gerne, was es denkt. Dieses Kind, dem nichts anderes übrig blieb, als um sich eine Aura von geistiger Abwesenheit zu erschaffen. Please, don’t bother trying to find her, she’s not there. Mag sein, dass er mir ausgerechnet den Sinn für die Kunst mitgegeben hat. Schöne Dinge hat er geliebt und sie am Ende doch zerstört. Vor seinen unkontrollierten Wutausbrüchen war nichts und niemand sicher.

Irgendwann bekam ich nach langem Bitten und Betteln endlich ein eigenes Radio, ein lumpiges Transistorradio zwar, kaum größer als die ersten Mobiltelefone, aber egal, ich war überglücklich. Bis dahin hatte ich mir am Abend, wenn ich durfte, das Kofferradio aus der Küche mit in mein Zimmer genommen. (An ein Stück, das damals im Dunkel der Nacht durch den Äther waberte, erinnere ich mich ganz besonders: „Spain“ von Chick Corea.) Jetzt konnte ich überall Radio hören, das Ding wurde zu meinem ständigen Begleiter. Nur, so hatte sich mein Vater das nicht gedacht. Als ich eines Tages damit aus dem Bad kam, griff er nach der Antenne, hob in einer archaischen Geste seinen Arm und zertrümmerte den kleinen Weltempfänger mit einem Schlag auf dem Boden. Das war’s. Von da an traute ich mich nicht einmal mehr, nach dem Radio in der Küche zu fragen.

Die letzten Worte, die mein Vater zu mir sagte, ohne mich noch eines Blickes zu würdigen, waren: „Geh weg. Mach die Tür zu.“ Das tat ich dann auch. Erleichtert. Geblieben sind mir nur traurige Erinnerungen, die von Zeit zu Zeit am Horizont aufscheinen, und keine, die gut und stark genug wäre, sie zu ersetzen. Wenngleich ich sie immer wieder umarrangiere, ändere ich damit nur das Erscheinungsbild des Schmerzes. Nur der Schmerz verfügt über eine schier unendliche Zahl von Masken. Nicht dass ich ihn noch spüren würde, wenn ich an meinen Vater denke. Nein. Die Gestalt, die dort in weiter Ferne an einem anderen Ufer steht, ist viel zu weit weg. Nein. Der Schmerz hat sich selbständig gemacht. Die Gesichtsnervenneuralgie, die sich bei mir in chronischen Zahnschmerzen manifestiert hat, ist nur eine der vielen Masken, die er sich immer wieder aufsetzt. Keine besonders phantasievolle in meinem Fall, by the way. Lebe damit. Wie T. C. Boyle im Interview mit Günter Keil sagt:

Weil das die Realität ist, weil wir alle in einem ganz und gar willkürlichen Universum leben. Die Grausamkeit schlägt bei jedem von uns zu. Und wir sind dazu verurteilt, ein illusorisches und viel zu kurzes Leben zu leben.

Sich nicht aus der Hand geben

Beim Lesen des von Iris verlinkten Vorabdruckes eines Textes von Herta Müller in der Welt (aus dem Buch von Henriette Schroeder: Ein Hauch von Lippenstift für die Würde. Weiblichkeit in Zeiten großer Not.) fiel mir insbesondere eine Redewendung auf, die Herta Müller gleich zweimal gebraucht:

Als die Bedrohung ganz schlimm wurde, als es zu Verhören beim Geheimdienst kam und Freunde verhaftet wurden, habe ich besonderen Wert darauf gelegt, mich nicht aus der Hand zu geben. Schminken gehörte dazu. Ich wusste, wenn ich mich nicht mehr schminke, wenn mir das nicht mehr wichtig ist, dann habe ich mich aufgegeben. Ich habe mich auch geschminkt, wenn ich nicht zu einem Verhör ging. Aber wenn ich zu einem Verhör ging, vielleicht noch mehr…

Wenn man sich aus der Hand gibt, dann hat man natürlich keine Würde mehr. Eitelkeit ist vielleicht sogar übertriebene Würde. Oder Würde da, wo man sich etwas beweisen will, wo es nicht unbedingt sein müsste. Ich glaube, dass ich auch beweisen wollte, ich bin intakt. Dem Geheimdienstler, der mich verhörte, wollte ich damit sagen, du hast mich noch nicht fertiggemacht. Ich lass mich nicht unterkriegen. Mit Worten konnte man das ja nicht tun. Das tat dann die Kleidung…

Ein Foto von ihr, täte es an dieser Stelle auch. Um ihren Worten den gebührenden Ausdruck zu verleihen. Obwohl: Wenn etwas keiner Bilder bedarf, dann sind es Worte von Herta Müller. Sie erinnert mich an eine Englischlehrerin, die ich einst hatte. Meta Krupp. Immer, wenn sie vor uns stand, fiel sie den Spottdrosseln der Klasse zum Opfer. Ich mochte sie. Vermutlich weil ich hinter der harten, ja, stählernen Fassade eine beschädigte Frau sah. Und alles, was mit Verletzlichkeit zu tun hatte, zog und zieht mich unwiderstehlich an. Kein Bild von Herta Müller, also, sondern eines aus Cindy Shermans Fashion-Photo-Serie, das mir beim Lesen dieses Artikels in den Sinn kam: die Frau mit den zusammengeballten Fäusten. Dabei gibt es in Cindy Shermans Werk tausend und ein Bild, das an dieser Stelle stehen könnte. Ich habe noch vier ausgewählt aus verschiedenen aufeinander folgenden Schaffensperioden und in chronologischer Reihenfolge angeordnet:

Ich wollte mit diesen Bildern [Centerfolds] auf jeden Fall provozieren, aber es ging eher darum, Männer dazu zu bringen, ihre Annahmen zu überdenken, mit denen sie Bilder von Frauen betrachten. Ich dachte an eine Verletzlichkeit, bei der ein männlicher Betrachter sich unwohl fühlen würde, wie wenn man seine Tochter in einer verletzlichen Lage sieht. […] Mir ist erst später klar geworden, dass es eine Bandbreite von Interpretationen geben wird, die ich nicht kontrollieren kann, und auch nicht kontrollieren will, weil es das für mich interessant macht. Aber ich war verstört, dass man meine Absichten so missverstehen konnte, und deshalb versuchte ich sie in der nächsten Serie [Pink Robes and Fashion Photos] klarer darzulegen.

Cindy Sherman

In einem dieser Chick Flicks, den ich mir die Tage reinzog, steht Diane Lane an der Metzgertheke, und der Verkäufer will ihr statt der verlangten Hühnerbrust gleich ein ganzes Huhn andrehen, woraufhin die Gute ausflippt: „Hör’n Sie, ich bin geschieden, klar, ich esse für gewöhnlich allein, im Stehen, an der Spüle, ich brauche keinen Haufen Hühner!“ Ich weiß nicht genau, was die Szene mit diesem Beitrag zu tun hat, vielleicht, weil ich auch daran denken musste, als ich über Herta Müllers Formulierung „sich nicht aus der Hand geben“ stolperte. Und weil Cindy Shermans Frauenfiguren irgendwie so aussehen, als würden sie, aus welchen Gründen auch immer, für gewöhnlich allein essen, im Stehen, an der Spüle.

In a Wilderness of Mirrors II

Väter, die mit ihren Kindern spazieren gehen; in Anlehnung an einen Schlager aus jener Zeit, deren Tage des Herrn ich als dem Vater vorbehalten erinnere, könnte die Überschrift hier auch lauten: Immer wieder sonntags…

Ein Zitat des amerikanischen Fotografen Ralph Gibson trifft es vielleicht noch besser:

It felt as if one’s entire world was one, long Sunday afternoon. Nothing to do. Nowhere to go.

Ralph Gibson

Die Fünfte Jahreszeit

Um leblose Erlebnisse kam ich am besten herum, wenn ich still irgendwo saß, ein Haus oder eine Wand anschaute und dabei, zum Beispiel, dem kindischen Lärm eines fernen Rummelplatzes zuhörte.

Wilhelm Genazino, aus den Notizbüchern von Sätze&Schätze

Rummelplatz
Rummelplatz

Seit einer Woche tost in unserer Kleinen Stadt nun schon die Fünfte Jahreszeit. Irgendwie kann man sich ihr kaum entziehen. Die zum Festplatz pilgernden Heerscharen sind allgegenwärtig. Entweder du gesellst dich zu ihnen oder sitzt still irgendwo an der Peripherie und lauschst ihren Hymnen.

Der geneigte Leser imaginiere an dieser Stelle eine Kakophonie aus einschlägigen Tonspuren. Das Sausen und Brausen der Schleudersitze über dem Inferno, das Kreischen der darin baumelnden Armen Seelen und den Lobgesang Wolfgang Petrys auf den Wahnsinn und die Hölle Hölle Hölle.

Wie auch immer. Hörst du lange genug hin, tut sich irgendwann das Auge dieses Feuersturms auf. Und: Wenn du lange genug in seinen Abgrund blickst, blickt der Abgrund irgendwann auch in dich hinein.

Mit der Schwester also an der Peripherie dieses Abgrunds gesessen und – ein bisschen trunken vom mitgeführten Wein – den Blick vorsichtshalber nur ins heilignüchterne Wasser getunkt. Wohin die eine Hälfte unserer Leben entschwunden ist, erscheint in seinem Spiegel ebenso ungewiss wie das, was die andere noch zu bringen gedenkt. Beide wirken in unendliche Fernen gerückt. Nur unser Lachen schwingt sich auf, und weht wie ein Fähnlein im Wind über all das hinweg. Bis hierher und nicht weiter. Weiter wollen wir gar nicht wissen von uns und für den Moment.

Ach, ist doch alles eins, hätte unsere Großmutter jetzt gesagt und dabei mindestens so schallend gelacht wie wir.

Silence has no wings

Kazuo Kuroki, "Silence has no wings" (Film Still, 1966)
Kazuo Kuroki, „Silence has no wings“
(Film Still, 1966)

Erst ein Tag Urlaub und schon zur Nachteule mutiert. Das stört mich so am Arbeitsleben, permanent gegen die eigene innere Uhr ankämpfen zu müssen. Nun plötzlich Zeit. Auch Kafka ist aus dem Häuschen, weil er nicht mit den Hühnern ins Körbchen muss. Weil auch ihm das Fell gezaust wird, wenn ich mir das Haar kämme.

Gestern gegen Mitternacht den Fernseher eingeschaltet und in einem japanischen Film gelandet. Obwohl ich die Geschichte nicht kannte, im Abspann meine Vermutung bestätigt gefunden, dass es sich nur um eine Haruki-Murakami-Verfilmung handeln konnte. Naokos Lächeln. Im Original Norwegian Wood, vom vietnamesischen Regisseur Anh Hung Tran. Gegen Ende, und der Film hatte Überlänge, wurde es ein wenig qualvoll, aber da konnte ich mich schon nicht mehr trennen von den intimen, gemäldegleichen Bildern.

Vordergründig handelt Naokos Lächeln von Liebe, in leisen Zwischentönen erzählt der Film aber von der Unbestimmtheit all dessen, was wir die großen Gefühle nennen. Der Tod ist gewiss, alles andere Utopie. Keine Alternative. Zwischen Nichts und Schmerz wähle ich Schmerz, sagte William Faulkner. Vor dieser Wahl stehen auch Trans Figuren. Er selber sagt: Im Leid kann sich Schönheit verbergen. Und hat eine Sprache gefunden, diese Schönheit zu zeigen.

And when I awoke I was alone
This bird had flown
So I lit a fire
Isn’t it good Norwegian Wood?

Neben diesem Stück der Beatles spielt der Tod natürlich eine Hauptrolle. Eine um die andere Jahreszeit vergeht, wir werden älter, nur die Toten nicht, heißt es am Ende.

In Filmen regnet es immer so schön. Auch in diesem. Heute kaufte ich mir einen türkisfarbenen Regenschirm und machte einen Spaziergang zum Friedhof. Es ist August. Ein Todestag jährt sich. Ich denke an die Durchsage des Bahnhofssprechers: „Ein Zug fährt durch.“ Tatsächlich liegt der Friedhof hier an der Bahnlinie. Das Geräusch des vorbeifahrenden Zuges ging mir damals durch Mark und Bein. Heute dachte ich, Reisende kann man nicht aufhalten. Vögel, Schmetterlinge, Engel muss man irgendwann loslassen…

…in meinen heimlichsten Träumen behalten
werde ich immer das Flügelfalten
das wie eine weiße Zypresse
hinter ihm stand …

Dieser Murakami wird wohl meine Urlaubslektüre werden.

Homo bulla, homo flos, homo fumus

Jean Siméon Chardin, "Seifenbläser" (18. Jahrhundert)
Jean Siméon Chardin, „Seifenbläser“ (18. Jahrhundert)

Die frische Blume, leuchtend im Frühling und duftend, verwelkt plötzlich, und ihre Schönheit vergeht schnell. So vergeht auch das Leben der eben Geborenen und entflieht gleich einer Seifenblase aus leerem Dunst…

F. Estius (zitiert nach einem Emblemstich von Hendrick Goltzius)