Alles zählt

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Fan Ho, „Journey to Uncertainty“

Weil sie schon früh wusste, vor allem anderen würde sie ihr Augenlicht verlieren, begann diese Patentante, Gedichte auswendig zu lernen. Celan und Rilke vor allem, sie kaute wochenlang auf einzelnen Wörtern und Versen herum, bis sie deren Bedeutung ganz erfasst hatte. Oder so weit, wie der Dichter das zuließ. Sie verlor ihren Verstand nie. Und mit dem letzten Gedicht, das sie lernte, es war eine der Elegien, spürte sie, wie sich noch einmal ein Raum voller unbekannter Empfindungen und Gedanken öffnete. „Nirgends, Geliebte, wird Welt sein als innen. [Unser Leben geht hin mit Verwandlung.] Und immer geringer schwindet das Außen.“ Es war ein Raum, zu dem sie erst Zutritt erlangte, als der Tod schon in der Zimmerecke stand und immer öfter zu ihr herüberschaute. Sie hatte ihr das erzählt, um ihr zu sagen, es gibt trotz allem etwas, das nur das Alter zu geben vermag.

Verena Lueken, „Alles zählt“

Abwege

AbwegeWieder so ein nächtlicher Trip, diesmal mit dem Bus durch die Wohngebiete einer kleinen Stadt, ohne zu wissen, wohin die Fahrt  eigentlich gehen soll.

Ich bin in einem Arbeitslager interniert. Women only. Die einzige Waschgelegenheit ist permanent okkupiert von einer langbeinigen Südamerikanerin in Strapsen. Für eine Latina erscheint sie mir viel zu groß und überheblich. Sie mustert mich mit abschätzigen Blicken, während ich ungeduldig in den Katakomben unserer Unterbringung auf und ab tigere. Ein Wettlauf gegen die Zeit. An der Schleuse zu unserem Sammelplatz tickt die Stempeluhr. Wer nicht sticht, fliegt raus. Alle anderen sitzen schon im Bus. Wenn ich mich jetzt noch der Zutrittskontrolle unterziehe,  stehe ich allein im Flutlicht des Kolosseums und fliege auf. In der wahnwitzigen Hoffnung, unentdeckt zu bleiben, besteige ich den Bus. Aber als die Tür sich hinter mir schließt, weiß ich, dass ich einen schweren Fehler begangen habe. In rasender Geschwindigkeit jagt der Fahrer plötzlich durch die Wohngebiete einer kleinen Stadt, wo die Gerechten noch in tiefem Schlummer liegen.

Das Bild zum Traum liefert heute L., das ist kein Zufall, und der Drehbuchautor erweist sich wieder einmal als gnadenloser Plagiator.

Meine Versagensängste beginnen lange vor dem Weckerläuten, lange bevor in den müden Stunden des Tages seit Wochen immer wieder dasselbe Bild vor meinem inneren Auge auftaucht: ein Schiff, das sich unmerklich von einem Ende des Horizonts zum anderen bewegt. Nicht neu, nur in ungewohnter Intensität. Nur das Gefühl der Heimatlosigkeit im eigenen Leben, das sich die Gunst der Stunde zunutze macht, um sich wieder heranschleichen zu können. Dazu das Wissen, dass eine Auszeit unerschwinglich ist.

Immerhin: Bei Brainin eine Stelle gelesen, die schöne Erinnerungen weckt:

Die Analogien, die sich von seinem professionellen Leben ausgehend auf sein übriges ziehen ließen, blieben Alfred nicht völlig verborgen. Die Passivität war in seinem scheinbar einfachen Beziehungsgeflecht zu anderen Menschen unübersehbar. Selten, dass er den ersten Schritt tat, praktisch nie war er es, der bereit war, an Mängeln einer Beziehung zu arbeiten, bevor sie in die Brüche ging. Es war immer erst die unplanbare, unentrinnbare Situation, die Veränderungen bewirkte, nie die Beziehung selbst.

Umso aufregender fand Alfred Isabella. Isabella spielte keine Spiele. Sie übernahm keine der vorgefertigten Rollen, die Frauen vom Haken nehmen, wenn sie mit Männern spielen. Es schien für sie bedeutungslos, ob der narzisstische Widerpart ausreichend zum Zug kam. Die Mann-Frau-Beziehung wurde hier pur genommen, unverdünnt.

Alfred war in seiner Passivität ganz anders gefordert als bisher. Isabella unternahm keine Anstrengungen ihn anders, besser und funktionierender zu machen. Sie akzeptierte ihn, wie er war, weil sie sich selbst genügte. Das war für ihn allerdings ein Ansporn eigener Art. Alfred war erstmals in einer Beziehung mehr mit sich selbst beschäftigt als mit der Frau, die in sein Leben getreten war. Die absehbare Bruchstelle, so wie sie Alfred aus seinen bisherigen Beziehungen kannte, schien in weite Ferne gerückt.

Einen kurzen Augenblick lang glaubte er nicht mehr länger bloß Lagerhalter seiner Gegenstände zu sein. Er sah sich vielmehr als Besitzer einer erlesenen Sammlung von Objekten, einem Fürsten, Adeligen oder Patrizier nicht unähnlich. Er war am Ziel seiner Wünsche angekommen, die ihn begleitet hatten, seit er als Lehrling Staub gewischt und glatte Oberflächen noch glatter gemacht hatte.

Bis jetzt. Bis heute.

Und zufällig noch zwei Gedichte über die Staubschichten in länger leer gestandenen Wohnungen entdeckt, hier und hier. Diese Staubschichten sind für den Empfänglichen genauso zu lesen wie Gesteinsformationen für einen Geologen.

In diesem Zusammenhang: Wörtlich schrieb Rilke an Franz Xaver Kappus:

Denn wie wir dieses Dasein des einzelnen als einen größeren oder kleineren Raum denken, so zeigt sich, daß die meisten nur eine Ecke ihres Raumes kennen lernen, einen Fensterplatz, einen Streifen, auf dem sie auf und nieder gehen. So haben sie eine gewisse Sicherheit. Und doch ist jene gefahrvolle Unsicherheit so viel menschlicher, welche die Gefangenen in den Geschichten Poes drängt, die Formen ihrer fürchterlichen Kerker abzutasten und den unsäglichen Schrecken ihres Aufenthaltes nicht fremd zu sein.