Famous last words

Die Logik der Zusammenhänge bot sich so sonnenklar an, dass es für Alfred unglaubwürdig schien, es sollte in den vielen bürgerlichen Wiener Wohnungen, wo heute Bilder über Klavieren hingen und wo mit altem Silberbesteck gegessen wurde, nicht tagtäglich zumindest eine kleine Provenienzdiskussion geben. Sein eigener Beruf konfrontierte ihn jeden Tag mit derselben Frage: Wem hat das früher gehört? Wo hatten es die Großeltern oder Eltern her? War nicht er selbst einer der konzessionierten Weißwäscher der Vergangenheit? Er kaufte und verkaufte Gegenstände, deren Herkunft er nie wirklich feststellen konnte. Die ganze Welt war übersät mit Objekten, die irgendwelchen Menschen irgendwann einmal etwas bedeutet hatten. Dann hatten sie sich davon getrennt. Niemand trennte sich leichten Herzens von etwas. Heranwachsende Kinder wollen Spielzeug viel länger behalten, als sie es verwenden. Erwachsene hängen an Dingen. Entweder verbindet sie mit dem Objekt eine gemeinsame Geschichte oder das Ding (an sich) bereitet ihnen Freude beim Betrachten. Wenn es zum Bruch kommt zwischen den beiden, sei es durch einen tatsächlichen irreparablen Schaden oder durch Trennung, dann entsteht Schmerz. Alfred war davon überzeugt, dass der immaterielle Wert eines Gegenstands, der immer wieder von Experten anhand allerhand kunsthistorischer Messlatten erhoben und auf Auktionen neu bestätigt oder widerrufen wurde, eben im Versuch der Bemessung dieses akkumulierten Trennungsschmerzes lag. War das der Grund, weshalb sehr alte Dinge besonders wertvoll waren?

Josef Brainin, „Der Staubleser“

Alfred ist wirklich ein feiner Mensch, so fein, dass meine Sympathie für diese Hauptfigur mich auch gegen Ende das Buch nicht aus der Hand legen ließ, als dem Autor, das muss ich mir leider widerwillig eingestehen, die letzte Prise Luft ausgeht. An Alfred liegt es nicht, dagegen verwehre ich mich. Auch gibt es viele schöne Gedanken in diesem Roman, wohlformuliert und anregend. Brainin kommt aus der IT-Branche und so „setzt er das präzise Beschreiben von Zuständen und Prozessen mit einer anderen Sprache und anderen Inhalten fort.“ Das stimmt. Nur der Plot hinkt am Ende halt ein wenig. Ein schöner Schlusssatz wäre gewesen: „Ach, Alfred, zu Hause ist dort, wo dir deine Mutter gezeigt hat, wie man einen Apfelstrudel macht.“ Aber ich ertappe mich immer wieder dabei, meinen persönlichen Schlussstrich unter einen Roman zu ziehen und das nicht selten Seiten vor Anbruch des letzten Kapitels. Martin Walser sagte in einer Lesung, er wähle seine Bücher immer nach dem letzten Wort. In seinem „Dreizehnten Kapitel“ war es das nach seinem augenzwinkernden Dafürhalten wundervolle Wort „Knie“. Nun: Walsers Anspruch dürfte einer sein, der nur sehr schwer zu erfüllen ist.

Postcard from SR

Vielleicht liegt es auch bloß daran, dass mir selbst der Wind in den Lesesegeln dieser Tage manchmal ausbleibt. Zum ersten Mal seit Jahren ließ ich mein allabendliches Leseritual gestern fahren und löschte einfach nur das Licht. Sättigungsgrad 200%. Ich verweigere mich: der Postkartenidylle im Städtchen, die wirkt wie die perfekt inszenierte Illusion eines Gauklers, während nur ein paar Meter weiter das aufgedunsene Corpus des Flusses seines Inhalts nicht mehr Herr wird und die Kakophonie aus dröhnenden Rotoren und heulenden Sirenen sich nicht weghören lässt. Um den Wasserstand leibhaftig in Augenschein zu nehmen, müsste ich bloß ein Stück die Gasse runter. Dann könnte ich wenigstens meinen Beitrag leisten zum Katastrophen-Small-Talk. Aber gegen den Widerwillen ist kein Kraut gewachsen. Man könnte meinen, ich hätte ein kaltes Herz.

„Zone de Silence“ nennt sich die kleine Fotostrecke der französischen Fotografin Karin Crona, die schreibt:

Everybody knows it, but it is almost impossible to define. Pain does not exist as such, but only to the extent that our brains makes us aware of it. The experience is subjective and complex; no one else is able to share in what we feel. Pain is also how we survive, a signal that something is wrong, a warning that drives us to seek relief. Pain interests me because it can both define and destroy us. We can inflict pain on others to demonstrate our power over them, or inflict pain on ourselves in an attempt to give meaning to what we feel and suffer.

Gefällt mir. Immerhin bin ich über diesen Umweg auf den Chilenen Sergio Larrain gestoßen. Und wieder schließt sich ein Kreis.