Alles nur geliehen

Zwar ist längst nicht mehr April, das Wetter macht aber dennoch, was es will. Irgendwie ist das Gebaren dieses Sommers auch eine sinnfällige Metapher für den Lauf des Jahres so far.

Am 30. Juni ist Geoffrey Hill gestorben. Ich liebe seinen September Song.

In einem Interview in der Paris Review sagte er einmal, „schwierig“ zu sein bedeute demokratisch zu sein, denn das Verlangen nach dem Einfachen gleiche dem Verlangen eines Tyrannen.

Gestern ist auch Elie Wiesel gestorben:

Is there a prayer for prayers? If not, it should be invented. Leah told him one day: „I am grateful to you not only for what you do and what you are, but also for what I am. I am grateful to you for that very gratitude.“ And Moshe answered her: „I like what you just said but you must never say it again.“ And Leah understood. At the end of the world there is silence, at the end of silence there is the gaze.

Elie Wiesel, „The Oath“

Wer könnte den Bogen besser spannen zwischen the cruellest month und dieser Stille – als Tomas Tranströmer:

April und Schweigen

Öde liegt der Frühling
Der samtdunkle Wassergraben
kriecht neben mir
ohne Spiegelbilder.

Das einzige, was leuchtet,
sind gelbe Blumen.

In meinem Schatten werde ich getragen
wie eine Geige
in ihrem schwarzen Kasten.

Das einzige, was ich sagen will,
glänzt außer Reichweite
wie das Silber
beim Pfandleiher.

Dazu gibt es am Ende auch ein sprechendes Bild von Teju Cole – siehe hier.

Meanwhile in France wird Fußball gespielt und ein paar Zwerge proben unbeirrt den Aufstand. Ich liebe es. Auch das.

Alles nur geliehen.

Alles zählt

fan_ho_journey_to_uncertainty
Fan Ho, „Journey to Uncertainty“

Weil sie schon früh wusste, vor allem anderen würde sie ihr Augenlicht verlieren, begann diese Patentante, Gedichte auswendig zu lernen. Celan und Rilke vor allem, sie kaute wochenlang auf einzelnen Wörtern und Versen herum, bis sie deren Bedeutung ganz erfasst hatte. Oder so weit, wie der Dichter das zuließ. Sie verlor ihren Verstand nie. Und mit dem letzten Gedicht, das sie lernte, es war eine der Elegien, spürte sie, wie sich noch einmal ein Raum voller unbekannter Empfindungen und Gedanken öffnete. „Nirgends, Geliebte, wird Welt sein als innen. [Unser Leben geht hin mit Verwandlung.] Und immer geringer schwindet das Außen.“ Es war ein Raum, zu dem sie erst Zutritt erlangte, als der Tod schon in der Zimmerecke stand und immer öfter zu ihr herüberschaute. Sie hatte ihr das erzählt, um ihr zu sagen, es gibt trotz allem etwas, das nur das Alter zu geben vermag.

Verena Lueken, „Alles zählt“

We dance round in a ring and suppose, / But the Secret sits in the middle and knows.

„Man sollte wirklich alles, was sich über das Gemeine erheben muss, in Versen wenigstens anfänglich konzipieren, denn das Platte kommt nirgends so ins Licht, als wenn es in gebundener Schreibart ausgesprochen wird.“

Friedrich Schiller

Wohlan denn:

Feiertag.
Suhlen im
Wasser und Tauchen
im Finsteren Tal. Feuchte
und Stille, nur die Spannung
schwebt wie ein Bogen im Raum.
Noch 84 Seiten bis zum gnadenlosen Showdown.

Inzwischen:

Latte Macchiato schmeichelt den Schleimhäuten, macht die
Mundhöhle geschmeidig für Smalltalk und Subtext,
ölig an der Oberfläche, aber
zwischen den Zeilen, da
zerfallen die Sprechblasen,
porös wie
Milchschaum.

Mimesis

Letter II
From Aline to Valcour
6 June [1778]

How can I say it? How soften the blow I must inflict? My senses are confused, reason leaves me, I exist here and now only through pain and sorrow…

Marquis de Sade, „Aline and Valcour“

(übersetzt aus dem Französischen von Jocelyne Geneviève Barque and John Galbraith Simmons)

„I don’t feel good.“

Frida Kahlo, "Portrait of (1931)
Frida Kahlo, „Bildnis Luther Burbank“ (1931)

I don’t feel good, waren die letzten Worte von Luther Burbank am 11. April 1926. Unschwer nachvollziehbar. Wer aber war dieser Luther Burbank. Das fragte ich mich natürlich auch, als ich das erste Blatt meines diesjährigen Kalenders aufschlug. Ich war übrigens so frei, mich beim Verkäufer wegen eines Preisnachlasses aufgrund des bereits angebrochenen Neuen Jahres zu erkundigen. Der winkte ab. Wenn überhaupt, werden Kalender erst ab 15. Januar reduziert, die meisten Verlage rufen ihre bis dahin nicht an den Mann oder die Frau gebrachten Exemplare neuerdings jedoch zurück und stampfen sie ein. Same procedure as everywhere. Erwarb ich ihn also zum vollen Preis inklusive Obolus für die Entsorgung des anstehenden Altpapiers. Es ist zum Auswachsen.

Apropos Auswachsen. Abgesehen davon, dass ich ab und an ein scharfes Chili zubereite, werden in meiner Küche derzeit keine Fiestas à la Frida Kahlo gefeiert. Ihr Bildnis Luther Burbank, seines Zeichens US-amerikanischer Pflanzenforscher bzw. -züchter, geboren 1849 und gestorben, wie bereits erwähnt, 1926, ziert die weiße Wand dafür um so mehr. Inspiriert  von Charles Darwin hatte er sich die Pflanzenauslese durch Selektion und das Kreuzen neuer Sorten zur Lebensaufgabe gemacht. Burbanks Arbeit führte 1930 schließlich zur Einführung eines Gesetzes über die Patentierbarkeit von Pflanzensorten.

Wikipedia schreibt:

Luther Burbank war zu seiner Zeit unglaublich populär, ein Star im Bereich der Botanik und Pflanzenzüchtung. Er galt als „Pflanzenzauberer“. Noch heute bedeutet das Verb „to burbank“ so viel wie Verändern und Verbessern von Pflanzen, und die Kartoffelsorte „Burbank“ zählt zu den wichtigsten auf dem US-Markt.

In einem Zeitungsinterview kurz vor seinem Tod ließ Burbank verlauten, er glaube nicht an die Unsterblichkeit der Seele.

Auf ihrem Portrait von 1931 zeigt ihn Frida Kahlo als Hybriden, halb Mensch halb Baum, der in seinem toten Körper wurzelt. The fertilization of life by death… ein Thema, das auch in ihren späteren Bildern immer wieder auftauchen sollte.

Ich schätze mal, Luther Burbank hätte es gefallen.

Famous last words

Die Logik der Zusammenhänge bot sich so sonnenklar an, dass es für Alfred unglaubwürdig schien, es sollte in den vielen bürgerlichen Wiener Wohnungen, wo heute Bilder über Klavieren hingen und wo mit altem Silberbesteck gegessen wurde, nicht tagtäglich zumindest eine kleine Provenienzdiskussion geben. Sein eigener Beruf konfrontierte ihn jeden Tag mit derselben Frage: Wem hat das früher gehört? Wo hatten es die Großeltern oder Eltern her? War nicht er selbst einer der konzessionierten Weißwäscher der Vergangenheit? Er kaufte und verkaufte Gegenstände, deren Herkunft er nie wirklich feststellen konnte. Die ganze Welt war übersät mit Objekten, die irgendwelchen Menschen irgendwann einmal etwas bedeutet hatten. Dann hatten sie sich davon getrennt. Niemand trennte sich leichten Herzens von etwas. Heranwachsende Kinder wollen Spielzeug viel länger behalten, als sie es verwenden. Erwachsene hängen an Dingen. Entweder verbindet sie mit dem Objekt eine gemeinsame Geschichte oder das Ding (an sich) bereitet ihnen Freude beim Betrachten. Wenn es zum Bruch kommt zwischen den beiden, sei es durch einen tatsächlichen irreparablen Schaden oder durch Trennung, dann entsteht Schmerz. Alfred war davon überzeugt, dass der immaterielle Wert eines Gegenstands, der immer wieder von Experten anhand allerhand kunsthistorischer Messlatten erhoben und auf Auktionen neu bestätigt oder widerrufen wurde, eben im Versuch der Bemessung dieses akkumulierten Trennungsschmerzes lag. War das der Grund, weshalb sehr alte Dinge besonders wertvoll waren?

Josef Brainin, „Der Staubleser“

Alfred ist wirklich ein feiner Mensch, so fein, dass meine Sympathie für diese Hauptfigur mich auch gegen Ende das Buch nicht aus der Hand legen ließ, als dem Autor, das muss ich mir leider widerwillig eingestehen, die letzte Prise Luft ausgeht. An Alfred liegt es nicht, dagegen verwehre ich mich. Auch gibt es viele schöne Gedanken in diesem Roman, wohlformuliert und anregend. Brainin kommt aus der IT-Branche und so „setzt er das präzise Beschreiben von Zuständen und Prozessen mit einer anderen Sprache und anderen Inhalten fort.“ Das stimmt. Nur der Plot hinkt am Ende halt ein wenig. Ein schöner Schlusssatz wäre gewesen: „Ach, Alfred, zu Hause ist dort, wo dir deine Mutter gezeigt hat, wie man einen Apfelstrudel macht.“ Aber ich ertappe mich immer wieder dabei, meinen persönlichen Schlussstrich unter einen Roman zu ziehen und das nicht selten Seiten vor Anbruch des letzten Kapitels. Martin Walser sagte in einer Lesung, er wähle seine Bücher immer nach dem letzten Wort. In seinem „Dreizehnten Kapitel“ war es das nach seinem augenzwinkernden Dafürhalten wundervolle Wort „Knie“. Nun: Walsers Anspruch dürfte einer sein, der nur sehr schwer zu erfüllen ist.

Postcard from SR

Vielleicht liegt es auch bloß daran, dass mir selbst der Wind in den Lesesegeln dieser Tage manchmal ausbleibt. Zum ersten Mal seit Jahren ließ ich mein allabendliches Leseritual gestern fahren und löschte einfach nur das Licht. Sättigungsgrad 200%. Ich verweigere mich: der Postkartenidylle im Städtchen, die wirkt wie die perfekt inszenierte Illusion eines Gauklers, während nur ein paar Meter weiter das aufgedunsene Corpus des Flusses seines Inhalts nicht mehr Herr wird und die Kakophonie aus dröhnenden Rotoren und heulenden Sirenen sich nicht weghören lässt. Um den Wasserstand leibhaftig in Augenschein zu nehmen, müsste ich bloß ein Stück die Gasse runter. Dann könnte ich wenigstens meinen Beitrag leisten zum Katastrophen-Small-Talk. Aber gegen den Widerwillen ist kein Kraut gewachsen. Man könnte meinen, ich hätte ein kaltes Herz.

„Zone de Silence“ nennt sich die kleine Fotostrecke der französischen Fotografin Karin Crona, die schreibt:

Everybody knows it, but it is almost impossible to define. Pain does not exist as such, but only to the extent that our brains makes us aware of it. The experience is subjective and complex; no one else is able to share in what we feel. Pain is also how we survive, a signal that something is wrong, a warning that drives us to seek relief. Pain interests me because it can both define and destroy us. We can inflict pain on others to demonstrate our power over them, or inflict pain on ourselves in an attempt to give meaning to what we feel and suffer.

Gefällt mir. Immerhin bin ich über diesen Umweg auf den Chilenen Sergio Larrain gestoßen. Und wieder schließt sich ein Kreis.

Abwege

AbwegeWieder so ein nächtlicher Trip, diesmal mit dem Bus durch die Wohngebiete einer kleinen Stadt, ohne zu wissen, wohin die Fahrt  eigentlich gehen soll.

Ich bin in einem Arbeitslager interniert. Women only. Die einzige Waschgelegenheit ist permanent okkupiert von einer langbeinigen Südamerikanerin in Strapsen. Für eine Latina erscheint sie mir viel zu groß und überheblich. Sie mustert mich mit abschätzigen Blicken, während ich ungeduldig in den Katakomben unserer Unterbringung auf und ab tigere. Ein Wettlauf gegen die Zeit. An der Schleuse zu unserem Sammelplatz tickt die Stempeluhr. Wer nicht sticht, fliegt raus. Alle anderen sitzen schon im Bus. Wenn ich mich jetzt noch der Zutrittskontrolle unterziehe,  stehe ich allein im Flutlicht des Kolosseums und fliege auf. In der wahnwitzigen Hoffnung, unentdeckt zu bleiben, besteige ich den Bus. Aber als die Tür sich hinter mir schließt, weiß ich, dass ich einen schweren Fehler begangen habe. In rasender Geschwindigkeit jagt der Fahrer plötzlich durch die Wohngebiete einer kleinen Stadt, wo die Gerechten noch in tiefem Schlummer liegen.

Das Bild zum Traum liefert heute L., das ist kein Zufall, und der Drehbuchautor erweist sich wieder einmal als gnadenloser Plagiator.

Meine Versagensängste beginnen lange vor dem Weckerläuten, lange bevor in den müden Stunden des Tages seit Wochen immer wieder dasselbe Bild vor meinem inneren Auge auftaucht: ein Schiff, das sich unmerklich von einem Ende des Horizonts zum anderen bewegt. Nicht neu, nur in ungewohnter Intensität. Nur das Gefühl der Heimatlosigkeit im eigenen Leben, das sich die Gunst der Stunde zunutze macht, um sich wieder heranschleichen zu können. Dazu das Wissen, dass eine Auszeit unerschwinglich ist.

Immerhin: Bei Brainin eine Stelle gelesen, die schöne Erinnerungen weckt:

Die Analogien, die sich von seinem professionellen Leben ausgehend auf sein übriges ziehen ließen, blieben Alfred nicht völlig verborgen. Die Passivität war in seinem scheinbar einfachen Beziehungsgeflecht zu anderen Menschen unübersehbar. Selten, dass er den ersten Schritt tat, praktisch nie war er es, der bereit war, an Mängeln einer Beziehung zu arbeiten, bevor sie in die Brüche ging. Es war immer erst die unplanbare, unentrinnbare Situation, die Veränderungen bewirkte, nie die Beziehung selbst.

Umso aufregender fand Alfred Isabella. Isabella spielte keine Spiele. Sie übernahm keine der vorgefertigten Rollen, die Frauen vom Haken nehmen, wenn sie mit Männern spielen. Es schien für sie bedeutungslos, ob der narzisstische Widerpart ausreichend zum Zug kam. Die Mann-Frau-Beziehung wurde hier pur genommen, unverdünnt.

Alfred war in seiner Passivität ganz anders gefordert als bisher. Isabella unternahm keine Anstrengungen ihn anders, besser und funktionierender zu machen. Sie akzeptierte ihn, wie er war, weil sie sich selbst genügte. Das war für ihn allerdings ein Ansporn eigener Art. Alfred war erstmals in einer Beziehung mehr mit sich selbst beschäftigt als mit der Frau, die in sein Leben getreten war. Die absehbare Bruchstelle, so wie sie Alfred aus seinen bisherigen Beziehungen kannte, schien in weite Ferne gerückt.

Einen kurzen Augenblick lang glaubte er nicht mehr länger bloß Lagerhalter seiner Gegenstände zu sein. Er sah sich vielmehr als Besitzer einer erlesenen Sammlung von Objekten, einem Fürsten, Adeligen oder Patrizier nicht unähnlich. Er war am Ziel seiner Wünsche angekommen, die ihn begleitet hatten, seit er als Lehrling Staub gewischt und glatte Oberflächen noch glatter gemacht hatte.

Bis jetzt. Bis heute.

Und zufällig noch zwei Gedichte über die Staubschichten in länger leer gestandenen Wohnungen entdeckt, hier und hier. Diese Staubschichten sind für den Empfänglichen genauso zu lesen wie Gesteinsformationen für einen Geologen.

In diesem Zusammenhang: Wörtlich schrieb Rilke an Franz Xaver Kappus:

Denn wie wir dieses Dasein des einzelnen als einen größeren oder kleineren Raum denken, so zeigt sich, daß die meisten nur eine Ecke ihres Raumes kennen lernen, einen Fensterplatz, einen Streifen, auf dem sie auf und nieder gehen. So haben sie eine gewisse Sicherheit. Und doch ist jene gefahrvolle Unsicherheit so viel menschlicher, welche die Gefangenen in den Geschichten Poes drängt, die Formen ihrer fürchterlichen Kerker abzutasten und den unsäglichen Schrecken ihres Aufenthaltes nicht fremd zu sein.

Beneath me lay my corpse with the arrow in my temple

Mir träumte, ich hätte die erste Schulstunde frei. Aber als ich erwache und einen Blick auf die Uhr werfe, ist es bereits zu spät, um noch pünktlich zur zweiten zu erscheinen. Ich ärgere mich über meine Mutter, weil sie mich nicht geweckt hat und beschließe, den Tag blau zu machen. Schließlich bin ich volljährig und kann mir selber eine Entschuldigung schreiben. Für einen Mann, der mir nicht ganz koscher ist, soll ich Leergut abgeben und volle Flaschen besorgen. Als ich mich auf den Weg mache, habe ich das Gefühl, von ihm verfolgt zu werden. Ich flüchte mich in eine Parkanlage mit uraltem Baumbestand, die zu einem großen Haus gehört, wo sich Juden versteckt halten. Im Park können sie sich jedoch frei bewegen. Das Areal ist für Nicht-Juden eigentlich tabu. Plötzlich ertönen Sirenen. Ich höre sofort, dass es sich nicht um unsere Martinshörner handelt sondern um die irgendwie sonorer klingenden Sirenen der Amerikaner. Im Park dürfen sie mich natürlich nicht entdecken, aber im Moment, da ich auf die Straße trete, fahren bereits die schweren Batmobile der Besatzer vor, denen jeweils zwei große schwarze Männer entsteigen. Zu allem Unglück habe ich die Tasche mit meiner Geldbörse im Park verloren, und in der Geldbörse befindet sich mein Ausweis, den die beiden bestimmt gleich kontrollieren werden. Es bleibt mir also nichts anderes übrig, als mich wieder in das schützende Dunkel des Parks zurückzuziehen in der Hoffnung, dort meine Tasche wieder zu finden. Da kommt mir auch schon einer der Bewohner entgegen und reicht sie mir…

Der Traum ereignete sich in den frühen Stunden des heutigen Sonntagmorgens. Auf den Schwingen eines angenehmen Halbschlafs ließ ich mich noch einmal durch das Stimmungsaggregat der vergangenen Woche tragen, das sich aus den magischen Wirkungen eines meiner absoluten Lieblingsfilme, der Lektüre eines neuen Buches sowie eines Gesprächs nach langer Zeit mit meinem Lieblingsonkel zusammensetzt.

Falling_in_Love_35465_MediumRobert De Niro, der Hexenmeister der abgründigen Charaktere als Frank, und Meryl Streep, eine die mit kleinen Gesten eine Rolle auf die Leinwand zu malen vermag wie keine, als Molly in dem Film „Falling in Love“. Wie durch Zauberhand gerät das Blättern in einem Boulevardblatt bei ihr zum Sinnbild all dessen, was sich plötzlich falsch anfühlt in Mollys Leben. De Niro dagegen spielt Frank gläsern wie einen, in dem der Zuschauer einen Sturm tosen sieht, ohne dass sich auf der Leinwand augenscheinlich Sensationelles ereignen würde. Bis zum Schluss bleibt die Beziehung zwischen den beiden platonisch, die gegenseitige Anziehung aber erzeugt eine Spannung, die mindestens genau so unerträglich ist wie in einem jener Thriller, in denen De Niro den Bösewicht gibt.

Die Kritik im Filmlexikon ist vernichtend:

Ein Mann und eine Frau, beide verheiratet, geraten in eine letztlich platonisch verlaufende Liebesbeziehung. Die Geschichte einer unmöglichen Liebe, die, statt große Gefühle und Gewissenskonflikte zu vermitteln, banal und oberflächlich bleibt; trotz prominenter Besetzung weitgehend langweilig, erzählt im Stil eines einfach konstruierten Boulevardstückes.

Die ließ mich bereits befürchten, der Verblendung durch meinen hoffnungslosen Romantizismus erlegen zu sein. Die Deutsche Film- und Medienbewertung fällt dagegen folgendes Urteil, das ich in meiner Begeisterung, die auch, nachdem ich den Film mindestens schon zum dritten Mal gesehen habe, nach wie vor ungebrochen ist, demzufolge bedingungslos unterschreibe:

Zwei Menschen lernen sich kennen, begegnen sich zufällig öfter und entdecken plötzlich, das sie füreinander bestimmt sind. Beide sind verheiratet, beide aber empfinden die Schicksalhaftigkeit ihres Zusammentreffens, dem sie sich fast willenlos überlassen, bis sie – vom gleichen Zufall, vom gleichen Schicksal? – wieder getrennt werden, obgleich ihre jeweiligen Bindungen inzwischen zerbrochen sind.

Buch und Regie dieses Films, der eigentlich nur ein Zwei-Personen Stück ist, bringen es fertig, diesen Sturm der Gefühle ausschließlich im Spiel, in der Musik und im knappen Dialog der Darsteller stattfinden zu lassen, ohne spekulative Bett- und Entkleidungs-Szenen und ohne dass auch nur der geringste Eindruck von Peinlichkeit entsteht. Die Keuschheit dieser Beziehung wird so konsequent durchgeführt, das die Zerstörung beider Ehen durch die jeweiligen Partner erfolgt; das Liebespaar selbst schreitet gleichsam unbefleckt durch die Handlung, die dramaturgisch sehr behutsam entwickelt wird, ohne Pathos, ja ohne Leidenschaft, getragen lediglich von der Kraft der Persönlichkeit der beiden Hauptdarsteller.

Die Frage, ob das Happy-End nach der bereits erfolgten scheinbar endgültigen Trennung künstlerisch entbehrlich oder nur ein Zugeständniss an den Publikumsgeschmack sei, wurde vom Bewertungsausschuss ausführlich diskutiert, ohne dass sich daraus eine Beeinträchtigung des einmütig positiven Urteils ergeben hätte.

Mit dem höchsten Prädikat gewürdigt wird hier eine große Kameraerzählung, eine echte Kinogeschichte, der dennoch genügend Realität anhaftet – siehe die glaubwürdige Darstellung der Umwelt des Liebespaares, des Arbeitsmilieus, vor allem der Eisenbahn, in der die wichtigsten Begegnungen stattfinden -, als dass sie in den unverbindlichen Bereich der Traumfabrik verwiesen werden müsste.

Gasdanow_23853_MR.inddDer Film lief letzten Samstag im Spätprogramm, die Verzauberung hielt mindestens bis Dienstag. Da hatte ich frei und las zufällig die ersten Worte der Kritik zu einem Buch, das bereits in der Kulturzeit vorgestellt worden war, „Das Phantom des Alexander Wolf“ von Gaito Gasdanow (1903 in St. Petersburg geboren und 1971 in München gestorben), ein wieder entdeckter russischer Exilautor:

Von allen meinen Erinnerungen, von all den unzähligen Empfindungen meines Lebens war die bedrückendste die Erinnerungen an den einzigen Mord, den ich begangenen hatte. Seit dem Moment, als es geschehen war, erinnere ich mich an keinen Tag, da ich nicht Bedauern empfunden hätte darüber. Niemals hätte mir irgendeine Strafe gedroht, denn es passierte unter ganz ungewöhnlichen Umständen, auch war klar, dass ich nicht anders hatte handeln können. Niemand außer mir selbst wusste im übrigen davon. Es war dies eine der zahllosen Episoden des Bürgerkriegs; im Zuge der damaligen Ereignisse mochte sie als unbedeutende Einzelheit anzusehen sein, zumal im Verlauf der wenigen Minuten und Sekunden, die der Episode vorausgingen, ihr Ausgang nur uns beide interessierte – mich und noch einen, mir unbekannten Menschen. Dann blieb ich allein zurück. Niemand sonst war beteiligt…

In diesem Duktus geht es immer weiter. Später im Leben fällt dem Erzähler der Kurzgeschichtenband eines englischen Autors in die Hände, in dem dieser genau jene Begebenheit minutiös und bis in letzte Detail deckungsgleich schildert. Tatsächlich erstand ich das Buch noch am selben Tag bei Pustet.

Die Stimmung, die darin erzeugt wird, erinnerte mich sofort an Edgar Allan Poe. Der vermeintlich autobiographische Stil, als ließe hier jemand gefiltert durch einen analytischen Verstand und mit einer gewissen emotionalen Distanz sein Leben Revue passieren, steht in einem spannungsgeladenen Gegensatz zu der sich einschleichenden Vermutung, es handele sich womöglich um einen, der die Schwelle zum Irrsinn lange schon überschritten hat. Jedenfalls entwickelt das Buch den Sog eines Maelström, in den ich mich bereitwillig hinab ziehen lassen werde, wenn ich gleich in die Badewanne steige.

Bleibt noch das Telefonat mit meinem Lieblingsonkel zu erwähnen. Lieblingsonkel ist gut, denn es gibt nur den einen, richtigen Onkel. Viel Zeit ist vergangen. Wie viel Zeit, das erkennt man plötzlich an all den Dingen, von denen man weiß, dass sie im Leben des jeweils anderen passiert sind, an denen man aber nicht unmittelbar Anteil nehmen konnte. No one is to blame, das waren seine Worte. Dass man irgendwie ja doch Anteil nimmt, das zeigt mir dieses Geldgeschenk, das mir ganz unerwartet von seiner Seite zuteil wurde. Aber es macht mich traurig, dass wir uns in diesem Leben aller Wahrscheinlichkeit nach nie mehr wiedersehen werden.

Schreiben – die Kunst, die voraus und davon eilenden Gedanken im entscheidenden Moment wieder einzufangen.

Hansjürgen Bulkowski

Welcher französische Schriftsteller und Staatsphilosoph gilt als der Vater der neuzeitlichen Gewaltenteilung?

Charles-Louis de Secondat, Baron de La Brède et de Montesquieu (getauft am 18. Januar 1689 auf Schloss La Brède bei Bordeaux; † 10. Februar 1755 in Paris), bekannt unter dem Namen Montesquieu, war ein französischer Schriftsteller, Philosoph und Staatstheoretiker der Aufklärung. Er gilt als Vorläufer der Soziologie, bedeutender politischer Philosoph und Mitbegründer der modernen Geschichtswissenschaft.

Obwohl der gemäßigte Vordenker der Aufklärung für seine Zeitgenossen auch ein erfolgreicher belletristischer Autor war, ist er vor allem als geschichtsphilosophischer und staatstheoretischer Denker in die Geistesgeschichte eingegangen und beeinflusst noch aktuelle Debatten.

Sein wichtigstes Werk wurde die geschichtsphilosophische und staatstheoretische Schrift De l’esprit des lois/Vom Geist der Gesetze (Genf 1748), ein Produkt von zwanzig Jahren Arbeit.

Baron de Montesquieu, 1728
Baron de Montesquieu, 1728

Einerseits nennt er darin die Determinanten, die das Regierungs- und Rechtssystem einzelner Staaten jeweils bestimmen (z.B. Größe, Geographie, Klima, Wirtschafts- und Sozialstrukturen, Religion, Sitten und Gebräuche); andererseits formuliert er – nicht zuletzt in Opposition gegen den im Milieu der Parlaments ungeliebten königlichen Absolutismus – die theoretischen Grundlagen eines universell möglichen Regimes. Zentrales Prinzip ist für Montesquieu hierbei, anknüpfend an John Locke, die Trennung der Bereiche Gesetzgebung (Legislative), Rechtsprechung (Judikative) und Regierungsgewalt (Exekutive), mit anderen Worten die so genannte Gewaltenteilung – ein Begriff, der als solcher bei ihm allerdings noch nicht vorkommt. Sein Buch fand sofort große und weitgestreute Beachtung und löste heftige Attacken seitens der Jesuiten, der Sorbonne und zugleich der Jansenisten aus. 1751 wurde es von der katholischen Kirche auf den Index der verbotenen Bücher gesetzt. Eine 1750 in Genf publizierte Verteidigungsschrift Montesquieus, die Défense de l’Esprit des lois, hatte darauf keinen Einfluss.

Die Grundlage für seine Staatstheorie bildete seine 1734 erschienene Studie über Aufstieg und Fall des Römischen Reiches. Anders als die christliche Geschichtsphilosophie, die den Niedergang des Römischen Reiches als das Werk göttlicher Vorsehung betrachtet hatte, wollte Montesquieu eine auf natürlichen Gesetzlichkeiten beruhende Erklärung für die geschichtlichen Abläufe finden und hatte daher nach den anthropologischen, ökologischen, ökonomischen, sozialen und kulturellen Bedingungen der politischen Entwicklungen gefragt. Diese Einsichten formte er in seinem Hauptwerk „Vom Geist der Gesetze” (1748) zu einer Staats- und Gesellschaftstheorie aus: Er versuchte, die bestimmenden äußerlichen und vor allem mentalen Faktoren zu finden, gemäß derer einzelne Staaten ihr jeweiliges Regierungs- und Rechtssystem entwickelt haben (kulturrelativistischer Ansatz). Aus diesen Faktoren ergibt sich der „allgemeine Geist“ („esprit général“) einer Nation und diesem wiederum entspricht der „Geist“ ihrer Gesetze. Deren Gesamtheit ist nach Montesquieu also nicht eine quasi beliebige Summe von Gesetzen, sondern Ausdruck des natürlichen Umfeldes, der Geschichte und des „Charakters“ eines Volkes.

Montesquieu unterscheidet zwischen moderaten Regierungssystemen – das ist die Republik in unterschiedlicher Ausprägung und die konstitutionelle Monarchie – und solchen, die auf Gewaltherrschaft beruhen, wie der Absolutismus und jede andere Despotie. Die drei Haupttypen von Regimen: Republik, Monarchie und Gewaltherrschaft sieht er jeweils durch eine bestimmte menschliche Grundhaltung geprägt: die Tugend, die Ehre und die Furcht.

Für die auf Ehre beruhende konstitutionelle Monarchie, aber auch für die auf Tugend basierende Staatsform, die Republik, hält er Gewaltenteilung für nötig, um die Willkür durch Einzelne oder Mannschaften zu vermeiden, sonst sind sie gefährdet despotisch zu werden.

Montesquieus politische Philosophie enthält liberale und konservative Elemente. Er stellt die moderaten Regierungssysteme nicht gleich, sondern favorisiert ausdrücklich die parlamentarische Monarchie nach englischem Muster. Das dort verwirklichte Modell einer Gewaltenteilung zwischen Exekutive und Legislative sichere am besten die Freiheit des Einzelnen vor staatlicher Willkür. Diesen Ansatz von John Locke ergänzt er durch eine dritte Gewalt, die Judikative. Außerdem plädiert er für ein Zweikammerparlament mit einem aristokratischen Oberhaus, nicht nur für die Monarchie, sondern auch für die Republik. Damit soll verhindert werden, dass die konstitutionelle Monarchie zur Tyrannei und die Republik zur „Pöbelherrschaft“ wird.

Strittig ist, ob seine Theorie bereits ein demokratisches Staatswesen begründete, oder – was eine Minderheitsmeinung darstellt – eher die Wiederherstellung der durch Richelieu, Mazarin und Ludwig XIV. beseitigten politischen Mitspracherechte des Adels und der Hohen Gerichtshöfe, des Parlaments, anstrebte.

Während heutige Soziologen Montesquieu für einen Vorreiter der modernen Sozialwissenschaften halten (Stichwort: Milieutheorie), wurden seine Gedanken von ihm unmittelbar nachfolgenden Autoren und Strömungen unterschiedlich gewertet: So ist das Prinzip der Gewaltenteilung eine der wichtigsten Grundlagen der ersten Verfassungen in Nordamerika, in der Verfassung der Ersten Republik in Frankreich kam es dagegen nicht zum Tragen, denn es widersprach der jakobinischen, von Jean-Jacques Rousseau inspirierten Lehre von der ungeteilten Volkssouveränität, weshalb man in der Französischen Revolution sogar Montesquieus Grab zerstörte.

Frühen Einfluss gewann Montesquieu auch auf die Aufklärung in Deutschland: So wandelte z. B. der damals bedeutende protosoziologische Autor Johann David Michaelis ganz auf seinen Spuren mit der Schrift Das Mosaische Recht, worin er bestimmte alttestamentliche Rechtsvorschriften, die von den Aufklärern als abstrus betrachtet wurden, als für Nomadenvölker vernünftig analysierte – zum Ärger mancher Geistlicher und Theologen, die eine Verteidigung der Bibel von dieser Seite wenig goutierten. Auch Johann Gottfried Herder rezipierte neben Rousseaus auch Montesquieus Thesen für seine Geschichtsphilosophie.

„Eine ewige Erfahrung lehrt, dass jeder Mensch, der Macht hat, dazu getrieben wird, sie zu missbrauchen. Er geht immer weiter, bis er an Grenzen stößt.“

Small Step

That’s one small step for man but one giant leap for mankind.

Neil Armstrong (* 5. August 1930 bei Wapakoneta, Ohio; † 25. August 2012 in Cincinnati, Ohio)

Neil Armstrong, 21. Juli 1969

Lebenskoffer

Siehst du, was ich da mache? Ich habe einen leeren Raum in meinem Koffer entdeckt und stopfe ihn mit Heu aus, so gut ich kann; so muß man’s auch mit dem Lebenskoffer machen; man muß ihn mit allem ausfüllen, was einem in die Hände kommt, wenn nur keine leere Stelle darin bleibt.

Iwan Turgenjew, „Väter und Söhne“

zitiert nach Richard Powers, „Drei Bauern auf dem Weg zum Tanz“

Eingangsirrtum

Man errät vieles beim Lesen oder erfindet schöpferisch etwas hinzu; alles übrige ergibt sich aus einem Eingangsirrtum…

Ein Gutteil von dem, was wir (…) mit ebenso viel Eigensinn wie Treuherzigkeit glauben, rührt von einer ersten Täuschung über die Voraussetzungen her.

Marcel Proust, „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“

zitiert nach Richard Powers, „Drei Bauern auf dem Weg zum Tanz“

Reisen

Du müsstest öfter reisen. Nicht aus geographischen Erwägungen, nicht wegen irgendwelcher Fernsichten, Gletscher, Gemäldegalerien, Tropfsteinhöhlen und Ritterburgen. Du müsstest öfter reisen, um zuweilen nicht daheim zu sein.

Erich Kästner

Buntscheckige Fetzen

Wir bestehen alle nur aus buntscheckigen Fetzen, die so locker und lose aneinanderhängen, daß jeder von ihnen jeden Augenblick flattert, wie er will; daher gibt es ebenso viele Unterschiede zwischen uns und uns selbst wie zwischen uns und den anderen.

Michel de Montaigne, ESSAIS, Zweites Buch, 1

Aristokratie der Einfühlsamen

…Dennoch glaube ich an die Aristokratie – wenn dies das richtige Wort ist und ein Demokrat es verwenden darf. Ich meine nicht eine Aristokratie der Macht, die sich auf Rang und Einfluss stützt, sondern eine Aristokratie der Einfühlsamen, der Fürsorglichen und der Tapferen. Ihre Mitglieder sind in allen Nationen, in allen Klassen und in allen Zeitaltern zu finden, und es besteht ein geheimes Einvernehmen unter ihnen, wenn sie einander begegnen. Sie verkörpern die wahre menschliche Tradition, den einzig beständigen Sieg unserer seltsamen Rasse über Grausamkeit und Chaos. Tausende von ihnen verschwinden im Dunkeln, nur wenige treten ans Licht. Sie sind anderen gegenüber ebenso feinfühlig wie im Umgang mit sich selbst, sie sind umsichtig, ohne pedantisch zu sein, ihr Mut ist keine Angeberei, sondern die Kraft, etwas zu ertragen, und sie haben Humor.

E. M. Forster, „Two Cheers for Democracy“