Hundstage (In Gedanken)

Like a knife in a mango, Autumn slices Summer.

Ich esse keine Flugfrüchte. Weder Mangos noch andere Exotica. Ich weiß also überhaupt nicht, wie es sich anfühlt, wenn des Messers Schneide in die Mango fährt. Wie es sich anfühlt, wenn der Herbst den Sommer filettiert durchaus.

Es war einmal… in the dog days of summer as muslin curls on its own heat and crickets cry in the black walnut tree.

Musselin. Ein lockerer, feinfädiger und glatter Stoff, der wegen der ursprünglich verwendeten orientalischen Muster nach der Stadt Mosul im heutigen Nordirak benannt ist und aus Baumwolle oder Wolle in Leinwandbindung gewebt wird, schreibt Wikipedia. Ich erinnere mich nicht, Musselin jemals auf einem Label gelesen zu haben. Seit es Chemiefasern gibt, seit Anfang des 20. Jahrhunderts, heißt es Viskose. Die Blütezeit des Musselin liegt lange zurück. Ende 18./Beginn 19. Jahrhundert. Erkältungskrankheiten wurden damals als Musselinkrankheit bezeichnet, weil viele Frauen die während des Empire und Directoir beliebte Mode à la Grecque auch im Winter trugen.

Bei Musselin denke ich an französische Filme, die typische akustische Melange aus zirpenden Grillen und rauschenden Blätterkronen im Wind und natürlich an weibliche Protagonistinnen in klitzeklein geblümten Sommerkleidern. Musselin ist der Stoff aus dem meine flirrendsten Hitzeträume gewebt sind.

Für die Jahreszeit [und für Musselin] zu kalt, verkündet der Wetterprophet. Von Hundstagen keine Spur.

Bei Hundstagen denke ich an Himbeeren. Die esse ich schon. Sofern sie aus heimischen Gärten stammen. Im Moment werden sie in kleinen Schälchen auf dem Wochenmarkt feilgeboten. Hundstage hin oder her. Ich würde sie auch in rauen Mengen verschlingen, allein: In rauen Mengen sind sie unerschwinglich. Himbeeren wecken Kindheitserinnerungen. Wie Wildtauben. Wildtauben + Himbeeren = Hundstage.

Ich im türkisfarbenen NylonnachthemdHundstage. Als wir den lieben Gott noch ungeniert um schönes Wetter baten, wenn es an einem von ihnen ausnahmsweise einmal regnete. Mit gefalteten Händen und flehenden Blicken gen Himmel. Es dauerte nie lange, und der Herr ließ sein Angesicht leuchten über uns, während sich zu unseren Füßen der Märchengarten erstreckte und weit über unsere Köpfe hinausragte. Das Gurren der Wildtauben betörte uns wie ein vieldeutiges Versprechen aus seinen tiefsten Tiefen. In rosa- und türkisfarbenen Nylongewändern [in Wahrheit handelte es sich natürlich um allerfeinstes Gewebe à la Musselin] wandelten wir darin wie Prinzessinnen aus Tausend und einer Nacht. Nur manchmal verfing sich die eine oder andere Spitze in den Ranken der mannshohen Himbeersträucher, und die Lust am Abenteuer strandete in den hohen Gassen eines gefühlten Labyrinths. Aber der Rote Faden war immer das Gurren der Wildtauben. Wie eine Zauberformel beschwört es noch heute den Sommer herauf. Den Sommer und wir mittendrin.

Dahin dahin. Um ihnen dennoch zu huldigen, den Hundstagen, die keine sind, kaufe ich ein Schälchen Himbeeren. Meine Suche nach einem schönen Bell Jar blieb für heute erfolglos. Scheint wohl gerade nicht in zu sein. Schade. Mir schwebten da nämlich ein paar Aufnahmen vor… Himbeeren an Taubenfeder auf Musselin. Andere werden folgen.

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