Alles nur geliehen

Zwar ist längst nicht mehr April, das Wetter macht aber dennoch, was es will. Irgendwie ist das Gebaren dieses Sommers auch eine sinnfällige Metapher für den Lauf des Jahres so far.

Am 30. Juni ist Geoffrey Hill gestorben. Ich liebe seinen September Song.

In einem Interview in der Paris Review sagte er einmal, „schwierig“ zu sein bedeute demokratisch zu sein, denn das Verlangen nach dem Einfachen gleiche dem Verlangen eines Tyrannen.

Gestern ist auch Elie Wiesel gestorben:

Is there a prayer for prayers? If not, it should be invented. Leah told him one day: „I am grateful to you not only for what you do and what you are, but also for what I am. I am grateful to you for that very gratitude.“ And Moshe answered her: „I like what you just said but you must never say it again.“ And Leah understood. At the end of the world there is silence, at the end of silence there is the gaze.

Elie Wiesel, „The Oath“

Wer könnte den Bogen besser spannen zwischen the cruellest month und dieser Stille – als Tomas Tranströmer:

April und Schweigen

Öde liegt der Frühling
Der samtdunkle Wassergraben
kriecht neben mir
ohne Spiegelbilder.

Das einzige, was leuchtet,
sind gelbe Blumen.

In meinem Schatten werde ich getragen
wie eine Geige
in ihrem schwarzen Kasten.

Das einzige, was ich sagen will,
glänzt außer Reichweite
wie das Silber
beim Pfandleiher.

Dazu gibt es am Ende auch ein sprechendes Bild von Teju Cole – siehe hier.

Meanwhile in France wird Fußball gespielt und ein paar Zwerge proben unbeirrt den Aufstand. Ich liebe es. Auch das.

Alles nur geliehen.

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Displacement in Time

What might have been and what has been
Point to one end, which is always present.

T. S. Eliot, “Burnt Norton” (No. 1 of “Four Quartets”)

Immer noch bin ich auf der Suche nach meiner Lieblingsmalerin. Als mir diese Woche Helene Schjerfbecks Schneiderin begegnete, wurde mir wieder bewusst, wie sehr ich die finnische Künstlerin mag. Auf diese in einer Schaukelbewegung erstarrte Frau, deren Handwerkszeug ihr von der Taille baumelt wie ein loser Faden, trifft in meinen Augen zu, was Bianca Brunner über ihre Arbeit „Limbo“ sagt: Erinnerung ist auch an Bewegung geknüpft. Und wenn diese latent schwelenden Bilder in einer bestimmten Bewegung plötzlich aufflackern, können sie einen Riss in die Gegenwart brennen. Vielleicht auch den Vorhang durchtrennen, der manchmal so schwer zwischen den Zeitkorridoren lastet.