Alles zählt

fan_ho_journey_to_uncertainty
Fan Ho, „Journey to Uncertainty“

Weil sie schon früh wusste, vor allem anderen würde sie ihr Augenlicht verlieren, begann diese Patentante, Gedichte auswendig zu lernen. Celan und Rilke vor allem, sie kaute wochenlang auf einzelnen Wörtern und Versen herum, bis sie deren Bedeutung ganz erfasst hatte. Oder so weit, wie der Dichter das zuließ. Sie verlor ihren Verstand nie. Und mit dem letzten Gedicht, das sie lernte, es war eine der Elegien, spürte sie, wie sich noch einmal ein Raum voller unbekannter Empfindungen und Gedanken öffnete. „Nirgends, Geliebte, wird Welt sein als innen. [Unser Leben geht hin mit Verwandlung.] Und immer geringer schwindet das Außen.“ Es war ein Raum, zu dem sie erst Zutritt erlangte, als der Tod schon in der Zimmerecke stand und immer öfter zu ihr herüberschaute. Sie hatte ihr das erzählt, um ihr zu sagen, es gibt trotz allem etwas, das nur das Alter zu geben vermag.

Verena Lueken, „Alles zählt“

Advertisements

That’s my window.

That’s my window. This minute
So gently did I alight
From sleep – was still floating in it.
Where has my life its limit
And where begins the night?

I could fancy all things around me
Were nothing but I as yet;
Like a crystal’s depth, profoundly
Mute, translucent, unlit.

I have space to spare inside me
For the stars, too: so full of room
Feels my heart; so lightly
Would it let go of him, whom

For all I know I have started
To love, it may be to hold.
Strange, as if never charted,
Stares my fortune untold.

Why is it I am bedded
Beneath this infinitude,
Fragrant like a meadow,
Hither and thither moved,

Calling out, yet fearing
Someone might hear the cry,
Destined to disappearing
Within another I.

Rainer Maria Rilke, „Die Liebende

(übersetzt von Walter W. Arndt)

In the ponds broken off from the sky

(Ich gebe zu, die Übersetzung gefällt mir besser als das Original.)

Während Twomblys Schriftbild bereits zu verblassen droht, scheint das Wort fishes mit einer Strömung zu schwimmen und im Begriff, von ihr aus dem Bild getragen zu werden. Im Gegensatz dazu das saftige Grün der Pflanzen, die den kleinen Teich schon fast völlig überwuchert haben… in the ponds broken off from the sky my falling sinks. Auch der Mythos von Narziss, dessen Identiät vom eigenen Spiegelbild verschluckt wird, mag hier noch irgendwo zwischen den Zeilen lauern. Und der Betrachter steht zögernd irgendwo auf der Schwelle zwischen Wort und Bild…