Wahrheit oder Pflicht

Hans Aichinger,
Hans Aichinger, „Les Certitude du Réalisme“ (2010)

Ich fühle mich geehrt. Matthias von der Beat Company hat mich nominiert. Und das zu einer Zeit, da mir scheinen will, die Frau, die hier rumwerkelt, verschwindet zunehmend hinter ihren Spiegelbildern. Ich gebe kaum noch Privates von mir preis. Ich folge nur einer Handvoll Blogs. Es geht mir gut.

In mein analoges Leben ist auf leisen Sohlen ein Mensch getreten, den ich anfangs gar nicht bemerkte. Es sind nicht nur die Samtpfoten, die ihn auszeichnen. Es ist wohl seiner Hartnäckigkeit zuzuschreiben, dass er gewartet hat, bis ich ihm eine Tür öffnen konnte. Lange Zeit dachte ich, bis zum Ende meiner Tage würde ich das tiefe Tal nicht mehr verlassen. Und plötzlich fühlt es sich ein bisschen weniger einsam an. Was die Zukunft bringen wird, weiß ich nicht. Dieser Mensch ist wesentlich jünger als ich, und eigentlich weiß ich auch überhaupt nicht, was er bei mir findet. Es gibt diesen Sicherheitsabstand zwischen uns, der sich nicht überwinden ließe, ohne dass ich ihn auf meine grauen Haare, auf meine Krähenfüße oder Lachfalten, kurzum: auf die Tatsache aufmerksam machen müsste, dass ich seine Mutter sein könnte. Nicht dass er nicht wüsste, wie alt ich bin. Jahrgang 1964. Kein Geheimnis. Und obwohl ich mich zuweilen älter fühle als meine Mutter, sehe ich nicht so aus und spüre das junge Mädchen in mir, immer auf dem Sprung, all den verpassten Gelegenheiten nachzujagen, die seinen Weg bis zum heutigen Tage pflastern. Keiner von uns macht Anstalten, diesen Sicherheitsabstand aufzugeben, und selbst das fühlt sich ganz natürlich an. Es ist, wie es ist. Und so, wie es ist, ist es erst einmal gut. Wir sind kein Paar, wir sind Freunde, und das ist so viel mehr, als ich vor geraumer Zeit noch für möglich gehalten hätte in meinem Leben.

Ach ja, worum geht es denn überhaupt? Um den Liebsten Award natürlich. Das Spannende an der ganzen Sache sind manchmal die Fragen. Was machst Du im Leben nach dem Tod? Wie bitte? Träumst du noch oder bist du schon wach, dachte ich, als ich das heute morgen las. Well, „in the morning it was morning and I was still alive.“ So weit, so gut. Darüber hinaus konnte es sich nur um einen Zufall handeln, dass mir jemand ausgerechnet die Frage stellt, die mich seit geraumer Zeit umtreibt. Zufall? Wie immer verweise ich auch diesmal auf Max Frisch.

1. Was machst Du im Leben nach dem Tod?

Nach jetzigem Stand der Dinge werde ich nicht zu den Menschen gehören, die rundum zufrieden auf ihr Leben zurückblicken können, wenn sie auf dem Totenbett liegen. Ich hoffe, es wird mir deshalb nicht schwerer fallen, zu gehen, wenn es soweit ist. Ich glaube auch nicht, dass es ein Leben nach dem Tod gibt. In letzter Zeit denke ich nur manchmal, dass es mich trösten würde, wenn ich glauben könnte, dass sich mir nach dem Tod tatsächlich die Möglichkeit bieten würde, mich für ein weiteres Leben zu entscheiden. Mit etwas Glück würde mir die Gnade eines unproblematischeren Elternhauses zuteil, mein beruflicher Werdegang wäre kein Zickzackkurs, sondern die Entscheidungen lägen klarer und früher auf der Hand, und ich wäre mit genügend Selbstbewusstsein ausgestattet, das zu verwirklichen, wovon ich immer nur geträumt habe. Konkret: Im Leben nach dem Tod arbeite ich, Hauptsache irgendwas, im Bereich Kunst und Kultur, und der Job dient nicht nur dazu, das Dach über dem Kopf und das tägliche Brot zu sichern, ohne jemals Freude zu machen, sondern ist, darunter geht gar nichts, Berufung. Andernfalls kann mir ein Leben nach dem Tod auch gut und gerne gestohlen bleiben.

2. Wen siehst Du, wenn Du morgens in den Spiegel schaust?

Gute Frage an eine, die sich Frau im Spiegel nennt und ein Morgenmuffel ist. Aber ich sehe das oben erwähnte junge Mädchen, das wie jeden Tag schon in den Startlöchern steht. Ich sehe ihr in die Augen und denke: „Here’s looking at you, kid.“ Wenn ich morgens in den Spiegel schaue, sehe ich auch die unverbesserliche Romantikerin in mir, der ich für den Rest des Tages konsequent aus dem Weg gehen werde.

3. Wahrheit oder Pflicht ? (Best of Flaschendrehen)

Ich weiß nicht, ob ich das Spiel überhaupt jemals gespielt habe, deshalb musste ich mich erst einmal schlau machen:

Entweder nach beantworteter Frage bzw. erfüllter Aufgabe oder der Reihe nach oder durch eine Zufallsauswahl (oftmals mittels Flaschendrehen) wird der Befragte, welcher nun „Wahrheit oder Pflicht“ (also eine Aufgabe) zu erfüllen hat, ausgewählt. Dazu muss sich der Befragte zuerst zwischen „Wahrheit“ und „Pflicht“ entscheiden. Bei „Wahrheit“ wird dem Ausgewählten eine Frage gestellt, die er wahrheitsgemäß beantworten muss; bei „Pflicht“ muss der Ausgewählte eine von den anderen Mitspielern auserkorene Aufgabe erledigen. Die Frage oder Aufgabe stellt dabei derjenige, der vorher der Befragte war. Je nachdem, in welchem Alter sich die Spieler befinden, gehen die Fragen und Aufgaben oft in den persönlichen oder intimen Bereich.

Quelle: wikipedia

Hier fällt mir die Entscheidung nicht schwer. Unter welchen Umständen auch immer, ich gebe der Wahrheit den Vorzug. Jede Wahrheit ist besser, als eine Pflicht zu erfüllen, die womöglich lästig ist.

Für den Fall, dass ich mich jetzt auf eine weitere Frage gefasst machen muss: „I am ready, I am fine“, Matthias. Und last but not least: Herzlichen Dank!

My Cats

I know. I know.
they are limited, have different
needs and
concerns.

but I watch and learn from them.
I like the little they know,
which is so
much.

they complain but never
worry,
they walk with a surprising dignity.
they sleep with a direct simplicity that
humans just can’t
understand.

their eyes are more
beautiful than our eyes.
and they can sleep 20 hours
a day
without
hesitation or
remorse.

when I am feeling
low
all I have to do is
watch my cats
and my
courage
returns.

I study these
creatures.

they are my
teachers.

Charles Bukowski