Das Vorhandensein und das Fehlen der Zukunft

Jules_Bastien-Lepage_Johanna_von_Orleans_1879
Jules Bastien-Lepage, „Johanna von Orleans“ (1879)

Drei durchscheinende Engel schweben in der oberen linken Hälfte des Gemäldes. Sie haben Jeanne, die an einem Webstuhl im Garten ihrer Eltern gearbeitet hat, soeben aufgerufen, Frankreich zu retten. Ein Engel hält seinen Kopf in den Händen. Jeanne scheint auf den Betrachter zuzuwanken, einen Arm ausgestreckt, vielleicht in der Verzückung des Gerufenwerdens Halt suchend. Anstatt Zweige oder Blätter zu packen, scheint ihre Hand, die sorgfältig in der Sichtachse eines der anderen Engel platziert ist, sich aufzulösen. Laut dem Begleittext des Museums wurde Bastien-Lepage angegriffen, weil es ihm nicht gelungen sei, das Ätherische der Engel mit dem Realismus des Körpers der künftigen Heiligen zu versöhnen, aber ebendieses „Misslingen“ macht es zu einem meiner Lieblingsgemälde. Es ist, als erzeugte die Spannung zwischen der metaphysischen und physischen Welt, zwischen zwei Ordnungen von Zeitlichkeit, eine Störung in der Matrix des Bildes; der Hintergrund verschluckt Jeannes Finger. Während ich an jenem Nachmittag mit Alex dort stand, wurde ich an das Foto erinnert, das Marty in „Zurück in die Zukunft“, entscheidender Film meiner Jugend, mit sich führt:

Back to the Future - Photo

Während Martys Zeitreise die Vorgeschichte seiner Familie zerrüttet, beginnen er und seine Geschwister auf dem Foto zu verblassen. Nur ist es hier [bei Jeanne] etwas Vorhandenes, nicht etwas Fehlendes, das ihre Hand zersetzt: Sie wird in die Zukunft gezogen.

Ben Lerner, „22:04“

Nachtrag:

„Und weil man nicht spürt, welche Entscheidung die richtige ist, steht man still, wächst zitternd in den Boden bis die Lawine einen überrollt…“

Mützenfalterin

[By any measure]

By any measure, it was endless
winter. Emulsions with
Then circled the lake like
This is it. This April will be
Inadequate sensitivity to green. I rose
early, erased for an hour
Silk-brush and ax
I’d like to think I’m a different person
latent image fading

around the edges and ears
Overall a tighter face
now. Is it so hard for you to understand
From the drop-down menu
In a cluster of eight poems, I selected
sleep, but could not
I decided to change everything
Composed entirely of stills
or fade into the trees

but could not
remember the dream
save for one brief shot
of a woman opening her eyes
Ari, pick up. I’m a different person
In a perfect world, this would be
April, or an associated concept
Green to the touch
several feet away

Ben Lerner

the PARIS REVIEW: Poets on Photography (Ben Lerner on Chris Marker’s „La Jetée“)