Das ist die Stunde

Das ist die Stunde kurz nach Mitternacht,
die Katze, die dich anschaut
und nicht lacht.
Es ist nichts mehr zu tun.
Du öffnest die Finger,
siehst die Morgenröte
und den Engel, der geht
um sich auszuruhn.

Wolf Wondratschek

Time is a tube

Mir träumte, ich sei schwer krank. Die Krankheit war schon so weit fort geschritten, dass ich die Schwellungen unter der Haut auf Schritt und Tritt spüren konnte. Ich schaute in den Spiegel, und was ich erblickte, war ein riesiger Wasserkopf und Oberarme, so massig wie die von Schwarzenegger. Vor allem die Arme waren ein Bild des Schreckens.

Nicht auszudenken, was es bedeuten würde, wenn mir tatsächlich etwas geschehe. Wie in jenem Liebesgedicht von Brecht, so geht es mir derzeit: „Darum gebe ich auf mich acht, sehe auf meinen Weg und fürchte von jedem Regentropfen, daß er mich erschlagen könnte.“

Seit der Kater uns zu Weihnachten die „Kinder- und Hausmärchen“ der Brüder Grimm geschenkt hat, lesen wir jeden Abend ein Märchen. Ich weiß, dass ich seitdem ein intensives Traumleben führe, aber mehr als Ahnungen von der Arbeit der Nacht  dringen nicht in mein Wachbewusstsein. Meist verfolgen sie mich, wenn ich dem Broterwerb des Tages nachgehe, ohne dass ich auch nur eines dieser unkonkreten Bilder habhaft würde.

Am zweiten Märchen „Von den Wichtelmännern“ gefielen mir besonders die unterschiedlichen Dimensionen der Zeit, die darin zur Sprache kamen. Auf die inständigen Bitten der Wichtelmänner, bleibt das Mädchen drei Tage. Aber als es schließlich nach Hause kommt und seine Arbeit als Dienstmädchen wieder beginnen will, stellt sich heraus: „Da war es nicht drei Tage, wie es gemeint hatte, sondern sieben Jahre bei den kleinen Männern im Berge gewesen, und seine vorherige Herrschaft war in der Zeit gestorben.“

Ein Tag kann eine Perle sein und ein Jahrhundert nichts. „Die Zeit geht nicht, sie stehet still“, schreibt Gottfried Keller, „wir ziehen durch sie hin.“

Time is a tube, dachte ich neulich, als ich mir die Zahnpasta aus der Tube auf die Bürste quetschte. Überhaupt gehen mir in den winzig kleinen Stunden des Morgens die allermerkwürdigsten Gedanken durch den Kopf:

Spieglein, Spieglein an der Wand zum Beispiel, wenn ich die kreisenden Bewegungen der Hände auf meinem Bauch verfolge. Die Gedanken kreisen im Uhrzeigersinn, in einer stilleren Sprache jene Gegenbewegung der Hände auf meinem Bauch. Der ist jetzt leer, nichts gebiert er mehr, wenn ich den Rumor wie jeden Morgen in die Schüssel gedrückt und weggespült habe. Die Bittermandel im Kopf spuckt Gift und Galle, während der Bauch sich salben lässt, mit einer Mischung aus Buttercreme und Vanille, die riecht wie ein Kuchen. Jetzt ein Messer nehmen und sich ein großes Stück davon abschneiden… und so weiter und so fort.

Apropos Kuchen. Noch ein schönes Gedicht von Wolf Wondratschek, das ich dieser Tage aus dem virtuellen Papierkorb gerettet habe:

Für meine Mutter

Aus Cezannes Äpfeln hätte sie Apfelmus gemacht –
das alles beeindruckt sie nicht,
solange folgende Fragen ungeklärt sind:
wer kocht und wäscht und sorgt für mein Kind?
Das hat Vorrang vor aller Kunst.
„Wenn ich sterbe“ schreibt sie, „was dann?“
Vom beigelegten Geld für ein gutes Essen
kaufe ich Zigaretten und Papier,
rauche und schreibe
und liebe sie.
Sie ist meine Bäuerin,
sie kennt die Absturzstellen
meiner Höhenflüge.
So müßte das Leben sein:
das Mißlungene vollenden
mit einem selbstgebackenen Kuchen.

Ziele

So möcht ich werden:
unwichtig wie die Südsee,
genügsam wie die Pinguine im Packeis,
gleichgültig wie einer,
der auf Sieg setzt.

Wolf Wondratschek