Die drei seltsamsten Wörter

Sag ich das Wort Zukunft,
vergeht seine erste Silbe bereits im Zuvor.

Sag ich das Wort Stille,
vernichte ich sie.

Sag ich das Wort Nichts,
schaffe ich etwas, das in keinem Nichtsein Raum hat.

Wisława Szymborska, aus: „Die Gedichte“ (übersetzt von Karl Dedecius)

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Utopia

Insel auf der sich alles klärt.

Hier steht man auf dem Boden der Beweise.

Hier gibt es keine anderen Wege außer dem Weg des Zugangs.

Die Sträucher sind brechend voll Antwort.

Hier wächst der Baum der richtigen Aussicht mit den für ewig entworrenen Zweigen.

Der blendend einfache Baum der Einsicht am Quell, genannt Ach So Ist Das Also.

Je tiefer waldeinwärts, um so breiter liegt das Tal der Selbstverständlichkeit offen.

Und gibt’s einen Zweifel, dann wird er vom Winde verweht.

Das Echo meldet sich ungerufen und klärt die Weltgeheimnisse völlig.

Rechts ist die Hölle, dort lagert der Sinn.

Links liegt der See der Tiefen Überzeugung. Vom Boden löst sich die Wahrheit und schwimmt mühelos nach oben.

Über das Tal erhebt sich die Unbeugsame Gewißheit. Von ihrem Gipfel breitet sich aus der Sinn der Dinge.

Die Insel ist leer, allen Reizen zum Trotz, die an den Ufern sichtbaren kleinen Spuren von Füßen führen ausnahmslos hin zum Meer. Als ginge man hier nur fort und tauche in den Fluten unter ohne Rückkehr.

In Wirklichkeit gar nicht zu fassen.

Wisława Szymborska, „Hundert Freuden“

Katze in der leeren Wohnung

Sterben – das tut man einer Katze nicht an,
Denn was soll die Katze
in einer leeren Wohnung.
An den Wänden hoch,
sich an Möbeln reiben.
Nichts scheint sich hier verändert zu haben,
und doch ist alles anders.
Nichts verstellt, so scheint es,
und doch alles verschoben.
Am Abend brennt die Lampe nicht mehr.

Auf der Treppe sind Schritte zu hören,
aber nicht die.
Die Hand, die den Fisch auf den Teller legt,
ist auch nicht die, die es früher tat.

Hier beginnt etwas nicht
zur gewohnten Zeit.
Etwas findet nicht statt,
wie es sich gehört hätte.
Jemand war hier und war,
dann verschwand er plötzlich
und ist beharrlich nicht da.

Alle Schränke durchforscht.
Alle Regale durchlaufen.
Unter Teppichen geprüft.
Trotz des Verbots
die Papiere durchstöbert.
Was bleibt da noch zu tun.
Schlafen und warten.

Komme er nur,
zeige er sich.
Er wird´s schon erfahren.
Einer Katze tut man sowas nicht an.
Sie wird ihm entgegenstolzieren,
so, als wollte sie´s nicht,
sehr langsam,
auf äußerst beleidigten Pfoten.
Noch ohne Sprung, ohne Miau.

 

Wisława Szymborska (übersetzt von Karl Dedecius)

Hoffnungsfroh und Hundert Freuden

Eine derart positive Verstärkung in einem Vorstellungsgespräch habe ich noch nie erfahren. Für Herrn K. war es offensichtlich nur eine Formalität. Ihm war wohl vom ersten Moment an, nachdem er meine Bewerbung gelesen hatte, klar, dass ich die Richtige bin für die von ihm ausgeschriebene Stelle. Meinen Lebenslauf fände er interessant, meine Zeugnisse wären ausgezeichnet, solche Bewerbungen bekommt man nicht alle Tage, die hat mir sofort gefallen, sagte er. Nach eineinhalb Stunden fragte ich immer noch ungläubig: „Heißt das, Sie haben sich schon für mich entschieden?“

Vom Fleck weg eingestellt, also, aber so richtig fassen kann ich es noch nicht. Meinen augenblicklichen Gemütszustand würde ich, in ein Wort gekleidet, als hoffnungsfroh bezeichnen.

Im Briefkasten fand ich gestern eine Benachrichtigung vom Paketboten und rätselte bis heute, wer mir da wohl was geschickt haben mochte. In Verdacht hatte ich seltsamerweise die Telekom. Aber als ich den Amazon-Schriftzug erkannte, wusste ich: Es kann nur einen geben. Inliegend fand sich ein Gedichtband von Wisława Szymborska:

Hundert Freuden. Sagen wir, ein Vierteljahr jeden Tag ein Gedicht von Wisława Szymborska. Wie schön. Tausend Dank, Katerchen!

Für heute habe ich mir das Folgende ausgesucht:

„Ein Leben im Handumdrehen“

Ein Leben im Handumdrehen.
Eine Aufführung ohne Probe.
Ein Körper von der Stange.
Ein Schädel ohne Bedacht.

Ich kenne die Rolle, die ich spiele, nicht.
Ich weiß nur, sie ist unauswechselbar mein.

Wovon das Stück handelt,
werde ich erst auf der Bühne erraten.

Dürftig gerüstet dem Leben zum Ruhm,
ertrage ich das mir aufgezwungene Tempo der
Handlung mit Mühe.
Ich improvisiere, obwohl mich das Improvisieren
ekelt.
Ich stolpere auf Schritt und Tritt über meine
Unkenntnis der Dinge.
Mein Lebenslauf schmeckt nach Provinz.
Meine Instinkte sind Dilettantismus.
Das Lampenfieber, das für mich spricht, demütigt um
so mehr.
Die mildernden Umstände scheinen mir grausam.

Nicht rücknehmbar sind die Worte und Gesten,
die Sterne nicht zählbar,
und der Charakter, gleich einem Mantel, im Laufen
zu Ende geknöpft –
das sind die kläglichen Folgen dieser Eile.
Probte man wenigstens rechtzeitig einen Mittwoch,
oder man wiederholte den Donnerstag doch!
Aber schon naht der Freitag mit der mir fremden
Rolle.
Ist das in Ordnung – frag ich
(mit heiserer Stimme,
denn nicht einmal hüsteln durfte ich hinter Kulissen).

Es täuscht der Gedanke, die Prüfung sei Nebensache,
in einen provisorischen Raum verwiesen. Nein.
Ich steh im Bühnenbild und seh, wie solide es ist.
Die Präzision verschiedener Requisiten fällt auf.
Der Drehmechanismus funktioniert seit geraumer
Zeit.
Sogar die entferntesten Nebel sind angezündet.
Kein Zweifel, es ist die Premiere.
Und was ich auch tue,
verwandelt sich ein für alle Male in das, was ich tat.

Kommt mir irgendwie bekannt vor. Vielleicht ist es eins von den Gedichten, die wir damals im Literaturgrundkurs besprochen haben.

Augenblick

Wolken

Mit der Beschreibung der Wolken müßt ich mich eilen – schon im Bruchteil eines Moments sind sie nicht mehr die, sind sie andere. Ihre Eigenschaft ist, sich in Formen, Schattierungen, Posen, im Wechselspiel niemals zu wiederholen. Nicht beschwert mit dem Erinnern von nichts, erheben sie sich müchelos über die Fakten. Was wären das schon für Zeugen, sie zerwehen sofort in jede Richtung. Verglichen mit Wolken erscheint das Leben verwurzelt, fast schon dauerhaft und beinahe ewig. Neben den Wolken sieht der Stein sogar aus wie ein Bruder, auf den man sich verlassen kann, doch sie, nun ja, sind ferne und scheue Kusinen. Mögen die Menschen sein wie sie wollen, und dann der Reihe nach jeder von ihnen sterben, sie, die Wolken, geht das nichts an, alles. Über deinem ganzen Leben und über meinem, noch nicht ganzen, paradieren sie protzend wie einst permanent. Sie sind nicht verpflichtet, mit uns zu vergehen. Sie fließen, ohne daß wir sie sehen.

Wisława Szymborska

Aus dem Polnishen von Karl Dedecius

Manche mögen Poesie

Manche —
das heißt nicht alle.
Nicht einmal die Mehrheit, sondern die Minderheit.
Abgesehen von den Schulen, wo man mögen muß,
und den Dichtern selbst,
gibt’s davon etwa zwei pro Tausend.

Mögen —
aber man mag ja auch Nudelsuppe,
mag Komplimente und die Farbe Blau,
mag den alten Schal,
mag auf dem Seinen beharren,
mag Hunde streicheln.

Poesie —
was aber ist Poesie.
Manch wackelige Antwort
ist dieser Frage bereits gefolgt.
Aber ich weiß nicht, ich weiß nicht. Ich halte mich daran fest, wie an einem rettenden Geländer.

Wisława Szymborska

Aus dem Polnischen von Karl Dedecius

Grabstein

Hier ruht, altmodisch wie das Komma, eine

Verfasserin von ein paar Versen. Die Gebeine

genießen Frieden in den ewigen Gärten,

obwohl sie keiner Literatengruppe angehörten.

Drum schmückt nichts Beßres ihre Totenstätte

als dieser Reim, die Eule und die Klette.

Passant, hol den Computer aus dem Aktenfach

und denk über Szymborskas Los ein wenig nach.

 

Wisława Szymborska

(02.07.1923-01.02.2012)

Etwas über die Seele

Die Seele hat man gelegentlich.
Niemand hat sie ohne Unterlass
und auf Dauer.

Tag um Tag,
Jahr um Jahr
kann ohne sie vergehen.

Nur in der Begeisterung
und den Ängsten der Kindheit
nistet sie sich manchmal auf länger ein.
Manchmal nur im Befremden,
dass wir alt geworden sind.

Selten begleitet sie uns
bei mühseligem Tun
wie Möbelrücken,
Kofferschleppen
oder weiten Wegen in engen Schuhen.

Beim Ausfüllen von Fragebögen
und Fleisch hacken
hat sie in der Regel frei.

Von tausend unserer Gespräche
beteiligt sie sich nur an einem,
und das auch nicht unbedingt,
denn sie liebt es zu schweigen.

Wenn unser Körper beginnt, uns mit Schmerzen zu plagen
stiehlt sie sich heimlich aus dem Dienst.

Sie ist wählerisch:
ungern sieht sie uns in der Masse,
unser Kampf um kleine Vorteile
und schnatternde Geschäfte
widert sie an.

Freude und Trauer
sind für sie keine unterschiedlichen Gefühle.
Nur wenn sie sich verbinden,
wohnt sie uns bei.

Wir können auf sie zählen,
wenn wir uns keiner Sache sicher sind
und auf alles neugierig.

Von den materiellen Dingen
liebt sie Pendeluhren
und Spiegel, die beständig arbeiten,
auch wenn niemand hinschaut.

Sie sagt nicht, woher sie kommt
und wann sie uns wieder verlässt,
aber sie wartet offensichtlich auf diese Frage.
Es hat den Anschein,
dass so wie sie uns,
auch wir
sie zu etwas brauchen.

Wisława Szymborska

Aus der Zeitschrift „Odra“ Nr. 1/2000, Wrocław.
Deutsche Übersetzung Urszula Usakowska-Wolff und Manfred Wolff

Fotografie vom 11. September

Sie sprangen aus brennenden Stockwerken hinab –

einer, zwei, noch ein paar

höher, tiefer.

Die Fotografie hielt sie an im Leben,

und nun bewahrt sie sie auf

über der Erde gen Erde.

Jeder ist noch ganz

mit eigenem Gesicht

und gut verstecktem Blut.

Es ist genügend Zeit,

dass die Haare wehen

und aus den Taschen Schlüssel,

kleine Münzen fallen.

Sie sind immer noch im Bereich der Luft,

im Umkreis jener Stellen,

die sich soeben geöffnet haben.

Nur zwei Dinge kann ich für sie tun –

diesen Flug beschreiben

und den letzten Satz nicht hinzufügen.

Wisława Szymborska

Quelle: Der Spiegel