Rückblick auf das zu führende Leben

Glück und Unglück hatten ganz nahe gelegen,
die ganze Zeit, in stummer Bereitschaft.
Es hatte sie bloß keiner gesehen.
Es hatte sie keiner vermißt.

Über Nacht waren sie in Erscheinung getreten,
wie das Graffiti an der Museumswand:
Der Wandel schleicht auf Gummisohlen,
und wenn er geht, kommt man dich holen.

Das zu führende Leben war ungelebt geblieben.

Steffen Jacobs

Haltloser Gesang für zwei

Ach Gott, ein neues Jahresende,
die Tage kurz und nebelschwer –
so hasten sie durch das Gelände,
und halten kann sie keiner mehr.

Das Leben war mal ein Versprechen
auf vieles, das erreichbar wär.
Nun sehen wir Versprechen brechen,
und halten kann sie keiner mehr.

Im nächsten Jahr wird alles besser,
die Meute schreit: Viel Feind, viel Ehr.
Dann läuft sie geradewegs ins Messer,
und halten kann sie keiner mehr.

Wir aber finden zueinander
und fliehen über Land und Meer.
Nur flüchtig sind wir beieinander,
sind wir für immer beieinander –

und halten kann uns keiner mehr.

Steffen Jacobs