76. Klagruf

Lyrikzeitung & Poetry News

Sarah Kirsch (1935-2013 )

Zwei Gedichte

Klagruf

Weh mein schneeweißer Traber
Mit den Steinkohlenaugen
Der perlendurchflochtenen Mähne
Den sehr weichen Nüstern
Dem schöngewaltigen Schatten
Ging durch! Lief
Drei Abende weit war nicht zu bewegen
Heimzukehren. Nahm das Heu nicht
Wahllos fraß er die Spreu
Ich dachte ich sterbe so fror ich

Aus: Sarah Kirsch, Zaubersprüche (1973)

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Meine Worte gehorchen mir nicht
Kaum hör ich sie wieder mein Himmel
Dehnt sich will deinen erreichen
Bald wird er zerspringen ich atme
Schon kleine Züge mein Herzschlag
Ist siebenfach geworden schickt unaufhörlich
Und kaum verschlüsselte Botschaften aus

Aus: Sarah Kirsch, Rückenwind (1976)

Wie erst heute zu erfahren, starb Sarah Kirsch am 5.Mai

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Das schöne Tal

Die Landschaft ist groß und voller Bewegung. Über den Bergen
Wird Licht ausgegossen, schwarze Wolken
Verzehrn es und Blitze
Bespringen sich kalt kracht der Donner.

Das ist die Sintflut. Alles in einer Glocke.
Wir fließen naß im Auto zu Tal. Die Tiere die Kröten Salamander Gecco
Flattern ins Handschuhfach. Er legt mir
Die Hand auf den Schoß.

Sarah Kirsch