Hans Bellmer und Unica Zürn

Hans Bellmer, „La Poupée“ (1936)

Hans Bellmer (* 13. März 1902 in Kattowitz (heute Katowice, Polen); † 24. Februar 1975 in Paris) war ein deutscher Fotograf, Bildhauer, Maler und Autor.

Seine innere Welt ist von Kindheit an bevölkert von Mädchen und Mädchen als Puppen. Die äußere Welt hingegen wird von Mädchen und Frauen bewohnt, die er in Puppen verwandeln will. Und er? Schaut er dabei in einen Spiegel und sieht sich ebenfalls als Mädchen, als Frau oder als zweigeschlechtliches Wesen? Bellmer hasst seinen Vater, über den er einmal schreibt: „Er hatte das schwere Fett des toten Herzens.“ Eines Tages, als beide mit dem Zug nach Berlin fahren, wo Bellmer auf Wunsch des Vaters Mathematik studieren soll, verschwindet er als Junge in der Toilette und kommt wie ein Mädchen gekleidet und geschminkt wieder zurück. Vielleicht nicht nur, um den Vater zu provozieren.

Ab 1930 befasst sich Bellmer fast ausschließlich mit erotischen Darstellungen der weiblichen Anatomie. Ob in Zeichnungen, Skulpturen, Fotografien oder seinen grafischen Arbeiten – im Mittelpunkt steht immer das erotisierende Bild eines oft geschundenen weiblichen Körpers. Aufgrund der repetitiven Natur des Themas werden ihm zahlreiche neurotische Störungen nachgesagt, von Fetischismus, Voyeurismus über Sadomasochismus bis hin zu Pädophilie, während andere seine Arbeiten schlicht als Surrealismus und „anarchistisch-erotische Inszenierungen“ bewerten und schätzen.

1933 konstruiert Bellmer aus Teilen von Schaufensterpuppen und mit Holz, Metall und Gips fetischartige Puppen – ganze Körper oder Körperfragmente, die er in den verschiedensten Positionen fotografiert. 1934 erscheint auf Bellmers Kosten Die Puppe mit einem Essay Bellmers und zehn eingeklebten Fotografien. Bellmer schickt die Aufnahmen Paul Éluard und André Breton in Paris, und achtzehn Fotografien werden im Dezember 1934 in der Zeitschrift Minotaure unter dem Titel Poupée: variations sur le montage d’une mineure articulée veröffentlicht. Weitere Arbeiten und deren Veröffentlichung folgen.

Nach dem Tod seiner ersten Frau emigriert Bellmer 1938 endgültig nach Paris, „als“, wie er sagt, „Verweigerung gegenüber dem deutschen Faschismus und der Aussicht des Krieges: Einstellung jeglicher gesellschaftlich nützlicher Tätigkeit.“ In Paris arbeitet er weiter an seinem Puppenthema, aber erst nach dem Krieg kann das Buch Les Jeux de la poupée (Die Spiele der Puppen) mit fünfzehn Aufnahmen Bellmers und vierzehn sie „illustrierenden“ kurzen Gedichten Paul Éluards veröffentlicht werden:

„Es ist ein Mädchen! – Wo sind ihre Augen? – Es ist ein Mädchen! – Wo sind ihre Brüste? – Es ist ein Mädchen! – Was sagt sie? – Es ist ein Mädchen! – Womit spielt sie? Es ist ein Mädchen – es ist ein Wunsch!“

1953 begegnet Hans Bellmer der an Schizophrenie und Depressionen leidenden Schriftstellerin Unica Zürn. Als er sie zum ersten Mal sah, soll er gesagt haben: „Da ist die Puppe.“ Sie ziehen in das Pariser Hotel L’Espérance in der Rue Mouffetard 88, wo sie sich immer mehr von der Außenwelt abschotteten. Bellmer animiert die 37jährige Unica Zürn, Anagramme zu schreiben und stellt fest: Es ist ihre Kunst. Ureigen. Sie ist eine Meisterin dieses Spiels mit Worten:

„88 Rue Mouffetard / Der Mond taucht auf, ich zage, ruft / Die Frau. Ach, magre Notzucht, Duft / Der achtzig Affen. O Traum, du Tuch, / Geruch am Du, Tod traf zu tief nach / Achtundachtzig Rue Mouffetard“

Trotz ärmlicher Verhältnisse ist das Leben auf 42 Quadratmetern eine für beide durch künstlerische Arbeit ausgefüllte Zeit. An den Wänden wimmelt es von Bildern, von der Decke hängen die Puppen und zwischen ihnen die Frau, die für Bellmer die Fleisch gewordene Puppe ist. Er fotografiert und zeichnet sie. Sie dichtet. Sie streiten, trennen sich, finden wieder zueinander. Sie sind abhängig voneinander. In dieser Situation wagt Bellmer ein Experiment: Er verschnürt Unica, nackt, wie zu einem Paket und fotografiert sie. Wie eine seiner Puppen. In ihrem Journal schreibt Unica Zürn über ihn und sich in der dritten unpersönlichen Person: „Bellmer und sie, seit 1953 Kameraden im Elend, eine große Freundschaft… mit Schrecken für sie.“ Ruth Henry schreibt dazu in ihrem Buch „Die Einzige – Begegnung mit Unica Zürn“: „Zwei Wege, die jeder auf seine Weise am Abgrund entlang führten.“

1969 erleidet Bellmer einen Schlaganfall und bleibt halbseitig gelähmt. Eine gewisse Unfähigkeit zu leben hatte er vierzig Jahre lang mit den Mitteln der Kunst negieren können. Die Lähmung des Körpers macht dieser Möglichkeit ein Ende. Obwohl er auf Hilfe angewiesen ist, kann er die Gegenwart Unicas nicht mehr ertragen und will sich nun endgültig von ihr trennen. Im Oktober 1970 stürzt sich Unica Zürn von der Terrasse der gemeinsamen Wohnung in Paris in den Tod. „Der Tod ist die Sehnsucht meines Lebens“, hatte sie in einem Gedicht geschrieben. Bellmer stirbt 1975 vereinsamt ebenfalls in Paris.

Hans Bellmer gilt als einer der wichtigsten Vertreter des Phantastischen Realismus. Ruth Henry hat Unica Zürn mit ihrem Buch ein bewegendes Denkmal gesetzt, das sie auch aus dem Schatten von Hans Bellmer, in dem sie gelebt und geschrieben hat aber auch verkümmert ist, herausholt.

Quellen: wikipedia und Hans Bellmer und Unica Zürn

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