Schneetreiben

Feinfühlig bis in die vierundzwanzigste Ordnung / Der Kristallstruktur auf dem Weg der Versenkung / Fallen sie ineinander, miteinander nieder, / Werden immer stiller, stiller, still… / Bis dieses Fallen in dich übergeht, / Es fällt in dir. Und sieh dir Gott an. / Er schreibt an seinem großen Schneegedicht, / Palimpsest* der Vergegenwärtigung einer Kindheit / Vor Erschaffung der Welt, alles noch unbeschrieben / Und wie eine Eiswüste unendlich, /  Einer Jugend in den Bergen, / Als Wettergott bei Menschen in der Lehre, / Noch grün hinter den Erhörungen. / Bis einer von ihnen ihm seinen Namen entlockte. / TREIBE MEIN WESEN IN DIR. / Da wurde Gott erwachsen. / Du dagegen verlierst dich / Bald schon hinter der nächsten Biegung / Aus den verbeulten Augen, beugst dich hinunter. / In Händen nichts als das nackte Wasser. / Da zieht dir einer diesen Ast über den Schädel, / Um mit Blut in den Schnee zu schreiben: Feinfühlig / Bis in die vierundzwanzigste Ordnung der Kristallstruktur…

Mathias Jeschke

* Ein Palimpsest (maskulinum o. neutrum, agr. πάλιν palin „wieder“ ψάειν psaein „reiben, (ab-)schaben“) ist eine antike oder mittelalterliche Manuskriptseite oder -rolle, die beschrieben, durch Schaben oder Waschen gereinigt und danach neu beschrieben wurde (lat. codex rescriptus). Es ist der Vorgang des Wiederbeschreibens, den man – entgegen der etymologischen Bedeutung – als Palimpsestieren bezeichnet.

Im übertragenen Sinn werden vereinzelt auch Oberflächenstrukturen als Palimpsest bezeichnet, die durch jüngere Einflüsse überprägt und fast unsichtbar wurden – etwa die Geisterkrater im Mond.

Quelle: wikipedia