Finis Operis

Tatsächlich: es / gibt sie die Augenblicke / in denen uns / der letzte Pinselstrich / gelingt / der leuchtende Schlußsatz / die Einstellung mit der / der Film / enden müßte –

Aber dann?

Es geht einfach alles weiter: / die Zeit läuft / (ob du willst oder nicht) / bis der Pinsel / Borsten verliert / die Feder das Papier / zerkratzt / und nur noch / Schatten / über die / Leinwand flimmern.

Ludwig Steinherr, „Finis operis“ aus „Musikstunde bei Vermeer“

Die Antwort ist einfach:

ein Streifen Licht
der durch die angelehnte
Tür auf die Fliesen
fällt auf das Bett
den ausgestreckten
Körper –

Welche Tür?
Welche Fliesen?
Welches Bett?
Welcher Körper?

Auch diese Fragen
gibt es nicht mehr

Auch nicht die Frage
warum all dies
schon Minuten später
nicht mehr
die Antwort sein kann

Ludwig Steinherr
aus: „Musikstunde bei Vermeer“

 

Nackt

Ich habe im Dunkeln
dein drittes Schulterblatt ertastet –

Ich habe das Muttermal entdeckt
tief in deinem Gaumen
die blutrote Hostie –

Ich weiß jetzt: dein kleiner Fingerknöchel
ist ein venezianischer Giftring
ich habe ihn leergesogen
doch ohne zu sterben –

Ich habe das Knistern deiner Seele gehört
als sie sich im Morgengrauen
über den schlafenden Körper erhob
und in den Türspalt trat
fröstelnd –

Nackt stehst du vor mir

und flüsterst mir dein tiefstes
Geheimnis zu –

Ich wußte es immer:

Du bist unsichtbar!

Ludwig Steinherr