Sonett

Wir leben wieder draußen an der Bucht
und Wolken fliegen über uns am Himmel,
es poltert ein ganz heutiger Vesuv
und schüttet Staub herab in diese Gassen,
dass Fensterscheiben klirren in den Häusern.
Auch uns wird diese Asche einst verschütten.

Wie gern würd ich in dieser schwarzen Stunde
mit einer Straßenbahn zum Stadtrand fahren
und in dein Haus eintreten,
wenn dann in Hunderten von Jahren
Ausgräber unser Viertel offenlegen
möchte ich gern dass sie mich wiederfinden
als Teil von Dir für immer, fest umarmt
verschüttet von der neuen Asche.

Joseph Brodsky, „Brief in die Oase“
Hundert Gedichte, aus dem Russischen übertragen von Ralph Dutli

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Die Verben

Um mich scharen sich schweigsame Verben,
fremder Leute Köpfen ähnelnde Verben,
hungrige Verben, nackte Verben,
taube Verben, Hauptverben.

Verben ohne Substantive, einfach: Verben,
Verben, die ihr Leben in Kellern verbüßen,
in Kellern reden, in Kellern geboren werden,
unter einigen Stockwerken Optimismus.

Jeden Morgen gehen sie an die Arbeit,
mischen Zement, schleppen Steine herbei,
sie bauen eine Stadt, doch es wird nie eine Stadt sein,
sie bauen ein Denkmal ihrer Einsamkeit.

Sie gehen fort, wie man fortgeht in fremdes Gedächtnis,
von Wort zu Wort gemessen schreitend.
So werden, mit allen ihren drei Tempi,
die Verben einst Golgatha ersteigen.

Der Himmel ist wie ein Vogel über Gräbern,
und wie vor einer Tür, die man abgesperrt hat,
hämmert irgendwer, hämmert Nägel
in die Vergangenheit, Zukunft und Gegenwart.

Niemand wird kommen und sie vom Kreuz abnehmen.
Zum ewigen Rhythmus wird das Schlagen des Hammers.
Unter ihnen liegt die Hyperbel der Erde.
Über ihnen schwimmt der Himmel der Metaphern.

Joseph Brodsky

Sechs Jahre später

So lange lebten wir zusammen daß
der zweite Januar auf Dienstag fiel wie damals,
und wie ein Scheibenwischer übers Glas
fuhr ihre Braue staunend hoch, verjagte das
verirrte Traurigsein ihr vom Gesicht –
und ungetrübte Ferne zeigte sich.

So lange lebten wir zu zweit daß Schnee
vom Himmel fiel als falle er für immer
und ich, damit ich sie nicht blinzeln seh
legte ihr meine Hand  über die Lider;
die flatterten ungläubig und ganz bang
wie Schmetterlinge in der hohlen Hand.

So fremd war beiden alles Neue daß
an den Umarmungen im Schlaf schon fast
die Psychoanalyse sich abhanden
kam; ihre Lippen längst an mich geschmiegt
und mein Mund der das Kerzenlicht ausblies
nichts andres sehend gleich einander fanden.

So lang zusammen daß die Rosen auf
den abgewetzten häßlichen Tapeten
abwechselten mit Birkenwäldchen kaum
kam beiden etwas Geld hereingeregnet,
und dreißig Tage überm Meer hat dort
das Rot in Zungen der Türkei mit Brand gedroht.

So lange lebten wir zusammen ganz
ohne Gerät und Bücher, Möbel, einzig
auf einem Sofa daß – bevors entstand –
das Dreieck noch ein Lot war beiderseitig,
aufrecht über zwei Punkten meint
verschmolzen beide zwei-in-eins.

So lange lebten wir nur wir zu zweit,
aus unsern Schatten machten wir bereits
uns eine Tür – arbeitend, schlafend, einerlei –
die beiden Flügel blieben immer zu
und plötzlich gingen wir hindurch im Nu
durch einen Hintereingang in die Zukunft ein.

Joseph Brodsky