Hör gut hin

Hör gut hin, Kleine[r], / es gibt Weißblech, sagen sie, / es gibt die Welt, / prüfe, ob sie nicht lügen.

Ilse Aichinger, aus „Verschenkter Rat“

Delil Suleiman / AFP, „Young Iraqi refugee at a camp in al-Hol“ (Syria, October 19, 2016)
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Nachts / Danach

Nachts

Nachts hören, was nie gehört wurde:
Den hundertsten Namen Allahs,
den nicht mehr aufgeschriebenen Paukenton,
als Mozart starb,
im Mutterleib vernommene Gespräche.

Günter Eich

Gustav Klimt, Danaë, 1907-08
Gustav Klimt, „Danaë“ (1907/08)

Danach

Hinausgehen
auf den Flecken,
der still ist,
unter die Sonne,
die heute
das Lärmen läßt,
das alte Geprahle.
Herausfinden,
jetzt herausfinden,
wo die hinrannten,
die hier
verwegen und leise waren
in welchen Gestalten,
Chören, Verfänglichkeiten
sie unauffindbar sind.

Ilse Aichinger

Nur die notwendigen Bewegungen.

Ich habe dieses Buch in meinen Regalen wiedergefunden. Ich habe keine Erinnerung daran, es gelesen zu haben. Ich weiß, dass ich es getan habe, dass ich es war, die es gelesen hat, ich erkenne meine Unterstreichungen wieder, doch ich sehe mich nicht beim Lesen dieses Buches.

So ähnlich beginnt Der Schmerz von Marguerite Duras. (Immer wenn die Mützenfalterin sie erwähnte, wollte ich es einmal wiederlesen.) Ich habe es am 18.03.1986 gekauft, und möglicherweise war es das letzte Buch, bevor ich lange Zeit keines mehr gelesen habe.

Man darf nicht allzu viele Bewegungen machen, das ist vergeudete Energie, man muß alles Kräfte für das Martyrium aufsparen… – Auf den Straßen sind viel zu viele Leute, ich möchte in einer großen Ebene vorwärtsgehen, allein… – Jene, die von Allgemeinheiten leben, haben nichts mit mir gemein… – Sie haben das spezifische Lächeln von Frauen, die wollen, daß man ihre große Erschöpfung wahrnimmt, aber auch ihre Anstrengung, sie zu verbergen…

Ein paar der Unterstreichungen, die mir auf den ersten Seiten wiederbegegnet sind.

Nun lässt der Frühling sein blaues Band wieder flattern, nicht nur in der Natur, auch in der Stadt flattert wieder blütenzarte Wäsche durch die Lüfte, und selbst das Summen der Motoren vernimmt sich plötzlich viel verführerischer als den ganzen Winter über, streift wie etwas von Sehnsucht erfülltes ahnungsvoll das Ohr. Wie jedes Jahr schlägt die Frühjahrsmanie allerorten bei mir ins Gegenteil um. Als müsste ich mich mit Händen und Füßen gegen einen gut gemeinten Ratschlag zur Wehr setzen. Während sich unter immer noch winterhartem Tweed welke Haut in Falten legt, denke ich dann beim Anblick der wehenden Wäsche im Wind.

In die Notwendigkeit des Häutens und Hüllenabwerfens muss ich mich erst wieder einfinden. So lange es irgendwie geht, weiche ich dem aus, verfolge lieber die seichte Fährte des Lichts schweifend im milchigen Mittag. Auch schön. Zu sehen, wie sie von Woche zu Woche länger wird.

…sobald das Leben wieder zu uns zurückkommt, finden sich auch alle Chancen wieder.

Knausgårds Sterben vorerst auf Eis gelegt.

Wie man sich des Lichts der Träume auch am Tage noch erinnert…

Im Traum erschien mir Helene Schjerfbecks Räuber am Tor zum Paradies. Dazu die Worte Ilse Aichingers aus „Kleist, Moos, Fasane“:

Die stumme Landschaft, in die die Stimmen dringen.

Mit jedem in seiner Landschaft ausharren.

Liebe: aus dem Vergleich ziehen.

Nur die notwendigen Bewegungen.

Briefwechsel

Wenn die Post nachts käme / und der Mond / schöbe die Kränkungen / unter die Tür:
Sie erschienen wie Engel / in ihren weissen Gewändern / und stünden still im Flur.

Ilse Aichinger

Briefwechsel

Wenn die Post nachts käme
und der Mond
schöbe die Kränkungen
unter die Tür:
Sie erschienen wie Engel
in ihren weissen Gewändern
und stünden still im Flur.

 

Ilse Aichinger

 

Anmerkung: Eines der Lieblingsgedichte von Friederike Mayröcker.