Nachts / Danach

Nachts

Nachts hören, was nie gehört wurde:
Den hundertsten Namen Allahs,
den nicht mehr aufgeschriebenen Paukenton,
als Mozart starb,
im Mutterleib vernommene Gespräche.

Günter Eich

Gustav Klimt, Danaë, 1907-08
Gustav Klimt, „Danaë“ (1907/08)

Danach

Hinausgehen
auf den Flecken,
der still ist,
unter die Sonne,
die heute
das Lärmen läßt,
das alte Geprahle.
Herausfinden,
jetzt herausfinden,
wo die hinrannten,
die hier
verwegen und leise waren
in welchen Gestalten,
Chören, Verfänglichkeiten
sie unauffindbar sind.

Ilse Aichinger

En Route

Wenn das Fenster geöffnet ist,
Vergänglichkeit mit dem Winde hereinweht,
mit letzten Blütenblättern der roten Kastanie
und dem Walzer „Faszination“
von neunzehnhundertundvier,
wenn das Fenster geöffnet ist
und den Blick freigibt auf Flußhafen und Stapelholz,
das immer bewegte Blattgewirk der Akazie, –
wie ein Todesurteil ist der Gedanke an dich,
Wer wird deine Brust küssen
Und deine geflüsterten Worte kennen?
Wenn das Fenster geöffnet ist
Und das Grauen der Erde hereinweht –
Das Kind mit zwei Köpfen,
– während der eine schläft, schreit der andere –
es schreit über die Welt hin
und erfüllt die Ohren meiner Liebe mit Entsetzen,
(Man sagt, die Mißgeburten nähmen seit Hiroshima zu.)

Wenn das Fenster geöffnet ist, gedenke ich derer,
die sich liebten im Jahre neunzehnhundertundvier
und der Menschen des Jahres dreitausend,
zahnlos, haarlos.

Neil Slavin,
Neal Slavin, „Train Corridor – Enroute to Porto, Portugal“

Wem gibst du den zerrinnenden Blick, der einst mein war?

Unser Leben, es fähret schnell dahin als flögen wir davon
und in den Abgründen wohnt verborgen das Glück.

Günter Eich, „Augenblick im Juni“