Becoming a Vermeer

Diese helle Freude, wann immer mir ein Vermeer begegnet, was will sie mir sagen?

Ein Tag kann eine Perle sein / Und hundert Jahre – Nichts!“, schreibt Gottfried Keller über die Zeit. Und der Guardian über Gerhard Richters Lesende: “He snaps his daughter reading a letter, meditative in the sunshine, and she becomes a Vermeer.”

Bündele das verfügbare Licht, gieße alle Hingabe in den Moment und werde zu einem Vermeer. So einfach ist das.

A thin place ist ein alter keltischer Ausdruck für einen Ort, an dem der Schleier zwischen Himmel und Erde fast transparent ist. Und in den hebräischen Schriften gibt es eine Erzählung, nach der sich Gott anlässlich dramatischer Ereignisse erst recht nicht zu erkennen gibt, selbst wenn wir uns gerade in solchen Momenten besonders danach sehnen. Dagegen tritt er als kaum wahrnehmbares Flüstern in Erscheinung, in a thin silence, da, wo wir ihn am wenigsten vermuten und vermeintlich brauchen würden.

Vermeer übte keine Gesellschaftskritik. Seine Frauen sind keine ausgemachten Schönheiten wie die Mona Lisa oder Botticellis Unvergleichliche. Die Sujets gleichen sich, unterscheiden sich lediglich in dem, was seine Figuren gerade tun und worin sie so ganz und gar aufgehen. Wie der Maler selbst, vermutlich.

Ich möchte mein Ohr an diese Bilder legen. Ich würde zu gerne jenes kaum wahrnehmbare Flüstern vernehmen, das Vermeer in ihnen eingschlossen hat und das die Jahrhunderte überdauert wie die Inklusen zartgeflügelter Insekten in Bernstein.

„Ein Etwas, form- und farbenlos, / Das nur Gestalt gewinnt, / Wo ihr drin auf und nieder taucht, / Bis wieder ihr zerrinnt.“

Five Years

Für Asallime: Hörst du drei oder vier Lieder mit mir?

Seine Tage waren schon immer gezählt. Nichtsdestotrotz hielt sich der Schuppen – jahrzehntelang – im Hinterhof eines sanierungsbedürftigen Altbaus. Bis sich am Ende doch noch ein Investor gefunden hat. Heute gibt es das Roxy nicht mehr. Time flies oder: Die Zeit geht nicht, sie stehet still, wir ziehen durch sie hin…

Zu einer Zeit jedenfalls, als mein Trommelfell noch nicht rebellierte, sobald die Bässe zu vibrieren begannen, zog es auch mich dorthin. Ich war neu in der Stadt. Ich kannte niemanden. Ich dachte, das wäre gut so. Jemanden kennen bedeutete, früher oder später etwas von mir preisgeben zu müssen. Die DJs trugen orangefarbene Overalls wie Gefallene aus einem anderen Orbit. Und erst viel später würde einer von ihnen mein Vorgesetzter sein. Ich habe mich immer gefragt, was aus seinem orangefarbenen Overall geworden ist. Ob er ihn einfach irgendwann abgestreift hat wie eine blutleere Haut oder an die Wand des stillen Kämmerleins genagelt, in dem er noch immer die alten Platten auflegt. Aber als ich dort im Roxy stand, unter jener Glasglocke, die ich nun schon eine ganze Weile mit mir herumschleppte und die, hartnäckig wie sie war, ihren Platz beanspruchte inmitten der Welt da draußen, hatte ich keine Ahnung, wie das Leben sich verlaufen oder, sagen wir, keinen Plan, wie sich das in letzter Minute vielleicht verhindern lassen konnte.

Ziellos ließ ich meine Blicke schweifen, bis sie eines Abends an jemandem hängenblieben, der aussah wie David Bowie, ja, in meiner Erinnerung hat er sogar diese beiden verschiedenfarbigen Augen. Von da an tauchte er immer wieder auf, wie aus dem Nichts, und war auch jedes Mal genau so plötzlich wieder verschwunden. Eine jener creatures of the night, bei denen ich mir nicht sicher bin, ob sie meinen Weg tatsächlich gekreuzt haben oder mir nur im Traum begegnet sind. Aber wenn er da war, konnte ich meine Augen nicht von ihm lassen, was mir im übrigen als vollkommen risikoloses Unterfangen vorkam, denn niemals nahm er auch nur irgendeine Notiz von mir.

Heute würde ich ihn als rauchblauen Engel mit einem grauen Flügelpaar malen, don’t think you knew you were in this song, oder als arroganten Schnösel, der sich heimlich genau daran weidete. Wie auch immer, sowohl das eine wie das andere sagt sicher mehr über mich als über die Erscheinung des Menschen, der gemeint ist.

Vielleicht wäre ich irgendwann sogar aus meiner Deckung gekommen, doch von einem Tag auf den anderen war er für immer verschwunden. Ich hatte keinen Namen, nichts. Ich habe ihn einfach nie wieder gesehen, und, um es mit Patrick Modiano zu sagen: Er wird ein Rätsel bleiben, wie so viele andere […] Gesichter, die wir für einen Augenblick entdecken und die in unserer Erinnerung leuchten mit dem Flimmern eines fernen Sterns, bevor sie am Tag unseres Todes erlöschen, ohne ihr Geheimnis preisgegeben zu haben.

And now, Ladies and Gentlemen:

 

Trauerweide

1.

Es schneit und eist den ganzen Tag,
Der Frost erklirret scharf und blank,
Und wie ich mich gebärden mag –
Es liegt ein Mägdlein ernstlich krank.

Das Rosengärtlein ist verschneit,
Das blühte als ihr Angesicht,
Noch glimmt, wie aus der Ferne weit,
Der Augen mildes Sternenlicht.

Noch ziert den Mund ein blasses Rot
Und immer eines Kusses wert;
Sie lässt’s geschehen, weil die Not
Die Menschenkinder beten lehrt.

„Ich lieb’ auch deinen lieben Mund,
Lieb’ deine Seele nicht allein –
Im Frühling wollen wir gesund
Und beide wieder fröhlich sein!

Ich lieb’ auch deiner Füße Paar,
Wenn sie in Gras und Blumen gehn;
In einem Bächlein sommerklar
Will ich sie wieder baden sehn!

Auf dem besonnten Kieselgrund
Stehn sie wahrhaftig wie ein Turm,
Obgleich der Knöchel zartes Rund
Bedroht ein kleiner Wellensturm!“

Da scheint die Wintersonne bleich
Durchs Fenster in den stillen Raum,
Und auf dem Glase, Zweig an Zweig,
Erglänzt ein Trauerweidenbaum!

2.

O Erde, du gedrängtes Meer
Unzähliger Gräberwogen,
Wie viele Schifflein kummerschwer
Hast du hinuntergezogen,
Hinab in die wellige grünende Flut,
Die reglos starrt und doch nie ruht!

Ich sah einen Nachen von Tannenholz,
Sechs Bretter von Blumen umwunden,
Drin lag eine Schifferin bleich und stolz,
Sie ist versunken, verschwunden!
Die Leichte fuhr so tief hinein,
Und oben blieb der schwere Stein!

Ich wandle wie Christ auf den Wellen frei,
Als die zagenden Jünger ihn riefen;
Ich senke mein Herz wie des Lotsen Blei
Hinab in die schweigenden Tiefen;
Ein schmales Gitter von feinem Gebein,
Das liegt dort unten und schließt es ein.

Die Trauerweide umhüllt mich dicht,
Rings fließt ihr Haar aufs Gelände,
Verstrickt mir die Füße mit Kettengewicht
Und bindet mir Arme und Hände:
Das ist jene Weide von Eis und Glas,
Hier steht sie und würgt mich im grünen Gras.

Gottfried Keller