Taking off Emily Dickinson’s Clothes

 

Emily Dickinson
Emily Dickinson (* 10.12.1830, Amherst/Massachusetts; † 15.05. 1886, ebenda)

First, her tippet made of tulle,
easily lifted off her shoulders and laid
on the back of a wooden chair.

And her bonnet,
the bow undone with a light forward pull.

Then the long white dress, a more
complicated matter with mother-of-pearl
buttons down the back,
so tiny and numerous that it takes forever
before my hands can part the fabric,
like a swimmer’s dividing water,
and slip inside.

You will want to know
that she was standing
by an open window in an upstairs bedroom,
motionless, a little wide-eyed,
looking out at the orchard below,
the white dress puddled at her feet
on the wide-board, hardwood floor.

The complexity of women’s undergarments
in nineteenth-century America
is not to be waved off,
and I proceeded like a polar explorer
through clips, clasps, and moorings,
catches, straps, and whalebone stays,
sailing toward the iceberg of her nakedness.

Later, I wrote in a notebook
it was like riding a swan into the night,
but, of course, I cannot tell you everything –
the way she closed her eyes to the orchard,
how her hair tumbled free of its pins,
how there were sudden dashes
whenever we spoke.

What I can tell you is
it was terribly quiet in Amherst
that Sabbath afternoon,
nothing but a carriage passing the house,
a fly buzzing in a windowpane.

So I could plainly hear her inhale
when I undid the very top
hook-and-eye fastener of her corset

and I could hear her sigh when finally it was unloosed,
the way some readers sigh when they realize
that hope has feathers,
that reason is a plank,
that life is a loaded gun
that looks right at you with a yellow eye.

Billy Collins


EMILY DICKINSON ENTKLEIDEN

Zuerst ihre Pellerine aus Tüll,
leicht die Schultern hinab
über die Lehne des hölzernen Stuhls gleiten lassen.

Und mit leichter Hand
die Schleife ihrer Haube lösen.

Dann ihr langes weißes Kleid, ein wenig
komplizierter schon, mit seinen Perlmuttknöpfen,
die den Rücken hinunterlaufen,
so winzig und zahlreich, dass es ewig dauert,
bis meine Hände den Stoff endlich in der Mitte teilen können,
wie ein Schwimmer das Wasser,
wenn er hinein springt.

Es wird Sie vielleicht interessieren,
dass sie reglos am offenen Fenster eines
der oberen Schlafzimmer stand und mit weit geöffneten Augen
in den Garten hinaus blickte,
das weiße Kleid zu ihren Füßen,
eine Wolke auf den breiten Holzdielen.

Die Komplexität der Damenunterwäsche
im Amerika des 19. Jahrhunderts
ist eine bekannte Tatsache,
und so tastete ich mich, einem Polarforscher gleich, immer weiter vor
durch Klemmen, Haken, Verschlüsse,
Ösen, Bänder und Fischbeinstützen
auf dem Weg zum Eisberg ihrer Nacktheit.

Später schrieb ich in mein Notizbuch,
es war, als ritte man auf einem Schwan durch die Nacht,
aber natürlich kann ich Ihnen nicht alles erzählen –
die Art, wie sie ihre Augen vor dem Garten verschloß,
wie ihr Haar, befreit von seinen Spangen, hinab fiel,
die plötzlichen Gedankenstriche,
die unser Sprechen durchbrachen.

Was ich Ihnen mit Sicherheit sagen kann ist,
dass es unerträglich still war
an jenem Sonnabend nachmittag in Amherst,
nur das Geräusch eines Furhrwerks durchzog das Haus,
und das Brummen einer Fliege am Fenster.

So konnte ich sie tief einatmen hören
als ich die letzten Haken und Ösen ihres Korsetts löste,

und konnte sie seufzen hören, als es endlich aufsprang,
so wie Leser bisweilen seufzen, wenn sie erkennen,
dass die Hoffnung gefiedert ist,
dass die Vernunft eine Planke ist,
dass das Leben ein geladenes Gewehr ist,
das aus einem gelben Auge direkt auf dich blickt.

 Aus dem amerikanischen Englisch frei übertragen von Stefanie Golisch

Quelle: Fixpoetry