Die Anrufung des Großen Bären

Großer Bär, komm herab, zottige Nacht,
Wolkenpelztier mit den alten Augen,
Sternenaugen,
durch das Dickicht brechen schimmernd
deine Pfoten mit den Krallen,
Sternenkrallen,
wachsam halten wir die Herden,
doch gebannt von dir, und mißtrauen
deinen müden Flanken und den scharfen
halbentblößten Zähnen,
alter Bär.

Ein Zapfen: eure Welt.
Ihr: die Schuppen dran.
Ich treib sie, roll sie
von den Tannen im Anfang
zu den Tannen am Ende,
schnaub sie an, prüf sie im Maul
und pack zu mit den Tatzen.

Fürchtet euch oder fürchtet euch nicht!
Zahlt in den Klingelbeutel und gebt
dem blinden Mann ein gutes Wort,
daß er den Bären an der Leine hält.
Und würzt die Lämmer gut.

’s könnt sein, daß dieser Bär
sich losreißt, nicht mehr droht
und alle Zapfen jagt, die von den Tannen
gefallen sind, den großen, geflügelten,
die aus dem Paradiese stürzten.

Ingeborg Bachmann

[fremd bin ich eingezogen unter meine haut]

Eva Rubinstein, „Bed in Mirror“ (Rhode Island, 1972)

fremd bin ich eingezogen unter meine haut / so lässt sich das am anschaulichsten sagen / im spiegel das visavis es bleibt unvertraut / besser so als anders kein grund, zu klagen

das hirn vollgepumpt mit sehnsuchtsdrogen / mit chimären die den winter pulverisieren / der blick hat sich den raum zurechtgebogen  / um die tür nicht aus den augen zu verlieren

sitze ich in mir mit dem rücken zur wand / tu so als hätte es sich zwangsläufig ergeben / die koffer griffbereit den pass in der hand

wie ein schlafgänger im körpereigenen haus / keine ahnung wer mich treibt so zu leben / ich weiß nur eins fremd zieh ich wieder aus

Christoph W. Bauer

Hör gut hin

Hör gut hin, Kleine[r], / es gibt Weißblech, sagen sie, / es gibt die Welt, / prüfe, ob sie nicht lügen.

Ilse Aichinger, aus „Verschenkter Rat“

Delil Suleiman / AFP, „Young Iraqi refugee at a camp in al-Hol“ (Syria, October 19, 2016)

They sentenced me to 20 years of boredom oder Schnee, der auf Linden fällt.

Literweise Lindenblütentee trinken und sich von fiebrigen Assoziationen treiben lassen. In die Untiefen des Blogs eintauchen und alte Einträge zutage fördern…

…gefegt vom Lindenbaum, in der Allee, 1 Ästchen grünes Laub 1 Ästchen Lindenbaum, 1 Gedichtzeile womöglich

…und ich liesz meine Arme / Augen emporfliegen zu den Häuptern der Linden welche in 1 Allee in der Strasze, und ihren Duft verströmten…

Friederike Mayröcker

Seit einigen Nächten nun, nur geträumt, logiere ich immer im selben Hotel. Ich checke ein, der Empfangschef weist mir einen Parkplatz zu, dann zerfließt alles in einem Mix aus mehr gefühlten denn konkreten Inhalten…

Der Mond. La Lune. The Moon. Ein Bilderbuchmond. Ein Kinomond. Wie ein Stück Leinwand leuchtend im kreisrunden Lichtkegel eines imaginären Projektors. Durchzogen von einer geheimnisvollen blau-violetten Schwade: der Atemhauch eines eng umschlungenen Paares an einem fernen Horizont oder der feucht-heiße Odem eines einsam heulenden Wolfes. Mühelos liefert der Kopf Bild und Ton zur himmlischen Dramaturgie. Der inszenierte Partyrummel verblasst, verklingt. Ein Vorhang fällt. Dein Film läuft Backstage.

Im Park knistern die letzten Regentropfen im Laub. Die Blütenkelche des Jasmin prangen wie Sterne im dunklen Spalier. Ihr betörender Duft mischt sich mit dem der Lindenblüten, die goldgelben Glöckchen gleich von den Zweigen baumeln. Ein leises Potpourri fernab des ohrenbetäubenden Lärms.

Aus einem Brief Bettina Brentanos an ihren Bruder Clemens:

Die Linden blühen, Clemente, und der Abendwind schüttelt sich in ihren Zweigen. Wer bin ich, daß ihr mir all euren Duft zuweht, ihr Linden? Ach, sagen die Linden, Du gehst so einsam zwischen unseren Stämmen herum und umfaßt unsre Stämme, als wenn wir Menschen wären, da sprechen wir dich an mit unserm Duft.

Ich liebe diesen Duft, auch weil er mich an eine reich bebilderte Geschichte erinnert, die ich als Kind gelesen habe. Sie handelte von einem kleinen Jungen, der sich des nachts auf einer Baustelle herumtreibt, wo die Arbeitsgeräte plötzlich zu mysteriösem Leben erwachen. Irgendwann beginnt es zu regnen. Vollkommen durchnässt findet er sich nach diesem traumhaften Abenteuer in seinem Bette wieder. Am nächsten Morgen ist er krank. Die Mutter kocht ihm heißen Lindenblütentee, von dem gesagt wird, dass er scheußlich schmecke. Kaum zu glauben, wo die frischen Blüten doch so köstlich riechen.

Nie wollte ich so krank sein, dass meine Mutter mir heißen Lindenblütentee würde einflößen müssen, denn bei der Vorstellung, Kamille und Pfefferminze würden einmal nicht mehr ihre Wirkung tun, schauderte mir.

Was wohl die Botschaft dieser Geschichte war? Betreten der Baustelle bei Strafe verboten? Oder: Mach Dir nichts vor, das Leben ist kaum mehr als ein Fiebertraum.

Das Buch dürfte bei einem Umzug auf der Strecke geblieben sein. Merkwürdig: An seinen Titel erinnere ich mich nicht mehr, wohl aber daran, dass es in einem DDR-Verlag erschienen war.

Und dann ist da noch Wilhelm Müllers Lindenbaum: Ich träumt‘ in seinem Schatten so manchen kühlen Traum. Ja, es ist Sommer, und ich höre die Winterreise. Manchmal ist es gut, wenn einer den Finger in die Wunde legt und sagt: „Sieh. Hier. Du blutest.“

Sterne im September

Bei Katja Schraml alias Herrn Zitter ein Gedicht von Ingeborg Bachmann wiederentdeckt. Ich  erlaube mir, meine Lieblingszeilen an dieser Stelle zu ergänzen:

In die Formel unfruchtbarer Gedanken / fügt sich das Universum nach dem Beispiel / des Lichts, das nicht an den Schnee rührt.

Unter dem Schnee wird auch Staub sein / und, was nicht zerfiel, des Staubes / spätere Nahrung. O Wind, der anhebt!

Ingeborg Bachmann, „Sterne im März“

Frau am Fenster IV

Welch eine sonderbare und großartige Erfindung ist doch Glas – nah zu sein, ohne aneinanderzugeraten. … Ich sitze hinter Glas, still, mein eigenes Porträt.

Tomas Tranströmer, „Isländischer Orkan“ in „Sämtliche Gedichte“

Die Zeichnende junge Frau wird erst seit 1996 Marie-Denise Villers zugeschrieben und ist möglicherweise ein Selbstporträt der Künstlerin. Ihr bevorzugtes Motiv waren Bildnisse junger Frauen unter dem selbst gewählten Begriff études des femmes.

Karyatide

Sieh‘ dieses Sommers letzten blauen Hauch / auf Astermeeren an die fernen  / baumbraunen Ufer treiben, tagen / Sieh‘ diese letzte Glück-Lügenstunde / unserer Südlichkeit, / hochgewölbt.

Gottfried Benn

Ein helles Weiß, eine Schande, ein Tintenfleck, rosiger Liebreiz.

The first step is understanding the story. And then it’s finding the places where you think pictures might happen.

Amy Toensing

 

Amy Toensing zum Bild links:

UTUADO, PR – AUGUST 01: Little girl dresses hang from a laundry line on a porch August 1, 2002 in Utuado, Puerto Rico. Puerto Rico was an outpost of Spanish colonialism for 400 years, until the United States took possession in 1898. Today Puerto Rico’s Spanish–speaking culture reflects its history – a mix of African slaves, Spanish settlers, and Taino Indians. Puerto Ricans fight in the U.S. armed forces but are not entitled to vote in presidential elections. They passionately debate their relationship with the U.S. with about half the island wanting to become the 51st state and the other half wanting to remain a U.S. commonwealth. A small percentage feel the island should be an independent country. While locals grapple with the evils of a burgeoning drug trade and unchecked development, drumbeats still drive the rhythms of African-inspired bomba music.

Teju Cole zum Bild rechts:

„The Superhero Photographs of the Black Lives Matter Movement“

Zur Überschrift:

Gertrude Stein, „Drei Gedichte“

Eine schwarze Höhle ist unser Schweigen…

…Daraus bisweilen ein sanftes Tier tritt / Und langsam die schweren Lider senkt. / Auf deine Schläfen tropft schwarzer Tau,

Das letzte Gold verfallener Sterne.

Georg Trakl, „Ellis, wenn die Amsel im schwarzen Wald ruft“

Edouard Manet - Jeanne Duval, Baudelaire's Mistress, Reclining (Lady with a Fan) - 1862
Edouard Manet, „Lady with a Fan“(1862)

Die Dame mit dem Fächer war Charles Baudelaires Geliebte Jeanne Duval. Manet malte sie im Jahr ihres vermuteten Todes – 1862. Sowohl Baudelaire als auch Duval waren an Syphilis erkrankt. Es scheint ungeklärt, wer von beiden tatsächlich zuerst verstarb.

Im Zeitpunkt der Entstehung dieses Bildes war Jeanne bereits erblindet und gelähmt. Zwei schwarze Augenhöhlen, ein ungelenk unter der Krinoline hervorragendes Bein und eine unproportioniert groß und männlich wirkende Hand irritieren den Betrachter. Gleichzeitig quillt das Bild beinahe über von einem Berg aus Tüll, der wie in einem letzten Aufbäumen die Hinfälligkeit des Körpers unter sich begräbt. Halb weht es, halb liegt es kunstvoll drapiert über die Lehne des Canapés, ein zartes Gardinengespinst, dahinter das letzte Gold verfallener Sterne bereits verglüht scheint.

Aufmerksam wurde ich auf das Bild durch einen raffinierten Schnappschuss von Gueorgui Pinkhassov.

Der Tod ist die Kurve an einer Straße

Abbas Kiarostami (* 2. Juni 1940 in Teheran; † 4. Juli 2016 in Paris)

Der Tod ist die Kurve an einer Straße. / Das Sterben entrückt nur dem sehenden Sinn. / Lausch ich, hör ich deine Schritte / Dasein wie ich selber bin.

Die Erde ist aus Himmel geschaffen. / Die Lüge hat kein Geheg. / Niemand ging jemals verloren. / Alles ist Wahrheit und Weg.

Fernando Pessoa

Alles nur geliehen

Zwar ist längst nicht mehr April, das Wetter macht aber dennoch, was es will. Irgendwie ist das Gebaren dieses Sommers auch eine sinnfällige Metapher für den Lauf des Jahres so far.

Am 30. Juni ist Geoffrey Hill gestorben. Ich liebe seinen September Song.

In einem Interview in der Paris Review sagte er einmal, „schwierig“ zu sein bedeute demokratisch zu sein, denn das Verlangen nach dem Einfachen gleiche dem Verlangen eines Tyrannen.

Gestern ist auch Elie Wiesel gestorben:

Is there a prayer for prayers? If not, it should be invented. Leah told him one day: „I am grateful to you not only for what you do and what you are, but also for what I am. I am grateful to you for that very gratitude.“ And Moshe answered her: „I like what you just said but you must never say it again.“ And Leah understood. At the end of the world there is silence, at the end of silence there is the gaze.

Elie Wiesel, „The Oath“

Wer könnte den Bogen besser spannen zwischen the cruellest month und dieser Stille – als Tomas Tranströmer:

April und Schweigen

Öde liegt der Frühling
Der samtdunkle Wassergraben
kriecht neben mir
ohne Spiegelbilder.

Das einzige, was leuchtet,
sind gelbe Blumen.

In meinem Schatten werde ich getragen
wie eine Geige
in ihrem schwarzen Kasten.

Das einzige, was ich sagen will,
glänzt außer Reichweite
wie das Silber
beim Pfandleiher.

Dazu gibt es am Ende auch ein sprechendes Bild von Teju Cole – siehe hier.

Meanwhile in France wird Fußball gespielt und ein paar Zwerge proben unbeirrt den Aufstand. Ich liebe es. Auch das.

Alles nur geliehen.

Warum Java und wann

Wer weiß wie helle Raben
warum blaue Lava und schwarzer Sand

oder der Junge mit den Schwefelhölzern
dem man noch immer sagt er solle kein Mädchen sein
oder die Königin mit der Männerhand

wer weiß schon Inseln
warum Java und wann

Angelika Stallhofer

Quelle: Fixpoetry

Little Loss

(1)

ich goss mir den morgen ins glas.
auch die pupille schon flüssig, du warst
ein schnappschuss in meinem kopf.

was hast du? – als müsse man alles
begreifen / den aus der sonne
gelassenen korken, geschosse,

das licht, die berichterstattung.
und gestern schon wissen, was morgen

Sina Klein

Quelle: Fixpoetry

Ziemlich viel Glück

Gustav Klimt - Fischblut - 1898
Gustav Klimt, „Fischblut“ (1898)

Ziemlich viel Glück / Gehört dazu, / Daß ein Körper auf der Luft / Zu schweben beginne / Mit Brust, Achsel und Knie / Und auf dieser Luft / einem anderen Körper begegne, / Wie er / Unterwegs.

Die Atmosphäre macht / Zwei innige Torsen aus ihnen. / Unbemerkt beschreibt ihr Entzücken / Zärtliche Linien in Baumkronen. / Eine ganze Zeit noch / Ist Ihr Flüstern zu vernehmen, / Und wie sie einander / Das schenken, /  Was leicht an Ihnen ist.

Glücklichsein beginnt immer / Ein wenig über der Erde.

Der einsame Engel

Auf dem Fensterbrett brannte eine dicke weiße Kerze, die er jeden Abend dorthin stellte. Er sprach nicht darüber, doch ich war mir sicher, dass er die Kerze wegen meiner Mutter anzündete. Damit sie uns von der anderen Welt aus sehen konnte.

Friedrich Ani, „Der einsame Engel“

wie vordem die Birke oder Weide den Blick hielt

 

Alexey Titarenko - Untitled - Beach 1 - 1999
Alexey Titarenko, „Untitled“ (Beach 1, aus der Serie „Time standing still“, 1999)

Behältnisse : ach welch 1 Pomp (die flüssige Schokolade und wie die Fingerspitzen noch lange riechen), ach welch 1 Jubel : 1 leerer Kofferz.B., in welchen man Flieder z.B., Fliedersträusze verpackt usw., oder die ganze Mongolei z.B., den Atlas, das welkende Mimosenbäumchen z.B., den Duft des Jasmin oder 1 Singvögelchen, Übersee, die Übungen die Etüden, die Götter des Weinens, die Tränen welche er mir weggeküszt, usw., die lieblichen Ohren der Schwester, die Morgenröte (Fuszreise der Aurora), die Küsse die vielen Küsse des Freunds und wie er über den gedeckten Tisch hinweg seine Arme streckte nach mir, die Veilchen ach Magritte’s Veilchengesicht einer Frau, das Strumpfband, die Arien der Maria Callas, die wechselnden Jahreszeiten, die Flamme des Herzens in einem Taumel der Liebe, das Rumoren des Vögelchens welches in meine Kammer sich verflogen hatte, das Adieu, das lange Adieu z.B. am Ende, das lange Adieu am Ende unseres Lebens nämlich “wie vordem die Birke oder Weide den Blick hielt“, so Elke Erb

10.7.11

Friederike Mayröcker, aus den „études“

Synchronizitäten:

Andreas Reichel, „Das Wort zum Sonntag 7“

Mirko Bonné, „Das Adieu, das lange Adieu“

Alles zählt

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Fan Ho, „Journey to Uncertainty“

Weil sie schon früh wusste, vor allem anderen würde sie ihr Augenlicht verlieren, begann diese Patentante, Gedichte auswendig zu lernen. Celan und Rilke vor allem, sie kaute wochenlang auf einzelnen Wörtern und Versen herum, bis sie deren Bedeutung ganz erfasst hatte. Oder so weit, wie der Dichter das zuließ. Sie verlor ihren Verstand nie. Und mit dem letzten Gedicht, das sie lernte, es war eine der Elegien, spürte sie, wie sich noch einmal ein Raum voller unbekannter Empfindungen und Gedanken öffnete. „Nirgends, Geliebte, wird Welt sein als innen. [Unser Leben geht hin mit Verwandlung.] Und immer geringer schwindet das Außen.“ Es war ein Raum, zu dem sie erst Zutritt erlangte, als der Tod schon in der Zimmerecke stand und immer öfter zu ihr herüberschaute. Sie hatte ihr das erzählt, um ihr zu sagen, es gibt trotz allem etwas, das nur das Alter zu geben vermag.

Verena Lueken, „Alles zählt“

Dinge

die dinge sind heute irgendwie einsam / die dinge sind wie vasen ohne freunde / sind wie das buffet hier mit seiner schweren / platte an die wand gestellt und stehngelassen. / haben die dinge, wollen wir wissen / denn keine anderen dinge zum spielen? / hat man den dingen denn nichts, aber auch / gar nichts gegeben, was sie halten können? / doch wenn wir einmal ehrlich wären / würden wir nur eines wissen wollen / wo die dinge geblieben, die unsere schuld  / auf sich zu nehmen gewillt sind. / fadenförmige ich, kreiselförmiger du

Monika Rinck

Nachts / Danach

Nachts

Nachts hören, was nie gehört wurde:
Den hundertsten Namen Allahs,
den nicht mehr aufgeschriebenen Paukenton,
als Mozart starb,
im Mutterleib vernommene Gespräche.

Günter Eich

Gustav Klimt, Danaë, 1907-08
Gustav Klimt, „Danaë“ (1907/08)

Danach

Hinausgehen
auf den Flecken,
der still ist,
unter die Sonne,
die heute
das Lärmen läßt,
das alte Geprahle.
Herausfinden,
jetzt herausfinden,
wo die hinrannten,
die hier
verwegen und leise waren
in welchen Gestalten,
Chören, Verfänglichkeiten
sie unauffindbar sind.

Ilse Aichinger

En Route IV

Charles Harbutt, "Le Mistral, Enroute Arles-Paris" (1975)
Charles Harbutt, „Le Mistral, Enroute Arles-Paris“ (1975)

Schwer zu verstehen
ist nämlich die Landschaft,
wenn du im D-Zug von dahin
nach dorthin vorbeifährst,
während sie stumm
dein Verschwinden betrachtet.

W. G. Sebald

Quelle: Die Mützenfalterin

Die gestundete Zeit

Es kommen härtere Tage. / Die auf Widerruf gestundete Zeit / wird sichtbar am Horizont. / Bald mußt du den Schuh schnüren  / und die Hunde zurückjagen in die Marschhöfe. / Denn die Eingeweide der Fische / sind kalt geworden im Wind. / Ärmlich brennt das Licht der Lupinen. / Dein Blick spurt im Nebel: / die auf Widerruf gestundete Zeit / wird sichtbar am Horizont…

Ingeborg Bachmann, „Die gestundete Zeit“

But soft!, what light through yonder window breaks?

Cecil Beaton, "Greta Garbo" (Plaza Hotel,  New York 1946)
Cecil Beaton, „Greta Garbo“ (Plaza Hotel, New York 1946)

Irgendwer geht in ein haus hinein und betrachtet von seinem fenster aus die straße.

Irgendwer geht aus einem haus hinaus und betrachtet von der straße aus sein fenster…

Irgendwer ist gestorben und wird von denen betrachtet die trotzdem vorbeigehen.

Irgendwer ist gestorben und wird bei anbruch der dunkelheit aus seinem haus hinausgetragen.

Irgendwer ist gestorben und wird von andern betrachtet die endlich blind sind.

Irgendwer steht still und ist endlich alleine mit dem andern toten.

Inger Christensen, aus: „det/das“

Dialog

ERINNERUNG AN FRANKREICH (1948)

Du denk mit mir: der Himmel von Paris, die große Herbstzeitlose…
Wir kauften Herzen bei den Blumenmädchen:
sie waren blau und blühten auf im Wasser.
Es fing zu regnen an in unserer Stube,
und unser Nachbar kam, Monsieur Le Songe, ein hager Männlein.
Wir spielten Karten, ich verlor die Augensterne;
du liehst dein Haar mir, ich verlors, er schlug uns nieder.
Er trat zur Tür hinaus, der Regen folgt‘ ihm.
Wir waren tot und konnten atmen.

Paul Celan

PARIS (1952)

Aufs Rad der Nacht geflogen
schlafen die Verlorenen
in den donnernden Gängen unten
doch wo wir sind, ist Licht.

Wir haben die Arme voll Blumen,
Mimosen aus vielen Jahren;
Goldnes fällt von Brücke zu Brücke
atemlos in den Fluss.

Kalt ist das Licht,
noch kälter der Stein vor dem Tor,
und die Schalen der Brunnen
sind schon zur Hälfte geleert.
Was wird sein, wenn wir, vom Heimweh
benommen bis ans fliehende Haar,
hier bleiben and fragen: was wird sein,
wenn wir die Schönheit bestehen?

Auf den Wagen des Lichts gehoben,
wachend auch, sind wir verloren,
auf den Straßen der Genien oben,
doch wo wir nicht sind, ist Nacht.

Ingeborg Bachmann

STILLE! (1952)

Stille! Ich treibe den Dorn in dein Herz,
denn die Rose, die Rose
steht mit den Schatten im Spiegel, sie blutet!
Sie blutete schon, als wir mischten das Ja und das Nein,
als wirs schlürften,
weil ein Glas, das vom Tisch sprang, erklirrte:
es läutete ein eine Nacht, die finsterte länger als wir.
Wir tranken mit gierigen Mündern:
es schmeckte wie Galle,
doch schäumt‘ es wie Wein –
Ich folgte dem Strahl deiner Augen,
und die Zunge lallte uns Süße…
(So lallt sie, so lallt sie noch immer.)

Stille! Der Dorn dringt dir tiefer ins Herz:
er steht im Bund mit der Rose.

Paul Celan

SCHATTEN ROSEN SCHATTEN (1956)

Unter einem fremden Himmel
Schatten Rosen
Schatten
auf einer fremden Erde
zwischen Rosen und Schatten
in einem fremden Wasser
mein Schatten

Ingeborg Bachmann

aus „Poetische Korrespondenzen“

Gott, mit dem Gesicht zum Meer

Wir hatten hinter uns Schritte und das Geraschel von trockenem Laub vernommen, von einem, der zugleich müde und eilig einherging. Es war der Maler Joan Miró, der uns einzuholen versuchte. Unter jedem Arm trug er ein ziemlich schweres, buntes Herz-Jesu-Bild. Er teilte uns mit, dass er Gott gesucht und sich letztendlich mit einer Annäherung zufriedengegeben habe. Einer aus unserer Gruppe – einer, der in den Cafés immer den Schal in der Garderobe vergisst – antwortete ihm, dass er Gott, stark und ewig, Anfang und Ende von allem, Vermesser des Absoluten, allgegenwärtig, zu jeder Stunde und in jedem Land, mit dem Meer zugewandtem Gesicht, geduldig und barmherzig bei den Alten und Rentnern sitzend finden könne, auf der Bank der Wenn’s-Nicht-So-Wäre.

Josep Vicenç Foix

Aus dem Katalanischen übersetzt von Johannes Beilharz. Die Vorlage stammt aus: J. V. Foix, Obres Completes, 1985.

Quelle: Fixpoetry

Joan Miró, "Photo: This is the color of my dreams" (1925)
Joan Miró, „Photo: Ceci est la couleur de mes rêves“ (1925)

Finis Operis

Tatsächlich: es / gibt sie die Augenblicke / in denen uns / der letzte Pinselstrich / gelingt / der leuchtende Schlußsatz / die Einstellung mit der / der Film / enden müßte –

Aber dann?

Es geht einfach alles weiter: / die Zeit läuft / (ob du willst oder nicht) / bis der Pinsel / Borsten verliert / die Feder das Papier / zerkratzt / und nur noch / Schatten / über die / Leinwand flimmern.

Ludwig Steinherr, „Finis operis“ aus „Musikstunde bei Vermeer“

En Route III

Sergey Ponomarev, "Looking out of the train carrying refugees through Macedonia, to its border with Serbia"
Sergey Ponomarev, „Looking out of the train carrying refugees through Macedonia, to its border with Serbia“

Der Schleppdampfer ist sommersprossig vor Rost. Was tut er hier, so tief im Land drinnen?
Er ist eine schwere erloschene Lampe in der Kälte.
Aber die Bäume haben wilde Farben. Signale zum anderen Ufer!
Als wollten welche geholt werden.

Auf dem Weg nach Haus sehe ich die Tintenpilze durch die Grasnarbe schießen.
Sie sind die hilfesuchenden Finger von einem,
der lange vor sich hingeschluchzt hat im Dunkeln dort unten.
Wir gehören der Erde.

Tomas Tranströmer, „Skizze im Oktober“

Hier sehr schön interpretiert von Herbert Steib.

Bildquelle: New York Times Lens Blog, „On Migrant Trail, Melding Words and Images“

Ich bin in Sehnsucht eingehüllt

Es sind meine Nächte
durchflochten von Träumen,
die schwer sind wie müder Sand.
Ich träume, es fallen von sterbenden Bäumen
die Blätter in meine Hand.

Ugo Mellone, "Butterfly in Crystal" (2015)

Und alle diese Blätter,
sie werden zu Händen,
die zärteln wie rollender Sand
und müd sind wie Falter, die wissen: sie enden
noch eh‘ sie ein Sonnenstrahl fand.

Selma Meerbaum-Eisinger, aus: „Träume“

Ugo Mellone ist mit seinem Bild „Butterfly in Crystal“ Gewinner des Wettbewerbs „Wildlife Photographer of the Year“ in der Kategorie „Invertebrates“.

Mehr dazu auf der Seite des Natural History Museums London.

Die kleine Frau zählt die Zeit aus

Was quer zu allem läuft, sind die Summen. Die Zahlen, die keine Geräusche machen, an die wir trotzdem glauben. Diese Zahlen, die quer zu allem summen und wir denken, das ist die Melodie der Zukunft, oder die des Glücks. Dabei sind es die dickbäuchigen Ziffern hinter denen wir uns verstecken, oder ganz schlanke Zahlen, hinter denen sich keiner verbergen kann. Offen legen sie deshalb nichts, aber offen lassen sie viel. Etwas, das wir füllen können und dann auf die Zahlen blicken und sagen: Das sind ja nur Zahlen. Was für ein Glück.

Elke Engelhardt

Mit vielem herzlichen Dank an die Mützenfalterin!

Quelle: Fixpoetry

Woman at a Window waving at a Girl

Jacobus Vrel,
Jacobus Vrel, „Woman at a Window waving at a Girl“ (ca. 1650-1700)

Vieles in diesem Bild spricht gegen seinen Titel. Als würde die Hand der Frau, die wir nur von hinten sehen – wenn sich wenigstens ihr Gesicht im Fensterglas spiegeln würde – in einer Geste der Ungläubigkeit an die Scheibe fassen, als handelte es sich bei dem Mädchen um ein vermeintliches Trugbild, dessen Erscheinung nur durch Berührung wahr werden könnte. Dieses Kind, das wie ein Licht in dunkler Nacht vor dem Fenster auftaucht, was macht es überhaupt zu offensichtlich später Stunde da draußen im Stockfinsteren? Und wie oft und wie lange mag die Frau schon dort gesessen haben in diesem nicht besonders bequem anmutenden Stuhl. Tatenlos vermutlich. Bis sie plötzlich ruckartig nach vorne schnellt, weil das, wonach sie vielleicht Ausschau gehalten haben mag – oder auch nicht -, weil auf einmal etwas wie aus dem Nichts und zum Greifen nahe vor ihr steht. Wenn auch nur fast. Nietzsche fällt mir ein: …Und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein. Oder Edgar Allan Poe:

Take this kiss upon the brow! / And, in parting from you now, / Thus much let me avow – / You are not wrong, who deem / That my days have been a dream; / Yet if hope has flown away / In a night, or in a day, / In a vision, or in none, / Is it therefore the less gone? / All that we see or seem / Is but a dream within a dream…

Well, folks: Take this kiss upon the brow! Das Hamsterrad ruft, hier wird es nun zwangsläufig wieder etwas ruhiger werden. Ich danke vielmals und ganz herzlich für Eure Aufmerksamkeit, und wo immer Ihr seid: Let your nodes glow on in the dark!

Mein Leben hat das gleiche Kleid und Haar

Mein Leben hat das gleiche Kleid und Haar
wie aller alten Zaren Sterbestunde.

Die Macht entfremdete nur meinem Munde,
doch meine Reiche, die ich schweigend runde,
versammeln sich in meinem Hintergrunde

Rainer Maria Rilke, „Mein Leben hat das gleiche Kleid und Haar“

Tragik

Das ist das Schwerste: sich verschenken
und wissen, daß man überflüssig ist,
sich ganz zu geben und zu denken,
daß man wie Rauch ins Nichts verfließt.
23.12.1941
Mit rotem Stift hinzugefügt:
Ich habe keine Zeit gehabt zu Ende zu
schreiben. Schade, daß du dich nicht von
mir empfehlen wolltest.
Alles Gute                                                Selma

Selma Meerbaum-Eisinger

Quelle: Fixpoetry

Hiroshima

Der den Tod auf Hiroshima warf
Ging ins Kloster, läutete dort die Glocken.
Der den Tod auf Hiroshima warf
Sprang vom Stuhl in die Schlinge, erwürgte sich.
Der den Tod auf Hiroshima warf
Fiel in Wahnsinn, wehrte Gespenster ab.
Hunderttausend, die ihn angehen nächtlich
Auferstanden aus Staub für ihn.
Nichts von alledem ist wahr.
Erst vor kurzem sah ich ihn
Im Garten seines Hauses vor der Stadt.
Die Hecken waren noch jung und die Rosenbüsche zierlich.
Das wächst nicht so schnell, dass sich einer verbergen könnte
Im Wald des Vergessens. Gut zu sehen war
Das nackte Vorstadthaus, die junge Frau
Die neben ihm stand im Blumenkleid
Das kleine Mädchen an ihrer Hand
Der Knabe der auf seinem Rücken saß
Und über seinem Kopf die Peitsche schwang.
Sehr gut erkennbar war er selbst
Vierbeinig auf dem Grasplatz, das Gesicht
Verzerrt vor Lachen, weil der Photograph
Hinter der Hecke stand, das Auge der Welt.

Marie Luise Kaschnitz

fields of gold

ich erkenne die durchsichtigkeit der tage
sehe dass die kraft fehlt und die freiheit
für mehr als jene waldränder an denen
kleine vögel wohnen draussen blenden
nichtigkeiten halbe antworten auf halbe
fragen business as usual das leben ist kein
film
sagt einer der es wissen muss und
seine rolle spielt was zählt ist jung schön
und überzeugt von sich selbst hier findet
sich kein bett für die kommenden nächte
alle sicherheit ist vergänglich wie mohn
blütenpapier man wird grau etwas bitter
hält sich an verlässliches an landschaften
flussufer obstbäume kleine lichtblicke
eine rose werde ich pflanzen einen stein
mit deinem namen damit eine ruhe sich
ergibt zwischen den kieseln eine andere
perspektive ein plötzlicher mut vielleicht

Marianne Rieter, „fields of gold“

Quelle: fixpoetry

En Route II

1. WITHOUT BAGGAGE

To travel without baggage, sleep in the train
on a hard wooden bench,
forget your native land,
emerge from small stations
when a gray sky rises
and fishing boats head to sea.

2. IN BELGIUM

It was drizzling in Belgium
and the river wound between hills.
I thought, I’m so imperfect.
The trees sat in the meadows
like priests in green cassocks.
October was hiding in the weeds.
No, ma’am, I said,
this is the nontalking compartment.

3. A HAWK CIRCLES ABOVE THE HIGHWAY

It will be disappointed if it swoops down
on sheet iron, on gas,
on a tape of tawdry music,
on our narrow hearts.

4. MONT BLANC

It shines from afar, white and cautious,
like a lantern for shadows.

5. SEGESTA

On the meadow a vast temple –
a wild animal
open to the sky.

6. SUMMER

Summer was gigantic, triumphant –
and our little car looked lost
on the road going to Verdun.

7. THE STATION IN BYTOM

In the underground tunnel
cigarette butts grow,
not daisies.
It stinks of loneliness.

8. RETIRED PEOPLE ON A FIELD TRIP

They’re learning to walk
on land.

9. GULLS

Eternity doesn’t travel,
eternity waits.
In a fishing port
only the gulls are chatty.

10. THE THEATER IN TAORMINA

From the theater in Taormina you spot
the snow on Etna’s peak
and the gleaming sea.
Which is the better actor?

11. A BLACK CAT

A black cat comes out to greet us
as if to say, look at me
and not some old Romanesque church.
I’m alive.

12. A ROMANESQUE CHURCH

At the bottom of the valley
a Romanesque church at rest:
there’s wine in this cask.

13. LIGHT

Light on the walls of old houses,
June.
Passerby, open your eyes.

14. AT DAWN

The world’s materiality at dawn –
and the soul’s frailty.

Adam Zagajewski, from „Eternal Enemies“

translated by Claire Cavanagh

Über die Landschaft warf er einen blauen Schatten.

Blau ist das männliche Prinzip, herb und geistig. Gelb das weibliche Prinzip, sanft, heiter und sinnlich. Rot die Materie, brutal und schwer und stets die Farbe, die von den anderen beiden bekämpft und überwunden werden muß! Mischst Du z. B. das ernste, geistige Blau mit Rot, dann steigerst Du das Blau bis zur unerträglichen Trauer, und das versöhnende Gelb, die Komplementärfarbe zu Violett, wird unerläßlich. […] Mischst Du Rot und Gelb zu Orange, so gibst Du dem passiven und weiblichen Gelb eine megärenhafte, sinnliche Gewalt, daß das kühle, geistige Blau wiederum unerläßlich wird, der Mann, und zwar stellt sich das Blau sofort und automatisch neben Orange, die Farben lieben sich. Blau und Orange, ein durchaus festlicher Klang. Mischst Du nun aber Blau und Gelb zu Grün, so weckst Du Rot, die Materie, die Erde, zum Leben.

Franz Marc, „Franz Marc, August Macke: Briefwechsel“

Becoming a Vermeer

Diese helle Freude, wann immer mir ein Vermeer begegnet, was will sie mir sagen?

Ein Tag kann eine Perle sein / Und hundert Jahre – Nichts!“, schreibt Gottfried Keller über die Zeit. Und der Guardian über Gerhard Richters Lesende: “He snaps his daughter reading a letter, meditative in the sunshine, and she becomes a Vermeer.”

Bündele das verfügbare Licht, gieße alle Hingabe in den Moment und werde zu einem Vermeer. So einfach ist das.

A thin place ist ein alter keltischer Ausdruck für einen Ort, an dem der Schleier zwischen Himmel und Erde fast transparent ist. Und in den hebräischen Schriften gibt es eine Erzählung, nach der sich Gott anlässlich dramatischer Ereignisse erst recht nicht zu erkennen gibt, selbst wenn wir uns gerade in solchen Momenten besonders danach sehnen. Dagegen tritt er als kaum wahrnehmbares Flüstern in Erscheinung, in a thin silence, da, wo wir ihn am wenigsten vermuten und vermeintlich brauchen würden.

Vermeer übte keine Gesellschaftskritik. Seine Frauen sind keine ausgemachten Schönheiten wie die Mona Lisa oder Botticellis Unvergleichliche. Die Sujets gleichen sich, unterscheiden sich lediglich in dem, was seine Figuren gerade tun und worin sie so ganz und gar aufgehen. Wie der Maler selbst, vermutlich.

Ich möchte mein Ohr an diese Bilder legen. Ich würde zu gerne jenes kaum wahrnehmbare Flüstern vernehmen, das Vermeer in ihnen eingschlossen hat und das die Jahrhunderte überdauert wie die Inklusen zartgeflügelter Insekten in Bernstein.

„Ein Etwas, form- und farbenlos, / Das nur Gestalt gewinnt, / Wo ihr drin auf und nieder taucht, / Bis wieder ihr zerrinnt.“

Der helle Himmel hat sich schräg zur Wand gestellt.

Jan Vermeer, "Die Musikstunde (ca. 1662-65)
Jan Vermeer, „Die Musikstunde (ca. 1662-65)

Es saust in den Ohren von Tiefe oder Höhe. / Das ist der Druck von der anderen Seite der Wand. / Er bringt jede Tatsache zum Schweben / und macht den Pinsel fest.

Es tut weh, durch Wände zu gehen, man wird davon krank, / aber es muß sein. / Die Welt ist eins. Aber Wände… / Und die Wand ist ein Teil von dir selbst – / man weiß es oder weiß es nicht, doch es gilt für alle, / nur für kleine Kinder nicht. Für sie keine Wand.

Der helle Himmel hat sich schräg zur Wand gestellt. / Es ist wie ein Gebet zur Leere. / Und die Leere kehrt uns ihr Gesicht zu / und flüstert: / „Ich bin nicht leer, ich bin offen.“

Tomas Tranströmer, „Vermeer“

Verstohlen melkten wir den Kosmos und überlebten.

Wir wissen es im Grunde nicht, ahnen es aber: zu unserem Leben gibt es ein Schwesterschiff, das einen ganz anderen Kurs steuert. Während die Sonne hinter den Inseln brennt.

Tomas Tranströmer, „Das blaue Haus“

(* 15. April 1931 in Stockholm, † 26. März 2015 ebenda)

Die Zeit

Die Zeit hat
Die Konsistenz
Von Seife.
Blasen
Wie wir sie
Als Kinder
Machten.
Schillernd
Schweben sie in der Luft
Und zerstäuben
Eine nach der anderen
Genau wie die Minuten
Die sich niemals
Wiederholen
Die sich niemals
Wiederholen
Die sich niemals
Wiederholen.

Gioconda Belli

Fundort: Treibgut-Funstücke-Blogspot

Nur die notwendigen Bewegungen.

Ich habe dieses Buch in meinen Regalen wiedergefunden. Ich habe keine Erinnerung daran, es gelesen zu haben. Ich weiß, dass ich es getan habe, dass ich es war, die es gelesen hat, ich erkenne meine Unterstreichungen wieder, doch ich sehe mich nicht beim Lesen dieses Buches.

So ähnlich beginnt Der Schmerz von Marguerite Duras. (Immer wenn die Mützenfalterin sie erwähnte, wollte ich es einmal wiederlesen.) Ich habe es am 18.03.1986 gekauft, und möglicherweise war es das letzte Buch, bevor ich lange Zeit keines mehr gelesen habe.

Man darf nicht allzu viele Bewegungen machen, das ist vergeudete Energie, man muß alles Kräfte für das Martyrium aufsparen… – Auf den Straßen sind viel zu viele Leute, ich möchte in einer großen Ebene vorwärtsgehen, allein… – Jene, die von Allgemeinheiten leben, haben nichts mit mir gemein… – Sie haben das spezifische Lächeln von Frauen, die wollen, daß man ihre große Erschöpfung wahrnimmt, aber auch ihre Anstrengung, sie zu verbergen…

Ein paar der Unterstreichungen, die mir auf den ersten Seiten wiederbegegnet sind.

Nun lässt der Frühling sein blaues Band wieder flattern, nicht nur in der Natur, auch in der Stadt flattert wieder blütenzarte Wäsche durch die Lüfte, und selbst das Summen der Motoren vernimmt sich plötzlich viel verführerischer als den ganzen Winter über, streift wie etwas von Sehnsucht erfülltes ahnungsvoll das Ohr. Wie jedes Jahr schlägt die Frühjahrsmanie allerorten bei mir ins Gegenteil um. Als müsste ich mich mit Händen und Füßen gegen einen gut gemeinten Ratschlag zur Wehr setzen. Während sich unter immer noch winterhartem Tweed welke Haut in Falten legt, denke ich dann beim Anblick der wehenden Wäsche im Wind.

In die Notwendigkeit des Häutens und Hüllenabwerfens muss ich mich erst wieder einfinden. So lange es irgendwie geht, weiche ich dem aus, verfolge lieber die seichte Fährte des Lichts schweifend im milchigen Mittag. Auch schön. Zu sehen, wie sie von Woche zu Woche länger wird.

…sobald das Leben wieder zu uns zurückkommt, finden sich auch alle Chancen wieder.

Knausgårds Sterben vorerst auf Eis gelegt.

22. Februar

Yamamoto Masao, "Nakazora #1101"
Yamamoto Masao, „Nakazora #1101“

ein gedicht, ein einziges, kurzes gedicht
müßte doch
drin sein
an diesem tag
heute, freitag
der 22.
februar
oder wenigstens
ein paar zeilen
konservierbar
für morgen
einen besseren
tag vielleicht
oder wenigstens
ein wort
ein einziges
einzelnes
wort

stummheit
geschwätzigkeit

jetzt sind es zwei

Ernst Jandl, „Letzte Gedichte“

Kehraus

Ich machte aus mir, was ich nicht verstand,
und was ich machen konnte aus mir, das ließ ich bleiben.
Der Domino, den ich anzog, verfing nicht.
Man erkannte mich gleich als den, der ich nicht war;
ich wehrte mich nicht und verlor mich.
Als ich die Maske abnehmen wollte,
blieb sie am Gesicht kleben.
Als ich sie abnahm und mich im Spiegel betrachtete,
war ich gealtert.

Fernando Pessoa alias Álvaro de Campos, „Tabaksladen“ in „Poesias – Gedichte“

Wie man sich des Lichts der Träume auch am Tage noch erinnert…

Im Traum erschien mir Helene Schjerfbecks Räuber am Tor zum Paradies. Dazu die Worte Ilse Aichingers aus „Kleist, Moos, Fasane“:

Die stumme Landschaft, in die die Stimmen dringen.

Mit jedem in seiner Landschaft ausharren.

Liebe: aus dem Vergleich ziehen.

Nur die notwendigen Bewegungen.

Seraphima, die Schwerhörige

Du weißt: wenn es schneit
schauen sie alle dir zu –
die Toten und Kommenden,
wie du nicht nähst,
wie du fröstelnd nichts tust.
Durch den Schnee hindurch
sieht man dich, Phima.

Immer am Fenster,
auf einem Bauernstuhl,
wie von Spinnen geschnitzt,
thronst du, Atem der Spitzengardine,
während die Erdscheibe
im Weltteich dieselben
traurigen Fische umkreist,
während die Anderen lieben
und öffnen die Münder
voller schmelzender Worte
wie Marktbonbons.

Wie kann es dich rühren?
Es schneit und du weißt:
sie schauen dich an –
die Toten und Kommenden,
jede Flocke – ein Blick
im Boden versinkend.
„Ob es darunter auch schneit?“
sagst du und lachst
fast erschrocken
vor plötzlichem Glück.

Marjana Gaponenko

Quelle: Fixpoetry

Sonett

Wir leben wieder draußen an der Bucht
und Wolken fliegen über uns am Himmel,
es poltert ein ganz heutiger Vesuv
und schüttet Staub herab in diese Gassen,
dass Fensterscheiben klirren in den Häusern.
Auch uns wird diese Asche einst verschütten.

Wie gern würd ich in dieser schwarzen Stunde
mit einer Straßenbahn zum Stadtrand fahren
und in dein Haus eintreten,
wenn dann in Hunderten von Jahren
Ausgräber unser Viertel offenlegen
möchte ich gern dass sie mich wiederfinden
als Teil von Dir für immer, fest umarmt
verschüttet von der neuen Asche.

Joseph Brodsky, „Brief in die Oase“
Hundert Gedichte, aus dem Russischen übertragen von Ralph Dutli

Zauberer

Die Post
bringt täglich
neue Zauberer
Man muss sich hüten
einen Brief zu öffnen

Im Nachbarhaus
sind alle schon verwandelt
in nützliche Geräte
Staubsauger Kühlschrank Bügelbrett

Ich halte mich
an meinen Spiegel
er kennt mich
er erkennt mich noch

Im Tanzsaal
die Marionetten
sind aufgezogen
die Federn summen
Dreieck und Quadrat

Drei Worte täglich
ach die Wahl fällt schwer

Rose Ausländer

Fundort: Treibgut