Du wartest auf mich mit dem Staub

Liu Xiaobo. Wegen einer Krebserkrankung im Endstadium ist er vorzeitig aus dem Gefängnis entlassen worden:

Für meine Frau, die jeden Tag wartet

Nichts bleibt in deinem Namen, nichts
als auf mich zu warten, mit dem Staub in unserem Haus,
Schicht auf Schicht,
in jeder Ecke, du willst
die Vorhänge nicht aufziehen,
denn das Licht soll die Stille nicht stören

auf den Bücherregalen sind die Handschriften mit Staub bedeckt,
die Muster der Teppiche atmen Staub,
wenn du mir einen Brief schreibst
und die Liebe kommt zu mir,
die der Füller in den Staub getaucht hat,
füllen sich meine Augen mit Schmerz

den ganzen Tag sitzt du da
und wagst nicht, dich zu bewegen
aus Furcht, deine Fußspuren könnten die Staubdecke zerstören,
du versuchst, deinen Atem zu kontrollieren
und die Stille dazu zu benutzen, eine Geschichte zu schreiben.
In Zeiten wie diesen
ist der erstickende Staub
der zuverlässigste Freund

dein Blick, Atem und Zeit,
durchdringen den Staub,
in der Tiefe deiner Seele
füllt sich das Grab
Zentimeter um Zentimeter,
von den Füßen zur Brust
zur Kehle
du weißt, dass das Grab
dein bester Ruheplatz ist,
dort wartest du auf mich,
ohne den leisesten Anflug
von Furcht oder Erschrecken,
deshalb ist dir der Staub lieber,
dunkles, stilles Ersticken,
du wartest, du wartest auf mich mit dem Staub

du weist das Sonnenlicht zurück und die Spiele der Luft,
lass dich einfach vom Staub begraben,
schlaf ein im Staub
solange bis ich zurückkehre
um dich wieder aufzuwecken
und den Staub von deiner Haut und deiner Seele zu wischen.

Welch ein Wunder – zurück von den Toten.

09. April 1999

Liu Xiaobo *1955

Übersetzung von Stefanie Golisch

A Second Life

Zum Tod von Stanley Greene:

Stanley Greene, "Zelina, after the death of her child" (Downtown Grozny, April 2001)
Stanley Greene, „Zelina, after the death of her child“ (Downtown Grozny, April 2001)


After this life / we’ll need a second life / to apply what we learned / in the first.

We make one mistake / after another / and need a second life / to forget.

We hum endlessly / as we wait for the departed: / we need a second life / for the whole song.

We go to war / and do everything Simon says: / we need a second life / for love alone.

We need time / to serve out our prison terms / so we can live free / in our second life.

We learn a new language / but need a second life / to practice it.

We write poetry and pass away, / and need a second life / to know the critics’ opinions.

We rush around / all over the place / and need a second life / to stop and take pictures.

Suffering takes time: / we need a second life / to learn to live / without pain.

Dunya Mikhail, „A Second Life“

(translated by Kareem James Abu-Zeid, from “The Iraqi Nights“)

Die Anrufung des Großen Bären

Großer Bär, komm herab, zottige Nacht,
Wolkenpelztier mit den alten Augen,
Sternenaugen,
durch das Dickicht brechen schimmernd
deine Pfoten mit den Krallen,
Sternenkrallen,
wachsam halten wir die Herden,
doch gebannt von dir, und mißtrauen
deinen müden Flanken und den scharfen
halbentblößten Zähnen,
alter Bär.

Ein Zapfen: eure Welt.
Ihr: die Schuppen dran.
Ich treib sie, roll sie
von den Tannen im Anfang
zu den Tannen am Ende,
schnaub sie an, prüf sie im Maul
und pack zu mit den Tatzen.

Fürchtet euch oder fürchtet euch nicht!
Zahlt in den Klingelbeutel und gebt
dem blinden Mann ein gutes Wort,
daß er den Bären an der Leine hält.
Und würzt die Lämmer gut.

’s könnt sein, daß dieser Bär
sich losreißt, nicht mehr droht
und alle Zapfen jagt, die von den Tannen
gefallen sind, den großen, geflügelten,
die aus dem Paradiese stürzten.

Ingeborg Bachmann

Luftmensch

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Vilhelm Hammershøi, „Young Girl pouring Tea“ (The Artist’s Sister, 1884)

The out-of-work painter sketches the ghetto / emptied of its inhabitants. / The painting is filled with objects. / The absence of the living is only temporary / and hints at the most delicious mysteries. / The “somewhat overstocked zoos” of pre WWII Europe. / Zeppelins are required. Liftships leave every day. / We all took pretty ponies up the golden stairs to the sun. / Extraordinary visions all last night. / Along the lake of Silvaplana, / not too far from a certain powerful pyramidal rock near Suler / I was given the envelope. / Into the teacup, quickly, my friends! / The cup (as the mirror shows) / is indeed the cracked yellow one / Otto Frank is now holding in his trembling hands / as the Nazis march down the little street. / But little teacup does make it through! / And the silence and dust are so dear to us.

Later the teacup is filled with the eyelashes of owls. / A wind comes and we waft through the night.

Joe Green

[fremd bin ich eingezogen unter meine haut]

Eva Rubinstein, „Bed in Mirror“ (Rhode Island, 1972)

fremd bin ich eingezogen unter meine haut / so lässt sich das am anschaulichsten sagen / im spiegel das visavis es bleibt unvertraut / besser so als anders kein grund, zu klagen

das hirn vollgepumpt mit sehnsuchtsdrogen / mit chimären die den winter pulverisieren / der blick hat sich den raum zurechtgebogen  / um die tür nicht aus den augen zu verlieren

sitze ich in mir mit dem rücken zur wand / tu so als hätte es sich zwangsläufig ergeben / die koffer griffbereit den pass in der hand

wie ein schlafgänger im körpereigenen haus / keine ahnung wer mich treibt so zu leben / ich weiß nur eins fremd zieh ich wieder aus

Christoph W. Bauer

Hör gut hin

Hör gut hin, Kleine[r], / es gibt Weißblech, sagen sie, / es gibt die Welt, / prüfe, ob sie nicht lügen.

Ilse Aichinger, aus „Verschenkter Rat“

Delil Suleiman / AFP, „Young Iraqi refugee at a camp in al-Hol“ (Syria, October 19, 2016)

They sentenced me to 20 years of boredom oder Schnee, der auf Linden fällt.

Literweise Lindenblütentee trinken und sich von fiebrigen Assoziationen treiben lassen. In die Untiefen des Blogs eintauchen und alte Einträge zutage fördern…

…gefegt vom Lindenbaum, in der Allee, 1 Ästchen grünes Laub 1 Ästchen Lindenbaum, 1 Gedichtzeile womöglich

…und ich liesz meine Arme / Augen emporfliegen zu den Häuptern der Linden welche in 1 Allee in der Strasze, und ihren Duft verströmten…

Friederike Mayröcker

Seit einigen Nächten nun, nur geträumt, logiere ich immer im selben Hotel. Ich checke ein, der Empfangschef weist mir einen Parkplatz zu, dann zerfließt alles in einem Mix aus mehr gefühlten denn konkreten Inhalten…

Der Mond. La Lune. The Moon. Ein Bilderbuchmond. Ein Kinomond. Wie ein Stück Leinwand leuchtend im kreisrunden Lichtkegel eines imaginären Projektors. Durchzogen von einer geheimnisvollen blau-violetten Schwade: der Atemhauch eines eng umschlungenen Paares an einem fernen Horizont oder der feucht-heiße Odem eines einsam heulenden Wolfes. Mühelos liefert der Kopf Bild und Ton zur himmlischen Dramaturgie. Der inszenierte Partyrummel verblasst, verklingt. Ein Vorhang fällt. Dein Film läuft Backstage.

Im Park knistern die letzten Regentropfen im Laub. Die Blütenkelche des Jasmin prangen wie Sterne im dunklen Spalier. Ihr betörender Duft mischt sich mit dem der Lindenblüten, die goldgelben Glöckchen gleich von den Zweigen baumeln. Ein leises Potpourri fernab des ohrenbetäubenden Lärms.

Aus einem Brief Bettina Brentanos an ihren Bruder Clemens:

Die Linden blühen, Clemente, und der Abendwind schüttelt sich in ihren Zweigen. Wer bin ich, daß ihr mir all euren Duft zuweht, ihr Linden? Ach, sagen die Linden, Du gehst so einsam zwischen unseren Stämmen herum und umfaßt unsre Stämme, als wenn wir Menschen wären, da sprechen wir dich an mit unserm Duft.

Ich liebe diesen Duft, auch weil er mich an eine reich bebilderte Geschichte erinnert, die ich als Kind gelesen habe. Sie handelte von einem kleinen Jungen, der sich des nachts auf einer Baustelle herumtreibt, wo die Arbeitsgeräte plötzlich zu mysteriösem Leben erwachen. Irgendwann beginnt es zu regnen. Vollkommen durchnässt findet er sich nach diesem traumhaften Abenteuer in seinem Bette wieder. Am nächsten Morgen ist er krank. Die Mutter kocht ihm heißen Lindenblütentee, von dem gesagt wird, dass er scheußlich schmecke. Kaum zu glauben, wo die frischen Blüten doch so köstlich riechen.

Nie wollte ich so krank sein, dass meine Mutter mir heißen Lindenblütentee würde einflößen müssen, denn bei der Vorstellung, Kamille und Pfefferminze würden einmal nicht mehr ihre Wirkung tun, schauderte mir.

Was wohl die Botschaft dieser Geschichte war? Betreten der Baustelle bei Strafe verboten? Oder: Mach Dir nichts vor, das Leben ist kaum mehr als ein Fiebertraum.

Das Buch dürfte bei einem Umzug auf der Strecke geblieben sein. Merkwürdig: An seinen Titel erinnere ich mich nicht mehr, wohl aber daran, dass es in einem DDR-Verlag erschienen war.

Und dann ist da noch Wilhelm Müllers Lindenbaum: Ich träumt‘ in seinem Schatten so manchen kühlen Traum. Ja, es ist Sommer, und ich höre die Winterreise. Manchmal ist es gut, wenn einer den Finger in die Wunde legt und sagt: „Sieh. Hier. Du blutest.“

Sterne im September

Bei Katja Schraml alias Herrn Zitter ein Gedicht von Ingeborg Bachmann wiederentdeckt. Ich  erlaube mir, meine Lieblingszeilen an dieser Stelle zu ergänzen:

In die Formel unfruchtbarer Gedanken / fügt sich das Universum nach dem Beispiel / des Lichts, das nicht an den Schnee rührt.

Unter dem Schnee wird auch Staub sein / und, was nicht zerfiel, des Staubes / spätere Nahrung. O Wind, der anhebt!

Ingeborg Bachmann, „Sterne im März“

Try to remember some details

Hiroshi Watanabe, „Ellis Island 2, New York“ (from the series „American Studies“)

Try to remember some details. Remember the clothing  / of the one you love / so that on the day of loss you’ll be able to say: last seen / wearing such-and-such, brown jacket, white hat. / Try to remember some details. For they have no face / and their soul is hidden and their crying / is the same as their laughter, / and their silence and their shouting rise to one height / and their body temperature is between 98 and 104 degrees / and they have no life outside this narrow space / and they have no graven image, no likeness, no memory and they have paper cups on the day of their rejoicing / and paper cups that are used once only.

… Try, try / to remember some details.

Jehuda Amichai

Frau am Fenster VI

(after the painting by Egar Degas)

There’s nothing in my appearance except that I am disappearing / into the uncertain light; nothing that would make me certain / of any conviction, or if I’ve made the right decisions in my life. / At this point, with my skin drinking in the available light, / I find it impossible to remember if I am widow or wife, / if I’ve had a life of ease, a life of strife…

Jackie Kay, „Woman at a Window“

Frau am Fenster IV

Welch eine sonderbare und großartige Erfindung ist doch Glas – nah zu sein, ohne aneinanderzugeraten. … Ich sitze hinter Glas, still, mein eigenes Porträt.

Tomas Tranströmer, „Isländischer Orkan“ in „Sämtliche Gedichte“

Die Zeichnende junge Frau wird erst seit 1996 Marie-Denise Villers zugeschrieben und ist möglicherweise ein Selbstporträt der Künstlerin. Ihr bevorzugtes Motiv waren Bildnisse junger Frauen unter dem selbst gewählten Begriff études des femmes.

Karyatide

Sieh‘ dieses Sommers letzten blauen Hauch / auf Astermeeren an die fernen  / baumbraunen Ufer treiben, tagen / Sieh‘ diese letzte Glück-Lügenstunde / unserer Südlichkeit, / hochgewölbt.

Gottfried Benn

Ein helles Weiß, eine Schande, ein Tintenfleck, rosiger Liebreiz.

The first step is understanding the story. And then it’s finding the places where you think pictures might happen.

Amy Toensing

 

Amy Toensing zum Bild links:

UTUADO, PR – AUGUST 01: Little girl dresses hang from a laundry line on a porch August 1, 2002 in Utuado, Puerto Rico. Puerto Rico was an outpost of Spanish colonialism for 400 years, until the United States took possession in 1898. Today Puerto Rico’s Spanish–speaking culture reflects its history – a mix of African slaves, Spanish settlers, and Taino Indians. Puerto Ricans fight in the U.S. armed forces but are not entitled to vote in presidential elections. They passionately debate their relationship with the U.S. with about half the island wanting to become the 51st state and the other half wanting to remain a U.S. commonwealth. A small percentage feel the island should be an independent country. While locals grapple with the evils of a burgeoning drug trade and unchecked development, drumbeats still drive the rhythms of African-inspired bomba music.

Teju Cole zum Bild rechts:

„The Superhero Photographs of the Black Lives Matter Movement“

Zur Überschrift:

Gertrude Stein, „Drei Gedichte“

Impossible Friendships

For example, with someone who no longer is,
who exists only in yellowed letters.

Or long walks beside a stream,
whose depths hold hidden

porcelain Cups – and the talks about philosophy
with a timid student or the postman.

A passerby with proud eyes
whom you’ll never know.

Friendship with this world, ever more perfect
(if not for the salty smell of blood).

The old man sipping coffee
in St.-Lazare, who reminds you of someone.

Faces flashing by
in local Trains –

the happy faces of travelers headed perhaps
for a splendid ball, or a beheading.

And friendship with yourself
– since after all you don’t know who you are.

Adam Zagajewski

Eine schwarze Höhle ist unser Schweigen…

…Daraus bisweilen ein sanftes Tier tritt / Und langsam die schweren Lider senkt. / Auf deine Schläfen tropft schwarzer Tau,

Das letzte Gold verfallener Sterne.

Georg Trakl, „Ellis, wenn die Amsel im schwarzen Wald ruft“

Edouard Manet - Jeanne Duval, Baudelaire's Mistress, Reclining (Lady with a Fan) - 1862
Edouard Manet, „Lady with a Fan“(1862)

Die Dame mit dem Fächer war Charles Baudelaires Geliebte Jeanne Duval. Manet malte sie im Jahr ihres vermuteten Todes – 1862. Sowohl Baudelaire als auch Duval waren an Syphilis erkrankt. Es scheint ungeklärt, wer von beiden tatsächlich zuerst verstarb.

Im Zeitpunkt der Entstehung dieses Bildes war Jeanne bereits erblindet und gelähmt. Zwei schwarze Augenhöhlen, ein ungelenk unter der Krinoline hervorragendes Bein und eine unproportioniert groß und männlich wirkende Hand irritieren den Betrachter. Gleichzeitig quillt das Bild beinahe über von einem Berg aus Tüll, der wie in einem letzten Aufbäumen die Hinfälligkeit des Körpers unter sich begräbt. Halb weht es, halb liegt es kunstvoll drapiert über die Lehne des Canapés, ein zartes Gardinengespinst, dahinter das letzte Gold verfallener Sterne bereits verglüht scheint.

Aufmerksam wurde ich auf das Bild durch einen raffinierten Schnappschuss von Gueorgui Pinkhassov.

Der Tod ist die Kurve an einer Straße

Abbas Kiarostami (* 2. Juni 1940 in Teheran; † 4. Juli 2016 in Paris)

Der Tod ist die Kurve an einer Straße. / Das Sterben entrückt nur dem sehenden Sinn. / Lausch ich, hör ich deine Schritte / Dasein wie ich selber bin.

Die Erde ist aus Himmel geschaffen. / Die Lüge hat kein Geheg. / Niemand ging jemals verloren. / Alles ist Wahrheit und Weg.

Fernando Pessoa

Alles nur geliehen

Zwar ist längst nicht mehr April, das Wetter macht aber dennoch, was es will. Irgendwie ist das Gebaren dieses Sommers auch eine sinnfällige Metapher für den Lauf des Jahres so far.

Am 30. Juni ist Geoffrey Hill gestorben. Ich liebe seinen September Song.

In einem Interview in der Paris Review sagte er einmal, „schwierig“ zu sein bedeute demokratisch zu sein, denn das Verlangen nach dem Einfachen gleiche dem Verlangen eines Tyrannen.

Gestern ist auch Elie Wiesel gestorben:

Is there a prayer for prayers? If not, it should be invented. Leah told him one day: „I am grateful to you not only for what you do and what you are, but also for what I am. I am grateful to you for that very gratitude.“ And Moshe answered her: „I like what you just said but you must never say it again.“ And Leah understood. At the end of the world there is silence, at the end of silence there is the gaze.

Elie Wiesel, „The Oath“

Wer könnte den Bogen besser spannen zwischen the cruellest month und dieser Stille – als Tomas Tranströmer:

April und Schweigen

Öde liegt der Frühling
Der samtdunkle Wassergraben
kriecht neben mir
ohne Spiegelbilder.

Das einzige, was leuchtet,
sind gelbe Blumen.

In meinem Schatten werde ich getragen
wie eine Geige
in ihrem schwarzen Kasten.

Das einzige, was ich sagen will,
glänzt außer Reichweite
wie das Silber
beim Pfandleiher.

Dazu gibt es am Ende auch ein sprechendes Bild von Teju Cole – siehe hier.

Meanwhile in France wird Fußball gespielt und ein paar Zwerge proben unbeirrt den Aufstand. Ich liebe es. Auch das.

Alles nur geliehen.

Questions of Travel

Luigi Ghirri - Mare
Luigi Ghirri, „Tellaro, Italia“ (1980)

Think of the long trip home. / Should we have stayed at home and thought of here? / Where should we be today? / Is it right to be watching strangers in a play / in this strangest of theatres? / What childishness is it that while there’s a breath of life / in our bodies, we are determined to rush / to see the sun the other way around? / The tiniest green hummingbird in the world? / To stare at some inexplicable old stonework, / inexplicable and impenetrable, / at any view, / instantly seen and always, always delightful? / Oh, must we dream our dreams / and have them, too? / And have we room / for one more folded sunset, still quite warm?

‚Is it lack of imagination that makes us come / to imagined places, not just stay at home? / Or could Pascal have been not entirely right / about just sitting quietly in one’s room?

Continent, city, country, society: / the choice is never wide and never free. / And here, or there… No. Should we have stayed at home, / wherever that may be? ‚

Elisabeth Bishop, „Questions of Travel“

Warum Java und wann

Wer weiß wie helle Raben
warum blaue Lava und schwarzer Sand

oder der Junge mit den Schwefelhölzern
dem man noch immer sagt er solle kein Mädchen sein
oder die Königin mit der Männerhand

wer weiß schon Inseln
warum Java und wann

Angelika Stallhofer

Quelle: Fixpoetry

The Double-Take of Seeing

Robert Frank said, “When people look at my pictures I want them to feel the way they do when they want to read a line of a poem twice.” I’m drawn to this poetic notion of photography, and I think Frank’s idea is what Pinkhassov, too, is after. He tries to foster the double-take of seeing.

Teju Cole

I could give all to Time

Gabriele Münter, Breakfast of the Birds, 1934
Gabriele Münter, „Breakfast of the Birds“ (1934)

To Time it never seems that he is brave / To set himself against the peaks of snow / To lay them level with the running wave, / Nor is he overjoyed when they lie low, / But only grave, contemplative and grave.

What now is inland shall be ocean isle, / Then eddies playing round a sunken reef / Like the curl at the corner of a smile; / And I could share Time’s lack of joy or grief / At such a planetary change of style.

I could give all to Time except – except / What I myself have held. But why declare / The things forbidden that while the Customs slept / I have crossed to Safety with? For I am There, / And what I would not part with I have kept.

Robert Frost, „I could give all to time“

The Truth the Dead Know

 

For my Mother, born March 1902, died March 1959 / and my Father, born February 1900, died June 1959

Gone, I say and walk from church, / refusing the stiff procession to the grave, / letting the dead ride alone in the hearse. / It is June. I am tired of being brave.

We drive to the Cape. I cultivate / myself where the sun gutters from the sky, / where the sea swings in like an iron gate / and we touch. In another country people die.

My darling, the wind falls in like stones / from the whitehearted water and when we touch / we enter touch entirely. No one’s alone. / Men kill for this, or for as much.

And what of the dead? They lie without shoes / in the stone boats. They are more like stone / than the sea would be if it stopped. They refuse / to be blessed, throat, eye and knucklebone.

Anne Sexton

Little Loss

(1)

ich goss mir den morgen ins glas.
auch die pupille schon flüssig, du warst
ein schnappschuss in meinem kopf.

was hast du? – als müsse man alles
begreifen / den aus der sonne
gelassenen korken, geschosse,

das licht, die berichterstattung.
und gestern schon wissen, was morgen

Sina Klein

Quelle: Fixpoetry

Ziemlich viel Glück

Gustav Klimt - Fischblut - 1898
Gustav Klimt, „Fischblut“ (1898)

Ziemlich viel Glück / Gehört dazu, / Daß ein Körper auf der Luft / Zu schweben beginne / Mit Brust, Achsel und Knie / Und auf dieser Luft / einem anderen Körper begegne, / Wie er / Unterwegs.

Die Atmosphäre macht / Zwei innige Torsen aus ihnen. / Unbemerkt beschreibt ihr Entzücken / Zärtliche Linien in Baumkronen. / Eine ganze Zeit noch / Ist Ihr Flüstern zu vernehmen, / Und wie sie einander / Das schenken, /  Was leicht an Ihnen ist.

Glücklichsein beginnt immer / Ein wenig über der Erde.

Speak to me of Rivers

I’ve known rivers:

I’ve known rivers ancient as the world and older than the flow of human blood in human veins.

My soul has grown deep like the rivers.

I bathed in the Euphrates when dawns were young.
I built my hut near the Congo and it lulled me to sleep.
I looked upon the Nile and raised the pyramids above it.
I heard the singing of the Mississippi when Abe Lincoln went down to New Orleans, and I’ve seen its muddy bosom turn all golden in the sunset.

I’ve known rivers:
Ancient, dusky rivers.

My soul has grown deep like the rivers.

Langston Hughes, „The Negro Speaks of Rivers“

Blanketing Space

Zu Kiki Smiths Triptychon siehe bei der Mützenfalterin: „Kiki Smith – Sky, Earth, Underground“.

Mich erinnert es unwillkürlich an die Bilder von Éduard Vuillard, der sich in den 1890er Jahren von Tapisserien inspirieren ließ. Er malte seine Bilder als würde er sie weben. Interieurs, die seine Mutter und Schwester bei der Hausarbeit zeigen oder Näherinnen bei ihrer Arbeit in einer der Korsettwerkstätten jener Zeit. Sie werden durch gemusterte Tapeten konturiert, ja, scheinen daraus hervorzutreten oder darin zu verschwinden, was den vermeintlichen Alltagsszenen eine zuweilen unheimliche Atmosphäre verleiht.

„What is behind it?“,  fragt Charles Simic in seinem Gedicht Tapestry.  – „Space, plenty of empty space.“ Aber während Kiki Smith von diesen Räumen dahinter erzählt, scheint es aus denen von Éduard Vuillard kein Entrinnen zu geben.

Red Riding Hood

Long ago
there was a strange deception:
a wolf dressed in frills,
a kind of transvestite.
But I get ahead of my story.

Those two remembering
nothing naked and brutal
from that little death,
that little birth,
from their going down
and their lifting up.

Anne Sexton, „Red Riding Hood“

Und wunderbar weitergedacht: Die Mützenfalterin über das Schlüpfen aus der Haut eines Wolfes…

[i carry your heart with me(i carry it in]

Carry a Poem in your Pocket…

i carry your heart with me(i carry it in
my heart)i am never without it(anywhere
i go you go,my dear;and whatever is done
by only me is your doing,my darling)
i fear
no fate(for you are my fate,my sweet)i want
no world(for beautiful you are my world,my true)
and it’s you are whatever a moon has always meant
and whatever a sun will always sing is you

here is the deepest secret nobody knows
(here is the root of the root and the bud of the bud
and the sky of the sky of a tree called life;which grows
higher than soul can hope or mind can hide)
and this is the wonder that’s keeping the stars apart

i carry your heart(i carry it in my heart)

E. E. Cummings

Der einsame Engel

Auf dem Fensterbrett brannte eine dicke weiße Kerze, die er jeden Abend dorthin stellte. Er sprach nicht darüber, doch ich war mir sicher, dass er die Kerze wegen meiner Mutter anzündete. Damit sie uns von der anderen Welt aus sehen konnte.

Friedrich Ani, „Der einsame Engel“

An effort to enter into morning

Orange thorns snag the hair. / The old fist of bourbon / flowers in the mouth / as you step out, / the doormat wet and straight / behind your foot, / the screendoor shutting and shutting / like a fact in the mind. / The most difficult thing / is to see the morning / for what it is: a foolish / autumn, a pale crust of dragonflies / frantic in their amber / coats, circling in slow /  difficult joy.

Brenda Hilman

Momentaufnahmen

Auf dem Gemälde hält die Tochter des Malers die Kamera in der Hand, mit der das Foto gemacht wurde:

THE GOLDEN ECHO

Spare!
There ís one, yes I have one (Hush there!);
Only not within seeing of the sun,
Not within the singeing of the strong sun,
Tall sun’s tingeing, or treacherous the tainting of the earth’s air,
Somewhere elsewhere there is ah well where! one,
Oné. Yes I can tell such a key, I do know such a place,
Where whatever’s prized and passes of us, everything that ’s fresh and fast flying of us, seems to us sweet of us and swiftly away with, done away with, undone,
Undone, done with, soon done with, and yet dearly and dangerously sweet
Of us, the wimpled-water-dimpled, not-by-morning-matchèd face,
The flower of beauty, fleece of beauty, too too apt to, ah! to fleet,
Never fleets móre, fastened with the tenderest truth
To its own best being and its loveliness of youth: it is an everlastingness of, O it is an all youth!

Gerard Manley Hopkins, „The Leaden Echo and the Golden Echo“

wie vordem die Birke oder Weide den Blick hielt

 

Alexey Titarenko - Untitled - Beach 1 - 1999
Alexey Titarenko, „Untitled“ (Beach 1, aus der Serie „Time standing still“, 1999)

Behältnisse : ach welch 1 Pomp (die flüssige Schokolade und wie die Fingerspitzen noch lange riechen), ach welch 1 Jubel : 1 leerer Kofferz.B., in welchen man Flieder z.B., Fliedersträusze verpackt usw., oder die ganze Mongolei z.B., den Atlas, das welkende Mimosenbäumchen z.B., den Duft des Jasmin oder 1 Singvögelchen, Übersee, die Übungen die Etüden, die Götter des Weinens, die Tränen welche er mir weggeküszt, usw., die lieblichen Ohren der Schwester, die Morgenröte (Fuszreise der Aurora), die Küsse die vielen Küsse des Freunds und wie er über den gedeckten Tisch hinweg seine Arme streckte nach mir, die Veilchen ach Magritte’s Veilchengesicht einer Frau, das Strumpfband, die Arien der Maria Callas, die wechselnden Jahreszeiten, die Flamme des Herzens in einem Taumel der Liebe, das Rumoren des Vögelchens welches in meine Kammer sich verflogen hatte, das Adieu, das lange Adieu z.B. am Ende, das lange Adieu am Ende unseres Lebens nämlich “wie vordem die Birke oder Weide den Blick hielt“, so Elke Erb

10.7.11

Friederike Mayröcker, aus den „études“

Synchronizitäten:

Andreas Reichel, „Das Wort zum Sonntag 7“

Mirko Bonné, „Das Adieu, das lange Adieu“

Alles zählt

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Fan Ho, „Journey to Uncertainty“

Weil sie schon früh wusste, vor allem anderen würde sie ihr Augenlicht verlieren, begann diese Patentante, Gedichte auswendig zu lernen. Celan und Rilke vor allem, sie kaute wochenlang auf einzelnen Wörtern und Versen herum, bis sie deren Bedeutung ganz erfasst hatte. Oder so weit, wie der Dichter das zuließ. Sie verlor ihren Verstand nie. Und mit dem letzten Gedicht, das sie lernte, es war eine der Elegien, spürte sie, wie sich noch einmal ein Raum voller unbekannter Empfindungen und Gedanken öffnete. „Nirgends, Geliebte, wird Welt sein als innen. [Unser Leben geht hin mit Verwandlung.] Und immer geringer schwindet das Außen.“ Es war ein Raum, zu dem sie erst Zutritt erlangte, als der Tod schon in der Zimmerecke stand und immer öfter zu ihr herüberschaute. Sie hatte ihr das erzählt, um ihr zu sagen, es gibt trotz allem etwas, das nur das Alter zu geben vermag.

Verena Lueken, „Alles zählt“

Dinge

die dinge sind heute irgendwie einsam / die dinge sind wie vasen ohne freunde / sind wie das buffet hier mit seiner schweren / platte an die wand gestellt und stehngelassen. / haben die dinge, wollen wir wissen / denn keine anderen dinge zum spielen? / hat man den dingen denn nichts, aber auch / gar nichts gegeben, was sie halten können? / doch wenn wir einmal ehrlich wären / würden wir nur eines wissen wollen / wo die dinge geblieben, die unsere schuld  / auf sich zu nehmen gewillt sind. / fadenförmige ich, kreiselförmiger du

Monika Rinck

Das Vorhandensein und das Fehlen der Zukunft

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Jules Bastien-Lepage, „Johanna von Orleans“ (1879)

Drei durchscheinende Engel schweben in der oberen linken Hälfte des Gemäldes. Sie haben Jeanne, die an einem Webstuhl im Garten ihrer Eltern gearbeitet hat, soeben aufgerufen, Frankreich zu retten. Ein Engel hält seinen Kopf in den Händen. Jeanne scheint auf den Betrachter zuzuwanken, einen Arm ausgestreckt, vielleicht in der Verzückung des Gerufenwerdens Halt suchend. Anstatt Zweige oder Blätter zu packen, scheint ihre Hand, die sorgfältig in der Sichtachse eines der anderen Engel platziert ist, sich aufzulösen. Laut dem Begleittext des Museums wurde Bastien-Lepage angegriffen, weil es ihm nicht gelungen sei, das Ätherische der Engel mit dem Realismus des Körpers der künftigen Heiligen zu versöhnen, aber ebendieses „Misslingen“ macht es zu einem meiner Lieblingsgemälde. Es ist, als erzeugte die Spannung zwischen der metaphysischen und physischen Welt, zwischen zwei Ordnungen von Zeitlichkeit, eine Störung in der Matrix des Bildes; der Hintergrund verschluckt Jeannes Finger. Während ich an jenem Nachmittag mit Alex dort stand, wurde ich an das Foto erinnert, das Marty in „Zurück in die Zukunft“, entscheidender Film meiner Jugend, mit sich führt:

Back to the Future - Photo

Während Martys Zeitreise die Vorgeschichte seiner Familie zerrüttet, beginnen er und seine Geschwister auf dem Foto zu verblassen. Nur ist es hier [bei Jeanne] etwas Vorhandenes, nicht etwas Fehlendes, das ihre Hand zersetzt: Sie wird in die Zukunft gezogen.

Ben Lerner, „22:04“

Nachtrag:

„Und weil man nicht spürt, welche Entscheidung die richtige ist, steht man still, wächst zitternd in den Boden bis die Lawine einen überrollt…“

Mützenfalterin

the snow doesn’t give a soft white damn Whom it touches

Michele Palazzo. Jonas Blizzard in New York, 2016.
Michele Palazzo, „Jonas Blizzard in New York“ (Flat Iron Building, 2016)

XIX

i will cultivate within
me scrupulously the Inimitable which
is loneliness,these unique dreams
never shall soil their raiment

with phenomena:such
being a conduct worthy of

more ponderous
wishes or
hopes less
tall than mine“(opening the windows)

„and there is a philosophy“ strictly at
which instant(leaped
into the

street)this deep immediate mask and
expressing „as for myself,because i
am slender and fragile
i borrow contact from that you and from

this you sensations,imitating a few fatally

exquisite“(pulling Its shawl carefully around
it)“things i mean the
Rain is no respecter of persons
the snow doesn’t give a soft white
damn Whom it touches

e. e. cummings, poem XIX from „W(ViVa)“

Nachts / Danach

Nachts

Nachts hören, was nie gehört wurde:
Den hundertsten Namen Allahs,
den nicht mehr aufgeschriebenen Paukenton,
als Mozart starb,
im Mutterleib vernommene Gespräche.

Günter Eich

Gustav Klimt, Danaë, 1907-08
Gustav Klimt, „Danaë“ (1907/08)

Danach

Hinausgehen
auf den Flecken,
der still ist,
unter die Sonne,
die heute
das Lärmen läßt,
das alte Geprahle.
Herausfinden,
jetzt herausfinden,
wo die hinrannten,
die hier
verwegen und leise waren
in welchen Gestalten,
Chören, Verfänglichkeiten
sie unauffindbar sind.

Ilse Aichinger

We dance round in a ring and suppose, / But the Secret sits in the middle and knows.

„Man sollte wirklich alles, was sich über das Gemeine erheben muss, in Versen wenigstens anfänglich konzipieren, denn das Platte kommt nirgends so ins Licht, als wenn es in gebundener Schreibart ausgesprochen wird.“

Friedrich Schiller

Wohlan denn:

Feiertag.
Suhlen im
Wasser und Tauchen
im Finsteren Tal. Feuchte
und Stille, nur die Spannung
schwebt wie ein Bogen im Raum.
Noch 84 Seiten bis zum gnadenlosen Showdown.

Inzwischen:

Latte Macchiato schmeichelt den Schleimhäuten, macht die
Mundhöhle geschmeidig für Smalltalk und Subtext,
ölig an der Oberfläche, aber
zwischen den Zeilen, da
zerfallen die Sprechblasen,
porös wie
Milchschaum.

En Route IV

Charles Harbutt, "Le Mistral, Enroute Arles-Paris" (1975)
Charles Harbutt, „Le Mistral, Enroute Arles-Paris“ (1975)

Schwer zu verstehen
ist nämlich die Landschaft,
wenn du im D-Zug von dahin
nach dorthin vorbeifährst,
während sie stumm
dein Verschwinden betrachtet.

W. G. Sebald

Quelle: Die Mützenfalterin

Die gestundete Zeit

Es kommen härtere Tage. / Die auf Widerruf gestundete Zeit / wird sichtbar am Horizont. / Bald mußt du den Schuh schnüren  / und die Hunde zurückjagen in die Marschhöfe. / Denn die Eingeweide der Fische / sind kalt geworden im Wind. / Ärmlich brennt das Licht der Lupinen. / Dein Blick spurt im Nebel: / die auf Widerruf gestundete Zeit / wird sichtbar am Horizont…

Ingeborg Bachmann, „Die gestundete Zeit“

Pomegranate

Flor Garduño - Con Corona, México, 2000
Flor Garduño, „Con Corona“ (México, 2000)

Who knows
if the pomegranate
knows, deep down,
that it has a
different name.
Who knows
if maybe
I too have a
name that is
different from me

Inger Christensen, from „Letter in April“

„Hope“ is the thing with feathers…

There are many roads in Garduño’s photographs: some go to parties, others to graveyards, others, simply to the farmer’s fields. But sooner or later all of them cross that threshold of incense where, uncertainly, nature and art blend so that mankind may have a margin of whimsy, freedom, or significance on the face of the gods.

Carlos Fuentes

In Blackwater Woods

Look, the trees
are turning
their own bodies
into pillars

of light,
are giving off the rich
fragrance of cinnamon
and fulfillment,

the long tapers
of cattails
are bursting and floating away over
the blue shoulders

of the ponds,
and every pond,
no matter what its
name is, is

nameless now.
Every year
everything
I have ever learned

in my lifetime
leads back to this: the fires
and the black river of loss
whose other side

is salvation,
whose meaning
none of us will ever know.
To live in this world

you must be able
to do three things:
to love what is mortal;
to hold it

against your bones knowing
your own life depends on it;
and, when the time comes to let it go,
to let it go.

Mary Oliver

But soft!, what light through yonder window breaks?

Cecil Beaton, "Greta Garbo" (Plaza Hotel,  New York 1946)
Cecil Beaton, „Greta Garbo“ (Plaza Hotel, New York 1946)

Irgendwer geht in ein haus hinein und betrachtet von seinem fenster aus die straße.

Irgendwer geht aus einem haus hinaus und betrachtet von der straße aus sein fenster…

Irgendwer ist gestorben und wird von denen betrachtet die trotzdem vorbeigehen.

Irgendwer ist gestorben und wird bei anbruch der dunkelheit aus seinem haus hinausgetragen.

Irgendwer ist gestorben und wird von andern betrachtet die endlich blind sind.

Irgendwer steht still und ist endlich alleine mit dem andern toten.

Inger Christensen, aus: „det/das“

Coming to this

We have done what we wanted.
We have discarded dreams, preferring the heavy industry
of each other, and we have welcomed grief
and called ruin the impossible habit to break.

And now we are here.
The dinner is ready and we cannot eat.
The meat sits in the white lake of its dish.
The wine waits.

Coming to this
has its rewards: nothing is promised, nothing is taken away.
We have no heart or saving grace,
no place to go, no reason to remain.

Mark Strand

Dialog

ERINNERUNG AN FRANKREICH (1948)

Du denk mit mir: der Himmel von Paris, die große Herbstzeitlose…
Wir kauften Herzen bei den Blumenmädchen:
sie waren blau und blühten auf im Wasser.
Es fing zu regnen an in unserer Stube,
und unser Nachbar kam, Monsieur Le Songe, ein hager Männlein.
Wir spielten Karten, ich verlor die Augensterne;
du liehst dein Haar mir, ich verlors, er schlug uns nieder.
Er trat zur Tür hinaus, der Regen folgt‘ ihm.
Wir waren tot und konnten atmen.

Paul Celan

PARIS (1952)

Aufs Rad der Nacht geflogen
schlafen die Verlorenen
in den donnernden Gängen unten
doch wo wir sind, ist Licht.

Wir haben die Arme voll Blumen,
Mimosen aus vielen Jahren;
Goldnes fällt von Brücke zu Brücke
atemlos in den Fluss.

Kalt ist das Licht,
noch kälter der Stein vor dem Tor,
und die Schalen der Brunnen
sind schon zur Hälfte geleert.
Was wird sein, wenn wir, vom Heimweh
benommen bis ans fliehende Haar,
hier bleiben and fragen: was wird sein,
wenn wir die Schönheit bestehen?

Auf den Wagen des Lichts gehoben,
wachend auch, sind wir verloren,
auf den Straßen der Genien oben,
doch wo wir nicht sind, ist Nacht.

Ingeborg Bachmann

STILLE! (1952)

Stille! Ich treibe den Dorn in dein Herz,
denn die Rose, die Rose
steht mit den Schatten im Spiegel, sie blutet!
Sie blutete schon, als wir mischten das Ja und das Nein,
als wirs schlürften,
weil ein Glas, das vom Tisch sprang, erklirrte:
es läutete ein eine Nacht, die finsterte länger als wir.
Wir tranken mit gierigen Mündern:
es schmeckte wie Galle,
doch schäumt‘ es wie Wein –
Ich folgte dem Strahl deiner Augen,
und die Zunge lallte uns Süße…
(So lallt sie, so lallt sie noch immer.)

Stille! Der Dorn dringt dir tiefer ins Herz:
er steht im Bund mit der Rose.

Paul Celan

SCHATTEN ROSEN SCHATTEN (1956)

Unter einem fremden Himmel
Schatten Rosen
Schatten
auf einer fremden Erde
zwischen Rosen und Schatten
in einem fremden Wasser
mein Schatten

Ingeborg Bachmann

aus „Poetische Korrespondenzen“

Office at Night

The poem, [“Edward Hopper’s Office at Night”], is a part of a series of poems titled The Boss.  I, probably like many people in America, have had my fair share of horrible bosses, but one was so horrible that I started thinking about power and how it shapes or misshapes our relationships in the workplace.  The whole series became a query into the odd hierarchical relationships we form and how we struggle for power.  As an entryway into such poems, I returned to some of my favorite ekphrastic inspiration – Edward Hopper’s paintings.  Surprisingly he has several paintings that take place in offices and [Office at Night] is one of them.  Form, or lack of form is also something that helped mirror the sense of breathlessness, urgency, or spinning out of control that I felt necessary to convey so this whole series lacks any form of punctuation and is written in long lines.

Victoria Chang

Edward Hopper - Office at Night (1940)
Edward Hopper, „Office at Night“ (1940)

The boss is sitting at the desk the boss doesn’t look
at her the boss is waiting for the black telephone
to ring she also waits for a ring from the boss he is
waiting for the files from her

her blue dress like a reused file folder around
her body her hands tight around the files
the filing cabinet might eat her might take her hand off
the boss might eat her the boss

wants her but the boss wants money more just a little bit
more the boss always seems to want
the money a bit more the boss doesn’t hear
there are taxis outside waiting

for all the women down on the street across the street
a boss prepares for bed another boss above him
in apartment X rotates a Q-tip in his ear before sex
despite instructions on the box we took

my father out of the paper the living will the letters
with their little capes will leave the paper
who will take care of my children later who will take care
of my father the will will take care

of no one a piece of paper cannot take care of anyone I
cannot take care of everyone on some nights
I wake in a panic and can’t tell if I am dead or alive
this year I dye my hair so I won’t have to die

Victoria Chang

Automat

Wenn das, was das Fenster widerspiegelt, wahr ist, dann ereignet sich die Szene in einem Zwischenreich, in einer Art Schwebezustand, und die sitzende Frau ist eine Illusion. Das ist eine beunruhigende Vorstellung. Und wenn die Frau in einem solchen Kontext über sich nachdenkt, kann sie unmöglich glücklich sein…

Mark Strand, „Über Gemälde von Edwad Hopper“

Edward Hopper - Automat - 1927
Edward Hopper, „Automat“ (1927)

The woman in the automat must work must
have a boss must walk
to work two legs red with heat two legs
pressed into each other as if one
depended on the other the woman in the automat
takes one glove off to hold
the cup to shake the hand of a boss one hand
free she looks down at the circle
on the table looks down at the round reflection
of circular lights her boss circulates
memos her boss is the circle the circumference
circles her each day like a minno

Victoria Chang

Portrait of A.

If they don’t see happiness in the picture at least they’ll see the black. – Chris Marker

A magnolia tree in full bloom, X-
rayed by a streetlamp,
pressed against the windowpane
like someone hopped onto the glass
of the office Xerox and hit copy

A magnolia tree in full bloom, winter
in black and white:      cold, grainy air
and your fingers pointing,       Last April
your husband buried
the two halves of a snake         you shot

your new film about a river
that flows backwards
Rivers, did you know,
are measured by a sinuosity index
in opposite corners

of the yard so one half wouldn’t find
Length as crow flies                divided by
length as fish swims      weight
and counterweight. A magnolia,
framed, a shot looking for       its pair.

Tung-Hui Hu