…come sit on my wall.

Amie come sit on my wall / And read me the story of O / And tell it like you still believe / That the end of the century / Brings a change for you and me…

Damien Rice, „Amie“

Playground Love

Früher.

Als wir den lieben Gott noch ungeniert um schönes Wetter baten, wenn es regnete. Mit gefalteten Händen und flehenden Blicken gen Himmel. Und der Herr ließ sein Angesicht leuchten über uns und war uns gnädig. Das Gurren der Wildtauben betörte uns wie ein vieldeutiges Versprechen aus den Tiefen des Märchengartens, der sich zu unseren Füßen erstreckte und weit über unsere Köpfe hinausragte. In unseren rosa und türkisfarbenen Schlafgewändern wandelten wir darin wie Prinzessinnen aus Tausend und einer Nacht. Nur manchmal verfing sich die eine oder andere Nylonspitze in den Ranken der mannshohen Himbeersträucher, und die Lust am Abenteuer strandete in den hohen Gassen eines gefühlten Labyrinths. Der Rote Faden war immer das Gurren der Wildtauben. Wie eine Zauberformel beschwört es noch heute den Sommer herauf. Den Sommer und wir mittendrin.

Dance me to the end of love

Hinwendung zu einem meiner Lieblingslieder von  Leonard Cohen.

Er selbst sagt über dessen Genese:

Dance Me to the End Of Love’ … it’s curious how songs begin because the origin of the song, every song, has a kind of grain or seed that somebody hands you or the world hands you and that’s why the process is so mysterious about writing a song. But that came from just hearing or reading or knowing that in the death camps, beside the crematoria, in certain of the death camps, a string quartet was pressed into performance while this horror was going on, those were the people whose fate was this horror also. And they would be playing classical music while their fellow prisoners were being killed and burnt. So, that music, “Dance me to your beauty with a burning violin,” meaning the beauty there of being the consummation of life, the end of this existence and of the passionate element in that consummation. But, it is the same language that we use for surrender to the beloved, so that the song — it’s not important that anybody knows the genesis of it, because if the language comes from that passionate resource, it will be able to embrace all passionate activity.

Einmal mit diesem Wissen um seine Entstehungsgeschichte betraut, höre ich das Stück noch einmal mit anderen Ohren:

Dance me to your beauty with a burning violin
Dance me through the panic ’til I’m gathered safely in
Lift me like an olive branch and be my homeward dove
Dance me to the end of love
Dance me to the end of love

Oh let me see your beauty when the witnesses are gone
Let me feel you moving like they do in Babylon
Show me slowly what I only know the limits of
Dance me to the end of love
Dance me to the end of love
Dance me to the wedding now, dance me on and on
Dance me very tenderly and dance me very long
We’re both of us beneath our love, we’re both of us above
Dance me to the end of love
Dance me to the end of love

Dance me to the children who are asking to be born
Dance me through the curtains that our kisses have outworn
Raise a tent of shelter now, though every thread is torn
Dance me to the end of love

Dance me to your beauty with a burning violin
Dance me through the panic till I’m gathered safely in
Touch me with your naked hand or touch me with your glove
Dance me to the end of love
Dance me to the end of love
Dance me to the end of love

Leonard Cohen

I confess

Unter Birgits Sätzen & Schätzen findet sich die Kategorie Verschämte Lektüren. Ich gebe zu, ich war damals in der Tat zu verschämt, mich zur Lektüre von Diana Gabaldons Highland-Saga zu bekennen. Jetzt fiel sie mir wieder ein, weil in Brenda Hills Gedicht „An effort to step into morning“ die Libellen erwähnt werden, dragonflies / frantic in their amber / coats. So lautet nämlich der Titel des ersten Bandes besagter Saga: Dragonfly in Amber.

Nun gibt es nicht nur verschämte Lektüren sondern auch unsäglich verschämte Lieder,  Stücke, die ich nur im stillen Kämmerlein höre, weil sie mir unsagbar peinlich sind.

Ich war nie ein Fan von Patrick Swayze, deshalb ist es vermutlich die Zeile „Just a fool to believe I have anything she needs“, die mich insgeheim zu Tränen rührt. Die Tage bin ich gleich zweimal hintereinander zu Dirty Dancing versumpft, und das nur weil ich den Film einmal mit meinem Erstgeborenen im Arm gesehen habe. Nach dem Stillen war er so tief und fest eingeschlafen, dass ich mich nicht mehr zu bewegen wagte. Wie es dazu kam, dass plötzlich der Fernseher lief und dieser unsäglich verschämte Film dazu, das weiß ich nicht mehr. Jedenfalls beschert er mir jedesmal einen sehr sentimentalen Flashback.

So. Jetzt ist es raus. Und wer seine verschämten Lieder mit mir teilen will, in welcher Form auch immer, ist herzlich willkommen. Ich freue mich.

Liebe

Bei Peoplecheck sucht jemand nach Maria Karl Bobaj und die Maschine spuckt Februar | 2012 | Cool Pains aus. Ich kenne die Dame zwar nicht, und der Sachverhalt hätte mich auch nicht weiter beschäftigt, aber durch ihn bin ich über einen alten Blogeintrag gestolpert:

Liebe

Liebe
liegt in
der Luft, obwohl:
Love is in the
air, klingt auch schön. Ätherischer.
Im Deutschen raubt das t der
Luft die Leichtigkeit. Von Luft und Liebe
könnte man leben, wenn das kleine Klötzchen t
nicht wäre am Bein der Luft. Und das Los
der Leibhaftigkeit, das auch kein leichtes ist, das Leben, hier,
in einem Leib, während die leuchtenden Laken der Lust brach liegen.
Im letzten Licht des Tages liebäugeln sie mit der Leichtigkeit von Worten.

So geschehen, nachdem ich mich den ganzen Tag lang mit Platon rumgeschlagen hatte und noch über das Bett als Bühne bei Hopper und überhaupt in der Kunst nachdachte. Ich könnte eine Serie daraus machen.

Et voilà:

Abbas - Intimacy - 2012
Abbas, „Intimacy“ (2012)

Der Moment aber, aus dem heraus jene Zeilen entstanden sind, lässt sich leider nicht rekonstruieren. Fakt ist, heute würden sie mir nicht mehr einfallen. Während die leuchtenden Laken der Lust brach liegen… das tun sie zwar, keine Frage, vor fünf Jahren jedoch, da glaubte ich noch an den Zahlenwert der von Bowie besungenen magischen Five Years.

Am nächsten Tag dann die Nachricht von seinem Tod… als breche ein Stück eigenes Leben weg. Endgültig. Und für immer.

Wahrheit oder Pflicht

Hans Aichinger,
Hans Aichinger, „Les Certitude du Réalisme“ (2010)

Ich fühle mich geehrt. Matthias von der Beat Company hat mich nominiert. Und das zu einer Zeit, da mir scheinen will, die Frau, die hier rumwerkelt, verschwindet zunehmend hinter ihren Spiegelbildern. Ich gebe kaum noch Privates von mir preis. Ich folge nur einer Handvoll Blogs. Es geht mir gut.

In mein analoges Leben ist auf leisen Sohlen ein Mensch getreten, den ich anfangs gar nicht bemerkte. Es sind nicht nur die Samtpfoten, die ihn auszeichnen. Es ist wohl seiner Hartnäckigkeit zuzuschreiben, dass er gewartet hat, bis ich ihm eine Tür öffnen konnte. Lange Zeit dachte ich, bis zum Ende meiner Tage würde ich das tiefe Tal nicht mehr verlassen. Und plötzlich fühlt es sich ein bisschen weniger einsam an. Was die Zukunft bringen wird, weiß ich nicht. Dieser Mensch ist wesentlich jünger als ich, und eigentlich weiß ich auch überhaupt nicht, was er bei mir findet. Es gibt diesen Sicherheitsabstand zwischen uns, der sich nicht überwinden ließe, ohne dass ich ihn auf meine grauen Haare, auf meine Krähenfüße oder Lachfalten, kurzum: auf die Tatsache aufmerksam machen müsste, dass ich seine Mutter sein könnte. Nicht dass er nicht wüsste, wie alt ich bin. Jahrgang 1964. Kein Geheimnis. Und obwohl ich mich zuweilen älter fühle als meine Mutter, sehe ich nicht so aus und spüre das junge Mädchen in mir, immer auf dem Sprung, all den verpassten Gelegenheiten nachzujagen, die seinen Weg bis zum heutigen Tage pflastern. Keiner von uns macht Anstalten, diesen Sicherheitsabstand aufzugeben, und selbst das fühlt sich ganz natürlich an. Es ist, wie es ist. Und so, wie es ist, ist es erst einmal gut. Wir sind kein Paar, wir sind Freunde, und das ist so viel mehr, als ich vor geraumer Zeit noch für möglich gehalten hätte in meinem Leben.

Ach ja, worum geht es denn überhaupt? Um den Liebsten Award natürlich. Das Spannende an der ganzen Sache sind manchmal die Fragen. Was machst Du im Leben nach dem Tod? Wie bitte? Träumst du noch oder bist du schon wach, dachte ich, als ich das heute morgen las. Well, „in the morning it was morning and I was still alive.“ So weit, so gut. Darüber hinaus konnte es sich nur um einen Zufall handeln, dass mir jemand ausgerechnet die Frage stellt, die mich seit geraumer Zeit umtreibt. Zufall? Wie immer verweise ich auch diesmal auf Max Frisch.

1. Was machst Du im Leben nach dem Tod?

Nach jetzigem Stand der Dinge werde ich nicht zu den Menschen gehören, die rundum zufrieden auf ihr Leben zurückblicken können, wenn sie auf dem Totenbett liegen. Ich hoffe, es wird mir deshalb nicht schwerer fallen, zu gehen, wenn es soweit ist. Ich glaube auch nicht, dass es ein Leben nach dem Tod gibt. In letzter Zeit denke ich nur manchmal, dass es mich trösten würde, wenn ich glauben könnte, dass sich mir nach dem Tod tatsächlich die Möglichkeit bieten würde, mich für ein weiteres Leben zu entscheiden. Mit etwas Glück würde mir die Gnade eines unproblematischeren Elternhauses zuteil, mein beruflicher Werdegang wäre kein Zickzackkurs, sondern die Entscheidungen lägen klarer und früher auf der Hand, und ich wäre mit genügend Selbstbewusstsein ausgestattet, das zu verwirklichen, wovon ich immer nur geträumt habe. Konkret: Im Leben nach dem Tod arbeite ich, Hauptsache irgendwas, im Bereich Kunst und Kultur, und der Job dient nicht nur dazu, das Dach über dem Kopf und das tägliche Brot zu sichern, ohne jemals Freude zu machen, sondern ist, darunter geht gar nichts, Berufung. Andernfalls kann mir ein Leben nach dem Tod auch gut und gerne gestohlen bleiben.

2. Wen siehst Du, wenn Du morgens in den Spiegel schaust?

Gute Frage an eine, die sich Frau im Spiegel nennt und ein Morgenmuffel ist. Aber ich sehe das oben erwähnte junge Mädchen, das wie jeden Tag schon in den Startlöchern steht. Ich sehe ihr in die Augen und denke: „Here’s looking at you, kid.“ Wenn ich morgens in den Spiegel schaue, sehe ich auch die unverbesserliche Romantikerin in mir, der ich für den Rest des Tages konsequent aus dem Weg gehen werde.

3. Wahrheit oder Pflicht ? (Best of Flaschendrehen)

Ich weiß nicht, ob ich das Spiel überhaupt jemals gespielt habe, deshalb musste ich mich erst einmal schlau machen:

Entweder nach beantworteter Frage bzw. erfüllter Aufgabe oder der Reihe nach oder durch eine Zufallsauswahl (oftmals mittels Flaschendrehen) wird der Befragte, welcher nun „Wahrheit oder Pflicht“ (also eine Aufgabe) zu erfüllen hat, ausgewählt. Dazu muss sich der Befragte zuerst zwischen „Wahrheit“ und „Pflicht“ entscheiden. Bei „Wahrheit“ wird dem Ausgewählten eine Frage gestellt, die er wahrheitsgemäß beantworten muss; bei „Pflicht“ muss der Ausgewählte eine von den anderen Mitspielern auserkorene Aufgabe erledigen. Die Frage oder Aufgabe stellt dabei derjenige, der vorher der Befragte war. Je nachdem, in welchem Alter sich die Spieler befinden, gehen die Fragen und Aufgaben oft in den persönlichen oder intimen Bereich.

Quelle: wikipedia

Hier fällt mir die Entscheidung nicht schwer. Unter welchen Umständen auch immer, ich gebe der Wahrheit den Vorzug. Jede Wahrheit ist besser, als eine Pflicht zu erfüllen, die womöglich lästig ist.

Für den Fall, dass ich mich jetzt auf eine weitere Frage gefasst machen muss: „I am ready, I am fine“, Matthias. Und last but not least: Herzlichen Dank!

Strange Fruit

 

Southern trees bear a strange fruit,
Blood on the leaves and blood at the root,
Black body swinging in the Southern breeze,
Strange fruit hanging from the poplar trees.

Pastoral scene of the gallant South,
The bulging eyes and the twisted mouth,
Scent of magnolias sweet and fresh,
And the sudden smell of burning flesh.

Here is a fruit for the crows to pluck,
For the rain to gather, for the wind to suck,
For the sun to rot, for a tree to drop,
Here is a strange and bitter crop.

Abel Meeropol

Time wounds all heels

Die Zeit heilt alles, nur nicht die Wunden. Mit der Zeit verliert die Wunde der Trennung ihre wahren Ränder. Mit der Zeit wird der begehrte Körper nicht mehr sein, und wenn der begehrende Körper schon aufgehört hat, zu sein, ist das was bleibt, eine Wunde ohne Körper.

Chris Marker, „Sans Soleil“

Dig my mood…

Von Erinnerungen

Theodore Shaw, "Dutch Scene"
Theodore Shaw, „Dutch Scene“

Im Zeitmagazin vom 28. Februar 2015 erzählt Liv Ullmann unter der Rubrik Ich habe einen Traum von der einzigen Erinnerung, die sie an ihren Vater hat. Berührend. An meinen Vater habe ich viele Erinnerungen. Ich wünschte, es wäre eine gute dabei.

Mein Vater war Zahnarzt, und ich hatte von Geburt an schlechte Zähne. Die waren wohl nicht das einzige, was ihn an mir gestört haben mag. Meine Mutter meint, er hätte doch meine schmalen Schultern  und nicht nur meine krausen Haare sehen können. (Die krausen Haare hatte ich von ihrem Vater, die schmalen Schultern von seiner Mutter.) Für schwere Lasten waren diese Schultern nie gemacht, und nur mit einer Prise Galgenhumor lässt es sich nach jedem Niederschlag wieder aufstehen.

An den ersten erinnere ich mich nicht, doch es gibt diese Anekdote, nach der ich eine Ohrfeige meines Vaters, die mich zur Räson bringen sollte, mit einem Gegenschlag konterte. Ich war noch sehr klein und unbedarft, die Situation entbehrt nicht einer gewissen Komik, denn ich lachte meinem Gegner den Erzählungen zufolge dabei schamlos ins Gesicht. Den Ernst der Lage galt es erst noch zu begreifen. Dass er es todernst meinte, war mir längst klar, als er zum letzten Mal handgreiflich wurde, mir seine Hände um den Hals legte und damit den Morddrohungen aus seinem Munde den nötigen Nachdruck verlieh. Dabei hatte er selber rein gar nichts begriffen. Ich war längst so eingeschüchtert, dass ich mich nichts von alledem traute, was für andere Mädchen meines Alters selbstverständlich war. Nur um sein Missfallen nicht zu erregen, tapezierte ich die Wände meines Zimmers statt mit männlichen Konterfeis mit Bildern schöner Frauen: Greta Garbo, Katherine Hepburn, Ingrid Bergman, Romy Schneider, Liv Ullmann. All die Frauen, die nicht nur schön waren, weil sie hübsche Gesichter hatten. Was sich am Ende als ebenso großer, wenn nicht größerer Fehler erwies, lieferte ich ihm damit doch den augenfälligen Beweis, dass mit mir etwas nicht stimmte.

Selbst meine schulischen Leistungen bereiteten ihm Anlass zur Sorge, wenn ich meiner Mutter Glauben schenken darf. Die waren zwar vorzeigbar, legten jedoch die Befürchtung nahe, dass ich ihm eines Tages geistig überlegen sein würde.

Das Geistige. Mein Vater hat mir vieles genommen, und noch heute stehe ich manchmal der Macht gegenüber, mit der er meine Gefühle kontrolliert hat. Hilflos. Nur die Welt in meinem Kopf, die um so vieles schöner und wirklicher war als die mich umgebende Realität, die entzog sich seinem Zugriff. Das war meine Rettung. Dieses Kind, ich wüsste nur zu gerne, was es denkt. Dieses Kind, dem nichts anderes übrig blieb, als um sich eine Aura von geistiger Abwesenheit zu erschaffen. Please, don’t bother trying to find her, she’s not there. Mag sein, dass er mir ausgerechnet den Sinn für die Kunst mitgegeben hat. Schöne Dinge hat er geliebt und sie am Ende doch zerstört. Vor seinen unkontrollierten Wutausbrüchen war nichts und niemand sicher.

Irgendwann bekam ich nach langem Bitten und Betteln endlich ein eigenes Radio, ein lumpiges Transistorradio zwar, kaum größer als die ersten Mobiltelefone, aber egal, ich war überglücklich. Bis dahin hatte ich mir am Abend, wenn ich durfte, das Kofferradio aus der Küche mit in mein Zimmer genommen. (An ein Stück, das damals im Dunkel der Nacht durch den Äther waberte, erinnere ich mich ganz besonders: „Spain“ von Chick Corea.) Jetzt konnte ich überall Radio hören, das Ding wurde zu meinem ständigen Begleiter. Nur, so hatte sich mein Vater das nicht gedacht. Als ich eines Tages damit aus dem Bad kam, griff er nach der Antenne, hob in einer archaischen Geste seinen Arm und zertrümmerte den kleinen Weltempfänger mit einem Schlag auf dem Boden. Das war’s. Von da an traute ich mich nicht einmal mehr, nach dem Radio in der Küche zu fragen.

Die letzten Worte, die mein Vater zu mir sagte, ohne mich noch eines Blickes zu würdigen, waren: „Geh weg. Mach die Tür zu.“ Das tat ich dann auch. Erleichtert. Geblieben sind mir nur traurige Erinnerungen, die von Zeit zu Zeit am Horizont aufscheinen, und keine, die gut und stark genug wäre, sie zu ersetzen. Wenngleich ich sie immer wieder umarrangiere, ändere ich damit nur das Erscheinungsbild des Schmerzes. Nur der Schmerz verfügt über eine schier unendliche Zahl von Masken. Nicht dass ich ihn noch spüren würde, wenn ich an meinen Vater denke. Nein. Die Gestalt, die dort in weiter Ferne an einem anderen Ufer steht, ist viel zu weit weg. Nein. Der Schmerz hat sich selbständig gemacht. Die Gesichtsnervenneuralgie, die sich bei mir in chronischen Zahnschmerzen manifestiert hat, ist nur eine der vielen Masken, die er sich immer wieder aufsetzt. Keine besonders phantasievolle in meinem Fall, by the way. Lebe damit. Wie T. C. Boyle im Interview mit Günter Keil sagt:

Weil das die Realität ist, weil wir alle in einem ganz und gar willkürlichen Universum leben. Die Grausamkeit schlägt bei jedem von uns zu. Und wir sind dazu verurteilt, ein illusorisches und viel zu kurzes Leben zu leben.

Five Years

Für Asallime: Hörst du drei oder vier Lieder mit mir?

Seine Tage waren schon immer gezählt. Nichtsdestotrotz hielt sich der Schuppen – jahrzehntelang – im Hinterhof eines sanierungsbedürftigen Altbaus. Bis sich am Ende doch noch ein Investor gefunden hat. Heute gibt es das Roxy nicht mehr. Time flies oder: Die Zeit geht nicht, sie stehet still, wir ziehen durch sie hin…

Zu einer Zeit jedenfalls, als mein Trommelfell noch nicht rebellierte, sobald die Bässe zu vibrieren begannen, zog es auch mich dorthin. Ich war neu in der Stadt. Ich kannte niemanden. Ich dachte, das wäre gut so. Jemanden kennen bedeutete, früher oder später etwas von mir preisgeben zu müssen. Die DJs trugen orangefarbene Overalls wie Gefallene aus einem anderen Orbit. Und erst viel später würde einer von ihnen mein Vorgesetzter sein. Ich habe mich immer gefragt, was aus seinem orangefarbenen Overall geworden ist. Ob er ihn einfach irgendwann abgestreift hat wie eine blutleere Haut oder an die Wand des stillen Kämmerleins genagelt, in dem er noch immer die alten Platten auflegt. Aber als ich dort im Roxy stand, unter jener Glasglocke, die ich nun schon eine ganze Weile mit mir herumschleppte und die, hartnäckig wie sie war, ihren Platz beanspruchte inmitten der Welt da draußen, hatte ich keine Ahnung, wie das Leben sich verlaufen oder, sagen wir, keinen Plan, wie sich das in letzter Minute vielleicht verhindern lassen konnte.

Ziellos ließ ich meine Blicke schweifen, bis sie eines Abends an jemandem hängenblieben, der aussah wie David Bowie, ja, in meiner Erinnerung hat er sogar diese beiden verschiedenfarbigen Augen. Von da an tauchte er immer wieder auf, wie aus dem Nichts, und war auch jedes Mal genau so plötzlich wieder verschwunden. Eine jener creatures of the night, bei denen ich mir nicht sicher bin, ob sie meinen Weg tatsächlich gekreuzt haben oder mir nur im Traum begegnet sind. Aber wenn er da war, konnte ich meine Augen nicht von ihm lassen, was mir im übrigen als vollkommen risikoloses Unterfangen vorkam, denn niemals nahm er auch nur irgendeine Notiz von mir.

Heute würde ich ihn als rauchblauen Engel mit einem grauen Flügelpaar malen, don’t think you knew you were in this song, oder als arroganten Schnösel, der sich heimlich genau daran weidete. Wie auch immer, sowohl das eine wie das andere sagt sicher mehr über mich als über die Erscheinung des Menschen, der gemeint ist.

Vielleicht wäre ich irgendwann sogar aus meiner Deckung gekommen, doch von einem Tag auf den anderen war er für immer verschwunden. Ich hatte keinen Namen, nichts. Ich habe ihn einfach nie wieder gesehen, und, um es mit Patrick Modiano zu sagen: Er wird ein Rätsel bleiben, wie so viele andere […] Gesichter, die wir für einen Augenblick entdecken und die in unserer Erinnerung leuchten mit dem Flimmern eines fernen Sterns, bevor sie am Tag unseres Todes erlöschen, ohne ihr Geheimnis preisgegeben zu haben.

And now, Ladies and Gentlemen:

 

Lonesome I

Pál Fejös‘ Lonesome beginnt wie ein Dokumentar- und endet wie ein Märchenfilm. Fast wie im richtigen Leben. Der Rummelplatz verwandelt sich in einen Zauberwald, die Achterbahn in einen bösen Drachen, das möblierte Zimmer in ein Märchenschloss. Und hokus pokus fidibus, schon findet sich der geneigte Betrachter in einem der wundervollsten Filme wieder, die je über die Leinwand flimmerten…

Das Fähnchen hoch halten

Bubble BathMeine Schwester badet nicht.

Sie vermachte mir kürzlich diverse Tütchen der tetesept Sinnensalze des Jahres “Zeit für Dich” sowie ein kleines Nackenkissen für die Wanne.

Sehen Sie die harmonische Farbe von hellem Rosé.

Riechen Sie den blumig-leichten Duft mit Hibiskus und weißem Tee.

Reimt sich sogar. Außerdem sind diese Sinnensalze frei von allem möglichen. Frei von Farbstoffen sind sie offensichtlich nicht.

Schon vorgestern tauchte ich meinen Körper in die hochgebaute Wanne voll warmen Wassers mit Meersalz und einer Kombination ätherischer Öle aus Orange, Mandarine, Lavendel sowie Limette und ließ den Kopf ins Nackenkissen sinken. Dabei schwebte mir das in Entwicklerflüssigkeit schwimmende latente Bild eines belichteten Films vor Augen, das in der Fotoemulsion allmählich sichtbar werden würde. Wie vom Rotlicht einer Dunkelkammerleuchte bestrahlt glühte das Wasser in einem tiefen Orangerot und verstärkte die Illusion, es ließe sich darin tatsächlich ein Entwicklungsfortschritt in statu nascendi beobachten. Kein schlechtes Setting für einen Psychothriller, dachte ich.

Gleichzeitig bildete die intensive Farbe einen wohltuenden Kontrast zur nebelverhangenen Außenwelt.

Heute badete ich also in Hibiskus und weißem Tee, der sich aber nicht wie angekündigt als helles Rosé entpuppte sondern himbeerrot wie die gute alte AHOJ-BRAUSE in der Wanne sprudelte. Und wie der Matrose sein Frigeo-Fähnchen, so hielt ich das Lesebändchen meiner Lektüre hoch, um Virginia Woolf vor einem zweiten Tod durch Ertrinken zu bewahren.

Wenn ich lese, läuft ein purpurfarbener Rand um die schwarze Kante des Schulbuchs. Doch kann ich keinem Wort durch seine Abwandlungen folgen. Ich kann keinem Gedanken aus der Gegenwart in die Vergangenheit folgen. Ich stehe nicht verloren herum, wie Susan, mit Tränen in den Augen, wenn ich mich an zu Hause erinnere; noch liege ich, wie Rhoda, zerknittert unter den Farnkräutern und mache grüne Flecken auf mein rosa Baumwollkleid, während ich von Pflanzen träume, die unter der Meeresoberfläche blühen, und von Felsen, zwischen denen gemächlich die Fische dahinschwimmen. Ich träume nicht.

So schwebt durch Traum und Wachen hin die Welle, heißt es bei Tieck. Ja. So schwebt sie hin… und in einer Endlosschleife Louise and the Pins mit ihrem „Bell Jar“.

Hundstage (In Gedanken)

Like a knife in a mango, Autumn slices Summer.

Ich esse keine Flugfrüchte. Weder Mangos noch andere Exotica. Ich weiß also überhaupt nicht, wie es sich anfühlt, wenn des Messers Schneide in die Mango fährt. Wie es sich anfühlt, wenn der Herbst den Sommer filettiert durchaus.

Es war einmal… in the dog days of summer as muslin curls on its own heat and crickets cry in the black walnut tree.

Musselin. Ein lockerer, feinfädiger und glatter Stoff, der wegen der ursprünglich verwendeten orientalischen Muster nach der Stadt Mosul im heutigen Nordirak benannt ist und aus Baumwolle oder Wolle in Leinwandbindung gewebt wird, schreibt Wikipedia. Ich erinnere mich nicht, Musselin jemals auf einem Label gelesen zu haben. Seit es Chemiefasern gibt, seit Anfang des 20. Jahrhunderts, heißt es Viskose. Die Blütezeit des Musselin liegt lange zurück. Ende 18./Beginn 19. Jahrhundert. Erkältungskrankheiten wurden damals als Musselinkrankheit bezeichnet, weil viele Frauen die während des Empire und Directoir beliebte Mode à la Grecque auch im Winter trugen.

Bei Musselin denke ich an französische Filme, die typische akustische Melange aus zirpenden Grillen und rauschenden Blätterkronen im Wind und natürlich an weibliche Protagonistinnen in klitzeklein geblümten Sommerkleidern. Musselin ist der Stoff aus dem meine flirrendsten Hitzeträume gewebt sind.

Für die Jahreszeit [und für Musselin] zu kalt, verkündet der Wetterprophet. Von Hundstagen keine Spur.

Bei Hundstagen denke ich an Himbeeren. Die esse ich schon. Sofern sie aus heimischen Gärten stammen. Im Moment werden sie in kleinen Schälchen auf dem Wochenmarkt feilgeboten. Hundstage hin oder her. Ich würde sie auch in rauen Mengen verschlingen, allein: In rauen Mengen sind sie unerschwinglich. Himbeeren wecken Kindheitserinnerungen. Wie Wildtauben. Wildtauben + Himbeeren = Hundstage.

Ich im türkisfarbenen NylonnachthemdHundstage. Als wir den lieben Gott noch ungeniert um schönes Wetter baten, wenn es an einem von ihnen ausnahmsweise einmal regnete. Mit gefalteten Händen und flehenden Blicken gen Himmel. Es dauerte nie lange, und der Herr ließ sein Angesicht leuchten über uns, während sich zu unseren Füßen der Märchengarten erstreckte und weit über unsere Köpfe hinausragte. Das Gurren der Wildtauben betörte uns wie ein vieldeutiges Versprechen aus seinen tiefsten Tiefen. In rosa- und türkisfarbenen Nylongewändern [in Wahrheit handelte es sich natürlich um allerfeinstes Gewebe à la Musselin] wandelten wir darin wie Prinzessinnen aus Tausend und einer Nacht. Nur manchmal verfing sich die eine oder andere Spitze in den Ranken der mannshohen Himbeersträucher, und die Lust am Abenteuer strandete in den hohen Gassen eines gefühlten Labyrinths. Aber der Rote Faden war immer das Gurren der Wildtauben. Wie eine Zauberformel beschwört es noch heute den Sommer herauf. Den Sommer und wir mittendrin.

Dahin dahin. Um ihnen dennoch zu huldigen, den Hundstagen, die keine sind, kaufe ich ein Schälchen Himbeeren. Meine Suche nach einem schönen Bell Jar blieb für heute erfolglos. Scheint wohl gerade nicht in zu sein. Schade. Mir schwebten da nämlich ein paar Aufnahmen vor… Himbeeren an Taubenfeder auf Musselin. Andere werden folgen.

Tiny Bubble

(The video is no longer available in this country.)

 

All the world’s a tiny bubble floating inside
Those of us who notice are expected to hide
All the world’s a tiny bubble floating inside the truth…

Paul McCartney, „Tiny Bubble“

 

Spezialeffekte

Die blauere Stunde ist die am Morgen. Wenn die Reise eines langen Tages in die Nacht beginnt, die Straßen gesäumt von in sich zusammen gefallenen Häuflein Schnee. Leicht und schwerelos wie Schirmflieger einer Pusteblume zerstreut sich langsam in alle Himmelsrichtungen das Bild des Mondes am Firmament. Der Fahrer plappert pausenlos, doch den Moment kann er mir nicht nehmen. Hauchdünn wie die allmählich verwehenden Dunstschleier ist die Membran, die mich umgibt. So durchsichtig wie das Fensterglas, durch das ich meine Blicke werfe. Hinaus hinaus. Vibrierend im Dröhnen des Automotors, während draußen ein Luftfahrzeug seinen tonnenschweren Rumpf stumm in den blauen Morgenhimmel hievt und doch stillzustehen scheint. Zum Greifen nah und doch so fern. Meilen und Minuten verschmelzen im Standbild des grauen Reaktorblocks, das als Monument für die Manipulation von Raum und Zeit am Horizont gefriert.

DruckwasserreaktorNichts bewegt sich, nur die Nadel auf dem tellergroßen Tacho bohrt sich wie ein Pfeil immer tiefer in den dreistelligen Bereich. Die Zeit zwingt zum Diktat, und ich lese auf, was auf der Strecke bleibt.

Zuflucht hinter der Zeit, so der ursprüngliche Titel eines Romans der österreichischen Schriftstellerin Hannelore Valencak, der dem Film Fenster zum Sommer von Hendrik Handloegten als Vorlage diente. So schön hat noch keiner den Wechsel von Zeit- und Bewusstseinsebenen ins Bild gesetzt. Der wunderbaren Nina Hoss schien ihre Rolle einmal mehr wie auf den Leib geschneidert. Die Süddeutsche schrieb:

Das Science-Fiction-Szenario ist in Fenster zum Sommer ein bloßes Gedankenspiel – der größte Spezialeffekt ist das Wetter, das magische Licht der finnischen Mittsommernächte, und im Kontrast dazu das frostige Grau der Berliner Februartage, die diskret verwirrenden Sirenenklänge des Soundtracks von Timo Hietala beschwören dazu das Unerklärliche. Souverän jongliert Handloegten mit Rückblenden und Erinnerungen, mit verschiedenen Filmmaterialien und Lichtverhältnissen. Zwischen Fakten und Ahnungen, zwischen brutaler Evidenz und fragiler Flüchtigkeit hält er seinen Film in der Schwebe, hier das Krachen eines Unfalls, der den Tod bringt, dort die flüchtige Berührung in einer überfüllten Trambahn, die der Anfang einer großen Liebe ist.

Mich traf der Film jedenfalls mitten ins Herz, und jetzt wird er mich wieder für Tage in einer Art Paralleluniversum gefangen halten. Die Szene vom Unfalltod erinnert im übrigen an die persische Legende, die Gaito Gasdanow in Das Phantom des Alexander Wolf zitiert:

Zum Schah kam einmal sein Gärtner, in höchster Aufregung, und sagte zu ihm: Gib mir dein schnellstes Pferd, ich möchte so weit wie möglich fortreiten, nach Isfahan. Gerade als ich im Garten arbeitete, habe ich meinen Tod gesehen. Der Schah gab ihm das Pferd, und der Gärtner sprengte nach Isfahan. Der Schah ging in den Garten; dort stand der Tod. Er sagte zum Tod: Weshalb hast du meinen Gärtner so erschreckt, weshalb bist du ihm erschienen? Der Tod erwiderte dem Schah: Ich habe das nicht gewollt. Ich war erstaunt, deinen Gärtner hier zu sehen. In meinem Buch steht geschrieben, ich würde ihm heute Nacht weit von hier begegnen, in Isfahan.

Der größte Spezialeffekt ist also das Wetter. Oder um es in Ermangelung eines an dieser Stelle adäquat anknüpfenden Schlusswortes mit Tom Waits zu sagen: That wraps up the weather for this evening. Now back to the eleven o’clock blues.

Rabbit Hole

Merkwürdige Blüten treiben in meinem Garten der Trivialitäten ihr Unwesen. Wer dies liest, möge es mir nachsehen, dass ich derzeit nur über meine Befindlichkeiten und den Kelch schreiben kann, der nicht vorüber ziehen mag. Oder gleich das Weite suchen.

Drei freie Tage gingen mit Konsultationen meiner Hausärztin dahin, nachdem die Nebenwirkungen diverser Blutdruck senkender Medikamente mich immer wieder an die äußersten Ränder der Verzweiflung brachten. Reizhusten, Tachykardien, Panikattacken, Synkopen, das volle Programm. Ich will gar nicht weiter ins Detail gehen. In meinem ganzen Leben habe ich mich nicht so elend gefühlt wie in diesen Tagen. Da fällt es schwer, seinen Galgenhumor nicht zu verlieren. Den beiden Pharmaburschen, die zu allem Überfluss wie Maden im kranken Speck des Wartezimmerpersonals saßen, wäre ich am liebsten an die weißen Kehlen gesprungen. Mittendrin weigerte ich mich, überhaupt noch etwas einzunehmen, was leider die schlechteste aller Alternativen ist. Die gute Nachricht: Es gibt noch andere. Die weniger gute: Es kann bis zu einem Jahr dauern, bis das ideale Mittel zum Zweck gefunden ist. Ich mutiere also zum Versuchskaninchen und nage nun an einem Betablocker.

Da fällt es auch schwer, von sich abzusehen. Alles um mich her dümpelt vor sich hin. Mein Seelentröster ist immer noch Imre Kertész, wenngleich ich zu jung und nichtsdestotrotz zu gesund bin, um mich mit einem 75igjährigen, an Parkinson erkrankten alten Mann zu identifizieren. Aber ich mache mir nicht gerne etwas vor, und es gibt Stellen von entwaffnender Ehrlichkeit in der Letzten Einkehr:

Manchmal fühlt er sich noch irgendwie unsicher. Der archimedische Punkt der Identität ist, wie es scheint, der andere. Die Existenz des anderen ist zugleich mein Identitätsbewußtsein. Fehlt der andere, erleiden wir außer Liebesverlust und Trauer auch die Unsicherheit des Rollenverlustes. Die gemeinsame Identiät erweist sich manchmal als unechter Stil, gegen den wir unerwartet verstoßen. Und trotzdem verhelfen wir dann nicht der Wahrheit zu ihrem Recht, sonder begehen – so fühlen wir wenigstens – Verrat. Der Mensch sucht sich sozusagen unaufhörlich zu entschuldigen: Trauer ist das schlechte Gewissen des Überlebenden.

Ein Trost war mir in diesen Tagen auch die Anwesenheit der Tochter. Wir haben zusammen Musik gehört und Rilke gelesen, der mich für Stunden alles vergessen ließ, was momentan befremdlich ist in meinem Leben: Nichts ist mir zu klein, und ich lieb es trotzdem und mal es auf Goldgrund und groß und halte es hoch, und ich weiß nicht wem löst es die Seele los…

Ich hasse Plattitüden, aber die Hoffnung, dass es nur besser werden kann, stirbt zuletzt.

Clothes of Sand

Who has dressed you in strange clothes of sand
Who has taken you far from my land
Who has said that my sayings were wrong

And who will say that I stayed much too long?

Clothes of sand have covered your face
Given you meaning, taken my place
So make your way on down to the sea

Something has taken you so far from me.

Does it now seem worth all the colour of skies
To see the earth through painted eyes
To look through panes of shaded glass

See the stains of winter’s grass.

Can you now return to from where you came
Try to burn your changing name
Or with silver spoons and coloured light

Will you worship moons in winter’s night.

Clothes of sand have covered your face
Given you meaning but taken my place
So make your way on down to the sea

Something has taken you so far from me.

Nick Drake

Ein Büschel grünes Laub…

…gefegt vom Lindenbaum, in der Allee, 1 Ästchen grünes Laub 1 Ästchen Lindenbaum, 1 Gedichtzeile womöglich

…und ich liesz meine Arme / Augen emporfliegen zu den Häuptern der Linden welche in 1 Allee in der Strasze, und ihren Duft verströmten…

Friederike Mayröcker

Seit einigen Nächten nun, nur geträumt, logiere ich immer im selben Hotel. Ich checke ein, der Empfangschef weist mir einen Parkplatz zu, und dann zerfließt alles in einem Mix aus mehr gefühlten denn konkreten Inhalten…

Der Mond. La Lune. The Moon. Ein Bilderbuchmond. Ein Kinomond. Wie ein Stück Leinwand leuchtend im kreisrunden Lichtkegel eines imaginären Projektors. Durchzogen von einer geheimnisvollen blau-violetten Schwade: der Atemhauch eines eng umschlungenen Paares an einem fernen Horizont oder der feucht-heiße Odem eines einsam heulenden Wolfes. Mühelos liefert der Kopf Bild und Ton zur himmlischen Dramaturgie. Der inszenierte Partyrummel verblasst, verklingt. Ein Vorhang fällt. Dein Film läuft Backstage.

Im Park knistern die letzten Regentropfen im Laub. Die Blütenkelche des Jasmin prangen wie Sterne im dunklen Spalier. Ihr betörender Duft mischt sich mit dem der Lindenblüten, die goldgelben Glöckchen gleich von den Zweigen baumeln. Ein leises Potpourri fernab des ohrenbetäubenden Lärms.

Aus einem Brief Bettina Brentanos an ihren Bruder Clemens:

Die Linden blühen, Clemente, und der Abendwind schüttelt sich in ihren Zweigen. Wer bin ich, daß ihr mir all euren Duft zuweht, ihr Linden? Ach, sagen die Linden, Du gehst so einsam zwischen unseren Stämmen herum und umfaßt unsre Stämme, als wenn wir Menschen wären, da sprechen wir dich an mit unserm Duft.

Ich liebe diesen Duft, auch weil er mich an eine reich bebilderte Geschichte erinnert, die ich als Kind gelesen habe. Sie handelte von einem kleinen Jungen, der sich des nachts auf einer Baustelle herumtreibt, wo die Arbeitsgeräte plötzlich zu mysteriösem Leben erwachen. Irgendwann beginnt es zu regnen, und vollkommen durchnässt findet er sich nach diesem traumhaften Abenteuer in seinem Bette wieder. Am nächsten Morgen ist er krank. Die Mutter kocht ihm heißen Lindenblütentee, von dem gesagt wird, dass er scheußlich schmecke. Kaum zu glauben, wo die frischen Blüten doch so köstlich riechen.

Nie wollte ich so krank sein, dass meine Mutter mir heißen Lindenblütentee würde einflößen müssen, denn bei der Vorstellung, Kamille und Pfefferminze würden einmal nicht mehr ihre Wirkung tun, schauderte mir.

Was wohl die Botschaft dieser Geschichte war? Betreten der Baustelle bei Strafe verboten? Oder: Mach Dir nichts vor, das Leben ist kaum mehr als ein Fiebertraum.

Das Buch dürfte bei einem Umzug auf der Strecke geblieben sein. Merkwürdig: An seinen Titel erinnere ich mich nicht mehr, wohl aber daran, dass es in einem DDR-Verlag erschienen war.

Und dann ist da noch Wilhelm Müllers Lindenbaum: Ich träumt‘ in seinem Schatten so manchen kühlen Traum. Ja, es ist Sommer, und ich höre die Winterreise. Manchmal ist es gut, wenn einer den Finger in die Wunde legt und sagt: „Sieh. Hier. Du blutest.“

Ein Traum erschien

Fischen im DrübenEin Traum erschien, der sich mit Bildern aus Eindrücken und Empfindungen der letzten Wochen speiste: Ich betrete den Aufzug des Oriental Pearl Tower in Shanghai. Gleich darauf stellt sich heraus, dass ich besser alle Hoffnung fahren lasse, wie geplant sanft ins Erdgeschoss hinab zu gleiten. Stattdessen beginnt eine aberwitzige Jagd durch gläserne Tunnel, kreuz und quer und rauf und runter durch die ganze Stadt. Grelles Sonnenlicht scheint aus jeder Himmelsrichtung auf die Fassaden, leuchtet die Straßenschluchten vollständig aus, so dass kein Gebäude einen Schatten wirft. Erst als mich auf einmal totale Finsternis umgibt, endet die wilde Fahrt. Ich verlasse den Aufzug, der sich jetzt an der Außenseite eines ziemlich heruntergekommenen, traditionellen chinesischen Badehauses befindet. Gleich gegenüber gibt es einen zweiten, der direkt in die verschiedenen Becken und Liegeecken auf den jeweiligen Stockwerken führt. In einer mit dunklem Holz getäfelten Ruhezone lasse ich mich erschöpft auf eine Sitzbank sinken. Nachdem ich dort eine Weile vergeblich versuche, inmitten von Dampf und Dunkelheit etwas zu erkennen, durchfährt es mich plötzlich siedend heiß: Mein Mobiltelefon ist mir abhanden gekommen. Und während ich mir noch den Kopf zerbreche, wie und wo und wann es geschehen sein könnte, fallen mir weitere Gegenstände ein, die ich unterwegs verloren habe, darunter mein Portemonnaie. Am Ende stelle ich fest, dass mein gesamtes Reisegepäck auf der Strecke geblieben ist. Ich beschließe, noch einmal sämtliche Stockwerke abzufahren. Diesmal ganz systematisch.

Draußen treibt die Natur ihr Werden und Vergehen voran, grünt und blüht zum Himmel, als gelte es einen Ausgleich zu erschaffen zu dem brodelnden Verlusttopf, den Dorothea Grünzweig elegisch in ihrem Gedicht vom Finden und Verlieren beschreibt:

„wir hatten von weither und immer wieder
von vergänglichkeit geredet
vom willen mit einem verlust andere kommende einzuüben
der wendet sich zu trotziger verzweiflung“

und

„WIR SAGEN IN DEN NÄCHSTEN TAGEN ZUEINANDER
sagen es wieder und wieder wie von weither
wir müssen mehr bereit sein zu verlust
am anfang hieß verlieren     lösen freiwerden
wir dürfen das was wir verlieren
nie nie als schlussstein definieren von
dem das leben überdomenden gewölbe
müssen verstehen das ist nur ein verlust
und kommen viele bis zum großen ganz am schluss

dann müssen wir auch in das schweigen gehen
das stärker ist und sprechender als jegliches gedicht“

Oh ja, die Totenstille, trommelt mit den Fäusten an die Wände. Es fühlt sich an, als fischte ich im Drüben mit dem falschen Köder an der Angel. Manchmal hilft Musik, die wir gemeinsam gehört haben. Miles Davis, zum Beispiel, das „Concierto de Aranjuez“.

Briar and the Rose

I fell asleep down by the stream
And there I had the strangest dream
And down by Brennan’s Glenn there grows
A briar and a rose

There’s a tree in the forest
But I don’t know where
I built a nest out of your hair
And climbing up into the air
A briar and a rose

I don’t know how long it has been
But I was born in Brennan’s Glenn
And near the end of spring there grows
A briar and a rose

Picked the rose one early morn‘
I pricked my finger on a thorn
It had grown so close
Its winding wove the briar around the rose

I tried to tear them both apart
I felt a bullet in my heart
And all dressed up in spring’s new clothes
The briar and the rose

And when I’m buried in my grave
Tell me so I will know
Your tears will fall
To make love grow
The briar and the rose

Tom Waits

Der Lindenbaum

Am Brunnen vor dem Tore,
Da steht ein Lindenbaum:
Ich träumt’ in seinem Schatten
So manchen süßen Traum.

Ich schnitt in seine Rinde
so manches liebe Wort;
Es zog in Freud und Leide
Zu ihm mich immer fort.

Ich mußt’ auch heute wandern
Vorbei in tiefer Nacht,
Da hab ich noch im Dunkel
Die Augen zugemacht.

Und seine Zweige rauschten,
Als riefen sie mir zu:
Komm her zu mir, Geselle,
Hier findst Du Deine Ruh!

Die kalten Winde bliesen
Mir grad in’s Angesicht;
Der Hut flog mir vom Kopfe,
Ich wendete mich nicht.

Nun bin ich manche Stunde
entfernt von jenem Ort,
Und immer hör ich’s rauschen:
Du fändest Ruhe dort!

Wilhelm Müller

Kontext: Die Winterreise

Der Lindenbaum ist eine Station in einer recht locker gefügten Handlung, an der sich die Gedichte von Müllers Zyklus aufreihen. Noch vor deren Beginn liegt eine gescheiterte Liebesbeziehung des Protagonisten, eines jungen Mannes, der das Lyrische Ich verkörpert. Das erste Lied des Zyklus, Gute Nacht, beschreibt die Ausgangssituation: Das „Ich“ verlässt in einer Winternacht das Elternhaus der Geliebten und begibt sich auf eine einsame, ziellose Wanderung, deren Stationen die Gedichte des Zyklus wiedergeben. Zu diesen Stationen zählen vereiste Flüsse und verschneite Felsenhöhen, Dörfer und Friedhöfe – und eben auch der Lindenbaum.

Die Winterreise ist als „Monodrama“ beschrieben worden oder auch als eine Folge von „Rollengedichten“. In allen Stationen spricht nur das Lyrische Ich mit sich selbst, aber auch mit der Natur oder mit seinem Herzen. Einige Motive wiederholen sich immer wieder: Liebe und Todessehnsucht, der Gegensatz der erstarrten Winterlandschaft und der fließenden Emotionen (vor allem in Gestalt der Tränen), Trotz und Resignation, vor allem aber das wie getriebene, zwanghafte Wandern.

Auffallend im gesamten Zyklus sind die sprachlichen Gegensätze (heiße Tränen – Schnee, Erstarren – Schmelzen etc.), die auch dem auf feine Nuancierungen verzichtenden Volkslied eigen sind. Nach Erika von Borries gelingt es Müller, eingebettet in alte und naiv-vertraut wirkende Formen, die Erfahrungen einer Moderne zu vermitteln. Die Leitmotive des Lindenbaums, Traum und Ruhe, tauchen mehrmals im Zyklus mit jeweils unterschiedlichen Bedeutungen auf, die nach von Borries für die dichterische Darstellung einer unverlässlich gewordenen Welt stehe.

Der Zyklus und der Begriff Winter (siehe Heines Wintermärchen) sei nach Achim Goeres als Metapher für eine Politik der Restauration nach dem Wiener Kongress zu verstehen. Wie bei Heine stehe der politische „Winter“ dem „Mai“ („Der Mai war mir gewogen“) als politisches Pendant gegenüber. Die politische Dimension der Winterreise beschreibt Harry Goldschmidt so:

„In ihrer unwiederholbaren Einheit von Vers und Ton bietet die Winterreise eines der erschütterndsten, wenn nicht das erschütterndste künstlerische Doppelzeugnis jener politischen Unfreiheit, die Heine als die wahre Ursache der romantischen Ironie und des Weltschmerzes beim Namen nannte. […] Was ihn in Wahrheit vertrieben hat und nicht einmal in der ‚unbarmherzigen Schenke‘, dem kühlen Wirtshaus des Todes Ruhe finden läßt, was ihn zuletzt zum Weggefährten des Bettlers und Leiermanns gesellt, das ist die Zentnerlast des überpersönlichen, allgemeinen Schicksals.“

Müllers Text der Winterreise erschien in der 1822 verbotenen Literaturzeitschrift Urania, wobei ausgerechnet ein Text Müllers Anlass für das Verbot gewesen war. Schubert war selbst politisch nicht aktiv, hatte aber enge Kontakte zu Kreisen der intellektuellen Opposition.

Quelle: wikipedia

 

50 Words For Snow

Ein Konzeptalbum. Der Schnee rieselt leise durch jedes Stück, und ich frage mich, wie es wohl zustande gekommen sein mag. In Abgeschiedenheit und mit aller Zeit der Welt. Manchmal braucht es vielleicht nur eine Sache, in die man sich ganz und gar hineinfallen lässt, um alles aus sich rauszuholen, was pausenlos unter Bergen von Input in einem versinkt. Ich habe im Moment alle Zeit der Welt, und doch fehlt mir eine Art innerer Ruhe, um wirklich erkennen zu können, was manchmal als Gedanke hinter einer Nebelwand kurz aufscheint wie die Hand, die ich so gerne vor Augen sehen würde, oder eine Ahnung von etwas, das ich aus diesem ständig auf mich herabfallenden Niederschlag von Eindrücken nicht herausfiltern kann. Wenn ich nicht im Zug sitze, sitzt der Zug in mir, durchflutet von einer Fülle an Wort- und Klangfetzen, die sich nie ganz ausblenden lassen. Dieses Album ist wie ein Ort, an den ich mich zu denken vermag. Es gibt solche Orte. Orte, an denen man nicht bloß vorbei rast. Orte, die man sieht, wenn man die Augen schließt am Fenster zu einer ständig im Zeitraffer rotierenden Welt. Zeitlose Orte. Beim Hören tut sich diese Abgeschiedenheit auf. Fernab von allem, was sich wie ein Motor anfühlt, der lediglich die große Leere um sich herum am Laufen hält. Alle Welt denkt an Paris, fotografiert Paris, sehnt sich nach Paris, bereist Paris. Ich denke an diesen Ort.

Misty

Roll his body.
Give him eyes.
Make him smile for me,
Give him life.
My hand is bleeding, I run back inside.
I turn off the light,
Switch on a starry night.
My window flies open.
My bedroom fills with falling snow,
Should be a dream but I’m not sleepy.
I see his snowy white face but I’m not afraid.
He lies down beside me.
So cold next to me.
I can feel him melting in my hand.
Melting, in my hand.
He won’t speak to me.
His crooked mouth is full of dead leaves.
Full of dead leaves, bits of twisted branches and frozen garden,
crushed and stolen grasses from slumbering lawn.
He is dissolving, dissolving before me and dawn will come soon.
What kind of spirit is this?
Our one and only tryst.
His breath all misty,
And when I kiss his ice-cream lips
And his creamy skin,
His snowy white arms surround me.
So cold next to me.
I can feel him melting in my hand.
Melting, melting, in my hand.
Sunday morning.
I can’t find him.
The sheets are soaking
And on my pillow:
Dead leaves, bits of twisted branches and frozen garden,
crushed and stolen grasses from slumbering lawn.
I can’t find him – Misty..
Oh please can you help me?
He must be somewhere.
Open window closing,
Oh but wait, it’s still snowing.
If you’re out there,
I’m coming out on the ledge.
I’m going out on the ledge.

Kate Bush, „Misty“ (aus „50 Words For Snow“)

Der Wegweiser

Lied XX

Was vermeid‘ ich denn die Wege,

Wo die ander’n Wand’rer geh’n,

Suche mir versteckte Stege,

Durch verschneite Felsenhöh’n?

Habe ja doch nichts begangen,

Daß ich Menschen sollte scheu’n, –

Welch ein törichtes Verlangen

Treibt mich in die Wüstenei’n?

Weiser stehen auf den Straßen,

Weisen auf die Städte zu.

Und ich wandre sonder Maßen

Ohne Ruh‘ und suche Ruh‘.

Einen Weiser seh‘ ich stehen

Unverrückt vor meinem Blick;

Eine Straße muß ich gehen,

Die noch keiner ging zurück.

Winterreise. Ein Cyclus von Liedern von Wilhelm Müller. Für eine Singstimme mit Begleitung des Pianoforte komponiert von Franz Schubert. Op. 89. Erste Abtheilung (Lied I–XII). Februar 1827. Zweite Abtheilung (Lied XIII–XXIV). October 1827.