Dangerous Liaison

Für Dagmar

Nadja Haefeli, Germanic Funeral 2, 2007
Nadja Haefeli, „Germanic Funeral 2“ (2007)

Manchmal laufe ich ihm zufällig über den Weg. Dann merke ich, nach wie vor habe ich ihm  nicht verziehen. Was daran so schwer sei, meinte dereinst eine Therapeutin. Jeder von uns beiße doch ab und an in einen sauren Apfel.

Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land?

Ist das der Punkt? Gekränkte Eitelkeit? Und warum komme ich nicht darüber hinweg? Nicht schön genug, nicht gut genug gewesen zu sein. Oder wenigstens vorausschauend genug, zu wissen, die Liebe lässt sich nicht verdienen.

Die erwähnte Therapeutin befand sich damals kurz vor ihrem Rückzug ins Private. Sie wollte den Abschluss unserer Sitzungsperiode möglichst rund gestalten. Und weil ich auch in dieser Situation, die Haut, in der ich lebe, nicht abstreifen konnte, mimte ich die perfekte Patientin und gab vor, geheilt zu sein.

Nur, immer wenn ich ihm zufällig über den Weg laufe, antwortet der Spiegel in mir:

Frau Königin, ihr seid die schönste hier, aber Schneewittchen über den Bergen bei den sieben Zwergen ist noch tausendmal schöner als ihr.

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Le petit chaperon rouge

Rotkäppchen zählte nie zu meinen Lieblingsmärchen. Daran konnte auch die Tatsache nichts ändern, dass es dereinst auf Schallplatte für mich unter dem Weihnachtsbaum lag. Im Gegenteil. Die Stimme des Wolfes quasi leibhaftig zu hören, verstärkte das Grauen um so mehr. Vielleicht steckten in den Sträußen, die das kleine Mädchen für die Großmutter band, auch Mohnblumen, wer weiß:

Der Wolf lief aus Leibeskräften den Weg, der kürzer war, und das kleine Mädchen ging den längeren Weg, wobei es seine Freude daran hatte, Haselnüsse zu sammeln, Schmetterlingen nachzujagen und Sträusse aus den Blümchen zu binden, die es fand.

Jedenfalls greift mir heute von den Bildern, mit denen Sarah Moon Le petit chaperon rouge  illustrierte, vor allem dieses hier ans Herz:

Sarah Moon, "Le petit chaperon" (1983)
Sarah Moon, „Le petit chaperon rouge“ (1983)

Die Version von Charles Perrault aus dem Jahr 1697 ist eine der ältesten bekannten schriftlichen Fassungen des Rotkäppchen-Stoffes. Bei ihm geht sie jedoch nicht gut aus. Die Großmutter und das Rotkäppchen werden vom Wolf gefressen, Ende der Geschichte. Darüber hinaus schreckt er auch vor expliziten sexuellen Anspielungen nicht zurück:

Sarah Moon, "Le petit chaperon" (1983)
Sarah Moon, „Le petit chaperon rouge“ (1983)

„Stell den Fladen und den kleinen Topf Butter auf den Backtrog und leg dich zu mir.“

Das kleine Rotkäppchen zieht sich aus und geht hin und legt sich in das Bett, wo es zu seinem allergrössten Erstaunen sah, wie seine Grossmutter ohne Kleider beschaffen war. Es sagte zu ihr:

„Grossmutter, was habt Ihr für grosse Arme!“

„Damit ich dich besser umfangen kann, mein Kind!“

Zuletzt wendet sich Perrault gar mit erhobenem Zeigefeiger an seine Leser:

Moral

Hier sieht man, dass ein jedes Kind und dass die kleinen Mädchen (die schon gar, so hübsch und fein, so wunderbar!) sehr übel tun, wenn sie vertrauensselig sind, und dass es nicht erstaunlich ist, wenn dann ein Wolf so viele frisst. Ich sag ein Wolf, denn alle Wölfe haben beileibe nicht die gleiche Art: Da gibt es welche, die ganz zart, ganz freundlich leise, ohne Böses je zu sagen, gefällig, mild, mit artigem Betragen die jungen Damen scharf ins Auge fassen und ihnen folgen in die Häuser, durch die Gassen doch ach, ein jeder weiss, gerade sie, die zärtlich werben, gerade diese Wölfe locken ins Verderben.

Sarah Moon, "Petit Chaperon Rouge" (1983)
Sarah Moon, „Petit Chaperon Rouge“ (1983)

Auch die Bilder von Sarah Moon haben nichts mit den bekannten Märchenillustrationen gemein. Das Unheimliche wird von ihr weder verniedlicht noch ein Zeigefinger erhoben. Alles liegt in den Lichtern und Schatten, im Gesicht und in den Gesten des kleinen Mädchens.

Anti-Märchen

Deef Pirmasens, "Sterntaler"
Deef Pirmasens, „Sterntaler“

Das Märchen der Großmutter
aus Georg Büchners 1836 entstandenem und 1913 uraufgeführtem Dramenfragment „Woyzeck“:

Es war einmal ein arm Kind und hatt kein Vater und keine Mutter, war alles tot und war niemand mehr auf der Welt. Alles tot, und es is hingangen und hat gesucht Tag und Nacht. Und weil auf der Erde niemand mehr war, wollt’s in Himmel gehen, und der Mond guckt es so freundlich an; und wie es endlich zum Mond kam, war’s ein Stück faul Holz. Und da is es zur Sonn gangen, und wie es zur Sonn kam, war’s ein verwelkt Sonneblum. Und wie’s zu den Sternen kam, waren’s kleine goldne Mücken, die waren angesteckt, wie der Neuntöter* sie auf die Schlehen steckt. Und wie’s wieder auf die Erde wollt, war die Erde ein umgestürzter Hafen*. Und es war ganz allein, und da hat sich’s hingesetzt und geweint, und da sitzt es noch und is ganz allein.

*Neuntöter: ein Singvogel; Hafen: mundartlich für Topf

Der Turm zu den Sternen

František Kobliha…Den König aber plagte die Angst, das Mädchen könne geraubt werden, und endlich beschloss er, sie in einen hohen Turm zu sperren. Er ließ seinen besten Baumeister rufen mit seinen tüchtigsten Maurern und befahl: „Baut mir einen Turm bis zu den Wolken und noch höher!“ Und die fingen an, auf festem Felsengrund einen Turm zu bauen. Als der so hoch war wie der höchste Baum, ließ der König seine Tochter mit ihrer Dienerin in den Turm bringen, und die Tür wurde zugemauert bis auf eine kleine Luke, durch die man Essen und Trinken hereinreichen konnte. Und die Bauleute wurden auch mit eingemauert, sie sollten von innen weiterbauen. Die Steine dafür mussten sie aus dem Felsengrund brechen. So wuchs der Turm höher und höher, und je höher der Turm in den Himmel reichte, desto tiefer führte eine Treppe hinab in die Erde.

Drei Tage, bevor die Königstochter vierzehn Jahre alt wurde, sagte der alte Baumeister: „Prinzessin, der Turm reicht nun bis zu den Sternen. Weiter können wir nicht bauen!“

„Hab Dank“, sagte die Königstochter, „es ist gut. Komm“, sagte sie zu ihrer Dienerin, „ich steige jetzt hinauf, dann werden wir weitersehen.“ So stiegen sie die steile Treppe hinauf, weiter und immer weiter, bis sie zur Turmspitze kamen, da reichte der Turm bis zu den Sternen. Das Mädchen schwingt sich über die Brüstung und geht auf den nächsten Stern zu. Als sie näher kommt, sieht sie: es ist ein kleines Haus mit einem hell erleuchteten Fenster. Sie klopft an die Tür, ein schöner junger Mann kommt heraus.

„Wer bist du?“, fragt er, „woher kommst du? Und was willst du?“

„Ich bin eine Königstochter“, sagt sie, „ich komme von unten, aus diesem Turm dort drüben. Mein Vater hat mich mit meiner Dienerin darin eingemauert. Aber ich will in die Welt gehen. Und wer bist du?“

„Ich bin der Morgenstern. Hier vom Himmel führt kein Weg in die Welt…

aus „Der Turm zu den Sternen“ (Baskisch)

Der weiße Bär König Valemon

Theodor Kittelsen, "White Bear King Valemon" (ca. 1901 oder 1912)
Theodor Kittelsen, „White Bear King Valemon“ (ca. 1901 oder 1912)

Eines Tages, als sie im Walde war, sah sie einen weißen Bären, der hatte denselben Kranz, von dem sie geträumt hatte, zwischen den Tatzen und spielte damit. Da wollte sie ihm den Kranz abkaufen. Aber er war ihm nicht für Geld feil, sondern nur, wenn sie selbst seine Frau werden wollte. Sie könne nun einmal nicht ohne den Kranz leben, gab sie zur Antwort, und da sei es einerlei, wohin sie käme und wen sie heiratete, wenn sie nur den Kranz hätte; also einigten sie sich darauf, daß er sie in drei Tagen holen sollte, und das war ein Donnerstag.

Als sie mit dem Kranz nach Hause kam, freuten sich alle, weil sie wieder froh war, und der König meinte, es könne nicht so schwer sein, einen Bären von seinem Vorhaben zurückzuhalten. Am dritten Tag mußte das ganze Kriegsheer sich rund um das Schloß aufstellen, um ihn in Empfang zu nehmen. Aber als der weiße Bär kam, konnte niemand etwas gegen ihn ausrichten, denn keine Waffe konnte ihm etwas anhaben. Er schlug die Leute rechts und links nieder, so daß sie haufenweise dalagen. Das fand der König denn doch zu arg, und er schickte seine älteste Tochter hinaus; der weiße Bär nahm sie auf den Rücken und zog mit ihr ab. Als sie schon lange unterwegs waren, fragte der Bär: »Hast du jemals weicher gesessen? Hast du jemals klarer gesehen?« – »Ja, auf meiner Mutter Schoß habe ich weicher gesessen, und in meines Vaters Schloß habe ich klarer gesehen«, gab sie zur Antwort.

»Dann bist du nicht die Rechte«, sagte der Bär und jagte sie wieder heim…

„Der weiße Bär König Valemon“, aus der Sammlung von Peter Christen Asbjørnsen, übersetzt von Klara Stroebe)

Welcher deutsche Dichter veröffentlichte 1797 das Märchen „Der blonde Eckbert“?

In einer Gegend des Harzes wohnte ein Ritter, den man gewöhnlich nur den blonden Eckbert nannte. Er war ohngefähr vierzig Jahr alt, kaum von mittler Größe, und kurze hellblonde Haare lagen schlicht und dicht an seinem blassen eingefallenen Gesichte. Er lebte sehr ruhig für sich und war niemals in den Fehden seiner Nachbarn verwickelt, auch sah man ihn nur selten außerhalb den Ringmauern seines kleinen Schlosses. Sein Weib liebte die Einsamkeit ebensosehr, und beide schienen sich von Herzen zu lieben, nur klagten sie gewöhnlich darüber, daß der Himmel ihre Ehe mit keinen Kindern segnen wolle.

Nur selten wurde Eckbert von Gästen besucht, und wenn es auch geschah, so wurde ihretwegen fast nichts in dem gewöhnlichen Gange des Lebens geändert, die Mäßigkeit wohnte dort, und die Sparsamkeit selbst schien alles anzuordnen. Eckbert war alsdann heiter und aufgeräumt, nur wenn er allein war, bemerkte man an ihm eine gewisse Verschlossenheit, eine stille zurückhaltende Melancholie.

Niemand kam so häufig auf die Burg als Philipp Walther, ein Mann, dem sich Eckbert angeschlossen hatte, weil er an diesem ohngefähr dieselbe Art zu denken fand, der auch er am meisten zugetan war. Dieser wohnte eigentlich in Franken, hielt sich aber oft über ein halbes Jahr in der Nähe von Eckberts Burg auf, sammelte Kräuter und Steine, und beschäftigte sich damit, sie in Ordnung zu bringen, er lebte von einem kleinen Vermögen und war von niemand abhängig. Eckbert begleitete ihn oft auf seinen einsamen Spaziergängen, und mit jedem Jahre entspann sich zwischen ihnen eine innigere Freundschaft.

Es gibt Stunden, in denen es den Menschen ängstigt, wenn er vor seinem Freunde ein Geheimnis haben soll, was er bis dahin oft mit vieler Sorgfalt verborgen hat, die Seele fühlt dann einen unwiderstehlichen Trieb, sich ganz mitzuteilen, dem Freunde auch das Innerste aufzuschließen, damit er um so mehr unser Freund werde. In diesen Augenblicken geben sich die zarten Seelen einander zu erkennen, und zuweilen geschieht es wohl auch, daß einer vor der Bekanntschaft des andern zurückschreckt.

Es war schon im Herbst, als Eckbert an einem neblichten Abend mit seinem Freunde und seinem Weibe Bertha um das Feuer eines Kamines saß. Die Flamme warf einen hellen Schein durch das Gemach und spielte oben an der Decke, die Nacht sah schwarz zu den Fenstern herein, und die Bäume draußen schüttelten sich vor nasser Kälte. Walther klagte über den weiten Rückweg, den er habe, und Eckbert schlug ihm vor, bei ihm zu bleiben, die halbe Nacht unter traulichen Gesprächen hinzubringen, und dann in einem Gemache des Hauses bis am Morgen zu schlafen. Walther ging den Vorschlag ein, und nun ward Wein und die Abendmahlzeit hereingebracht, das Feuer durch Holz vermehrt, und das Gespräch der Freunde heitrer und vertraulicher.

Als das Abendessen abgetragen war, und sich die Knechte wieder entfernt hatten, nahm Eckbert die Hand Walthers und sagte: »Freund, Ihr solltet Euch einmal von meiner Frau die Geschichte ihrer Jugend erzählen lassen, die seltsam genug ist.« – »Gern«, sagte Walther, und man setzte sich wieder um den Kamin.

Es war jetzt gerade Mitternacht, der Mond sah abwechselnd durch die vorüberflatternden Wolken. »Ihr müßt mich nicht für zudringlich halten«, fing Bertha an, »mein Mann sagt, daß Ihr so edel denkt, daß es unrecht sei, Euch etwas zu verhehlen. Nur haltet meine Erzählung für kein Märchen, so sonderbar sie auch klingen mag…

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So harmlos beginnt ein romantisches Kunstmärchen, das wie wenige andere thematisch und noch mehr erzähltechnisch in schwärzesten Horror führt. Ludwig Tiecks Erzählung, schon 1796 in den „Märchen aus dem Phantasus“ veröffentlicht, entspricht zwar dem Mittelalter- und Ritter-Genre, ist aber ein veritabler Psychothriller.

Das zurückgezogen lebende, kinderlose Paar wird einzig vom treuen Freund Walther besucht. Einem dunklen Trieb folgend, erzählt Bertha eines Abends ihre Lebensgeschichte: ärmliche Herkunft, hartherziger Vater, Flucht in den Wald, Zuflucht bei einer seltsamen Alten. Dort geht es ihr gut, sie muß nur einen Hund und einen ein geheimnisvolles Lied singenden, Edelsteineier legenden Vogel versorgen. Die Alte warnt sie davor, den Weg der Tugend zu verlassen. Doch sie kann nicht widerstehen, läßt den Hund verhungern, erwürgt den Vogel, rafft die Schätze, heiratet Eckbert. Nur an den Namen des Hundes kann sie sich nicht erinnern. Um so bestürzter ist sie, als Walther beiläufig sagt, er könne sich vorstellen, „wie Ihr den kleinen Strohmian füttert“.

Es sind Bilder einer „irrsinnigen Welt“ (Tieck), krasse Absage an den Aufklärer-Traum von deren heller Beherrschbarkeit und linearem Fortschritt – auch im Narrativen. Eher ist es die präpsychoanalytisch aufzuschlüsselnde Dramaturgie des Phantasy-Films: Die tödliche Anamnese evoziert die Tripelgängerschaft (die Alte, Walther, Hugo), den Wiederholungszwang wie das Inzestmotiv.

Und der Albtraum spielt in einem Innenhohlraum, in dem nicht nur die Zeit gräßlich verkehrt wird (ähnlich wie in Hebbels „Ballade vom Haideknaben“), sondern Wahn-Klänge die letztlich einzige Realität bilden. Daß der Shakespeare-Übersetzer Tieck den englischen „Gothic“-Romantikern nahestand, war kein Zufall: Der Historiker Thomas Carlyle hatte 1827 eine vierbändige Ausgabe „German Romance“ übersetzt und ediert. Sie enthielt neben Goethes „Werther“ auch Tiecks „Eckbert“.

Quellen: FAZ

Zuweilen wird die Veröffentlichung des Eckberts als Beginn der deutschen Literaturepoche der Romantik gesehen.

Die Binnenhandlung erzählt die Protagonistin Bertha durchgehend aus eigener Sicht in der Ich-Form. Sie weist die Zuhörer – Eckbert und Walther – explizit darauf hin, dass sie die Geschichte nicht für ein Märchen halten sollten, nur weil sie „sonderbar klingen mag“, woraufhin der Leser genau auf das Märchenhafte der Erzählung achtet, was beabsichtigt ist. Die optische und akustische Beschreibung der Natur spiegelt sich im Gefühlsleben der Erzählerin wider. Hierbei wird ein Konflikt zwischen Natur und Mensch aufgebaut, der nur durch die Vermittlung der Religion aufgehoben werden kann. Es existiert neben der äußeren Rahmenhandlung auch eine innere Erzählung, die das Gefühlsleben Eckberts betrifft, der nicht klar zwischen Wirklichkeit und Wahn unterscheiden kann.

Interessant ist, dass die typisch romantische Verklärung des Wahnsinns bei Tieck aufgenommen und weiterverarbeitet wurde. Zwar ermöglicht der Wahn die Erkenntnis des Lebens in Inzest, aber er führt letztlich auch zum Tode.

Paul Wührl weist darauf hin, dass Der Blonde Eckbert dem Märchen Frau Holle ähnele. Denn beide Märchen thematisieren einen problematischen Reifeprozess von jungen Mädchen, der motivisch durch eine unglückliche Kindheit, die Hilfe durch eine alte Frau und teilweise gar mit dem Scheitern der Individuation gekennzeichnet ist. Genauer aufgeschlüsselt lässt sich dieses „Frau Holle-Schema“ wie folgt beschreiben: Frau Holle (oder die alte Frau der Waldeinsamkeit) repräsentiert eine mythische Mutterfigur, die Geborgenheit gewährt, solange man ihren Regeln folgt. Sowohl Pech- als auch Goldmarie fallen in den Brunnen, d.h. sie unternehmen eine Reise in die Unterwelt. Spindel und Nadel repräsentieren hierbei – wie oft von der Forschung bzgl. des Volksmärchens gedeutet – Geschlechtsreife. Brot und Äpfel stehen sinnbildlich dagegen dafür, dass Goldmarie ihr Dasein sichern kann. Die Initiationsprobe durch die Mutterfigur Holle tritt sie an, unterwirft sich den ihr aufgetragenen Pflichten und kann dementsprechend Frau Holles Haus als vollerblühte Frau verlassen. Pechmarie hingegen empfindet die weiblichen Pflichten als unzumutbaren Leistungsdruck. Da sie somit den Normen der Gesellschaft nicht gehorcht, wird sie der Ächtung preisgegeben. Jedoch sind auch zwei wesentliche Unterschiede zwischen den beiden Märchen auszumachen: Das Märchen Frau Holle unterstützt die erfolgreiche Individuation der Goldmarie durch das Negativbeispiel der Pechmarie. Außerdem endet Der Blonde Eckbert in Rätseln, Frau Holle jedoch mit volksmärchentypischem klaren Schluss in naiver Moral: Die „Gute“ wird belohnt, die „Böse“ bestraft.

Quellen: FAZ und wikipedia