The Destruction of the Father

Einer Geschichte der Mützenfalterin gewidmet…

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The Destruction of the Father

22.06.2014, Nachtrag:

Bei der Mützenfalterin heute eine großartige Geschichte zu dieser Arbeit von Louise Bourgeois wiederentdeckt. Diese Geschichte ist ein Wunderwerk an Beobachtungsgabe und Einfühlungsvermögen. Und auch dem Werk der Bourgeois wie Aus dem Gesicht geschnitten.


Mein Vater redete pausenlos. Ich hatte nie Gelegenheit, etwas zu sagen. Da habe ich angefangen, aus Brot kleine Sachen zu formen. Wenn jemand immer redet und es sehr weh tut, was die Person sagt, dann kann man sich so ablenken. Man konzentriert sich darauf, etwas mit seinen Fingern zu machen. Diese Figuren waren meine ersten Skulpturen, und sie repräsentieren eine Flucht vor etwas, was ich nicht hören wollte. […] Es war eine Flucht vor meinem Vater. Ich habe zahlreiche Arbeiten zu dem Thema ‚The Destruction of the Father‘ gemacht. Ich vergebe nicht und ich vergesse nicht. Das ist das Motto, das meine Arbeit nährt.

Louise Bourgeois

Louise Bourgeois, „The Destruction of the Father (1974)

 

Die Spinne

Die Spinne.

Buntglasfenster

Foto: Pagophila

Eine Kurzgeschichte

 

Schatten dazu so zart und kaum zu gewahrenden Wechsels,

Wie beim Regenguss, wenn die Strahlen sich brechen, ein Bogen

Pflegt mit gewaltigem Rund zu zeichnen die Weite des Himmels;

Licht erglänzten darin zahllose verschiedene Farben,

Doch die Veränderung selbst entgeht dem betrachtenden Auge:

So ist, was sich berührt, ganz gleich, das Entferntere ungleich.

Ovid Metamorphosen, Buch 6, 62 – 67

Traudel schlurfte auf ihren geschwollenen Beinen in die Küche und ließ Wasser in den runden Bauch der gelben Messingkanne laufen. Der Henkel zog sich in fragilem Schwung um die Kanne. Der Bauch einer goldenen Spinne, dachte Traudel, aufgetrieben von Eiern oder ungesponnenen Fäden, wer wusste das so genau. Sie trat ins Wohnzimmer und an das Buntglasfenster. Rot, blau und golden kämpfte sich die Nachmittagssonne durch die unregelmäßigen Glasflecken, Messingeinfassungen trennten die einzelnen Glasflicken wie ein unregelmäßiges Spinnennetz und das farbige Licht hauchte einen Schein von Leben über Traudels schlaffe Haut. „Nur einmal pro Woche gießen, eine dankbare Pflanze“, dachte Traudel und dosierte durch die schlanke Messingtülle sorgsam einige Tropfen Wasser auf die verdurstende Erde des Usambara-Veilchens. „Die faulen sonst ab“, sagte sie vor sich hin. Das Buntglasfenster hatte Josef damals einbauen lassen, als so etwas modern gewesen war. Der Blick über die Hinterhöfe war auch zu deprimierend gewesen. Der Josef war jetzt schon fast 20 Jahre tot. Sie hatte das Buntglasfenster nie gemocht, noch weniger als den Josef, denn sie hatte sich in diesem Zimmer stets gefühlt, als lebe sie im Inneren einer Blumenvase, eingeschlossen hinter buntem Glas wie tote Fliegen in verstaubten Glasgefäßen. Traudel streichelte die pelzigen Blätter des Usambaraveilchens, die behaart waren wie die rote Usambara-Vogelspinne im Buch auf dem Couchtisch.

Seufzend setzte sie sich auf das Sofa und nahm das Buch  auf den Schoß, „Faszination Spinnen“, ein Bildband, den Text kannte sie längst auswendig. Die rote Usambara-Vogelspinne war in den Usambara-Bergen in Tansania heimisch. Der Robert hatte ihr das Buch vor Jahren geschenkt, bevor er nach Portugal ausgewandert war. Ihr einziger Enkel, er hatte Spinnen geliebt. Das hatte man nun davon. Ihre beiden Töchter waren wie die Spinnenbrut gewesen, die ihre eigene Mutter auffrisst, aufgeopfert hatte sie sich, den Sohn der Älteren, den Robert, praktisch großgezogen und das war der Dank, dass die Töchter sich alle paar Monate sehen ließen und spitze Anmerkungen zur Sauberkeit ihrer Küche fallen ließen. Schweratmig griff sie nach dem Nitrolingual-Spray. Das Thema war schlecht für ihr Herz. Und während sie sich zwei  Sprühstöße unter die Zunge verabreichte, sah sie zum Buntglasfenster hinüber, wo eine Kreuzspinne seit Wochen ein Netz gewebt hatte, verankert an den behaarten Blättern des Usambaraveilchens und den grazilen Blattstängeln des Bogenhanfs.

Die dünnen Seiten des Telefonbuchs knisterten in Eikes fahrigen Händen, verdammte Scheiße, er fand einfach keinen passenden Namen und dabei hatte er echt Druck. „Wie findest du Traudel?“ rief er in Richtung Küche. „Traudel klingt  omahaft, aber willst du das wirklich durchziehen?“ Tanja kam aus der Küche, das üppige Haar hochgesteckt, Leggings und Oberteil betonten ihre perfekte Figur. „Schau mal, ich hab jetzt so einen Duftspender gekauft. Der erkennt über 1000 Gerüche und neutralisiert die dann“, sagte sie und hielt triumphierend ein straußeneiförmiges Plastikobjekt in die Höhe. „Lass das doch das jetzt, ja ich mache das, andere haben damit auch Erfolg gehabt und die alten Omas, also die sitzen ja doch bloß auf ihrem Geld wie dicke Spinnen. Das ganze Geld muss mal in den Wirtschaftskreislauf zurück.“ „Wenn Du nur halb so schlau wärst, wie deine Sprüche, wären wir jetzt gar nicht in der Situation“ gab Tanja zurück.

Eike hielt sich selbst nicht für einen schlechten Menschen, aber er hatte sich da eben bei einigen Dingen verschätzt und Tanja konnte auch nicht haushalten und bei seinem Gehalt als Verkäufer im Baumarkt…. Der Enkeltrick, das war doch eine bewährte Sache, stand ja dauernd was in der Zeitung darüber. Er selbst hatte nie eine Oma gehabt, seine Mutter hatte den Kontakt mit ihrer Familie abgebrochen und sein Vater, na ja. Das Duftei, von Tanja auf dem Wohnzimmertisch platziert, verbreitete mit einem zischenden Sprühstoß künstliches Mango-Zitronen-Aroma, es hatte sich offensichtlich entschlossen, Tanjas Parfum zu neutralisieren.  Tanja hatte es sich auf dem Sofa bequem gemacht und den Fernseher angestellt. Gute Zeiten Schlechte Zeiten lief gerade und Eike dachte an dicke, freundliche Omas, die er nie erlebt hatte, nur im Kinderfernsehen waren sie manchmal aufgetaucht, an den Geruch von Hefekuchen, der in alten Backöfen vor sich hinbackte  und steinharte Gummibärchen in wurmstichigen Buffets, weiche alte Arme und tröstende runde Körper in karierten Schürzen und den Duft des nie Gekannten. Ein neuerlicher Sprühstoß des Duftspenders holte Eike wieder in die Realität zurück. „Ich rufe da jetzt an, stell mal den Fernseher leise“ sagte er.

Traudel saß vor ihrem Abendessen, das aus den Resten vom Mittagessen bestand. Täglich lieferte der Essensdienst ein Mittagessen, aber es war immer zu viel, die Reste konnte man abends essen. Der griebenfleckige rote Brei der Kesselblutwurst war in das gräuliche Sauerkraut gelaufen und runzelige Haut überzog die Salzkartoffeln. Sie hatte sich nicht die Mühe gemacht, das Essen nochmals aufzuwärmen. In der Kantine der Fabrik hatte man das Gericht „Tote Oma“ genannt. Traudel schob das Essen beiseite.

Als auf den großen Webstühlen der Fabrik noch Seidenstoffe in tausenden von Farben schillerten, in Schattierungen, die das Auge kaum unterscheiden konnte, und Traudels Haut noch straff war, hatte sie es normal gefunden, ein Gericht „Tote Oma“ zu benennen. Weberin war sie gewesen, bis die großen Webstühle stillstanden und die Fabrik abgewickelt wurde. Traudel hatte nie etwas besonders gut gekonnt, außer die Schläge ihres Ehemannes zu ertragen und die Webstühle zu bedienen, deren schimmernde Last das Auge täuschte, wie Regenbögen, wenn sie sich über den Himmel spannten. Für sie selbst aber hatte das Leben ein graues Gespinst gewebt, das Weberschiffchen hatten andere geführt, und was hätte vielfarbig sein können, ballte sich klebrig zu farblosen Knäueln

Das unsichtbare Gift der Zeit hatte ihre Beine schwer gemacht, ihre Haut verschrumpeln lassen und den Leib aufgetrieben, alles hatte sie ertragen. Und jetzt saß sie in dieser Wohnung fest, die Augen trübe vom grauen Star, und das grobe Bunt des Fensters war kein Ersatz für die Vielfarbigkeit des Regenbogens. Durch die getrübten Linsen sah die Welt grauschleierig und verschwommen aus, aber Traudel nahm noch die grazilen Bewegungen der Spinne am Buntglasfenster wahr, wenn sich arglose Beute in ihrem Netz verfangen hatte, zuckend lief sie über das Netz, dessen Fäden, wenn sie von der Sonne getroffen wurden, in den Farben des Regenbogens glitzerten, und was die Spinne mit ihrer Beute machte, sah Traudel nicht, aber sie wusste es und es musste ja auch sein.

Unterdessen war das Buntglasfenster schwarz geworden, denn das Licht war jetzt im Zimmer und nicht draußen und Traudel stellte sich vor, wie das von außen aussehen mochte, als lebe jemand in einer Martinslaterne und in der Laterne wäre es hell und bestimmt wohnte das Glück darin und strahlte in tausend Farben in die Welt.

Das Klingeln des Telefons riss sie aus ihren Gedanken und mit ungelenken Fingern drückte sie auf die Taste mit dem grünen Telefonsymbol. Rauschen, gefolgt von mehrmaligem Knacken. „Hallo ?“  „Hallo?“ „Oma, bist du das?“ „Robert? Von wo rufst Du an, aus Portugal?“ „Nein, ich bin hier in München, ich habe hier einen Geschäftstermin gehabt, aber es ist was ganz Dummes passiert“ „Robert, geht’s Dir gut?“ „Ja, aber man hat mich überfallen, sämtliches Geld und alle Kreditkarten sind weg und ich hatte 20.000 Euro dabei für den Termin, ich bin total in der Klemme. Kannst Du mir helfen?“

Eike legte das Handy neben den Ball aus Alufolie, der während des Telefonates knisternd entstanden war. „Und?“ Tanja hatte den Fernseher wieder angeschaltet, im Big Brother-Haus gab es gerade einen Schlamm-Contest, der ihre Aufmerksamkeit beanspruchte. „Ich geh da morgen Vormittag hin, sie hat geglaubt, ich bin ihr Enkel Robert.“ Die wird doch merken, dass du nicht ihr Enkel bist“ sagte Tanja und starrte weiterhin auf die bunten Bilder im Fernsehen. „Sie hat gesagt, sie sieht sehr schlecht und außerdem will sie es glauben. Sie hat fast 10.000 Euro in bar in der Wohnung“. „Krass“ sagte Tanja und stellte das Fernsehen lauter.

In der Wohnung roch es nach altem Sauerkraut. „Die könnte auch mal ein Duftei gebrauchen“, dachte Eike, während er auf dem pelzbeigen Samtsofa Platz nahm. Anstandslos hatte ihn die alte Frau in die Wohnung gelassen, seine Umarmung akzeptiert und ins Wohnzimmer gebeten. Jetzt starrte er auf das Buntglasfenster, ein liegendes Rechteck, das den Raum verfinsterte aber den Tag  rot, blau und gelb leuchten ließ. „Warum hast du dich nie gemeldet?“, fragte die Frau und starrte ihn durch dicke Brillengläser an, die ihre Augen insektenhaft wirken ließen. „Ich hatte so viel zu tun mit meinem Handy-Laden in Lissabon“, gab Eike verlegen zurück. Sein Blick fiel auf ein gerahmtes Foto, das in der Schrankwand stand. Hinter einer Schultüte schaute ein lächelndes Kindergesicht hervor. Die Stimme der Frau klang spröde und eingerostet, bestimmt bekam sie nicht viel Besuch. „Hast Du eine Frau?“ „Ja, Tanja, sie arbeitet im Fitnesstudio.“„Du warst  ein lieber Junge“,  sagte die Frau und Eike wich verlegen ihrem Blick aus. Der kleine Junge auf dem Foto war strohblond, Eikes Haare hingegen waren dunkel, fast schwarz.„Was ist das für ein Geschäft in München?“, fragte die Frau. „Ich möchte einen Computer-Laden übernehmen, Games und so was, aber das muss ganz schnell gehen, der Besitzer verlangt die Ablöse in bar.“ „Dann wärst Du ja wieder hier.“ „Ja, wäre ich wohl“, sagte Eike unbehaglich.  Das einsame Foto, keine anderen Bilder, die Luft war gesättigt von Einsamkeit und Verbitterung. Die Frau kramte jetzt in der Nussbaumschrankwand und holte ein Bündel 50-Euro-Scheine heraus. „Ich kann dir 9.500 Euro geben“ sagte sie und reichte ihm das Bündel,  das mit einem dünnen roten Garn verschnürt war. Zögernd streckte er die Hand aus.  Das Bündel war dick und prall und die Scheine sahen abgenutzt aus vom vielen Sparen und er hatte die ganze Zukunft mit Tanja in der Hand. „Da kannst Du mich ja dann öfters besuchen“, sagte die Frau und schaute ihn durch ihre Brillengläser an. Eike konnte ihre Augen nicht sehen, nur rote und blaue Lichtreflexe, die über die Gläser huschten. Sein Blick wanderte wieder zum farbigen Fenster und da sah er sie, eine dicke Spinne hatte ihr Netz zwischen alten vertrockneten Zimmerpflanzen gewoben und zuckend huschte sie darüber.

Die Stille des Geldes und der unausgesprochenen Erwartungen lastete und Eike stand auf, um der Stille zu entgehen. „Oma, da ist eine hässliche Spinne am Fenster, ich mach die mal weg“, das Bündel Scheine in der Hand holte er aus und schlug die Spinne gegen das Buntglasfenster, zuckend lag sie auf dem fleischgrau marmorierten Fenstersims zwischen Usambaraveilchen und Bogenhanf.

Als Traudel begriff, was der Mann getan hatte, der Mann von dem sie gerne gehabt hätte, dass er ihr Enkel sei, denn ihr Robert kam nicht wieder, das wusste sie jetzt, erstarrte sie ein wenig. Das Weberschiffchen hatte weitergewebt und hatte sie wieder geschlagen, kein Enkel, und die tausend Farben waren nicht für sie bestimmt. „Magst Du einen Kaffee?“ fragte sie und stand mühsam auf. „Ja, aber ich muß dann  gleich los“, sagte der Mann, der Robert sein wollte und setzte sich wieder auf  das Sofa.

Während Traudel in der Küche den Kaffee bereitete, ein altmodischer weißer Porzellan-Filter stand auf einer beigen Porzellankanne, steckte Eike das Bündel mit den Scheinen zwischen die pelzigen Sofapolster. Er würde die Frau nachher anrufen und ihr sagen, dass er das Geld nicht mitgenommen hätte.

„Robert liebt Spinnen“ murmelte Traudel, als sie ihre Herztabeltten zerbröselte, langsam und behutsam mit einem Kaffeelöffel auf dem Holzbrettchen, und auf das Kaffeepulver streute, 20 Tabletten sollten reichen. „Nicht zu viel, sonst schmeckt man’s.“

Eike sass auf dem Sofa und dachte darüber nach, dass er kein schlechter Mensch sein wollte. Da kam die Frau aus der Küche, ein Tablett mit zwei Kaffeetassen in der Hand und er stand auf und nahm es ihr ab. Sie tranken den Kaffe und Eikes Kaffee schmeckte bitter aber gut, denn Eike war mit sich im Reinen.

Abends sass Traudel immer noch neben Eike, der leblos auf dem Sofa lag, und starrte ins Buntglasfenster. Als das Fenster ganz dunkel war, machte sie das Licht an und setzte sich wieder neben den Toten.

Auf der Dachterrasse, schräg gegenüber von Traudels Fenster, aber weit oben, stand ein junges Pärchen in der Dunkelheit, gerade frisch eingezogen. „Schau mal das Buntglasfenster“, sagte die Frau, „so eines hatte meine Oma auch.“ „Wer da wohl wohnt“,  sagte der Mann und legte den Arm um die Schultern der Frau. „Es sieht aus, als wohne jemand in einer Laterne“, antwortete die Frau und sah zu den vielen Farben, die aus dem Fenster strahlten.

Zu dieser Geschichte haben mich Insomnias Artikel über Spinnen und Ovid inspiriert, die ergänzenden Kommentare von Puzzle und insbesondere das wunderbare Foto vom Buntglasfenster von Pagophila, auf deren Blog noch mehr dieser verstörenden Außenansichten zu finden sind. Vielen Dank Pagophila für die freundliche Genehmigung zur Verwendung des Fotos.