Verblendung

Prolog

Freitag, 1. November

Es wiederholte sich alljährlich. Der Empfänger der Blume feierte seinen zweiundachtzigsten Geburtstag. Sowie die Blume bei ihm angekommen war, öffnete er das Paket und entfernte das Geschenkpapier. Danach griff er zum Telefonhörer und wählte die Nummer eines ehemaligen Kriminalkommissars, der sich nach seiner Pensionierung am Siljan-See niedergelassen hatte. Die beiden Männer waren nicht nur gleich alt, sie waren sogar am selben Tag geboren, was in diesem Zusammenhang nicht einer gewissen Ironie entbehrte. Der Kommissar wusste, dass der Anruf um elf Uhr morgens nach der Postzustellung eingehen würde, und trank Kaffee, während er wartete. Dieses Jahr klingelte das Telefon bereits um halb elf. Er nahm den Hörer ab und sagte hallo, ohne sich mit Namen zu melden.

„Sie ist angekommen.“

„Was für eine ist es dieses Jahr?“

„Keine Ahnung, was das für eine Blume ist. Ich werde sie bestimmen lassen. Weiß ist sie.“

„Kein Brief, nehme ich mal an?“

„Nein. Nur die Blume, sonst nichts. Der Rahmen ist derselbe wie letztes Jahr. So ein Billigrahmen zum Selberzusammenbauen.“

„Poststempel?“

„Stockholm.“

„Handschrift?“

„Wie immer, alles in Großbuchstaben. Gerade, ordentliche Buchstaben.“

Damit war das Thema erschöpft, und ein paar Minuten saßen beide schweigend am jeweiligen Ende der Leitung. Der pensionierte Kommissar lehnte sich am Küchentisch zurück und zog an seiner Pfeife. Er wusste jedoch, dass von ihm keine erlösende und bestechend intelligente Frage mehr erwartet wurde, die ein neues Licht auf diese Angelegenheit hätte werfen können. Diese Zeiten waren seit vielen Jahren vorbei, und das Gespräch der beiden alternden Männer hatte beinahe schon den Charakter eines Rituals – eines Rituals um ein Mysterium, dessen Lösung keinen anderen Menschen auf der ganzen Welt interessierte…

Stieg Larsson, „Verblendung“

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Die Vergangenheit hat uns in der Gewalt. Wollte man das Figurenkabinett von Stieg Larssons Multi-Millionen-Bestseller Verblendung auf eine Konstante bringen, könnte sie so oder ähnlich lauten. Dort treffen keine Charaktere aufeinander, sondern Biografien. Wer die relevanten Informationen über den anderen kennt, kennt sein Intimstes, weiß um alle Schwachstellen und Passionen. Gewalt ist angewandte Macht – und Wissen ist die Möglichkeitsbedingung der Macht. Was einmal geschehen ist, kann potenziell immer erinnert werden. Dieser Satz ist zugleich Hoffnung wie Fluch – je nachdem, ob man ihn aus der Sicht des Opfers oder des Täters ausspricht. Und in Zeiten einer neuen Unerbittlichkeit des kollektiven Gedächtnisses, in der ein jeder überall digitale Spuren für die Ewigkeit hinterlässt, ist dieses Themenfeld konstant virulent. Denn auch der generell unbescholtene Bürger wird schnell verdächtig, wenn nur das falsche Foto auf Facebook auftauchen sollte. Vielleicht erklärt sich aus der Verquickung dieser beiden Diskurse – der Erinnerung und des Cyberspace – die bewundernswerte Langlebigkeit von Stieg Larssons Millennium-Trilogie.

Grimmiger, dunkler, kälter als selbst die Bücher kommt Finchers Film daher – aufgekratzt von einem Soundtrack zwischen schreiendem Industrial und unendlichen Drones (komponiert vom Nine-Inch-Nails-Gespann Trent Reznor und Atticus Ross), in tiefes Dunkel getaucht von Jeff Cronenweth’ sparsam ausgeleuchteten, aber präzise komponierten Bildern. Manchmal, in kurzen, fast gewalttätig in den Schnittfluss eingefügten Flashbacks (die keiner Figur anzugehören scheinen, sondern wie eigensinnige Gipfel der Zeit aus der Vergangenheit ragen), dringt auch Sonnenlicht hinein, hängt eine schiefe Pianoharmonie angenehm lange nach. Aber der Grundton des Filmes ist geradezu desperat: Craigs Blomkvist hat nichts von einem idealistischen Aufklärer, aber viel von einem ausgebrannten Zyniker, Schweden in Finchers Blick besteht aus endlosen Winterstürmen, nachgedunkeltem Prunk und entmenschlichtem Funktionsdesign.

Hier schaut ein Amerikaner auf ein von der Vergangenheit niedergerungenes Europa, eine Welt, in der die Geschichte (sei es die verborgene nazistische Schwedens, die in Missgunst und Gewalt erstarrte der Industriellenfamilie Vanger oder die traumatische Lisbeths) jede Zukunft schon von vornhinein in den Klauen hält. Aber sein Blick ist nicht distanziert, sondern auf eine ambivalente Art empathisch – als wüsste Fincher, dass es mit Amerikas nach vorne gewandter Vitalität schon lange vorbei ist. In der Originalversion sprechen auch alle Schauspieler – selbst die angelsächsischen – ein Englisch mit skandinavischem Fake-Akzent: ein sprachlicher Bastard, eine Schicksalsgemeinschaft.

Dabei kleidet Fincher seine Reise in ein Europa der verkrusteten Größe in fast altmodische Genregewänder – Verblendung ist ein formal enorm präzise inszenierter, niemals allzu gewagter Psychothriller. Neben der erwähnten sprachlichen Altertümlichkeit lässt sich dieser beizeiten fast Pastiche-artige Klassizismus nirgendwo besser ablesen als an der James-Bond-artigen Titelsequenz. Zu Trent Reznors und Karen O.’s noisigem Cover von Led Zeppelins Immigrant Song fließen da pechschwarze Flüssigkeiten wie Teer, Öl und Lack ineinander, formen die Gesichter der Protagonisten und zerstäuben wieder im Schlag des Beats – aus der Schwärze gerinnen Gestalten, gleichsam wie Erinnerungen, geformt aus bis zum Bersten verdichtetem Vergessen.

Quelle: critic.de

Verblendung (2011)

Originaltitel: THE GIRL WITH THE DRAGON TATTOO

Kriminalfilm, Literaturverfilmung

Produktionsland: USA/Schweden/Großbritannien/Deutschland
Produktionsjahr: 2011
Produktionsfirma: Columbia Pic./MGM/Scott Rudin Prod./Yellow Bird Films/Film Rites/Ground Control
Länge: 158 Minuten
FSK: ab 16; f
Kinostart: 12.01.2012
Kinoverleih: Sony

Darsteller: Daniel Craig (Mikael Blomkvist), Rooney Mara (Lisbeth Salander), Robin Wright (Erika Berger), Stellan Skarsgård (Martin Vanger), Christopher Plummer (Henrik Vanger), Joely Richardson (Anita Vanger), Embeth Davidtz (Annika Blomkvist), Goran Visnjic (Dragan Armansky), (Christer Malm), Elodie Yung (Miriam Wu), Julian Sands (junger Henrik Vanger), Geraldine James (Cecilia Vanger), Steven Berkoff (Dirch Frode); Produzent: Ceán Chaffin, Scott Rudin, Søren Stærmose, Ole Søndberg, Berna Levin; Regie: David Fincher; Drehbuch: Steven Zaillian; Kamera: Jeff Cronenweth; Musik: Trent Reznor, Atticus Ross; Schnitt: Kirk Baxter, Angus Wall; Vorlage: Stieg Larsson

Inhalt

Ein Journalist und eine Hackerin spüren den düsteren Geheimnissen einer großbürgerlichen schwedischen Familie nach und geraten in einen Sumpf aus Mord und Gewalt, der bis in die Nazi-Zeit zurückreicht. Weniger eine Verfilmung des Kriminalromans von Stieg Larsson als ein filmisch weiter verdichtetes Remake der schwedischen Kinoadaption von Niels Arden Oplev (2009), die dank der konsequenteren und stimmungsvolleren visuellen Umsetzung sowie der klugen Gewichtung der Erzählstränge noch über diese hinausgeht. Eine ebenso spannende wie vielschichtige Reise in die Untiefen der bürgerlichen Gesellschaft.

Quelle: Filmlexikon

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Sie benötigte freilich einen Vorwand, um an seine Tür zu klopfen. Sie hatte ihm kein Weihnachtsgeschenk gegeben, wusste aber, was sie ihm kaufen wollte. In einem Trödelladen hatte sie ein paar alte Reklameschilder aus Blech aus den fünfziger Jahren gefunden, auf denen die Figuren in Halbreliefs hervortraten. Eines der Schilder stellte Elvis Presley dar, die Gitarre auf der Hüfte und daneben eine Sprechblase mit dem Text Heartbreak Hotel. Zwar hatte Lisbeth nicht das geringste Gespür für Inneneinrichtung, aber sogar ihr war klar, dass dieses Schild perfekt in die Hütte in Sandhamn passen würde. Es kostete 780 Kronen, und rein aus Prinzip handelte sie den Preis auf 700 herunter. Sie ließ es sich einpacken, nahm es unter den Arm und spazierte damit zu seiner Wohnung in der Bellmansgata.

Auf der Hornsgata warf sie zufällig einen Blick in die Kaffeebar und sah plötzlich Mikael mit Erika im Schlepptau herauskommen. Er sagte etwas, woraufhin Erika lachte, ihm die Arme um die Taille legte und ihm einen Kuss auf die Wange gab. Sie verschwanden über die Brännkyrkagata in Richtung Bellmansgata. Ihre Körpersprache ließ keinen Zweifel daran, was sie im Sinn hatten.

Der Schmerz war so jäh und brutal, dass Lisbeth innehielt – unfähig auch nur einen einzigen weiteren Schritt zu tun. Ein Teil von ihr wollte ihnen hinterherlaufen. Am liebsten hätte sie das Blechschild genommen, um mit der scharfen Kante Erikas Kopf zu spalten. Sie unternahm gar nichts, während die Gedanken durch ihren Kopf rasten. Konsequenzanalyse. Schließlich beruhigte sie sich wieder.

Salander, du bist so ein peinliches Rindvieh, sagte sie laut zu sich selbst.

Sie drehte sich auf dem Absatz um und ging nach Hause in ihre frisch geputzte Wohnung. Als sie am Zinkensdamm vorbeikam, begann es zu schneien. Den Elvis Presley warf sie in einen Müllcontainer.

Stieg Larsson, „Verblendung“