Im Schatten des Zweifels

Im Schatten des Zweifels gilt als Alfred Hitchcocks persönlichstes Werk. Es gibt zahlreiche Parallelen zu seinem Leben, seien es der Name der Mutter, biografische Erlebnisse, die er in die Dialoge einfließen ließ, oder – laut Donald Spoto in seiner umfangreichen Hitchcock-Biographie (Donald Spoto: The Art of Alfred Hitchcock) – die Tatsache, dass man in den beiden Hauptfiguren (den beiden Charlies) die zwei verschiedenen Persönlichkeitsaspekte Hitchcocks wiederfindet.

Quelle: wikipedia

Alfred Hitchcock selber sagte im Gespräch mit Truffaut (nachzulesen in Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht?): „Ich sollte nicht sagen, daß Shadow of a Doubt mein Lieblingsfilm ist. Wenn ich mich ein paarmal in diesem Sinn geäußert habe, dann weil dieser Film auch unsere Freunde die Wahrscheinlichkeitskrämer und unsere Freunde die Logiker zufriedenstellt.“ Truffaut ergänzte: „Und unsere Freunde die Psychologen.“

Die junge Charlie hält es für Telepathie: Ihr Onkel kündigt seinen Besuch genau in dem Moment per Telegramm an, als sie beschließt, ihm ein solches zu schicken. Die Decke droht ihr auf den Kopf zu fallen vor lauter Langeweile in einem, ach, so behüteten Familienleben. Charlie sehnt sich nach Abwechslung, und in ihren Vorstellungen scheint der Onkel der Inbegriff der großen weiten Welt, ein Alter Ego, nach dem sie sogar benannt ist. Sie himmelt ihn an, aber was für das unerfahrene Mädchen der Ausdruck unverhohlener Bewunderung ist, birgt für den Onkel seinen eigenen Reiz mit unterschwellig erotischer Konnotation. Die Sehnsucht der Jugend ist eine andere als die Sehnsucht der Erfahrung. Während die Schuld ihre Hände bereits in Unschuld rein zu waschen sucht, ahnt die Unschuld noch nichts von dem ihr drohenden Verlust.

Die jüngeren Geschwister erinnern sich kaum noch an ihren Onkel, und für die Mutter ist er eigentlich immer der kleine Bruder geblieben, nur der Vater sieht den Besucher in einer Hinsicht unverblendet: Er trägt ein bisschen dick auf. Die ersten Schatten des Zweifels huschen über Charlies Gesicht, als sie entdeckt, dass die Gravur des Rings, den ihr der Onkel an den Finger steckt (als wolle er damit einen Bund besiegeln) gar keine persönliche ist. Die Schatten, die auf dem Gesicht des Onkels zucken, sind die seiner Vergangenheit. Fortan verdichten sich diese Schatten ganz allmählich zu einem Konglomerat aus dem wachsenden Misstrauen des Mädchens und der Angst des Gejagten vor Entdeckung. Es gleicht einem Geniestreich, wie Hitchcock diese Saat ausbringt, nährt und aufgehen lässt, und das Mädchen dabei allmählich zur Mitwissenden wird. Es ist diese Mitwisserschaft, die ihr am Ende die Unschuld raubt, die sie aber gleichzeitig die Integrität ihres Alter Egos wahren lässt, wenn man so will. Und das ist der eigentliche Geniestreich in diesem Film, den einige für Alfred Hitchcocks ultimatives Meisterwerk halten.

Im Schatten des Zweifels (1943)

Originaltitel: SHADOW OF A DOUBT

Kriminalfilm, Literaturverfilmung

Produktionsland: USA
Produktionsjahr: 1943
Produktionsfirma: Universal
Länge: 105 Minuten
FSK: ab 16; nf
Erstauffuehrung: 1947/8.9.1969 ARD/18.11.1999 Video

Darsteller: Teresa Wright (Charlie), Joseph Cotten (Onkel Charlie), Macdonald Carey (Jack Graham), Henry Travers (Joseph Newton), Patricia Collinge (Emma Newton), Hume Cronyn (Herbie Hawkins), Edna Mae Wonacott (Ann Newton), Wallace Ford (Fred Saunders), Irving Bacon (Stationsvorsteher); Produzent: Jack H. Skirball; Regie: Alfred Hitchcock; Drehbuch: Thornton Wilder, Sally Benson, Alma Reville; Kamera: Joseph Valentine; Musik: Dimitri Tiomkin; Schnitt: Milton Carruth; Vorlage: Gordon McDonell

Inhalt

Ein als Witwenmörder gesuchter Verbrecher flüchtet in der Maske des liebenswürdigen Onkels in den Schoß der Familie. Als seine Nichte, die sich von seiner Anwesenheit etwas Abwechslung versprach, die Untaten ihres Paten entdeckt, trachtet er ihr ebenfalls nach dem Leben. Interessante, gut gespielte Kriminalstudie, der es nicht so sehr um die Jagd auf einen Gangster geht, sondern um die Konfrontation einer kleinstädtischen Bürgerfamilie mit dem Verbrechen. Ein Film ohne kriminalistische Spannung, der dem Zuschauer die Rolle des ironisch-distanzierten Beobachters zuweist.

Quelle: Filmlexikon

Ich kämpfe um dich

Als ich den Film zum ersten Mal sah, war ich selber „spellbound“. Gebannt, verzaubert. Filme, die einen als junger Mensch bannen, verzaubern, hinterlassen angeblich einen unauslöschlichen Abdruck irgendwo im Gehirn, sagte neulich jemand in einem Bericht über die sogenannten „Chick Flicks“, romantische Liebesfilme, die vorwiegend auf ein weibliches Publikum abzielen. Auch unser Begriff von Schönheit wird geprägt von den Bildern, die uns in jungen Jahren umgeben. Wenn ich bedenke, dass mein Zimmer eine Zeit lang tapeziert war mit Aufnahmen all jener Frauen, die für mich der Inbegriff von Schönheit waren, angefangen bei Greta Garbo über Katherine Hepburn bis hin zu Liv Ullmann; dass ich deren Biographien verschlungen habe und jeden ihrer Filme sehen wollte… – Erwähnenswert in dem Zusammenhang mag auch die Tatsache sein, dass es zunächst die Vorlieben meiner Mutter waren, durch die ich in diese Richtung geimpft wurde.

Auch Ingrid Bergman gehörte dazu. Sie hat für mich bis heute nichts von der Faszination eingebüßt, die ihre Erscheinung auf der Bildfläche eines Films versprüht. Auf der emotionalen Ebene bin ich immer noch so gebannt, verzaubert wie eh und je. Auf einer anderen, der des Verstandes, betrachte ich einen Film wie „Spellbound“ natürlich mit mehr Distanz. Die Lösung eines Verbrechens durch eine Psychoanalyse im Hau-Ruck-Verfahren herbeizuführen, erscheint mir mittlerweile geradezu lächerlich. Und obwohl der Film den größten Teil seines dramaturgischen Reizes aus der Personalunion von Analytikerin und liebender Frau bezieht, wäre eine solche in der Realität womöglich ganz und gar undenkbar. Zur schauspielerischen Leistung von Gregory Peck schrieb die Süddeutsche Zeitung: „Er spielt mit den Kiefermuskeln und kneift die Augen zu, um auf diese Weise anzudeuten, dass mit ihm nicht alles in Ordnung ist.“ Am hinreißendsten ist immer noch das jugendliche Ungestüm des vermeintlichen Dr. Edwardes, mit dem er in die bis dato, was Liebesdinge anbelangt und nicht zuletzt durch ihren Beruf, klar abgegrenzte Welt der Constance Peterson hinein stolpert. Ein Blick genügt, und es ist um die Contenance der Analytikerin geschehen. Fortan sieht sie diesen Mann, mit dem eigentlich etwas nicht stimmt, zwar durch eine rosarote Brille, aber so, wie man einen geliebten Menschen sieht: Gebannt, verzaubert. Wie er wirklich ist. Ein schönes Bild hierfür liefert Hitchcock mit den sieben sich öffnenden Türen, als die beiden sich zum ersten Mal küssen. „Leider beginnen genau in dem Augenblick die Geigen zu spielen, das ist fürchterlich“, sagte Hitchcock später zu Truffaut, nachzulesen in dessen Buch „Mr. Hitchcock, wie haben sie das gemacht?“

Filme erzählen immer auch eine Geschichte über einen selbst. Etwas von der rätselhaften Faszination, die sie einmal auf den noch unentwickelten Verstand und die unfertigen Emotionen ausgeübt haben, bleibt, selbst wenn man das alles irgendwann vielleicht zu analysieren vermag.

Ich kämpfe um dich

Originaltitel: SPELLBOUND

Kriminalfilm, Literaturverfilmung

Produktionsland: USA
Produktionsjahr: 1945
Produktionsfirma: Selznick
Länge: 111 Minuten
FSK: ab 16; f
Erstauffuehrung: 29.2.1952/17.11.1969 ZDF/21.2.1981 DFF 1/2.10.2002 Video & DVD
DVD-Anbieter: EuroVideo

Darsteller: Ingrid Bergman (Constance Peterson), Gregory Peck (John Ballantine), John Emery (Dr. Fleurot), Leo G. Carroll (Dr. Murchison), Rhonda Fleming (Mary Carmichael), Michael Chekhov (Dr. Alex Brulov), Donald Curtis (Harry); Produzent: David O. Selznick; Regie: Alfred Hitchcock; Drehbuch: Ben Hecht, Angus MacPhail; Kamera: George Barnes, Rex Wimpy; Musik: Miklos Rozsa; Schnitt: Hal C. Kern; Vorlage: Francis Beeding

Auszeichnungen

Oscar (1946, Beste Musik: Drama – Miklos Rozsa)

Inhalt

Eine Psychoanalytikerin verliebt sich in den neu in die Klinik gekommenen Chefarzt. Bald aber kommen ihr Zweifel an seiner Identität. Von einer Assistentin wird er des Mordes an einem Kollegen beschuldigt. Die Ärztin hilft dem an Gedächtnisschwund Leidenden durch eine Traumanalyse, seine Vergangenheit zu erkennen, und entlarvt den wirklichen Täter. Kunstvoll gestalteter, bemerkenswert gespielter Hitchcock-Krimi, der die Psycho- und Traumanalyse nicht unbedingt realitätsnah, aber effektvoll in die Handlung einbezieht.

Quelle: Filmlexikon

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Notorious

Aus den Interviews, die Francois Truffaut mit Alfred Hitchcock führte („Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht?“):

Eine Unterhaltung über Träume und Ihre Filme ergibt nicht viel. Ich glaube, der Gesichtspunkt interessiert Sie nicht besonders.

Eins ist jedenfalls sicher: Ich habe nie erotische Träume.

Dabei nehmen doch Liebe und Erotik einen großen Platz in Ihrer Arbeit ein. Wir haben noch nicht viel über Liebe in Ihren Filmen gesprochen. Ich glaube, es ist seit „Notorious“, dass man Sie nicht nur für einen Suspense-Spezialisten hält, sondern auch für einen Spezialisten der physischen Liebe auf der Leinwand.

Ja, die Liebesszenen in „Notorious“ hatten einen besonders physischen Aspekt, wahrscheinlich denken Sie an die lange Kussszene mit Ingrid Bergman und Cary Grant.

Ja, und ich glaube mich zu erinnern, dass die Zuschauer das damals „den längsten Kuss der Filmgeschichte“ nannten.

Natürlich fanden die Schauspieler das entsetzlich. Sie fühlten sich ungeheuer geniert, sie litten darunter, dass sie sich so aneinander klammern mussten. Ich sagte: „Ob Ihr Euch wohl fühlt oder nicht, das ist mir egal. Mich interessiert nur der Effekt auf der Leinwand.“

Ich könnte mir vorstellen, dass die Leser sich fragen, warum sich die Schauspieler in dieser Szene nicht wohl fühlten. Erklären wir sie also. Sie hatten eine Großaufnahme mit beiden Gesichtern zusammen, und in dieser Einstellung mussten die beiden die ganze Dekoration durchqueren. Die Schwierigkeit bestand für sie darin, zu gehen und gleichzeitig aneinander kleben zu bleiben, während es Sie nur interessiert, dass auf der Leinwand ihre beiden Gesichter zu sehen waren. Das war es doch?

Ja. Die Szene war so konzipiert, weil gezeigt werden musste, wie sehr es die beiden nach einander verlangte. Unter keinen Umständen durfte der Ton, durfte die dramatische Atmosphäre unterbrochen werden. Wenn sie sich voneinander gelöst hätten, wäre die Emotion weggewesen. Andererseits hatten sie ja etwas zu tun, sie mussten zum Telefon gehen, das schellte, und während des ganzen Gesprächs mussten sie sich weiter umarmen und dann auch so bis zur Tür gehen. Ich spürte, es war entscheidend, dass sie sich nicht trennten, die Umarmung nicht lösten. Ich spürte auch, dass die Kamera, die den Zuschauer vertrat, als dritte Person bei diesem langen Kuss mit zugelassen sein musste. Ich gab dem Zuschauer die Gelegenheit, Cary Grant und Ingrid Bergman zugleich zu küssen. Es war eine Art momentaner Ehe zu dritt. Die absolute Entschlossenheit, diese Liebesemotion nicht zu unterbrechen, kommt aus einer sehr lehrreichen Erinnerung, die uns einige Jahre zurück nach Frankreich führt. Ich war in einem Zug von Boulogne nach Paris, und wir fuhren ganz langsam durch Etaples. Es war an einem Sonntagnachmittag. Durch das Abteilfenster sah ich eine große Fabrik mit einem Gebäude aus rotem Backstein und vor der Mauer ein junges Paar. Die beiden hatten einander untergehakt, und der Junge pinkelte an die Mauer. Das Mädchen ließ seinen Arm nicht los. Sie schaute ihm zu, schaute zum Zug, der vorüberfuhr, dann schaute sie wieder zu dem Jungen. Ich fand, das war wirkliche Liebe „an der Arbeit“, „in Funktion“.

Wenn man sich liebt, lässt man sich nicht los.

So ist es. Ich habe das nie vergessen, und deshalb wusste ich auch ganz genau, welchen Effekt ich bei der Kussszene in „Notorious“ erreichen wollte.