They sentenced me to 20 years of boredom oder Schnee, der auf Linden fällt.

Literweise Lindenblütentee trinken und sich von fiebrigen Assoziationen treiben lassen. In die Untiefen des Blogs eintauchen und alte Einträge zutage fördern…

…gefegt vom Lindenbaum, in der Allee, 1 Ästchen grünes Laub 1 Ästchen Lindenbaum, 1 Gedichtzeile womöglich

…und ich liesz meine Arme / Augen emporfliegen zu den Häuptern der Linden welche in 1 Allee in der Strasze, und ihren Duft verströmten…

Friederike Mayröcker

Seit einigen Nächten nun, nur geträumt, logiere ich immer im selben Hotel. Ich checke ein, der Empfangschef weist mir einen Parkplatz zu, dann zerfließt alles in einem Mix aus mehr gefühlten denn konkreten Inhalten…

Der Mond. La Lune. The Moon. Ein Bilderbuchmond. Ein Kinomond. Wie ein Stück Leinwand leuchtend im kreisrunden Lichtkegel eines imaginären Projektors. Durchzogen von einer geheimnisvollen blau-violetten Schwade: der Atemhauch eines eng umschlungenen Paares an einem fernen Horizont oder der feucht-heiße Odem eines einsam heulenden Wolfes. Mühelos liefert der Kopf Bild und Ton zur himmlischen Dramaturgie. Der inszenierte Partyrummel verblasst, verklingt. Ein Vorhang fällt. Dein Film läuft Backstage.

Im Park knistern die letzten Regentropfen im Laub. Die Blütenkelche des Jasmin prangen wie Sterne im dunklen Spalier. Ihr betörender Duft mischt sich mit dem der Lindenblüten, die goldgelben Glöckchen gleich von den Zweigen baumeln. Ein leises Potpourri fernab des ohrenbetäubenden Lärms.

Aus einem Brief Bettina Brentanos an ihren Bruder Clemens:

Die Linden blühen, Clemente, und der Abendwind schüttelt sich in ihren Zweigen. Wer bin ich, daß ihr mir all euren Duft zuweht, ihr Linden? Ach, sagen die Linden, Du gehst so einsam zwischen unseren Stämmen herum und umfaßt unsre Stämme, als wenn wir Menschen wären, da sprechen wir dich an mit unserm Duft.

Ich liebe diesen Duft, auch weil er mich an eine reich bebilderte Geschichte erinnert, die ich als Kind gelesen habe. Sie handelte von einem kleinen Jungen, der sich des nachts auf einer Baustelle herumtreibt, wo die Arbeitsgeräte plötzlich zu mysteriösem Leben erwachen. Irgendwann beginnt es zu regnen. Vollkommen durchnässt findet er sich nach diesem traumhaften Abenteuer in seinem Bette wieder. Am nächsten Morgen ist er krank. Die Mutter kocht ihm heißen Lindenblütentee, von dem gesagt wird, dass er scheußlich schmecke. Kaum zu glauben, wo die frischen Blüten doch so köstlich riechen.

Nie wollte ich so krank sein, dass meine Mutter mir heißen Lindenblütentee würde einflößen müssen, denn bei der Vorstellung, Kamille und Pfefferminze würden einmal nicht mehr ihre Wirkung tun, schauderte mir.

Was wohl die Botschaft dieser Geschichte war? Betreten der Baustelle bei Strafe verboten? Oder: Mach Dir nichts vor, das Leben ist kaum mehr als ein Fiebertraum.

Das Buch dürfte bei einem Umzug auf der Strecke geblieben sein. Merkwürdig: An seinen Titel erinnere ich mich nicht mehr, wohl aber daran, dass es in einem DDR-Verlag erschienen war.

Und dann ist da noch Wilhelm Müllers Lindenbaum: Ich träumt‘ in seinem Schatten so manchen kühlen Traum. Ja, es ist Sommer, und ich höre die Winterreise. Manchmal ist es gut, wenn einer den Finger in die Wunde legt und sagt: „Sieh. Hier. Du blutest.“

Psychological Portrait

Marcel Sternberger - Diego Rivera and Frida Kahlo - Mexico - 1952
Marcel Sternberger, „Diego Rivera and Frida Kahlo“ (Mexico, 1952)

Today with our smartphones, we are so immersed in images – and selfies – that it seems doubtful that any one image, among so many, might convey some absolute statement of a person’s inner being. And yet it’s tempting to believe that some personal essence might be captured. Of a portrait made by Sternberger, Diego Rivera said it was “the first time I have seen the real me … behind the mask.”

Lucy McKeon on Jacob Loewentheil’s „The Psychological Portrait: Marcel Sternberger’s Revelations in Photography“

Speak to me of Rivers

I’ve known rivers:

I’ve known rivers ancient as the world and older than the flow of human blood in human veins.

My soul has grown deep like the rivers.

I bathed in the Euphrates when dawns were young.
I built my hut near the Congo and it lulled me to sleep.
I looked upon the Nile and raised the pyramids above it.
I heard the singing of the Mississippi when Abe Lincoln went down to New Orleans, and I’ve seen its muddy bosom turn all golden in the sunset.

I’ve known rivers:
Ancient, dusky rivers.

My soul has grown deep like the rivers.

Langston Hughes, „The Negro Speaks of Rivers“

„Sieh näher hin!“

Das folgende Foto kursiert als Selbstportrait von Diane Arbus auf Twitter:

laura_kok-today_i_closed_my_eyes

Es ist ja mal so. Beim Lesen des Artikels „Veränderungen“ bei der Mützenfalterin dachte ich genau an dieses Bild. Tatsächlich ist es ein Selbstportrait der niederländischen Fotografin Laura Kok, das den Titel trägt: „Today I closed my eyes“. Ich musste es etliche Male durch die Suchmaschine jagen, um auf die Urheberin zu stoßen.

Achtung! Hier kommt ein Portrait von Diane Arbus, aufgenommen ca. 1949 von ihrem damaligen Ehemann Allan Arbus:

diane-arbus

„A photograph is a secret about a secret. The more it tells you the less you know.“ Ich weiß nicht, ob Diane Arbus das wirklich gesagt hat, aber es soll wohl heißen: „Sieh näher hin!“

Can’t be taken away

Imagine you lost everything that really mattered to you, and then you had a dream, and in that dream you found out that you never really lost it, because it can’t be taken away from you. That’s how Vermeer makes me feel.

Michael White, „Travels in Vermeer: A memoir“

Wahrheit oder Pflicht

Hans Aichinger,
Hans Aichinger, „Les Certitude du Réalisme“ (2010)

Ich fühle mich geehrt. Matthias von der Beat Company hat mich nominiert. Und das zu einer Zeit, da mir scheinen will, die Frau, die hier rumwerkelt, verschwindet zunehmend hinter ihren Spiegelbildern. Ich gebe kaum noch Privates von mir preis. Ich folge nur einer Handvoll Blogs. Es geht mir gut.

In mein analoges Leben ist auf leisen Sohlen ein Mensch getreten, den ich anfangs gar nicht bemerkte. Es sind nicht nur die Samtpfoten, die ihn auszeichnen. Es ist wohl seiner Hartnäckigkeit zuzuschreiben, dass er gewartet hat, bis ich ihm eine Tür öffnen konnte. Lange Zeit dachte ich, bis zum Ende meiner Tage würde ich das tiefe Tal nicht mehr verlassen. Und plötzlich fühlt es sich ein bisschen weniger einsam an. Was die Zukunft bringen wird, weiß ich nicht. Dieser Mensch ist wesentlich jünger als ich, und eigentlich weiß ich auch überhaupt nicht, was er bei mir findet. Es gibt diesen Sicherheitsabstand zwischen uns, der sich nicht überwinden ließe, ohne dass ich ihn auf meine grauen Haare, auf meine Krähenfüße oder Lachfalten, kurzum: auf die Tatsache aufmerksam machen müsste, dass ich seine Mutter sein könnte. Nicht dass er nicht wüsste, wie alt ich bin. Jahrgang 1964. Kein Geheimnis. Und obwohl ich mich zuweilen älter fühle als meine Mutter, sehe ich nicht so aus und spüre das junge Mädchen in mir, immer auf dem Sprung, all den verpassten Gelegenheiten nachzujagen, die seinen Weg bis zum heutigen Tage pflastern. Keiner von uns macht Anstalten, diesen Sicherheitsabstand aufzugeben, und selbst das fühlt sich ganz natürlich an. Es ist, wie es ist. Und so, wie es ist, ist es erst einmal gut. Wir sind kein Paar, wir sind Freunde, und das ist so viel mehr, als ich vor geraumer Zeit noch für möglich gehalten hätte in meinem Leben.

Ach ja, worum geht es denn überhaupt? Um den Liebsten Award natürlich. Das Spannende an der ganzen Sache sind manchmal die Fragen. Was machst Du im Leben nach dem Tod? Wie bitte? Träumst du noch oder bist du schon wach, dachte ich, als ich das heute morgen las. Well, „in the morning it was morning and I was still alive.“ So weit, so gut. Darüber hinaus konnte es sich nur um einen Zufall handeln, dass mir jemand ausgerechnet die Frage stellt, die mich seit geraumer Zeit umtreibt. Zufall? Wie immer verweise ich auch diesmal auf Max Frisch.

1. Was machst Du im Leben nach dem Tod?

Nach jetzigem Stand der Dinge werde ich nicht zu den Menschen gehören, die rundum zufrieden auf ihr Leben zurückblicken können, wenn sie auf dem Totenbett liegen. Ich hoffe, es wird mir deshalb nicht schwerer fallen, zu gehen, wenn es soweit ist. Ich glaube auch nicht, dass es ein Leben nach dem Tod gibt. In letzter Zeit denke ich nur manchmal, dass es mich trösten würde, wenn ich glauben könnte, dass sich mir nach dem Tod tatsächlich die Möglichkeit bieten würde, mich für ein weiteres Leben zu entscheiden. Mit etwas Glück würde mir die Gnade eines unproblematischeren Elternhauses zuteil, mein beruflicher Werdegang wäre kein Zickzackkurs, sondern die Entscheidungen lägen klarer und früher auf der Hand, und ich wäre mit genügend Selbstbewusstsein ausgestattet, das zu verwirklichen, wovon ich immer nur geträumt habe. Konkret: Im Leben nach dem Tod arbeite ich, Hauptsache irgendwas, im Bereich Kunst und Kultur, und der Job dient nicht nur dazu, das Dach über dem Kopf und das tägliche Brot zu sichern, ohne jemals Freude zu machen, sondern ist, darunter geht gar nichts, Berufung. Andernfalls kann mir ein Leben nach dem Tod auch gut und gerne gestohlen bleiben.

2. Wen siehst Du, wenn Du morgens in den Spiegel schaust?

Gute Frage an eine, die sich Frau im Spiegel nennt und ein Morgenmuffel ist. Aber ich sehe das oben erwähnte junge Mädchen, das wie jeden Tag schon in den Startlöchern steht. Ich sehe ihr in die Augen und denke: „Here’s looking at you, kid.“ Wenn ich morgens in den Spiegel schaue, sehe ich auch die unverbesserliche Romantikerin in mir, der ich für den Rest des Tages konsequent aus dem Weg gehen werde.

3. Wahrheit oder Pflicht ? (Best of Flaschendrehen)

Ich weiß nicht, ob ich das Spiel überhaupt jemals gespielt habe, deshalb musste ich mich erst einmal schlau machen:

Entweder nach beantworteter Frage bzw. erfüllter Aufgabe oder der Reihe nach oder durch eine Zufallsauswahl (oftmals mittels Flaschendrehen) wird der Befragte, welcher nun „Wahrheit oder Pflicht“ (also eine Aufgabe) zu erfüllen hat, ausgewählt. Dazu muss sich der Befragte zuerst zwischen „Wahrheit“ und „Pflicht“ entscheiden. Bei „Wahrheit“ wird dem Ausgewählten eine Frage gestellt, die er wahrheitsgemäß beantworten muss; bei „Pflicht“ muss der Ausgewählte eine von den anderen Mitspielern auserkorene Aufgabe erledigen. Die Frage oder Aufgabe stellt dabei derjenige, der vorher der Befragte war. Je nachdem, in welchem Alter sich die Spieler befinden, gehen die Fragen und Aufgaben oft in den persönlichen oder intimen Bereich.

Quelle: wikipedia

Hier fällt mir die Entscheidung nicht schwer. Unter welchen Umständen auch immer, ich gebe der Wahrheit den Vorzug. Jede Wahrheit ist besser, als eine Pflicht zu erfüllen, die womöglich lästig ist.

Für den Fall, dass ich mich jetzt auf eine weitere Frage gefasst machen muss: „I am ready, I am fine“, Matthias. Und last but not least: Herzlichen Dank!

Pain & Pleasure

The illusion of knowing has blinded us to the fantastic pain and pleasure of acknowledging that we may know nothing after all.

Amelia Jones

The Human Fate Given A Human Face

…And did this woman, who clearly still
Speaks no English, her head scarf, say, Russian?
A son stands at her side, crop-haired, in clumpy
Shoes. She stares straight forward, reserved, aware,
Embattled. The deep-set eyes say something
About the emptiness of most wishes; and
About her hopes. She knows the odds are poor.
Or, the odds are zero, counted from here.
That past survives its population
And is unkind. Triumph no more than failure
In the longest run ever fails to fail.
Is that the argument against shuffling,
Dealing, and reshuffling these photographs?
They are not mementos of death alone,
But of life lived variously, avatars
Energy, insight, cruelty took – and love.
Variousness: the great kaleidoscope
Of time, its snowflake pictures, form after
Form, collapsing into the future, hours,
Days, seasons, generations that rise up
And fall like leaves, each one a hand inscribed
With fragile calligraphy of selfhood;
The human fate given a human face.

Alfred Corn, „Photographs of Old New York“

Träume

Sie verstehen, was Lacan meint!? Träume müssen auf jeden Fall unrealistisch sein, denn in dem Augenblick, in der Sekunde, in der man bekommt, was man sucht, will und kann man es nicht mehr wollen. Damit man weiterhin existieren kann, sollten die Objekte der Begierde immerwährend abwesend sein. Es ist nicht das Es, das man will, sondern der Traum vom Es. Also unterstützt die Begierde Träume, die verrückt sind. Das meint Pascal, wenn er sagt, dass wir nur wirklich glücklich sind, wenn wir das zukünftige Glück in Tagträumen erleben. Oder wenn wir sagen: Die Jagd ist schöner als das Töten. Oder: Pass auf, was du dir wünscht! Nicht weil man es bekommen könnte, sondern weil man dazu verdammt wäre, es nicht mehr haben zu wollen, wenn man es hätte. Lacans Lehre besagt also, dass man nie glücklich wird, wenn man nach seinen Bedürfnissen leben will. Wahrhaft Mensch zu sein bedeutet, sich zu bemühen, ein Leben zu führen, dass sich nach Ideen und Idealen richtet, und es nicht danach zu bemessen, was man erreicht hat in Bezug auf seine Begierde sondern in Bezug auf die kurzen Momente der Integrität, des Mitgefühls, der Vernunft, ja, sogar der Selbstaufopferung. Weil wir letztlich nur die Möglichkeit haben, die Bedeutung unseres eigenen Lebens anhand unserer Wertschätzung des Lebens anderer zu bemessen.

„Das Leben des  David Gale“

Enfants Terribles

I like to make people a little uncomfortable. It encourages them to examine who they are and why they think the way they do.
Sally Mann

En Route

Wenn das Fenster geöffnet ist,
Vergänglichkeit mit dem Winde hereinweht,
mit letzten Blütenblättern der roten Kastanie
und dem Walzer „Faszination“
von neunzehnhundertundvier,
wenn das Fenster geöffnet ist
und den Blick freigibt auf Flußhafen und Stapelholz,
das immer bewegte Blattgewirk der Akazie, –
wie ein Todesurteil ist der Gedanke an dich,
Wer wird deine Brust küssen
Und deine geflüsterten Worte kennen?
Wenn das Fenster geöffnet ist
Und das Grauen der Erde hereinweht –
Das Kind mit zwei Köpfen,
– während der eine schläft, schreit der andere –
es schreit über die Welt hin
und erfüllt die Ohren meiner Liebe mit Entsetzen,
(Man sagt, die Mißgeburten nähmen seit Hiroshima zu.)

Wenn das Fenster geöffnet ist, gedenke ich derer,
die sich liebten im Jahre neunzehnhundertundvier
und der Menschen des Jahres dreitausend,
zahnlos, haarlos.

Neil Slavin,
Neal Slavin, „Train Corridor – Enroute to Porto, Portugal“

Wem gibst du den zerrinnenden Blick, der einst mein war?

Unser Leben, es fähret schnell dahin als flögen wir davon
und in den Abgründen wohnt verborgen das Glück.

Günter Eich, „Augenblick im Juni“

Sich nicht aus der Hand geben

Beim Lesen des von Iris verlinkten Vorabdruckes eines Textes von Herta Müller in der Welt (aus dem Buch von Henriette Schroeder: Ein Hauch von Lippenstift für die Würde. Weiblichkeit in Zeiten großer Not.) fiel mir insbesondere eine Redewendung auf, die Herta Müller gleich zweimal gebraucht:

Als die Bedrohung ganz schlimm wurde, als es zu Verhören beim Geheimdienst kam und Freunde verhaftet wurden, habe ich besonderen Wert darauf gelegt, mich nicht aus der Hand zu geben. Schminken gehörte dazu. Ich wusste, wenn ich mich nicht mehr schminke, wenn mir das nicht mehr wichtig ist, dann habe ich mich aufgegeben. Ich habe mich auch geschminkt, wenn ich nicht zu einem Verhör ging. Aber wenn ich zu einem Verhör ging, vielleicht noch mehr…

Wenn man sich aus der Hand gibt, dann hat man natürlich keine Würde mehr. Eitelkeit ist vielleicht sogar übertriebene Würde. Oder Würde da, wo man sich etwas beweisen will, wo es nicht unbedingt sein müsste. Ich glaube, dass ich auch beweisen wollte, ich bin intakt. Dem Geheimdienstler, der mich verhörte, wollte ich damit sagen, du hast mich noch nicht fertiggemacht. Ich lass mich nicht unterkriegen. Mit Worten konnte man das ja nicht tun. Das tat dann die Kleidung…

Ein Foto von ihr, täte es an dieser Stelle auch. Um ihren Worten den gebührenden Ausdruck zu verleihen. Obwohl: Wenn etwas keiner Bilder bedarf, dann sind es Worte von Herta Müller. Sie erinnert mich an eine Englischlehrerin, die ich einst hatte. Meta Krupp. Immer, wenn sie vor uns stand, fiel sie den Spottdrosseln der Klasse zum Opfer. Ich mochte sie. Vermutlich weil ich hinter der harten, ja, stählernen Fassade eine beschädigte Frau sah. Und alles, was mit Verletzlichkeit zu tun hatte, zog und zieht mich unwiderstehlich an. Kein Bild von Herta Müller, also, sondern eines aus Cindy Shermans Fashion-Photo-Serie, das mir beim Lesen dieses Artikels in den Sinn kam: die Frau mit den zusammengeballten Fäusten. Dabei gibt es in Cindy Shermans Werk tausend und ein Bild, das an dieser Stelle stehen könnte. Ich habe noch vier ausgewählt aus verschiedenen aufeinander folgenden Schaffensperioden und in chronologischer Reihenfolge angeordnet:

Ich wollte mit diesen Bildern [Centerfolds] auf jeden Fall provozieren, aber es ging eher darum, Männer dazu zu bringen, ihre Annahmen zu überdenken, mit denen sie Bilder von Frauen betrachten. Ich dachte an eine Verletzlichkeit, bei der ein männlicher Betrachter sich unwohl fühlen würde, wie wenn man seine Tochter in einer verletzlichen Lage sieht. […] Mir ist erst später klar geworden, dass es eine Bandbreite von Interpretationen geben wird, die ich nicht kontrollieren kann, und auch nicht kontrollieren will, weil es das für mich interessant macht. Aber ich war verstört, dass man meine Absichten so missverstehen konnte, und deshalb versuchte ich sie in der nächsten Serie [Pink Robes and Fashion Photos] klarer darzulegen.

Cindy Sherman

In einem dieser Chick Flicks, den ich mir die Tage reinzog, steht Diane Lane an der Metzgertheke, und der Verkäufer will ihr statt der verlangten Hühnerbrust gleich ein ganzes Huhn andrehen, woraufhin die Gute ausflippt: „Hör’n Sie, ich bin geschieden, klar, ich esse für gewöhnlich allein, im Stehen, an der Spüle, ich brauche keinen Haufen Hühner!“ Ich weiß nicht genau, was die Szene mit diesem Beitrag zu tun hat, vielleicht, weil ich auch daran denken musste, als ich über Herta Müllers Formulierung „sich nicht aus der Hand geben“ stolperte. Und weil Cindy Shermans Frauenfiguren irgendwie so aussehen, als würden sie, aus welchen Gründen auch immer, für gewöhnlich allein essen, im Stehen, an der Spüle.

Lonesome I

Pál Fejös‘ Lonesome beginnt wie ein Dokumentar- und endet wie ein Märchenfilm. Fast wie im richtigen Leben. Der Rummelplatz verwandelt sich in einen Zauberwald, die Achterbahn in einen bösen Drachen, das möblierte Zimmer in ein Märchenschloss. Und hokus pokus fidibus, schon findet sich der geneigte Betrachter in einem der wundervollsten Filme wieder, die je über die Leinwand flimmerten…

The Magic Sphere II

„Ich sehe einen Ring“, sagte Bernard, „der über mir hängt. Er bebt und hängt in einer Lichtschlaufe.“

„Ich sehe eine Tafel aus blassem Gelb“, sagte Susan, „die sich verbreitert, bis sie auf einen Purpurstreifen trifft.“

„Ich höre ein Geräusch“, sagte Rhoda, „tschirp, zirp, tschirp, zirp, das auf- und niedersteigt.“

„Ich sehe eine Kugel“, sagte Neville, „die als Tropfen an den riesigen Flanken eines Hügels hängt.“

„Ich sehe eine feuerrote Troddel“, sagte Jinny, „die mit Goldfäden durchwirkt ist.“

„Ich höre etwas stampfen“, sagte Louis. „Der Fuß eines großen Tieres ist angekettet. Es stampft und stampft und stampft.“

Virginia Woolf, „Die Wellen“

The Neighbors

Ich finde, die ungestellten, unbewussten Aspekte des Lebens am schönsten zu fotografieren, ich interessiere mich viel mehr dafür, den Atem zwischen den Worten festzuhalten, als für die Worte selbst.

Arne Svenson

Arne Svenson, aus der Serie "The Neighbors"
Arne Svenson, aus der Serie „The Neighbors #17“ (2012)

Beneath me lay my corpse with the arrow in my temple

Mir träumte, ich hätte die erste Schulstunde frei. Aber als ich erwache und einen Blick auf die Uhr werfe, ist es bereits zu spät, um noch pünktlich zur zweiten zu erscheinen. Ich ärgere mich über meine Mutter, weil sie mich nicht geweckt hat und beschließe, den Tag blau zu machen. Schließlich bin ich volljährig und kann mir selber eine Entschuldigung schreiben. Für einen Mann, der mir nicht ganz koscher ist, soll ich Leergut abgeben und volle Flaschen besorgen. Als ich mich auf den Weg mache, habe ich das Gefühl, von ihm verfolgt zu werden. Ich flüchte mich in eine Parkanlage mit uraltem Baumbestand, die zu einem großen Haus gehört, wo sich Juden versteckt halten. Im Park können sie sich jedoch frei bewegen. Das Areal ist für Nicht-Juden eigentlich tabu. Plötzlich ertönen Sirenen. Ich höre sofort, dass es sich nicht um unsere Martinshörner handelt sondern um die irgendwie sonorer klingenden Sirenen der Amerikaner. Im Park dürfen sie mich natürlich nicht entdecken, aber im Moment, da ich auf die Straße trete, fahren bereits die schweren Batmobile der Besatzer vor, denen jeweils zwei große schwarze Männer entsteigen. Zu allem Unglück habe ich die Tasche mit meiner Geldbörse im Park verloren, und in der Geldbörse befindet sich mein Ausweis, den die beiden bestimmt gleich kontrollieren werden. Es bleibt mir also nichts anderes übrig, als mich wieder in das schützende Dunkel des Parks zurückzuziehen in der Hoffnung, dort meine Tasche wieder zu finden. Da kommt mir auch schon einer der Bewohner entgegen und reicht sie mir…

Der Traum ereignete sich in den frühen Stunden des heutigen Sonntagmorgens. Auf den Schwingen eines angenehmen Halbschlafs ließ ich mich noch einmal durch das Stimmungsaggregat der vergangenen Woche tragen, das sich aus den magischen Wirkungen eines meiner absoluten Lieblingsfilme, der Lektüre eines neuen Buches sowie eines Gesprächs nach langer Zeit mit meinem Lieblingsonkel zusammensetzt.

Falling_in_Love_35465_MediumRobert De Niro, der Hexenmeister der abgründigen Charaktere als Frank, und Meryl Streep, eine die mit kleinen Gesten eine Rolle auf die Leinwand zu malen vermag wie keine, als Molly in dem Film „Falling in Love“. Wie durch Zauberhand gerät das Blättern in einem Boulevardblatt bei ihr zum Sinnbild all dessen, was sich plötzlich falsch anfühlt in Mollys Leben. De Niro dagegen spielt Frank gläsern wie einen, in dem der Zuschauer einen Sturm tosen sieht, ohne dass sich auf der Leinwand augenscheinlich Sensationelles ereignen würde. Bis zum Schluss bleibt die Beziehung zwischen den beiden platonisch, die gegenseitige Anziehung aber erzeugt eine Spannung, die mindestens genau so unerträglich ist wie in einem jener Thriller, in denen De Niro den Bösewicht gibt.

Die Kritik im Filmlexikon ist vernichtend:

Ein Mann und eine Frau, beide verheiratet, geraten in eine letztlich platonisch verlaufende Liebesbeziehung. Die Geschichte einer unmöglichen Liebe, die, statt große Gefühle und Gewissenskonflikte zu vermitteln, banal und oberflächlich bleibt; trotz prominenter Besetzung weitgehend langweilig, erzählt im Stil eines einfach konstruierten Boulevardstückes.

Die ließ mich bereits befürchten, der Verblendung durch meinen hoffnungslosen Romantizismus erlegen zu sein. Die Deutsche Film- und Medienbewertung fällt dagegen folgendes Urteil, das ich in meiner Begeisterung, die auch, nachdem ich den Film mindestens schon zum dritten Mal gesehen habe, nach wie vor ungebrochen ist, demzufolge bedingungslos unterschreibe:

Zwei Menschen lernen sich kennen, begegnen sich zufällig öfter und entdecken plötzlich, das sie füreinander bestimmt sind. Beide sind verheiratet, beide aber empfinden die Schicksalhaftigkeit ihres Zusammentreffens, dem sie sich fast willenlos überlassen, bis sie – vom gleichen Zufall, vom gleichen Schicksal? – wieder getrennt werden, obgleich ihre jeweiligen Bindungen inzwischen zerbrochen sind.

Buch und Regie dieses Films, der eigentlich nur ein Zwei-Personen Stück ist, bringen es fertig, diesen Sturm der Gefühle ausschließlich im Spiel, in der Musik und im knappen Dialog der Darsteller stattfinden zu lassen, ohne spekulative Bett- und Entkleidungs-Szenen und ohne dass auch nur der geringste Eindruck von Peinlichkeit entsteht. Die Keuschheit dieser Beziehung wird so konsequent durchgeführt, das die Zerstörung beider Ehen durch die jeweiligen Partner erfolgt; das Liebespaar selbst schreitet gleichsam unbefleckt durch die Handlung, die dramaturgisch sehr behutsam entwickelt wird, ohne Pathos, ja ohne Leidenschaft, getragen lediglich von der Kraft der Persönlichkeit der beiden Hauptdarsteller.

Die Frage, ob das Happy-End nach der bereits erfolgten scheinbar endgültigen Trennung künstlerisch entbehrlich oder nur ein Zugeständniss an den Publikumsgeschmack sei, wurde vom Bewertungsausschuss ausführlich diskutiert, ohne dass sich daraus eine Beeinträchtigung des einmütig positiven Urteils ergeben hätte.

Mit dem höchsten Prädikat gewürdigt wird hier eine große Kameraerzählung, eine echte Kinogeschichte, der dennoch genügend Realität anhaftet – siehe die glaubwürdige Darstellung der Umwelt des Liebespaares, des Arbeitsmilieus, vor allem der Eisenbahn, in der die wichtigsten Begegnungen stattfinden -, als dass sie in den unverbindlichen Bereich der Traumfabrik verwiesen werden müsste.

Gasdanow_23853_MR.inddDer Film lief letzten Samstag im Spätprogramm, die Verzauberung hielt mindestens bis Dienstag. Da hatte ich frei und las zufällig die ersten Worte der Kritik zu einem Buch, das bereits in der Kulturzeit vorgestellt worden war, „Das Phantom des Alexander Wolf“ von Gaito Gasdanow (1903 in St. Petersburg geboren und 1971 in München gestorben), ein wieder entdeckter russischer Exilautor:

Von allen meinen Erinnerungen, von all den unzähligen Empfindungen meines Lebens war die bedrückendste die Erinnerungen an den einzigen Mord, den ich begangenen hatte. Seit dem Moment, als es geschehen war, erinnere ich mich an keinen Tag, da ich nicht Bedauern empfunden hätte darüber. Niemals hätte mir irgendeine Strafe gedroht, denn es passierte unter ganz ungewöhnlichen Umständen, auch war klar, dass ich nicht anders hatte handeln können. Niemand außer mir selbst wusste im übrigen davon. Es war dies eine der zahllosen Episoden des Bürgerkriegs; im Zuge der damaligen Ereignisse mochte sie als unbedeutende Einzelheit anzusehen sein, zumal im Verlauf der wenigen Minuten und Sekunden, die der Episode vorausgingen, ihr Ausgang nur uns beide interessierte – mich und noch einen, mir unbekannten Menschen. Dann blieb ich allein zurück. Niemand sonst war beteiligt…

In diesem Duktus geht es immer weiter. Später im Leben fällt dem Erzähler der Kurzgeschichtenband eines englischen Autors in die Hände, in dem dieser genau jene Begebenheit minutiös und bis in letzte Detail deckungsgleich schildert. Tatsächlich erstand ich das Buch noch am selben Tag bei Pustet.

Die Stimmung, die darin erzeugt wird, erinnerte mich sofort an Edgar Allan Poe. Der vermeintlich autobiographische Stil, als ließe hier jemand gefiltert durch einen analytischen Verstand und mit einer gewissen emotionalen Distanz sein Leben Revue passieren, steht in einem spannungsgeladenen Gegensatz zu der sich einschleichenden Vermutung, es handele sich womöglich um einen, der die Schwelle zum Irrsinn lange schon überschritten hat. Jedenfalls entwickelt das Buch den Sog eines Maelström, in den ich mich bereitwillig hinab ziehen lassen werde, wenn ich gleich in die Badewanne steige.

Bleibt noch das Telefonat mit meinem Lieblingsonkel zu erwähnen. Lieblingsonkel ist gut, denn es gibt nur den einen, richtigen Onkel. Viel Zeit ist vergangen. Wie viel Zeit, das erkennt man plötzlich an all den Dingen, von denen man weiß, dass sie im Leben des jeweils anderen passiert sind, an denen man aber nicht unmittelbar Anteil nehmen konnte. No one is to blame, das waren seine Worte. Dass man irgendwie ja doch Anteil nimmt, das zeigt mir dieses Geldgeschenk, das mir ganz unerwartet von seiner Seite zuteil wurde. Aber es macht mich traurig, dass wir uns in diesem Leben aller Wahrscheinlichkeit nach nie mehr wiedersehen werden.

Schreiben – die Kunst, die voraus und davon eilenden Gedanken im entscheidenden Moment wieder einzufangen.

Hansjürgen Bulkowski

Auf kurze Distanz

Most people who drive through here see farms. Houses, and fields, and shit. I see money, I see things, everything got my name writ‘ on it!

Big Brad Whitewood (Christopher Walken)

Es ist Big Brad’s Blick, der einen den ganzen Film hindurch auf Distanz hält. Ein Typ, mit dem nicht gut Kirschen essen ist. Erscheint auf der Bildfläche, wann immer es ihm gerade passt oder wenn er mal wieder aus dem Knast raus ist. Falls er überhaupt so was wie ein Gewissen hat, verpasst er diesem mit einer Handvoll gewaschener Dollars einen nicht reinen aber zumindest die Art von sauberem Anstrich, auf die es in seinen Augen ankommt. Ein Milieu, das keine Empathie zu wecken vermag. In das man sich auch gar nicht einfühlen möchte.

Little Brad, der Sohn (Sean Penn), erliegt zunächst der Illusion, sein Vater könne ihn da abholen, wo er wohl sein Leben lang auf ihn gewartet hat. Die lähmende Resignation im Hause der Whitewoods, das Fehlen jeglicher Perspektive und nicht zuletzt die Liebe sind der Nährboden für das, was sich am Ende als fataler Irrtum heraus stellen wird.

Eiskalt dekliniert der Film die Vater-Sohn-Tragödie bis zum grausamen Showdown. Aus dem Off gibt es keine Stimme sondern nur eine vorgehaltene Knarre. Die Starre, aus der man schließlich erwacht, ist nicht dazu angetan, auch nur irgendeine Form von Trost zu spenden.

Auf der Berlinale 1986 war der Film für den Goldenen Bären nominiert.

Auf kurze Distanz

Originaltitel: AT CLOSE RANGE

Thriller

Produktionsland: USA
Produktionsjahr: 1985
Produktionsfirma: Orion/Hemdale
Länge: 113 Minuten
FSK: ab 16; f
Erstauffuehrung: 9.5.1986/18.11.1986 Video

Darsteller: Sean Penn (Brad Whitewood jr.), Christopher Walken (Brad Whitewood sen.), Mary Stuart Masterson (Terry), Christopher Penn (Tommy Whitewood), Millie Perkins (Julie Whitewood), Eileen Ryan (Großmutter); Produzent: Elliott Lewitt, Don Guest; Regie: James Foley; Drehbuch: Nicholas Kazan; Kamera: Juan Ruiz Anchía; Musik: Patrick Leonard; Schnitt: Howard E. Smith

Inhalt

Ein junger Mann in der amerikanischen Provinz, der mit einer Mischung aus Furcht und Faszination seinem kriminellen Vater nachzueifern versucht und eine Jugendbande gründet, gerät in einen blutigen Unterwelt-Krieg. Mitreißend inszenierter Thriller mit sozialpsychologischem Hintergrund, intensiver Milieuzeichnung und überzeugenden Darstellern. Der Vater-Sohn-Konflikt wird allerdings nur unvollkommen ausgeleuchtet und tritt oft hinter den Actioneffekten zurück.

Quelle: Filmlexikon

Thomas Crown ist nicht zu fassen

Thomas Crown ist nicht zu fassen

Originaltitel: THE THOMAS CROWN AFFAIR

Gangsterfilm

Produktionsland: USA
Produktionsjahr: 1967
Produktionsfirma: United Artists/Mirisch/Simkoe/Solar
Länge: 102 Minuten
FSK: ab 12; f (früher 16)
Erstauffuehrung: 18.10.1968/18.5.1975 ZDF/19.3.1983 DFF 1/27.10.1999 DVD
DVD-Anbieter: Fox (1.85:1, Mono engl./dt.), USA Import: MGM (FF P&S, Mono engl.)

Darsteller: Steve McQueen (Thomas Crown), Faye Dunaway (Vicky Anderson), Paul Burke (Eddy Malone), Jack Weston (Erwin Weaver), Yaphet Kotto (Carl), Addison Powell; Produzent: Norman Jewison; Regie: Norman Jewison; Drehbuch: Alan R. Trustman; Kamera: Haskell Wexler; Musik: Michel Legrand; Schnitt: Hal Ashby, Ralph E. Winters, Byron „Buzz“ Brandt

Auszeichnungen

Oscar (1969, Bester Filmsong: The Windmills Of Your Minds (Text und Musik) – Michel Legrand), Oscar (1969, Bester Filmsong: The Windmills Of Your Minds (Text und Musik)), Oscar (1969, Bester Filmsong: The Windmills Of Your Minds (Text und Musik))

Inhalt

Eine Versicherungsagentin versucht, einen erfolgreichen Geschäftsmann zu umgarnen, um ihn der Urheberschaft an einem Bankraub zu überführen. Ein ebenso gepflegt wie geschickt inszenierter, weitgehend spannender Kriminalfilm über den Konflikt zwischen Geld und Liebe. In der zweiten Hälfte gelegentlich zum Pseudo-Drama hochgespielt, aber dank der beiden Hauptdarsteller stets mit angenehm ironischen Zwischentönen versehen. Hervorragend die eingängig-pointierte Musik von Michel Legrand (Oscar“ für „The Windmills Of Your Mind“).

Quelle: Filmlexikon

Ehekrieg

„Ehekrieg“ ist der sechste von neun Filmen, die das Paar Katharine Hepburn und Spencer Tracy gemeinsam bei MGM drehten: ein spritziger, pointierter, von George Cukor unfehlbar elegant inszenierter Komödienklassiker über Geschlechterbeziehungen und Rollenmuster. In einer Zeit, da die gesellschaftliche Gleichstellung der Frau noch lange nicht so selbstverständlich war wie heute, thematisiert die Komödie mit einem Augenzwinkern die Frage nach der Gleichberechtigung der Frau im beruflichen wie privaten Leben. Cukor gelang ein geistreiches Plädoyer für die Emanzipation, in dem sich Katharine Hepburn und Spencer Tracy einen urkomischen Schlagabtausch mit harten, aber herzlichen Bandagen liefern. Besonders charmant wirken die Szenen im Hause der Bonners. Ihr Ton entspannter Vertrautheit verrät auch etwas über die Beziehungen hinter den Kulissen: Die Drehbuchautoren Ruth Gordon und Garson Kanin waren verheiratet, Katharine Hepburn und Spencer Tracy ein heimliches Paar. 25 Jahre waren die beiden Hollywoodstars liiert, obwohl sich der bekennende Katholik Tracy niemals von seiner Frau scheiden ließ. Immer wieder verhalf die erfolgreiche Hepburn ihrem alkoholkranken Partner zu Rollen. Die tragische, aber unverbrüchliche Beziehung endete erst 1967, als Spencer Tracy plötzlich an einem Herzinfarkt starb. Zu seiner Beerdigung ging Hepburn aus Taktgefühl gegenüber seiner Familie nicht. Hepburn selbst wurde 96 Jahre alt. Mit ihr verstarb 2003 eine der letzten großen Hollywoodlegenden. Niemand war im Laufe seiner Karriere so oft mit der begehrtesten Auszeichnung der internationalen Filmwelt ausgezeichnet worden wie Katharine Hepburn: Ganze viermal erhielt sie einen Oscar als beste Hauptdarstellerin – ein bis heute ungebrochener Rekord.

Quelle: Arte

Ehekrieg

Originaltitel: ADAM’S RIB

Komödie

Produktionsland: USA
Produktionsjahr: 1949
Produktionsfirma: MGM
Länge: 100 Minuten
FSK: ab 16; nf
Erstauffuehrung: 18.3.1952/30.12.1967 ARD/20.11.1985 DFF 2

Darsteller: Spencer Tracy (Adam Bonner), Katharine Hepburn (Amanda Bonner), Judy Holliday (Doris Attinger), Jean Hagen (Beryl Caighn), Hope Emerson (Olympia La Pere), Tom Ewell (Warren Attinger), David Wayne (Kip Lurie); Produzent: Lawrence Weingarten; Regie: George Cukor; Drehbuch: Ruth Gordon, Garson Kanin; Kamera: George J. Folsey jr.; Musik: Miklos Rozsa; Schnitt: George Boemler

Inhalt

Der zweite aus der einzigartigen Serie der Cukor-Filme, die in den Jahren 1947 bis 1953 in Zusammenarbeit mit dem Autorenteam Ruth Gordon/Garson Kanin entstanden sind und vor allem ein Thema – meistens in Form der „sophisticated comedy“ – behandelten: Frauenemanzipation und Beziehung der Geschlechter. Hier führt ein fortschrittliches Juristenpaar stellvertretend den Geschlechterkampf vor den Schranken des Gerichts. Ein intelligentes Plädoyer für Gleichberechtigung.

Quelle: Filmlexikon

Eastern Promises

„Es ist ein Kind geboren!“ So lautet die Frohe Botschaft des Weihnachtsevangeliums. Aber nicht immer bereitet diese Botschaft Freude. So auch in diesem Film, in dem Cronenberg einen tiefen Blick in die Seele der russischen Mafia riskiert. Dass Mafiabosse vergewaltigen und zuschlagen können, ist keine Überraschung. Dass sie Strickpullover tragen und Borschtsch kochen und mit zarten Rosenblüten hantieren, als könnten sie niemals auch nur einer Fliege etwas zuleide tun, das offenbart der Blick des Seelenbeschauers. Auch in eine Welt, in der nichts heilig ist, werden Kinder geboren, eine nackte Tatsache, aus der der Film einen Großteil seiner Spannung bezieht. Auf der einen Seite werden gnadenlos Kehlen durchschnitten und Messer in Augäpfel gerammt, auf der anderen Seite ist das Neugeborene auf die Gnade derer angewiesen, die, ohne mit der Wimper zu zucken, die Klingen führen. Das Hinsehen fällt nicht minder schwer als das Wegsehen. Vielleicht inszeniert Cronenberg die Gewalt deshalb so virtuos, weil der Zuschauer sie so intensiv wie nur irgend möglich am eigenen Leib miterleben soll?

Der Traum von einem besseren Leben ist so alt wie die Menschheit selbst. Ein seidener Faden, der sich durch den ganzen Film zieht. Während er für die einen reißt, besteht immerhin die Hoffnung, dass er von anderen weitergesponnen wird…

Tödliche Versprechen – Eastern Promises

Originaltitel: EASTERN PROMISES

Drama, Gangsterfilm

Produktionsland: USA/Kanada/Großbritannien
Produktionsjahr: 2007
Produktionsfirma: Serendipity Point Films/Focus Features/Kudos Film and TV/Scion Films/BBC Films
Länge: 101 Minuten
FSK: ab 16; f
Erstauffuehrung: 27.12.2007/7.5.2008 DVD/27.5.2010 ARD
DVD-Anbieter: Tobis (1:1,85/16:9/Deutsch dts 5.1/DD 5.1/Engl.)

Darsteller: Viggo Mortensen (Nikolai), Naomi Watts (Anna), Vincent Cassel (Kirill), Armin Mueller-Stahl (Semion), Sinéad Cusack (Helen), Jerzy Skolimowski (Stepan), Josef Altin (Ekrem), Mina E. Mina (Azim), Aleksander Mikic (Soyka); Produzent: Robert Lantos, Paul Webster, Tracey Seaward; Regie: David Cronenberg; Drehbuch: Steven Knight; Kamera: Peter Suschitzky; Musik: Howard Shore; Schnitt: Ronald Sanders

Inhalt

Eine Krankenhausärztin gerät in den Bannkreis der Russen-Mafia, die in Verteilungskämpfe um die Vorherrschaft in London verstrickt ist. Kein klassischer Genrefilm, sondern ein höchst intensives Noir-Drama um die postsozialistische „Russen-Szene“, in dem das Nebeneinander von Gemütlichkeit und Gewalt mehr schockiert als brutale Exzesse. Dabei wird mit viel Melancholie die kriminelle Form moderner Ökonomie in den Mafia-Strukturen reflektiert. Ein intelligenter Film auf hohem dramaturgischen und stilistischen Niveau, der mit inszenatorischen Überraschungen und hervorragenden Darstellern aufwartet und dessen Bilder lange in Erinnerung bleiben.

Quelle: Filmlexikon

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Elegy…

…oder die Kunst zu lieben

Originaltitel: ELEGY

Literaturverfilmung

Produktionsland: USA
Produktionsjahr: 2008
Produktionsfirma: Lakeshore Ent.
Länge: 112 Minuten
FSK: ab 12; f
Erstauffuehrung: 14.8.2008/28.7.2011 ARD

Darsteller: Penélope Cruz (Consuela Castillo), Ben Kingsley (David Kepesh), Dennis Hopper (George O’Hearn), Peter Sarsgaard (Kenneth Kepesh), Patricia Clarkson (Carolyn), Deborah Harry (Amy O’Hearn), Chelah Horsdal (Susan Reese), Charlie Rose (Charlie Rose), Sonja Bennett (Beth), Kris Pope (Consuelas Bruder); Produzent: Andre Lamal, Gary Lucchesi, Tom Rosenberg; Regie: Isabel Coixet; Drehbuch: Nicholas Meyer; Kamera: Jean-Claude Larrieu; Schnitt: Amy E. Duddleston; Vorlage: Philip Roth, Tim Roth

Inhalt

Ein gealterter Literaturprofessor, der feste Bindungen bislang immer vermied, verliebt sich in eine seiner Studentinnen, eine Exil-Kubanerin. Die beiden werden ein Paar, doch die widersprüchliche Haltung des Mannes, die zwischen besitzergreifender Eifersucht und der Scheu, sich ganz auf diese Liebe einzulassen, schwankt, droht die Beziehung zu zerstören. Verfilmung eines Romans von Philip Roth, die mit hervorragenden Darstellern glänzt. Deren Leistungen werden durch die erdrückende Bedeutungsschwere der elegischen Inszenierung, unnötige Überhöhungen und eine dick auftragende Filmmusik jedoch oft unterwandert.

Quelle: Filmlexikon

Im Schatten des Zweifels

Im Schatten des Zweifels gilt als Alfred Hitchcocks persönlichstes Werk. Es gibt zahlreiche Parallelen zu seinem Leben, seien es der Name der Mutter, biografische Erlebnisse, die er in die Dialoge einfließen ließ, oder – laut Donald Spoto in seiner umfangreichen Hitchcock-Biographie (Donald Spoto: The Art of Alfred Hitchcock) – die Tatsache, dass man in den beiden Hauptfiguren (den beiden Charlies) die zwei verschiedenen Persönlichkeitsaspekte Hitchcocks wiederfindet.

Quelle: wikipedia

Alfred Hitchcock selber sagte im Gespräch mit Truffaut (nachzulesen in Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht?): „Ich sollte nicht sagen, daß Shadow of a Doubt mein Lieblingsfilm ist. Wenn ich mich ein paarmal in diesem Sinn geäußert habe, dann weil dieser Film auch unsere Freunde die Wahrscheinlichkeitskrämer und unsere Freunde die Logiker zufriedenstellt.“ Truffaut ergänzte: „Und unsere Freunde die Psychologen.“

Die junge Charlie hält es für Telepathie: Ihr Onkel kündigt seinen Besuch genau in dem Moment per Telegramm an, als sie beschließt, ihm ein solches zu schicken. Die Decke droht ihr auf den Kopf zu fallen vor lauter Langeweile in einem, ach, so behüteten Familienleben. Charlie sehnt sich nach Abwechslung, und in ihren Vorstellungen scheint der Onkel der Inbegriff der großen weiten Welt, ein Alter Ego, nach dem sie sogar benannt ist. Sie himmelt ihn an, aber was für das unerfahrene Mädchen der Ausdruck unverhohlener Bewunderung ist, birgt für den Onkel seinen eigenen Reiz mit unterschwellig erotischer Konnotation. Die Sehnsucht der Jugend ist eine andere als die Sehnsucht der Erfahrung. Während die Schuld ihre Hände bereits in Unschuld rein zu waschen sucht, ahnt die Unschuld noch nichts von dem ihr drohenden Verlust.

Die jüngeren Geschwister erinnern sich kaum noch an ihren Onkel, und für die Mutter ist er eigentlich immer der kleine Bruder geblieben, nur der Vater sieht den Besucher in einer Hinsicht unverblendet: Er trägt ein bisschen dick auf. Die ersten Schatten des Zweifels huschen über Charlies Gesicht, als sie entdeckt, dass die Gravur des Rings, den ihr der Onkel an den Finger steckt (als wolle er damit einen Bund besiegeln) gar keine persönliche ist. Die Schatten, die auf dem Gesicht des Onkels zucken, sind die seiner Vergangenheit. Fortan verdichten sich diese Schatten ganz allmählich zu einem Konglomerat aus dem wachsenden Misstrauen des Mädchens und der Angst des Gejagten vor Entdeckung. Es gleicht einem Geniestreich, wie Hitchcock diese Saat ausbringt, nährt und aufgehen lässt, und das Mädchen dabei allmählich zur Mitwissenden wird. Es ist diese Mitwisserschaft, die ihr am Ende die Unschuld raubt, die sie aber gleichzeitig die Integrität ihres Alter Egos wahren lässt, wenn man so will. Und das ist der eigentliche Geniestreich in diesem Film, den einige für Alfred Hitchcocks ultimatives Meisterwerk halten.

Im Schatten des Zweifels (1943)

Originaltitel: SHADOW OF A DOUBT

Kriminalfilm, Literaturverfilmung

Produktionsland: USA
Produktionsjahr: 1943
Produktionsfirma: Universal
Länge: 105 Minuten
FSK: ab 16; nf
Erstauffuehrung: 1947/8.9.1969 ARD/18.11.1999 Video

Darsteller: Teresa Wright (Charlie), Joseph Cotten (Onkel Charlie), Macdonald Carey (Jack Graham), Henry Travers (Joseph Newton), Patricia Collinge (Emma Newton), Hume Cronyn (Herbie Hawkins), Edna Mae Wonacott (Ann Newton), Wallace Ford (Fred Saunders), Irving Bacon (Stationsvorsteher); Produzent: Jack H. Skirball; Regie: Alfred Hitchcock; Drehbuch: Thornton Wilder, Sally Benson, Alma Reville; Kamera: Joseph Valentine; Musik: Dimitri Tiomkin; Schnitt: Milton Carruth; Vorlage: Gordon McDonell

Inhalt

Ein als Witwenmörder gesuchter Verbrecher flüchtet in der Maske des liebenswürdigen Onkels in den Schoß der Familie. Als seine Nichte, die sich von seiner Anwesenheit etwas Abwechslung versprach, die Untaten ihres Paten entdeckt, trachtet er ihr ebenfalls nach dem Leben. Interessante, gut gespielte Kriminalstudie, der es nicht so sehr um die Jagd auf einen Gangster geht, sondern um die Konfrontation einer kleinstädtischen Bürgerfamilie mit dem Verbrechen. Ein Film ohne kriminalistische Spannung, der dem Zuschauer die Rolle des ironisch-distanzierten Beobachters zuweist.

Quelle: Filmlexikon

Ich kämpfe um dich

Als ich den Film zum ersten Mal sah, war ich selber „spellbound“. Gebannt, verzaubert. Filme, die einen als junger Mensch bannen, verzaubern, hinterlassen angeblich einen unauslöschlichen Abdruck irgendwo im Gehirn, sagte neulich jemand in einem Bericht über die sogenannten „Chick Flicks“, romantische Liebesfilme, die vorwiegend auf ein weibliches Publikum abzielen. Auch unser Begriff von Schönheit wird geprägt von den Bildern, die uns in jungen Jahren umgeben. Wenn ich bedenke, dass mein Zimmer eine Zeit lang tapeziert war mit Aufnahmen all jener Frauen, die für mich der Inbegriff von Schönheit waren, angefangen bei Greta Garbo über Katherine Hepburn bis hin zu Liv Ullmann; dass ich deren Biographien verschlungen habe und jeden ihrer Filme sehen wollte… – Erwähnenswert in dem Zusammenhang mag auch die Tatsache sein, dass es zunächst die Vorlieben meiner Mutter waren, durch die ich in diese Richtung geimpft wurde.

Auch Ingrid Bergman gehörte dazu. Sie hat für mich bis heute nichts von der Faszination eingebüßt, die ihre Erscheinung auf der Bildfläche eines Films versprüht. Auf der emotionalen Ebene bin ich immer noch so gebannt, verzaubert wie eh und je. Auf einer anderen, der des Verstandes, betrachte ich einen Film wie „Spellbound“ natürlich mit mehr Distanz. Die Lösung eines Verbrechens durch eine Psychoanalyse im Hau-Ruck-Verfahren herbeizuführen, erscheint mir mittlerweile geradezu lächerlich. Und obwohl der Film den größten Teil seines dramaturgischen Reizes aus der Personalunion von Analytikerin und liebender Frau bezieht, wäre eine solche in der Realität womöglich ganz und gar undenkbar. Zur schauspielerischen Leistung von Gregory Peck schrieb die Süddeutsche Zeitung: „Er spielt mit den Kiefermuskeln und kneift die Augen zu, um auf diese Weise anzudeuten, dass mit ihm nicht alles in Ordnung ist.“ Am hinreißendsten ist immer noch das jugendliche Ungestüm des vermeintlichen Dr. Edwardes, mit dem er in die bis dato, was Liebesdinge anbelangt und nicht zuletzt durch ihren Beruf, klar abgegrenzte Welt der Constance Peterson hinein stolpert. Ein Blick genügt, und es ist um die Contenance der Analytikerin geschehen. Fortan sieht sie diesen Mann, mit dem eigentlich etwas nicht stimmt, zwar durch eine rosarote Brille, aber so, wie man einen geliebten Menschen sieht: Gebannt, verzaubert. Wie er wirklich ist. Ein schönes Bild hierfür liefert Hitchcock mit den sieben sich öffnenden Türen, als die beiden sich zum ersten Mal küssen. „Leider beginnen genau in dem Augenblick die Geigen zu spielen, das ist fürchterlich“, sagte Hitchcock später zu Truffaut, nachzulesen in dessen Buch „Mr. Hitchcock, wie haben sie das gemacht?“

Filme erzählen immer auch eine Geschichte über einen selbst. Etwas von der rätselhaften Faszination, die sie einmal auf den noch unentwickelten Verstand und die unfertigen Emotionen ausgeübt haben, bleibt, selbst wenn man das alles irgendwann vielleicht zu analysieren vermag.

Ich kämpfe um dich

Originaltitel: SPELLBOUND

Kriminalfilm, Literaturverfilmung

Produktionsland: USA
Produktionsjahr: 1945
Produktionsfirma: Selznick
Länge: 111 Minuten
FSK: ab 16; f
Erstauffuehrung: 29.2.1952/17.11.1969 ZDF/21.2.1981 DFF 1/2.10.2002 Video & DVD
DVD-Anbieter: EuroVideo

Darsteller: Ingrid Bergman (Constance Peterson), Gregory Peck (John Ballantine), John Emery (Dr. Fleurot), Leo G. Carroll (Dr. Murchison), Rhonda Fleming (Mary Carmichael), Michael Chekhov (Dr. Alex Brulov), Donald Curtis (Harry); Produzent: David O. Selznick; Regie: Alfred Hitchcock; Drehbuch: Ben Hecht, Angus MacPhail; Kamera: George Barnes, Rex Wimpy; Musik: Miklos Rozsa; Schnitt: Hal C. Kern; Vorlage: Francis Beeding

Auszeichnungen

Oscar (1946, Beste Musik: Drama – Miklos Rozsa)

Inhalt

Eine Psychoanalytikerin verliebt sich in den neu in die Klinik gekommenen Chefarzt. Bald aber kommen ihr Zweifel an seiner Identität. Von einer Assistentin wird er des Mordes an einem Kollegen beschuldigt. Die Ärztin hilft dem an Gedächtnisschwund Leidenden durch eine Traumanalyse, seine Vergangenheit zu erkennen, und entlarvt den wirklichen Täter. Kunstvoll gestalteter, bemerkenswert gespielter Hitchcock-Krimi, der die Psycho- und Traumanalyse nicht unbedingt realitätsnah, aber effektvoll in die Handlung einbezieht.

Quelle: Filmlexikon

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Hugo Cabret

Die Zeit, die Zeit… – Die Zeit ist alles. Sie gibt, und sie nimmt, und wer nicht mit ihr gehen kann, bleibt auf der Strecke. So hat es auch George Méliès erlebt, einer der Pioniere der Filmgeschichte. Heute gilt er als Erfinder des narrativen Films und der Stop-Motion-Technik, zwischenzeitlich war er als Filmschaffender jedoch vollkommen in Vergessenheit geraten, seine Werke verschollen, bis 1929 einige wieder auftauchten und französische Filmjournalisten erneut über ihn berichteten. 1931 bekam er das Kreuz der Ehrenlegion verliehen, das ihm von keinem Geringeren als Louis Lumière angehängt wurde.

Aufstieg und Fall, Wiederentdeckung und die späte Würdigung Méliès‘ hat Martin Scorsese mit der fiktiven Geschichte über den zwölfjährigen Hugo Cabret verwoben, die in Paris in den frühen 1930er-Jahren und zu einem großen Teil innerhalb der labyrinthischen Mauern eines Pariser Bahnhofs spielt, wo der Junge die Uhren am Laufen hält. Die Zeit ist also allgegenwärtig in diesem Film. Dem Jungen hat sie den Vater genommen, und geblieben ist ihm nur ein bis dato funktionsuntüchtiger antropomorpher Automat. Dieser avanciert zum Sinnbild für Hugos Verlust und der Suche nach seiner Bestimmung in einer Welt, die ihm wie ein großes Räderwerk erscheint. Und in einem funktionierenden Mechanismus gibt es nun einmal kein Teil zuviel. In einem funktionierenden Mechanismus erfüllt schließlich jedes noch so kleine Teil seinen Sinn und Zweck.

Nicht zuletzt ist der Automat auch das Bindeglied zwischen den beiden Geschichten. Der von Hugo und der von Méliès. In abenteuerlicher und märchenhafter Manier erzählt der Film von den Verlusten, aus denen wir gemacht sind, und vom Suchen und Finden des Missing Link, der die Brücke schlägt zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Schönes Erzählkino, also, mit modernsten Mitteln im Mélièsschen Geiste realisiert.

Hugo Cabret

Originaltitel: THE INVENTION OF HUGO CABRET

Literaturverfilmung

Produktionsland: USA
Produktionsjahr: 2011
Produktionsfirma: Paramount Pic./GK Films/Infinitum Nihil
Länge: 126 Minuten
FSK: ab 6; f
Kinostart: 09.02.2012
Kinoverleih: Paramount

Darsteller: Asa Butterfield (Hugo Cabret), Sacha Baron Cohen (Bahnhofsaufseher), Ben Kingsley (Georges Méliès), Jude Law (Hugos Vater), Chloë Moretz (Isabelle), Christopher Lee (Monsieur Labisse), Emily Mortimer (Lisette), Ray Winstone (Onkel Claude), Helen McCrory (Mama Jeanne), Michael Stuhlbarg (Rene Tabard), Frances de la Tour (Madame Emilie); Produzent: Johnny Depp, Tim Headington, Graham King, Martin Scorsese; Regie: Martin Scorsese; Drehbuch: Josh Logan; Kamera: Robert Richardson; Musik: Howard Shore; Schnitt: Thelma Schoonmaker; Vorlage: Brian Selznick

Inhalt

Der Waisenjunge Hugo Cabret, der alleine in einem Pariser Bahnhofsgebäude lebt, lernt die liebenswürdige Pflegetochter eines grimmigen Ladenbesitzers kennen. Das Mädchen wird seine einzige Freundin, und zusammen mit ihr kommt er dem Geheimnis des alten Mannes auf die Spur: Der Ladenbesitzer war einst niemand anders als der Kinopionier Georges Méliès, hat sich aber aus Verbitterung ganz vom Film losgesagt. Als Hommage an die Magie des Kinos angelegter Film, der mittels Setdesign und Kameraarbeit eine ebenso beziehungsreiche wie bezaubernde Bildwelt eröffnet, sich erzählerisch jedoch schwertut, aus dem Facettenreichtum und der Materialfülle der Buchvorlage eine konzise Filmdramaturgie zu entwickeln. Die daraus entstehenden Längen werden durch die pure visuelle Schönheit und die guten Darsteller jedoch aufgefangen.

Quellen: wikipedia und Filmlexikon

Cincinnati Kid

Cincinnati Kid

Originaltitel: THE CINCINNATI KID

Abenteuerfilm, Literaturverfilmung

Produktionsland: USA
Produktionsjahr: 1965
Produktionsfirma: Filmways
Länge: 104 Minuten
FSK: ab 12; f (früher 18)
Erstauffuehrung: 14.1.1966/16.4.1973 ZDF/26.12.1985 DFF 1/10.8.2000 Video

Darsteller: Steve McQueen (The Cincinnati Kid), Edward G. Robinson (Lancey Howard), Ann-Margret (Melba), Karl Malden (The Shooter), Tuesday Weld (Christine), Joan Blondell (Lady Finger), Rip Torn (Slade), Jack Weston (Pig), Cab Calloway (Yeller), Jeff Corey (Hoban), Theo Marcuse (Felix), Milton Selzer (Sokal), Karl Swenson (Mr. Rudd); Produzent: Martin Ransohoff; Regie: Norman Jewison; Drehbuch: Ring Lardner jr., Terry Southern; Kamera: Philip Lathrop; Musik: Lalo Schifrin; Schnitt: Hal Ashby; Vorlage: Richard Jessup

Inhalt

Inmitten gangsterhafter Intrigen kämpfen zwei ebenbürtige Gegner ehrlich und sachlich um den Meistertitel im Pokerspiel. Dank guter Darstellung und dichter Atmosphäre eine interessante Milieu- und Charakterstudie.

Quelle: Filmlexikon

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Verblendung

Prolog

Freitag, 1. November

Es wiederholte sich alljährlich. Der Empfänger der Blume feierte seinen zweiundachtzigsten Geburtstag. Sowie die Blume bei ihm angekommen war, öffnete er das Paket und entfernte das Geschenkpapier. Danach griff er zum Telefonhörer und wählte die Nummer eines ehemaligen Kriminalkommissars, der sich nach seiner Pensionierung am Siljan-See niedergelassen hatte. Die beiden Männer waren nicht nur gleich alt, sie waren sogar am selben Tag geboren, was in diesem Zusammenhang nicht einer gewissen Ironie entbehrte. Der Kommissar wusste, dass der Anruf um elf Uhr morgens nach der Postzustellung eingehen würde, und trank Kaffee, während er wartete. Dieses Jahr klingelte das Telefon bereits um halb elf. Er nahm den Hörer ab und sagte hallo, ohne sich mit Namen zu melden.

„Sie ist angekommen.“

„Was für eine ist es dieses Jahr?“

„Keine Ahnung, was das für eine Blume ist. Ich werde sie bestimmen lassen. Weiß ist sie.“

„Kein Brief, nehme ich mal an?“

„Nein. Nur die Blume, sonst nichts. Der Rahmen ist derselbe wie letztes Jahr. So ein Billigrahmen zum Selberzusammenbauen.“

„Poststempel?“

„Stockholm.“

„Handschrift?“

„Wie immer, alles in Großbuchstaben. Gerade, ordentliche Buchstaben.“

Damit war das Thema erschöpft, und ein paar Minuten saßen beide schweigend am jeweiligen Ende der Leitung. Der pensionierte Kommissar lehnte sich am Küchentisch zurück und zog an seiner Pfeife. Er wusste jedoch, dass von ihm keine erlösende und bestechend intelligente Frage mehr erwartet wurde, die ein neues Licht auf diese Angelegenheit hätte werfen können. Diese Zeiten waren seit vielen Jahren vorbei, und das Gespräch der beiden alternden Männer hatte beinahe schon den Charakter eines Rituals – eines Rituals um ein Mysterium, dessen Lösung keinen anderen Menschen auf der ganzen Welt interessierte…

Stieg Larsson, „Verblendung“

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Die Vergangenheit hat uns in der Gewalt. Wollte man das Figurenkabinett von Stieg Larssons Multi-Millionen-Bestseller Verblendung auf eine Konstante bringen, könnte sie so oder ähnlich lauten. Dort treffen keine Charaktere aufeinander, sondern Biografien. Wer die relevanten Informationen über den anderen kennt, kennt sein Intimstes, weiß um alle Schwachstellen und Passionen. Gewalt ist angewandte Macht – und Wissen ist die Möglichkeitsbedingung der Macht. Was einmal geschehen ist, kann potenziell immer erinnert werden. Dieser Satz ist zugleich Hoffnung wie Fluch – je nachdem, ob man ihn aus der Sicht des Opfers oder des Täters ausspricht. Und in Zeiten einer neuen Unerbittlichkeit des kollektiven Gedächtnisses, in der ein jeder überall digitale Spuren für die Ewigkeit hinterlässt, ist dieses Themenfeld konstant virulent. Denn auch der generell unbescholtene Bürger wird schnell verdächtig, wenn nur das falsche Foto auf Facebook auftauchen sollte. Vielleicht erklärt sich aus der Verquickung dieser beiden Diskurse – der Erinnerung und des Cyberspace – die bewundernswerte Langlebigkeit von Stieg Larssons Millennium-Trilogie.

Grimmiger, dunkler, kälter als selbst die Bücher kommt Finchers Film daher – aufgekratzt von einem Soundtrack zwischen schreiendem Industrial und unendlichen Drones (komponiert vom Nine-Inch-Nails-Gespann Trent Reznor und Atticus Ross), in tiefes Dunkel getaucht von Jeff Cronenweth’ sparsam ausgeleuchteten, aber präzise komponierten Bildern. Manchmal, in kurzen, fast gewalttätig in den Schnittfluss eingefügten Flashbacks (die keiner Figur anzugehören scheinen, sondern wie eigensinnige Gipfel der Zeit aus der Vergangenheit ragen), dringt auch Sonnenlicht hinein, hängt eine schiefe Pianoharmonie angenehm lange nach. Aber der Grundton des Filmes ist geradezu desperat: Craigs Blomkvist hat nichts von einem idealistischen Aufklärer, aber viel von einem ausgebrannten Zyniker, Schweden in Finchers Blick besteht aus endlosen Winterstürmen, nachgedunkeltem Prunk und entmenschlichtem Funktionsdesign.

Hier schaut ein Amerikaner auf ein von der Vergangenheit niedergerungenes Europa, eine Welt, in der die Geschichte (sei es die verborgene nazistische Schwedens, die in Missgunst und Gewalt erstarrte der Industriellenfamilie Vanger oder die traumatische Lisbeths) jede Zukunft schon von vornhinein in den Klauen hält. Aber sein Blick ist nicht distanziert, sondern auf eine ambivalente Art empathisch – als wüsste Fincher, dass es mit Amerikas nach vorne gewandter Vitalität schon lange vorbei ist. In der Originalversion sprechen auch alle Schauspieler – selbst die angelsächsischen – ein Englisch mit skandinavischem Fake-Akzent: ein sprachlicher Bastard, eine Schicksalsgemeinschaft.

Dabei kleidet Fincher seine Reise in ein Europa der verkrusteten Größe in fast altmodische Genregewänder – Verblendung ist ein formal enorm präzise inszenierter, niemals allzu gewagter Psychothriller. Neben der erwähnten sprachlichen Altertümlichkeit lässt sich dieser beizeiten fast Pastiche-artige Klassizismus nirgendwo besser ablesen als an der James-Bond-artigen Titelsequenz. Zu Trent Reznors und Karen O.’s noisigem Cover von Led Zeppelins Immigrant Song fließen da pechschwarze Flüssigkeiten wie Teer, Öl und Lack ineinander, formen die Gesichter der Protagonisten und zerstäuben wieder im Schlag des Beats – aus der Schwärze gerinnen Gestalten, gleichsam wie Erinnerungen, geformt aus bis zum Bersten verdichtetem Vergessen.

Quelle: critic.de

Verblendung (2011)

Originaltitel: THE GIRL WITH THE DRAGON TATTOO

Kriminalfilm, Literaturverfilmung

Produktionsland: USA/Schweden/Großbritannien/Deutschland
Produktionsjahr: 2011
Produktionsfirma: Columbia Pic./MGM/Scott Rudin Prod./Yellow Bird Films/Film Rites/Ground Control
Länge: 158 Minuten
FSK: ab 16; f
Kinostart: 12.01.2012
Kinoverleih: Sony

Darsteller: Daniel Craig (Mikael Blomkvist), Rooney Mara (Lisbeth Salander), Robin Wright (Erika Berger), Stellan Skarsgård (Martin Vanger), Christopher Plummer (Henrik Vanger), Joely Richardson (Anita Vanger), Embeth Davidtz (Annika Blomkvist), Goran Visnjic (Dragan Armansky), (Christer Malm), Elodie Yung (Miriam Wu), Julian Sands (junger Henrik Vanger), Geraldine James (Cecilia Vanger), Steven Berkoff (Dirch Frode); Produzent: Ceán Chaffin, Scott Rudin, Søren Stærmose, Ole Søndberg, Berna Levin; Regie: David Fincher; Drehbuch: Steven Zaillian; Kamera: Jeff Cronenweth; Musik: Trent Reznor, Atticus Ross; Schnitt: Kirk Baxter, Angus Wall; Vorlage: Stieg Larsson

Inhalt

Ein Journalist und eine Hackerin spüren den düsteren Geheimnissen einer großbürgerlichen schwedischen Familie nach und geraten in einen Sumpf aus Mord und Gewalt, der bis in die Nazi-Zeit zurückreicht. Weniger eine Verfilmung des Kriminalromans von Stieg Larsson als ein filmisch weiter verdichtetes Remake der schwedischen Kinoadaption von Niels Arden Oplev (2009), die dank der konsequenteren und stimmungsvolleren visuellen Umsetzung sowie der klugen Gewichtung der Erzählstränge noch über diese hinausgeht. Eine ebenso spannende wie vielschichtige Reise in die Untiefen der bürgerlichen Gesellschaft.

Quelle: Filmlexikon

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Sie benötigte freilich einen Vorwand, um an seine Tür zu klopfen. Sie hatte ihm kein Weihnachtsgeschenk gegeben, wusste aber, was sie ihm kaufen wollte. In einem Trödelladen hatte sie ein paar alte Reklameschilder aus Blech aus den fünfziger Jahren gefunden, auf denen die Figuren in Halbreliefs hervortraten. Eines der Schilder stellte Elvis Presley dar, die Gitarre auf der Hüfte und daneben eine Sprechblase mit dem Text Heartbreak Hotel. Zwar hatte Lisbeth nicht das geringste Gespür für Inneneinrichtung, aber sogar ihr war klar, dass dieses Schild perfekt in die Hütte in Sandhamn passen würde. Es kostete 780 Kronen, und rein aus Prinzip handelte sie den Preis auf 700 herunter. Sie ließ es sich einpacken, nahm es unter den Arm und spazierte damit zu seiner Wohnung in der Bellmansgata.

Auf der Hornsgata warf sie zufällig einen Blick in die Kaffeebar und sah plötzlich Mikael mit Erika im Schlepptau herauskommen. Er sagte etwas, woraufhin Erika lachte, ihm die Arme um die Taille legte und ihm einen Kuss auf die Wange gab. Sie verschwanden über die Brännkyrkagata in Richtung Bellmansgata. Ihre Körpersprache ließ keinen Zweifel daran, was sie im Sinn hatten.

Der Schmerz war so jäh und brutal, dass Lisbeth innehielt – unfähig auch nur einen einzigen weiteren Schritt zu tun. Ein Teil von ihr wollte ihnen hinterherlaufen. Am liebsten hätte sie das Blechschild genommen, um mit der scharfen Kante Erikas Kopf zu spalten. Sie unternahm gar nichts, während die Gedanken durch ihren Kopf rasten. Konsequenzanalyse. Schließlich beruhigte sie sich wieder.

Salander, du bist so ein peinliches Rindvieh, sagte sie laut zu sich selbst.

Sie drehte sich auf dem Absatz um und ging nach Hause in ihre frisch geputzte Wohnung. Als sie am Zinkensdamm vorbeikam, begann es zu schneien. Den Elvis Presley warf sie in einen Müllcontainer.

Stieg Larsson, „Verblendung“

Rächer der Unterwelt

I hadn’t seen him for a long time, but the minute I laid eyes on him, I knew. He was always looking at me. And it doesn’t sound like very much, but he always carried a handkerchief I’d given him… I hated my life, only I wasn’t strong enough to get away from it. All I could do was dream of some big payoff that would let me quit the whole racket. The Swede was my chance to make my dream come true. If I could only be alone with him for a few hours. But Colfax was always there. I thought it was hopeless. Then suddenly, my chance came…

Kitty Collins (Ava Gardner)

Rächer der Unterwelt

Originaltitel: THE KILLERS, Verweistitel: Die Killer

Kriminalfilm, Literaturverfilmung

Produktionsland: USA
Produktionsjahr: 1947
Produktionsfirma: Universal
Länge: 103 Minuten
FSK: ab 16; nf
Erstauffuehrung: 16.10.1950/5.11.1979 DFF 1/1990 (WA; O.m.d.U.)

Darsteller: Burt Lancaster (Ole, der Schwede), Edmond O’Brien (Jim Reardon), Ava Gardner (Kitty Collins), Sam Levene (Lt. Sam Lubinsky), Albert Dekker (Big Jim Colfax), Virginia Christine (Lilly Lubinsky), Vince Barnett (Charleston); Produzent: Mark Hellinger; Regie: Robert Siodmak; Drehbuch: Anthony Veiller, John Huston; Kamera: Elwood Bredell; Musik: Miklos Rozsa; Schnitt: Arthur Hilton; Vorlage: Ernest Hemingway

Inhalt

Ein Mord bringt einen Versicherungsdetektiv auf die Spur einer Verbrecherbande. Bei der Enthüllung der Vorgeschichte stößt er auf Habgier, Verrat und eine Reihe weiterer Verbrechen. „The Killers“ gilt heute als Klassiker der „Schwarzen Serie“. Burt Lancaster liefert in seiner ersten wichtigen Rolle die beklemmende Studie eines Mannes mit düsterer Vergangenheit, der scheinbar gleichgültig auf seine Mörder wartet. Ernest Hemingways wenige Seiten umfassende Kurzgeschichte diente Don Siegel 1964 für ein formal und inhaltlich völlig eigenständiges „Remake“. (Späterer Kino- und Fernsehtitel: „Die Killer“)

Einordnung und Bewertung

Heinzlmeier, Menningen und Schulz bezeichnen The Killers als „Paradestück der mittleren Phase des Film noir“, Essig gar als „Quintessenz des Film noir“. Werner hebt auf die hohe Stilsicherheit ab, die Siodmak mit diesem Film erzielte; er habe darin „eine erstaunliche Einheitlichkeit von Themen und einem Stil, der Kamera, Schnitt, Dekor, Licht und auch Ton und Musik gleichermaßen virtuos handhabt erreicht.“ Gifford nennt The Killers die „wahrscheinlich beste Kinoversion einer Hemingway-Geschichte“.

Dickos hebt auf die stilistischen Qualitäten des ersten Akts ab und erläutert ihren exemplarischen Wert für den Film noir an sich: „Der cinematographische Code von Licht und Dunkelheit, die Bedrohung, die Gewalt, und eine unbekannte Vergangenheit, vor der einer nicht mehr entkommen kann, und das Gefühl eines unentrinnbaren Verhängnisses, all das steht in den ersten zwölf Minuten des Films geschrieben.“ Steinbauer-Grötsch ergänzt bezüglich der Eröffnungsszenen des Films: „Robert Siodmak setzte in The Killers den visuellen Standard für die folgenden Film noirs: Die Gestalten der beiden Mörder verwandeln sich in schemenhafte schwarze Silhouetten, in mythische Todesboten, die aus dem Nichts erscheinen und nach der Tat wieder verschwinden.“

Bould bezieht sich ebenfalls auf die stilbildenden Eigenschaften von Siodmaks Film und merkt an, er sei „faktisch die Erfindung des Low-Key-Stils im Film noir […] und ein Kompendium von Film-Noir-Plots.“ Grob beurteilt den prägenden Einfluss von The Killers auf die Weltsicht des Film noir: „So dunkel, so schwarz wie in The Killers wurde die Welt nie zuvor gezeichnet – und nur einmal danach: in Touch of Evil, von Orson Welles […] ebenfalls für Universal gedreht.“ Diese radikal-pessimistische Qualität hebt Shadoian ebenfalls hervor: „The Killers führt bis auf den Grund. Es gibt nur noch den Weg nach oben.“

Nachwirkung

Siodmak wurde mit dem Erfolg von The Killers zu einem der angesehensten Regisseure Hollywoods. Hellinger schenkte ihm aus Dankbarkeit für den Erfolg einen 46er-Cadillac; Siodmaks Wochengage bei Universal stieg auf 2.100 Dollar. Er wurde für ein halbes Jahrzehnt zum führenden Hausregisseur von Universal, wie es später Douglas Sirk für die 1950er und Alfred Hitchcock für die 1960er Jahre werden sollten. 1946 deklarierte ihn das Magazin Fame zum Champion of Champions Director, und er wurde selbst für Universal so teuer, dass man ihn des Öfteren für große Summen an andere Studios auslieh.

Siodmak verband in The Killers Elemente der europäischen Filmtradition mit amerikanischen Motiven. Seine Mischung von expressiver Lichtgebung und realistischen Elementen in Verbindung mit einer harten Kriminalgeschichte gilt als stilentwickelnd für den Film noir der späteren Phase. Obwohl Siodmak nie das Recht auf den Final Cut hatte, schuf er sich große autorische Freiheiten, indem er mit unabhängigen Produzenten wie Hellinger zusammenarbeitete und Zwängen entgegentrat, indem er zum Beispiel „in der Kamera“ schnitt, um seiner Arbeit größtmögliche künstlerische Originalität zu wahren. Clarens urteilt: „Der Siodmak-Stil war eine Variante des Europäischen Realismus, die authentisch aussehende Studioarbeit mit echten Drehorten kombinierte, und zwar auf höchst artifizielle Weise aufgenommen.“

Die konsequente Missachtung einer zeitlich linearen Erzählung in The Killers wurde zum Vorbild für viele Neo-Noirs wie etwa Reservoir DogsTraffic oder Memento. Auch Die üblichen Verdächtigen nutzt eine erzählerische Situation wie in The Killers: Der Protagonist wird zu Beginn des Films ermordet und seine Geschichte in Rückblenden aufgerollt. Während Hemingways Kurzgeschichte noch weitere Male als Grundlage für Verfilmungen diente (etwa Andrei Tarkowskis Studentenfilm Ubiizy und Don Siegels Der Tod eines Killers, der die Rückblendenstruktur von The Killers aufnahm, die Geschichte des Opfers jedoch aus der Sicht einer der Mörder erzählte), wurde auch The Killers selbst zitiert und parodiert: Rob Reiner verwendete für Tote tragen keine Karos Material aus Siodmaks Film.

Themen und Motive

Hemingways Kurzgeschichte im Kontext des Films

Hemingways 1927 veröffentlichte Kurzgeschichte Die Killer übte in der stilisierten Gangstersprache ihrer Dialoge rasch Einfluss auf das Medium Film aus. So wurden Anlehnungen an Hemingways Dialoge bereits 1928 als Zwischentitel in dem Stummfilm Gärendes Blut (Walking Back) verwendet. In The Killers entsprechen die ersten zwölf Filmminuten Hemingways Kurzgeschichte. Viele der Dialoge sind exakte Übernahmen aus Die Killer. Während jedoch in der Kurzgeschichte Hemingways Held Nick Adams erstmals zu verantwortungsbewusstem Handeln animiert wird und dadurch eine „Erleuchtung“ erfährt, bleibt er im Film auf die Rolle des ohnmächtigen Statisten beschränkt und dient mit seinem Kurzauftritt allenfalls als Roter Hering. Shadoian analysiert, die literarische Vorlage sei für den Film nur „eine symbolische einführende Geste“, eine „absurde Umrahmung“ einer zynischen Geschichte, der die Sentimentalität Hemingways völlig abgehe. Clarens resümiert, der Film sei näher an William Riley Burnett als an Hemingway, was er dem Drehbuchautor Huston zuschreibt. Hemingway selbst war äußerst zufrieden mit der Verfilmung seiner Geschichte und soll den Film, den er als private Kopie besaß, mehr als 200 Mal gesehen haben.

Weibliche Gier – Die Femme fatale

Kitty Collins entspricht dem im Film noir weit verbreiteten Typus der Femme fatale, die ihre Erotik berechnend zu ihrem Eigennutz einsetzt. Asper erläutert zu den Vamps in Siodmaks Filmen: „Sie verkaufen sich ohne zu zögern an den Meistbietenden, kennen weder Liebe noch Mitleid, ihr Antrieb ist nicht Sex, wie bei den Männern, sondern nur Geld, sie nutzen die Leidenschaft der Männer lediglich für ihre Zwecke aus.“ Kitty personifiziere, wie Greco ausführt, „die Gier und das Böse, das Menschen sich gegenseitig antun können, um sie zu befriedigen.“ Als solches sei sie laut Shadoian „eher ein Symbol als ein Charakter“, eine moderne Circe.

Durch Beleuchtung und Cadrierung verschafft Siodmak der Figur „eine traumartige Sinnlichkeit, die Apotheose einer mythischen Weiblichkeit“, wie Spicer anmerkt. Die Spiegel, die oft in Zusammenhang mit ihr zu sehen sind, signalisierten ihren Narzissmus ebenso wie ihre Doppelzüngigkeit. Krutnik weist zudem darauf hin, dass Kitty in die Handlung eingeführt wird, indem sie ein Lied singt; ein gebräuchliches Stilmittel im Film der 1940er-Jahre. Wie eine Sirene umgarnt sie ihr männliches Opfer und erweckt durch ihren Gesang den Eindruck einer Liebesbedürftigkeit, dem der Mann bedingungslos verfällt und der doch nur kalt kalkulierend eingesetzt wird.

Männliche Schwäche – Der Anti-Held

Elsaesser sieht, neben den Lichtgebungscodes, einen wesentlichen Einfluss des Weimarer Kinos auf den Film noir im Motiv des „ängstliche[n], dem Untergang geweihte[n] Mann[es]“, wie es in Filmen wie Der letzte MannDas Wachsfigurenkabinett oder Nosferatu thematisiert wurde. Die Figur des Schweden entspricht diesem Topos und spiegelt laut Shadoian eine Stimmung der unmittelbaren Nachkriegszeit wider, „das Gefühl […] von Schuld und Unsicherheit“ der aus dem Krieg heimkehrenden Männer. Werner führt aus: „Nahezu alle Personen Siodmaks scheinen besessen zu sein von einem einzigen Charakterzug“; im Falle von Lancasters Figur ist es die Passivität. Er ergibt sich in sein Schicksal, dass seine verhängnisvolle Liebe zu Kitty seinen Tod bedeutet. Werner nennt ihn „die wohl resignierteste Figur des Film noir“. Krutnik kommentiert, der Schwede fühle sich zu Kitty hingezogen, „weil sie sich von der maskulinen Unterklassenwelt unterscheidet, die er kennt, weil sie ein Bild von Luxus und Glamour repräsentiert.“ Da er ihr nie wirklich nahe sein kann, bleibt ihm nur ihr Taschentuch als fetischiertes Objekt einer Sehnsucht nach etwas Unerreichbarem, ähnlich dem Rosebud Charles Foster Kanes in Citizen Kane.

Die Gefühls- und Erlebenswelt des Schweden wird reduziert auf die sexuelle Begierde. Spicer bezeichnet ihn als einen „wollüstigen Masochisten, der sich nach Niederlage und Tod sehnt.“ Jarvie führt aus: “Sexuelle Anziehungskraft wird als starke, sogar dominierende Basis für eine Beziehung angesehen, doch sie verschleiert alle anderen Aspekte der Figuren […], und der Mann muss akzeptieren, dass es sein Schicksal ist, von dieser Frau zerstört zu werden.” In seiner Schwäche ist der Schwede aber keineswegs ein tragischer Charakter: er lässt sich von romantischen Gefühlen leiten, anstatt moralische Prinzipien zu vertreten oder seinen Verstand zu gebrauchen. Das Publikum ist eher dazu geneigt, sich von ihm zu distanzieren. Gifford resümiert: „Der Schwede ist natürlich desillusioniert, aber er ist auch dumm, ein wirklicher Rohling, und es ist unmöglich, mit ihm Mitleid zu empfinden.“

Detektivische Neugier – Der Noir-Held

Die Beziehung von Kitty und dem Schweden wird durch die Figur des Ermittlers Reardon zu einem Dreiecksverhältnis ergänzt. Dessen Nachforschungen sind, so Bould, „eine männliche Untersuchung der Geheimnisse eines Mannes, was (dem Film) einen homoerotischen Kitzel verleiht“. So wie der Schwede auf seine Passivität und Kitty auf ihre Gier reduziert werden, ist Reardons einziger Antrieb seine Neugier. Er unterscheidet sich in seiner professionellen, Gefühlen nicht nachgebenden Arbeitsweise von anderen Detektiven des Film noir, etwa Figuren wie Sam Spade oder Philip Marlowe, die hinter einer zynischen Maske ihre in Wirklichkeit edlen und moralisch hochstehenden Motive verbergen oder in entscheidenden Momenten ihren Gefühlen folgen. Shadoian führt aus: „Reardon ist kein Ödipus. Er ist ein Versicherungsmensch aus Newark, New Jersey, einer Stadt, die geografisch und spirituell weit von Theben entfernt ist. […] The Killers demonstriert keine […] universelle Gerechtigkeit, er demonstriert gar nichts. Er ruht sich auf dem Standpunkt aus, dass es keine Handlungsmöglichkeiten gibt.“ Reardon „lernt nichts und fühlt nichts außer seinen eigenen Neugier. […]. Er ist ein Held ohne heroische Qualifikation“ und somit der „Prototyp des echten Noir-Helden.“

Kriminalität

Clarens konstatiert, die Auslegung des Films als Caper-Movie entspreche der Stimmung der Nachkriegszeit. Die Zuschauer reflektierten ihre eigenen Kriegserfahrungen in der filmischen Repräsentation von Männern, die gemeinsam an einem Ziel arbeiten, wobei jeder seine individuellen Fähigkeiten einsetzt. Er merkt an: „Der Raubüberfall war die Verfeinerung einer Kriegsgeschichte zu Friedenszeiten, indem man die Dynamik beibehielt, aber wehende Fahnen und Kriegsrhetorik durch das Verbrechen ersetzte.“ Ebenso wie der Krieg zeige die Kriminalität, wie leicht moralische Grenzen zu überschreiten seien und dass Zivilisten entbehrliche Opfer seien. Greco sieht in The Killers den Prototyp des „How-To-Gangsterfilms“, in dem die Gedankengänge und Planungen der Gangster im Einzelnen nachvollziehbar dargestellt werden; ein Trend, der in Filmen wie Gangster in Key Largo (1948) seine Fortsetzung finden sollte.

Siodmak richtet sein Hauptaugenmerk aber nicht auf die Kriminalhandlung und die technischen Einzelheiten des Verbrechens, sondern auf die Beziehungen der Protagonisten zueinander, durch die verbrecherischer Akt und Mord erst in Gang gesetzt werden. Wie bei Hitchcock sei in The Killers „die Verbrechenserzählung nur ein Vehikel, um zu weit tieferen Schichten zu gelangen“, wie Prümm anmerkt. Clarens sieht die Vernachlässigung der Kriminalgeschichte in der Art und Weise bestätigt, wie Siodmak den Raubüberfall inszeniert, nämlich aus einem „olympischen Standpunkt“ heraus, der „die harten Tatsachen des Verbrechens zu verachten scheint“. Durch diese, so Shadoian, „gottartige Objektivität“ erscheine die ganze Episode „unendlich klein, unwirklich, unwichtig, das Fragment eines Traums“. Prümm merkt an, die Szene stehe als „geschlossenes Aktionsbild“ in Lumierescher Tradition, indem Vorgang und kinematographische Repräsentation eine Einheit bildeten; ein scharfer Kontrast zu den konfus-zerrissenen Erinnerungsbildern, die der Film sonst in den Vordergrund rückt und somit ein Ausschluss aus der Haupthandlung.

Fatalismus und Nihilismus

Für Shadoian ist The Killers „ein ungewöhnlich komplizierter Film, und alle seine Komplikationen sind bedeutungslos, eine geschäftige Maskerade eines Lebens, hinter dem unendliche Verzweiflung liegt.“ Shadoian beantwortet die Kernfrage des Films, warum der Schwede sterben musste, so: „Der Film sagt, er starb für nichts.“ Der Film schaffe ein narratives „Muster der Bedeutungslosigkeit“, da von Anfang an feststeht und dem Zuschauer immer wieder ins Gedächtnis gerufen wird, dass der Schwede tot ist. Dem Zuschauer bleibt ein Happy End verwehrt, und selbst der Ermittlungserfolg des Detektivs wird durch die letzte Szene in zynischer Weise marginalisiert.

Asper kommentiert die zutiefst pessimistische Weltsicht in Siodmaks Kriminalfilmen: „In Siodmaks Gangsterdramen […] gibt es überhaupt keine Happy Ends […], sie enden in einem Gemetzel, dem nahezu alle Protagonisten zum Opfer fallen, und auch die Überlebenden haben keinerlei Chance mehr. […]. Es gibt keine positiven Charaktere, jede zwischenmenschliche Beziehung ist zerstört […]. Gefühle wie Liebe und Mitleid erscheinen vollständig korrumpiert, in Siodmaks Welt gibt es […] keine Humanität und auch keine utopischen Glücksvorstellungen, seine Film noirs enden in einem völligen Nihilismus.“

Quelle: Filmlexikon und wikipedia

Frau ohne Gewissen

It was a hot afternoon, and I can still remember the smell of honeysuckle all along that street. How could I have known that murder can sometimes smell like honeysuckle?

Walter Neff (Fred MacMurray)

Eine zu sämtlichen Schandtaten bereite Femme Fatale sowie ein zum Mordkomplizen mutierender Durchschnittstyp: Ein derartiges Personal war zum einen im Vergleich zum damaligen Mainstreamkino Hollywoods mehr als ungewöhnlich. Eine besondere Stellung besitzt diese Charakterprägung der Hauptfiguren aber auch im Zusammenhang mit der Stilrichtung der Filmgeschichte, die später als Film Noir bezeichnet worden ist. Nämlich deshalb, weil die Protagonisten samt und sonders unmoralisch handeln, das Publikum aber trotzdem eine gewisse Sympathie für sie aufbringen kann. Insofern gilt Frau ohne Gewissen heute als herausragendes Exemplar des Film Noir. Wesentlich dazu beigetragen hat Barbara Stanwyck, deren Verkörperung einer mit krimineller Energie und beträchtlichen manipulativen Fähigkeiten ausgerüsteten Verführerin das Rollenschema der Femme fatale entscheidend geprägt hat.

Quelle: wikipedia

Murder is never perfect. It always comes apart sooner or later. When two people are involved, it’s usually sooner. Now we know the Dietrichson dame is in it and the somebody else. Pretty soon, we’ll know who that somebody else is. He’ll show. He’s got to show. Sometime, somewhere, they’ve got to meet. Their emotions are all kicked up. Whether it’s love or hate, it doesn’t matter. They can’t keep away from each other.

Barton Keyes (Edward G. Robinson)

Frau ohne Gewissen

Originaltitel: DOUBLE INDEMNITY, Verweistitel: Double Indemnity

Kriminalfilm, Literaturverfilmung

Produktionsland: USA
Produktionsjahr: 1944
Produktionsfirma: Paramount
Länge: 108 Minuten
FSK: ab 16; nf
Erstauffuehrung: 6.6.1950 (WA 1989)/2.1.1967 ZDF/9.8.1980 DFF 1

Darsteller: Barbara Stanwyck (Phyllis Dietrichson), Fred MacMurray (Walter Neff), Edward G. Robinson (Barton Keyes), Tom Powers (Mr. Dietrichson), Porter Hall (Mr. Jackson), Jean Heather (Lola Dietrichson); Produzent: Joseph Sistrom; Regie: Billy Wilder; Drehbuch: Billy Wilder, Raymond Chandler; Kamera: John Seitz; Musik: Miklos Rozsa; Schnitt: Doane Harrison; Vorlage: James M. Cain

Quelle: Filmlexikon

Mehr zum Film gibt es hier

Chinatown

Chinatown gilt als gelungener, moderner Film noir, in dem es Towne (und Polański) gelingt, die klassische Rolle des private eye in der Tradition von Hammett und Chandler realistisch weiterzuführen. Die Rahmenhandlung dieser Geschichte um sexcrime und Politik geht zurück auf Ereignisse, die sich in den ersten Jahrzehnten des zwanzigsten Jahrhunderts im Verlauf der sogenannten California Water Wars (en) tatsächlich zugetragen haben. Der kalifornische Wasserbauingenieur William Mulholland gilt als Vorbild für die Figur des Noah Cross. Jack Nicholson, Robert Towne und Produzent Robert Evans haben diese Geschehnisse mit dem innerfamiliären Drama und der typischen Film-noir-Atmosphäre von Misstrauen und moralischer Desorientierung verarbeitet. Das von Towne verfasste Drehbuch wird oft als Musterbeispiel für die gelungene Entwicklung einer Filmhandlung hervorgehoben. Das Drehbuch erhielt 1975 einen Oscar sowie noch weitere Auszeichnungen. Towne hatte für den Film allerdings ein Happy-End vorgesehen. Das Ende des Films wurde von Polański durchgesetzt, der auch später noch davon überzeugt war, dass erst dieses tragische Finale den Film zu einem Klassiker gemacht hat.

Faye Dunaways Rolle als Evelyn Mulwray steht, ebenso wie die des private eye (Privatdetektiv) Jake Gittes, in der Tradition des Film noir. Sie ist die ominöse Dame mit einem Auftrag, die mit dem Fortgang der Geschichte immer geheimnisvoller wird und nicht einzuschätzen ist. Als Figur zwar kultiviert, wechselt sie im Film immer wieder ihr Gesicht. Zwischendurch entpuppt sie sich als veritable „Gangsterbraut“, als sie mit Gittes auf dem Beifahrersitz routiniert einigen schießenden Verfolgern entwischt. Letzten Endes stirbt sie sogar im Auto durch Schüsse, ein ähnliches Ende wie das jener Bonnie Parker, die sie einige Jahre zuvor in Bonnie und Clyde gespielt hatte, dessen Drehbuch unter Beteiligung von Robert Towne zustande kam.

In der Ikonographie des Film noir erscheint die Rolle der Mrs. Mulwray vom Aussehen und ihrer Wirkung auf Gittes her zunächst als klassische Femme fatale, im Laufe der Geschichte entpuppt sie sich aber als ein anderer Frauentypus der Film-noir-Bewegung: das bad good girl. Ihre Handlungen offenbaren sich letzten Endes als geleitet von dem Wunsch, ihre Tochter zu schützen, ihre Lügen Gittes und anderen gegenüber dienten also einem guten Zweck.

Chinatown

Originaltitel: CHINATOWN

Detektivfilm, Kriminalfilm

Produktionsland: USA
Produktionsjahr: 1974
Produktionsfirma: Long Road
Länge: 131 Minuten
FSK: ab 16; f
Erstauffuehrung: 19.12.1974/26.11.1976 Kino DDR/25.12.1989 DFF 1/5.10.2000 DVD
DVD-Anbieter: Paramount (16:9, 2.35:1, DD5.1 engl., Mono dt.)

Darsteller: Jack Nicholson (J.J. Gittes), Faye Dunaway (Evelyn Mulwray), John Huston (Noah Cross), Darrell Zwerling (Hollis Mulwray), John Hillerman (Yelburton), Roman Polanski (Mann mit Messer), Perry Lopez (Escobar), Diane Ladd (Ida Sessions), Roy Jenson (Mulvihill); Produzent: Robert Evans; Regie: Roman Polanski; Drehbuch: Robert Towne; Kamera: John A. Alonzo; Musik: Jerry Goldsmith; Schnitt: Sam O’Steen

Auszeichnungen

Oscar (1975, Bestes Originaldrehbuch – Robert Towne)

Inhalt

Die auf mehreren Ebenen entwickelte Darstellung einer kalifornischen Korruptionsaffäre bei der Planung eines großen Staudammes, deren gesellschaftliche und private Dimensionen durch die Nachforschungen eines Privatdetektivs ans Tageslicht kommen. An Raymond Chandlers Kriminalromanen orientiert, in Stil und realitätsbezogener Darstellung jedoch weit darüber hinausgehende Auseinandersetzung mit der amerikanischen Wirklichkeit nicht nur der 30er Jahre. Zugleich ein Einblick in die psychologische Befindlichkeit einer durch und durch maroden Gesellschaft.

Der Titel des Films bezieht sich zwar vordergründig auf das reale Viertel Chinatown in Los Angeles, in dem der Film endet. Vor allem aber taucht der Begriff den ganzen Film hindurch immer wieder als Chiffre auf. Einerseits für die unheilvolle Vergangenheit Jakes, der schon einmal eine Frau in Chinatown verloren hat. Andererseits als Bedrohung der Zukunft von Jake und Evelyn, als Metapher für einen ungerechten, symbolischen Ort, als der sich das Viertel am Ende des Films tatsächlich entpuppt. Für Jake schließt sich hier ein Kreis. Interessant ist, dass die Chinesen im Film keineswegs in die korrupten Machenschaften verstrickt sind, sondern eher als Helfer Mrs. Mulwrays agieren.

Quellen: wikipedia und Filmlexikon

Miami Vice

Das Remake auf der Höhe der Zeit:

Miami Vice

Originaltitel: MIAMI VICE

Polizeifilm, Thriller

Produktionsland: USA
Produktionsjahr: 2006
Produktionsfirma: Universal Pic./Forward Pass/Michael Mann Prod.
Länge: 132 Minuten
FSK: ab 16; f
Erstauffuehrung: 24.8.2006/29.12.2006 DVD/23.11.2008 RTL
DVD-Anbieter: Universal (16:9, 2.35:1, DD5.1 engl./dt.)

Darsteller: Colin Farrell (Sonny Crockett), Jamie Foxx (Ricardo Tubbs), Gong Li (Isabella), Naomie Harris (Trudy Joplin), Luis Tosar (Arcángel de Jesús Montoya), John Ortiz (Jose Yero), Chris Astoyan (Agent Perry), Domenick Lombardozzi (Det. Stan Switek), Justin Theroux (Det. Larry Zito), Ciarán Hinds (FBI Agent Fujima); Produzent: Michael Mann, Pieter Jan Brugge, Bryan H. Carroll, Gusmano Cesaretti, Michael Waxman; Regie: Michael Mann; Drehbuch: Michael Mann; Kamera: Dion Beebe; Musik: Klaus Badelt, John Murphy, Organized Noise; Schnitt: William Goldenberg, Paul Rubell; Vorlage: Anthony Yerkovich

Quelle: Filmlexikon

Schon in Collateral setzte die digitale Kamera Tom Cruise in einer derart unheimlichen Art und Weise in Szene, dass an der irdischen Natur des exzentrischen Superstars fortan mehr denn je gezweifelt werden durfte. Miami Vice geht den eingeschlagenen Weg konsequent weiter. Colin Farrell definiert die Figur Sonny Crockett fast ausschließlich über ihre Physis und ihre Kleidung, auch Manns neuer Lieblingsschauspieler Jamie Foxx, der in Filmen wie Ray (2004) dem Schauspielideal der Generation Pacino / De Niro noch mehr zu entsprechen schien, hat seine stärksten Momente in Augenblicken der extremsten körperlichen Belastungen und Erregungen. Die beiden nominellen Hauptfiguren werden jedoch von Gong Li in ihrem zweiten großen Hollywoodfilm nach Die Geisha (Memoirs of a Geisha, 2005) mühelos in den Schatten gestellt. Die inzwischen 41jährige chinesische Schauspiellegende (u.a. Rotes KornfeldHong gao liang, 1987; Ju Dou, 1990) versteckt ihr Alter nicht vor der Kamera und gewinnt gerade dadurch im Laufe des Films eine unglaublich sinnliche Präsenz, die Miami Vice einige seiner großartigsten Momente beschert.

Gong Lis Figur Isabella ist das „Good Bad Girl“ und Sonny Crocketts Love Interest in einem effektiven, an den Film Noir der vierziger Jahre angelehnten Drehbuch, welches von Michael Mann selbst verfasst wurde. Insgesamt ist Miami Vice, zumindest während den ersten beiden Dritteln der Laufzeit, mehr Melodrama als Copthriller oder Gangsterfilm. Die Gefahr geht – wie in den Klassikern der schwarzen Serie – von der Frau aus, nicht von den Verlockungen des Geldes. Im intensiven letzten Drittel des Films entladen sich die Spannungen zwischen den Figuren in einem extatischen Finale.

Michael Mann beschreibt seine Faszination für die Arbeit mit der digitalen Kamera mit folgenden Worten: „… to feel how the light hits the water and these people… to feel how saturated and vivid everything you’re looking at becomes.“ Der Experimentalfilmer Kenneth Anger sagte einst über seine Arbeiten: „I’m an artist working in light.“ Michael Mann ist der größte Lichtkünstler in Hollywood. Mit Miami Vice ist er der Perfektion erstaunlich nahe gekommen.

Quelle: critic.de

Apollo 13

Als „erfolgreicher Fehlschlag“ ging die Apollo-13-Mission in die Geschichte der amerikanischen Raumfahrt ein. Ein Fehlschlag, weil 55 Stunden und 54 Minuten nach dem Start, über 300.000 km von der Erde entfernt und kurz nachdem der im Tank befindliche Ventilator in Betrieb genommen worden war, einer der beiden Sauerstofftanks im Servicemodul der „Odyssey“ explodierte. Kapselpilot Swigert meldete über Funk: „Hey, ich glaube, wir haben da gerade ein Problem gehabt.“ Astronaut Jack Lousma, der zu dieser Zeit im Kontrollzentrum in Houston die Funkverbindung zur Besatzung hielt, fragte nach: „Könntet ihr das bitte wiederholen?“. Daraufhin meldete sich Kommandant Lovell: „Houston, wir haben ein Problem gehabt.“

“Houston, we’ve had a problem.”

Da eine direkte Umkehr wegen des unbekannten Zustandes des Haupttriebwerks ausgeschlossen wurde, musste eine Mondumfliegung unter Ausnutzung des Gravitationsfeldes vollzogen werden (Swing-by-Manöver). Dazu wurde der Kurs durch eine kurze Brennphase des Landetriebwerks der Mondfähre leicht geändert, so dass die Flugbahn nach der Mondumfliegung wieder zurück zur Erde führte (ohne die Korrektur hätte sich das Raumschiff der Erde nur bis auf ca. 60.000 km genähert). Die Mondlandefähre „Aquarius“ spielte dabei die Rolle des „Rettungsboots“, das die Besatzung versorgen musste, nachdem ein Überleben im havarierten Kommando-/Servicemodul „Odyssey“ nicht mehr möglich war.

Mehr als ein Blick auf den Sehnsuchtstrabanten durch die Scheiben der zum Rettungsboot umfunktionierten Mondlandefähre war den Astronauten also nicht vergönnt:

Apollo 13

Originaltitel: APOLLO 13

Biografie, Drama, Literaturverfilmung

Produktionsland: USA
Produktionsjahr: 1994
Produktionsfirma: Universal
Länge: 140 Minuten
FSK: ab 6; f
Erstauffuehrung: 19.10.1995/26.9.1996 Video/2.9.1997 DF1/1.9.1999 DVD (Columbia)/2.12.2004 DVD (Universal)/27.5.2010
DVD-Anbieter: Standard: Universal (16:9, 2.35:1, DD5.1 engl./ DS dt.)

Darsteller: Tom Hanks (Jim Lovell), Bill Paxton (Fred Haise), Kevin Bacon (Jack Swigert), Gary Sinise (Ken Mattingly), Ed Harris (Gene Kranz), Kathleen Quinlan (Marilyn Lovell); Produzent: Brian Grazer; Regie: Ron Howard; Drehbuch: William Broyles jr., Al Reinert; Kamera: Dean Cundey; Musik: James Horner; Schnitt: Michael Hill, Daniel Hanley; Vorlage: Jeffrey Kluger, Jim Lovell

Auszeichnungen

Oscar (1996, Bester Schnitt), Oscar (1996, Bester Schnitt – Daniel Hanley), Oscar (1996, Bester Ton), Oscar (1996, Bester Ton), Oscar (1996, Bester Ton), Oscar (1996, Bester Ton)

Inhalt

Eine filmische Rekonstruktion der beinahe tödlich endenden Mission des Raumfahrt-Projekts Apollo 13″ im Jahr 1970. Ohne allzu viel Beiwerk als technisch brillante Pseudo-Dokumentation in Szene gesetzt. Frappierende Simulationen der tatsächlichen Ereignisse münden in eine triumphale Akklamation menschlichen Erfindungsgeistes und technischen Fortschritts…“

Am Ende rückt sich der Flight Director Gene Kranz seine Krawatte zurecht: Failure has never been an option.

Quelle: wikipedia und Filmlexikon

Ein einsamer Ort

„Ein spannender Film Noir, der sich um die Frage nach Wahrheit und Vertrauen dreht. Humphrey Bogart als ambivalenter Charakter und Gloria Grahame als leidenschaftliche Femme Fatale transportieren das komplexe Netz aus Emotionen, Zweifel und Lügen und bringen den Zuschauer dazu sich selbst zu fragen: Ist Dix wirklich der, den wir glauben zu kennen?“

Ein einsamer Ort

Originaltitel: IN A LONELY PLACE

Literaturverfilmung

Produktionsland: USA
Produktionsjahr: 1949
Produktionsfirma: Santana/Columbia
Länge: 94 Minuten
FSK: 
Erstauffuehrung: September 1989

Darsteller: Humphrey Bogart (Dixon Steele), Gloria Grahame (Laurel Gray), Frank Lovejoy (Brub Nicolai), Carl Benton Reid (Captain Lochner), Art Smith (Mel Lippman), Jeff Donnell (Sylvia Nicolai), Martha Stewart (Mildred Atkinson); Produzent: Robert Lord, Henry S. Kesler; Regie: Nicholas Ray; Drehbuch: Andrew Solt, Edmund H. North; Kamera: Burnett Guffey; Musik: George Antheil; Schnitt: Viola Lawrence; Vorlage: Dorothy B. Hughes

Quellen: arte und Filmlexikon

WALL·E – Der Letzte räumt die Erde auf

I’m not that much into animated films, wie die Angloamerikaner sagen, aber WALL·E räumte mit jedem etwaigen Vorurteil von der ersten Minute an auf und eroberte mein Herz im Sturm:

WALL·E – Der Letzte räumt die Erde auf

Originaltitel: WALL·E, Verweistitel: Wall-E – Der Letzte räumt die Erde auf

Komödie, Science-Fiction-Film, Trickfilm

Produktionsland: USA
Produktionsjahr: 2008
Produktionsfirma: Pixar Animation Studios/Walt Disney Pic.
Länge: 98 Minuten
FSK: o.A.; f
Erstauffuehrung: 25.9.2008/5.2.2009 DVD & BD/4.6.2011 SF 2/DRS
DVD-Anbieter: Walt Disney (16:9, 2.35:1, DD6.1 engl./dt.)

Produzent: Jim Morris, Lindsey Collins; Regie: Andrew Stanton; Drehbuch: Andrew Stanton, Jim Reardon; Musik: Thomas Newman; Schnitt: Stephen Schaffer

Inhalt

Auf der Erde ist seit 700 Jahren alles organische Leben weitgehend erloschen; nur ein beseelter Müllroboter sorgt unverdrossen für Ordnung. Als eine von menschlichen Kolonien entsandte Hightech-Drohne auf der Erde nach Leben suchen soll, glaubt der einsame Arbeiter, dass sich sein Traum von Zweisamkeit doch noch erfüllt. Mit dem Fund pflanzlichen Lebens aber droht die zaghafte Freundschaft der Roboter zu enden. Ein mitreißender, formal wie inhaltlich radikaler Animationsfilm, der in der ersten Hälfte sein bezauberndes audiovisuelles Abenteuer nahezu ohne (menschliche) Dialoge entwirft. In der zweiten Hälfte fokussiert er nicht weniger begeisternd auf Action, Spannung und seine ökologische Botschaft.

Quelle: Filmlexikon

Lost in Translation

Lost in Translation

Originaltitel: LOST IN TRANSLATION, Verweistitel: Lost in Translation – Zwischen den Welten

Drama

Produktionsland: USA/Japan
Produktionsjahr: 2003
Produktionsfirma: American Zoetrope/Elemental Films/Tohokashinsha Film Company
Länge: 102 Minuten
FSK: ab 6; f
Erstauffuehrung: 8.1.2004/24.6.2004 Video & DVD
DVD-Anbieter: Highlight Video (16:9, 1.85:1, DD5.1 engl./dt.)

Darsteller: Scarlett Johansson (Charlotte), Bill Murray (Bob Harris), Akiko Takeshita (Miss Kawasaki), Kazuyoshi Minamimagoe (Presseagent), Kazuko Shibata (Presseagent), Take (Presseagent), Giovanni Ribisi (John), Ryuichiro Baba (Concierge); Produzent: Sofia Coppola, Ross Katz, Stephen Schible; Regie: Sofia Coppola; Drehbuch: Sofia Coppola; Kamera: Lance Acord; Musik: Brian Reitzell, Kevin Shields, William Storkson (zusätzliche Musik); Schnitt: Sarah Flack

Auszeichnungen

Oscar (2004, Bestes Originaldrehbuch – Sofia Coppola)

Inhalt

In einer gesichtslosen Hotelbar in Tokyo begegnen sich ein in die Jahre gekommener amerikanischer Schauspieler und die gelangweilte junge Frau eines Fotografen: zwei Jet-Set-Gestrandete, die ihres Lebens überdrüssig sind. Leise Tragikomödie über Gleichgültigkeit und die Flüchtigkeit des Daseins; ein nuanciertes Kammerspiel, das nicht nur in der verhaltenen Annäherung seiner Protagonisten eine feine Mitte wahrt, sondern auch den fremden Spiegel des zeitgenössischen Japan als irreal-verträumten und zugleich tief emotionalen Widerschein einer metaphysischen Verlorenheit nutzt.

Quelle: Filmlexikon

Was Bob Harris Charlotte am Ende ins Ohr flüstert, bleibt der Phantasie des geneigten Zuschauers überlassen. Auf jeden Fall etwas Schönes…

 

Revolutionary Road

Zeiten des Aufruhrs

Originaltitel: REVOLUTIONARY ROAD

Drama, Literaturverfilmung

Produktionsland: USA/Großbritannien
Produktionsjahr: 2008
Produktionsfirma: DreamWorks Pic./Evamere Ent./Goldcrest Pic./Neal Street Prod./BBC Films/Scott Rudin Prod.
Länge: 119 Minuten
FSK: ab 12; f
Erstauffuehrung: 15.1.2009/4.6.2009 DVD & BD
DVD-Anbieter: Paramount (16:9, 2.35:1, DD5.1 engl./dt.)

Darsteller: Leonardo DiCaprio (Frank Wheeler), Kate Winslet (April Wheeler), Kathy Bates (Mrs. Helen Givings), Ryan Simpkins (Jennifer Wheeler), Ty Simpkins (Michael Wheeler); Produzent: Bobby Cohen, John Hart, Sam Mendes, Scott Rudin, Gina Amoroso; Regie: Sam Mendes; Drehbuch: Justin Haythe; Kamera: Roger Deakins; Musik: Thomas Newman; Schnitt: Tariq Anwar; Vorlage: Richard Yates

Der vermeintliche Tanz in eine Bilderbuchbeziehung währt nur wenige Minuten. Die hoffnungslose Leere, der sich die Wheelers, Frank und April, im weiteren Verlauf des Films zu entziehen suchen, schwingt auch hier schon mit. Von Leere sprechen zwar viele heutzutage, aber hoffnungslose Leere … – wow! John, der Sohn eines befreundeten Ehepaares, weiß, wovon die beiden reden. Er lebt in einer Anstalt und hat über dreißig Elektroschocks hinter sich, die zwar die Mathematik aus seinem Kopf vertreiben konnten nicht aber die fehlende Fähigkeit, sich dem Leben anzupassen. Er versteht als einziger, was mit den Wheelers vor sich geht, als der Versuch, sich aus den ungeliebten Lebensumständen zu befreien, scheitert und in völlige Selbstzerstörung mündet…

Du gehst nicht allein

Ein beeindruckender und zu Herzen gehender Film über den Werdegang der Autistin Dr. Temple Grandin, Tierwissenschaftlerin und führende Beraterin von Schlachtunternehmen sowie Dozentin an der Colorado State University in den USA. Sie ist die Erfinderin der sogenannten „Hug machine“.

Du gehst nicht allein

Originaltitel: TEMPLE GRANDIN

Produktionsland: USA
Produktionsjahr: 2010
Produktionsfirma: HBO/Ruby Films/Gerson Saines Prod.
Länge: 104 Minuten
Erstauffuehrung: 23.12.2011 arte

Darsteller: Claire Danes (Temple Grandin), Julia Ormond (Eustacia, Temples Mutter), Catherine O’Hara (Ann, Temples Tante), David Strathaim (Dr. Carlock, Temples Lehrer); Produzent: Scott Ferguson; Regie: Mick Jackson; Drehbuch: Christopher Monger, William Merrit Johnson; Kamera: Ivan Strasburg; Musik: Alex Wurman; Schnitt: Leo Trombetta

Quelle: Filmlexikon

Mehr zum Film gibt es hier

Manhatta

Ein Stummfilmportrait über New York von Charles Sheeler und Paul Strand aus dem Jahr 1921:

The title cards show quotes from Walt Whitman’s „Leaves of Grass“.The film spans an imaginary day in the life of New York City, beginning with footage of Staten Island ferry commuters and culminating with the sun setting over the Hudson River. It has been described as the first avant-garde film made in America. Its many brief shots and dramatic camera angles emphasize New York’s photographic nature.

Zu sehen bei Metmuseum oder YouTube

Warte, bis es dunkel ist

Für meinen Geschmack lässt sich die blinde Susy alias Audrey Hepburn in einigen Szenen von ihrem sehenden Ehemann nur allzu bereitwillig dressieren. Insofern kann der Film sein Produktionsjahr nicht verleugnen. Ansonsten: Ein echter Thriller mit Gruselfaktor!

Warte, bis es dunkel ist

Originaltitel: WAIT UNTIL DARK

Literaturverfilmung, Thriller

Produktionsland: USA
Produktionsjahr: 1967
Produktionsfirma: Warner/Seven Arts
Länge: 107 Minuten
FSK: ab 18; nf
Erstauffuehrung: 25.1.1968/28.5.1988 DFF 1

Darsteller: Audrey Hepburn (Susy Hendrix), Alan Arkin (Roat), Richard Crenna (Mike Talman), Efrem Zimbalist jr. (Sam Hendrix), Jack Weston (Carlino); Produzent: Mel Ferrer; Regie: Terence Young; Drehbuch: Robert Carrington, Jane Howard-Carrington; Kamera: Charles B. Lang; Musik: Henry Mancini; Schnitt: Gene Milford; Vorlage: Frederick Knott

Smoke

Der Verkäufer eines Tabakwarenladens in Brooklyn ist Dreh- und Angelpunkt einer Vielzahl von Geschichten über Freundschaften, Güte und solidarisches Handeln. Keine große Filmerzählung, sondern wundervoll gereihte Miniaturen, die sich in einem entspannten Rhythmus zur Einheit fügen. Das fabelhafte Buch, die kongeniale Inszenierung und die exzellenten Darsteller lassen den zauberhaften Film zu einem selten gewordenen Erlebnis werden, das lange nachhallt.

Kinotipp der katholischen Filmkritik; vgl. auch „Blue in the Face“

Smoke

Originaltitel: SMOKE, Verweistitel: Smoke – Raucher unter sich

Drama, Literaturverfilmung

Produktionsland: USA
Produktionsjahr: 1994
Produktionsfirma: Miramax
Länge: 112 Minuten
FSK: ab 12; f
Erstaufführung: 19.10.1995/27.3.1996 Video/11.6.1999 DVD
DVD-Anbieter: Kinowelt (16:9, 1.66:1, DS engl./dt.)

Darsteller: Harvey Keitel (Auggie Wren), William Hurt (Paul Benjamin), Harold Perrineau (Rashid Cole), Forest Whitaker(Cyrus Cole), Stockard Channing (Ruby McNutt), Victor Argo; Produzent: Greg Johnson, Peter Newman, Hisami Kuroiwa, Kenzo Horikoshi; Regie: Wayne Wang, Paul Auster; Drehbuch: Paul Auster; Kamera: Adam Holender; Musik: Rachel Portman; Schnitt: Maysie Hoy; Vorlage: Paul Auster

Auszeichnungen

Berlin (1995, Spezialpreis der Jury (Silberner Bär) – Wayne Wang), Berlin (1995, Spezialpreis der Jury (Silberner Bär) – Paul Auster)

Quelle: Filmlexikon

Der Manchurian Kandidat

Der Manchurian Kandidat

Originaltitel: THE MANCHURIAN CANDIDATE

Politthriller

Produktionsland: USA
Produktionsjahr: 2004
Produktionsfirma: Paramount/Clinico Estetico
Länge: 129 Minuten
FSK: ab 12; f
Erstauffuehrung: 11.11.2004/31.3.2005 DVD
DVD-Anbieter: Paramount (16:9, 1.85:1, DD5.1 engl./dt.)

Darsteller: Denzel Washington (Marco Bennett), Meryl Streep (Eleanor Prentiss Shaw), Liev Schreiber (Raymond Shaw), Jon Voight (Thomas Jordan), Kimberly Elise (Rosie), Jeffrey Wright (Al Melvin), Ted Levine (Colonel Howard), Bruno Ganz (Rochard Delp), Simon McBurney (Dr. Atticus Noyle), Vera Farmiga (Jocelyn Thomas), Robyn Hitchcock (Laurent Tokar), Miguel Ferrer (Colonel Garret), Dean Stockwell (Mark Whiting); Produzent: Scott Rudin, Tina Sinatra, Ilona Herzberg, Jonathan Demme; Regie: Jonathan Demme; Drehbuch: Daniel Pyne, Dean Georgaris; Kamera: Tak Fujimoto; Musik: Rachel Portman, Wyclef Jean; Schnitt: Carol Littleton, Craig McKay; Vorlage: George Axelrod, Richard Condon

Jonathan Demme, dessen Name seit Das Schweigen der Lämmer“ (fd 28 838) unauslöschlich mit dem Genre des psychologischen Thrillers verbunden ist, versucht sich innerhalb weniger Jahre zum zweiten Mal an der Wiederverfilmung eines der großen Stoffe dieser Gattung… Dieser neue „Manchurian Candidate“ ist ein Beispiel dafür, dass man einen Regisseur, der auch in kompromisslerischen Filmen wie „Philadelphia“ und „Menschenkind“ stets als Verfechter gesellschaftlicher Idealvorstellungen erkennbar blieb, nicht unterschätzen sollte. Frankenheimers Film erschien seinen Produzenten 1962 so hautnah an der politischen Realität orientiert, dass sie ihn nach dem Attentat auf Präsident Kennedy aus den amerikanischen Kinos verbannten; und auch Demmes Neuverfilmung hat aufgrund ihrer politischen Interpretierbarkeit die Verantwortlichen von Paramount bereits zu argumentativen Klimmzügen veranlasst, um die offensichtlichen Analogien der Handlung zu jüngsten Ereignissen herunterzuspielen.Was einst die Kommunisten waren, sind jetzt die Drahtzieher eines Kartells, die bei der Aufstellung der Kandidaten für die nächste amerikanische Präsidentschaftswahl nicht mehr das Gemeinwohl im Auge haben, sondern ausschließlich die Interessen des mächtigen Industriekonzerns. Manchurian Global, wie sich der unschwer am Vorbild von Halliburton ausgerichtete Wirtschaftsgigant nennt, steht unmittelbar vor dem letzten Schritt zur ungehinderten Machtergreifung: der Bestallung des ersten Präsidenten der Vereinigten Staaten, der nicht mehr dem Gesetz, sondern dem Diktat der Wirtschaft gehorcht… „Der Manchurian Kandidat“ ist auch in der Neufassung ein Thriller, der dem Gesetz des Genres folgend, immer neue Verdachtsmomente und Irritationen aneinander reiht. Dabei hält er die Spannung auf Hochtouren, wie es schon Frankenheimers Film getan hat. Wenn es darum geht, Logik gegen Effekt abzuwägen, dann bleibt manchmal – besonders am Ende – die Nachvollziehbarkeit der Geschehnisse auf der Strecke. Frankenheimer vermochte die Schwächen der Drehbuchkonstruktion durch fulminante Darstellerleistungen von Lawrence Harvey, Frank Sinatra und Angela Lansbury zu überspielen; Demme bietet auch in dieser Hinsicht, dem alten Film pari: Liev Schreiber, Denzel Washington und Meryl Streep sind von bezwingender Überzeugungskraft. Zwar können die implantierten Mikrochips die altmodische, aber auch heute noch schaudererregende Gehirnwäsche an Wirkung auf den Zuschauer nicht übertreffen, und es gibt auch keine Szene, die der ingeniösen Exposition des Frankenheimer-Films das Wasser reichen könnte. Doch je länger dieser neue „Manchurian Candidate“ dauert, umso weniger kann man umhin, die Umsetzung des alten Konzepts in eine vergleichbar aufmüpfige politische Allegorie zu bewundern. Im Vorfeld der heißesten amerikanischen Präsidentenwahl seit Menschengedenken hatte sich Demmes Film gleich neben Michael Moores „Fahrenheit 9/11“ eingereiht. Dass er in Deutschland erst nach der Wahl anlief, raubte ihm womöglich etwas von seiner Aktualität, aber kaum von seiner Brisanz. Amerikanisches Publikum versteht die Anspielungen auf manipulierte Angst vor Terroranschlägen, auf den Verlust von Menschenrechten, auf totale politische Kontrolle und auf die gewissenlose Eigensucht privater Wirtschaftskonzerne, mit der sie Profit aus der globalen Instabilität zu ziehen versuchen. Die Produzenten mögen Analogien zu Halliburton und Dick Cheney als Fantastereien von der Hand weisen, sei doch das Drehbuch lange vor dem Irak-Krieg bereits konzipiert worden. Aber die hörbaren Reaktionen in den amerikanischen Kinos beweisen, dass das Publikum die Fiktionen dieses Thrillers nicht als Fiktion empfindet.

Quelle: Filmlexikon

African Queen

Ja, die hässliche, dürre alte Jungfer mit dem krausen Haar zählt zu meinen All-Time-Favourites. Ich fand sie, ehrlich gesagt, immer schon wunderschön…

African Queen

Originaltitel: THE AFRICAN QUEEN

Abenteuerfilm, Literaturverfilmung

Produktionsland: USA
Produktionsjahr: 1951
Produktionsfirma: Horizon/Romulus (für United Artists)
Länge: 101 Minuten
FSK: ab 12; f
Erstauffuehrung: 19.8.1958/5.8.1967 WDR III/3.2.1988 DFF 2/15.3.2001 DVD
DVD-Anbieter: EuroVideo (FF P&S, Mono engl./dt.)

Darsteller: Humphrey Bogart (Charlie Allnutt), Katharine Hepburn (Rose Sayer), Robert Morley (Roses Bruder Samuel), Peter Bull (Kommandant der Luisa““), Peter Swanick (1. Offizier); Produzent: S.P. Eagle, John Woolf; Regie: John Huston; Drehbuch: James Agee, John Huston; Kamera: Jack Cardiff; Musik: Allan Gray; Schnitt: Ralph Kemplen; Vorlage: C.S. Forester

Auszeichnungen

Oscar (1952, Bester Hauptdarsteller – Humphrey Bogart)

Inhalt

Eine altjungfräulich-vornehme britische Methodistenschwester und ein raubeiniger, verwahrloster Bootsführer fliehen bei Kriegsausbruch 1914 in abenteuerlicher Flußreise, verfolgt von deutschen Kanonenbooten, aus Deutsch-Ostafrika. Vor dem abenteuerlichen Hintergrund entwickelt sich ein wunderbares Duell, das in den anfänglichen Kontrahenten verschüttete Gefühle freilegt und in eine spröde Romanze mündet. Blendend inszenierte und gespielte Verfilmung eines satirischen Romans von C.S. Forester. (Die deutsche Verleihfassung wurde 1958 um vermeintliche anti-deutsche Einstellungen gekürzt; sie sind seit 1967 in der Fernseh-Fassung wieder eingefügt.)

Quelle: Filmlexikon

Huston ‚tauchte‘ die Hepburn und Bogart in einen farbenfrohen afrikanischen Regenwald mit allem Drum und Dran, sprich mit aller Schönheit und Gefahr, und schuf ein Meisterwerk der Filmkunst, in dem er ein ausgewogenes Maß an Tragik, Romanze und Komödie fand, das an Spannung nie verliert und zudem von humorvollen und intelligenten Dialogen lebt.

Ulrich Behrens

Krieg der Sterne

Ich glaub‘, ich hab’s kapiert:

Im sechsten und bislang letzten Teil der Saga, „Die Rückkehr der Jedi“, kehren diese in Gestalt des zu ihrem Ritter ausgebildeten Luke Skywalker zurück. Am Ende kommt es nämlich zum alles entscheidenden Kampf zwischen Luke und seinem von der dunklen Seite der Macht verführten Vater Anakin Skywalker aka Darth Vader.

George Lukas erklärt das so:

„Anakin wird von der dunklen Seite verführt und zerstört dabei wiederum das Gleichgewicht der Galaxie, dennoch ist er als Darth Vader – und auch als Anakin – der Charakter, der den Imperator vernichtet. Die Problematik der Geschichte, die Prophezeiung und Qui-Gons Vermutung hat sich erfüllt – Anakin ist der Auserwählte und bringt letztendlich durch sein eigenes Opfer den Frieden. Luke konnte den Imperator nicht selbst vernichten, aber er konnte Anakin dazu bringen, sich sein eigenes Leben vor Augen zu führen und den Imperator zu töten.“

Darth Vader wirft den Imperator aka Senator bzw. Kanzler, später Imperator Palpatine oder auch Darth Sidious genannt übrigens in den Reaktorschacht des zweiten Todessterns. Und wenn er nicht wirklich gestorben ist, geistert er dort noch heute.

Das schreit doch förmlich nach einer Fortsetzung, oder?


Black Swan

Mehr von diesen schönen Filmplakaten bei La Boca.


Das Ballett „Schwanensee“ erzählt die Geschichte des jungen Prinzen Siegfried, der sich in die Schwanenkönigin Odette verliebt. Diese wurde von dem bösen Zauberer Rothbart in einen Vogel verwandelt. Odette erklärt, dass es ihr Schicksal sei, ein Mischwesen zu bleiben, bis sie von der unsterblichen Liebe eines Mannes erlöst wird. Gebannt von ihrer Schönheit, schwört der Prinz ihr ewige Liebe. Auf einem Ball zu Ehren seines Geburtstags wird er jedoch von Rothbart dazu verleitet, Odile, einer bösen Zwillingsausgabe von Odette, seine Liebe zu erklären. Als ihm sein unbeabsichtigter Betrug klar wird, sagt er Rothbart den Kampf an. Er schafft es auch, dessen Zauber zu brechen. Daraufhin bittet Siegfried Odette um Verzeihung. Eine große von Rohtbart geschickte Welle droht schließlich, Siegfried zu ertränken. Am Ende stürzt sich Odette in die Flut, um ihn zu retten. Ob dies gelingt, ist abhängig von der jeweiligen Inszenierung.

Quelle: wikipedia