Das geheime Leben der Worte

Der Film hat drei Schlüsse: einen offenen, einen mit Happy End und zuletzt, weil es eben doch immer noch weitergegangen ist, einen metaphorisch-märchenhaften. Dieser wirkliche Schluss an einem Sonntagmorgen auf dem Land entzieht die Geschichte wieder allen simplen Lesarten und führt die Hauptfigur – die Frau in einer Küche, die wir zum ersten Mal sehen – zurück an den Anfang. An jenen Anfang, an dem aus dem Off eine Mädchenstimme Dinge sagt, Wörter, die wir nicht verstehen, die inzwischen aber ihr «geheimes Leben» angenommen haben und von denen wir uns jetzt fragen, woher das Kind, die «Tochter» der Frau in der Küche, von ihnen wusste. Der Film beginnt so mit einem Geheimnis und schliesst mit einem, und wenn er dazwischen eins lüftet, das zentrale in der Lebensgeschichte ebendieser jungen Frau, dann auf eine Weise, dass wir nie dem naiven Glauben verfallen, nun alles zu wissen.
Das geheime Leben der Wörter und Worte: Es beginnt für Hanna nach ihrer Ankunft auf der Bohrinsel auf eine neue Weise zu wirken, obwohl wir sie zuvor schon gesehen haben, wie sie eine Telefonnummer wählt und dann, ohne ein Wort zu sagen, der Stimme der Frau (Julie Christie) zuhört, die wir am andern Ende der Leitung sehen und die schon zu wissen scheint, wer anruft. Josef, ihrem Patienten, begegnet sie distanziert, sachlich, streng professionell, ohne ein Quentchen von sich preiszugeben, verschweigt ihm ihren Namen – und vermag auf die Dauer doch nicht der Qualität von Coixets Drehbuch mit seinen hervorragenden Dialogen und der Umsetzung dieses Verführungsprogramms zu widerstehen, das ein vor Schmerzen stöhnender Tim Robbins mit beeindruckender Kunst ganz uneitel als Dienst am Wort demonstriert. – Seine Statur erweist der Film in der Kunst, mit der Bezüge geschaffen werden, etwa wie er sachte die tiefe Wahrheit aus Josefs ironisch dahergesagtem Satz bei der ersten Begegnung herausschält: dass sie doch ein neues Leben zusammen aufbauen, heiraten und Kinder haben könnten . . . Oder wie er Hanna eine Nachricht auf Josefs Mobiltelefon abhören lässt, in der eine unbekannte Geliebte von Alcoforados «Liebesbriefen einer portugiesischen Nonne» spricht, die er ihr geliehen hat – ob sie eine «Nonne» sei, fragt Josef einmal auch Hanna -, oder der kurze Blick der Kamera auf den Umschlag von «Middlemarch», dessen Heldin, Dorothea, zuletzt ja ihre Bestimmung gefunden haben, ihr wahres Selbst geworden sein wird.
Doch bis dahin ist es für Hanna noch weit. Die Neckereien, die beiläufig placierten Anzüglichkeiten, Josefs Witz, vor allem aber seine Offenheit weichen endlich ihren Panzer auf. Berührend, wie Sarah Polley dieses allmähliche Auftauen zeigt, mit kleinsten, wortlosen Gesten, bis sie endlich in befreitem Gelächter herausplatzt, als er sie fragt, ob sie ein Geheimnis bewahren könne, und ihr dann verrät, dass er nicht schwimmen kann – ihre Bestürzung, als sie gewahrt, dass sich dahinter tatsächlich das Trauma seines Lebens verbirgt. Und doch wird das Schwimmenlernen zuletzt zur Metapher für ihre gelingende Beziehung werden. Und dann ist es Zeit für sie geworden, sich gleichfalls zu öffnen. Wir haben es schon an der durchscheinenden Bluse erkannt, unter der sie nichts trägt, was Josef aber nicht sehen kann.
Und so beginnt Hanna davon zu erzählen, was sie und ihre beste Freundin, die sie Hanna nennt, als Gefangene eigener Milizen im Jugoslawienkrieg erlebten, den Horror von Demütigung, Vergewaltigung und Folter, deren Narben sie Josef ertasten lässt. Später wird er, dank ihrem Vorrat an Mandelseife, Hannas Spur aufnehmen können und nach Kopenhagen gelangen, zu Inge («Genefke»), der Frau, die wir am Telefon schon gesehen haben. Von ihr wird er von der fast unauslöschlichen Scham der überlebenden Opfer erfahren. Und so müssen also die Wörter noch einmal die Kraft ihres geheimen Lebens offenbaren.

Das geheime Leben der Worte

Originaltitel: LA VIDA SECRETA DE LAS PALABRAS

Produktionsland: Spanien
Produktionsjahr: 2005
Produktionsfirma: El Deso/Hotshot Films
Länge: 115 Minuten
FSK: ab 6; f
Erstauffuehrung: 27.4.2006/23.10.2006 DVD
DVD-Anbieter: Universum (16:9, 1.85:1, DD5.1 engl./dt.)

Inhalt

Eine schwerhörige Frau, die von ihren Kolleginnen geschnitten wird, verbringt ihren Urlaub als freiwillige Krankenschwester auf einer Bohrinsel, wo sie einen Arbeiter kennen lernt, der nach einem Tauchunfall kurzzeitig sein Sehvermögen verlor. Durch die Annäherung der beiden verschlossenen Menschen brechen alte Wunden auf. Das leise entwickelte Drama um zwei traumatisierte Menschen erzählt auf vielschichtige Weise von Schuld, Verletzungen und Liebe, wobei die Gratwanderung zwischen Innerlichkeit, politischer Betroffenheit und trivialer Emotionalität zwar nicht immer ganz gelingt, aber jederzeit berührt.

Quelle: Filmlexikon

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