Die Verlobung des Monsieur Hire

Wenn es dunkel wird, geht Monsieur Hire zum Plattenspieler und legt ein Quartett von Brahms auf (Vierter Satz Rondo alla Zingarese des Klavierquartetts Nr. 1 in g-Moll), eine leise, bittersüße Melodie. Die Musik bäumt sich auf wie im Schmerz, im Zimmer ist es dunkel, und Monsieur Hire starrt aus seinem Fenster ins Fenster gegenüber. Alice steht im Unterrock vor dem Spiegel und löst ihr Haar. Sandrine Bonnaire ist Alice, und noch nie war sie so schön wie in diesem Film.

Patrice Leconte gehört zu jenen Regisseuren, die man verächtlich „Routiniers“ nennt. Seit 1975 hat er acht Filme gedreht, die meisten davon Komödien; nur „Die Spezialisten“ (1985) wurde auch in Deutschland verliehen. Leconte ist kein Routinier, er ist ein Könner. Und „Die Verlobung des Monsieur Hire“ ist kein routinierter Film, sondern eines der seltenen Beispiele für präzises Erzählkino, die es zur Zeit in Europa gibt. Die Farben, das Licht, die Dekors, die Dialoge, die Musik — alles in diesem Film zeugt von der Liebe zum Handwerk, zum Erzählen, die im Kino vielleicht das Wichtigste ist, wichtiger als Thesen und Sujets „Die Verlobung des Monsieur Hire“ ist nur achtzig Minuten lang. Kürzer geht es kaum. Schöner auch nicht.

Andreas Kilb auf ZeitOnline

Die Verlobung des Monsieur Hire

Originaltitel: MONSIEUR HIRE

Drama, Kriminalfilm, Literaturverfilmung

Produktionsland: Frankreich
Produktionsjahr: 1989
Produktionsfirma: Hachette Première et Cie/Cinéa/FR 3/Europe 1
Länge: 91 Minuten
FSK: ab 12; f
Erstauffuehrung: 28.9.1989/28.2.1990 Video/6.4.1992 ZDF

Darsteller: Michel Blanc (Monsieur Hire), Sandrine Bonnaire (Alice), Luc Thuillier (Emile), André Wilms (Polizeiinspektor); Produzent: Philippe Carcassonne, René Cleitman; Regie: Patrice Leconte; Drehbuch: Patrice Leconte, Patrick Dewolf; Kamera: Denis Lenoir; Musik: Michael Nyman; Schnitt: Joëlle Hache; Vorlage: Georges Simenon

Inhalt

Ein von allen geschnittener häßlicher und eigenbrötlerischer Mann verliebt sich in eine junge Frau, die er allabendlich von seinem Fenster aus in ihrer Wohnung beobachtet. Er glaubt, das Wissen um ihr düsteres Geheimnis für seine Zwecke nutzen zu können. Ein trister Film über ein erstarrtes Leben, undurchsichtige Gefühle und trügerische Hoffnungen, der geschickt die Sympathie der Zuschauer lenkt. Durch die überzeugende filmische Umsetzung des Stoffes und die überragende Interpretation entwickelt sich eine intensive Lektion über die Ambivalenz von Gut und Böse.

Quelle: Filmlexikon

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