Louise Hires a Contract Killer

Am Ende sind wir klüger / und wissen, Reiche sind Betrüger. / Vater und Mutter haben versagt / und sie nicht zum Teufel gejagt./ Doch wenn wir groß sind später, / machen wir sie zu Hackepeter.

Louise Michel

Louise

Michel

Ab der ersten Minute will dieser Film alles sein, nur nicht politically correct: Behinderte, illegale Einwanderer, Krebspatienten oder Figuren am Rande jeglicher sozialer Kompatibilität sind nicht nur Zielscheiben, sondern gleichzeitig Akteure einer tiefschwarzen Komödie.

Louise Michel, französische Ethnologin, Schriftstellerin und Anarchistin des 19. Jahrhunderts, leiht dem Film ihren Namen und erhält dafür kurz vor dem Abspann eine Widmung. Doch zunächst existiert nur die Nähe ihres Namens zu den beiden Protagonisten. Louise (Yolande Moreau) ist eine stets schlecht frisierte Frau mittleren Alters, auf ihrer Seele lasten ein latenter Analphabetismus, ein verdrängtes Alkoholproblem und eine daraus resultierende kriminelle Vergangenheit. Michel (Bouli Lanners), ein dilettantischer Profikiller, wird engagiert, um Louise und ihren Kolleginnen zu helfen, ihren ehemaligen Chef zu beseitigen. Auch Michel scheint von einer allzu düsteren Vergangenheit gebeutelt und ergeht sich lieber in seinen Männlichkeitsfantasien, als sein Waffenarsenal im Sinne des Auftragsmords zu verwenden.

Die Grundstruktur des Plots ist simpel – es sind Zufälle, Unwahrscheinlichkeiten und ein notorisches, fast bemitleidenswertes Scheitern der Figuren, die dem Drehbuch seine Dichte geben.

Für Louise Michel, die zentrale Figur der Pariser Kommune von 1871, konnte es keine Freiheit ohne Gleichheit geben. Louise und Michel sind gewiss nicht frei, zu sehr sind sie in ihren persönlichen Traumata und ökonomischen Zwängen gefangen. Sie kämpfen nicht für ihre Freiheit, einzig für blutige Rache an Louise’ Ex-Chef, sarkastisch und banal wirken ihre Mordgelüste. Schrot und Blei richten sich zunächst der Übung halber oder durch Zufall gegen Tiere, bevor selbst gebastelte Revolver und Gewehre auf Menschen gerichtet werden.

Im Subtext des Films finden sich durchaus ernste Themen – Globalisierung, soziale Ausgrenzung oder sexuelle Identität –, doch auf der Oberfläche sind es meist Gags am Rande der Zumutbarkeit, die sich wie ein dicker Schleier über den Film legen. De Kervern/Delépine wählten diese Strategie schon in ihrem Erstling Aaltra und erreichten ein ähnliches Ergebnis: Ein Film, der das Lachen in einem gemächlichen Rhythmus gleichzeitig heraufbeschwört und abwürgt. Nahezu genretypisch bildet die Einstellung in Louise Hires a Contract Killer (Louise-Michel) oft die kleinste dramaturgische Einheit. Auftritt, Gag, Abgang, harter Schnitt, Montage und Dramaturgie funktionieren einfach und effektiv. Das ist unterhaltsam und anekdotenhaft, doch das systematische Überschreiten der Grenze in Richtung Zynismus wirkt bisweilen beliebig. So konstruiert ein Hobbyingenieur (Benoît Poelvoorde) nicht nur Michels Waffen, sondern auch kleine Hochhäuser, an Seilzügen lässt er dort Flugzeuge hineinrasen und explodieren. Das ist weder politisch korrekt noch ein Tabubruch – andere Szenen sind bissiger und bleiben länger haften. „Er hat jetzt einen anständigen Job, er ist Immobilienmakler“, erhält Louise als Antwort auf der Suche nach Luigi, Restaurantbesitzer und Ex-Profikiller. Solche kurzen Einwürfe karikieren in diesem Fall nicht nur das filmische Klischee des Auftragsmörders, oft kommentieren sie zusätzlich auf lakonischem Weg gesellschaftliche Stereotype.

Yolande Moreau schafft es in der Rolle der Louise, Albernheit und Absurdität ihrer Figur zeitweise beiseite zu schieben, um die Frage nach ihren Lebensumständen zu stellen. In ihrer Welt, in der Zynismus und Sarkasmus den einzigen Ausweg darzustellen scheinen, bietet Louise Projektionsfläche für positive wie negative Empathie. Moreau füllt diese Rolle vielschichtig aus. Überzeugend spielt sie Louise’ Unbekümmertheit und Ignoranz, mit der diese bis kurz vor der Sprengung in ihrem baufälligen Wohnblock bleibt. Später stellt sie genauso präzise die Entschlossenheit dar, mittellos bis nach Jersey zu reisen, um den Auftragsmord zu vollenden.

Louise Hires a Contract Killer brilliert mit einem bezugsreichen Humor – Lumière, Kubrick oder wieder Kaurismäki –, obwohl die offene (Selbst-)Referenzialität manchmal etwas hölzern daherkommt. Mit einigen Gags und Zitaten scheint der Film Grenzverletzung nur zum Selbstzweck zu betreiben, denn nicht alle Querverweise sind so doppelbödig wie die Szene, in der Produzent Mathieu Kassovitz einen Gastauftritt als verständnisvoller Biohof- und Landhotelbesitzer absolviert und damit auch sein eigenes Image persifliert. Und gerade diese Momente machen besonders viel Spaß.

Quelle: critic.de

Louise Hires a Contract Killer

Originaltitel: LOUISE-MICHEL

Drama, Komödie

Produktionsland: Frankreich
Produktionsjahr: 2008
Produktionsfirma: MNP Entreprise/No Money Prod./arte France Cinéma
Länge: 95 Minuten
FSK: ab 16; f
Erstauffuehrung: 24.9.2009/26.2.2010 DVD/18.1.2012 arte
DVD-Anbieter: Indigo

Darsteller: Yolande Moreau (Louise Ferrand), Bouli Lanners (Michel Pinchon), Benoît Poelvoorde (Guy), Albert Dupontel (Miro), Joseph Dahan (Bestatter), Mathieu Kassovitz (Landwirt), Agnès Aubé (Witwe), Kafka (Flambart), Sylvie van Hiel (Sylvie), Jacqueline Knuysen (Jackie); Produzent: Benoît Jaubert, Mathieu Kassovitz; Regie: Gustave de Kervern, Benoît Delépine; Drehbuch: Gustave de Kervern, Benoît Delépine; Kamera: Hugues Poulain; Musik: Gaëtan Roussel; Schnitt: Stéphane Elmadjian

Quelle: Filmlexikon