Letztes Jahr in Marienbad

Im vielleicht berühmtesten aller Anfänge der Filmgeschichte durchfährt die Kamera über vier Minuten lang die Gänge des Hotels, begleitet von der monologischen Litanei des männlichen Protagonisten, der die Einrichtung und den Zierrat des Gebäudes in rhetorischem Überfluss beschreibt. Letztes Jahr in Marienbad ist auch das Monument eines inhaltslos gewordenen kulturellen (Bilder-)Reichtums, das Resnais zu Ehren des Kinos errichtet, ein Film als Bildermausoleum, in dem die Schrift des Vorspanns an Grabsteine erinnert und wo die schwere Orgelmusik, die ein Schüler Olivier Messiaens für den Film komponiert hat, wie der Auftakt zu einer Totenfeier ertönt.Eine Allegorie auf den Tod, der in Gestalt von X die Frau mitnehmen will, eine Variation des Mythos von Orpheus und Eurydike, die Wahnvorstellungen einer an Amnesie leidenden Patientin in einer Psychiatrie oder auch das Trauma einer inzestuösen Vergewaltigung der jungen Frau – die unterschiedlichen Interpretationen des Films bleiben letztlich ein Spiel ohne Grenzen, das der Fantasie des Zuschauers überlassen bleibt und mit dem Film nie abschließend zur Deckung gelangt.

Quelle: critic.de

Ein sperriger Film, dessen Dunkel die „Erinnerungen an Marienbad“ von Volker Schlöndorff ein wenig erhellen. Letztere sehr zu empfehlen! Ein Making-Of, das einen ganz eigenen persönlich Reiz entfaltet.

Herzen

Mit dem Vollmond kam der Winter zurück. Quasi über Nacht wurde es klar und kalt. Die Überreste der Wolkendecke werden im Osten von der aufgehenden Sonne zusammengestaucht wie ein sich öffnendes Verdeck. Freier Ausblick auf einen stahlblauen Himmel. Mond und Morgenstern leuchten und funkeln um die Wette.

Das astronomische Symbol des Planeten Venus – ♀ – gilt übrigens als stilisierte Repräsentation des Handspiegels der namensgebenden römischen Liebesgöttin. (Quelle: wikipedia)

Das bisschen Schnee könnte auch Sternenstaub sein, so trocken und kryptokristallin ziert er die Wege. Er sieht aus wie der Schnee im Film gestern, „Herzen“ von Alain Resnais. Unaufhörlich blies darin der Schneesturm und hinterließ seine Spuren auf den Schultern der Akteure. Ein weißes Band, das sich durch den ganzen Film zog. Wäre nicht alles so makellos schön in Szene gesetzt gewesen und hätten die Gesichter der Schauspieler nicht so eine vertraute müde Melancholie verströmt, der zynische Blick des Regisseurs wäre womöglich unangenehm aufgefallen. Der Schneesturm hätte auch ein Ascheregen sein können, der feste Rückstand einer sich selbst verzehrenden Feuersbrunst in den Herzen der Menschen. Wie ein Blick auf die ausgebrannten Ruinen von Gotham City wirkte schon die erste Einstellung des Films von einer Pariser Banlieue.

Ein Makler, der dort erfolglos Wohnungen an den Mann und die Frau zu bringen sucht, seine viel jüngere Schwester, die von einem Blind Date zum anderen immer wieder aufs Neue versetzt wird, ein verlobtes Paar, das in seinen letzten gemeinsamen Zügen liegt, ein Barmann, der auf seine eigenen alternden Tage seinen kranken, tyrannischen Vater pflegt. Überhaupt: Die Übermacht der Väter scheint allgegenwärtig. Männer, die in ihrem Schatten stehen, die ihr nicht gerecht werden können. Das selbstgefällige Porträt einer solchen Übermacht hängt sogar im Wohnzimmer des Maklers.

Nur Charlotte scheint autark. Sowohl in ihrer Überzeugung vom Höllenfeuer in jedem von uns als auch in ihrem Glauben an den Erlöser. Und darin wirkt sie keinesfalls bigott. Im Gegenteil: Sie scheint sich im Verborgenen auszuleben, lässt die Funken sogar überspringen, facht die Glut der alternden Herren wieder an. Still und heimlich allerdings. Ihre Botschaft ist fast ein bisschen unheimlich: Kein Mensch kann dem anderen wirklich geben, was er nicht selbst in sich zu entfachen vermag. Und dann gnade ihm Gott…