Eine schwarze Höhle ist unser Schweigen…

…Daraus bisweilen ein sanftes Tier tritt / Und langsam die schweren Lider senkt. / Auf deine Schläfen tropft schwarzer Tau,

Das letzte Gold verfallener Sterne.

Georg Trakl, „Ellis, wenn die Amsel im schwarzen Wald ruft“

Edouard Manet - Jeanne Duval, Baudelaire's Mistress, Reclining (Lady with a Fan) - 1862
Edouard Manet, „Lady with a Fan“(1862)

Die Dame mit dem Fächer war Charles Baudelaires Geliebte Jeanne Duval. Manet malte sie im Jahr ihres vermuteten Todes – 1862. Sowohl Baudelaire als auch Duval waren an Syphilis erkrankt. Es scheint ungeklärt, wer von beiden tatsächlich zuerst verstarb.

Im Zeitpunkt der Entstehung dieses Bildes war Jeanne bereits erblindet und gelähmt. Zwei schwarze Augenhöhlen, ein ungelenk unter der Krinoline hervorragendes Bein und eine unproportioniert groß und männlich wirkende Hand irritieren den Betrachter. Gleichzeitig quillt das Bild beinahe über von einem Berg aus Tüll, der wie in einem letzten Aufbäumen die Hinfälligkeit des Körpers unter sich begräbt. Halb weht es, halb liegt es kunstvoll drapiert über die Lehne des Canapés, ein zartes Gardinengespinst, dahinter das letzte Gold verfallener Sterne bereits verglüht scheint.

Aufmerksam wurde ich auf das Bild durch einen raffinierten Schnappschuss von Gueorgui Pinkhassov.

The Double-Take of Seeing

Robert Frank said, “When people look at my pictures I want them to feel the way they do when they want to read a line of a poem twice.” I’m drawn to this poetic notion of photography, and I think Frank’s idea is what Pinkhassov, too, is after. He tries to foster the double-take of seeing.

Teju Cole

Portrait of A.

If they don’t see happiness in the picture at least they’ll see the black. – Chris Marker

A magnolia tree in full bloom, X-
rayed by a streetlamp,
pressed against the windowpane
like someone hopped onto the glass
of the office Xerox and hit copy

A magnolia tree in full bloom, winter
in black and white:      cold, grainy air
and your fingers pointing,       Last April
your husband buried
the two halves of a snake         you shot

your new film about a river
that flows backwards
Rivers, did you know,
are measured by a sinuosity index
in opposite corners

of the yard so one half wouldn’t find
Length as crow flies                divided by
length as fish swims      weight
and counterweight. A magnolia,
framed, a shot looking for       its pair.

Tung-Hui Hu

Mein Leben hat das gleiche Kleid und Haar

Mein Leben hat das gleiche Kleid und Haar
wie aller alten Zaren Sterbestunde.

Die Macht entfremdete nur meinem Munde,
doch meine Reiche, die ich schweigend runde,
versammeln sich in meinem Hintergrunde

Rainer Maria Rilke, „Mein Leben hat das gleiche Kleid und Haar“

En Route II

1. WITHOUT BAGGAGE

To travel without baggage, sleep in the train
on a hard wooden bench,
forget your native land,
emerge from small stations
when a gray sky rises
and fishing boats head to sea.

2. IN BELGIUM

It was drizzling in Belgium
and the river wound between hills.
I thought, I’m so imperfect.
The trees sat in the meadows
like priests in green cassocks.
October was hiding in the weeds.
No, ma’am, I said,
this is the nontalking compartment.

3. A HAWK CIRCLES ABOVE THE HIGHWAY

It will be disappointed if it swoops down
on sheet iron, on gas,
on a tape of tawdry music,
on our narrow hearts.

4. MONT BLANC

It shines from afar, white and cautious,
like a lantern for shadows.

5. SEGESTA

On the meadow a vast temple –
a wild animal
open to the sky.

6. SUMMER

Summer was gigantic, triumphant –
and our little car looked lost
on the road going to Verdun.

7. THE STATION IN BYTOM

In the underground tunnel
cigarette butts grow,
not daisies.
It stinks of loneliness.

8. RETIRED PEOPLE ON A FIELD TRIP

They’re learning to walk
on land.

9. GULLS

Eternity doesn’t travel,
eternity waits.
In a fishing port
only the gulls are chatty.

10. THE THEATER IN TAORMINA

From the theater in Taormina you spot
the snow on Etna’s peak
and the gleaming sea.
Which is the better actor?

11. A BLACK CAT

A black cat comes out to greet us
as if to say, look at me
and not some old Romanesque church.
I’m alive.

12. A ROMANESQUE CHURCH

At the bottom of the valley
a Romanesque church at rest:
there’s wine in this cask.

13. LIGHT

Light on the walls of old houses,
June.
Passerby, open your eyes.

14. AT DAWN

The world’s materiality at dawn –
and the soul’s frailty.

Adam Zagajewski, from „Eternal Enemies“

translated by Claire Cavanagh

Dinge des Lebens

Michel Piccoli in "Die Dinge des Lebens"
Michel Piccoli in „Die Dinge des Lebens“

Zum ich weiß nicht wievielten Male Die Dinge des Lebens (Les choses de la vie) von Claude Sautet angeschaut. Einer meiner Lieblingsfilme. Nicht wegen des Kette rauchenden Michel Piccoli und der wie immer unvergleichlichen Romy Schneider, nicht wegen seiner technischen und ästhetischen Brillanz, sondern weil ich den Film das erste Mal mit meiner Oma sah. Da war ich noch keine 15.

Ein erfolgreicher Architekt, der in einem ungeklärten Dreiecksverhältnis lebt, wird bei einem Autounfall schwer verletzt und stirbt zwei Stunden später. Während der Fahrt lässt er les choses de son vie Revue passieren.

Ob der Film es tatsächlich vermag, den vermeintlichen Belanglosigkeiten eines Lebens aus der Perspektive des Todes Bedeutung zu verleihen, will ich nicht beurteilen. Für mich schöpft er seinen Wert aus der oben erwähnten Zweisamkeit und allem, was jemals über Leben, Liebe und Tod zwischen meiner Oma und mir ungesagt blieb. All das finde ich ausgesprochen in seinen bewegten Bildern, jedes Mal, wenn sie über den Bildschirm flimmern.

Mikael Persbrandt und William Jøhnk Nielsen in "In einer besseren Welt"
Mikael Persbrandt und William Jøhnk Nielsen in „In einer besseren Welt“

Ein anderer Film, der mich wie lange keiner sehr berührt hat, war In einer besseren Welt (Hævnen) der dänischen Regisseurin Susanne Bier. Eine so feinfühlige wie komplexe Allegorie auf die biblischen Motive von Schuld und Rache. Obwohl der Film darauf verzichtet, eindeutige Antworten zu geben und die Fehlbarkeit für immer in unser Genom implantiert ist, bleibt am Ende eine leise Zuversicht. Es fallen so schöne Sätze wie: „Vom Tod trennt uns nur ein hauchzarter Schleier, und wenn ein Mensch stirbt, der uns nahe steht, hebt sich dieser Schleier für einen kurzen Moment, und wir sehen dem Tod ins Gesicht.“ An den Jungen gerichtet, der den Anblick seiner Mutter nicht vergessen kann. Im Tod sah sie aus wie ein Kind. Als wäre sie nie seine Mutter gewesen. „Bis er wieder fällt, dann wird alles wieder besser.“

Ich habe mich schon als Kind mit dem Tod beschäftigt. Natürlich ohne ihn wirklich denken zu können. Der Tod war einfach eine andere Art von Leben. Ob ich mich selbst darin wiedererkennen würde? Oder wäre Ich dann ein Anderer? Es war dieses Über-sich-selbst-Hinausgehen, das ich mir nicht vorstellen konnte und das mir eigentlich schon ein Leben lang Angst macht. Warum das schon immer so war und woher es rührt, kann ich mir mit Ereignissen in diesem Leben nicht erklären. Ich glaube nichts und halte alles für möglich.

Im Moment lese ich „Eismond“ von Jan Costin Wagner. Eine Empfehlung von Jarg. Es ist wirklich schön:

Er versuchte sich den letzten Moment seines Lebens vorzustellen und den ersten Moment danach, den es nie geben würde.

Er versuchte sich einen Moment vorzustellen, den es nicht gab.

In seinem Kopf summte eine Melodie, die immer wiederkehrte und von der er nicht wußte, woher er sie kannte.

ke anu

 

Benoit Courti, "Black & White"
Benoit Courti, „Black & White“

ke anu ist Hawaiianisch und bedeutet „kühle Brise, die über dem Berg weht“.

In einer hellen Mondnacht vor ungefähr elf Jahren stand ich am Fenster und blickte auf die Dächer der Stadt. A night in white satin. Aus den Straßenschluchten stieg ein Schweigen, in das nur Schnee die Welt zu hüllen vermag. Kein Laut weit und breit, nur das Säuseln des weißen Pulvers, das vom Wind über den Firsten verweht wurde. Es gibt ihn doch, den Atem Gottes, schrieb ich später in mein Tagebuch. Gott war nur ein anderes Wort für ein Gefühl, von dem ich noch nicht wusste, dass es der Beginn einer großen Liebe war. Ich schreibe diesen Satz und frage mich gleichzeitig: Klingt das jetzt kitschig.

Mein Vater, der ein außergewöhnlicher Mensch war und sich von niemandem vorschreiben ließ, was ihm zu gefallen hatte, der Kunst genau so liebte wie Kitsch und mit derselben Akribie, mit der er einen Mercedesmotor auseinandernehmen und wieder zusammensetzen konnte, seine Patienten behandelte, mein Vater schenkte mir einmal eine Brosche. Eine seltene Geste der Wertschätzung. Wahrscheinlich habe ich sie als das gesehen und bedeutete sie mir deshalb so viel. Einmal nur trug ich sie auch in der Schule. Zu der Zeit, sechste Klasse, war ich mit einem Mädchen befreundet, deren Mutter Kunst studiert hatte. In ihrem Zimmer hingen Aktfotos von einer Art, wie ich sie bis dahin noch nie gesehen hatte. Kein Vergleich mit der Wartezimmerlektüre, in der ich so lange heimlich geblättert hatte, bis mein Vater mir auf die Schliche kam und die einschlägigen Schundhefte abbestellte. Die sind doch überhaupt nicht porno, oder, meinte Bettina zu den Bildern an ihrer Wand. Ich wusste nicht, was ich darauf sagen sollte. Meine Brosche fand sie kitschig, und ich schämte mich plötzlich dafür. Auf einmal war sie nicht mehr als das Bruchstück einer Illusion. Zerschlagen. Heute würde ich mir die Frage gerne selber beantworten können: War die Brosche wirklich kitschig? Spielt das überhaupt eine Rolle? Aber es gelingt mir nicht. Mir fehlt die nötige Distanz. Nun. Irgendwann ist man zu alt dafür, sich auf seine verkorkste Kindheit zu berufen. Von Zeit zu Zeit fällt auch in der deutschen Krimilandschaft ein guter Satz. Der andere, der mir in Erinnerung geblieben ist: In der Idylle gedeiht der Horror. Auf Berlinerisch, wohlgemerkt.

Also nochmal: Es war der Beginn einer großen Liebe. Der Mann, mit dem ich zuvor lange gesprochen hatte, er und ich, wir wurden Gefährten. Bis auf das Dach über unseren Köpfen teilten wir alles. Eine gemeinsame Wohnung, darüber dachten wir erst ernsthaft nach, als er krank wurde. Noch zwei, drei gute Jahre. Im besten Fall. Immerhin. Die Ärzte versprachen es noch, als wir selber schon nicht mehr daran glaubten. Die Krankheit hatte es eilig, und jetzt ist es bald ein Jahr her, dass er gegangen ist. Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen. Dann wieder ist Gott nur ein anderes Wort für etwas, das unwiederbringlich verloren ist.

Es heißt, dass Trauer in Teilen um die eigene Zurückgelassenheit kreist. Und dass sie einen Jahreskreis benötigt, um in all ihren Facetten durchlebt zu werden. Einer der schwersten Tage war Silvester. Als um Mitternacht die Raketen in den Himmel schossen… well, I felt like bursting into tears. Aber ich habe nicht geweint. Ich habe keine Tränen mehr. Wo genau ich heute stehe, weiß ich nicht. Dieser Blog war ursprünglich gedacht als ein zusätzlicher Raum des Teilens über die täglichen Telefonate hinaus, in Zeiten, da wir uns nicht sehen konnten. Irgendwann gingen auch andere Menschen hier ein und aus. Als dann die Katastrophe über uns herein brach, schaltete ich um auf Privat. Letzten Endes stand ich vor der Wahl: Den Blog auch sterben zu lassen oder weiter zu machen. Ich habe mich für letzteres entschieden. Öffentlich. Mal spüre ich die Einsamkeit um so mehr. Mal hilft das Bloggen darüber hinweg.

Die „kühle Brise, die über dem Berg weht“ war ein Synonym für die kleinen Etappensiege, die es gibt, im Kampf gegen die Krankheit, bevor sie einen endgültig überholt. Sie soll es auch bleiben. Ein Synonym für jeden noch so kleinen Etappensieg. Im Leben. Und überhaupt.

The Artist

THE-ARTIST-kino

The Artist

Originaltitel: THE ARTIST

Produktionsland: Frankreich
Produktionsjahr: 2011
Produktionsfirma: Thomas Langmann/La Petite Reine/Studio 37/La Classe Américaine/JD Prod./France 3 Cinéma/Jourour Prod./uFilms
Länge: 100 Minuten
FSK: ab 6; f
Erstauffuehrung: 26.1.2012
Kinostart: 26.01.2012
Kinoverleih: Delphi

Darsteller: Jean Dujardin (George Valentin), Bérénice Bejo (Peppy Miller), John Goodman (Al Zimmer), James Cromwell (Clifton), Penelope Ann Miller (Doris), Missi Pyle (Constance), Malcolm McDowell (Butler)

Produzent: Thomas Langmann, Emmanuel Montamat, Nadia Khamlichi, Adrian Politowski, Gilles Waterkeyn

Regie: Michel Hazanavicius

Drehbuch: Michel Hazanavicius

Kamera: Guillaume Schiffman

Musik: Ludovic Bource

Schnitt: Anne-Sophie Bion, Michel Hazanavicius

Auszeichnungen

Cannes (2011, Bester Darsteller – Jean Dujardin), Europäischer Filmpreis(2011, Beste Musik – Ludovic Bource), Oscar (2012, Bester Film – Thomas Langmann), Oscar (2012, Beste Regie – Michel Hazanavicius), Oscar (2012, Bester Hauptdarsteller – Jean Dujardin), Oscar (2012, Beste Filmmusik – Ludovic Bource), Oscar (2012, Beste Kostüme)

Inhalt

Für einen Stummfilm-Star bedeutet die Umstellung der Hollywood-Industrie auf die „Talkies“ Ende der 1920er-Jahre das Ende seiner Karriere und ein persönliches Desaster. Ein Starlet, das ihn liebt und das mit der Veränderung des Mediums groß heraus kommt, versucht, ihn zu retten. Als Hommage auf die Erzählkunst des frühen Kinos verzichtet der Film auf Farbe, Geräusche und Sprache und zündet ein Feuerwerk an Inszenierungseinfällen, um die ureigensten Ausdrucksmittel des filmischen Mediums hochleben zu lassen. Trotz der dramatischen Handlung eine genussvolle, elegante Beschwörung der Zeitlosigkeit und Magie des Kinos.

Quelle: Filmlexikon

 

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Die Verlobung des Monsieur Hire

Wenn es dunkel wird, geht Monsieur Hire zum Plattenspieler und legt ein Quartett von Brahms auf (Vierter Satz Rondo alla Zingarese des Klavierquartetts Nr. 1 in g-Moll), eine leise, bittersüße Melodie. Die Musik bäumt sich auf wie im Schmerz, im Zimmer ist es dunkel, und Monsieur Hire starrt aus seinem Fenster ins Fenster gegenüber. Alice steht im Unterrock vor dem Spiegel und löst ihr Haar. Sandrine Bonnaire ist Alice, und noch nie war sie so schön wie in diesem Film.

Patrice Leconte gehört zu jenen Regisseuren, die man verächtlich „Routiniers“ nennt. Seit 1975 hat er acht Filme gedreht, die meisten davon Komödien; nur „Die Spezialisten“ (1985) wurde auch in Deutschland verliehen. Leconte ist kein Routinier, er ist ein Könner. Und „Die Verlobung des Monsieur Hire“ ist kein routinierter Film, sondern eines der seltenen Beispiele für präzises Erzählkino, die es zur Zeit in Europa gibt. Die Farben, das Licht, die Dekors, die Dialoge, die Musik — alles in diesem Film zeugt von der Liebe zum Handwerk, zum Erzählen, die im Kino vielleicht das Wichtigste ist, wichtiger als Thesen und Sujets „Die Verlobung des Monsieur Hire“ ist nur achtzig Minuten lang. Kürzer geht es kaum. Schöner auch nicht.

Andreas Kilb auf ZeitOnline

Die Verlobung des Monsieur Hire

Originaltitel: MONSIEUR HIRE

Drama, Kriminalfilm, Literaturverfilmung

Produktionsland: Frankreich
Produktionsjahr: 1989
Produktionsfirma: Hachette Première et Cie/Cinéa/FR 3/Europe 1
Länge: 91 Minuten
FSK: ab 12; f
Erstauffuehrung: 28.9.1989/28.2.1990 Video/6.4.1992 ZDF

Darsteller: Michel Blanc (Monsieur Hire), Sandrine Bonnaire (Alice), Luc Thuillier (Emile), André Wilms (Polizeiinspektor); Produzent: Philippe Carcassonne, René Cleitman; Regie: Patrice Leconte; Drehbuch: Patrice Leconte, Patrick Dewolf; Kamera: Denis Lenoir; Musik: Michael Nyman; Schnitt: Joëlle Hache; Vorlage: Georges Simenon

Inhalt

Ein von allen geschnittener häßlicher und eigenbrötlerischer Mann verliebt sich in eine junge Frau, die er allabendlich von seinem Fenster aus in ihrer Wohnung beobachtet. Er glaubt, das Wissen um ihr düsteres Geheimnis für seine Zwecke nutzen zu können. Ein trister Film über ein erstarrtes Leben, undurchsichtige Gefühle und trügerische Hoffnungen, der geschickt die Sympathie der Zuschauer lenkt. Durch die überzeugende filmische Umsetzung des Stoffes und die überragende Interpretation entwickelt sich eine intensive Lektion über die Ambivalenz von Gut und Böse.

Quelle: Filmlexikon

Die letzte Metro

Im „Haus der Lady Alquist“, auf das Truffaut in seinem Film kurz anspielt, ist es der Ehemann, der immer, wenn es dunkel wird, das Haus verlässt, um durch die Manipulation des Gaslichts seine Ehefrau in den Wahnsinn zu treiben. Hier ist es der Regisseur Lucas Steiner, der sich vor den deutschen Besatzern im Keller seines Theaters versteckt hält und dort den Irrlichtern seiner Verfolger im besetzten Paris des Jahres 1942 ausgesetzt ist und nicht zuletzt auch mit anhören muss, wie sich anlässlich der Proben zu einem neuen Stück zwischen seiner Ehefrau und dem Hauptdarsteller eine Liebesbeziehung anbahnt. Trotz des Ernstes des politischen Hintergrunds inszeniert Truffaut mit typisch leichter Hand und nicht ohne Galgenhumor ein Theaterstück im Film, bei dem der eigentliche Regisseur in beiden Fällen der von seinem Verlies aus agierende Steiner zu sein scheint.

Als sich am Ende und nach der Befreiung alle die Hände reichen, sind es nicht nur (ähnlich wie in „Jules und Jim“) der Mann, die Ehefrau und der Geliebte, sondern auch der verfolgte Jude, die unter dem Druck der Verhältnisse zur Kollaborateurin gewordene Französin und der Widerstandskämpfer.

Die letzte Metro

Originaltitel: LE DERNIER METRO

Drama

Produktionsland: Frankreich/BR Deutschland
Produktionsjahr: 1980
Produktionsfirma: Films du Carosse/TF 1/Sedif/S.F.P./Maran
Länge: 131 Minuten
FSK: ab 12; f
Erstauffuehrung: 28.10.1981/18.4.1986 DFF 1/20.10.2004 DVD (Box)/17.8.2008 DVD (Einzel-Edition)
DVD-Anbieter: Concorde (16:9, 1.78:1, Mono frz./dt.)

Darsteller: Catherine Deneuve (Marion Steiner), Gérard Depardieu (Bernard Granger), Jean Poiret (Jean-Loup Cottins), Andréa Ferréol (Arlette Guillaume), Heinz Bennent (Lucas Steiner), Sabine Haudepin (Nadine Marsac), Jean-Louis Richard (Daxiat), Richard Bohringer (Gestapo-Mann); Produzent: Marcel Berbert; Regie: François Truffaut; Drehbuch: François Truffaut, Suzanne Schiffman, Jean-Claude Grumberg; Kamera: Nestor Almendros; Musik: Georges Delerue; Schnitt: Martine Barraqué; Vorlage: Suzanne Schiffman, François Truffaut

Inhalt

Während der deutschen Besetzung von Paris wird im Theater Montmartre ein neues Stück geprobt. Da der Leiter, ein deutscher Jude, sich im Keller versteckt halten muß, versucht seine Frau, die Gefahren der politischen Lage und menschliche Komplikationen zu meistern und das Theater weiterzuführen. In subtilem Ausgleich von Heiterem und Tragischem greifen Spiel und Wirklichkeit ineinander und reflektieren so das Verhältnis von Politik und Kultur.

Quelle: Filmlexikon

Das Verhör

Ich lasse mit meinem Spiel gerne die Vermutung reifen, dass wir alle arme Wesen sind, die unschöne Dinge tun können. Ob jemand ein Held oder ein Mistkerl wird, hängt manchmal nur an dem Flügelschlag eines Schmetterlings. Ich bin eine Art Brache, auf der ich weiß nicht welches Geheimnis gedeiht. In den schlimmsten Charakteren versuche ich jenen Moment größter Not darzustellen, der den Schrecken tilgt und in dem – für die Dauer einer Sekunde – die Fähigkeit zur Gnade entstehen kann, die alles verändert. Ich muss Zweifel säen und selbst verlorene Seelen zurückkaufen.

Michel Serrault: Michel Serrault, lachend über Abgründen. In: Die Zeit vom 31. Juli 2007

Das Verhör (1981)

Originaltitel: GARDE A VUE

Kriminalfilm, Literaturverfilmung

Produktionsland: Frankreich
Produktionsjahr: 1981
Produktionsfirma: Les Films Ariane/TF 1
Länge: 88 Minuten
FSK: ab 12; f
Erstauffuehrung: 18.2.1982/2.9.1983 Kino DDR/25.12.1984 DFF 2/31.12.2001 DVD/
DVD-Anbieter: Splendid/Ascot (1.66:1, Mono dt.), Concorde (16:9, 1.78:1, Mono frz./dt.)

Darsteller: Lino Ventura (Inspektor Gallien), Michel Serrault (Martinaud), Romy Schneider (Chantal), Guy Marchand (Inspektor Belmont), Elsa Lunghini (Camille), Jean-Claude Penchenat (Hauptkommissar); Produzent: Georges Dancigers, Alexandre Mnouchkine; Regie: Claude Miller; Drehbuch: Claude Miller, Jean Herman, Michel Audiard; Kamera: Bruno Nuytten; Musik: Georges Delerue; Schnitt: Albert Jurgenson; Vorlage: John Wainwright

Inhalt

Ein angesehener Notar wird im Laufe einer polizeilichen Vernehmung vom ursprünglichen Zeugen immer mehr zum Tatverdächtigen, dem die Vergewaltigung und Ermordung zweier achtjähriger Mädchen vorgeworfen wird. Ein zufälliger Fund führt zu einer unerwarteten Wendung. Spannendes Kammerspiel um Identität und Differenz von juristischer und moralischer Schuld, das seinen Rang vor allem aus dem glänzenden darstellerischen Vermögen der Protagonisten gewinnt. (Neuverfilmung: „Under Suspicion – Mörderisches Spiel“)

Quelle: Filmlexikon

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Jules und Jim

Ich könnte mir vorstellen, dass Truffaut schlichtweg verliebt war ins Filmemachen und wahrscheinlich auch immer ein bisschen in seine Hauptdarstellerinnen. Das unaufhörliche Kreisen um seine eigentlich idealen Vorstellungen von Liebe und Beziehung ist zugleich schmerzvoll und poetisch. Das Scheitern birgt so viele Gründe, dass man einen Film wie „Jules und Jim“ zigmal sehen müsste, um sie in ihrer gesamten Tragweite zu ermessen. Er gilt heute als Klassiker der Nouvelle Vague. „Ein intelligenter Film (…) der in keine Schablone passt“, schrieb die Frankfurter Rundschau. So ist es. Geschichte und Machart passen in keine Schablone, und das ist nur eines seiner Geheimnisse…

Iris Träutner schreibt: Thema des Films ist natürlich die Liebe. Es ist verblüffend, dass in einem Liebesfilm die Protagonisten trotzdem so kühl und emotionslos agieren. Es wird klarer, wenn man die Liebe so sieht, wie sie Truffaut in diesem Film gesehen hat: Die Liebe ist eine Übermacht, die handelnden Personen sind eigentlich nur ihre Marionetten. Cathérine reagiert sehr oft für den Betrachter unverständlich, Jules und Jim kann der Zuseher besser verstehen, wenn man auch bewundert, wie sie ihr Schicksal, von Cathérine zurückgewiesen zu werden, ertragen können. Das wiederum können sie nur, weil sie wissen, dass Cathérine so handelt, weil sie gar nicht anders kann.
Und nur so kann auch ihre Freundschaft der Belastung standhalten. Sie ist das einzig Beständige in dem Film, Cathérines Zuneigung für einen von ihnen hält immer nur eine kurze Zeit an.
Man kann also eigentlich nicht wirklich von einem Liebesfilm sprechen, es ist vielmehr ein Film, der versucht, die Liebe anhand eines Beispiels zu analysieren. Die Protagonisten selbst reflektieren ständig über ihre Beziehung, was oft durch einen Kommentator aus dem Off wiedergegeben wird. Dieser Kommentator spielt eine tragende Rolle: Er strafft die Handlung, indem er manche Jahre einfach kurz nacherzählt. Und er beobachtet die Figuren, beschreibt sie uns näher und verwendet manchmal dazu sogar das Mittel des Standbildes, damit wir uns die Personen genauer anschauen können.
So ist der Film also kein Liebesfilm im herkömmlichen Sinn, er wird vielmehr zur Dokumentation über das Thema Liebe, erklärt und veranschaulicht an drei Exemplaren der Gattung Mensch. Die Figuren werden zu Versuchskaninchen, die Versuchsanordnung ist gegeben, nun müssen sie versuchen, das Beste daraus zu machen. In einer Szene sagt Jules, er möchte einmal einen Roman schreiben, in dem nur Insekten handeln, eine Selbstanspielung, wenn man es so sieht.
Mitleben und -leiden kann und soll man also nicht, die Illusion wird durch den Kommentator und die Standbilder ohnehin zerstört. Dennoch ist es nicht so, dass man zum gefühllosen Betrachter wird. Wütend kann man sogar werden, wenn man sieht, wie sich die beiden Männer von dieser – weder sehr intelligenten noch sehr schönen, wie sie selbst bemerken – Frau gefangen nehmen lassen, wütend wird man auch, wenn Cathérine ständig ihre Meinung ändert und dadurch immer jemanden unglücklich macht. Es fällt schwer, den Personen zu vergeben und sich zu erinnern, dass sie nur Sklaven sind, die nicht anders agieren können.
Denn sie sind, so emotionslos auf der einen Seite wie auch menschlich auf der anderen. Cathérine, die immer etwas Besonderes sein möchte und deswegen absichtlich unvorhersehbare Dinge tut, oder Jim, der es nicht schafft, sich von seiner Geliebten zu trennen.
Die Figuren zerbrechen eigentlich an der Versuchsanordnung, an der Welt, wie sie sie vorfinden und in der sie nicht zurechtkommen. Deutlich macht das auch der letzte Satz des Filmes, nach der Einäscherung von Jim und Cathérine, dem es nicht an Zynismus fehlt: „Beim Hinausgehen fiel Jules ein, dass Cathérine einmal gesagt hatte, ihre Asche sollte von einem Berg in den Wind gestreut werden. Doch das war verboten.“

Jules und Jim

Originaltitel: JULES ET JIM

Drama, Komödie, Liebesfilm, Literaturverfilmung

Produktionsland: Frankreich
Produktionsjahr: 1961/62
Produktionsfirma: Carosse/S.E.D.I.F
Länge: 107 Minuten
FSK: ab 18; nf
Erstauffuehrung: 23.2.1962/8.5.1974 ARD/31.5.1994 arte (O.m.d.U.)/9.4.1996 Video/20.10.2004 DVD (Box)
DVD-Anbieter: Concorde (16:9, 2.35:1, Mono frz./dt.)

Darsteller: Oskar Werner (Jules), Henri Serre (Jim), Jeanne Moreau (Catherine), Marie Dubois (Thérèse), Boris Bassiak (Albert), Vanna Urbino (Gilberte), Sabine Haudepin (Sabine), Kathe Noelle (Birgitta); Produzent: Marcel Berbert; Regie: François Truffaut; Drehbuch: François Truffaut, Jean Gruault; Kamera: Raoul Coutard; Musik: Georges Delerue; Schnitt: Claudine Bouché; Vorlage: Henri-Pierre Roché

Inhalt

Der gebürtige Österreicher Jules und der französische Schriftsteller Jim haben sich vor dem Ersten Weltkrieg auf dem Montmartre kennengelernt. Beide verlieben sich in dasselbe Mädchen, Catherine. Nach dem Krieg sehen sie einander wieder. Die tödlich endende Geschichte ihrer Liebe zu dritt schildert Truffauts Film mit eminentem Fingerspitzengefühl für die Zwischentöne des Menschlich-Seelischen ebenso wie des Filmisch-Optischen. Zum ästhetischen Genuß tragen auch die sensible Kameraführung und der fließende Schnitt bei. Enttäuschend fiel die deutsche Verleihsynchronisation aus; sie hat die leichtfüßige Ironie des Originals in betulichen Ernst verwandelt.

Quelle: Filmlexikon

Tisch und Bett

Antoine Doinel will die Gesellschaft nicht verändern. Er misstraut ihr, schützt sich vor ihr. Aber er ist voll guten Willens und sucht Anerkennung.

François Truffaut über sein Alter Ego

Der Kinofilm Tisch und Bett ist Teil des Antoine-Doinel-Zyklus. Erstmalig wurde die Geschichte des Antoine Doinel (Jean-Pierre Léaud) in Sie küssten und sie schlugen ihn erzählt. Danach tauchte die Figur in einem Segment des Films Liebe mit zwanzig (Antoine und Colette) und in Geraubte Küsse auf, in dem das Liebesleben von Antoine und Christine (erstmals: Claude Jade) beginnt, bevor die Handlung in Tisch und Bett weitergeführt wird. Der Zyklus findet seinen Abschluss mit der Trennung von Antoine und Christine in Liebe auf der Flucht.

Truffaut wollte die Komödie ursprünglich mit einem Schock beginnen: Serge Rousseau, der unbekannte Verfolger Christines aus Geraubte Küsse, der ihr am Ende einen Heiratsantrag macht, entledigt sich seiner Kleider und springt von einem Dach in den Tod. Truffaut entschied sich dann, die Geschichte mit den Beinen von Claude Jade zu beginnen, die während ihrer Einkäufe die Ladenbesitzer stolz korrigiert: „Nein, nicht Mademoiselle. Madame.“

Ulrich Behrens schreibt: Truffaut gelang mit „Domicile conjugal” ein wunderbares, ja geradezu erstaunliches „Nebeneinander”. Er zeigt eine normale, bürgerliche Ehe im Entstehen, im Werden, im Vergehen. Die Leichtigkeit der Inszenierung, das Lockere, das sich in den Verhältnissen der Akteure auftut, das Komische, das sie begleitet, und das Dramatische, das sich angesichts solcher doch eher tragischer, gescheiterter Beziehungen mit all dem verbindet, werden beispielsweise auch plastisch in einer Szene, in der Antoine und Christine über den Roman sprechen, den er schreibt, in dem er angeblich seine Vergangenheit aufarbeiten will, was Christine wie folgt kommentiert:

„Ich mag diese Art über deine Kindheit zu schreiben nicht, bei der du deine Eltern durch den Dreck ziehst. Ich weiß nicht viel, aber eines weiß ich: Wenn du die Kunst benutzt, um Rechnungen zu begleichen, dann ist das keine Kunst mehr.” (Christine zu Antoine)

Man könnte diese Äußerung als Leitspruch über den ganzen Film spannen. Antoine, der angehende, weitergehende, bis zu Ende gehende Individualist liebt das Leben: SEIN Leben. Aber Truffaut ist der letzte, der seinen Helden verurteilen oder abkanzeln würde. Er findet ihn sympathisch, er stellt ihn als einen harmlosen Mann dar, der nichts wirklich Tragisches anrichtet, keinen Mord oder andere schlimme Dinge, der keine wirklich nicht verkraftbaren Verletzungen verursacht.

Das durchaus Kritische bleibt dabei allerdings nicht auf der Strecke. Es ist sicherlich auch etwas Selbstkritisches. Es ist dieses Sich-Nähern an eine besondere Form der Verantwortungslosigkeit, jenes (noch) harmlosen Egoismus, der immer am Rande des Egozentrischen tänzelt. Und es ist analog und parallel dazu eine Kritik an der bürgerlichen Ehe, nicht im herkömmlichen Sinn, sondern eher unter dem Aspekt, dass Truffaut deren selbst gestellten Ansprüche ernst nimmt und die Beziehung zwischen Antoine und Christine daran misst.

Man könnte auch sagen: die „einfältig”, „naiv”, „kindlich” liebende Christine trifft auf den „einfältig”, „kindlich”, „naiv” nur sich selbst liebenden Antoine, der nicht einmal weiß, was Liebe ist. Und nur so – durch diese beiderseitige „Naivität”, dieses unterschiedlich Unausgegorene auf beiden Seiten – sind beide ein Jahr nach der vorübergehenden Trennung wieder zusammen. Und die Frau des Tenors kommentiert dieses „Zusammensein”, als es jetzt Antoine ist, der den Mantel und die Handtasche Christines das Treppenhaus hinunter wirft wie früher der Tenor, mit den Worten: „Jetzt lieben sich die beiden wirklich.” An diesem Punkt glaubt man sich fast rückversetzt in eine klassische Komödie. Das Scheitern wird in sein Gegenteil verkehrt, einen Erfolg. Und beide leben diesen „Erfolg” – bis zum Ende. Aber das ist das Thema eines Films, den Truffaut ursprünglich gar nicht drehen wollte: die letzte Episode, „Liebe auf der Flucht”, einen Film, den der französische Regisseur neun Jahre später drehen sollte.

Quelle: wikipedia

Tisch und Bett

Originaltitel: DOMICILE CONJUGAL, Verweistitel: Das Ehedomizil

Aus der Serie Antoine-Doinel-Zyklus: Sie küßten und sie schlugen ihn (1958/59), Liebe mit zwanzig (1961), Geraubte Küsse (1968), Tisch und Bett(1970), Liebe auf der Flucht (1978/79)

Liebesfilm

Produktionsland: Frankreich/Italien
Produktionsjahr: 1970
Produktionsfirma: Carosse/Valoria/Fida
Länge: 100 Minuten
FSK: 
Erstauffuehrung: 25.12.1971 Kino DDR/4.1.1972 ARD/7.1.1975 DFF 1

Darsteller: Jean-Pierre Léaud (Antoine Doinel), Claude Jade (Christine Doinel), Barbara Laage (Monique, Sekretärin), Danièle Girard (Ginette, Kellnerin) ,Daniel Boulanger (Opernsänger), Silvana Blasi, Hiroko Berghauer; Produzent: Marcel Berbert; Regie: François Truffaut; Drehbuch: François Truffaut, Claude de Givray, Bernard Revon; Kamera: Nestor Almendros; Musik: Antoine Duhamel; Schnitt: Agnès Guillemot

Inhalt

Die Freuden und Belastungen einer jungen Ehe im Laufe zweier Jahre: finanzielle Probleme, Freude über die Geburt des Kindes, Seitensprünge des Mannes, Trennung und Versöhnung. Die chronologische, thematische und stilistische Fortsetzung von „Geraubte Küsse“ und Truffauts Fortführung seiner Antoine-Doinel-Filme. Aus spielerischen, locker zusammengefügten Szenen setzt sich ein ebenso liebenswürdiger wie unterhaltsamer Liebesfilm zusammen, bravourös gespielt, gespickt mit charakterisierenden Bild- und Dialogpointen, geprägt von menschlich warmem Humor, souveräner Leichtigkeit und feinem Charme. (DDR-Titel: „Das Ehedomizil“)

Quelle: Filmlexikon

Auf Liebe und Tod

Auf Liebe und Tod war nach Die Frau nebenan (La Femme d’à côté, 1981) der zweite gemeinsame Film von Truffaut und seiner letzten Muse und Lebensgefährtin Fanny Ardant. Bei dem Sichten von Mustern für Die Frau nebenan entstand die Idee für diesen Film. Fanny Ardant im Trenchcoat erinnerte Truffaut an dieSchwarze Serie und so suchte der Regisseur nach einem Stoff mit einer starken Frauenfigur. Er fand ihn im Roman The Long Saturday Night des US-amerikanischen Schriftstellers Charles Williams.

Auf Liebe und Tod wurde von François Truffaut daraufhin bewusst in Schwarzweiß als Hommage an Hollywoods Film noirs der 1940er Jahre inszeniert. Er kehrte dabei das Grundmuster der Schwarzen Serie um, indem die vermeintlich untergeordnete Frau hier die Rolle des Detektivs übernimmt, während der Mann hilflos und handlungsunfähig bleibt. Zudem zollt Truffaut mit Filmmotiven Tribut an seine Vorbilder Alfred Hitchcock und Stanley Kubrick. Die Frau – in diesem Fall die Sekretärin Barbara Becker – die in den Verdächtigen verliebt ist und ihm deshalb hilft, findet sich sowohl in Hitchcocks Ich kämpfe um dich (Spellbound, 1945) als auch in Der unsichtbare Dritte (North by Northwest, 1959). Die Szene, in der Vercel die Wohnung der Kassiererin Paula Delbecq heimlich betritt und dabei ertappt zu werden droht, verweist auf Hitchcocks Das Fenster zum Hof (Rear Window, 1954). Ein weiteres Filmzitat findet sich beim Mord an Paula Delbecq als Anspielung an Hitchcocks Frenzy (1972), als das Opfer in ein Kino mit dem Wink eines Arms gelockt wird und dort hinter geschlossener Tür ermordet wird, während Kubricks Kriegsfilm Wege zum Ruhm (Paths of Glory, 1957) im Kino läuft. Die Schüsse des Films beschreiben dabei die Gewalttat hinter der Tür.

Truffaut zitiert sich zudem auch selbst. Ähnlich wie Julien Vercel muss sich auch Lucas Steiner in Die letzte Metro (Le Dernier Metro, 1980) in einem Keller verstecken. Schöne Frauenbeine, wie sie Vercel durch das Kellerfenster fasziniert beobachtet, sind der Figur des Bertrand Morane in Truffauts Der Mann, der die Frauen liebte (L’Homme qui aimait les femmes, 1977) zum Verhängnis geworden.

Der Film wurde Truffauts letztes Werk. Er starb 1984 im Alter von 52 Jahren an einem Gehirntumor.

Quelle: wikipedia

Auf Liebe und Tod

Originaltitel: VIVEMENT DIMANCHE!

Komödie, Kriminalfilm, Literaturverfilmung

Produktionsland: Frankreich
Produktionsjahr: 1982/83
Produktionsfirma: Films du Carrosse/Soprofilms/Films A2
Länge: 111 Minuten
FSK: ab 16; f
Erstauffuehrung: 27.1.1984

Darsteller: Fanny Ardant (Barbara Becker), Jean-Louis Trintignant (Julien Vercel), Philippe Laudenbach (Maitre Clément), Caroline Sihol (Marie-Christine Vercel), Philippe Morier-Genoud (Kommissar Satelli), Pascale Pellegrin(Bewerberin), Georges Koulouris (Detektiv Lablache); Produzent: Jean-François Lentretien, Jacqueline Oblin; Regie und Drehbuch: François Truffaut, Suzanne Schiffman, Jean Aurel; Kamera: Nestor Almendros; Musik: Georges Delerue; Schnitt: Martine Barraqué; Vorlage: Charles Williams

Inhalt

Eine beherzte Sekretärin will ihren Chef vom mehrfachen Mordverdacht entlasten; sie gerät in Auseinandersetzungen mit Unterwelt und Polizei, als sie sich auf eigene Faust als Detektivin betätigt. Eine charmante, hintergründige Kriminalkomödie im oft selbstironischen Stil der Schwarze-Serie-Filme der 40er Jahre, temporeich inszeniert und in stilechtem Schwarz-weiß ausgezeichnet fotografiert. Perfekte Kinounterhaltung.

Quelle: Filmlexikon

Persepolis

Von Persepolis, der Hauptstadt des antiken Perserreichs, sind nur noch Ruinen übrig. Die steinernen Reste der über 2500 Jahre alten Residenzstadt im Süden Irans zeugen bis heute von ihrer Pracht, bevor Alexander der Große sie 330 vor Christus niederbrennen ließ. Mit dem Titel Persepolis hat Marjane Satrapi ihre im französischen Exil zusammengetragenen Erinnerungen an Kindheit und Jugend im Iran überschrieben. Darin erzählt sie – zunächst in vier Comic-Bänden zur Coming-of-Age-Geschichte verdichtet, nun auch in einem Zeichentrickfilm – von kostbaren Momenten genauso wie von den Verwüstungen eines Lebens in Unfreiheit, von Ruinen, aber auch von Neuanfängen.

Satrapis Bilder scheinen, als ob ihre Gedanken unmittelbar auf den Block geschlüpft seien, so direkt übersetzen sie Gefühle in Formen und Schattierungen. Jedoch wirkt nichts unüberlegt, sondern stets ist jede Situation, jede Stimmung sauber umrissen und auf den Punkt gebracht. Mit einfachen Strichen, scharfen Kanten, schwarzen und weißen Flächen weist Persepolis die grafische Schlichtheit der ersten Micky-Maus-Filme (z.B. Plane Crazy, 1928) von Walt Disney auf. Nicht nur deshalb, auch wegen der humorvollen Auseinandersetzung mit furchtbaren Erlebnissen wird Satrapis Arbeit häufig mit dem zweibändigen Comic Maus (1986, 1991) verglichen, in dem Autor Art Spiegelman mit Micky-Maus-ähnlichen Figuren die Geschichte eines Holocaustüberlebenden nacherzählt.

Der gemeinsam mit Ko-Regisseur Vincent Paronnaud realisierte Debütfilm von Marjane Satrapi gestaltet sich deshalb zum emotionalen Ping-Pong-Spiel, das trotz aller Trauer um das Verlassen von Heimatland und geliebter Familie stets zutiefst optimistisch bleibt. Wenngleich sich die Umstände im Iran für die Autorin Satrapi sowie ihre Filmfigur Marji als unlebbar erwiesen haben, hat sie mit Persepolis dennoch eine Liebeserklärung an die Menschen in ihrer Heimat gezeichnet, allen voran an ihre unangepasste Großmutter, die mit bissigem Humor und unbeirrbarer Freude am Leben die eigentliche Rebellin im Film darstellt.

Zu Beginn, zwischendurch und am Ende des Films sitzt die erwachsene Marji in einigen wenigen farbig gezeichneten Szenen in einer Bar des Flughafens Paris-Orly. Sie blickt den abhebenden Flugzeugen Richtung Teheran nach. In Frankreich kann sie heute leben, wie sie will, aber der melancholische Blick in den Himmel zeigt, um was es in Persepolis hauptsächlich geht: den erzwungenen und unumkehrbaren Verlust von Heimat.

Quelle: critic.de

Persepolis

Originaltitel: PERSEPOLIS

Zeichentrickfilm

Produktionsland: Frankreich/USA
Produktionsjahr: 2007
Produktionsfirma: 2.4.7. Films/Kennedy-Marshall Comp./France 3 Cinéma/French Connection/Diaphana
Länge: 95 Minuten
FSK: 12 (DVD)
Erstauffuehrung: 11.10.2007 Schweiz/22.11.2007/15.5.2008 DVD
DVD-Anbieter: Prokino/Universal (16:9, 1.85:1, DD5.1 frz./dt.)

Produzent: Xavier Rigault, Marc-Antoine Robert, Tara Grace; Regie: Vincent Paronnaud, Marjane Satrapi; Drehbuch: Vincent Paronnaud, Marjane Satrapi; Musik: Olivier Bernet; Schnitt: Stéphane Roche; Vorlage: Marjane Satrapi

Auszeichnungen

Cannes (2007, Preis der Jury – Marjane Satrapi)

Inhalt

Die Erinnerungen einer Exil-Iranerin, die 1995 nach Jahren in Österreich beschließt, in ihre Heimat zurückzukehren. Kurz vor dem Rückflug lässt die junge Frau (…) ihre Jugend im Reich des Schahs und unter dem Regime der Mullahs Revue passieren. Der autobiografisch gefärbte Zeichentrickfilm nach einem Comic der Künstlerin, Autorin und Co-Regisseurin Marjane Satrapi erzählt seine politisch ambitionierte Geschichte eindrucksvoll in flächigen Schwarz-Weiß-Zeichnungen und mit viel satirischem Witz, wobei er erlittenes Unrecht deutlich beim Namen nennt.

Quelle: Filmlexikon

Louise Hires a Contract Killer

Am Ende sind wir klüger / und wissen, Reiche sind Betrüger. / Vater und Mutter haben versagt / und sie nicht zum Teufel gejagt./ Doch wenn wir groß sind später, / machen wir sie zu Hackepeter.

Louise Michel

Louise

Michel

Ab der ersten Minute will dieser Film alles sein, nur nicht politically correct: Behinderte, illegale Einwanderer, Krebspatienten oder Figuren am Rande jeglicher sozialer Kompatibilität sind nicht nur Zielscheiben, sondern gleichzeitig Akteure einer tiefschwarzen Komödie.

Louise Michel, französische Ethnologin, Schriftstellerin und Anarchistin des 19. Jahrhunderts, leiht dem Film ihren Namen und erhält dafür kurz vor dem Abspann eine Widmung. Doch zunächst existiert nur die Nähe ihres Namens zu den beiden Protagonisten. Louise (Yolande Moreau) ist eine stets schlecht frisierte Frau mittleren Alters, auf ihrer Seele lasten ein latenter Analphabetismus, ein verdrängtes Alkoholproblem und eine daraus resultierende kriminelle Vergangenheit. Michel (Bouli Lanners), ein dilettantischer Profikiller, wird engagiert, um Louise und ihren Kolleginnen zu helfen, ihren ehemaligen Chef zu beseitigen. Auch Michel scheint von einer allzu düsteren Vergangenheit gebeutelt und ergeht sich lieber in seinen Männlichkeitsfantasien, als sein Waffenarsenal im Sinne des Auftragsmords zu verwenden.

Die Grundstruktur des Plots ist simpel – es sind Zufälle, Unwahrscheinlichkeiten und ein notorisches, fast bemitleidenswertes Scheitern der Figuren, die dem Drehbuch seine Dichte geben.

Für Louise Michel, die zentrale Figur der Pariser Kommune von 1871, konnte es keine Freiheit ohne Gleichheit geben. Louise und Michel sind gewiss nicht frei, zu sehr sind sie in ihren persönlichen Traumata und ökonomischen Zwängen gefangen. Sie kämpfen nicht für ihre Freiheit, einzig für blutige Rache an Louise’ Ex-Chef, sarkastisch und banal wirken ihre Mordgelüste. Schrot und Blei richten sich zunächst der Übung halber oder durch Zufall gegen Tiere, bevor selbst gebastelte Revolver und Gewehre auf Menschen gerichtet werden.

Im Subtext des Films finden sich durchaus ernste Themen – Globalisierung, soziale Ausgrenzung oder sexuelle Identität –, doch auf der Oberfläche sind es meist Gags am Rande der Zumutbarkeit, die sich wie ein dicker Schleier über den Film legen. De Kervern/Delépine wählten diese Strategie schon in ihrem Erstling Aaltra und erreichten ein ähnliches Ergebnis: Ein Film, der das Lachen in einem gemächlichen Rhythmus gleichzeitig heraufbeschwört und abwürgt. Nahezu genretypisch bildet die Einstellung in Louise Hires a Contract Killer (Louise-Michel) oft die kleinste dramaturgische Einheit. Auftritt, Gag, Abgang, harter Schnitt, Montage und Dramaturgie funktionieren einfach und effektiv. Das ist unterhaltsam und anekdotenhaft, doch das systematische Überschreiten der Grenze in Richtung Zynismus wirkt bisweilen beliebig. So konstruiert ein Hobbyingenieur (Benoît Poelvoorde) nicht nur Michels Waffen, sondern auch kleine Hochhäuser, an Seilzügen lässt er dort Flugzeuge hineinrasen und explodieren. Das ist weder politisch korrekt noch ein Tabubruch – andere Szenen sind bissiger und bleiben länger haften. „Er hat jetzt einen anständigen Job, er ist Immobilienmakler“, erhält Louise als Antwort auf der Suche nach Luigi, Restaurantbesitzer und Ex-Profikiller. Solche kurzen Einwürfe karikieren in diesem Fall nicht nur das filmische Klischee des Auftragsmörders, oft kommentieren sie zusätzlich auf lakonischem Weg gesellschaftliche Stereotype.

Yolande Moreau schafft es in der Rolle der Louise, Albernheit und Absurdität ihrer Figur zeitweise beiseite zu schieben, um die Frage nach ihren Lebensumständen zu stellen. In ihrer Welt, in der Zynismus und Sarkasmus den einzigen Ausweg darzustellen scheinen, bietet Louise Projektionsfläche für positive wie negative Empathie. Moreau füllt diese Rolle vielschichtig aus. Überzeugend spielt sie Louise’ Unbekümmertheit und Ignoranz, mit der diese bis kurz vor der Sprengung in ihrem baufälligen Wohnblock bleibt. Später stellt sie genauso präzise die Entschlossenheit dar, mittellos bis nach Jersey zu reisen, um den Auftragsmord zu vollenden.

Louise Hires a Contract Killer brilliert mit einem bezugsreichen Humor – Lumière, Kubrick oder wieder Kaurismäki –, obwohl die offene (Selbst-)Referenzialität manchmal etwas hölzern daherkommt. Mit einigen Gags und Zitaten scheint der Film Grenzverletzung nur zum Selbstzweck zu betreiben, denn nicht alle Querverweise sind so doppelbödig wie die Szene, in der Produzent Mathieu Kassovitz einen Gastauftritt als verständnisvoller Biohof- und Landhotelbesitzer absolviert und damit auch sein eigenes Image persifliert. Und gerade diese Momente machen besonders viel Spaß.

Quelle: critic.de

Louise Hires a Contract Killer

Originaltitel: LOUISE-MICHEL

Drama, Komödie

Produktionsland: Frankreich
Produktionsjahr: 2008
Produktionsfirma: MNP Entreprise/No Money Prod./arte France Cinéma
Länge: 95 Minuten
FSK: ab 16; f
Erstauffuehrung: 24.9.2009/26.2.2010 DVD/18.1.2012 arte
DVD-Anbieter: Indigo

Darsteller: Yolande Moreau (Louise Ferrand), Bouli Lanners (Michel Pinchon), Benoît Poelvoorde (Guy), Albert Dupontel (Miro), Joseph Dahan (Bestatter), Mathieu Kassovitz (Landwirt), Agnès Aubé (Witwe), Kafka (Flambart), Sylvie van Hiel (Sylvie), Jacqueline Knuysen (Jackie); Produzent: Benoît Jaubert, Mathieu Kassovitz; Regie: Gustave de Kervern, Benoît Delépine; Drehbuch: Gustave de Kervern, Benoît Delépine; Kamera: Hugues Poulain; Musik: Gaëtan Roussel; Schnitt: Stéphane Elmadjian

Quelle: Filmlexikon

Der Ghostwriter

Der Ghostwriter

Originaltitel: THE GHOST WRITER

Literaturverfilmung, Politthriller

Produktionsland: Frankreich/Großbritannien/Deutschland
Produktionsjahr: 2010
Produktionsfirma: RP Films/Runteam/Studio Babelsberg
FSK: ab 12; f
Kinostart: 18.02.2010
Kinoverleih: Kinowelt

Darsteller: Ewan McGregor (The Ghost), Pierce Brosnan (Adam Lang), Kim Cattrall (Amelia Bly), Olivia Williams (Ruth Lang), James Belushi (John Maddox), Timothy Hutton (Sidney Kroll), Eli Wallach (alter Mann auf Martha’s Vineyard), Tom Wilkinson (Paul Emmett), Robert Pugh (Richard Rycart); Produzent: Roman Polanski, Robert Benmussa, Alain Sarde, Henning Molfenter, Timothy Burrill, Carl L. Woebcken, Christoph Fisser; Regie: Roman Polanski; Drehbuch: Roman Polanski; Kamera: Pawel Edelman; Musik: Alexandre Desplat; Schnitt: Hervé de Luze; Vorlage: Robert Harris

Auszeichnungen

Berlin (2010, Beste Regie (Silberner Bär) – Roman Polanski), Europäischer Filmpreis (2010, Bester Film – Roman Polanski), Europäischer Filmpreis (2010, Beste Regie – Roman Polanski), Europäischer Filmpreis (2010, Bester Darsteller – Ewan McGregor), Europäischer Filmpreis (2010, Bestes Drehbuch – Roman Polanski), Europäischer Filmpreis (2010, Bestes Drehbuch – Robert Harris), Europäischer Filmpreis (2010, Beste Musik – Alexandre Desplat), Europäischer Filmpreis (2010, Bestes Szenenbild)

Inhalt

Ein Autor soll als Ghostwriter die Memoiren eines ehemaligen britischen Premierministers überarbeiten, der wegen dubioser Verstrickungen in Menschenrechtsverletzungen ins Kreuzfeuer der Medien geraten ist. Während seiner Arbeit stößt der Ghostwriter auf immer mehr Ungereimtheiten und gerät auch persönlich in Gefahr, als er dunklen Machenschaften auf die Spur kommt. Virtuos zwischen Polit-Thriller und griechischer Tragödie angesiedeltes Krimi-Vexierspiel um die Mechanismen der Macht und den korrumpierenden Einfluss, den sie auf Menschen ausübt. Glänzend gespielt, überzeugend in der Spannungsdramaturgie, pointiert im Einsatz von Humor und Handlungsdetails.

Quelle: Filmlexikon

Mehr dazu bei Thomas

Der Gott des Gemetzels

Gepflegt, vernünftig und kompromissbereit sollen sie den Streit ihrer Kinder beilegen. So will es Penelope (Jodie Foster). Sie zieht uns hinein in den Film, und mit ihr könnte er nach fünf Minuten wieder vorbei sein. Denn die beiden Ehepaare scheinen sich oberflächlich einig genug, um das Schuldeingeständnis des einen Sohnes für die Vergebung des anderen einzutauschen. Das könnte und würde vielleicht klappen, wenn Penelope und Michael (John C. Reilly) mit Nancy (Kate Winslet) und Alan (Christoph Waltz) tatsächlich einen Stellvertreterkampf ausfechten würden. Stattdessen dreht es sich in Yasmina Rezas Stück Der Gott des Gemetzels(Le Dieu du carnage, 2006) und dessen Adaption aber um den Drang nach der gesellschaftlichen Bestätigung des eigenen Lebens. Und so nehmen sich die Protagonisten mit ihrer Sehnsucht nach einer einvernehmlichen Lösung gegenseitig gefangen.

Der Gott des Gemetzels (Carnage) gewinnt als Kammerspiel seine Dynamik aus der wiederholten Verschiebung der Fronten. Erst wird die Linie zwischen den beiden Paaren gezogen, dann kämpft jeder für sich, später verbrüdern sich die Männer, und schließlich schlagen die Frauen gemeinsam zurück. Polanski nutzt das minimalistische Setting einer New Yorker Wohnung ausgiebig, inszeniert das Sittendrama als Beziehungsstück im wörtlichen Sinne, bei dem die ineinandergreifenden Bewegungen der vier Schauspieler als perfekt getimte Choreografie in der geschmeidigen Montage aufgehen. Jodie Foster spielt die von Angst durchdrungene, kontrollierte Buchhändlerin und idealistische Autorin, die sich von den anderen in die Ecke drängen lässt.

John C. Reilly glättet als ihr hemdsärmeliger Ehemann die Wogen und lässt sich vom psychologischen Druck seiner Frau treiben, bis ihn ein Wutausbruch übermannt:

Kate Winslets Investmentbankerin ist die zunächst diskreteste Figur, die in sich geht, die anderen erträgt und mit aller Ruhe, aber bestimmt zurechtweist. Als sie ihre Zurückhaltung ganz physisch verliert und den servierten Kuchen mit nachgespülter lauwarmer Cola erbricht, läutet sie den zweiten Akt und den Verlust aller Contenance ein:

Die Fassaden bröckeln, und nur einer behält seine Coolness, nämlich der, der das ganze Leben als Spiel begreift: Christoph Waltz alias Advokat Alan. Und Waltz spielt alle an die Wand:

Als Anwalt, der einen Pharmakonzern vertritt und gerade parallel zur privaten Krise im Apartment eine rechtliche per Handy managt, erhält Waltz vom Drehbuch die schönsten Retourkutschen. Einen Augenblick minimiert Alan lakonisch die Schadensersatzansprüche leidender Patienten, im nächsten hält er der moralisierenden Penelope Scheinheiligkeit vor. Er zögert keine Sekunde, seinen eigenen Sohn alsmaniac zu bezeichnen, und als Penelope den Wunsch äußert, doch einmal mit diesem zu reden, wünscht er ihr voller Sarkasmus viel Glück. Es ist eine dankbare Rolle für Waltz, … vor allem, weil er den souveränsten Part spielt, der den Fluss des Films immer wieder beherrscht. Und es ist ein wahres Fest, seinem Alan dabei zuzusehen, wie er als ausgewiesener Gläubiger des „Gottes des Gemetzels“ die stocksteife Penelope nahe an den Nervenzusammenbruch bringt, um nur wenig später selbst am Boden zusammenzusacken.

Roman Polanski kann sich bei Der Gott des Gemetzels stark auf die Vorlage verlassen. Das Theaterstück, das 2009 in der Broadway-Fassung mit einem Tony ausgezeichnet wurde, adaptierte Autorin Yasmina Reza zusammen mit dem Regisseur. Vor allem die scharfzüngigen, in alle Richtungen Meta-Ebenen eröffnenden Dialoge und die ertragreiche Grundkonstellation lassen die Begrenzung auf den einen Schauplatz – das erste und letzte Bild ausgenommen – schnell vergessen. Nach seinem letzten, als Politthriller sehr intim anmutenden Film Der Ghostwriter (The Ghost Writer, 2010) geht Polanski hier noch einen Schritt weiter in der Reduktion – weiter auch als in seinem Drei-Personen-Psychothriller Der Tod und das Mädchen (Death and the Maiden, 1994), an den man sich vor allem aufgrund des Kammerspielaspektes erinnert fühlen mag. Auf seine Entscheidung für die Vorlage von Reza lässt Polanski in der Umsetzung zwei naheliegende, aber brillant gelöste Konzentrationsbewegungen folgen: Er setzt alles auf die Inszenierung der physischen Präsenz seiner Darsteller im Raum und auf deren punktgenaue Pointen. Der Gott des Gemetzels wird so zu einer mitreißenden Liebeserklärung an die Kunst des Schauspiels.

Quelle: critic.de

Der Gott des Gemetzels

Originaltitel: CARNAGE

Drama, Literaturverfilmung

Produktionsland: Frankreich/Deutschland/Polen/Spanien/Frankreich
Produktionsjahr: 2011
Produktionsfirma: SBS Prod./Constantin Film Prod./SPI Film Studio/Versatil Cinema/Zanagar Films/France 2 Cinéma
Länge: 80 Minuten
FSK: ab 12; f
Kinostart: 24.11.2011
Kinoverleih: Constantin

Darsteller: Jodie Foster (Penelope Longstreet), Kate Winslet (Nancy Cowan), Christoph Waltz (Alan Cowan), John C. Reilly (Michael Longstreet); Produzent: Saïd Ben Saïd, Oliver Berben, Martin Moszkowicz, Piotr Reisch, Jaume Roures; Regie: Roman Polanski; Drehbuch: Yasmina Reza, Roman Polanski; Kamera: Pawel Edelman; Musik: Alexandre Desplat; Schnitt: Hervé de Luze; Vorlage: Yasmina Reza

Quelle: Filmlexikon

Maigret kennt kein Erbarmen

Jean Gabin verkörperte George Simenons Maigret in insgesamt nur drei Verfilmungen, dennoch gilt er als Inbegriff des Kommissars mit der Pfeife:

Maigret kennt kein Erbarmen

Originaltitel: MAIGRET ET L’AFFAIRE ST. FIACRE

Kriminalfilm, Literaturverfilmung

Produktionsland: Frankreich/Italien
Produktionsjahr: 1959
Produktionsfirma: Filmsonor/Cintel/Intermondia/Pretoria
Länge: 104 Minuten
FSK: ab 12; f
Erstauffuehrung: 16.10.1964

Darsteller: Jean Gabin (Kommissar Maigret), Michel Auclair (Graf von Saint-Fiacre), Valentine Tessier (Gräfin), Robert Hirsch (Lucien Sabatier), Paul Frankeur (Dr. Bouchardon); Regie: Jean Delannoy; Drehbuch: Jean Delannoy, R.M. Arlaud; Kamera: Louis Page; Musik: Jean Prodromides; Schnitt: Henri Taverna; Vorlage: Georges Simenon

Inhalt

Es hätte eine Reise in die eigene Kindheit sein können. Aber für nostalgische Gefühle bleibt Maigret keine Zeit. Auf dem Schloss der Saint-Fiacres in der Auvergne, wo er als Sohn des Verwalters aufwuchs, fürchtet die Gräfin um ihr Leben. Ein Schreiben kündigt für Aschermittwoch ihr Ableben an. Trotz aller Wachsamkeit des Pariser Kommissars tritt die Prophezeiung ein. Jetzt kann Maigret nur noch eines tun: Herausfinden, wie es zum Tod der alten Dame kam und wer dahintersteckt. Verdächtige gibt es zur Genüge. In seiner zweiten Maigret-Verfilmung mit Ausnahme-Mime Jean Gabin schickt Regisseur Jean Delannoy den Kommissar in düster-poetischen Bildern durch eine Welt der Aristokratie, die längst dem Untergang geweiht ist.

Quelle: Filmlexikon und Cinema

Tödlicher Kompromiss

René Bousquet, Familienvater und erfolgreicher Banker, wird 1978 in einer Zeitschrift für die Razzia vom Vél d’Hiv, die Massenverhaftung Pariser Juden im Jahre 1942, verantwortlich gemacht. Mit seinen Zugeständnissen glaubte der damalige Polizei-Generalsekretär, durch die Deportation nichtfranzösischer Juden das Leben der französischen erkaufen zu können.
Für Bousquet beginnt ein Spießrutenlauf: Drohungen, öffentliche Anfeindungen, das Ende seiner Bankkarriere und schließlich die Anklage im Jahr 1991 setzen dem anscheinend unbeugsam von der Richtigkeit seiner Handlung überzeugten Bousquet schwer zu und belasten seine Familie. Gleichzeitig setzt bei Bousquet eine innere Auseinandersetzung mit der Vergangenheit ein, hervorgerufen durch mysteriöse Briefe von Deportierten und eine Unbekannte, die immer wieder auftaucht. Die fremde Dame behauptet, Bousquet zu kennen – seit 1942…

In „Tödlicher Kompromiss“ porträtiert Regisseur Laurent Heynemann mit dem Mann René Bousquet eindringlich das komplexe Thema der Kollaboration, ohne in Klischees zu verfallen. Diese französische Wahrnehmung fügt der deutschen Debatte über Verstrickung in Naziverbrechen einen durchaus neuen Blickwinkel hinzu. René Bousquet ist kein schuldbewusster niedriger Befehlsempfänger, aber auch kein Monster. Bousquet wird aus der Sicht seiner Freunde und Familie dargestellt; er ist ein ganz normaler Mensch – und gerade das ist für den Zuschauer beängstigend.

Tödlicher Kompromiss
René Bousquet ou Le grand arrangement
Fernsehfilm, Frankreich 2006, ARTE F, Synchronfassung, Stereo, Zweikanalton, Erstausstrahlung, 99 Min.
Regie: Laurent Heynemann, Drehbuch: Pierre Beuchot, Antoine Desrosierès, Kamera: Robert Alazraki, Musik: Bruno Coulais, Kostueme: Sylviane Combes, Redaktion: Arnaud Louvet, Schnitt: Marion Monestier; Ausstattung: Emmanuel Sorin; Maske: Brigitte Charoy; Ton: François Maurel, Muriel Moreau, Claude Gazeau, Produktion: Nelka Films, Produzent: Nelly Kafsky
Mit: Daniel Prévost (René Bousquet), Ludmila Mikaël (Unbekannte), Macha Meril (Evelyne Baylet), Philippe Magnan (Louis Bousquet), Michel Aumont (Richter Moatty), Philippe Duclos (Jean-Paul Martin), Dominique Guillo (Guy Bousquet), Yves Gasc (Jacques Saunier), Philippe Laudenbach (Jean Leguay), Erick Desmarestz (François Cathala), Philippe Morier-Genoud (Jean Maxime-Robert), Hubert Saint Macary (Maître Jaffré), Anne Loiret (Marine Anzani), Marc Faure (Yves Cazaux), Marie-Thérèse Arène (Raymonde Bousquet), Alain Feydau (Präsident Indosuez)

Quelle: arte

Letztes Jahr in Marienbad

Im vielleicht berühmtesten aller Anfänge der Filmgeschichte durchfährt die Kamera über vier Minuten lang die Gänge des Hotels, begleitet von der monologischen Litanei des männlichen Protagonisten, der die Einrichtung und den Zierrat des Gebäudes in rhetorischem Überfluss beschreibt. Letztes Jahr in Marienbad ist auch das Monument eines inhaltslos gewordenen kulturellen (Bilder-)Reichtums, das Resnais zu Ehren des Kinos errichtet, ein Film als Bildermausoleum, in dem die Schrift des Vorspanns an Grabsteine erinnert und wo die schwere Orgelmusik, die ein Schüler Olivier Messiaens für den Film komponiert hat, wie der Auftakt zu einer Totenfeier ertönt.Eine Allegorie auf den Tod, der in Gestalt von X die Frau mitnehmen will, eine Variation des Mythos von Orpheus und Eurydike, die Wahnvorstellungen einer an Amnesie leidenden Patientin in einer Psychiatrie oder auch das Trauma einer inzestuösen Vergewaltigung der jungen Frau – die unterschiedlichen Interpretationen des Films bleiben letztlich ein Spiel ohne Grenzen, das der Fantasie des Zuschauers überlassen bleibt und mit dem Film nie abschließend zur Deckung gelangt.

Quelle: critic.de

Ein sperriger Film, dessen Dunkel die „Erinnerungen an Marienbad“ von Volker Schlöndorff ein wenig erhellen. Letztere sehr zu empfehlen! Ein Making-Of, das einen ganz eigenen persönlich Reiz entfaltet.

Wahnsinnig verliebt

Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose ist eine Rose.

Gertrude Stein

„Jeder Mensch träumt doch von der großen Liebe“, sagt Angélique am Ende, „und ich habe eben ein wenig heftiger geträumt.“

Was als romantische Komödie zu beginnen scheint, entwickelt sich schleichend zum Psychodrama. Die Spannung bezieht der Film durch die ungewöhnliche Erzählstruktur: In der Mitte wechselt er plötzlich die Perspektive und erzählt die Geschichte noch mal von vorn aus der Sicht Loïcs. Und dessen Rolle in der Geschichte ist für manche unerwartete Überraschung gut.

„Wahnsinnig verliebt“

(„A la folie … pas du tout“)
Spielfilm, Frankreich 2002
Regie: Laetitia Colombani; Buch: Laetitia Colombani; Kamera: Pierre Aim; Schnitt: Véronique Parnet; Produzent: Charles Gassot
Mit: Audrey Tautou – (Angélique), Samuel Le Bihan – (Loïc), Isabelle Carré – (Rachel), Clément Sibony – (David), Sophie Guillemin – (Héloïse)

Quelle: arte

Happy End mit Hindernissen

Der deutsche Titel trifft es nicht ganz, denn eigentlich erzählt der Film vom Leben nach dem Happy End, „Ils se marièrent et eurent beaucoup d’enfants…“, und den Irrungen und Wirrungen, die sich rund um die sogenannte Midlife Crisis ranken. Drei Freunde, drei verschiedene Lebensentwürfe, viel Ernüchterung und jede Menge Potenzial, den Dingen ihren Lauf zu lassen und damit vielleicht auch alten Träumen neues Leben einzuhauchen. Laissez-faire at its best.

Im Mittelpunkt das Dreamteam Attal/Gainsbourg:

Yvan

Charlotte

„Ils se marièrent et eurent beaucoup d’enfants“

Spielfilm, Frankreich 2003, ARTE F / ARD

Regie: Yvan Attal; Buch: Yvan Attal; Kamera: Rémy Chevrin; Schnitt: Jennifer Augé; Musik: Christian Chevalier, Brad Mehldau; Produzent: Claude Berri, Pierre Grunstein, Nathalie Rheims; Produktion: Hirsch, Pathé Renn, TF1 Films Production
Darsteller: Yvan Attal – (Vincent), Charlotte Gainsbourg – (Gabrielle), Alain Chabat – (Georges), Emmanuelle Seigner – (Nathalie), Alain Cohen – (Fred), Angie David – (Geliebte), Anouk Aimée – (Vincents Mutter), Claude Berri – (Vincents Vater), Aurore Clément – (Mutter der Geliebten), Marie-Sophie Wilson-Carr – (Florence), Stéphanie Murat – (Géraldine), Ruben Marx – (Antoine), Kitu Gidwani – (Mrs. Gibson), Sujay Sood – (Mr. Gibson), Johnny Depp – (Unbekannter)

Small World

Frostig wie die Winterlandschaft ist die Atmosphäre in dem weitläufigen Herrenhaus. Liebe erfriert in der vornehmen Kälte wie drei von Konrads Zehen, als er geistesabwesend durch das Weiße stapft. Gut, dass sieben meine Glückszahl ist, lächelt der wundervolle Konrad. Senil? Wissend? Manchmal glaube ich, Sie spielen nur, vermutet nicht nur seine Krankenschwester. Ein bravouröser Traumtänzer, ein der Welt abhanden Kommender ist Gérard Depardieus Konrad Lang…

…schreibt Lida Bach auf filmrezension.de.


„Small World“

Frankreich / Deutschland 2010

Regie: Bruno Chiche; Darsteller: Gérard Depardieu (Konrad Lang), Françoise Fabian (Elvira), Niels Arestrup (Thomas), Alexandra Maria Lara (Simone), Nathalie Baye (Elisabeth), Féodor Atkine (Scholler), Yannick Renier (Philippe), Olivier Claverie, Anne Benoît u.a.; Drehbuch: Bruno Chiche nach dem Roman von Martin Suter; Produzenten: Nicolas Duval-Adassovsky, Yann Zenou; Co-Produzenten: Amelie Latscha, Felix Moeller; Kamera: Thomas Hardmeier; Musik: Klaus Badelt; Schnitt: Marion Monnier

Man muss mich nicht lieben

„Je ne suis pas là pour être aimé“

„Man muss mich nicht lieben“ ist ein leiser Film, in dem es ganz auf die verstohlenen Blicke, die schüchternen Gesten und versteckten Andeutungen ankommt. Die stacheligen Tangorhythmen und gleißenden Geigen der Filmmusik künden von all jenen Gefühlen, die sich die Protagonisten nicht eingestehen wollen. „Pointillistisch getupftes Kino der verstellten Gefühle, in dem Augenblicke des Schweigens mehr sagen als alle Worte“, so lobte die französische Zeitschrift „Télérama“ treffend Brizés lakonische Studie einer Annäherung zweier verwandter Seelen.

Spielfilm, Frankreich 2004; Regie: Stéphane Brizé; Buch: Stéphane Brizé, Juliette Sales; Kamera: Claude Garnier; Schnitt: Anne Klotz; Musik: Christoph H. Müller, Eduardo Makaroff; Darsteller: Patrick Chesnais (Jean-Claude Delsart), Anne Cosigny (Françoise) u. a.

Quellen: arte und Filmlexikon

Mehr zum Film und ein Interview mit dem Regisseur gibt es hier

Herzen

Mit dem Vollmond kam der Winter zurück. Quasi über Nacht wurde es klar und kalt. Die Überreste der Wolkendecke werden im Osten von der aufgehenden Sonne zusammengestaucht wie ein sich öffnendes Verdeck. Freier Ausblick auf einen stahlblauen Himmel. Mond und Morgenstern leuchten und funkeln um die Wette.

Das astronomische Symbol des Planeten Venus – ♀ – gilt übrigens als stilisierte Repräsentation des Handspiegels der namensgebenden römischen Liebesgöttin. (Quelle: wikipedia)

Das bisschen Schnee könnte auch Sternenstaub sein, so trocken und kryptokristallin ziert er die Wege. Er sieht aus wie der Schnee im Film gestern, „Herzen“ von Alain Resnais. Unaufhörlich blies darin der Schneesturm und hinterließ seine Spuren auf den Schultern der Akteure. Ein weißes Band, das sich durch den ganzen Film zog. Wäre nicht alles so makellos schön in Szene gesetzt gewesen und hätten die Gesichter der Schauspieler nicht so eine vertraute müde Melancholie verströmt, der zynische Blick des Regisseurs wäre womöglich unangenehm aufgefallen. Der Schneesturm hätte auch ein Ascheregen sein können, der feste Rückstand einer sich selbst verzehrenden Feuersbrunst in den Herzen der Menschen. Wie ein Blick auf die ausgebrannten Ruinen von Gotham City wirkte schon die erste Einstellung des Films von einer Pariser Banlieue.

Ein Makler, der dort erfolglos Wohnungen an den Mann und die Frau zu bringen sucht, seine viel jüngere Schwester, die von einem Blind Date zum anderen immer wieder aufs Neue versetzt wird, ein verlobtes Paar, das in seinen letzten gemeinsamen Zügen liegt, ein Barmann, der auf seine eigenen alternden Tage seinen kranken, tyrannischen Vater pflegt. Überhaupt: Die Übermacht der Väter scheint allgegenwärtig. Männer, die in ihrem Schatten stehen, die ihr nicht gerecht werden können. Das selbstgefällige Porträt einer solchen Übermacht hängt sogar im Wohnzimmer des Maklers.

Nur Charlotte scheint autark. Sowohl in ihrer Überzeugung vom Höllenfeuer in jedem von uns als auch in ihrem Glauben an den Erlöser. Und darin wirkt sie keinesfalls bigott. Im Gegenteil: Sie scheint sich im Verborgenen auszuleben, lässt die Funken sogar überspringen, facht die Glut der alternden Herren wieder an. Still und heimlich allerdings. Ihre Botschaft ist fast ein bisschen unheimlich: Kein Mensch kann dem anderen wirklich geben, was er nicht selbst in sich zu entfachen vermag. Und dann gnade ihm Gott…

 

 

Geburtstagsgeschenke

Den Film erstmals im November 2005 auf arte gesehen…

Damals war die Musik von Miles Davis noch ein Buch mit sieben Siegeln für uns, was in dem Zusammenhang gar kein so abwegiges Bild ist. Die Apokalypse nach Johannes nimmt mit dem Öffnen der sieben Siegel an einer beidseitig beschriebenen Buchrolle durch das Lamm Gottes ihren Lauf. Das Brechen des letzten besiegelt sprichwörtlich das Ende der Welt. Sie wird durch sieben Engel mit Posaunen und einem achten mit dem Rauchfass verheert…

(Quelle: wikipedia)

Nun spielte Miles Davis nicht Posaune sondern eine goldene Trompete und sah nicht eben aus, wie man sich gemeinhin einen Engel so vorstellt, aber etwas Apokalyptisches im Sinne einer Offenbarung hat die Beschäftigung mit seiner Musik zwischenzeitlich durchaus gewonnen…

Download Miles Davis, „Generique“

1863-1944

„Bilder vom Leben und vom Tod“

Ich habe die Linien und Farben gemalt, die mein inneres Augen berühren. Ich malte aus dem Gedächtnis, ohne etwas hinzuzufügen, ohne die Details, die ich nicht mehr vor Augen hatte. Daher die Einfachheit der Gemälde – die offenkundige Leere. Ich habe die Eindrücke meiner Kindheit gemalt. Die trüben Farben eines vergangenen Tages.

Edvard Munch