Der Golem, wie er in die Welt kam

Der Film wurde nach dem Sagenkreis um den Prager Rabbiner Judah Löw gedreht.

Judah Löw oder Jehuda ben Bezal´el Löw, bekannt auch als Rabbi Löw oder MHR“L (Abkürzung für Moreinu ha-Rav Loew – Unser Lehrer Rabbi Loew) von Prag (* zwischen 1512 und 1525; † 17. September 1609 in Prag), war ein bekannter Rabbiner, Talmudist, Darschan (hebräisch „Prediger“) und Philosoph des 16. Jahrhunderts.

In einem Ausmaß, wie es vor ihm nur Jehuda ha-Levi tat, setzte sich Judah Löw mit der „Einzigartigkeit“ des Volkes Israel, seiner Mission und seinem Schicksal auseinander. Gott habe Israel aus freiem Willen und nicht aufgrund des Verdienstes seiner Patriarchen erwählt. Deshalb könne die Auserwähltheit Israels nicht davon abhängen, ob Israel den Willen des Allmächtigen erfülle oder nicht. Infolgedessen wird die christliche Behauptung, das jüdische Exil sei Beweis dafür, dass Gott sein Volk verlassen habe, null und nichtig. Er bezeichnet die Wahl Israels als bechira kelalit („allgemeine Wahl“) und die Verbindung mit Gott, welche das Wesen dieser Wahl bildet, als devekut kelalit („allgemeine Hingabe“). Israel bilde die Form, während andere Völker die Materie bilden. Darauf beruhen die Unterschiede im ethischen Verhalten und im Verständnis göttlicher Angelegenheiten. In Israel würden seelische Kräfte vorherrschen, unter den übrigen Völkern physische Kräfte.

In der Prager Josefstadt, dem einstigen jüdischen Viertel, soll Rabbi Löw auch den legendären Golem („den Unfertigen“) dem menschlichen Ebenbild aus Lehm nachgeformt, durch die Zauberkraft der magischen Silbe „Schem“ zum Leben erweckt und zu seinem Diener gemacht haben.

Schem Ha-Mephorasch (שם המפורש ha-Shem ha-mefôrash ‚der Besondere Name‘, auch ha-Shem ha-mejûchad ‚der Spezielle Name‘), auch Schemhamphorasch, ist eine der Bezeichnungen Gottes im Judentum. Es handelt sich um den voll ausgeführten Namen Gottes; das Tetragramm JHWH als „voll ausgeführter Name“ wurde „[s]eit der Zerstörung des Tempels […] vollends tabuisiert, damit allerdings auch Tür und Tor für ‚geheime‘ Spekulationen geöffnet“.

Hast du durch Zauberwort Totes zum Leben erweckt, sei auf der Hut vor deinem Geschöpf. Tritt der Uranus ins Planetenhaus, fordert Astaroth sein Werkzeug zurück. Dann spottet der tote Lehm seines Meisters, sinnet auf Trug und Zerstörung.

Zum Inhalt des Films: Als ein Edikt des Kaisers die Juden zum Verlassen der Ghettostadt auffordert, ist für Rabbi Löw die Zeit gekommen, nach Regeln magischer Überlieferung aus Lehm die Gestalt des Golem zu formen, der zum Retter der jüdischen Gemeinde werden soll. Der kaiserliche Bote, Graf Florian, verliebt sich in Löws Tochter Mirjam. Während der Rabbi zur Audienz bei Hofe weilt, wo er den Golem vorstellt, nutzt Florian die Zeit zu einem Schäferstündchen mit Mirjam. Vor dem kaiserlichen Hofstaat beschwört Löw den Zug der Juden durch die Wüste. Als das Gebot der Stille von einem Mitglied des Hofes durchbrochen wird, schwindet die Vision, die magische Kräfte frei setzt und den kaiserlichen Palast in ein Trümmerfeld zu verwandeln droht. Löws Golem rettet den Kaiser vor dem Verderben. Aus Dankbarkeit verspricht er daraufhin den Juden Schutz. Der Golem hat seine Schuldigkeit getan. Der Rabbi entfernt den Segen spendenden „Schem“, auf dass die Zauberkraft sich nicht gegen die Juden wende. Sein auf Florian eifersüchtiger Famulus aber belebt die Lehmfigur erneut, um seinen Rivalen bei Mirjam auszuschalten. Jetzt entzieht sich der Golem dem menschlichen Willen und droht die Ghettostadt zu zerstören. Noch einmal gelingt es dem Rabbi, die Stadt zu retten, während der Golem das Tor öffnet und in den Kreis spielender Kinder tritt. Ein kleines Mädchen entwindet ihm im Spiel den „Schem“. Seiner Kraft beraubt, fällt die Lehmfigur endgültig zu Boden.

Die phantastischen Bauten im Film stammen von dem Architekten Hans Poelzig (* 30. April 1869 in Berlin; † 14. Juni 1936 ebenda), den vor allem seine Beiträge zur expressionistischen Architektur und zur Neuen Sachlichkeit bekannt machten. Als Bühnenbildner schrieb er mit seinen Bauten für Paul Wegeners „ Der Golem, wie er in die Welt kam“ (1920) Filmgeschichte. Das jüdische Ghetto steht hier für alles Lebendige, Wuchernde, Magische und ist eine Metapher für das Chaos und die geheimnisvollen Kräfte der Natur. Mit der Rabitz-Lehm-Technik (einem Drahtgerüst, durchsetzt mit Stroh und Steinen, das über die Holzkonstruktionen gespannt wurde) errichtete Poelzig 54 Häuser, die das Ghetto wie einen lebendigen Organismus wirken lassen. Nicht nur das angewandte Material, sondern auch die anthropomorphen Bauten tragen dazu bei. Entstanden ist eine Stadt, die der Regisseur Paul Wegener folgendermaßen beschreibt: “Es ist nicht Prag, was mein Freund, der Architekt Poelzig, aufgebaut hat. Sondern es ist eine Stadt-Dichtung, ein Traum, eine architektonische Paraphrase zu dem Thema Golem. Die Gassen und Plätze sollen an nichts Wirkliches erinnern, sie sollten die Atmosphäre schaffen, in der der Golem atmet.” Der Journalist und Kinokritiker Siegfried Kracauer bezeichnete sie als “seelisches Manifest”. Die Stadt verkörpert den Geist der Gotik, den Poelzig als dynamisch, unruhig, leidend, unübersichtlich definiert; Ausdruck einer Lebensauffassung, die auf der Erfahrung von Bedrohung, Chaos und Untergang aufbaut und die nach Transzendenz strebt.

Der Architekt und Maler, der sich leidenschaftlich mit okkulten Wissenschaften, Astrologie und Werken der Mystik auseinandersetzte, war also wie geschaffen, um solch einen Geist im Film aufleben zu lassen. Paul Wegener und Hans Poelzig verband, um Theodor Heuss zu zitieren, “eine kraftvolle Vitalität, breiter Humor, aber auch Gleichgerichtetheit des Geistigen und Seelischen. Beider innere Auseinandersetzung verband sich näher der alten östlichen Welt mit Geheimnis, Mystik, Fantastik als den rationalen Gewissheiten eines sich Selbstsicher gebenden Westens.” Die Golemstadt ist also auch ein Sinnbild der verborgenen gotischen Seele des Architekten Hans Poelzig.

Der Golem, wie er in die Welt kam

Drama

Produktionsland: Deutschland
Produktionsjahr: 1920
Produktionsfirma: UFA (Pagu)
Länge: 87 Minuten
FSK: DVD: ab 12
Erstauffuehrung: 29.10.1920/7.4.1973 WDR (Wiederaufführung)/28.2.2002 arte (Premiere der rest. Fassung)/15.3.2004 DVD
DVD-Anbieter: Universum/UFA (FF, Mono dt.)

Darsteller: Paul Wegener (Golem), Albert Steinrück (Rabbi Löw), Lyda Salmonova (Miriam), Ernst Deutsch (Famulus), Otto Gebühr (Kaiser); Regie: Paul Wegener, Carl Boese; Drehbuch: Paul Wegener, Henrik Galeen; Kamera: Karl Freund; Musik: Hans Landsberger

Quellen: wikipedia, arte, Filmlexikon

Mehr zum Film gibt es hier

Advertisements