Das unsichtbare Mädchen

Dominik Graf bekennt sich mit uneingeschränkter Hingabe zum Fernsehen. Liebesbekenntnisse zum Medium kennt man in solch inszenatorischer Vehemenz wohl sonst nur von den zahllosen Anrufungen der magischen Mächte des Kinos. Man glaubt es dem Münchener, wenn er immer wieder die Bevormundung dieses niemals ganz ernst genommenen Mediums beklagt, ob selbst in Interviews oder im Zwiegespräch mit dem jüngst verstorbenen Autor und Fernsehregisseur Oliver Storz im Porträtfilm Lawinen der Erinnerung (2012).

Fernsehen gemäß Graf ist prä-digital, prä-time-shift, ist ein Medium der Jetztzeit; dement (wer schert sich schon um die Sendungen von anno dazumal?), und mit ungewisser Zukunft. Im Gegenwartsmoment wird hier alles komprimiert, alle Konflikte, alle Stile, alle Bedeutungsebenen. Deshalb haben Grafs Inszenierungen oft etwas Hysterisches an sich, ist jede Szene angefüllt mit tausend widerstreitenden Blicken und Bewegungen, rasenden Menschen, voll von Schall und Wahn. Fernsehen ist ein heterogenes Medium, stets mit einem Bein im nächsten Programm, immer potenziell kontaminiert. Jedes Bild zittert unter dem Damoklesschwert der Fernbedienung. Graf weiß darum, und füllt seine Filme an mit einem Gemisch aus Schund und Genialität, aus Tagesaktuellem und Schon-X-Mal-Gesehenem, bis sie vibrieren.

In seiner jüngsten Arbeit Das unsichtbare Mädchen ist schon die Anlage ein fernsehtypisches Knäuel aus Fakten und Erfundenem, als hätte man von der Tagesschau direkt auf Alarm für Cobra 11 gezappt. Es geht da in Maßen um den wirklichen Fall der 2001 verschwundenen neunjährigen Peggy, bei dem seitens der fränkischen Polizei viel geschlampt und getrickst wurde, um mit dem geistig verwirrten Ulvi Kulaç recht bald einen justiziablen Mörder präsentieren zu können. Eine Leiche ist bis heute allerdings nicht aufgetaucht, dieses Jahr soll der Prozess wieder aufgerollt werden. Im Drehbuch von Friedrich Ani und Ina Jung dient ein Peggy ähnlicher Fall jedoch nur als Sprungbrett, um in wilden Aufwärtsspiralen von der Provinz- zur Landesebene einen schmutzigen Korruptionsfall mitten im bayrischen CSU-Vetternwirtschaftssumpf zu erzählen. Es geht da um Amtsmissbrauch, Pädophilie und den deutschen Sexualtourismus in der nahen tschechischen Republik. Ronald Zehrfeld spielt einen strafversetzten Berliner Polizisten, der in der ostfränkischen Walachei lange vertuschte Geheimnisse aufzudecken versucht.

Man kann sich dabei sicher sein, dass die deutsche Provinz in Dominik Grafs Blick ganz anders erscheint, als man sie sich sonst vorstellen würde. Keine mausgrauen, verschlossenen Dorfköpfe sind hier unterwegs, sondern von ihren Begierden und ihrer Vergangenheit heimgesuchte, hysterische Triebwesen. „Hier trinken alle zuviel“, sagt eine ehemalige Hure dem Polizisten, und fängt dann lasziv zu tanzen an, während er die Wohnung ihrer kurz zuvor erwürgten Nachbarin durchsucht. Eine andere zeigt Schulkindern ihren blanken Hintern, während man auf dem örtlichen Mittelaltermarkt wilder feiert als in den Clubs der Großstädte.

Es ist unfassbar, wie viel Graf in minimaler Zeit verhandeln kann. Wie viele Bedeutungsebenen er zum Beispiel anreißt, wenn da ein leicht sadomasochistisches Polizistenpärchen beim Reden über die schmutzigen Ermittlungen auf dem Schreibtisch zu vögeln beginnt. Er (Ulrich Noethen) ist der machtgeile, diktatorische Sheriff in der Provinz, sie (Anja Schiffel) die gegen ihre Überzeugungen Hingerissene von so viel viriler Rücksichtlosigkeit. Sie ohrfeigt ihn, er grinst manisch und sagt im tiefen Fränkisch: „Und jetzt die andere Wange!“. Dann ein Schnittfeuerwerk aus Zooms und Detailaufnahmen: grinsende Puppenköpfe, ausgestopfte Füchse, eine Ritterrüstung. Nachgezählt! Überhitzte Geschlechterkriege, bajuwarischer Politikklüngel, fränkische Frömmelei, provinzielle Garstigkeit werden hier übereinander gehäuft, rasend schnell, hitzig, ungeschliffen, leicht anrüchig und irgendwo zwischen beißender Parodie, Melo-Porn und Psychothriller. Bei Graf braucht man nicht mehr zappen, er stopft alles in den einen, fiebrigen Jetztmoment.

Auch die unzähligen Überblendungen, die schon in Im Angesicht des Verbrechens auf so eigenartige Weise halb-billig halb-experimentell haben wirken lassen, sind wieder da. Als würde die Zeit nicht einmal reichen, um alles in einen Kader zu drängen, lieber schichtet Graf noch dazu Bilder über Bilder, schafft Doppel- und Dreifachbilder, Vexierbilder. Aber all das ist niemals im kunstbeflissenen Sinne herausfordernd, denn Graf buchstabiert jedes Geheimnis en detail aus. Wer eben erst eingeschaltet hat, wird durch kurze Zeitsprünge mit den schon bekannten Aufnahmen der blau angelaufenen Leiche versorgt, Parallelmontagen verbinden schon früh die Unterhaltung zwischen dem bösen Politiker und dem korrupten Bullen mit einem Stripclub hinter der tschechischen Grenze, zu dem die Handlung erst viel später vordringen wird. Es geht Graf weder um das Whodunit, noch semi-dokumentarische Ermittlungsarbeit, wie sie in amerikanischen Krimiserien zurzeit sehr beliebt ist.

Man verpasst niemals etwas Wichtiges, wenn man nicht alles mitbekommt. Und es ist nachgerade unmöglich, hier alles mitzubekommen. Stattdessen hält Graf seine Zuschauer in einer konstanten Überforderung gefangen, man hechelt dem mit Bedeutung um sich schmeißenden Augenblick immer um Haaresbreite hinterher.

Diese ununterbrochene Zuschauerüberforderung ist eine geniale Konstante in Grafs Filmschaffen. Sie teilt die Zeit wie den Zuschauer entzwei. Während der Bildschirm immer angefüllt ist mit Informationen, die erst leicht zeitverzögert in der richtigen Ordnung im Zuschauerhirn einrasten, ist die Stimmung, sind die Emotion stets kopräsent im Zuschauer wie auf dem Schirm. Deshalb wohl sind alle Figuren so stark überzeichnet, so vollkommen gegen jedes Klischee vom gefühlskalten, analytisch denkenden Deutschen gebürstet. Anders gesagt: Das Herz versteht hier immer etwas schneller als das Hirn. Grafs televisuelles Dauerfeuer treibt uns voran in die Tiefen der Provinz, in die Abgründe der Seele und ins dunkle Herz seiner Kammerflimmerkiste. Die Dunkelheit des Kinos ist schwarz, die Schwärze des Saals, seine Leere. Die Dunkelheit des Fernsehens ist grau, ist die ununterscheidbare Fülle, das Flimmern der Informationen, der Nichtig- und Wichtigkeiten, der widerstreitenden Gefühle. Diese Dunkelheit, die auch eine gesellschaftliche ist, liebt Graf, und an sie führt er seine Zuschauer näher heran als jeder andere deutsche Filmemacher.

Quelle: critic.de

Das unsichtbare Mädchen

Drama, Kriminalfilm

Produktionsland: Deutschland
Produktionsjahr: 2011
Produktionsfirma: Cinecentrum (für ZDF)
Länge: 104 Minuten
Erstauffuehrung: 30.3.2012 arte

Darsteller: Elmar Wepper (Joseph Altendorf), Ulrich Noethen (Wilhelm Michel), Ronald Zehrfeld (Niklas Tanner), Silke Bodenbender (Inge-Maria Kolb), Anja Schiffel (Evelyn Fink), Tim Bergmann (Dr. Kurt Nieberger), Lisa Kreuzer (Lilo Emig); Produzent: Dagmar Rosenbauer, Gloria Burkert, Andreas Bareiss; Regie: Dominik Graf; Drehbuch: Friedrich Ani, Ina Jung; Kamera: Michael Wiesweg, Henrik A. Kley; Musik: Sven Rossenbach, Florian van Volxem; Schnitt: Claudia Wolscht

Inhalt

Der Fall eines vor elf Jahren an der deutsch-tschechischen Grenze verschwundenen Mädchens lässt einen Kriminalbeamten auch nach seiner Pensionierung nicht los. Obwohl sein Nachfolger einen geistig behinderten jungen Mann als Verdächtigen dingfest macht, forscht er weiter nach dem Verbleib des Kindes. In einem jungen Hauptkommissar findet er, trotz erheblicher Gegensätze, einen Verbündeten. Beide dringen tief in die Vergangenheit ein. Dramatischer (Fernseh-)Kriminalfilm, der ganz in seiner niederbayerischen Landschaft verwurzelt ist und von der zögerlichen Annährung seiner Protagonisten lebt.

Quelle: Filmlexikon

Advertisements