Nacht ohne Morgen

Ich mag keine Filme, bei denen man nach zehn Minuten ahnt oder sogar weiß, wie er laufen wird. Sogenannte knackige Expositionen, die schnell eine Filmgeschichte durchstarten lassen, interessieren mich nicht. Man muss als Zuschauer die Möglichkeit haben, sich einem Film zu nähern wie einem fremden Menschen. Bei einer ersten Begegnung erzählt der mir ja auch nicht sein ganzes Leben und seine Hauptkonflikte. Man muss ihn beobachten, ihm zuhören und sich über jedes Detail sein Bild vervollständigen.

Andreas Kleinert

„Im Sommer 92 wurde ein etwa sechzehnjähriger Junge tot im Wald gefunden. Seine Leiche war stark verwest. Er war von einem Auto angefahren worden. Jemand hatte die Leiche im Wald abgelegt.“

Im Totholz entdeckt hatte sie Larissa Brandow, heute Dorfpolizistin in der brandenburgischen Provinz und nicht gerade darauf erpicht, das traumatische Erlebnis aus Kindertagen noch einmal heraufzubeschwören. Dem pensionierten Staatsanwalt und damaligen Ermittler Jasper Dänert lässt der ungelöst zu den Akten gelegte Fall jedoch keine Ruhe.

Dass er nicht mehr lange zu leben hat, erfährt man auch nicht gleich bei der ersten Begegnung. In langen Einstellungen, in denen Kleinert dem Zuschauer gefühlt alle Zeit der Welt lässt, sich der Geschichte anzunähern, blättert er diese auf wie die Seiten eines Buches. Tatsächlich besitzt jede von ihnen Bildbandqualitäten. Von Plakativität aber ist der Film meilenweit entfernt. Dass er tief in die menschliche Seele lotet, sagt einem der erste Blick in Dänerts Augen. Lesen wie in einem offenen Buch lässt sich darin nicht. Dänerts Beweggründe bleiben zunächst eins mit sieben Sigeln, mit denen zu brechen ein langsamer, schmerzhafter Prozess sein wird. Soviel lässt sich immerhin erahnen.

Kongenial kämpft sich auch in Götz Georges Spiel nur ganz allmählich ans Licht, was Dänert in seinem Leben bis dahin unter Verschluss gehalten hat. „Wenn man nicht mehr lange zu leben hat – dann gibt es doch Wichtigeres“, findet Larissa. Der eine mag seine Koffer packen und tatsächlich nach Island, Grönland oder Alaska fahren, der andere die Steigeisen in den eigenen, inneren Eisberg stemmen und sich von der Spitze an abwärts hangeln. Was am Ende eines Lebens wirklich wichtig ist, diktiert vielleicht die Angst, die plötzlich übermächtig in genau dem Raum steht, aus dem sie die längste Zeit ausgesperrt war.

„Das Geständnis ist der erste Schritt zur Rückkehr in die Gemeinschaft“, sagt Dänert. Wie ein Versprechen, das sich nicht mehr einlösen lässt, schwebt der Satz am Ende über den Wassern. Das Eis ist gebrochen und der Schnee, den Larissa so liebt, beginnt leise zu rieseln. Dass er sich wie eine saubere weiße Decke über alles legen wird, vielleicht, aber ungeschehen wird er nichts von alledem machen.

Nacht ohne Morgen

Produktionsland: Deutschland
Produktionsjahr: 2011
Produktionsfirma: Colonia Media (für ARD)
Länge: 90 Minuten
Erstauffuehrung: 30.11.2011 ARD

Darsteller: Götz George (Jasper Dänert), Barbara Sukowa (Katharina Dänert), Fritzi Haberlandt (Larissa Brandow), Jeroen Willems (Christian Färber); Produzent: Sonja Goslicki; Regie: Andreas Kleinert; Drehbuch: Karl-Heinz Käfer; Kamera: Johann Feindt; Schnitt: Gisela Zick

Inhalt

Ein schwerkranker Jurist will vor seinem Tod einen fast 20 Jahre zurückliegenden Mordfall neu aufrollen, an dem er seinerzeit als Staatsanwalt scheiterte. Dabei bedient er sich einer jungen Polizistin, die als Kind die Leiche eines 16-Jährigen fand. Intensives, vorzüglich gespieltes psychologisches (Fernseh-)Kriminaldrama, das trotz des verwickelten Plots wirkungsvoll und bildgewaltig die Tristesse des im ehemaligen DDR-Grenzgebiet liegenden Schauplatzes als Spiegelbild der Verlorenheit seiner Hauptfiguren einbezieht. Die zugrundeliegende Traurigkeit wird von subtilem Humor aufgelockert, während das Schlüsselthema Homosexualität beiläufig und schlüssig einbezogen wird.

Quelle: Filmlexikon

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