They sentenced me to 20 years of boredom oder Schnee, der auf Linden fällt.

Literweise Lindenblütentee trinken und sich von fiebrigen Assoziationen treiben lassen. In die Untiefen des Blogs eintauchen und alte Einträge zutage fördern…

…gefegt vom Lindenbaum, in der Allee, 1 Ästchen grünes Laub 1 Ästchen Lindenbaum, 1 Gedichtzeile womöglich

…und ich liesz meine Arme / Augen emporfliegen zu den Häuptern der Linden welche in 1 Allee in der Strasze, und ihren Duft verströmten…

Friederike Mayröcker

Seit einigen Nächten nun, nur geträumt, logiere ich immer im selben Hotel. Ich checke ein, der Empfangschef weist mir einen Parkplatz zu, dann zerfließt alles in einem Mix aus mehr gefühlten denn konkreten Inhalten…

Der Mond. La Lune. The Moon. Ein Bilderbuchmond. Ein Kinomond. Wie ein Stück Leinwand leuchtend im kreisrunden Lichtkegel eines imaginären Projektors. Durchzogen von einer geheimnisvollen blau-violetten Schwade: der Atemhauch eines eng umschlungenen Paares an einem fernen Horizont oder der feucht-heiße Odem eines einsam heulenden Wolfes. Mühelos liefert der Kopf Bild und Ton zur himmlischen Dramaturgie. Der inszenierte Partyrummel verblasst, verklingt. Ein Vorhang fällt. Dein Film läuft Backstage.

Im Park knistern die letzten Regentropfen im Laub. Die Blütenkelche des Jasmin prangen wie Sterne im dunklen Spalier. Ihr betörender Duft mischt sich mit dem der Lindenblüten, die goldgelben Glöckchen gleich von den Zweigen baumeln. Ein leises Potpourri fernab des ohrenbetäubenden Lärms.

Aus einem Brief Bettina Brentanos an ihren Bruder Clemens:

Die Linden blühen, Clemente, und der Abendwind schüttelt sich in ihren Zweigen. Wer bin ich, daß ihr mir all euren Duft zuweht, ihr Linden? Ach, sagen die Linden, Du gehst so einsam zwischen unseren Stämmen herum und umfaßt unsre Stämme, als wenn wir Menschen wären, da sprechen wir dich an mit unserm Duft.

Ich liebe diesen Duft, auch weil er mich an eine reich bebilderte Geschichte erinnert, die ich als Kind gelesen habe. Sie handelte von einem kleinen Jungen, der sich des nachts auf einer Baustelle herumtreibt, wo die Arbeitsgeräte plötzlich zu mysteriösem Leben erwachen. Irgendwann beginnt es zu regnen. Vollkommen durchnässt findet er sich nach diesem traumhaften Abenteuer in seinem Bette wieder. Am nächsten Morgen ist er krank. Die Mutter kocht ihm heißen Lindenblütentee, von dem gesagt wird, dass er scheußlich schmecke. Kaum zu glauben, wo die frischen Blüten doch so köstlich riechen.

Nie wollte ich so krank sein, dass meine Mutter mir heißen Lindenblütentee würde einflößen müssen, denn bei der Vorstellung, Kamille und Pfefferminze würden einmal nicht mehr ihre Wirkung tun, schauderte mir.

Was wohl die Botschaft dieser Geschichte war? Betreten der Baustelle bei Strafe verboten? Oder: Mach Dir nichts vor, das Leben ist kaum mehr als ein Fiebertraum.

Das Buch dürfte bei einem Umzug auf der Strecke geblieben sein. Merkwürdig: An seinen Titel erinnere ich mich nicht mehr, wohl aber daran, dass es in einem DDR-Verlag erschienen war.

Und dann ist da noch Wilhelm Müllers Lindenbaum: Ich träumt‘ in seinem Schatten so manchen kühlen Traum. Ja, es ist Sommer, und ich höre die Winterreise. Manchmal ist es gut, wenn einer den Finger in die Wunde legt und sagt: „Sieh. Hier. Du blutest.“

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Psychological Portrait

Marcel Sternberger - Diego Rivera and Frida Kahlo - Mexico - 1952
Marcel Sternberger, „Diego Rivera and Frida Kahlo“ (Mexico, 1952)

Today with our smartphones, we are so immersed in images – and selfies – that it seems doubtful that any one image, among so many, might convey some absolute statement of a person’s inner being. And yet it’s tempting to believe that some personal essence might be captured. Of a portrait made by Sternberger, Diego Rivera said it was “the first time I have seen the real me … behind the mask.”

Lucy McKeon on Jacob Loewentheil’s „The Psychological Portrait: Marcel Sternberger’s Revelations in Photography“

Eine schwarze Höhle ist unser Schweigen…

…Daraus bisweilen ein sanftes Tier tritt / Und langsam die schweren Lider senkt. / Auf deine Schläfen tropft schwarzer Tau,

Das letzte Gold verfallener Sterne.

Georg Trakl, „Ellis, wenn die Amsel im schwarzen Wald ruft“

Edouard Manet - Jeanne Duval, Baudelaire's Mistress, Reclining (Lady with a Fan) - 1862
Edouard Manet, „Lady with a Fan“(1862)

Die Dame mit dem Fächer war Charles Baudelaires Geliebte Jeanne Duval. Manet malte sie im Jahr ihres vermuteten Todes – 1862. Sowohl Baudelaire als auch Duval waren an Syphilis erkrankt. Es scheint ungeklärt, wer von beiden tatsächlich zuerst verstarb.

Im Zeitpunkt der Entstehung dieses Bildes war Jeanne bereits erblindet und gelähmt. Zwei schwarze Augenhöhlen, ein ungelenk unter der Krinoline hervorragendes Bein und eine unproportioniert groß und männlich wirkende Hand irritieren den Betrachter. Gleichzeitig quillt das Bild beinahe über von einem Berg aus Tüll, der wie in einem letzten Aufbäumen die Hinfälligkeit des Körpers unter sich begräbt. Halb weht es, halb liegt es kunstvoll drapiert über die Lehne des Canapés, ein zartes Gardinengespinst, dahinter das letzte Gold verfallener Sterne bereits verglüht scheint.

Aufmerksam wurde ich auf das Bild durch einen raffinierten Schnappschuss von Gueorgui Pinkhassov.

Der Tod ist die Kurve an einer Straße

Abbas Kiarostami (* 2. Juni 1940 in Teheran; † 4. Juli 2016 in Paris)

Der Tod ist die Kurve an einer Straße. / Das Sterben entrückt nur dem sehenden Sinn. / Lausch ich, hör ich deine Schritte / Dasein wie ich selber bin.

Die Erde ist aus Himmel geschaffen. / Die Lüge hat kein Geheg. / Niemand ging jemals verloren. / Alles ist Wahrheit und Weg.

Fernando Pessoa

Roads and Rain

Abbas Kiarostami (* 2. Juni 1940 in Teheran; † 4. Juli 2016 in Paris)

It’s said that in the beginning was the word, but for me the beginning is always an image. When I think about a conversation, it always starts with images. And what I love about photography is the inscription of a single moment: it’s completely ephemeral. You take the photograph, and one second later, everything has changed.

Abbas Kiarostami

The Double-Take of Seeing

Robert Frank said, “When people look at my pictures I want them to feel the way they do when they want to read a line of a poem twice.” I’m drawn to this poetic notion of photography, and I think Frank’s idea is what Pinkhassov, too, is after. He tries to foster the double-take of seeing.

Teju Cole

Defocus

I don’t want to see blazing sunsets with every blade of grass and every rock in uber-sharp definition; it’s too much for my eyes! I’d rather get a hint of a place, a glimpse of an atmosphere, and until quite recently when I discovered the work of Chris Friel and others of that impressionist photography genre I had always thought that was outside the remit of photography.

Cath Waters

Little Loss

(1)

ich goss mir den morgen ins glas.
auch die pupille schon flüssig, du warst
ein schnappschuss in meinem kopf.

was hast du? – als müsse man alles
begreifen / den aus der sonne
gelassenen korken, geschosse,

das licht, die berichterstattung.
und gestern schon wissen, was morgen

Sina Klein

Quelle: Fixpoetry

Speak to me of Rivers

I’ve known rivers:

I’ve known rivers ancient as the world and older than the flow of human blood in human veins.

My soul has grown deep like the rivers.

I bathed in the Euphrates when dawns were young.
I built my hut near the Congo and it lulled me to sleep.
I looked upon the Nile and raised the pyramids above it.
I heard the singing of the Mississippi when Abe Lincoln went down to New Orleans, and I’ve seen its muddy bosom turn all golden in the sunset.

I’ve known rivers:
Ancient, dusky rivers.

My soul has grown deep like the rivers.

Langston Hughes, „The Negro Speaks of Rivers“

Liebe

Bei Peoplecheck sucht jemand nach Maria Karl Bobaj und die Maschine spuckt Februar | 2012 | Cool Pains aus. Ich kenne die Dame zwar nicht, und der Sachverhalt hätte mich auch nicht weiter beschäftigt, aber durch ihn bin ich über einen alten Blogeintrag gestolpert:

Liebe

Liebe
liegt in
der Luft, obwohl:
Love is in the
air, klingt auch schön. Ätherischer.
Im Deutschen raubt das t der
Luft die Leichtigkeit. Von Luft und Liebe
könnte man leben, wenn das kleine Klötzchen t
nicht wäre am Bein der Luft. Und das Los
der Leibhaftigkeit, das auch kein leichtes ist, das Leben, hier,
in einem Leib, während die leuchtenden Laken der Lust brach liegen.
Im letzten Licht des Tages liebäugeln sie mit der Leichtigkeit von Worten.

So geschehen, nachdem ich mich den ganzen Tag lang mit Platon rumgeschlagen hatte und noch über das Bett als Bühne bei Hopper und überhaupt in der Kunst nachdachte. Ich könnte eine Serie daraus machen.

Et voilà:

Abbas - Intimacy - 2012
Abbas, „Intimacy“ (2012)

Der Moment aber, aus dem heraus jene Zeilen entstanden sind, lässt sich leider nicht rekonstruieren. Fakt ist, heute würden sie mir nicht mehr einfallen. Während die leuchtenden Laken der Lust brach liegen… das tun sie zwar, keine Frage, vor fünf Jahren jedoch, da glaubte ich noch an den Zahlenwert der von Bowie besungenen magischen Five Years.

Am nächsten Tag dann die Nachricht von seinem Tod… als breche ein Stück eigenes Leben weg. Endgültig. Und für immer.

Excursion into Philosophy

Mark Strand vermag Edward Hopper’s Excursion into Philosophy kaum etwas abzugewinnen. Hopper’s Frau soll einmal gesagt haben, das aufgeschlagene Buch sei Platon, zu spät noch einmal gelesen. Ein Kritiker berichtet, Hopper selbst habe über den Mann die Bemerkung fallen lassen, dieser habe Platon erst recht spät in seinem Leben gelesen. Strand selbst kann nicht erkennen, welchen Schaden es überhaupt anrichten sollte, Platon zu lesen. Und so endet seine Betrachtung mit den Worten:

Das Leben des Geistes gegen das Leben des Körpers? Das Spirituelle gegen das das Physische? Die streng gerunzelten Brauen des Mannes wirken immer mehr übertrieben und das grob gemalte Gesäß der Frau wie ein Witz.

Wieso, weshalb, warum ausgerechnet Platon? Denn auch von jener Spielart der Liebe, die nach ihm benannt und von seelischer Zuneigung geprägt ist, also auf den Respekt vor der Person des geliebten Menschen gründet, ist in Hoppers Bild wenig zu spüren. Philosophie aber, wie Platon sie versteht, ist selbst eine Weise des Eros, ist vom Wesen her Liebe. Der tiefere Sinn der platonischen Liebe besteht in der Überführung des sinnlichen Begehrens in eine höhere Form des Verlangens. Der Eros, wie Platon ihn versteht, ist Streben nach dem Urbild, nach der Idee des Schönen. Das eigentlich Wirkliche im Wirklichen sind nicht die Dinge, die das Schöne verkörpern, sondern jenes Urbild des Schönen, das in ihnen aufscheint. Die Dinge sind nur die Abbilder der Idee und vergänglich. Die Idee selber jedoch währt ewig. Nur, woher stammt das Urbild, das wir immer schon vor Augen haben, wenn wir das Wirkliche erkennen? Platon erklärt ihren Ursprung anhand eines Bildes, das unser Dasein vor unserer Existenz auf Erden beschreibt, die Seelen im Gefolge der Götter oberhalb des Himmelsgewölbes, wie sie die Urbilder alles Wirklichen erblicken:

Zeus, der große Fürst im Himmel, zieht als erster aus, seinen geflügelten Wagen lenkend; er ordnet alles und sorgt für alles. Ihm folgt ein Heer von Göttern und Dämonen. [Ihnen schließen sich auch die menschlichen Seelen an, als Zwiegespann mit einem Wagenlenker. Sie] fahren, wenn sie zur Höhe gekommen sind, hinaus und betreten den Rücken des Himmelsgewölbes. Wenn sie dort anhalten, führt sie der Umschwung herum, und sie schauen, was außerhalb des Himmelsgewölbes ist. [Der Geist] einer jeglichen Seele, die in sich aufnehmen will, was ihr gemäß ist, sieht so von Zeit zu Zeit das Sein. Er liebt und schaut das Wahre, nährt sich von ihm und genießt es, bis der Umschwung im Kreise wieder an dieselbe Stelle zurückgekehrt ist. Während des Umlaufs aber betrachtet er die Gerechtigkeit selbst, betrachtet die Besonnenheit, betrachtet die Erkenntnis… und das übrige wahrhaft Seiende und labt sich daran. Dann taucht die Seele wieder ein in den Bereich unterhalb des Himmelsgewölbes und fährt nach Hause…

Erkennen ist also Wiedererinnern. Dem Schönen kommt dabei eine besondere Bedeutung bei:

…Wenn einer die Schönheit hier sieht und sich dabei an das Wahre erinnert, wird er mit Flügeln versehen, und so geflügelt sehnt er sich danach, sich hinaufzuschwingen. Das aber vermag er nicht. Darum blickt er nur wie ein Vogel nach oben und vernachlässigt, was unten ist. Dann beschuldigt man ihn, er sei wahnsinnig. Das aber ist der beste aller Enthusiasmen. Doch ist es nicht einer jeden Seele leicht, sich von den Dingen her wieder daran zu erinnern: weder denen, die herabgestürzt und dort nur kurz geschaut haben, noch denen, die herabgestürzt und dabei verunglückt sind und sich nun in fragwürdigem Umgang der Ungerechtigkeit zuwenden und das Heilige vergessen, das sie dort geschaut haben. Nur wenigen bleibt eine ausreichende Erinnerung. Wenn diese aber etwas erblicken, was dem ähnlich ist, was sie dort gesehen haben, geraten sie außer sich und sind nicht mehr ihrer selbst mächtig.

Wilhelm Weischedel, „Die philosophische Hintertreppe“

Die Kunsthistorikerin Gail Levin interpretiert Hoppers Excursion in Philosophy so:

Plato’s philosopher, in search of the real and the true, must turn away from this transitory realm and contemplate the eternal Forms and Ideas. The pensive man in Hopper’s painting is positioned between the lure of the earthly domain, figured by the woman, and the call of the higher spiritual domain, represented by the ethereal lightfall. The pain of thinking about this choice and its consequences, after reading Plato all night, is evident. He is paralysed by the fervent inner labour of the melancholic.

Gail Levin, „The Complete Oil Paintings of Edward Hopper“

Studenten der Ohio University, deren Aufgabe es war, ein 2 – 3minütiges Video zu drehen, in dem die letzte Szene sich mit einem Gemälde von Edward Hopper decken sollte, haben Platon kurzerhand durch Faulkner ersetzt:

They say love dies between two people. That’s wrong. It doesn’t die. It just leaves you, goes away, if you aren’t good enough, worthy enough. It doesn’t die; you’re the the one that dies. It’s like the ocean: if you’re no good, if you begin to make a bad smell in it, it just spews you up somewhere to die. You die anyway, but I had rather drown in the ocean than be urped up onto a strip of dead beach and be dried away by the sun into a little foul smear with no name to it, just this was for an epitaph.

William Faulkner, „The Wild Palms“

Am Ende stellt sich mir die Frage, welche Bedeutung es haben könnte, Platon erst spät oder zu spät noch einmal zu lesen.

Portrait of A.

If they don’t see happiness in the picture at least they’ll see the black. – Chris Marker

A magnolia tree in full bloom, X-
rayed by a streetlamp,
pressed against the windowpane
like someone hopped onto the glass
of the office Xerox and hit copy

A magnolia tree in full bloom, winter
in black and white:      cold, grainy air
and your fingers pointing,       Last April
your husband buried
the two halves of a snake         you shot

your new film about a river
that flows backwards
Rivers, did you know,
are measured by a sinuosity index
in opposite corners

of the yard so one half wouldn’t find
Length as crow flies                divided by
length as fish swims      weight
and counterweight. A magnolia,
framed, a shot looking for       its pair.

Tung-Hui Hu

H wie Habicht

Zu einer bestimmten Zeit im Leben erwarten wir, dass die Welt ständig voll von Neuem ist. Dann kommt der Tag, an dem uns bewusst wird, dass das nicht der Fall sein wird. Wir erkennen, dass sich das Leben aus Löchern zusammensetzt. Aus Dingen, die fehlen. Aus Verlusten. Dinge, die einmal waren und nun nicht mehr da sind. Und wir erkennen, dass wir um diese Lücken herum und zwischen sie hineinwachsen müssen, obwohl wir die Hand ausstrecken und dort, wo die Dinge waren, den öden Raum fühlen können, wo jetzt die Erinnerungen sind.

Helen Macdonald, „H wie Habicht“

Das ist nichts für dich, das steht auf der Bestsellerliste, meinte meine Schwester letztens. Um es gleich vorweg zu nehmen: Es handelte sich nicht um dieses Buch. Auf „H wie Habicht“ wurde ich bei Jarg aufmerksam. Im Übrigen stimmt das so nicht. Wenn ein Buch wie dieses, das aus der Zeit gefallen scheint, einen Nerv bei vielen Lesern trifft, finde ich das wundervoll, auch wenn „Ja, wir haben dieses Buch schon oft verkauft“ weder Kriterium noch die Art von Empfehlung ist, die ich mir von einer Buchhändlerin erwarte. Zum Glück stand mein Entschluss schon fest, und der Habicht auf dem Umschlag weckte Erinnerungen an einen vermeintlich gesehenen alten Spielfilm mit Errol Flynn in der Hauptrolle. Als Falkner wohlgemerkt. Nur… in Zeiten wie diesen genügen ein paar läppische Klicks, um die Bilder im Kopf als wilde Mischung aus  „Sea Hawk“ und „The Adventures of Robin Hood“ zu entlarven und herauszufinden, dass Errol Flynn zu Lebzeiten nie einen Falkner gemimt hat. Was ist das Gedächtnis doch für ein mieser Gaukler!

Das alles sagt natürlich nichts über dieses Buch. Die Autorin selbst fasst es so zusammen:

While the backbone of the book is a memoir about that year when I lost my father and trained a hawk, there are also other things tangled up in that story which are not memoir. There is the shadow biography of T. H. White and a lot of nature-writing, too. I was trying to let these different genres speak to each other.

Quelle: The Guardian

Man muss aber weder von Greifvögeln besessen sein noch ein Faible für T. H. White haben, um der Magie von Helen Macdonalds Prosa vom Fleck weg zu erliegen. Die eigenwillige Chronik ihrer Trauerarbeit geht auf jeden Fall unter die Haut.

 

„Sieh näher hin!“

Das folgende Foto kursiert als Selbstportrait von Diane Arbus auf Twitter:

laura_kok-today_i_closed_my_eyes

Es ist ja mal so. Beim Lesen des Artikels „Veränderungen“ bei der Mützenfalterin dachte ich genau an dieses Bild. Tatsächlich ist es ein Selbstportrait der niederländischen Fotografin Laura Kok, das den Titel trägt: „Today I closed my eyes“. Ich musste es etliche Male durch die Suchmaschine jagen, um auf die Urheberin zu stoßen.

Achtung! Hier kommt ein Portrait von Diane Arbus, aufgenommen ca. 1949 von ihrem damaligen Ehemann Allan Arbus:

diane-arbus

„A photograph is a secret about a secret. The more it tells you the less you know.“ Ich weiß nicht, ob Diane Arbus das wirklich gesagt hat, aber es soll wohl heißen: „Sieh näher hin!“

Mein Leben hat das gleiche Kleid und Haar

Mein Leben hat das gleiche Kleid und Haar
wie aller alten Zaren Sterbestunde.

Die Macht entfremdete nur meinem Munde,
doch meine Reiche, die ich schweigend runde,
versammeln sich in meinem Hintergrunde

Rainer Maria Rilke, „Mein Leben hat das gleiche Kleid und Haar“

Can’t be taken away

Imagine you lost everything that really mattered to you, and then you had a dream, and in that dream you found out that you never really lost it, because it can’t be taken away from you. That’s how Vermeer makes me feel.

Michael White, „Travels in Vermeer: A memoir“

Wahrheit oder Pflicht

Hans Aichinger,
Hans Aichinger, „Les Certitude du Réalisme“ (2010)

Ich fühle mich geehrt. Matthias von der Beat Company hat mich nominiert. Und das zu einer Zeit, da mir scheinen will, die Frau, die hier rumwerkelt, verschwindet zunehmend hinter ihren Spiegelbildern. Ich gebe kaum noch Privates von mir preis. Ich folge nur einer Handvoll Blogs. Es geht mir gut.

In mein analoges Leben ist auf leisen Sohlen ein Mensch getreten, den ich anfangs gar nicht bemerkte. Es sind nicht nur die Samtpfoten, die ihn auszeichnen. Es ist wohl seiner Hartnäckigkeit zuzuschreiben, dass er gewartet hat, bis ich ihm eine Tür öffnen konnte. Lange Zeit dachte ich, bis zum Ende meiner Tage würde ich das tiefe Tal nicht mehr verlassen. Und plötzlich fühlt es sich ein bisschen weniger einsam an. Was die Zukunft bringen wird, weiß ich nicht. Dieser Mensch ist wesentlich jünger als ich, und eigentlich weiß ich auch überhaupt nicht, was er bei mir findet. Es gibt diesen Sicherheitsabstand zwischen uns, der sich nicht überwinden ließe, ohne dass ich ihn auf meine grauen Haare, auf meine Krähenfüße oder Lachfalten, kurzum: auf die Tatsache aufmerksam machen müsste, dass ich seine Mutter sein könnte. Nicht dass er nicht wüsste, wie alt ich bin. Jahrgang 1964. Kein Geheimnis. Und obwohl ich mich zuweilen älter fühle als meine Mutter, sehe ich nicht so aus und spüre das junge Mädchen in mir, immer auf dem Sprung, all den verpassten Gelegenheiten nachzujagen, die seinen Weg bis zum heutigen Tage pflastern. Keiner von uns macht Anstalten, diesen Sicherheitsabstand aufzugeben, und selbst das fühlt sich ganz natürlich an. Es ist, wie es ist. Und so, wie es ist, ist es erst einmal gut. Wir sind kein Paar, wir sind Freunde, und das ist so viel mehr, als ich vor geraumer Zeit noch für möglich gehalten hätte in meinem Leben.

Ach ja, worum geht es denn überhaupt? Um den Liebsten Award natürlich. Das Spannende an der ganzen Sache sind manchmal die Fragen. Was machst Du im Leben nach dem Tod? Wie bitte? Träumst du noch oder bist du schon wach, dachte ich, als ich das heute morgen las. Well, „in the morning it was morning and I was still alive.“ So weit, so gut. Darüber hinaus konnte es sich nur um einen Zufall handeln, dass mir jemand ausgerechnet die Frage stellt, die mich seit geraumer Zeit umtreibt. Zufall? Wie immer verweise ich auch diesmal auf Max Frisch.

1. Was machst Du im Leben nach dem Tod?

Nach jetzigem Stand der Dinge werde ich nicht zu den Menschen gehören, die rundum zufrieden auf ihr Leben zurückblicken können, wenn sie auf dem Totenbett liegen. Ich hoffe, es wird mir deshalb nicht schwerer fallen, zu gehen, wenn es soweit ist. Ich glaube auch nicht, dass es ein Leben nach dem Tod gibt. In letzter Zeit denke ich nur manchmal, dass es mich trösten würde, wenn ich glauben könnte, dass sich mir nach dem Tod tatsächlich die Möglichkeit bieten würde, mich für ein weiteres Leben zu entscheiden. Mit etwas Glück würde mir die Gnade eines unproblematischeren Elternhauses zuteil, mein beruflicher Werdegang wäre kein Zickzackkurs, sondern die Entscheidungen lägen klarer und früher auf der Hand, und ich wäre mit genügend Selbstbewusstsein ausgestattet, das zu verwirklichen, wovon ich immer nur geträumt habe. Konkret: Im Leben nach dem Tod arbeite ich, Hauptsache irgendwas, im Bereich Kunst und Kultur, und der Job dient nicht nur dazu, das Dach über dem Kopf und das tägliche Brot zu sichern, ohne jemals Freude zu machen, sondern ist, darunter geht gar nichts, Berufung. Andernfalls kann mir ein Leben nach dem Tod auch gut und gerne gestohlen bleiben.

2. Wen siehst Du, wenn Du morgens in den Spiegel schaust?

Gute Frage an eine, die sich Frau im Spiegel nennt und ein Morgenmuffel ist. Aber ich sehe das oben erwähnte junge Mädchen, das wie jeden Tag schon in den Startlöchern steht. Ich sehe ihr in die Augen und denke: „Here’s looking at you, kid.“ Wenn ich morgens in den Spiegel schaue, sehe ich auch die unverbesserliche Romantikerin in mir, der ich für den Rest des Tages konsequent aus dem Weg gehen werde.

3. Wahrheit oder Pflicht ? (Best of Flaschendrehen)

Ich weiß nicht, ob ich das Spiel überhaupt jemals gespielt habe, deshalb musste ich mich erst einmal schlau machen:

Entweder nach beantworteter Frage bzw. erfüllter Aufgabe oder der Reihe nach oder durch eine Zufallsauswahl (oftmals mittels Flaschendrehen) wird der Befragte, welcher nun „Wahrheit oder Pflicht“ (also eine Aufgabe) zu erfüllen hat, ausgewählt. Dazu muss sich der Befragte zuerst zwischen „Wahrheit“ und „Pflicht“ entscheiden. Bei „Wahrheit“ wird dem Ausgewählten eine Frage gestellt, die er wahrheitsgemäß beantworten muss; bei „Pflicht“ muss der Ausgewählte eine von den anderen Mitspielern auserkorene Aufgabe erledigen. Die Frage oder Aufgabe stellt dabei derjenige, der vorher der Befragte war. Je nachdem, in welchem Alter sich die Spieler befinden, gehen die Fragen und Aufgaben oft in den persönlichen oder intimen Bereich.

Quelle: wikipedia

Hier fällt mir die Entscheidung nicht schwer. Unter welchen Umständen auch immer, ich gebe der Wahrheit den Vorzug. Jede Wahrheit ist besser, als eine Pflicht zu erfüllen, die womöglich lästig ist.

Für den Fall, dass ich mich jetzt auf eine weitere Frage gefasst machen muss: „I am ready, I am fine“, Matthias. Und last but not least: Herzlichen Dank!

Pain & Pleasure

The illusion of knowing has blinded us to the fantastic pain and pleasure of acknowledging that we may know nothing after all.

Amelia Jones

The Human Fate Given A Human Face

…And did this woman, who clearly still
Speaks no English, her head scarf, say, Russian?
A son stands at her side, crop-haired, in clumpy
Shoes. She stares straight forward, reserved, aware,
Embattled. The deep-set eyes say something
About the emptiness of most wishes; and
About her hopes. She knows the odds are poor.
Or, the odds are zero, counted from here.
That past survives its population
And is unkind. Triumph no more than failure
In the longest run ever fails to fail.
Is that the argument against shuffling,
Dealing, and reshuffling these photographs?
They are not mementos of death alone,
But of life lived variously, avatars
Energy, insight, cruelty took – and love.
Variousness: the great kaleidoscope
Of time, its snowflake pictures, form after
Form, collapsing into the future, hours,
Days, seasons, generations that rise up
And fall like leaves, each one a hand inscribed
With fragile calligraphy of selfhood;
The human fate given a human face.

Alfred Corn, „Photographs of Old New York“

Träume

Sie verstehen, was Lacan meint!? Träume müssen auf jeden Fall unrealistisch sein, denn in dem Augenblick, in der Sekunde, in der man bekommt, was man sucht, will und kann man es nicht mehr wollen. Damit man weiterhin existieren kann, sollten die Objekte der Begierde immerwährend abwesend sein. Es ist nicht das Es, das man will, sondern der Traum vom Es. Also unterstützt die Begierde Träume, die verrückt sind. Das meint Pascal, wenn er sagt, dass wir nur wirklich glücklich sind, wenn wir das zukünftige Glück in Tagträumen erleben. Oder wenn wir sagen: Die Jagd ist schöner als das Töten. Oder: Pass auf, was du dir wünscht! Nicht weil man es bekommen könnte, sondern weil man dazu verdammt wäre, es nicht mehr haben zu wollen, wenn man es hätte. Lacans Lehre besagt also, dass man nie glücklich wird, wenn man nach seinen Bedürfnissen leben will. Wahrhaft Mensch zu sein bedeutet, sich zu bemühen, ein Leben zu führen, dass sich nach Ideen und Idealen richtet, und es nicht danach zu bemessen, was man erreicht hat in Bezug auf seine Begierde sondern in Bezug auf die kurzen Momente der Integrität, des Mitgefühls, der Vernunft, ja, sogar der Selbstaufopferung. Weil wir letztlich nur die Möglichkeit haben, die Bedeutung unseres eigenen Lebens anhand unserer Wertschätzung des Lebens anderer zu bemessen.

„Das Leben des  David Gale“

En Route II

1. WITHOUT BAGGAGE

To travel without baggage, sleep in the train
on a hard wooden bench,
forget your native land,
emerge from small stations
when a gray sky rises
and fishing boats head to sea.

2. IN BELGIUM

It was drizzling in Belgium
and the river wound between hills.
I thought, I’m so imperfect.
The trees sat in the meadows
like priests in green cassocks.
October was hiding in the weeds.
No, ma’am, I said,
this is the nontalking compartment.

3. A HAWK CIRCLES ABOVE THE HIGHWAY

It will be disappointed if it swoops down
on sheet iron, on gas,
on a tape of tawdry music,
on our narrow hearts.

4. MONT BLANC

It shines from afar, white and cautious,
like a lantern for shadows.

5. SEGESTA

On the meadow a vast temple –
a wild animal
open to the sky.

6. SUMMER

Summer was gigantic, triumphant –
and our little car looked lost
on the road going to Verdun.

7. THE STATION IN BYTOM

In the underground tunnel
cigarette butts grow,
not daisies.
It stinks of loneliness.

8. RETIRED PEOPLE ON A FIELD TRIP

They’re learning to walk
on land.

9. GULLS

Eternity doesn’t travel,
eternity waits.
In a fishing port
only the gulls are chatty.

10. THE THEATER IN TAORMINA

From the theater in Taormina you spot
the snow on Etna’s peak
and the gleaming sea.
Which is the better actor?

11. A BLACK CAT

A black cat comes out to greet us
as if to say, look at me
and not some old Romanesque church.
I’m alive.

12. A ROMANESQUE CHURCH

At the bottom of the valley
a Romanesque church at rest:
there’s wine in this cask.

13. LIGHT

Light on the walls of old houses,
June.
Passerby, open your eyes.

14. AT DAWN

The world’s materiality at dawn –
and the soul’s frailty.

Adam Zagajewski, from „Eternal Enemies“

translated by Claire Cavanagh

Nähe ist keine Frage der Entfernung

Ganz überraschend wirken in diesem Oevre die Schlafbilder, in denen sich die Fotografin über Nacht selbst beobachtet. Es vergehen Stunden, während derer die Camera, still gestellt und mit geöffnetem Verschluss, die Eindrücke der Dunkelheit nach und nach sammelt und speichert. Erst gegen Morgen wird ihr intimer Blick beendet, der Tag beginnt. Zurück bleiben langsame, friedliche Bilder auf der Grenze zwischen Nähe und Distanz, zwischen Tag und Traum.

Gottfried Jäger in: Karen Stuke, “Die Trilogie der schönen Zeit, oder: Warten macht mir nichts aus!”

Karen Stuke,
Karen Stuke, „Mira“ (aus der Serie „Sleeping Sister“, 2006)

Enfants Terribles

I like to make people a little uncomfortable. It encourages them to examine who they are and why they think the way they do.
Sally Mann

En Route

Wenn das Fenster geöffnet ist,
Vergänglichkeit mit dem Winde hereinweht,
mit letzten Blütenblättern der roten Kastanie
und dem Walzer „Faszination“
von neunzehnhundertundvier,
wenn das Fenster geöffnet ist
und den Blick freigibt auf Flußhafen und Stapelholz,
das immer bewegte Blattgewirk der Akazie, –
wie ein Todesurteil ist der Gedanke an dich,
Wer wird deine Brust küssen
Und deine geflüsterten Worte kennen?
Wenn das Fenster geöffnet ist
Und das Grauen der Erde hereinweht –
Das Kind mit zwei Köpfen,
– während der eine schläft, schreit der andere –
es schreit über die Welt hin
und erfüllt die Ohren meiner Liebe mit Entsetzen,
(Man sagt, die Mißgeburten nähmen seit Hiroshima zu.)

Wenn das Fenster geöffnet ist, gedenke ich derer,
die sich liebten im Jahre neunzehnhundertundvier
und der Menschen des Jahres dreitausend,
zahnlos, haarlos.

Neil Slavin,
Neal Slavin, „Train Corridor – Enroute to Porto, Portugal“

Wem gibst du den zerrinnenden Blick, der einst mein war?

Unser Leben, es fähret schnell dahin als flögen wir davon
und in den Abgründen wohnt verborgen das Glück.

Günter Eich, „Augenblick im Juni“

Sich nicht aus der Hand geben

Beim Lesen des von Iris verlinkten Vorabdruckes eines Textes von Herta Müller in der Welt (aus dem Buch von Henriette Schroeder: Ein Hauch von Lippenstift für die Würde. Weiblichkeit in Zeiten großer Not.) fiel mir insbesondere eine Redewendung auf, die Herta Müller gleich zweimal gebraucht:

Als die Bedrohung ganz schlimm wurde, als es zu Verhören beim Geheimdienst kam und Freunde verhaftet wurden, habe ich besonderen Wert darauf gelegt, mich nicht aus der Hand zu geben. Schminken gehörte dazu. Ich wusste, wenn ich mich nicht mehr schminke, wenn mir das nicht mehr wichtig ist, dann habe ich mich aufgegeben. Ich habe mich auch geschminkt, wenn ich nicht zu einem Verhör ging. Aber wenn ich zu einem Verhör ging, vielleicht noch mehr…

Wenn man sich aus der Hand gibt, dann hat man natürlich keine Würde mehr. Eitelkeit ist vielleicht sogar übertriebene Würde. Oder Würde da, wo man sich etwas beweisen will, wo es nicht unbedingt sein müsste. Ich glaube, dass ich auch beweisen wollte, ich bin intakt. Dem Geheimdienstler, der mich verhörte, wollte ich damit sagen, du hast mich noch nicht fertiggemacht. Ich lass mich nicht unterkriegen. Mit Worten konnte man das ja nicht tun. Das tat dann die Kleidung…

Ein Foto von ihr, täte es an dieser Stelle auch. Um ihren Worten den gebührenden Ausdruck zu verleihen. Obwohl: Wenn etwas keiner Bilder bedarf, dann sind es Worte von Herta Müller. Sie erinnert mich an eine Englischlehrerin, die ich einst hatte. Meta Krupp. Immer, wenn sie vor uns stand, fiel sie den Spottdrosseln der Klasse zum Opfer. Ich mochte sie. Vermutlich weil ich hinter der harten, ja, stählernen Fassade eine beschädigte Frau sah. Und alles, was mit Verletzlichkeit zu tun hatte, zog und zieht mich unwiderstehlich an. Kein Bild von Herta Müller, also, sondern eines aus Cindy Shermans Fashion-Photo-Serie, das mir beim Lesen dieses Artikels in den Sinn kam: die Frau mit den zusammengeballten Fäusten. Dabei gibt es in Cindy Shermans Werk tausend und ein Bild, das an dieser Stelle stehen könnte. Ich habe noch vier ausgewählt aus verschiedenen aufeinander folgenden Schaffensperioden und in chronologischer Reihenfolge angeordnet:

Ich wollte mit diesen Bildern [Centerfolds] auf jeden Fall provozieren, aber es ging eher darum, Männer dazu zu bringen, ihre Annahmen zu überdenken, mit denen sie Bilder von Frauen betrachten. Ich dachte an eine Verletzlichkeit, bei der ein männlicher Betrachter sich unwohl fühlen würde, wie wenn man seine Tochter in einer verletzlichen Lage sieht. […] Mir ist erst später klar geworden, dass es eine Bandbreite von Interpretationen geben wird, die ich nicht kontrollieren kann, und auch nicht kontrollieren will, weil es das für mich interessant macht. Aber ich war verstört, dass man meine Absichten so missverstehen konnte, und deshalb versuchte ich sie in der nächsten Serie [Pink Robes and Fashion Photos] klarer darzulegen.

Cindy Sherman

In einem dieser Chick Flicks, den ich mir die Tage reinzog, steht Diane Lane an der Metzgertheke, und der Verkäufer will ihr statt der verlangten Hühnerbrust gleich ein ganzes Huhn andrehen, woraufhin die Gute ausflippt: „Hör’n Sie, ich bin geschieden, klar, ich esse für gewöhnlich allein, im Stehen, an der Spüle, ich brauche keinen Haufen Hühner!“ Ich weiß nicht genau, was die Szene mit diesem Beitrag zu tun hat, vielleicht, weil ich auch daran denken musste, als ich über Herta Müllers Formulierung „sich nicht aus der Hand geben“ stolperte. Und weil Cindy Shermans Frauenfiguren irgendwie so aussehen, als würden sie, aus welchen Gründen auch immer, für gewöhnlich allein essen, im Stehen, an der Spüle.

Lonesome I

Pál Fejös‘ Lonesome beginnt wie ein Dokumentar- und endet wie ein Märchenfilm. Fast wie im richtigen Leben. Der Rummelplatz verwandelt sich in einen Zauberwald, die Achterbahn in einen bösen Drachen, das möblierte Zimmer in ein Märchenschloss. Und hokus pokus fidibus, schon findet sich der geneigte Betrachter in einem der wundervollsten Filme wieder, die je über die Leinwand flimmerten…

The space between flowers I

If I take small photos, it’s because I want to make them into the matter of memories. And it’s for this reason that I think the best format is one that is held in the hollow of the hand. If we can hold the photo in our hand, we can hold a memory in our hand. A little like when we keep a family photo with us…

I like the idea that photographs are kept and looked at with affection. That is what gives them meaning.

Yamamoto Masao

The Magic Sphere II

„Ich sehe einen Ring“, sagte Bernard, „der über mir hängt. Er bebt und hängt in einer Lichtschlaufe.“

„Ich sehe eine Tafel aus blassem Gelb“, sagte Susan, „die sich verbreitert, bis sie auf einen Purpurstreifen trifft.“

„Ich höre ein Geräusch“, sagte Rhoda, „tschirp, zirp, tschirp, zirp, das auf- und niedersteigt.“

„Ich sehe eine Kugel“, sagte Neville, „die als Tropfen an den riesigen Flanken eines Hügels hängt.“

„Ich sehe eine feuerrote Troddel“, sagte Jinny, „die mit Goldfäden durchwirkt ist.“

„Ich höre etwas stampfen“, sagte Louis. „Der Fuß eines großen Tieres ist angekettet. Es stampft und stampft und stampft.“

Virginia Woolf, „Die Wellen“

Silence has no wings

Kazuo Kuroki, "Silence has no wings" (Film Still, 1966)
Kazuo Kuroki, „Silence has no wings“
(Film Still, 1966)

Erst ein Tag Urlaub und schon zur Nachteule mutiert. Das stört mich so am Arbeitsleben, permanent gegen die eigene innere Uhr ankämpfen zu müssen. Nun plötzlich Zeit. Auch Kafka ist aus dem Häuschen, weil er nicht mit den Hühnern ins Körbchen muss. Weil auch ihm das Fell gezaust wird, wenn ich mir das Haar kämme.

Gestern gegen Mitternacht den Fernseher eingeschaltet und in einem japanischen Film gelandet. Obwohl ich die Geschichte nicht kannte, im Abspann meine Vermutung bestätigt gefunden, dass es sich nur um eine Haruki-Murakami-Verfilmung handeln konnte. Naokos Lächeln. Im Original Norwegian Wood, vom vietnamesischen Regisseur Anh Hung Tran. Gegen Ende, und der Film hatte Überlänge, wurde es ein wenig qualvoll, aber da konnte ich mich schon nicht mehr trennen von den intimen, gemäldegleichen Bildern.

Vordergründig handelt Naokos Lächeln von Liebe, in leisen Zwischentönen erzählt der Film aber von der Unbestimmtheit all dessen, was wir die großen Gefühle nennen. Der Tod ist gewiss, alles andere Utopie. Keine Alternative. Zwischen Nichts und Schmerz wähle ich Schmerz, sagte William Faulkner. Vor dieser Wahl stehen auch Trans Figuren. Er selber sagt: Im Leid kann sich Schönheit verbergen. Und hat eine Sprache gefunden, diese Schönheit zu zeigen.

And when I awoke I was alone
This bird had flown
So I lit a fire
Isn’t it good Norwegian Wood?

Neben diesem Stück der Beatles spielt der Tod natürlich eine Hauptrolle. Eine um die andere Jahreszeit vergeht, wir werden älter, nur die Toten nicht, heißt es am Ende.

In Filmen regnet es immer so schön. Auch in diesem. Heute kaufte ich mir einen türkisfarbenen Regenschirm und machte einen Spaziergang zum Friedhof. Es ist August. Ein Todestag jährt sich. Ich denke an die Durchsage des Bahnhofssprechers: „Ein Zug fährt durch.“ Tatsächlich liegt der Friedhof hier an der Bahnlinie. Das Geräusch des vorbeifahrenden Zuges ging mir damals durch Mark und Bein. Heute dachte ich, Reisende kann man nicht aufhalten. Vögel, Schmetterlinge, Engel muss man irgendwann loslassen…

…in meinen heimlichsten Träumen behalten
werde ich immer das Flügelfalten
das wie eine weiße Zypresse
hinter ihm stand …

Dieser Murakami wird wohl meine Urlaubslektüre werden.

Dinge des Lebens

Michel Piccoli in "Die Dinge des Lebens"
Michel Piccoli in „Die Dinge des Lebens“

Zum ich weiß nicht wievielten Male Die Dinge des Lebens (Les choses de la vie) von Claude Sautet angeschaut. Einer meiner Lieblingsfilme. Nicht wegen des Kette rauchenden Michel Piccoli und der wie immer unvergleichlichen Romy Schneider, nicht wegen seiner technischen und ästhetischen Brillanz, sondern weil ich den Film das erste Mal mit meiner Oma sah. Da war ich noch keine 15.

Ein erfolgreicher Architekt, der in einem ungeklärten Dreiecksverhältnis lebt, wird bei einem Autounfall schwer verletzt und stirbt zwei Stunden später. Während der Fahrt lässt er les choses de son vie Revue passieren.

Ob der Film es tatsächlich vermag, den vermeintlichen Belanglosigkeiten eines Lebens aus der Perspektive des Todes Bedeutung zu verleihen, will ich nicht beurteilen. Für mich schöpft er seinen Wert aus der oben erwähnten Zweisamkeit und allem, was jemals über Leben, Liebe und Tod zwischen meiner Oma und mir ungesagt blieb. All das finde ich ausgesprochen in seinen bewegten Bildern, jedes Mal, wenn sie über den Bildschirm flimmern.

Mikael Persbrandt und William Jøhnk Nielsen in "In einer besseren Welt"
Mikael Persbrandt und William Jøhnk Nielsen in „In einer besseren Welt“

Ein anderer Film, der mich wie lange keiner sehr berührt hat, war In einer besseren Welt (Hævnen) der dänischen Regisseurin Susanne Bier. Eine so feinfühlige wie komplexe Allegorie auf die biblischen Motive von Schuld und Rache. Obwohl der Film darauf verzichtet, eindeutige Antworten zu geben und die Fehlbarkeit für immer in unser Genom implantiert ist, bleibt am Ende eine leise Zuversicht. Es fallen so schöne Sätze wie: „Vom Tod trennt uns nur ein hauchzarter Schleier, und wenn ein Mensch stirbt, der uns nahe steht, hebt sich dieser Schleier für einen kurzen Moment, und wir sehen dem Tod ins Gesicht.“ An den Jungen gerichtet, der den Anblick seiner Mutter nicht vergessen kann. Im Tod sah sie aus wie ein Kind. Als wäre sie nie seine Mutter gewesen. „Bis er wieder fällt, dann wird alles wieder besser.“

Ich habe mich schon als Kind mit dem Tod beschäftigt. Natürlich ohne ihn wirklich denken zu können. Der Tod war einfach eine andere Art von Leben. Ob ich mich selbst darin wiedererkennen würde? Oder wäre Ich dann ein Anderer? Es war dieses Über-sich-selbst-Hinausgehen, das ich mir nicht vorstellen konnte und das mir eigentlich schon ein Leben lang Angst macht. Warum das schon immer so war und woher es rührt, kann ich mir mit Ereignissen in diesem Leben nicht erklären. Ich glaube nichts und halte alles für möglich.

Im Moment lese ich „Eismond“ von Jan Costin Wagner. Eine Empfehlung von Jarg. Es ist wirklich schön:

Er versuchte sich den letzten Moment seines Lebens vorzustellen und den ersten Moment danach, den es nie geben würde.

Er versuchte sich einen Moment vorzustellen, den es nicht gab.

In seinem Kopf summte eine Melodie, die immer wiederkehrte und von der er nicht wußte, woher er sie kannte.

Spezialeffekte

Die blauere Stunde ist die am Morgen. Wenn die Reise eines langen Tages in die Nacht beginnt, die Straßen gesäumt von in sich zusammen gefallenen Häuflein Schnee. Leicht und schwerelos wie Schirmflieger einer Pusteblume zerstreut sich langsam in alle Himmelsrichtungen das Bild des Mondes am Firmament. Der Fahrer plappert pausenlos, doch den Moment kann er mir nicht nehmen. Hauchdünn wie die allmählich verwehenden Dunstschleier ist die Membran, die mich umgibt. So durchsichtig wie das Fensterglas, durch das ich meine Blicke werfe. Hinaus hinaus. Vibrierend im Dröhnen des Automotors, während draußen ein Luftfahrzeug seinen tonnenschweren Rumpf stumm in den blauen Morgenhimmel hievt und doch stillzustehen scheint. Zum Greifen nah und doch so fern. Meilen und Minuten verschmelzen im Standbild des grauen Reaktorblocks, das als Monument für die Manipulation von Raum und Zeit am Horizont gefriert.

DruckwasserreaktorNichts bewegt sich, nur die Nadel auf dem tellergroßen Tacho bohrt sich wie ein Pfeil immer tiefer in den dreistelligen Bereich. Die Zeit zwingt zum Diktat, und ich lese auf, was auf der Strecke bleibt.

Zuflucht hinter der Zeit, so der ursprüngliche Titel eines Romans der österreichischen Schriftstellerin Hannelore Valencak, der dem Film Fenster zum Sommer von Hendrik Handloegten als Vorlage diente. So schön hat noch keiner den Wechsel von Zeit- und Bewusstseinsebenen ins Bild gesetzt. Der wunderbaren Nina Hoss schien ihre Rolle einmal mehr wie auf den Leib geschneidert. Die Süddeutsche schrieb:

Das Science-Fiction-Szenario ist in Fenster zum Sommer ein bloßes Gedankenspiel – der größte Spezialeffekt ist das Wetter, das magische Licht der finnischen Mittsommernächte, und im Kontrast dazu das frostige Grau der Berliner Februartage, die diskret verwirrenden Sirenenklänge des Soundtracks von Timo Hietala beschwören dazu das Unerklärliche. Souverän jongliert Handloegten mit Rückblenden und Erinnerungen, mit verschiedenen Filmmaterialien und Lichtverhältnissen. Zwischen Fakten und Ahnungen, zwischen brutaler Evidenz und fragiler Flüchtigkeit hält er seinen Film in der Schwebe, hier das Krachen eines Unfalls, der den Tod bringt, dort die flüchtige Berührung in einer überfüllten Trambahn, die der Anfang einer großen Liebe ist.

Mich traf der Film jedenfalls mitten ins Herz, und jetzt wird er mich wieder für Tage in einer Art Paralleluniversum gefangen halten. Die Szene vom Unfalltod erinnert im übrigen an die persische Legende, die Gaito Gasdanow in Das Phantom des Alexander Wolf zitiert:

Zum Schah kam einmal sein Gärtner, in höchster Aufregung, und sagte zu ihm: Gib mir dein schnellstes Pferd, ich möchte so weit wie möglich fortreiten, nach Isfahan. Gerade als ich im Garten arbeitete, habe ich meinen Tod gesehen. Der Schah gab ihm das Pferd, und der Gärtner sprengte nach Isfahan. Der Schah ging in den Garten; dort stand der Tod. Er sagte zum Tod: Weshalb hast du meinen Gärtner so erschreckt, weshalb bist du ihm erschienen? Der Tod erwiderte dem Schah: Ich habe das nicht gewollt. Ich war erstaunt, deinen Gärtner hier zu sehen. In meinem Buch steht geschrieben, ich würde ihm heute Nacht weit von hier begegnen, in Isfahan.

Der größte Spezialeffekt ist also das Wetter. Oder um es in Ermangelung eines an dieser Stelle adäquat anknüpfenden Schlusswortes mit Tom Waits zu sagen: That wraps up the weather for this evening. Now back to the eleven o’clock blues.