Der große Gatsby

Die meisten großen Villen am Ufer waren jetzt geschlossen und verriegelt, und mit Ausnahme des schattenhaften, langsam über den Sund gleitenden Schimmers einer Fähre schien fast nirgends Licht. Und während der Mond immer höher stieg, schmolzen die nichtigen Häuser weg, bis ich allmählich die alte Insel gewahrte, so wie sie einst vor den Augen der holländischen Seefahrer erblüht war – die frische, grüne Brust der neuen Welt. Ihre längst gefallenen Bäume, jene Bäume, die Gatsbys Haus weichen mussten, hatten einst flüsternd den letzten und größten aller Menschheitsträume genährt; einen flüchtigen, verzauberten Moment lang muss der Mensch im Angesicht dieses Kontinents den Atem angehalten haben, in eine ästhetische Betrachtung hineingezwungen, die er weder verstand noch gesucht hatte, und zum letzten Mal in der Geschichte schaute er ein für ihn fassbares Wunder.

Und wie ich so dasaß und über die alte, unbekannte Welt nachsann, dachte ich daran, welches Wunder es für Gatsby bedeutet haben musste, als er zum ersten Mal das grüne Licht am Ende von Daisys Steg erblickte. Er hatte einen weiten Weg bis zu diesem blauen Rasen zurückgelegt, und sein Traum muss ihm zum Greifen nah erschienen sein. Er wusste nicht, dass der Traum bereits hinter ihm lag, irgendwo in jener unermesslichen Finsternis jenseits der Stadt, wo die dunklen Felder des Landes unter dem Nachthimmel wogten.

Gatsby glaubte an das grüne Licht, die wundervolle Zukunft, die Jahr für Jahr vor uns zurückweicht. Damals erwischte sie uns, aber was macht das schon – morgen laufen wir schneller, strecken die Arme weiter aus… Und eines schönen Tages…

So kämpfen wir weiter, wie Boote gegen den Strom, und unablässig treibt es uns zurück in die Vergangenheit.

F. Scott Fitzgerald, „Der große Gatsby“

Advertisements

Even memory is not necessary for love.

„But soon we shall die and all memory of those five will have left the earth, and we ourselves shall be loved for a while and forgotten. But the love will have been enough; all those impulses of love return to the love that made them. Even memory is not necessary for love. There is a land of the living and a land of the dead and the bridge is love, the only survival, the only meaning.“

Thornton Wilder, „The Bridge of San Luis Rey“

Die Kleine Bijou

Erwin Blumenfeld, "Sleeping face of Marua Motherwell" (1941)
Erwin Blumenfeld, „Sleeping face of Marua Motherwell“ (1941)

Ich war in einem großen Glaskäfig. Ich habe mich umgeblickt: andere Glaskäfige, bestückt mit Aquarien. […] In den Aquarien schienen Schatten sich zu bewegen, Fische? Ich hörte, stärker und stärker, das Brausen von Wasserfällen. Lange war ich eingeschlossen gewesen in Eis, und jetzt schmolz es und floß weg. Ich fragte mich, was diese Schatten in den Aquarien wohl darstellten. Später wurde mir erklärt, es habe keinen Platz mehr gegeben, und so sei ich in den Saal der Frühgeburten gelegt worden. Noch lange habe ich das Brausen der Wasserfälle gehört, als ein Zeichen, daß auch für mich, von diesem Tag an, das Leben begann.

Patrick Modiano, „Die Kleine Bijou“

Auf weite Sicht

 

Eliza French & Jeff Charbonneau, "Europa" (2010)
Eliza French & Jeff Charbonneau, „Europa“ (2010)

Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts, als wir zunächst die Elektronen und dann auch andere Elementarteilchen des Universums zu manipulieren begannen, war das menschliche Leben einem raschen Wandel unterworfen. Ein Beispiel dafür, wie schnell das alles ging: Noch vor knapp hundert Jahren – bevor Marconi die drahtlose Nachrichtenübermittlung und Edison den Phonopgraphen erfanden – war alle Musik, die jemals auf der Erde gehört worden war, live. Heute ist es nur noch ein winziger Bruchteil: ein Prozent. Der Rest wird elektronisch wiedergegeben oder in den Äther ausgestrahlt, Tag für Tag zusammen mit Billionen Wörtern und Bildern.

Diese Radiowellen verschwinden nicht einfach – wie Licht breiten sie sich aus. Das menschliche Gehirn sendet ebenfalls elektrische Impulse von sehr niedriger Frequenz aus: ähnlich den Radiowellen, die man zur Kommunikation mit U-Booten verwendet, nur sehr viel schwächer.

Auch die Emanationen unserer Gehirne müssen sich, wie Radiowellen, endlos ausbreiten – wohin? Der Raum wird heute als expandierende Blase beschrieben, allerdings ist das nur eine Theorie. Daher ist die Vorstellung vielleicht gar nicht so abwegig, dass unsere Gehirnwellen eines Tages auf geheimnisvollen interstellaren Raumzeitkrümmungen wieder hierher zurückfinden. So könnten unsere Gedanken und Erinnerungen – lange nach unserem Hinscheiden – irgendwann mittels einer kosmischen elektromagnetischen Welle zur Erde zurückkehren, voller Sehnsucht nach der Welt, aus der wir uns selbst vertrieben haben.

Alan Weisman, „Die Welt ohne uns – Reise über eine unbevölkerte Erde“

„I don’t feel good.“

Frida Kahlo, "Portrait of (1931)
Frida Kahlo, „Bildnis Luther Burbank“ (1931)

I don’t feel good, waren die letzten Worte von Luther Burbank am 11. April 1926. Unschwer nachvollziehbar. Wer aber war dieser Luther Burbank. Das fragte ich mich natürlich auch, als ich das erste Blatt meines diesjährigen Kalenders aufschlug. Ich war übrigens so frei, mich beim Verkäufer wegen eines Preisnachlasses aufgrund des bereits angebrochenen Neuen Jahres zu erkundigen. Der winkte ab. Wenn überhaupt, werden Kalender erst ab 15. Januar reduziert, die meisten Verlage rufen ihre bis dahin nicht an den Mann oder die Frau gebrachten Exemplare neuerdings jedoch zurück und stampfen sie ein. Same procedure as everywhere. Erwarb ich ihn also zum vollen Preis inklusive Obolus für die Entsorgung des anstehenden Altpapiers. Es ist zum Auswachsen.

Apropos Auswachsen. Abgesehen davon, dass ich ab und an ein scharfes Chili zubereite, werden in meiner Küche derzeit keine Fiestas à la Frida Kahlo gefeiert. Ihr Bildnis Luther Burbank, seines Zeichens US-amerikanischer Pflanzenforscher bzw. -züchter, geboren 1849 und gestorben, wie bereits erwähnt, 1926, ziert die weiße Wand dafür um so mehr. Inspiriert  von Charles Darwin hatte er sich die Pflanzenauslese durch Selektion und das Kreuzen neuer Sorten zur Lebensaufgabe gemacht. Burbanks Arbeit führte 1930 schließlich zur Einführung eines Gesetzes über die Patentierbarkeit von Pflanzensorten.

Wikipedia schreibt:

Luther Burbank war zu seiner Zeit unglaublich populär, ein Star im Bereich der Botanik und Pflanzenzüchtung. Er galt als „Pflanzenzauberer“. Noch heute bedeutet das Verb „to burbank“ so viel wie Verändern und Verbessern von Pflanzen, und die Kartoffelsorte „Burbank“ zählt zu den wichtigsten auf dem US-Markt.

In einem Zeitungsinterview kurz vor seinem Tod ließ Burbank verlauten, er glaube nicht an die Unsterblichkeit der Seele.

Auf ihrem Portrait von 1931 zeigt ihn Frida Kahlo als Hybriden, halb Mensch halb Baum, der in seinem toten Körper wurzelt. The fertilization of life by death… ein Thema, das auch in ihren späteren Bildern immer wieder auftauchen sollte.

Ich schätze mal, Luther Burbank hätte es gefallen.

Ein Spiel und ein Zeitvertreib

Schweigen. Ein Schweigen, das auch über mein Leben gekommen ist, ich habe nichts dagegen, das einzugestehen. Es sind nicht die großen Plätze Europas, die mir trostlos erscheinen, sondern die Myriaden von kleinen Städten, die sich fest gegen den Reisenden verschließen, Städte, die so still sind wie die Landschaft selbst. Die Läden der Häuser sind alle zugezogen. Nur gelegentlich kriecht eine Spur Licht hervor. Die Felder werden dunkel, Schwalben schießen über ihnen dahin. Ich fahre schnell durch diese Städte. Bevor der Abend kommt, bin ich wieder draußen, bevor das Neon der Kinos angeht, vor den einsamen Abendessen. Ich verbringe nie eine Nacht in ihnen.

Aber natürlich ist Dean in einem Sinne nie gestorben – seine Existenz ist über solche Zufälle erhaben. Man braucht Helden, und das heißt, daß man sie sich schaffen muß. Und sie werden durch unseren Neid, unsere Treue real. Wir sind es, die ihnen ihre Majestät geben, ihre Macht, die wir selbst nie besitzen könnten. Und sie wiederum geben uns etwas davon zurück. Aber sie sind sterblich, diese Helden, genau wie wir es sind. Sie halten nicht für immer. Sie verblassen. Sie verschwinden. Sie werden zurückgelassen, vergessen – man hört nichts mehr von ihnen.

Was Marie-Anne angeht, sie lebt jetzt in Troyes oder hat dort gelebt. Sie ist verheiratet. Wahrscheinlich hat sie Kinder. Sie gehen sonntags spazieren, das Sonnenlicht fällt auf sie. Sie besuchen Freunde, reden, gehen abends nach Hause, tief in dem Leben, das, wie wir alle finden, so ungemein erstrebenswert ist.

James Salter, „Ein Spiel und ein Zeitvertreib“

Die Arbeit der Nacht

Glück, das war auch, als kleines Kind im Kinderwagen umhergeschoben zu werden. Den Erwachsenen zuzusehen, ihren Stimmen zu lauschen, viele neue Dinge zu bestaunen, begrüßt und angelächelt zu werden von fremden Gesichtern. Dazusitzen und zugleich zu fahren, etwas Süßes in der Hand, und die Beine von der Sonne gewärmt zu bekommen. Und vielleicht einem anderen Kinderwagen zu begegnen, dem Mädchen mit Locken, und aneinander vorbeigeschoben zu werden und sich zuzuwinken und zu wissen, das ist sie, das ist sie, das ist die, die man lieben wird.

Thomas Glavinic, „Die Arbeit der Nacht“

Sand

Er spürte, dass er bis zu diesem Moment geglaubt hatte, unsterblich zu sein. Er schlang sich die Kette um den Hals. Er drückte das Gesicht in den Schlamm. Er schlug die Stirn gegen die Eisenstange. Mit einem Schrei tauchte er wieder auf. Er schrie den Namen, der ihm schon die ganze Zeit auf der Zunge gelegen hatte. Jetzt hallte er von den Wänden wider ins Nichts.

Wolfgang Herrndorf, „Sand“

Vermutlich ist es der Name der platinblonden Frau, den sich der Mann ohne Gedächtnis im Angesicht des Todes von der Seele schreit und der von den Wänden widerhallt ins Nichts. Ein Nichts, das die Liebe nicht zu besiegen vermag. Nicht dass ich es nicht geahnt hätte. Liebe, Schönheit, alles was einem ein Tüpfelchen Trost verspricht im Leben, am Ende liegt alles in Schutt und Asche:

Er hob seine Schaufel hoch wie ein Priester die Bundeslade, zeigte sie den Ungläubigen und schob den ganzen Schamott den Hügel hinab.

Man könnte tatsächlich zum Ungläubigen werden im Angesicht von so viel, ja, Zynismus? Wenn es nicht ein Buch wäre. Eine Art existentieller Thriller, ein bisschen Quentin Tarantino, ein bisschen Nihilismus, schrieb Gian Snozzi. Und in der Tradition der Klassiker unter den Detektiv- und Spionageromanen. Zuweilen wähnte ich mich auch in einem Science-Fiction-Roman à la Philip K. Dick. Wie man all diese Anklänge unter seinen eigenen Hut bringen und die Spannung auf 470 Seiten ununterbrochen aufrecht erhalten kann, das bewundere ich zutiefst.

Atempausen waren mir jedenfalls bis zum Schluss keine vergönnt. Ein Tüpfelchen Trost auch nicht.

Die Schwerelosen

Ich möchte nichts hören, das Lied vom Nichtssehen. In der leeren Finsternis höre ich neben mir das leise Lachen, ein fröhlicher Hauch, ein Baby. Ich spüre, wie das Laken, das mich bedeckt, sich hebt, die Hitze des Zimmers eindringt und mein Körper geschüttelt wird, höre die aufgeregte Stimme eines Jungen, die an mein Gesicht schlägt:

Gefunden!

Valeria Luiselli, „Die Schwerelosen“

Es geht uns gut

Gleich wird Philipp auf dem Giebel seines Großelternhauses in die Welt hinausreiten, in diesen überraschend weitläufigen Parcours. Alle Vorbereitungen sind getroffen, die Karten studiert, alles abgebrochen, aufgeräumt, auseinandergezerrt, geschoben, gerückt, gerüstet. Er wird reisen mit seinen Gefährten, für die er ein Fremder ist und bleibt, gleich geht es dahin auf den wenig stabilen Straßen der ukrainischen Südsee, gleich geht es dahin durch Moraste und über Abgründe. Er wird von den Dieben verfolgt sein, die ihn schon sein Leben lang verfolgen. Aber diesmal wird er schneller sein. Er wird den Löwen und Drachen auf den Kopf treten, singen und schreien (schreien bestimmt) und ungemein lachen (ja? sicher?), den Regen trinken (schon möglich) und – und über – – – über die Liebe nachdenken.

Er winkt zum Abschied.

Arno Geiger, „Es geht uns gut“

Vom Ende einer Geschichte

Du kommst ans Ende des Lebens – nein, nicht des Lebens an sich, sondern von etwas anderem: das Ende jeder Wahrscheinlichkeit einer Änderung in diesem Leben. Du darfst lange innehalten, lange genug, um die Frage zu stellen: Was habe ich sonst noch falsch gemacht? Ich dachte an eine Gruppe junger Leute auf dem Trafalgar Square. Ich dachte an eine junge Frau, die einmal im Leben tanzte. Ich dachte an das, was ich jetzt nicht wissen und verstehen konnte, an alles, was niemals gewusst oder verstanden werden konnte. Ich dachte an Adrians Definition von Geschichte. Ich dachte an seinen Sohn, der das Gesicht in ein Regal mit extraweichem Toilettenpapier drückte, um mir zu entgehen. Ich dachte an eine Frau, die unbekümmert und unachtsam Spiegeleier briet und sich nicht daran störte, dass eines davon in der Pfanne zerlief; dann an dieselbe Frau, später, die unter einer sonnenbeschienenen Glyzinie eine verstohlene, waagerechte Geste machte. Und ich dachte an eine anbrandende, mondbeschienene Welle, die vorüberrollte und stromaufwärts verschwand, von einer Bande johlender Studenten verfolgt, deren Taschenlampenstrahlen sich im Dunkeln kreuzten.

Da ist Akkumulation. Da ist Verantwortung. Und darüber hinaus herrscht Unruhe. Es herrscht große Unruhe.

Julian Barnes, „Vom Ende einer Geschichte“

Soutines letzte Fahrt

Als ich endlich beim Grab des Peruaners angekommen war, kritzelte ich mit einem Bleistiftstummel auf die Rückseite zweier Einkaufscoupons aus dem nahegelegenen MONOPRIX. Ich hatte nichts anderes dabei, konnte die Hosentaschen noch so lange umdrehen. Babel, das nackte Jahr, Sertürners Mohnsaft. Keiner kann anders als er ist. Am Himmel über Montparnasse steht als geißelgetriebenes Gestirn Helicobacter pylori. Wer der Kindheit entkommt, darf kein Paradies erwarten. A mentsch on glick is a tojter mentsch. Die einzige Erlösung gibt es nicht. Die einzige Lösung ist die Farbe. Sie ist die letzte mögliche Religion. Nein, ich hatte mich verschrieben: Rebellion. Ihre roten Heiligen sind: Zinnober, Karmesin, Drachenblut, Roter Ocker, Indischrot, Marsrot, Pompejanischrot, Purpur, Amarant, Kirschrot, Krapprot, Rubin, Inkarnat…

Ralph Dutli, „Soutines letzte Fahrt“

Famous last words

Die Logik der Zusammenhänge bot sich so sonnenklar an, dass es für Alfred unglaubwürdig schien, es sollte in den vielen bürgerlichen Wiener Wohnungen, wo heute Bilder über Klavieren hingen und wo mit altem Silberbesteck gegessen wurde, nicht tagtäglich zumindest eine kleine Provenienzdiskussion geben. Sein eigener Beruf konfrontierte ihn jeden Tag mit derselben Frage: Wem hat das früher gehört? Wo hatten es die Großeltern oder Eltern her? War nicht er selbst einer der konzessionierten Weißwäscher der Vergangenheit? Er kaufte und verkaufte Gegenstände, deren Herkunft er nie wirklich feststellen konnte. Die ganze Welt war übersät mit Objekten, die irgendwelchen Menschen irgendwann einmal etwas bedeutet hatten. Dann hatten sie sich davon getrennt. Niemand trennte sich leichten Herzens von etwas. Heranwachsende Kinder wollen Spielzeug viel länger behalten, als sie es verwenden. Erwachsene hängen an Dingen. Entweder verbindet sie mit dem Objekt eine gemeinsame Geschichte oder das Ding (an sich) bereitet ihnen Freude beim Betrachten. Wenn es zum Bruch kommt zwischen den beiden, sei es durch einen tatsächlichen irreparablen Schaden oder durch Trennung, dann entsteht Schmerz. Alfred war davon überzeugt, dass der immaterielle Wert eines Gegenstands, der immer wieder von Experten anhand allerhand kunsthistorischer Messlatten erhoben und auf Auktionen neu bestätigt oder widerrufen wurde, eben im Versuch der Bemessung dieses akkumulierten Trennungsschmerzes lag. War das der Grund, weshalb sehr alte Dinge besonders wertvoll waren?

Josef Brainin, „Der Staubleser“

Alfred ist wirklich ein feiner Mensch, so fein, dass meine Sympathie für diese Hauptfigur mich auch gegen Ende das Buch nicht aus der Hand legen ließ, als dem Autor, das muss ich mir leider widerwillig eingestehen, die letzte Prise Luft ausgeht. An Alfred liegt es nicht, dagegen verwehre ich mich. Auch gibt es viele schöne Gedanken in diesem Roman, wohlformuliert und anregend. Brainin kommt aus der IT-Branche und so „setzt er das präzise Beschreiben von Zuständen und Prozessen mit einer anderen Sprache und anderen Inhalten fort.“ Das stimmt. Nur der Plot hinkt am Ende halt ein wenig. Ein schöner Schlusssatz wäre gewesen: „Ach, Alfred, zu Hause ist dort, wo dir deine Mutter gezeigt hat, wie man einen Apfelstrudel macht.“ Aber ich ertappe mich immer wieder dabei, meinen persönlichen Schlussstrich unter einen Roman zu ziehen und das nicht selten Seiten vor Anbruch des letzten Kapitels. Martin Walser sagte in einer Lesung, er wähle seine Bücher immer nach dem letzten Wort. In seinem „Dreizehnten Kapitel“ war es das nach seinem augenzwinkernden Dafürhalten wundervolle Wort „Knie“. Nun: Walsers Anspruch dürfte einer sein, der nur sehr schwer zu erfüllen ist.

Postcard from SR

Vielleicht liegt es auch bloß daran, dass mir selbst der Wind in den Lesesegeln dieser Tage manchmal ausbleibt. Zum ersten Mal seit Jahren ließ ich mein allabendliches Leseritual gestern fahren und löschte einfach nur das Licht. Sättigungsgrad 200%. Ich verweigere mich: der Postkartenidylle im Städtchen, die wirkt wie die perfekt inszenierte Illusion eines Gauklers, während nur ein paar Meter weiter das aufgedunsene Corpus des Flusses seines Inhalts nicht mehr Herr wird und die Kakophonie aus dröhnenden Rotoren und heulenden Sirenen sich nicht weghören lässt. Um den Wasserstand leibhaftig in Augenschein zu nehmen, müsste ich bloß ein Stück die Gasse runter. Dann könnte ich wenigstens meinen Beitrag leisten zum Katastrophen-Small-Talk. Aber gegen den Widerwillen ist kein Kraut gewachsen. Man könnte meinen, ich hätte ein kaltes Herz.

„Zone de Silence“ nennt sich die kleine Fotostrecke der französischen Fotografin Karin Crona, die schreibt:

Everybody knows it, but it is almost impossible to define. Pain does not exist as such, but only to the extent that our brains makes us aware of it. The experience is subjective and complex; no one else is able to share in what we feel. Pain is also how we survive, a signal that something is wrong, a warning that drives us to seek relief. Pain interests me because it can both define and destroy us. We can inflict pain on others to demonstrate our power over them, or inflict pain on ourselves in an attempt to give meaning to what we feel and suffer.

Gefällt mir. Immerhin bin ich über diesen Umweg auf den Chilenen Sergio Larrain gestoßen. Und wieder schließt sich ein Kreis.

Die Sonne war der ganze Himmel

Und dann erblickte ich Murph, wie ich ihn zuletzt gesehen hatte, doch er war schön. Seine Wunden waren nicht mehr so grässlich, seine entstellten Züge von einem Schimmer der Ewigkeit überzogen. Die träge Strömung des Tigris zog ihn aus Al Tafar, sein blasser Körper wurde von glubschäugigen, dicht unter der Wasseroberfläche schwimmenden Geschöpfen gesäubert. Er war noch unversehrt, als ihn das aus dem Zagros-Gebirge kommende Tauwasser weiter flussabwärts schwemmte, er blieb unversehrt, während er durch die Wiege der Welt trieb, die erst frühlingshaft grünte und danach zu Staub wurde. Zwei Soldaten ruhten zwischen Schilf und Binsen, einer schlief, der andere erspähte den Toten im Fluss und rief ihm etwas zu, ohne zu ahnen, dass Murph ein Kamerad gewesen war, im Glauben, dieser wäre einem anderen Krieg zum Opfer gefallen, einem, in dem er nicht kämpfte, rief er: „Hasta la vista, Scheißkerl!“, und seine in der Hitze wie Gesang klingende Stimme weckte seinen Freund, doch der Tote, dem sein Ruf gegolten hatte, war jetzt nur noch ein Skelett, das Fleisch mitsamt allen Wunden verschwunden. Im Sommer trieb er aus dem Tigris in den Schatt al-Arab, wo ihn ein Fischer versehentlich mit der Stake seines Kahns streifte. Und ich sah, wie Murphs sterbliche Überreste beim Eintritt in den Persischen Golf endgültig auseinanderbrachen – die Schatten der Dattelpalmen fielen lang und dunkel auf seine Knochen, die in das Meer hinausgezogen wurden, und die Wellen, in die seine Gebeine eintraten, brechen sich bis in alle Ewigkeit.

Kevin Powers, „Die Sonne war der ganze Himmel“

Dieses Buch wäre wahrscheinlich an mir vorüber gegangen, hätte ich nicht ein Interview mit dem Autor und etwas in seinen Augen gesehen, das mich berührte.

Powers, der selbst ein Jahr im Irak stationiert war, erzählt in seinem Roman, was der Krieg mit ihm gemacht hat. Ideologische Auseinandersetzungen finden keine statt. Dafür hat man in jeder Zeile das Gefühl, hier weiß einer, wovon er schreibt und hat noch dazu eine Sprache dafür gefunden. Das ist das eigentlich Faszinierende an diesem Buch. Powers gelingt auf wundersame Weise, was in meinen Augen kaum ein Film zustande bringt: in  bildhafte Worte zu kleiden, was ein Mensch fühlt, der sich in diesem Ausnahmezustand „Krieg“ wieder findet. Dazu bedarf es keiner aufwändigen Schilderung von Schlachtgemetzeln. Die kennt man. Aber wie es tief in einem aussieht, wenn er das ganze Elend überlebt, davon hat noch kaum einer so erzählt, wie Powers es tut. Und dabei bin ich ihm gerne gefolgt.

Aus der Kälte

Er starrte um sich wie ein geblendeter Stier in der Arena. Als er zu Boden ging, sah Leamas ein kleines Auto, das zwischen riesigen Lastern zermalmt wurde, das Fenster voll fröhlich winkender Kinder.

John le Carré, „Der Spion, der aus der Kälte kam“

Was für ein genialer Plot. Le Carré lässt den Leser im Angesicht jenes vermeintlichen „Spiels“ der Geheimdienste einen Blick in den schwärzesten und bittersten Bodensatz menschlicher Existenz werfen, den man sich nur vorstellen kann. Irgendwann begreift auch der Naive, dass jeder Wendung noch eine potentielle folgen könnte und noch eine und noch eine. Keine Identität ist das, was sie zwischendurch zu sein scheint. Und zum Schluss fällt es einem wie Schuppen von den Augen: Aus dieser Kälte führt kein Weg zurück, wenn man als Agent erst das Stigma eines menschlichen Makels trägt. Sowohl die Geschichte funktioniert – als nach wie vor superspannender Spionagethriller – als auch der Kalte Krieg als zeitlose spiegelglatte Folie für den ewig eisigen Untergrund, in dem die darin agierenden Dunkelmänner ihre frostigen Fäden ziehen.

T. las dieses Buch im September, und ich bereue heute, wie man so vieles im Nachhinein bereut, dass ich nicht damals schon danach gegriffen habe. Unsere letzte gemeinsame Lektüre waren die Märchen, davor Philip Roth, „Das sterbende Tier“. Und wie so vieles einem in der Rückschau als sich selbst erfüllende Prophezeiung erscheint, so auch jene, kurz vor der todbringenden Diagnose.

Und ich frage mich heute, warum wir über le Carré nicht gesprochen haben. Vielleicht weil es all die anderen Dinge zu bereden galt, über denen noch viel mehr ungesagt blieb. Bis die Worte gänzlich versiegten, vielleicht weil sie vor einem gehen müssen. Am Ende zündete ich ihm seine Zigaretten an und reichte sie ihm, stumm, als wäre eine jede schon die letzte gewesen. Und als hätte all das, was wir noch zu sagen gehabt hätten, viel viel länger gedauert.

Das Kindermädchen

Mit meiner Mutter und Hüthchen fuhr ich öfter nach Reinickendorf. Manchmal spielten wir auch Bridge miteinander. Ich blieb dann gerne noch etwas länger. Und wenn wir die zweite Flasche Eierlikör köpften, fingen sie an zu erzählen. Dann leuchteten ihre Augen, und sie kicherten wie junge Mädchen. Ich merkte, dass Zuhören das beste Aufputschmittel ist. Nicht bei einem selbst. Aber bei denen, die erzählen.

Elisabeth Herrmann, „Das Kindermädchen“

Zeugin der Toten

„Ich will das Grab.“

Er drehte sich zu ihr um und sah sie an. „Sie bekommen es. Ich verspreche es Ihnen.“

Judith griff in ihre Tasche, holte die Florena-Dosen hervor und gab sie ihm. Winkler öffnete eine und machte sie sofort wieder zu.

„Es gibt einen verrückten Copyshop in der Silbersteinstraße“, sagte sie. „Die scannen, digitalisieren, duplizieren… Da war ich gestern. Wenn ich merke, dass Sie wieder mal die Kleinen hängen und die Großen laufenlassen…“

„Keine Sorge“, sagte Winkler schnell. Er betrachtete die Dosen immer noch mit einem Blick, als könnte er nicht glauben, was er gerade in der Hand hielt. „Danke.“

Er stieg aus, überquerte die Brücke und verschwand im Bahnhof. Judith wickelte das Päckchen aus. Es war ein MP3-Player. Sonst nichts. Sie wendete den Wagen und ordnete sich hinter dem Kurfürstendamm Richtung Avus ein.

Das erste Lied, das sie hörte, war von Edith Piaf und hieß „Parlez-moi d’amour“.

Sie verließ die Avus an der nächsten Ausfahrt, wendete und fuhr die Stadtautobahn hoch Richtung Prenzlauer Berg.

Elisabeth Herrmann, „Zeugin der Toten“

Der Schwimmer

Mein Vater hat gesagt, wenn du fahren willst, kannst du fahren, schon vor Monaten hat er das gesagt, und seither warte ich darauf, daß man mich läßt. Man hat mir erklärt, es wird dauern, ich werde warten müssen, vielleicht länger, als ich denke, bestimmt länger, und ich habe gesagt, es macht nichts, es macht gar nichts, ich kann warten, und dann habe ich noch einmal gesagt: Ich kann warten, ja.

Zsuzsa Bánk, „Der Schwimmer“

Die hellen Tage

Zigi hat das schiefhängende Tor gerichtet. Damit es getan ist, wenn der Winter kommen und Kirchblüt zudecken wird. Es schleift nicht mehr am Boden, es schiebt keine Steinchen mehr durch den Staub. Aber es ist ein Klang, der mich nie verlassen wird, ich kann ihn noch immer hören, jedes Mal, wenn ich das Tor öffne, um die wenigen Schritte über die losen Platten zu Évis Haus zu gehen, kann ich es hören, das Schleifen der Steinchen im Staub, und ich bin sicher, Aja und Karl, sie hören es auch.

Zsuzsa Bánk, „Die hellen Tage“

Die Zeit, die Zeit

Jetzt ploppten die Erinnerungen hoch. Eine nach der anderen. Er stand vom Sofa auf und ging zum Blumenfenster.

Das breite Holzsims war leer und voller alter Wasserflecken von den Zimmerpflanzen des Vormieters.

Er sah hinaus. Etwas war anders.

Der Garten der Familie Hadlauber reichte bis zum Gartenzaun der Scholters. Dort, wo Knupps Haus gestanden hatte, glitzerte türkisblau ein überdimensionierter Pool in der Vormittagssonne.

„Frau Gelphart!“, rief er, „Frau Gelphart!“

„Was ist?“ Sie kam erschrocken zu ihm.

„Das Haus! Dort drüben! Da stand doch gestern noch ein Haus!“

Sie sah ihn besorgt an. „Gestern? Aber das ist doch zwanzig Jahre her!“

„Das Haus von Knupp, nicht wahr?“

„Die armen Knupps. Flogen nach Nepal in die Ferien. Beim Anflug auf Katmandu verunglückte die Maschine. Hundertdreizehn Passagiere. Alle tot. Das war neunzehnhundertzweiundneunzig. – Ist Ihnen nicht gut? Sie sind ja schneeweiß.“

Hinter Frau Gelphart ging die Tür zum Atelier auf, und aus dem halbdunklen Raum trat – Laura.

Sie war zum Ausgehen angekleidet und schien es eilig zu haben.

„Sag mal, hast du irgendwo meinen scheiß Kalender gesehen?“

Martin Suter, „Die Zeit, die Zeit“

 

Ein fliehendes Pferd

Helmut küßte Sabine vorsichtig auf die Stirn. Otto gab einen Laut, als habe er zu leiden. Sabine sah Helmut so an, daß er sagen mußte: Du siehst durch mich hindurch wie durch ein leeres Marmeladenglas. Wart‘ noch. Im Zug. Sabine sagte: Heute nacht im Traum hätte ich wissen müssen, wie eine Zahl heißt, die durch keine andere mehr teilbar ist und habe es nicht gewußt. Alle anderen haben es gewußt. Du auch. Aber auch du hast mir nicht geholfen. Er wühlte ein bißchen wiedergutmacherisch in ihren Haaren herum. Der Zug fuhr ein. Helmut sagte zu der farbigen Lokomotive, die ihm vorkam wie ein Ordensgeistlicher: Qui tollis peccata mundi*.

Als sie ein Abteil gefunden hatten, in dem sie allein waren, sagte er: Sabine, jetzt können wir bis Basel sitzen bleiben.

Sabine sagte: Ich habe doch Angst vor der Hitze. Was tun wir, wenn es da drunten zu heiß ist.

Ach, sagte Helmut leichthin, Schatten zusammennähen.

Eine Weile saßen sie einander stumm gegenüber wie Fremde. Sie in Fahrtrichtung. Er mit dem Rücken zur Fahrtrichtung.

Was war jetzt eigentlich gestern, sagte sie.

Ein Schnellzug hobelte sich vorbei.

Das ist eine längere Geschichte, sagte er und schaute hinaus auf den Rhein. Der Rhein, sagte sie. Sie streckte sich ein wenig. Sie saß in der Abendsonne. Er im Schatten. Er hob den Ton an wie noch nie und sagte: Ach du. Einziger Mensch. Sabine. Er sah, daß sie das gern hörte. Das befähigte ihn zu einer weiteren, für sein Gefühl geradezu sprunghaften Tonanhebung. Du, Angeschienene, du, sagte er. Mit deiner Stärke, von der du nichts weißt. Aus den Jahren herausschauen wie aus Rosen, das sieht dir gleich.

Schön, sagte sie. Und jetzt?

Jetzt fange ich an, sagte er. Es tut mir leid, sagte er, aber es kann sein, ich erzähle dir alles von diesem Helmut, dieser Sabine.

Nur zu, sagte sie, ich glaube nicht, daß ich dir alles glaube.

Das wäre die Lösung, sagte er. Also bitte, sagte er. Es war so: Plötzlich drängte Sabine aus dem Strom der Promenierenden hinaus und ging auf ein Tischchen zu, an dem noch niemand saß.

Martin Walser, „Ein fliehendes Pferd“

*Agnus Dei, qui tollis peccata mundi, miserere nobis.
 Agnus Dei, qui tollis peccata mundi, miserere nobis.
 Agnus Dei, qui tollis peccata mundi, dona nobis pacem.

Deutscher Text in der katholischen Messfeier:

Lamm Gottes, du nimmst hinweg die Sünde der Welt, erbarme dich unser.
Lamm Gottes, du nimmst hinweg die Sünde der Welt, erbarme dich unser.
Lamm Gottes, du nimmst hinweg die Sünde der Welt, gib uns deinen Frieden.

Gemengelage

Eine Konstellation wie auf einem Schachbrett: Vater, Mutter, Bruder, Schwester. Die Praxis des Familienstellens gründet auf der Vermutung, dass innerlich-grundlegende Beziehungsverhältnisse auch innerlich räumlich abgespeichert wirken. Aus einer dazu in Beziehung gesetzten Wahrnehmungsposition lassen sich dann gewisse Muster innerhalb jenes Familien-Systems erkennen. Meine Position ist die des Spielers, nachdem ich zuvor Zeugin des Missbrauchs der Tochter durch den Vater geworden bin. Es könnte aber auch der Bruder gewesen sein. Vor allem seine Rolle in dieser Aufstellung erscheint mir am unklarsten. War er tatsächlich aktiv beteiligt, oder hat er womöglich doch versucht, seiner Schwester zu helfen? Vielleicht war er auch nur stummer Zeuge, so wie ich. Alle Figuren stehen auf engstem Raum. Ihre Felder grenzen unmittelbar aneinander. Ob schwarz, ob weiß, das kann ich nicht erkennen. Nur die Mutter fehlt. Ich müsste meinen Mund aufmachen, dann wäre auch sie im Spiel. Aber dazu müsste ich das groteske Gleichgewicht der gegenwärtigen Gemengelage zerstören…

POCUTF8_8835013951_Original_Daccord„Alles, was man vergessen will, schreit im Traum um Hilfe“, sagt Richard Brock alias Heino Ferch im ersten Teil der von ZDF und ORF gemeinsam produzierten Krimiserie „Spuren des Bösen“. Stimmige Genrekrimis der härteren, schlanken, nicht blasierten Art haben wir nicht allzu viele. Das ist einer davon, schreibt die FAZ. Für geladene Düsternis über neunzig Minuten aber sorgen auch und vor allem die Musik von Matthias Weber und die Kamera von David Slama. Slamas Bilder vermitteln stets den Eindruck, dass die Protagonisten der Geschichte (und wir mit ihnen) nur die Hälfte dessen mitbekommen, was geschieht. Fast wie im richtigen Leben. Darüber hinaus sind es die messerscharfen verbalen Pointen, die geistreich unterstreichen, dass es hier um mehr geht als die Frage: „Was haben Sie zwischen sieben und neun Uhr gemacht?“ Der ermittelnde Psychologe Richard Brock stellt selbstredend Fragen der ganz anderen Art.

Zurück zum Traum: Natürlich habe ich mich gefragt, wer oder was hier schreit. Die Tochter, deren Opferrolle sie zu einem Neutrum degradiert hat? Der Vater, der wie gelähmt durch sein Vergehen zu keiner Reaktion mehr fähig ist? Die Mutter, an deren Abwesenheit sich die Geister scheiden? Der Bruder, der mir wie ein Advocatus Diaboli erscheint, ohne dass er auch nur ein Wort sagt? Oder ich, die sich einem perfiden Gleichgewicht zuliebe ebenfalls zum Schweigen verurteilt sieht?

Für den Neuropsychologen Allan Hobson sind Träume schlichtweg a form of madness. Genug herum gedeutet also und zu einem anderen Seelenkrimi: „Das Phantom des Alexander Wolf“ von Gaito Gasdanow.

Alexander Wolf, zu Beginn des Romans dem Tode durch die Hand des Ich-Erzählers entronnen, fällt ihm am Ende doch zum Opfer:

Er lag nun, den Körper der Länge nach ausgestreckt, die Arme zur Seite geworfen; sein Kopf lag beinahe zu ihren Füßen. Ich trat einen Schritt vor, beugte mich über ihn, und plötzlich war mir, als ob die Zeit sich verdichtete und verflüchtigte, als ob sie in dieser blitzschnellen Bewegung viele Jahre meines Lebens davontrüge.

Vom grauen Teppich, der den Boden dieses Zimmers bedeckte, schauten auf mich die toten Augen des Alexander Wolf.

Während Wolf ein Leben lang diese endgültige Begegnung quasi antizipiert –

Ein jegliches Leben wird – in seiner Bewegung, seiner Besonderheit, meine ich – erst dann klar, in den letzten Minuten… Das ist kein Fatalismus, das ist die Richtung des Lebens, das ist der Sinn jeglicher Bewegung. Vielmehr, nicht der Sinn, sondern die Bedeutung.

– wird für den Ich-Erzähler ein Zitat von Dickens zur selbsterfüllenden Prophezeiung:

Er stand von der Bank auf; ich stand ebenfalls auf. Das Laub war unbeweglich, im Garten herrschte Stille.

„Bei Dickens steht irgendwo ein wunderbarer Satz“, sagte er. „Merken Sie sich den, er ist es wert. Ich weiß nicht mehr, wie er wörtlich lautet, aber dem Sinn nach: Uns wurde das Leben unter der unabdingbaren Voraussetzung geschenkt, dass wir es tapfer verteidigen bis zum letzten Atemzug. Gute Nacht.“

Und jetzt stand ich genauso vom Sessel auf wie damals von der Bank, auf der ich neben ihm gesessen hatte, und wiederholte die Worte, die nun besonders bedeutsam klangen:

„Uns wurde das Leben unter der unabdingbaren Voraussetzung geschenkt, dass wir es tapfer verteidigen bis zum letzten Atemzug.“

***

Ein ebenso ab- wie tiefgründiger Roman, in dem Plot und Sprache jene seltene, absolut mitreißende Allianz eingehen, auf die man eigentlich immer hofft, wenn man ein Buch aufschlägt.

Über all dem schwebt die Hoffnung auf hellere Tage und die Vorfreude auf zwei Wochen Urlaub.

Ein liebender Mann

Irgendwo, er wusste nicht mehr, wo, hatte er geschrieben, ein Tier kennt keine Apparate, es nimmt nur wahr, was die Natur uns ermöglicht. Und was ermöglicht sie nicht alles. Jetzt konnte er ergänzen: Und verhindert das Unmögliche. Das Unmögliche war verhindert worden. War das eine Leichtigkeit jetzt? Eine Leichtigkeit, die er noch nicht empfunden hatte. Die hieß Lieblosigkeit. Ja. Nie gekannt. Nie erlebt. Aber anders konnte er dieses Gefühl nicht buchstabieren. Er war frei. Kein Zweifel möglich, er war lieblos. Lieblosigkeit, spürbar, eine Geräumigkeit wie noch nie, bitte, sei’s Leere, eine Nichtempfindung, die alle Empfindungen übertraf, er ist erlöst, frei, das ist überhaupt Freiheit, lieblos sein, lieblos, freudlos, leblos, schmerzlos, ihn wird nie mehr jemand quälen können. Auch er selbst nicht. Die Kreatur ist erlöst. Was Moses, vom Aufstieg auf den Gesetzgebungsberg erschöpft, überhört hatte, das allererste Gebot, tragödienträchtiges Versäumnis für alle Zeit, er, auf seinem eigenen Sinai angekommen, erschöpft auch, aber kein bisschen schwerhörig, hellhörig wie noch nie, hat er das Gebot gehört und begriffen: Du sollst nicht lieben.

Er legte sich ins Bett. Keine Gedanken mehr, gegen die er sich erfolglos hätte wehren müssen. Er spürte nur noch sich. Außer ihm nichts. Als fülle er die Welt aus. Die ganze Welt war er. Prall vor Leichtigkeit. Eine göttliche Schwere. Leichtigkeitsschwere. Endlich. Das verlorene Gleichgewicht? War es das? Dachte er. Schlief ein. Schlief ohne Unterbrechung weit in den nächsten Tag hinein.

Als er aufwachte, hatte er sein Teil in der Hand, und das war steif. Da wusste er, von wem er geträumt hatte. S w s w.

Martin Walser, „Ein liebender Mann“

Das dreizehnte Kapitel

Iris saß immer noch droben. Ich ging hinauf. Sie zeigte auf die Glut.

Die Glut atmet wie ein Tier, sagte sie.

Obwohl ich wissen konnte, was sie verbrannt hatte, fragte ich: Was hast du verbrannt?

Und sie: Das dreizehnte Kapitel.

Und ich, plötzlich vom Leben ergriffen: Schenkst du mir den Titel?

Gern, sagte sie und legte ihre Hände mir aufs Knie.

Martin Walser, „Das dreizehnte Kapitel“

 

Der alte König in seinem Exil

Für meinen Vater ist seine Alzheimererkrankung bestimmt kein Gewinn, aber für seine Kinder und Enkel ist noch manches Lehrstück dabei. Die Aufgabe von Eltern besteht ja auch darin, den Kindern etwas beizubringen.

Das Alter als letzte Lebensetappe ist eine Kulturform, die sich ständig verändert und immer wieder neu erlernt werden muss. Und wenn es einmal so ist, dass der Vater seinen Kindern sonst nichts mehr beibringen kann, dann zumindest noch, was es heißt, alt und krank zu sein. Auch dies kann Vaterschaft und Kindschaft bedeuten, unter guten Voraussetzungen. Denn Vergeltung am Tod kann man nur zu Lebzeiten üben.

Des Menschen Tage sind wie Gras.

Ein paar Kuckucksblumen dazwischen.

Es heißt, jede Erzählung sei eine Generalprobe für den Tod, denn jede Erzählung muss an ein Ende gelangen. Gleichzeitig bringt das Erzählen dadurch, dass es sich dem Verschwinden widmet, die verschwundenen Dinge zurück.

Schicksal war jahrtausendelang ein elementarer Begriff. Heute ist es fast verpönt, von Schicksal zu reden, alles muss erklärt werden. Aber manchmal kommt etwas auf uns zu, das wir nicht erklären und auch nicht aufhalten können. Zufällig trifft es die einen, die anderen zufällig nicht. Warum? Das bleibt ein Rätsel.

Fast jeder und jede scheitert an der Idee, die man vom Vater hat. Kaum ein Mann schafft es, dem Bild gerecht zu werden, das Kinder sich vom Vater machen.

Ich wollte mir mit diesem Buch Zeit lassen, ich habe sechs Jahre darauf gespart. Gleichzeitig hatte ich gehofft, es schreiben zu können, bevor der Vater stirbt. Ich wollte nicht nach seinem Tod von ihm erzählen, ich wollte über einen Lebenden schreiben, ich fand, dass der Vater, wie jeder Mensch, ein Schicksal verdient, das offenbleibt.

Zum Zeitpunkt, da ich diese Sätze schreibe, bin ich fast genau halb so alt wie er. Es hat lange gedauert, hierher zu kommen. Es hat lange gedauert, etwas herauszufinden über die grundlegenden Dinge, die uns getrieben haben, die Menschen zu werden, die wir sind.

„Früher war ich ein kräftiger Bursche“, sagt der Vater zu Katharina und mir. „Nicht solche Geißlein wie ihr!“

Es heißt: Wer lange genug wartet, kann König werden.

Arno Geiger, „Der alte König in seinem Exil“

Maigret und der Gehängte von Saint-Pholien

„Weißt du, was, alter Junge? Noch zehn solche Fälle, und ich lasse mich pensionieren. Weil das nämlich der Beweis dafür wäre, dass der gute, alte liebe Gott da oben die Arbeit der Polizei höchstpersönlich übernommen hat…“

Allerdings fügte er dann noch, während er den Kellner herbeiwinkte, hinzu:

„Aber keine Bange! Von der Sorte gibt’s keine zehn! – Und was tut sich derweil so im Haus?“

Georges Simenon, „Maigret und der Gehenkte von Saint-Pholien“

Kirche Saint-Pholien in Lüttich

Maigret und der verstorbene Monsieur Gallet

Die reine, nackte Wahrheit? Die würde Madame Gallet um ihre dreihunderttausend Franc bringen. Und Madame Gallet würde sich mit ihrem Sohn, mit Eléonore, mit Tiburce de Saint-Hilaire auseinandersetzen müssen und sich mit ihren Schwestern und Schwagern von neuem überwerfen.

Alles, was dabei herauskäme, wäre ein Knäuel von Intrigen, Hass, endlosen Prozessen… Vielleicht bestünde ein besonders gewissenhafter Richter sogar darauf, dass Emile Gallets Leiche exhumiert und nochmals untersucht würde!

Maigret hatte das Bild des Toten abgeschickt. Er brauchte es nicht mehr. Das verblichene Foto hatte seinen Zweck erfüllt.

„… Seine rechte Wange färbte sich rot. Dann sah ich das Blut. Er stand und starrte immer auf den gleichen Punkt, als ob er auf etwas wartete…“

„Auf den Frieden, zum Teufel! Das war es, worauf er sein Leben lang wartete!“, knirschte Maigret und verließ das Haus, obschon es noch längst nicht elf Uhr war.

Mit hängenden Schultern stand er zehn Minuten später vor seinem Chef.

„Eine verpatzte Angelegenheit. Wir können diese kleine, schmutzige Geschichte zu den Akten legen.“

Nach einer Pause fuhr er fort:

„Der Arzt sagt, er hätte keine drei Jahre mehr zu leben gehabt. Nehmen wir an, die Versicherungsgesellschaft verliert sechzigtausend… Was heißt das schon, bei einem Kapital von neunzig Millionen…?“

Morsang, an Bord der >Ostrogoth<, Sommer 1930

Georges Simenon, „Maigret und der verstorbene Monsieur Gallet“

Die Entdeckung der Langsamkeit

Da sich immer noch Lebensmittel fanden, glaubte niemand an eine nur vom Hunger verursachte Katastrophe. Die nächstliegende Antwort hieß: Skorbut. Die Untersuchung der Skelette ergab, daß vielen die Zähne ausgefallen waren. Sie ergab aber vor allem noch eines: der um sein Leben kämpfende Rest der Mannschaft hatte an diesem Ort zum letzten, verzweifelten Mittel gegriffen: McClintock fand abgetrennte Knochen mit glatten Schnittflächen, die nur von einer Säge stammen konnten. Der Schiffsarzt hockte ihm gegenüber, ihre Blicke trafen sich.

Der Arzt flüsterte: „Von meinem Standpunkt aus… Skorbut ist eine Mangelkrankheit. Dem Fleisch eines Menschen, der daran gestorben ist, fehlen genau die Stoffe, welche die Kranken zum Überleben nötig hätten. Es hat also nicht einmal -“

„Sprechen Sie ruhig weiter“, sagte McClintock.

„Es hat nichts genützt“, sagte der Arzt.

Als man die Gebeine versammelt hatte, um sie zu begraben, sagte McClintock: „Es war eine würdige und tapfere Schiffsmannschaft. Die Zeit war zu lang für sie. Wer nicht weiß, was Zeit ist, versteht kein Bild, und dieses auch nicht.“

Der einzige, der ihm nicht zuhörte, war der Photograph der „Illustrated London News“, der eilends seinen Apparat, System Talbot, in Stellung brachte, um den Zustand der Skelette im Bild festzuhalten.

Sten Nadolny, „Die Entdeckung der Langsamkeit“

Weitlings Sommerfrische

Nein, ich bin nicht undankbar, und immerhin bin ich dem Tod entronnen.

Wahrscheinlich brauchen die Menschen Gott in erster Linie, um Dankbarkeit für ihr Leben auszudrücken, mag er Jehova heißen, Allah, Wilson oder eben Gott. Für einen, der nur ersehnt und ausgedacht ist, hat er ziemlich viele Namen. Und für einen, der nur ausgedacht ist, gibt es auch reichlich Menschen, die mit ihm geredet haben wollen. Haben sie sicher auch. Sie haben ihn nur nicht gesehen, und gesagt hat er auch nichts.

Er ordnete noch einmal ausgiebig seine Gedanken über „oben“. Wenn überhaupt, dachte er, dann müsste man sich Gott unschlüssig denken. Er probiert herum, macht Fehler, überlegt, hat einen besseren Einfall und korrigiert sich! Ein Kreativer, Schöpfer eben, wie schon der Name sagt. Und es war, fand Weitling, ein großer Irrtum, sich Schöpfer als Ingenieure mit Blaupausen vorzustellen. Gott schuf etwas, ließ zum Beispiel ein Menschenleben, beginnen, lernte beim Zuschauen, und wenn er genügend gelernt hatte, änderte er etwas – rückwirkend! Meister fielen nicht vom Himmel, selbst wenn sie dort wohnten. Gottes Weg konnte also noch lang sein, aber wenigstens saß er nicht irgendwo herum und wusste alles besser – er blieb unterwegs. Ab und zu kriegte er einen unglaublichen Menschen hin, dem man glauben konnte.

Im Grunde sprach nichts dagegen, sich die Geschichte so vorzustellen. Weitling beschrieb immer noch gern manches Geschehen als Folge dessen, was Gott tat oder nicht tat: „Und was tut Gott? Er lässt es ausgerechnet an diesem Tag regnen!“ Von dieser Erzählweise musste er sich nicht verabschieden, nur weil er „nicht glaubte“. Dasselbe taten ja auch Märchen, in denen Gott Menschen auf die Probe stellte und je nach Ergebnis dann belohnte oder bestrafte. Es war einerseits vergnüglich, Märchen zu erfinden, und andererseits bitter, in einem sinnlosen „Weiter so“ zu leben. Wenn Menschen Gott bemühten, dann aus Gründen erzählerischen Begreifens: Sinnlosigkeit ließ sich so gut wie nicht erzählen, sie war ja nur das Fehlen von etwas. Man konnte nur von Etwas erzählen, aber nicht vom Nichts.

 

Famous last words:

Jetzt ging es noch mal ein Stück zurück: Er war als Vierjähriger im Kinderheim und erzählte und redete in einem fort mit großen Augen. Lauter Kinder saßen um ihn herum und hörten etwas von Schlangen und Löwen und Elefanten, und wie man Elefanten am besten einfangen könne, bei zweien habe er es bisher geschafft, alles in Chieming am Chiemsee, wahnsinnig weit weg von Schlederloh.

Durch das Bild begriff Wilhelm Weitling endlich, wieso er dieses Mal Schriftsteller geworden war: Sein Aufenthalt im Heim war lang genug gewesen, um ihn entdecken zu lassen, wie er – erfindend und erzählend – unter lauter ihm eher unheimlichen Menschenkindern überleben konnte. Nichts anderes tun Schriftsteller.

Der Mann, der vielleicht Arzt war, sagte jetzt: „Ich denke, es dauert noch. Glaubt er eigentlich an Gott?“

Sie waren am Hinausgehen.

„Schwer zu sagen, er redet nicht darüber.“

Mehr war nicht zu verstehen, die Tür schloss sich.

Ihn, Weitling, hatten sie nicht mehr gefragt. Dabei hätte er eine Antwort gehabt: „Gott gibt es. Wie wäre ich sonst zu zwei Leben gekommen?“

Sten Nadolny, „Weitlings Sommerfrische“

 

Hat mich ein bisschen an Rosendorfer erinnert: schräg, humorvoll und mit ganz viel Tiefgang.

Große Erwartungen

Ich ergriff ihre Hand, und wir verließen den verwüsteten Ort; und so, wie sich vor langer Zeit die Morgennebel gehoben hatten, als ich die Schmiede verließ, so hoben sich nun allmählich die Abendnebel, und in all der weiten Fläche ruhigen Lichts, die sie mir enthüllte, sah ich keinen Schatten einer Trennung von ihr.

Charles Dickens, „Große Erwartungen“

Das sterbende Tier

…Ich muss gehen. Sie will mich bei sich haben. Sie will, dass ich bei ihr im Bett schlafe. Sie hat den ganzen Tag nichts gegessen. Sie muss etwas essen. Jemand muss sie füttern. Sie? Sie können bleiben, wenn Sie wollen. Sie können bleiben, Sie können gehen… Aber ich habe jetzt keine Zeit mehr, ich muss gehen!

„Tun Sie’s nicht.“

Was?

„Gehen Sie nicht.“

Aber ich muss. Jemand muss bei ihr sein.

„Sie wird schon jemanden finden.“

Aber sie hat schreckliche Angst. Ich muss gehen.

„Denken Sie darüber nach. Denken Sie nach. Denn wenn Sie gehen, sind Sie erledigt.“

Philip Roth, „Das sterbende Tier“

Jane Eyre

Während der Film schlüssig unter dem alten, vom Blitz getroffenen Kastanienbaum endet, nimmt Charlotte Brontë im Buch lediglich noch einmal darauf Bezug. Den Rest hätte sie sich meiner Meinung nach sparen können, der ist aus heutiger Sicht ein bisschen zuviel Friede, Freude, Eierkuchen. Ich finde, er passt auch nicht so recht zum Widerspruchsgeist der Hauptfigur. Deshalb als „famous last words“ ein Auszug aus dem alles entscheidenden Dialog zwischen ihr und dem vom Schicksal mittlerweile schwer gebeutelten Rochester:

„Ich bin nicht mehr wert als der alte, vom Blitz getroffene Kastanienbaum im Obstgarten von Thornfield“, meinte er gleich darauf. „Und welches Recht hätte denn dieses Wrack, eine knospende Heckenlilie zu bitten, seinen Verfall mit frischen Blüten zu überdecken?“

„Sie sind ja kein Wrack, Sir, und kein vom Blitz getroffener Baum. Sie stecken voller Saft und Kraft. Um Ihre Wurzeln herum werden Pflanzen wachsen, ob Sie darum bitten oder nicht, weil es ihnen in Ihrem üppigen Schatten so gut gefällt. Und je größer sie werden, desto mehr werden sie sich an Sie anschmiegen und sich um Sie herum winden, weil Ihre Kraft ihnen eine so verläßliche Stütze bietet.“

Charlotte Brontë, „Jane Eyre“

Man muss schon eine romantische Ader haben für dieses Buch…

Das finstere Tal

Eine absolut gelungene Mischung aus Bergroman, Krimi und Western. Willmann hat sich bei jedem Genre bedient und die verschiedenen Stilelemente zu einem Crossover geschmiedet, das es in sich hat. Der wirklich gnadenlose Showdown kann es anstandslos mit Highnoon aufnehmen und lässt viele Krimis alt aussehen. Auch sprachlich eine Wucht.

Der schmale Felsdurchlass war durch den Föhn nicht ganz vom Schnee befreit. Aber die eisige Decke war dünn genug geworden, dass Mann und Tier gut ihren Weg hindurchfanden. Diesmal blickte sich Greider nicht mehr um.

Er trat am anderen Ende aus der Spalte, und unter ihm erstreckte sich weit die Ebene. Dort hatte der warme Sturm tatsächlich gründlicher sein Werk verrichtet. Zum ersten Mal seit Monaten sah Greider wieder das Grün von Wiesen, das fruchtbare Schwarz von zur nächsten Aussaat bereiteten Feldern. Auch am Hang unter ihm klebten nur mehr einzelne Flecken von Weiß. Er würde den Abstieg ins Tal gut bewältigen können.

Zunächst aber wandte sich sein Blick nach oben, wo über den Bergen ein Azur prangte, das von keiner Wolke getrübt war und aus dem der gleißende, seelenlose Ball der Sonne strahlte.

Und lange schauten seine dunkelbraunen Augen in den blauen, leeren Himmel.

Thomas Willmann, „Das finstere Tal“

Großes Solo für Anton

Der letzte Satz des dritten Teiles, der letzte Satz des sechsunddreißigsten Kapitels, der letzte Satz des Buches lautete: Du bist Gott.

XXIV

Gott kann nicht sagen:

Ich löse mich auf

„Das ist schön von dir“, sagte der Hase Jacob, „daß du noch mit mir redest, nachdem du Gott bist. Oder muß ich jetzt Sie zu dir sagen?“

„Noch nie hat jemand mit Gott per Sie geredet“, sagte Anton L.

Anton L. saß vor dem ehemals vornehmen Antiquitätengeschäft, dessen brennbaren Inhalt er seinerzeit verheizt hatte. Eine – wohl nicht ganz echte – steinerne Rokoko-Gartenbank hatte sich natürlich nicht verheizen lassen. Der Engel Sonja hatte sie aus dem Laden herausgetragen und davor hingestellt, damit sich Anton L. darauf setzen konnte. Er saß, die Knie übereinandergeschlagen, auf der Bank. Der Engel stand hinter ihm und hatte einen purpurvioletten Glorienschein ausgefaltet.

„Ich werde“, sagte Anton L., „nun, da ich Gott bin – vielmehr: da ich nun weiß, daß ich Gott bin, ich war es ja schon immer -, eine neue Menschheit erschaffen.“

„Das würde ich mir gut überlegen“, sagte der Hase, „jetzt gleich?“

„Ich habe mir alles überlegt -„

„Pardon, Gott“, sagte der Hase, „wenn ich dich unterbreche. Eine neue Menschheit? Ohne Menschheit geht es wohl nicht? Da steckt schon noch ein schöner Brocken menschlichen Vorurteils in dir. Man merkt, daß du erst vor kurzer Zeit befördert worden bist.“

„Was hast du gegen die Menschen? Ich habe die Menschen – nein: die Menschen habe ich nicht geliebt. Ich habe die Menschen sogar gehaßt; aber die Menschheit habe ich geliebt, heiß geliebt von ganzem Herzen.“

„Warum nur die Menschheit?“

„Ich verstehe dich nicht“, sagte Anton L.

„Die Menschheit ist doch eher ein dürftiger Gegenstand für eine so heiße Liebe. Das Leben, ja, das würde ich verstehen, das Leben an sich. Die Menschheit und die Hasheit und die Nashornheit und die Vogelheit und die Fischheit, die Wurmheit, die Ameisheit, die Pantoffeltierheit, die Baumheit, Grasheit, Farnheit, Moosheit, alles zu lieben, das verstünde ich. Aber die Menschheit? War denn dieser verkommene Haufen so viel wert?“

„Ich fürchte, du verstehst mich nicht.“

„Nein“, sagte der Hase, „das verstehe ich nicht. Ich habe nie verstanden, warum früher so viel Umstände wegen der Erlösung von den paar Narren gemacht wurde.“

„Du vergißt die großen Taten der Menschheit.“

„Große Taten?“ sagte der Hase. „Uns geschossen haben sie, im Wesentlichen.“

„Kurzum“, sagte Anton L., „ich diskutiere nicht weiter. Ein Gott diskutiert nicht. Ich habe mich entschlossen, die Menschheit neu zu erschaffen. Neu! Darauf liegt die Betonung. Basta.“

„Viel Vergnügen“, sagte der Hase.

„Ich werde einen neuen Anfang setzen. Ich werde morgen, zur Stunde, wenn ich die Sonne aufgehen lasse, die Menschheit rematerialisieren.“

„Die werden Augen machen.“

„Mit Hilfe des Buches, also durch eigene Kraft, wohlgemerkt, werde ich diese Tat bewirken. Ich werde ihr, also der Menschheit, trotz ihrer Erbärmlichkeit die Chance geben, die ich selber gehabt und, wie du sagen mußt, genutzt habe. Ich erinnere mich an das Jahr 1945. Damals stand ein Teil der Menschheit vor einer ähnlichen Situation. Viele ihrer Werte waren zerstört. Vorübergehend – damals nur vorübergehend! – wurde sie friedlich und geistiger gesinnt. Jetzt wird sie eine völlig zerstörte Welt vorfinden. Ihre friedliche und geistigere Gesinnung wird anhalten, zumal ich die Menschheit gewisser Eigenschaften berauben werde, die sich damals als negativ erwiesen haben.“

„Gib ihr keine Gewehre mehr.“

„Nicht nur keine Gewehre. Der Zugang zu allen Naturkräften, die ihr schädlich waren, soll ihr verwehrt werden.“

„Ein sehr schöner, theoretischer Gedanke.“

„Wieso theoretisch?“

„Mir scheint“, sagte der Hase, „du erfindest da einen Vegetarierverein, der in selbstgeflochtenen Sandalen herumläuft und sich an erbaulichen Traktaten erfreut -„

„Sie werden dir nichts mehr tun.“

„Sie werden dir etwas blasen, sage ich dir. Sie haben schon einmal einem Gott, der es gut mit ihnen gemeint hat, etwas geblasen.“

„Auch das habe ich durchdacht. Ich werde die vollendete Menschheit rematerialisieren. Ich werde alle schmerzlichen Entwicklungsstufen überspringen, ich werde der Menschheit die harte Schule der Fehler, die sie eigentlich noch machen müßte, schenken. Ich werde die letzte, reine Menschheit wiedererwecken.“

„Darf ich dir einen Vorschlag machen?“

„Ja?“

„Ich würde erst ein paar Muster anschauen. Nicht gleich alle auf einmal zurückholen.“

„Das ist vielleicht kein schlechter Gedanke.“

„Ich an deiner Stelle“, sagte der Hase, „würde, bevor ich morgens früh die gesamte Menschheit wieder über den bedauernswerten Planeten verstreue, heute abends noch ein paar hier aufmarschieren lassen, vor deinem Thron.“

„Heute abends?“

„Dann kannst du es dir immer noch überlegen.“

Anton L. drehte sich zweifelnd um zum Engel Sonja, der aber hielt nur den Glorienschein, wandte den Kopf zur Seite, und aus seinem klaffenden Kleid leuchtete der gloriose Leib.

„Also gut“, sagte Anton L.

Ein Beben schüttelte die Luitpold-Allee. Das Gebäude, vor dem Anton L. saß, bauchte nach vorn aus, die Fassade platzte, ein Regen von Steinen und Ziegeln fiel herab, aber der Engel Sonja hielt den Glorienschein wie ein Zelt über Anton L. und den Hasen, so daß die Steine und Ziegel abprallten.

Die Erde öffnete sich. Aus einer Spalte, die sich längs der Mitte der Straße hinzog, stieg ein Mensch, dessen Füße direkt an die Knie angewachsen waren; dafür hatte er Arme von der Länge einer Riesenschlange. Er patschte mit den Händen um sich her und torkelte gleich wieder in den Spalt, denn offensichtlich war er blind.

„Halt, der fällt wieder hinein“, rief Anton L.

Er fiel aber nicht wieder hinein, denn ein anderer stieg aus dem Spalt und schob den ersten wieder herauf. Der zweite war durchsichtig, hatte keine Haare und einen Schädel groß wie ein Wasserschaff, in dem ein bräunliches Gehirn pulsierte. Das Gehirn schied ständig einen Saft ab, der in den Körper herniedertroff und an den Füßen abgesondert wurde. Der zweite Mensch ergriff den ersten an einem Arm und begann daran zu saugen. Ein dritter Mensch entstieg dem Spalt. Er war groß und gewaltig und ging auf Haaren wie eine Raupe; als er sich wendete, sah man, daß er dünn wie Papier war. Der vierte war ein Zwerg, hatte aber ein männliches Geschlecht, so groß wie eine Kanone, dreimal größer als er selber. Er hatte Mühe, sein Geschlecht mit den Armen zu umfassen, nur dadurch, daß er sich zurückbeugte, konnte er das Gleichgewicht halten. Als der Zwerg des gloriosen Körpers von Sonja ansichtig wurde, stieg das Glied steil in die Höhe zur Baumesgröße. Der Zwerg fiel vornüber. Das Glied hieb den Papiermenschen, der auf Haaren ging, mitten durch. Der Mensch mit den langen Armen hatte inzwischen gespürt, daß irgendwer an seinem einen Arm saugte, konnte aber nicht sehen, was es war. Er begann, die Arme um sich kreisen zu lassen. Der Durchsichtige hielt sich verbissen fest und kreiste mit.

Ein fünfter kam aus dem Spalt, der hatte eine so gewaltige Falte am Hals, daß er sich in sie wie in einen Mantel hüllen konnte. Ein sechster war am ganzen Körper voller Pilze, ein siebter hatte einen Saugmund wie ein Blutegel. Der achte hatte keine Haut und keine Knochen, er bewegte sich dadurch fort, daß er zu einer Lache zerfloß, ein wenig weiterrann und sich dann wieder aufschichtete wie weicher, roter Käse. Der mit dem Blutegelmund schlürfte ihn auf, worauf der Blutegel platzte. Es bildeten sich aus den Resten neue Exemplare.

Die nächsten waren Striche, wie aus Draht gebogen. Dann flatterten noch Schatten aus dem Spalt, wie Rauch, wie heller Rauch die einen, wie dunkler die anderen. Sie mischten sich und wirbelten in langen Streifen über den Boden. Dann kam ein roter Schlund mit weißen Zähnen.

Der Schlund stieß eine Zunge, groß wie eine Fahne, hervor, daran etliche von den Schatten kleben blieben. Ein langer, weißer Engerling aus Fett, groß wie ein kleines Luftschiff, erhob sich aus dem Spalt und schaute frech mit vierzehn Augen auf die Szene.

„Da ist -„, sagte Anton L.

„Was ist?“ fragte der Hase, der sich unter die steinerne Bank zurückgezogen hatte und zwischen Anton L.s Beinen hindurchsah.

„Da ist irgendein Fehler in meine Berechnung gekommen“, sagte Anton L.

„Im Gegenteil. Da ist absolut kein Fehler in deine Berechnung gekommen. Du hattest nur keinen rechten Begriff vom Ergebnis deiner kosmischen Multiplikation.“

Anton L. gab dem Engel einen Wink. Der Engel entfaltete einen weiteren Glorienschein und schleuderte ihn über die Brut, die aus dem Spalt gekrochen war. Der Glorienschein rundete sich zu einer Kugel, fing alles ein und verkleinerte sich zur Größe eines Goldfischglases, in dem sich nun das Schlängeln und Drängen und Paaren und Schlürfen in geschrumpfter Größe, überdeutlich wie unter einer Lupe, abspielte. Der Engel gab Anton L. die Kugel, der sie auf der flachen Hand vor sich hielt und betrachtete.

Der Hase kam wieder unter der steinernen Bank hervor.

„Es tut mir fast leid“, sagte der Hase, „so schlimm habe ich es mir selber nicht vorgestellt.“

Anton L. sagte gar nichts. Er blickte zum Engel, der aber nur wieder den Glorienschein hielt und den Blick ein wenig wendete. Er schaute haarscharf tangential an Anton L.s Kopf vorbei.

Anton L. stand auf und warf die Kugel in den Spalt zurück.

„Was nun?“ sagte der Hase.

„Kann Gott sich selber auflösen?“ fragte Anton L.

„Das glaube ich nicht“, sagte der Hase.

„Ich glaube es eigentlich auch nicht“, sagte Anton L., „Gott kann nicht sagen: Ich löse mich auf. Was passiert, wenn Gott sagt:

Ich löse mich auf -„

Die erste kalte Nacht brach herein. Als die Sonne am nächsten Tag aufging, hatten sich die ersten Blätter der Bäume verfärbt.

Der Erdstoß hatte das Fundament des Denkmals des Kurfürsten zerrüttet. Das schwere erzene Standbild war seitlich umgesunken und zu Boden gestürzt. Es war zweimal zerbrochen, einmal an der Hüfte, einmal am Hals. So lagen die Beine und der Unterleib nahe dem zerborstenen Sockel, der Oberkörper etwas weiter weg, der Degen hatte sich in den Boden gebohrt. Der Kopf war noch weiter fortgerollt. Er blickte nach oben in einen hellen, klaren Herbsthimmel, durch den ein Zug von Staren in den Süden flog.

Herbert Rosendorfer, „Großes Solo für Anton“

Verblendung

Prolog

Freitag, 1. November

Es wiederholte sich alljährlich. Der Empfänger der Blume feierte seinen zweiundachtzigsten Geburtstag. Sowie die Blume bei ihm angekommen war, öffnete er das Paket und entfernte das Geschenkpapier. Danach griff er zum Telefonhörer und wählte die Nummer eines ehemaligen Kriminalkommissars, der sich nach seiner Pensionierung am Siljan-See niedergelassen hatte. Die beiden Männer waren nicht nur gleich alt, sie waren sogar am selben Tag geboren, was in diesem Zusammenhang nicht einer gewissen Ironie entbehrte. Der Kommissar wusste, dass der Anruf um elf Uhr morgens nach der Postzustellung eingehen würde, und trank Kaffee, während er wartete. Dieses Jahr klingelte das Telefon bereits um halb elf. Er nahm den Hörer ab und sagte hallo, ohne sich mit Namen zu melden.

„Sie ist angekommen.“

„Was für eine ist es dieses Jahr?“

„Keine Ahnung, was das für eine Blume ist. Ich werde sie bestimmen lassen. Weiß ist sie.“

„Kein Brief, nehme ich mal an?“

„Nein. Nur die Blume, sonst nichts. Der Rahmen ist derselbe wie letztes Jahr. So ein Billigrahmen zum Selberzusammenbauen.“

„Poststempel?“

„Stockholm.“

„Handschrift?“

„Wie immer, alles in Großbuchstaben. Gerade, ordentliche Buchstaben.“

Damit war das Thema erschöpft, und ein paar Minuten saßen beide schweigend am jeweiligen Ende der Leitung. Der pensionierte Kommissar lehnte sich am Küchentisch zurück und zog an seiner Pfeife. Er wusste jedoch, dass von ihm keine erlösende und bestechend intelligente Frage mehr erwartet wurde, die ein neues Licht auf diese Angelegenheit hätte werfen können. Diese Zeiten waren seit vielen Jahren vorbei, und das Gespräch der beiden alternden Männer hatte beinahe schon den Charakter eines Rituals – eines Rituals um ein Mysterium, dessen Lösung keinen anderen Menschen auf der ganzen Welt interessierte…

Stieg Larsson, „Verblendung“

_______________________________________________________________________________________________________

Die Vergangenheit hat uns in der Gewalt. Wollte man das Figurenkabinett von Stieg Larssons Multi-Millionen-Bestseller Verblendung auf eine Konstante bringen, könnte sie so oder ähnlich lauten. Dort treffen keine Charaktere aufeinander, sondern Biografien. Wer die relevanten Informationen über den anderen kennt, kennt sein Intimstes, weiß um alle Schwachstellen und Passionen. Gewalt ist angewandte Macht – und Wissen ist die Möglichkeitsbedingung der Macht. Was einmal geschehen ist, kann potenziell immer erinnert werden. Dieser Satz ist zugleich Hoffnung wie Fluch – je nachdem, ob man ihn aus der Sicht des Opfers oder des Täters ausspricht. Und in Zeiten einer neuen Unerbittlichkeit des kollektiven Gedächtnisses, in der ein jeder überall digitale Spuren für die Ewigkeit hinterlässt, ist dieses Themenfeld konstant virulent. Denn auch der generell unbescholtene Bürger wird schnell verdächtig, wenn nur das falsche Foto auf Facebook auftauchen sollte. Vielleicht erklärt sich aus der Verquickung dieser beiden Diskurse – der Erinnerung und des Cyberspace – die bewundernswerte Langlebigkeit von Stieg Larssons Millennium-Trilogie.

Grimmiger, dunkler, kälter als selbst die Bücher kommt Finchers Film daher – aufgekratzt von einem Soundtrack zwischen schreiendem Industrial und unendlichen Drones (komponiert vom Nine-Inch-Nails-Gespann Trent Reznor und Atticus Ross), in tiefes Dunkel getaucht von Jeff Cronenweth’ sparsam ausgeleuchteten, aber präzise komponierten Bildern. Manchmal, in kurzen, fast gewalttätig in den Schnittfluss eingefügten Flashbacks (die keiner Figur anzugehören scheinen, sondern wie eigensinnige Gipfel der Zeit aus der Vergangenheit ragen), dringt auch Sonnenlicht hinein, hängt eine schiefe Pianoharmonie angenehm lange nach. Aber der Grundton des Filmes ist geradezu desperat: Craigs Blomkvist hat nichts von einem idealistischen Aufklärer, aber viel von einem ausgebrannten Zyniker, Schweden in Finchers Blick besteht aus endlosen Winterstürmen, nachgedunkeltem Prunk und entmenschlichtem Funktionsdesign.

Hier schaut ein Amerikaner auf ein von der Vergangenheit niedergerungenes Europa, eine Welt, in der die Geschichte (sei es die verborgene nazistische Schwedens, die in Missgunst und Gewalt erstarrte der Industriellenfamilie Vanger oder die traumatische Lisbeths) jede Zukunft schon von vornhinein in den Klauen hält. Aber sein Blick ist nicht distanziert, sondern auf eine ambivalente Art empathisch – als wüsste Fincher, dass es mit Amerikas nach vorne gewandter Vitalität schon lange vorbei ist. In der Originalversion sprechen auch alle Schauspieler – selbst die angelsächsischen – ein Englisch mit skandinavischem Fake-Akzent: ein sprachlicher Bastard, eine Schicksalsgemeinschaft.

Dabei kleidet Fincher seine Reise in ein Europa der verkrusteten Größe in fast altmodische Genregewänder – Verblendung ist ein formal enorm präzise inszenierter, niemals allzu gewagter Psychothriller. Neben der erwähnten sprachlichen Altertümlichkeit lässt sich dieser beizeiten fast Pastiche-artige Klassizismus nirgendwo besser ablesen als an der James-Bond-artigen Titelsequenz. Zu Trent Reznors und Karen O.’s noisigem Cover von Led Zeppelins Immigrant Song fließen da pechschwarze Flüssigkeiten wie Teer, Öl und Lack ineinander, formen die Gesichter der Protagonisten und zerstäuben wieder im Schlag des Beats – aus der Schwärze gerinnen Gestalten, gleichsam wie Erinnerungen, geformt aus bis zum Bersten verdichtetem Vergessen.

Quelle: critic.de

Verblendung (2011)

Originaltitel: THE GIRL WITH THE DRAGON TATTOO

Kriminalfilm, Literaturverfilmung

Produktionsland: USA/Schweden/Großbritannien/Deutschland
Produktionsjahr: 2011
Produktionsfirma: Columbia Pic./MGM/Scott Rudin Prod./Yellow Bird Films/Film Rites/Ground Control
Länge: 158 Minuten
FSK: ab 16; f
Kinostart: 12.01.2012
Kinoverleih: Sony

Darsteller: Daniel Craig (Mikael Blomkvist), Rooney Mara (Lisbeth Salander), Robin Wright (Erika Berger), Stellan Skarsgård (Martin Vanger), Christopher Plummer (Henrik Vanger), Joely Richardson (Anita Vanger), Embeth Davidtz (Annika Blomkvist), Goran Visnjic (Dragan Armansky), (Christer Malm), Elodie Yung (Miriam Wu), Julian Sands (junger Henrik Vanger), Geraldine James (Cecilia Vanger), Steven Berkoff (Dirch Frode); Produzent: Ceán Chaffin, Scott Rudin, Søren Stærmose, Ole Søndberg, Berna Levin; Regie: David Fincher; Drehbuch: Steven Zaillian; Kamera: Jeff Cronenweth; Musik: Trent Reznor, Atticus Ross; Schnitt: Kirk Baxter, Angus Wall; Vorlage: Stieg Larsson

Inhalt

Ein Journalist und eine Hackerin spüren den düsteren Geheimnissen einer großbürgerlichen schwedischen Familie nach und geraten in einen Sumpf aus Mord und Gewalt, der bis in die Nazi-Zeit zurückreicht. Weniger eine Verfilmung des Kriminalromans von Stieg Larsson als ein filmisch weiter verdichtetes Remake der schwedischen Kinoadaption von Niels Arden Oplev (2009), die dank der konsequenteren und stimmungsvolleren visuellen Umsetzung sowie der klugen Gewichtung der Erzählstränge noch über diese hinausgeht. Eine ebenso spannende wie vielschichtige Reise in die Untiefen der bürgerlichen Gesellschaft.

Quelle: Filmlexikon

______________________________________________________________________________________________________

Sie benötigte freilich einen Vorwand, um an seine Tür zu klopfen. Sie hatte ihm kein Weihnachtsgeschenk gegeben, wusste aber, was sie ihm kaufen wollte. In einem Trödelladen hatte sie ein paar alte Reklameschilder aus Blech aus den fünfziger Jahren gefunden, auf denen die Figuren in Halbreliefs hervortraten. Eines der Schilder stellte Elvis Presley dar, die Gitarre auf der Hüfte und daneben eine Sprechblase mit dem Text Heartbreak Hotel. Zwar hatte Lisbeth nicht das geringste Gespür für Inneneinrichtung, aber sogar ihr war klar, dass dieses Schild perfekt in die Hütte in Sandhamn passen würde. Es kostete 780 Kronen, und rein aus Prinzip handelte sie den Preis auf 700 herunter. Sie ließ es sich einpacken, nahm es unter den Arm und spazierte damit zu seiner Wohnung in der Bellmansgata.

Auf der Hornsgata warf sie zufällig einen Blick in die Kaffeebar und sah plötzlich Mikael mit Erika im Schlepptau herauskommen. Er sagte etwas, woraufhin Erika lachte, ihm die Arme um die Taille legte und ihm einen Kuss auf die Wange gab. Sie verschwanden über die Brännkyrkagata in Richtung Bellmansgata. Ihre Körpersprache ließ keinen Zweifel daran, was sie im Sinn hatten.

Der Schmerz war so jäh und brutal, dass Lisbeth innehielt – unfähig auch nur einen einzigen weiteren Schritt zu tun. Ein Teil von ihr wollte ihnen hinterherlaufen. Am liebsten hätte sie das Blechschild genommen, um mit der scharfen Kante Erikas Kopf zu spalten. Sie unternahm gar nichts, während die Gedanken durch ihren Kopf rasten. Konsequenzanalyse. Schließlich beruhigte sie sich wieder.

Salander, du bist so ein peinliches Rindvieh, sagte sie laut zu sich selbst.

Sie drehte sich auf dem Absatz um und ging nach Hause in ihre frisch geputzte Wohnung. Als sie am Zinkensdamm vorbeikam, begann es zu schneien. Den Elvis Presley warf sie in einen Müllcontainer.

Stieg Larsson, „Verblendung“

Drei Bauern auf dem Weg zum Tanz

Delaney, der ein lebendiges Geschöpf witterte, das er quälen konnte, fiel aus dem Nichts über Peter her, eine große, eiförmige, in eine wehende Strickjacke gehüllte Gestalt, die auf dem Tisch alle Papiere durcheinanderwirbelte. Mays machte sich auf das Schlimmste gefasst, aber Dougo verzichtete auf die übliche Varieténummer und beschnüffelte nur die Habseligkeiten seines Kollegen. Er nahm eine der Münzen hin, beäugte sie misstrauisch und ließ dann eine Hand auf den Tisch knallen wie der Teilnehmer einer Quiz-Show, der hastig auf den Antwortknopf drückt.

„Henry Ford.“

Er ahmte einen Gong nach und belohnte sich selbst mit der Münze.

„Und diese drei Bauerntrottel…“

Er griff nach dem Abzug, der sich dort befand, wo andere die Fotos Verstorbener oder naher Angehöriger aufstellten.

„… sind Stalin, Churchill und Roosevelt auf Jalta.“

Moseleys Pflanzenbarrikade raschelte, und durch eine Lücke im Laub spähte die seltene Spezies, um die sich alles drehte: Mays war auf jeder Seite – unmittelbar hier, im Trading Floor am anderen Ende der Stadt, ja sogar auf einem entlegenen Weg in einem Jahrzehnt, das nur noch durch einen günstigen, überall erhältlichen Silberhalogenid-Abzug zugänglich war – von der flüchtigsten und universalsten, stets auf Hilfe angewiesenen und unausrottbaren Größe umgeben: dem Mitmenschen.

Richard Powers, „Drei Bauern auf dem Weg zum Tanz“

Der schwarze Steg

Gerade jetzt ist er hier, denkt sie. Ich werde versuchen, ihn nicht so festzuhalten, dass er sich losreißen will. Ich werde mich darüber freuen.

Dass er jetzt hier ist.

Asa Larsson, „Der schwarze Steg“

Asa Larsson besitzt anscheinend die Gabe, mit jeder vollbrachten Geschichte die vorherige noch einmal zu übertreffen. Was ich der gelernten Steueranwältin anfangs gar nicht zutrauen wollte. Neben Zahlen, Daten, Fakten beherrscht sie offensichtlich auch die Fähigkeit, sich in einer Weise in die diversen Protagonisten ihrer Romane einzufühlen, die weit über das bloße Beschreiben von Charakteren hinaus geht. Seelenzustände werden so assoziativ heraufbeschworen, dass man sich mittendrin wähnt in den mannigfaltigsten Persönlichkeitsgeflechten. Alles frei von Stereotypen, wo die Guten auf der einen, die Bösen auf der anderen Uferböschung stehen. „Der Schwarze Steg“ ist nicht nur ein spannender Krimi mit einem hochkomplexen Plot sondern auch eine Metapher für den schmalen Grat, auf dem jede der handelnden Figuren auf ihre Art mit dem Leben jongliert.

Sonnensturm

Sven-Erik verabschiedete sich und verschwand in der anderen Richtung. Mans drückte auf den Fahrstuhlknopf, und die Tür öffnete sich mit einem leisen „Pling“. Er fluchte, als er mit dem Bett gegen die Fahrstuhlwand stieß. Er streckte die Hand nach dem Tropf aus und hielt zugleich den einen Fuß vor die Fotozelle, damit die Tür noch offen blieb. Von der vielen Gymnastik war er schon ganz außer Atem. Er sehnte sich nach einem Whiskey. Er sah Rebecka an. Sie hatte die Augen geschlossen. Vielleicht war sie eingeschlafen.

„Willst du dir das gefallen lassen?“, fragte er grinsend. „Dich von einem alten Kerl durch die Gegend schieben zu lassen?“

Aus einem Lautsprecher in der Decke war eine mechanische Stimme zu hören: „Ebene drei“, und die Fahrstuhltür öffnete sich.

Rebeckas Augen öffneten sich nicht.

Schieb du nur, dachte sie. Ich kann mir keine großen Ansprüche leisten. Ich muss nehmen, was ich kriegen kann.

Asa Larsson, „Sonnensturm“

Western und Krimis, die im Schnee spielen, üben einen ganz besonderen Reiz aus auf mich. In diesem hier fällt so viel Schnee, dass ich es schon fast rieseln hörte, wenn ich mich in der Stille der Nacht seiner Lektüre widmete. Anna-Maria Mella, die ermittelnde Kommissarin, die noch dazu hochschwanger ist, hat einen netten Ehemann, der ihr den Weg frei schaufelt. Sie bringt zum Schluss unter den obligatorischen Schmerzen sogar ihr Baby zur Welt. Rebecka dagegen muss sich ihren Weg frei schießen. Drei Priester einer dubiosen Glaubensgemeinschaft sind es, die in die weiße Pracht beißen. Und das Bild von Blut, das auf Schnee vergossen wird, vergisst man nicht so schnell.

Zum Glück verkündet die Autorin gleich in ihrer Danksagung, dass Rebecka Martinsson wieder auftauchen wird. Der Name „Rebecka“ stammt übrigens aus der Tora: Die Frau Isaaks heißt dort Rebekka (hebr. רבקה Rivkah), mit der Bedeutung ‚ die Bestrickende‘ oder ‚die Verbindung Schaffende‘.

Ich trenne mich nur ungern von Romanfiguren, die so bestrickend sind wie diese Rebecka Martinsson. Noch dazu wenn sie einem den Schlaf rauben und nur um ein Haar überleben. Deshalb liegt auch die „Weiße Nacht“ schon bereit.

Totengleich

Eines hoffe ich: dass sie nie stehen geblieben ist. Ich hoffe, als ihr Körper nicht mehr weiterlaufen konnte, hat sie ihn zurückgelassen, wie alles andere, was je versucht hat, sie festzuhalten, ich hoffe, dass sie das Pedal bis zum Anschlag durchgetreten hat und wie der Wind davongefegt ist, durch die Nacht die Highways hinunter, beide Hände vom Lenkrad gehoben und den Kopf im Nacken, dass sie hinauf in den Himmel geschrien hat wie ein Luchs, weiße Linien und grüne Lichter, die in die Dunkelheit hinein davonjagen, ihre Reifen nur Millimeter über dem Boden und das Gefühl von Freiheit, das ihr den Rücken hochzischt. Ich hoffe, jede Sekunde, die sie hätte haben können, ist wie ein Sturmwind durch das Cottage gerauscht: Schleifen und salzige Gischt, ein Ehering und Chads Mutter, die vor Rührung weint, Sonnenfältchen und Galoppaden durch wildes rotes Buschwerk, der erste Zahn eines Babys und seine Schulterblätter wie winzige Flügel in Amsterdam Toronto Dubai; Weißdornblüten, die durch Sommerluft wirbeln, Daniels Haar, das grau wird unter hohen Decken und Kerzenflammen, und die zauberhaften Klänge von Abbys Gesang. Die Zeit tut so viel für uns, hat Daniel einmal zu mir gesagt. Ich hoffe, in jener halben Stunde hat sie all ihre unzähligen Leben gelebt.

Tana French, „Totengleich“

Der Duft von Kaffee und Kardamom

Eine Stewardess kam auf mich zu und fragte: „Kaffee?“ Ich lächelte mit weinenden Augen. Ich nickte ihr ein Ja zu. Und dann trank ich den ersten Schluck aus meiner ersten Kaffeetasse in der ersten Minute im ersten Himmel, während Mohammed Abdu in meinen Ohren sang:

„Die Handflächen Riads… Zöpfe, aus lauter Buchstaben geflochten…“

Badreya El-Beshr, „Der Duft von Kaffee und Kardamom“

In the Woods

Ich zündete mir auch eine Zigarette an und sah den Arbeitern zu. Das Metallding hatte einen dünnen roten Abdruck in meiner Handfläche hinterlassen. Zwei Kinder, vielleicht acht oder neun, lagen bäuchlings quer über der Siedlungsmauer. Die Arbeiter fuchtelten mit den Armen und brüllten über den Maschinenlärm hinweg, bis die Kinder verschwanden, doch kurz darauf waren sie wieder da. Die Protestler spannten Schirme auf und reichten Sandwiches herum. Ich schaute lange Zeit zu, bis mein Handy anfing, hartnäckig in meiner Tasche zu vibrieren, und der Regen heftiger wurde. Dann machte ich meine Zigarette aus, knöpfte mir die Jacke zu und ging zurück zu meinem Wagen.

Tana French, „Grabesgrün“

Nachtzug nach Lissabon

„Was ist, wenn sie etwas Schlimmes finden?“ fragte Gregorius. „Etwas, durch das ich mich verliere?“

Der Grieche sah ihn an. Es war ein ruhiger und fester Blick.

„Ich habe einen Rezeptblock“, sagte er.

Schweigend fuhren sie in der Dämmerung zur Klinik. Das Leben ist nicht das, was wir leben; es ist das, was wir uns vorstellen zu leben, hatte Prado geschrieben.

Doxiades gab ihm die Hand. „Alles ganz harmlos, wahrscheinlich“, sagte er, „und der Mann ist, wie gesagt, der Beste.“

Vor dem Eingang der Klinik drehte sich Gregorius um und winkte. Dann ging er hinein. Als sich die Tür hinter ihm schl0ß, begann es zu regnen.

 

Pascal Mercier, „Nachtzug nach Lissabon“

Tagebuch 1946 – 1949

Auch wer ein Tagebuch schreibt, glaubt er nicht an den Zufall, der ihm die Fragen stellt, die Bilder liefert, und jeder Mensch, der im Gespräch erzählt, was ihm über den Weg gekommen ist, glaubt er im Grunde nicht, daß es in einem Zusammenhang stehe, was immer ihm begegnet? Dabei wäre es kaum nötig, daß wir, um die Macht des Zufalls zu deuten und dadurch erträglich zu machen, schon den lieben Gott bemühen; es genügte die Vorstellung, daß immer und überall wo wir leben, alles vorhanden ist: für mich aber, wo immer ich gehe und stehe, ist es nicht das vorhandene Alles, was mein Verhalten bestimmt, sondern das Mögliche, jener Teil des Vorhandenen, den ich sehen und hören kann. An allem übrigen, und wenn es noch so vorhanden ist, leben wir vorbei. Wir haben keine Antenne dafür; jedenfalls jetzt nicht; vielleicht später. Das Verblüffende, das Erregende jedes Zufalls besteht darin, daß wir unser eigenes Gesicht erkennen; der Zufall zeigt mir, wofür ich zur Zeit ein Auge habe, und ich höre, wofür ich eine Antenne habe. Ohne dieses einfache Vertrauen, daß uns nichts erreicht, was uns nichts angeht, und daß uns nichts verwandeln kann, wenn wir uns nicht verwandelt haben, wie könnte man über die Straße gehen, ohne in den Irrsinn zu wandeln? Natürlich läßt sich denken, daß wir unser mögliches Gesicht, unser mögliches Gehör nicht immer offen haben, will sagen, daß es noch manche Zufälle gebe, die wir übersehen und überhören, obschon sie zu uns gehören; aber wir erleben keine, die nicht zu uns gehören. Am Ende ist es immer das Fälligste, was uns zufällt.

Max Frisch, „Tagebuch 1946 – 1949“

Montauk

…Es freute sie, daß mich der Tabaksbeutel freute; genau der richtige, das dunkle Leder ist zärtlich anzufühlen. Wir beklagten es nicht, daß ich heute fliegen muß. Wir schauten bloß: die Möwen, die schwarzen Kähne mit dem Gischt, den sie vor sich her wälzten. Lynn blickte auf die Uhr, ich nahm die Hand von ihrer Schulter. Um uns zu küssen, waren wir aufgestanden. Leichter als jetzt, als wir über eine grelle Freitreppe gingen, kann man nicht gehen. Wir mußten jetzt nur noch den genauen Ort finden, wo man sich trennt, und auf den Verkehr achten; wir nahmen uns an der Hand, als wir die Avenue zu überqueren hatten, und liefen. FIRST AVE / 46TH STREET, das war der Punkt offenkundig, wir sagten: BYE, kußlos, dann ein zweites Mal mit erhobener Hand: HI. Nach einigen Schritten ging ich an die Ecke zurück, sah sie, ihre gehende Gestalt; sie drehte sich nicht um, sie blieb stehen, und es dauerte eine ganze Weile, bis sie die Straße überqueren konnte.

Max Frisch, „Montauk“

Homo Faber

Diskussion mit Hanna! – über Technik (laut Hanna) als Kniff, die Welt so einzurichten, daß wir sie nicht erleben müssen. Manie des Technikers, die Schöpfung nutzbar zu machen, weil er sie als Partner nicht aushält, nichts mit ihr anfangen kann; Technik als Kniff, die Welt als Widerstand aus der Welt zu schaffen, beispielsweise durch Tempo zu verdünnen, damit wir sie nicht erleben müssen. (Was Hanna damit meint, weiß ich nicht.) Die Weltlosigkeit des Technikers. (Was Hanna damit meint, weiß ich nicht.) Hanna macht keine Vorwürfe, Hanna findet es nicht unbegreiflich, daß ich mich gegenüber Sabeth so verhalten habe; ich habe (meint Hanna) eine Art von Beziehung erlebt, die ich nicht kannte, und sie mißdeutet, indem ich mir einredete, verliebt zu sein. Es ist kein zufälliger Irrtum gewesen, sondern ein Irrtum, der zu mir gehört (?) wie mein Beruf, wie mein ganzes Leben sonst. Mein Irrtum: daß wir Techniker versuchen, ohne den Tod zu leben. Wörtlich: Du behandelst das Leben nicht als Gestalt, sondern als bloße Addition, daher kein Verhältnis zur Zeit, weil kein Verhältnis zum Tod. Leben sei Gestalt in der Zeit. Hanna gibt zu, daß sie nicht erklären kann, was sie meint. Leben ist nicht Stoff, nicht mit Technik zu bewältigen. Mein Irrtum mit Sabeth: Repetition, ich habe mich so verhalten, als gebe es kein Alter, daher widernatürlich. Wir können nicht das Alter aufheben, indem wir weiter addieren, indem wir unsere eigenen Kinder heiraten.

Ich verstehe nur, daß Hanna, nach allem was geschehen ist, Athen nie wieder verlassen will, das Grab unseres Kindes. Wir beide werden hier bleiben, denke ich. Ich verstehe auch, daß sie ihre Wohnung aufgab mit dem leeren Zimmer; es ist Hanna schon schwer genug gefallen, das Mädchen allein auf die Reise gehen zu lassen, wenn auch nur für ein halbes Jahr. Hanna hat immer schon gewußt, daß ihr Kind sie einmal verlassen wird; aber auch Hanna hatte nicht ahnen können, daß Sabeth auf dieser Reise gerade ihrem Vater begegnet, der alles zerstört –

 

08.05 Uhr

Sie kommen.

Max Frisch, „Homo Faber“

Stiller

„Ihre Haare sind rot, der gegenwärtigen Mode entsprechend sogar sehr rot, jedoch nicht wie Hagebutten-Konfitüre, eher wie trockenes Mennig-Pulver. Sehr eigenartig. Und dazu ein sehr feiner Teint; Alabaster mit Sommersprossen. Ebenfalls sehr eigenartig, aber schön. Und die Augen? Ich würde sagen: glänzend, sozusagen wässerig, bläulich-grün wie die Ränder von farblosem Fensterglas. Leider hat sie die Augenbrauen zu einem dünnen Strich zusammenrasiert, was ihrem Gesicht eine graziöse Härte gibt, aber auch etwas Maskenartiges, eine fixierte Mimik von Erstauntheit. Sehr edel wirkt die Nase zumal von der Seite, viel unwillkürlicher Ausdruck in den Nüstern. Ihre Lippen sind für meinen Geschmack etwas schmal, nicht ohne Sinnlichkeit, doch muß sie zuerst erweckt werden. Ihre offenen Haare sind köstlich, duftig, seidenlicht. Ihre Schneidezähne sind vortrefflich, nicht ohne Plomben, sonst aber von einem schönen Perlmutterglanz. Ich betrachtete sie wie einen Gegenstand; ein Weib, ein fremdartiges, irgendein Weib“ … Genau so lag sie auf dem Totenbett, und ich hatte plötzlich das ungeheure Gefühl, Stiller hätte sie von allem Anfang an nur als Tote gesehen, zum erstenmal auch das tiefe unbedingte, von keinem menschlichen Wort zu tilgende Bewußtsein seiner Versündigung.

Das Bild der Toten war so viel stärker als alles, was ich mit offenen Augen zu sehen vermochte; als Bild eines vergangenen Wesens, das in seiner Zeit von niemand erkannt worden ist, am allerwenigsten von dem, der mit seiner menschlichen Liebe um sie gerungen hat. Schon nach einer Viertelstunde kam Stiller zurück, um sich neben mich in den Wagen zu setzen. „Sie ist schön“, sagte er…

Wir sahen einander dann und wann; seine nächtlichen Anrufe blieben aus, und seine Briefe waren karg. Stiller blieb in Glion und lebte allein.

Max Frisch, „Stiller“

Schändung

Er fühlte, wie alle seine Bewegungen auf Slow Motion heruntergefahren wurden. Als schüttelte er ewig lange den Kopf. Als arbeitete seine Lunge wie ein undichter Blasebalg. Weißt du was, Carl?, hatte sie gefragt, und egal, was die Frage beinhaltete, er wollte die Antwort nicht wissen. Sie sollte nur ewig so sitzen bleiben, mit der Frage auf ihren Lippen, die er fürs Leben gern küssen würde. Wenn sie die Antwort auf ihre eigene Frage bekam, blieb nur noch wenig Zeit, bis ihr Duft eine Erinnerung war und der Anblick ihrer Augen vollständig unwirklich.

„Nein, weiß ich nicht“, sagte er zögernd.

Sie legte ihre Hand auf seine. „Du bist einfach wunderbar“, sagte sie und beugte sich zu ihm, sodass ihr Atem seinen traf.

Sie ist wunderbar, dachte er, als das Telefon klingelte und sie darauf bestand, dass er abnahm.

„Vigga hier!“ Unüberhörbar die Stimme seiner weggelaufenen Frau. „Jesper hat angerufen. Er sagt, er will bei mir einziehen“, empörte sie sich, und das Gefühl von Paradies, das sich gerade in Carl breitgemacht hatte, wurde brutal vertrieben.

„Aber das geht auf gar keinen Fall, Carl. Völlig unmöglich! Darüber müssen wir reden. Bin auf dem Weg zu dir. In zwanzig Minuten bin ich da. Bis dann.“

Er wollte protestieren. Aber Vigga hatte schon aufgelegt.

Carl sah in Monas bezaubernde Augen und lächelte entschuldigend.

Das war sein Leben, auf den Punkt gebracht.

Jussi Adler Olsen, „Schändung“

Erbarmen

„Danke, Uffe“, sagte sie leise und richtete dann den Blick auf Carl.

Und Carl spürte, wie der Druck in der Brust allmählich nachließ.

Jussi Adler Olsen, „Erbarmen“

Das Spiel des Engels

…Ich umarmte sie ein letztes Mal und schaute ihr schweigend in die Augen. Unterwegs hatten wir vereinbart, dass es keine Abschiedsszene, keine feierlichen Worte oder Versprechungen geben würde. Als von Santa María del Mar die Mitternachtsschläge herüberdrangen, ging ich an Bord. Kapitän Olmo hieß mich willkommen und erbot sich, mir meine Kajüte zu zeigen. Ich wollte lieber noch warten. Die Besatzung löste die Taue, und langsam entfernte sich der Rumpf von der Mole. Ich stellte mich aufs Achterdeck und sah zu, wie die Stadt in einer Lichterflut zurückblieb. Isabella stand reglos da, ihren Blick auf meinen geheftet, bis sich die Mole in der Dunkelheit verlor und Barcelona als große Fata Morgana ins schwarze Wasser eintauchte. Eines nach dem anderen erloschen die Lichter der Stadt in der Ferne – und ich merkte, dass ich bereits begonnen hatte, mich zu erinnern.

Carlos Ruiz Zafón, „Das Spiel des Engels“

Stille Tage in Clichy

Ich erwachte mit dem Geräusch zwitschernder Vögel in den Ohren. Das Zimmer war nicht mehr von einem wässrigen Nebel verschleiert, sondern klar und erkennbar. Auf meinem Schreibtisch stritten zwei Spatzen  um eine Brotkrume. Ich stützte mich auf den Ellbogen und beobachtete, wie sie zum Fenster flatterten, das geschlossen war. Sie flogen in die Diele, dann wieder zurück, wie wild nach einem Ausgang suchend.

Ich stand auf und öffnete das Fenster. Sie flogen weiter wie betäubt im Zimmer umher. Ich verhielt mich ganz ruhig. Plötzlich schossen sie durch das offene Fenster. „Bonjour, Madame Oursel“, piepsten sie.

Es war heller Mittag, ungefähr der dritte oder vierte Frühlingstag…

Henry Miller, „Stille Tage in Clichy“

Und ich schüttelte einen Liebling

…, und sie schnitt die nassen Pfingstrosen und sagte, die weiszen und rosaroten verströmen Pracht und Duft nicht die tiefroten. Das Atemwäldchen tropfte und taute grünes Blut, wir saszen da und hielten uns an der Hand heute morgen hörte ich zwei Gedichte von Reiner Kunze, verzweifelt, die sich verzweigen in meiner Brust, vorher und nachher geweint weil die Welt so verlassen, Sonntag früh, kahler Morgen –

Friederike Mayröcker, „Und ich schüttelte einen Liebling“

Die Verwandlung

…Und es war ihnen wie eine Bestätigung ihrer neuen Träume und guten Absichten, als am Ziele ihrer Fahrt die Tochter als erste sich erhob und ihren jungen Körper dehnte.

Franz Kafka, „Die Verwandlung“