Dora Bruder

Vor acht Jahren stieß ich in einer alten Zeitung, dem Paris-Soir vom 31. Dezember 1941, auf Seite drei zufällig auf eine Rubrik „Zwischen gestern und heute“. Ganz unten las ich:

Dora Bruder

Es dauert lange, bis das, was ausgelöscht worden ist, wieder ans Licht kommt. Spuren bestehen noch in Registern fort, und man weiß nicht, wo sie versteckt sind und welche Hüter über sie wachen und ob diese bereit sein werden, sie einem zu zeigen. Oder vielleicht haben die Hüter ganz einfach vergessen, daß es diese Register einmal gab.

Es genügt ein wenig Geduld.

….

Doch ich bin geduldig. Ich kann stundenlang im Regen warten.

Patrick Modiano, „Dora Bruder“

Naokos Lächeln

1. KAPITEL

Ich war siebenunddreißig Jahre alt und saß in einer Boeing 747. In ihrem Anflug auf Hamburg tauchte die riesige Maschine in eine dichte Wolkenschicht ein. Trüber, kalter Novemberregen hing über dem Land und ließ die Szenerie wie ein düsteres flämisches Landschaftsbild erscheinen: die Arbeiter in ihren Regenmänteln, die Fahnen auf dem flachen Flughafengebäude, die BMW-Reklametafeln. Ich war also wieder einmal in Deutschland.

Ich richtete mich auf, sah aus dem Fenster auf die dunklen Wolken, die von der Nordsee herüberzogen, und dachte an all die Verluste, die ich in meinem Leben schon erlitten hatte. Verlorene Zeit, Menschen, die gestorben waren oder mich verlassen hatten, Gefühle, die nie mehr wiederkehren würden.

Mit der Erinnerung ist es eine seltsame Sache. Als ich tatsächlich mit beiden Füßen in dieser Landschaft stand, hatte ich ihr kaum Beachtung geschenkt. Nie hätte ich gedacht, daß sie einen solchen Eindruck hinterlassen würde, und schon gar nicht, daß ich mich nach achtzehn Jahren noch bis in jede Einzelheit an sie erinnern würde. Erhrlich gesagt, mir war die Landschaft an jenem Tag völlig egal. Ich dachte an mich, an das schöne Mädchen an meiner Seite, ich dachte an uns beide und dann wieder an mich selbst. In jenem Alter kehrte alles, was ich sah, was ich fühlte, was ich dachte, am Ende wie ein Bumerang stets zu meiner eigenen Person zurück. Noch dazu war ich verliebt. Und diese Liebe hatte mich in eine entsetzlich komplizierte Lage gebracht. Schon deshalb gab es für so etwas wie eine Landschaft keinen Platz in meinem Kopf.

Und doch kommt mir, wenn ich heute zurückdenke, als erstes die Wiese in den Sinn. Der Duft des Grases, die Brise mit ihrem Anflug von Kühle, die Hügelkette, das Hundegebell. Alles ist ganz deutlich, so deutlich, als müßte ich nur die Hand ausstrecken, um es zu berühren. Aber in dieser Szenerie gibt es keine Menschen. Niemanden. Naoko nicht und mich auch nicht. Was wohl aus uns geworden ist? Wie konnten wir einfach so verschwinden? Alles, was mir damals so wichtig schien – Naoko, ich und meine damalige Welt: Wohin sind sie nur verschwunden? Dabei kann ich mich ja kaum noch an Naokos Gesicht erinnern. Geblieben ist mir nur dieses menschenleere Bild.

Ähnlich wie Schatten in der Dämmerung allmählich immer länger werden, bis die Dunkelheit sie ganz verschluckt, entfernte sich mein Gedächtnis tatsächlich immer weiter von Naoko, ebenso wie es sich immer weiter von meinem damaligen Ich zu entfernen schien. Allein die Landschaft, die Wiese im Oktober, spulte sich wie eine Schlüsselsequenz in einem Film immer wieder vor meinem inneren Auge ab, drängte sich stets von neuem in mein Bewußtsein. Und jedesmal, wenn diese Landschaft in meinem Kopf erschien, versetzte sie mir einen Stoß. He, wach auf, ich bin noch da, wach auf, wach auf und überleg dir den Grund dafür, überleg dir, warum ich noch da bin…

Haruki Murakami, „Naokos Lächeln“

Letzte Einkehr

GEHEIMDATEI

2001

1. Januar 2001 Neujahr. Das alte war schwer und ziemlich unproduktiv, mit garstigen Krankheiten gescheckt, von denen eine lebenslänglich bedeutet (Parkinson) und diese bezaubernde Handschrift zur Folge hat; aber sie mahnt mich, daß der Tod nahe ist und also das Leben, das heißt die Arbeit pressiert. – Vor zwei Tagen habe ich mir eine elektronische Schreibmaschine (Laptop) angesehen und beschlossen, mir diese technische Errungenschaft zu eigen zu machen; ich sehe dem mit Aufregung entgegen, denn eine andere Lösung gibt es ohnehin nicht – und wie gut, daß es diese gibt. Der langweiligen Kaste der Erfinder Dank und Respekt!

Imre Kertész, „Letzte Einkehr, Tagebücher 2001-2009“

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Ein Geschenk von Kathe.

Alles, was ist

1. Tagesanbruch

Die ganze Nacht hindurch, im Dunkel, preschte das Wasser vorbei.

Reihe um Reihe lagen Hunderte von Männern schweigend übereinander in den eisernen Kojen unter Deck, viele mit dem Gesicht nach oben, die Augen noch offen, obwohl fast Morgen war. Die Lichter waren gedämpft, die Motoren dröhnten unaufhörlich, die Ventilatoren zogen feuchte Luft, fünfzehnhundert Mann mit Tornistern und Waffen, schwer genug, um sie geradewegs auf den Grund zu ziehen, als würde ein Amboss ins Meer fallen, ein Teil der riesigen Flotte mit Kurs auf Okinawa, der großen Insel südlich von Japan. Im Grunde war Okinawa Japan, das fremde, unbekannte Land. Der Krieg, der seit dreieinhalb Jahren andauerte, befand sich in seinem Schlussakt. In einer halben Stunde würden die ersten Männer sich zum Frühstück aufreihen, es im Stehen essen, Schulter an Schulter, ernst, ohne zu sprechen. Das Schiff bewegte sich ruhig durch das Wasser, hier und da ein dumpfes Geräusch. Der Stahlrumpf knarrte.

James Salter, „Alles, was ist“

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Arbeitshypothesen

Die Trauerweide, die in ihrer ganzen Überlebensgröße am anderen Ufer aufragt und zugleich in einem Tränenweiher zu zerfließen droht. Kleine Lauben, die sich unter Zweigen und Verästelungen auftun und schließen wie barocke Boudoirs. Verlassene Parkbänke. Letzte Rosen. Erste gelbe Blätter.

Ich soll viel spazieren gehen. Nun gut. Mache ich das also. Wenngleich es mich Überwindung kostet ob der Einsamkeit, die mir auf Schritt und Tritt auflauert. Einerseits. In der Natur der Sache liegt es andererseits, dass mich zuweilen gewaltige Bilder übermannen, bei deren Anblick einem das eigene Leben plötzlich nichtig und klein erscheint. Das tut gut und ist wahrscheinlich Sinn und Zweck des Unterfangens.

Im Bücherschrank meiner Mutter dann „Das Buch von Blanche und Marie“ entdeckt, das ich ihr offensichtlich einmal geschenkt habe. Natürlich in der Absicht, es irgendwann auch selber zu lesen. Jetzt erinnere ich mich wieder. Dinge geraten in Vergessenheit und tauchen wieder auf. Alles treibt. Im Fluss der ewigen Wiederkehr.

>Amor Omnia Vincit< – die Liebe überwindet alles – hatte sie auf den Deckel der braunen Mappe geschrieben, in der die drei Notizbücher liegen; darüber stand, kräftiger und in Druckbuchstaben, der Titel FRAGEBUCH. Als sollten zwei Haltungen erprobt werden: die obere kraftvoll, optimistisch und vollkommen neutral, die untere spröde, vorsichtig, beinah flehend. Als habe sie sagen wollen, daß dies der Ausgangspunkt ist, es kann wahr sein, oh, wenn es nur wahr wäre.

Die Liebe überwindet alles. Wider besseres Wissen, aber trotzdem. Es tut ein bißchen weh, es zu sehen, oh, wäre es nur wahr, oh, wenn es doch wahr wäre. Alles sehr angestrengt sachlich und korrekt, bis der Ton bricht. Ein gelbes Heft, ein schwarzes – unvollständig oder zensiert – und ein rotes. Zusammen ein Fragebuch, das von Blanche und Marie handelt. Mehr nicht.

Man muß das akzeptieren.

Die Liebe überwindet alles, als Arbeitshypothese, oder innerster Schmerzpunkt.

Per Olov Enquist, „Das Buch von Blanche und Marie“

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Sand

ERSTES BUCH: DAS MEER

I. TARGAT AM MEER

Wir schicken jedes Jahr – und scheuen dabei weder Leben noch Geld – ein Schiff nach Afrika, um Antwort auf die Fragen zu finden: Wer seid ihr? Wie lauten eure Gesetze? Welche Sprache sprecht ihr? Sie aber schicken nie ein Schiff zu uns.

Herodot

Auf der Lehmziegelmauer stand ein Mann mit nacktem Oberkörper und seitlich ausgestreckten Armen, wie gekreuzigt. Er hatte einen verrosteten Schraubenschlüssel in der einen Hand und einen blauen Plastikkanister in der anderen. Sein Blick fiel über Zelte und Baracken, Müllberge und Plastikplanen und die endlose Wüste hinweg auf einen Punkt am Horizont, über dem in Kürze die Sonne aufgehen musste.

Als es so weit war, schlug er Schraubenschlüssel und Plastikkanister gegeneinander und rief: „Meine Kinder! Meine Kinder!“

Wolfgang Herrndorf, „Sand“

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Das Buch der Gleichnisse

Kapitel 1

Das Gleichnis vom wiedergefundenen Notizblock

Dem Arbeitsbuch zufolge ist er ihr nur dreimal begegnet.

Das erste Mal an einem Sonntagnachmittag im Juli 1949, da benutzt er die rätselhafte Bezeichnung „die Frau auf dem astfreien Kiefernholzboden“. Das zweite Mal am 22. August 1958, in Södertälje. Das dritte Mal im November 1977.

Er hatte offenbar versprochen, niemals etwas zu erzählen, niemandem.

Aber inzwischen sind ja so viele Jahre vergangen. Da kann es jetzt auch egal sein.

Per Olov Enquist, „Das Buch der Gleichnisse“

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Himmel, der nirgendwo endet

Himmel, der nirgendwo endetMeine Tochter hat mir ein Bild geschickt. Aus Berlin. Dabei musste ich sofort an Tanjamarias Raum der Möglichkeiten denken. Das Lebensgefühl, das es mir vermittelt, erinnert mich zudem an meine Zeit in New York, die mir heute wie ein Traum erscheint. Wie die Erinnerung an einen Trip, aus dem ich nicht viel retten konnte über den großen Teich. In ein Leben, dessen Grenzen, nüchtern betrachtet, mir mittlerweile so eng gezogen erscheinen, dass ich mich tagtäglich frage, ob sie sich wohl noch einmal sprengen lassen. Gleichzeitig bin ich müde. Überanstrengt. Die Kräfte reichen gerade einmal, um den Anforderungen des Alltags standzuhalten.

Eigentlich wollte ich in dieser Woche Urlaub „Kleine Lichter“ von Roger Willemsen lesen, aber nach den ersten Zeilen musste ich es wieder weg legen.

Hier endet meine Reise zu den Männern. Sie endet bei dir…

Und stör dich nicht daran, dass ich ein Wort so verschwenderisch gebrauche, mit dem du so geizig warst. Ich will dir die Liebe erklären, wie man den Krieg erklärt. Das heißt, die Liebe kann ich dir nicht erklären, nur meine. Ich erkläre sie dir in alten Vokabeln. Es geht nicht anders: Wer liebt, wechselt das Jahrhundert.

Wunderbare Worte. Weiterlesen konnte ich dennoch nicht. Immerhin zeigt das Buchcover Gerhard Richters Lesende. So bin ich bei Vermeer gelandet und all den anderen Lesenden begegnet, und Vermeer fand ich auch bei Teju Cole, der sehr gepflegt zu erzählen weiß von seinen Spaziergängen und was ihm auf seinen Wegen so alles begegnet. Gepflegt aber bisweilen ein bisschen flach, denke ich manchmal, wenn ich zwischen den Zeilen etwas vom New York State of Mind suche, wie ich ihn im Kopf habe oder es der Klappentext verkündet, und mich auf jeder Seite ein Gefühl begleitet, als müsse es jetzt endlich in medias res gehen. Tut es aber nicht. Der Reiz dieses Buches liegt ganz in seiner Bewegung. Im Gehen, sich treiben lassen. Nicht im Verweilen:

Wie flüchtig doch die Empfindung von Glück war, wie wackelig ihre Grundlage: ein warmes Restaurant, wenn man aus dem Regen kommt, der Duft von Essen und Wein, ein interessantes Gespräch, Tageslicht, das sich schwach in den polierten Kirschholzplatten der Tische spiegelt. Der Übergang von einem Gefühlszustand zum anderen war so mühelos wie der Zug eines Schachspielers. Allein das Bewusstsein, einen Moment des Glückes zu erleben, schmälerte dies schon, war ein solcher Zug auf dem Schachbrett…

Mit einem Reflex ein Baby gerettet, ein Moment des Glücks; eine Begegnung mit Ruandern, mit Überlebenden, ein Moment der Traurigkeit; der Gedanke, dass wir letztendlich anonym blieben, noch mehr Traurigkeit, die Erfüllung von sexuellem Verlangen, komplikationslos, noch ein Moment des Glücks – und so ging es weiter, ein Gedanke folgte auf den anderen. Wie belanglos schien das menschliche Dasein, das uns in den immerwährenden Kampf zwang, unser Innenleben zu regulieren, das hin und her geschoben wurde wie eine Wolke im Wind. Und auch diese Wahrnehmung registrierte der Verstand und wies ihr ihren Platz zu: eine kleine Traurigkeit…

Der Platz, den ich meinen Wahrnehmungen zuweise, ist zuweilen nicht ganz eindeutig. Der Arzt, der diese Woche über mein Bein strich, als würde er es streicheln, zum Beispiel, es begutachtete, als wäre es das schönste Bein der Welt – ein Glücksmoment und zugleich erfüllt von grenzenloser Traurigkeit.

Die Tochtertage dagegen – eine glückliche Zeit. Nur beim Knipsen auf dem Johannisfriedhof in Nürnberg ertappte ich mich dabei, wie ich so manches Motiv auf seine Blogtauglichkeit hin überprüfte. Blogst du noch oder lebst du schon, schoss es mir da durch den Kopf. Und: Life through a lens, wenn wir uns mittendrin gegenseitig ablichteten…

Life through a lens

Open City

Teil 1 Der Tod ist eine Vervollkommnung des Blickes

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Als ich also im vergangenen Herbst begann, abendliche Streifzüge durch die Stadt zu unternehmen, erwies sich Morningside Heights als guter Ausgangspunkt. Der Weg, der ausgehend von der Cathedral of St. John the Divine den Morningside Park durchquert, führt in nur fünfzehn Minuten zum Central Park. In die andere Richtung, nach Westen, sind es ungefähr zehn Minuten zum Sakura Park, und wenn man sich von dort nach Norden wendet, immer am Hudson River entlang, der aber wegen des Straßenlärms jenseits der Bäume nicht zu hören ist, kommt man nach Harlem. Diese Spaziergänge, ein Kontrapunkt zu meinen geschäftigen Tagen im Krankenhaus, wurden länger und länger und führten mich von Mal zu Mal weiter fort. Oft fand ich mich spätabends in großer Entfernung von zu Hause wieder und war gezwungen, die U-Bahn zurück zu nehmen. So drang New York City zu Beginn des letzten Jahres meiner Facharztausbildung zum Psychiater im Schritttempo in mein Leben ein.

Teju Cole, „Open City“

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Die Schwerelosen

Hüte dich! Spielst du Gespenst, bist du bald eins.

Anonym, aus der Kabbala

Der Mittlere weckt mich auf:

Weißt du, woher die Moskitos kommen, Mama?

Woher?

Aus der Dusche. Am Tag sind sie im Duschkopf, und nachts stechen sie uns.

*

Alles hat in einer anderen Stadt begonnen und in einem anderen Leben, vor diesem jetzt, aber nach jenem damals. Deshalb kann ich diese Geschichte nicht so schreiben, wie ich gerne möchte – als wäre ich noch dort und nur diese andere Person. Es fällt mir schwer, von Straßen und Gesichtern so zu sprechen, als begegnete ich ihnen noch täglich. Ich finde nicht die zutreffenden Zeiten für die Verben. Ich war jung, meine Beine waren kräftig und dünn.

(Ich hätte gerne so begonnen, wie Hemingways A Moveable Feast endet.)

Valeria Luiselli, „Die Schwerelosen“

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Es geht uns gut

Unmittelbar nach den schrecklichen Ereignissen, wie es nach jeder Katastrophe im Leben der Menschen früher oder später heißt – unmittelbar nach diesen schrecklichen Ereignissen, also, begegneten mir zwei Bücher, die ich eigentlich sofort lesen wollte. „Herr Kiyak dachte, jetzt fängt der schöne Teil des Lebens an“ von Mely Kiyak und „Krebs. Die unsterbliche Krankheit“ von Martin Bleif. Mittlerweile schleiche ich um die beiden wie eine Katze um den heißen Brei. Es hat mich eine Eishaut überzogen, die dünn ist. So dünn, dass sie vor jedem Tropfen Kondenswasser auf der Hut ist. Mely Kiyak und Martin Bleif habe ich deshalb in jenem mehrstöckigen Gebäude der Bücher, die danach schreien, gelesen zu werden, in eine tiefere Etage verbannt. Wo ich sie nicht mehr so laut hören kann. Vorerst.

Ein paar Stufen hinauf in diesem Gebäude kletterte dafür Valeria Luiselli. In meiner Buchhandlung entdeckte ich vor zwei Wochen einen kleinen feinen Bestand ihrer „Schwerelosen“. Der Verkauf geht nämlich weiter, obwohl gerade renoviert wird, und die Bücher dort in einem intermediären, notdürftig errichteten Stapelsystem, so weit das Auge reicht, einer neuen Ordnung harren. Nun. Offensichtlich geht es auch ohne, denn „Die Schwerelosen“ haben sich zwischenzeitlich verflüchtigt. Too late, Baby. Ich hätte beim ersten Mal zugreifen müssen.

Eine Weile mäanderte ich fadenlos durch das Labyrinth der Bücher, bis mir plötzlich der wunderbare Arno Geiger in die Hände fiel. Wobei: Was heißt schon plötzlich? Oder: Unerwartet. Eine meiner Lieblingslektüren im vergangenen Jahr war „Der alte König in seinem Exil“. Und auf meine Listen kann ich eigentlich setzten, was ich will, ich greife garantiert daneben.

Montag, 16. April 2001

Er hat nie darüber nachgedacht, was es heißt, daß die Toten uns überdauern. Kurz legt er den Kopf in den Nacken. Während er die Augen noch geschlossen hat, sieht er sich wieder an der klemmenden Dachbodentür auf das dumpf durch das Holz dringende Fiepen horchen. Schon bei seiner Ankunft am Samstag war ihm aufgefallen, daß am Fenster unter dem westseitigen Giebel der Glaseinsatz fehlt. Dort fliegen regelmäßig Tauben aus und ein. Nach einigem Zögern warf er sich mit der Schulter gegen die Dachbodentür, sie gab unter den Stößen jedesmal ein paar Zentimeter nach. Gleichzeitig wurde das Flattern und Fiepen dahinter lauter. Nach einem kurzen und grellen Aufkreischen der Angel, das im Dachboden ein wildes Gestöber auslöste, stand die Tür so weit offen, daß Philipp den Kopf ein Stück durch den Spalt stecken konnte. Obwohl das Licht nicht das allerbeste war, erfaßte er mit dem ersten Blick die ganze Spannweite des Horrors. Dutzende Tauben, die sich hier eingenistet und alles knöchel- und knietief mit Dreck überzogen hatten, Schicht auf Schicht wie Zins und Zinseszins, Kot, Knochen, Maden, Mäuse, Parasiten, Krankheitserreger (Tbc? Salmonellen?). Er zog den Kopf sofort wieder zurück, die Tür krachend hinterher, sich mehrmals vergewissernd, daß die Verriegelung fest eingeklinkt war.

Arno Geiger, „Es geht uns gut“

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Vom Ende einer Geschichte

ICH ERINNERE MICH in ungeordneter Reihenfolge an:

die schimmernde Innenseite eines Handgelenks;

aufsteigenden Dampf aus einem Spülbecken, in das lachend eine heiße Bratpfanne geworfen wird;

Spermaflatschen, die um ein Abflussloch in einem hohen Haus kreisen und dann ganz hinuntergespült werden;

einen widersinnig stromaufwärts brausenden Fluss, dessen Wogen und Wellen von den Strahlen mehrerer Taschenlampen verfolgt und erleuchtet werden;

einen anderen Fluss, breit und grau, bei dem ein steifer Wind die Wasserfläche aufwühlt und die Strömung verbirgt;

längst erkaltetes Badewasser hinter einer verschlossenen Tür.

Dieses letzte Bild habe ich nicht wirklich gesehen, aber am Ende ist das, was man in Erinnerung behält, nicht immer dasselbe wie das, was man beobachtet hat.

Wir leben in der Zeit – sie trägt und sie prägt uns -, aber ich hatte immer das Gefühl, sie nicht recht zu verstehen. Und damit meine ich nicht die Theorien, dass sie bisweilen kehrtmacht und rückwärts läuft oder womöglich anderswo in einer Parallelausgabe existiert. Nein, ich meine die ganz gewöhnliche, alltägliche Zeit, die, wie uns sämtliche Uhren versichern, regelmäßig vergeht: tick-tack, klick-klack. Was ist glaubwürdiger als ein Sekundenzeiger? Und doch lehren uns schon die kleinsten Freuden und Schmerzen, wie geschmeidig die Zeit ist. Manche Gefühle lassen sie schneller, andere langsamer vergehen; zuweilen scheint sie abhandenzukommen – bis sie dann schließlich wirklich abhandenkommt und niemals wiederkehrt.

Julian Barnes, „Vom Ende einer Geschichte“

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Soutines letzte Fahrt

Sie werfen mit einer kräftigen Bewegung die beiden schwarzen Flügel der Hintertür zu. Ein scharfes Klicken wie von einer Waffe, ein trockenes Einschnappen ins wartende Schloss. Ein Ruck geht durch das Auto, aufgeschreckte Tauben fliegen voller Panik über das Dach des Krankenhauses ins Blaue hinauf. Es ist, als ob ein kurzes Lachen hereinfahre ins schwarze Ungetüm. Es muss vom Älteren stammen, der Junge, der einen Wollschal um den Hals trägt, erkältet jetzt im August, wie das besetzte Land, hätte es nicht gewagt. Nein, der Maler muss sich getäuscht haben. Es konnte kein Lachen sein. Der Chef schärft es den Angestellten am ersten Tag ein, dass es in diesem Beruf keine Witze über die Toten gebe, nur stille Würde, schlichte Pietät. Das ist man den Hinterbliebenen schuldig und dem guten Ruf der Firma…

Ralph Dutli, „Soutines letzte Fahrt“

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Der Staubleser

„UND WIE LANGE HAT HIER NIEMAND MEHR GEWOHNT?“ Alfred stellte diese Frage immer. Oft enthob sie seine Kunden des Bemühens, sich für die Unordnung, den Staub und das Durcheinander nach dem Tod des Nahestehenden zu entschuldigen, und gleichzeitig konnte Alfred die Ehrlichkeit seiner Kunden an der Antwort messen. Staub war ein wichtiger Teil seines Geschäfts. Keine Altwaren ohne Staub. Seine ersten Lehrjahre waren voll davon gewesen. „Zuerst einmal alles abwischen“, hatte sein Meister ihm aufgetragen. Dann erst, oft nach zwei, drei Stunden im nächsten Kaffeehaus, war er in die zu räumende Wohnung gekommen, um sich die von Alfred gesäuberte Hinterlassenschaft genauer anzusehen. Alfred bewunderte die Sprache seines Meisters. Andere hätten Kramuri gesagt oder Krempel. Nein, er sagte immer: Hinterlassenschaft. Das respektierte den Wert der Objekte und damit haftete seinen Preisangeboten für die Räumung, die besenreine Totalräumung, die Autorität des Wissenden an, nicht der Geruch eines Leichenfledderers.

Josef Brainin, „Der Staubleser“

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Die Sonne war der ganze Himmel

DER KRIEG WOLLTE UNS IM FRÜHLING TÖTEN. Während  es wärmer wurde und das Gras auf den Ebenen Ninives grünte, waren wir in den flachen Hügeln auf Patrouille, zogen in blindem Vertrauen über sie hinweg, bahnten uns wie Pioniere einen Pfad durch windzerzaustes Unterholz und hohes Gras. Während wir schliefen, rieb der Krieg seine tausend Rippen betend auf dem Boden. Wenn wir trotz Erschöpfung weitermarschierten, glänzten seine Augen weiß im Dunkeln. Während wir aßen, fastete er, genährt von den eigenen Entbehrungen. Er zeugte, und er gebar, und er verbreitete sich durch Feuer…

Kevin Powers, „Die Sonne war der ganze Himmel“

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Der Spion, der aus der Kälte kam

1. Checkpoint

Der Amerikaner gab Leamas noch einen Kaffee und sagte: „Gehen Sie doch heim, schlafen Sie ein bisschen. Wir rufen Sie an, wenn er kommt.“

Leamas antwortete nicht. Er starrte durch das Fenster der Kontrollbaracke auf die leere Straße hinaus.

„Sie können nicht ewig warten, Sir. Vielleicht kommt er irgendwann später. Die Polizei soll einfach der Agency Bescheid sagen, dann sind Sie in zwanzig Minuten wieder hier.“

„Nein“, sagte Leamas, „es wird gleich dunkel.“

„Aber Sie können nicht ewig warten. Er ist jetzt neun Stunden überfällig.“

„Wenn Sie wegwollen, gehen Sie ruhig. Sie haben mir sehr geholfen“, fügte Leamas hinzu. „Ganz prima, ich werd’s Kramer sagen.“

„Aber wie lange wollen Sie warten?“

„Bis er kommt.“ Leamas ging zu dem Beobachtungsfenster und stellte sich zwischen die beiden regungslos dastehenden Polizisten. Ihre Feldstecher waren auf den ostzonalen Kontrollpunkt gerichtet.

„Er wartet, bis es dunkel ist“, murmelte Leamas. „Ich weiß es.“

John le Carré, „Der Spion, der aus der Kälte kam“

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Das Kindermädchen

Die Tage unserer Jahre, ihrer sind siebzig Jahre, und, wenn in Kraft, achtzig Jahre, und ihr Stolz ist Mühsal und Nichtigkeit, denn schnell eilt es vorüber, und wir fliegen dahin.

DIE BIBEL, PSALM 90

Die Flugzeuge.

Mit zitternden Händen versucht sie, das Schwarzpapier dort zu befestigen, wo es sich am Fenster gelöst hat. Das Sirenengeheul kündigt sie an, die zehn Reiter der Apokalypse. Noch ist es mehr zu ahnen, das dunkle Dröhnen, doch es kommt näher. Vielleicht Richtung Neukölln. Vielleicht wird es auch Spandau treffen. Oder Köpenick. Vielleicht aber auch Grunewald dieses Mal, diese Straße und dieses Haus. Wo Olga jetzt sein mag? Nicht nachdenken. Bloß nicht nachdenken. Vielleicht hilft Wachs.

Sie löscht die Kerze und taucht den Finger in die heiße Flüssigkeit. Damit bestreicht sie den Holzrahmen und versucht erneut, das Fenster korrekt zu verdunkeln. Der Sirenenton jagt den Schrecken in den Körper, der nur noch einen Impuls kennt: fliehen, sich verkriechen, Schutz suchen. Beten.

Vor dir sind tausend Jahre wie ein Tag. Lehre uns, Herr, unsere Tage zu zählen. Du warst unsere Zuflucht, von Geschlecht zu Geschlecht.

„Paula?“

Elisabeth Herrmann, „Das Kindermädchen“

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Zeugin der Toten

KINDERHEIM JURI GAGARIN, SASSNITZ (RÜGEN), 1985

Martha Jonas stand vor ihrem geöffneten Kleiderschrank und presste die Bakelit-Hörer noch enger an die Ohren. Das Rauschen wurde stärker. Der Sender verschwand hinter anderen elektromagnetischen Wellen. Stimmen und Musikfetzen aus benachbarten Kanälen legten sich pulsierend  über die Frequenz. Sie hielt den Atem an und drehte den Sendersuchlauf um eine Winzigkeit nach rechts, dann nach links, vergeblich Sie hatte ihn verloren.

Elisabeth Herrmann, „Zeugin der Toten“

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Der Schwimmer

Wir.

Ich hatte wenige Erinnerungen an meine Mutter. Im Grunde kannte ich sie nur von Fotos, die mein Vater in einem kleinen Kasten aufbewahrte. Schwarzweißbilder waren es, mit dickem weißen Rand. Meine Mutter beim Tanz. Meine Mutter mit geflochtenen Zöpfen. Meine Mutter barfüßig. Meine Mutter, die ein Kissen auf dem Kopf balancierte. Ich schaute mir die Bilder häufig an. Es gab Zeiten, in denen ich nichts anderes tat.

Zsuzsa Bánk, „Der Schwimmer“

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Die hellen Tage

Zirkusmädchen

Ich kenne Aja, seit ich denken kann. Ich habe kaum eine Erinnerung an eine Zeit vor ihr, an ein Leben, in dem es sie nicht gegeben hat, keine Vorstellung, wie sie ausgesehen haben könnten, Tage ohne Aja. Aja gefiel mir sofort. Sie sprach laut und deutlich und kannte Wörter wie Wanderzirkus und Schellenkranz. Zwischen anderen sah sie winzig aus, mit ihren kleinen Händen und Füßen, und als müsse sie dem etwas entgegensetzen, sprach sie in langen Sätzen, denen kaum jemand folgte, als wolle sie beweisen, dass sie laut reden konnte, ohne Pause und ohne Fehler. Sie zog in dem Jahr zu uns, in dem für uns Kinder nichts lustiger war, als unsere Namen rückwärts aufzusagen und uns laut Retep oder Itteb zu rufen. Aja hieß immer nur Aja.

Zsuzsa Bánk, „Die hellen Tage“

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Die Zeit, die Zeit

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Etwas war anders, aber er wusste nicht, was.

Peter Taler stand am Fenster und hielt die Bierflasche mit zwei Fingern am Hals, damit seine Hand ihren Inhalt nicht wärmte. Als hätte er seinem Feierabendbier jemals genügend Zeit gelassen, warm zu werden…

Martin Suter, „Die Zeit, die Zeit“

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Ein fliehendes Pferd

Plötzlich drängte  Sabine aus dem Strom der Promenierenden hinaus und ging auf ein Tischchen zu, an dem noch niemand saß. Helmut hatte das Gefühl, die Stühle dieses Cafés seien für ihn zu klein, aber Sabine saß schon. Er hätte auch nie einen Platz in der ersten Reihe genommen. So dicht an den in beiden Richtungen Vorbeiströmenden sah man doch nichts. Er hätte sich möglichst nah an die Hauswand gesetzt. Otto saß auch schon. Zu Sabines Füßen. Er sah aber noch zu Helmut herauf, als wolle er sagen, er betrachte sein Sitzen, so lange Helmut sich noch nicht gesetzt habe, als vorläufig. Sabine bestellte schon den Kaffee, legte ein Bein über das andere und schaute dem trägen Durcheinander auf der Uferpromenade mit einem Ausdruck des Vergnügens zu, der ausschließlich für Helmut bestimmt war. Er verlegte seinen Blick auch wieder auf die Leute, die zu dicht an ihm vorbeipromenierten. Man sah wenig. Von dem wenigen aber zuviel…

Martin Walser, „Ein fliehendes Pferd“

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Beneath me lay my corpse with the arrow in my temple

Mir träumte, ich hätte die erste Schulstunde frei. Aber als ich erwache und einen Blick auf die Uhr werfe, ist es bereits zu spät, um noch pünktlich zur zweiten zu erscheinen. Ich ärgere mich über meine Mutter, weil sie mich nicht geweckt hat und beschließe, den Tag blau zu machen. Schließlich bin ich volljährig und kann mir selber eine Entschuldigung schreiben. Für einen Mann, der mir nicht ganz koscher ist, soll ich Leergut abgeben und volle Flaschen besorgen. Als ich mich auf den Weg mache, habe ich das Gefühl, von ihm verfolgt zu werden. Ich flüchte mich in eine Parkanlage mit uraltem Baumbestand, die zu einem großen Haus gehört, wo sich Juden versteckt halten. Im Park können sie sich jedoch frei bewegen. Das Areal ist für Nicht-Juden eigentlich tabu. Plötzlich ertönen Sirenen. Ich höre sofort, dass es sich nicht um unsere Martinshörner handelt sondern um die irgendwie sonorer klingenden Sirenen der Amerikaner. Im Park dürfen sie mich natürlich nicht entdecken, aber im Moment, da ich auf die Straße trete, fahren bereits die schweren Batmobile der Besatzer vor, denen jeweils zwei große schwarze Männer entsteigen. Zu allem Unglück habe ich die Tasche mit meiner Geldbörse im Park verloren, und in der Geldbörse befindet sich mein Ausweis, den die beiden bestimmt gleich kontrollieren werden. Es bleibt mir also nichts anderes übrig, als mich wieder in das schützende Dunkel des Parks zurückzuziehen in der Hoffnung, dort meine Tasche wieder zu finden. Da kommt mir auch schon einer der Bewohner entgegen und reicht sie mir…

Der Traum ereignete sich in den frühen Stunden des heutigen Sonntagmorgens. Auf den Schwingen eines angenehmen Halbschlafs ließ ich mich noch einmal durch das Stimmungsaggregat der vergangenen Woche tragen, das sich aus den magischen Wirkungen eines meiner absoluten Lieblingsfilme, der Lektüre eines neuen Buches sowie eines Gesprächs nach langer Zeit mit meinem Lieblingsonkel zusammensetzt.

Falling_in_Love_35465_MediumRobert De Niro, der Hexenmeister der abgründigen Charaktere als Frank, und Meryl Streep, eine die mit kleinen Gesten eine Rolle auf die Leinwand zu malen vermag wie keine, als Molly in dem Film „Falling in Love“. Wie durch Zauberhand gerät das Blättern in einem Boulevardblatt bei ihr zum Sinnbild all dessen, was sich plötzlich falsch anfühlt in Mollys Leben. De Niro dagegen spielt Frank gläsern wie einen, in dem der Zuschauer einen Sturm tosen sieht, ohne dass sich auf der Leinwand augenscheinlich Sensationelles ereignen würde. Bis zum Schluss bleibt die Beziehung zwischen den beiden platonisch, die gegenseitige Anziehung aber erzeugt eine Spannung, die mindestens genau so unerträglich ist wie in einem jener Thriller, in denen De Niro den Bösewicht gibt.

Die Kritik im Filmlexikon ist vernichtend:

Ein Mann und eine Frau, beide verheiratet, geraten in eine letztlich platonisch verlaufende Liebesbeziehung. Die Geschichte einer unmöglichen Liebe, die, statt große Gefühle und Gewissenskonflikte zu vermitteln, banal und oberflächlich bleibt; trotz prominenter Besetzung weitgehend langweilig, erzählt im Stil eines einfach konstruierten Boulevardstückes.

Die ließ mich bereits befürchten, der Verblendung durch meinen hoffnungslosen Romantizismus erlegen zu sein. Die Deutsche Film- und Medienbewertung fällt dagegen folgendes Urteil, das ich in meiner Begeisterung, die auch, nachdem ich den Film mindestens schon zum dritten Mal gesehen habe, nach wie vor ungebrochen ist, demzufolge bedingungslos unterschreibe:

Zwei Menschen lernen sich kennen, begegnen sich zufällig öfter und entdecken plötzlich, das sie füreinander bestimmt sind. Beide sind verheiratet, beide aber empfinden die Schicksalhaftigkeit ihres Zusammentreffens, dem sie sich fast willenlos überlassen, bis sie – vom gleichen Zufall, vom gleichen Schicksal? – wieder getrennt werden, obgleich ihre jeweiligen Bindungen inzwischen zerbrochen sind.

Buch und Regie dieses Films, der eigentlich nur ein Zwei-Personen Stück ist, bringen es fertig, diesen Sturm der Gefühle ausschließlich im Spiel, in der Musik und im knappen Dialog der Darsteller stattfinden zu lassen, ohne spekulative Bett- und Entkleidungs-Szenen und ohne dass auch nur der geringste Eindruck von Peinlichkeit entsteht. Die Keuschheit dieser Beziehung wird so konsequent durchgeführt, das die Zerstörung beider Ehen durch die jeweiligen Partner erfolgt; das Liebespaar selbst schreitet gleichsam unbefleckt durch die Handlung, die dramaturgisch sehr behutsam entwickelt wird, ohne Pathos, ja ohne Leidenschaft, getragen lediglich von der Kraft der Persönlichkeit der beiden Hauptdarsteller.

Die Frage, ob das Happy-End nach der bereits erfolgten scheinbar endgültigen Trennung künstlerisch entbehrlich oder nur ein Zugeständniss an den Publikumsgeschmack sei, wurde vom Bewertungsausschuss ausführlich diskutiert, ohne dass sich daraus eine Beeinträchtigung des einmütig positiven Urteils ergeben hätte.

Mit dem höchsten Prädikat gewürdigt wird hier eine große Kameraerzählung, eine echte Kinogeschichte, der dennoch genügend Realität anhaftet – siehe die glaubwürdige Darstellung der Umwelt des Liebespaares, des Arbeitsmilieus, vor allem der Eisenbahn, in der die wichtigsten Begegnungen stattfinden -, als dass sie in den unverbindlichen Bereich der Traumfabrik verwiesen werden müsste.

Gasdanow_23853_MR.inddDer Film lief letzten Samstag im Spätprogramm, die Verzauberung hielt mindestens bis Dienstag. Da hatte ich frei und las zufällig die ersten Worte der Kritik zu einem Buch, das bereits in der Kulturzeit vorgestellt worden war, „Das Phantom des Alexander Wolf“ von Gaito Gasdanow (1903 in St. Petersburg geboren und 1971 in München gestorben), ein wieder entdeckter russischer Exilautor:

Von allen meinen Erinnerungen, von all den unzähligen Empfindungen meines Lebens war die bedrückendste die Erinnerungen an den einzigen Mord, den ich begangenen hatte. Seit dem Moment, als es geschehen war, erinnere ich mich an keinen Tag, da ich nicht Bedauern empfunden hätte darüber. Niemals hätte mir irgendeine Strafe gedroht, denn es passierte unter ganz ungewöhnlichen Umständen, auch war klar, dass ich nicht anders hatte handeln können. Niemand außer mir selbst wusste im übrigen davon. Es war dies eine der zahllosen Episoden des Bürgerkriegs; im Zuge der damaligen Ereignisse mochte sie als unbedeutende Einzelheit anzusehen sein, zumal im Verlauf der wenigen Minuten und Sekunden, die der Episode vorausgingen, ihr Ausgang nur uns beide interessierte – mich und noch einen, mir unbekannten Menschen. Dann blieb ich allein zurück. Niemand sonst war beteiligt…

In diesem Duktus geht es immer weiter. Später im Leben fällt dem Erzähler der Kurzgeschichtenband eines englischen Autors in die Hände, in dem dieser genau jene Begebenheit minutiös und bis in letzte Detail deckungsgleich schildert. Tatsächlich erstand ich das Buch noch am selben Tag bei Pustet.

Die Stimmung, die darin erzeugt wird, erinnerte mich sofort an Edgar Allan Poe. Der vermeintlich autobiographische Stil, als ließe hier jemand gefiltert durch einen analytischen Verstand und mit einer gewissen emotionalen Distanz sein Leben Revue passieren, steht in einem spannungsgeladenen Gegensatz zu der sich einschleichenden Vermutung, es handele sich womöglich um einen, der die Schwelle zum Irrsinn lange schon überschritten hat. Jedenfalls entwickelt das Buch den Sog eines Maelström, in den ich mich bereitwillig hinab ziehen lassen werde, wenn ich gleich in die Badewanne steige.

Bleibt noch das Telefonat mit meinem Lieblingsonkel zu erwähnen. Lieblingsonkel ist gut, denn es gibt nur den einen, richtigen Onkel. Viel Zeit ist vergangen. Wie viel Zeit, das erkennt man plötzlich an all den Dingen, von denen man weiß, dass sie im Leben des jeweils anderen passiert sind, an denen man aber nicht unmittelbar Anteil nehmen konnte. No one is to blame, das waren seine Worte. Dass man irgendwie ja doch Anteil nimmt, das zeigt mir dieses Geldgeschenk, das mir ganz unerwartet von seiner Seite zuteil wurde. Aber es macht mich traurig, dass wir uns in diesem Leben aller Wahrscheinlichkeit nach nie mehr wiedersehen werden.

Schreiben – die Kunst, die voraus und davon eilenden Gedanken im entscheidenden Moment wieder einzufangen.

Hansjürgen Bulkowski

Ein liebender Mann

Ein Geschenk vom Kater:

Illustration von Alissa Wagner
Illustration von Alissa Wagner

I.

Bis er sie sah, hatte sie ihn schon gesehen. Als sein Blick sie erreichte, war ihr Blick schon auf ihn gerichtet. Das fand statt am Kreuzbrunnen, nachmittags um fünf, am 11. Juli 1823 in Marienbad. Hundert feine Gäste promenierten, das Glas mit dem jedes Jahr noch mehr gerühmten Wasser in der Hand, und wollten gesehen werden. Goethe hatte nichts dagegen, gesehen zu werden. Aber er wollte gesehen werden als jemand, der mehr im Gespräch war als auf der Promenade. In diesen Julitagen war er immer mit dem Grafen Sternberg im Gespräch. Gut zehn Jahre jünger als Goethe und Naturforscher. Goethe war es gewohnt, obwohl er es nicht gewohnt werden konnte, dass so gut wie alle Naturwissenschaftler für seine Farbenlehre im besten Fall ein spöttisches Bedauern erübrigten. Begegnete er einem, der die Farbenlehre gelten ließ, konnte er sich vor Freundlichkeit, Dankbarkeit, Rührung jeder Art oft fast nicht mehr beherrschen. Kaspar Graf Sternberg war so ein Naturwissenschaftler, hatte ein Buch über die Flora der Vorzeit geschrieben, das heißt, er konnte lesen, was die Steine bewahrt hatten. Und Steine waren inzwischen Goethes liebstes Forschungsfeld. Aber jetzt, in diesen Julitagen, war es noch ein anderer Umstand, der den Grafen über alle Naturwissenschaft hinaus für Goethe anziehend machte…

Martin Walser, „Ein liebender Mann“

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Maigret und der gelbe Hund

Ein Geschenk vom Kater:

I

Der herrenlose Hund

Freitag, 7. November. Concarneau ist wie ausgestorben. Auf der beleuchteten Turmuhr der Altstadt, die über den Festungsmauern zu sehen ist, ist es fünf vor elf.

Die Flut hat ihren Höhepunkt erreicht, und ein Sturm aus Südwest lässt die Kähne im Hafen aneinanderstoßen. Der Wind fegt durch die Straßen, wo man zuweilen Papierfetzen über den Boden huschen sieht.

Kein einziges Licht auf dem Quai de l’Aiguillon. Alles ist geschlossen. Alles schläft. Nur aus den drei Fenstern des Hotel de l’Amiral, an der Ecke, die der Platz mit dem Quai bildet, dringt noch Licht…

Georges Simenon, „Maigret und der gelbe Hund“

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Das dreizehnte Kapitel

Schloss Bellevue, sagte ich. Der Taxifahrer hatte bemerkt, dass ich getan hatte, als führen wir jeden Tag zweimal dahin, und tat seinerseits so, als sei das eine ihm unbekannte Adresse. Wer’ma findn, sagte er.

Iris suchte meine Hand. Du hast kalte Hände, sagte ich. Wenn wir uns beide stumm transportieren ließen, musste der Taxifahrer das für eine Art Pathos halten. Und draußen dreißig Grad. Da durfte ich doch tun, als fielen mir Iris‘ kalte Hände auf. Der Taxifahrer wusste ja nicht, dass Iris immer kalte Hände hat, dass also nichts so überflüssig war, wie zu sagen, sie habe kalte Hände.

Dass Iris nichts sagte, rechnete ich ihr hoch an. Ihr war es gleichgültig, was der Taxifahrer über uns dachte. Das ist ihre Unabhängigkeit. Sie hat ihren Schwerpunkt in sich selbst. In der Schule war zu lernen: Körper, die den Schwerpunkt innerhalb ihrer Unterstützungsfläche haben, fallen nicht um. Das ist Iris.

Ich dagegen, wenn ich nicht Iris hätte, auf die ich mich stützen kann, ich fiele andauernd um. Mir hätte es auch gleich sein können, was der Taxifahrer über uns dachte. Wenn ich nicht diesen komischen Ehrgeiz hätte, überall bestimmen zu wollen, wie ich wirke. Locker plaudern, alltäglich sein, banal, dass der Taxifahrer denken musste, die fahren wirklich jeden Tag zum Bundespräsidenten ins Schloss Bellevue. Stumm, mussten wir ergriffen wirken. Das waren wir überhaupt nicht. Und eben deshalb wollte ich diese Wirkung nicht zulassen…

Martin Walser, „Das dreizehnte Kapitel“

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Das Schicksal ist ein mieser Verräter

KAPITEL EINS  Im Winter meines siebzehnten Lebensjahrs kam meine Mutter zu dem Schluss, dass ich Depressionen hatte, wahrscheinlich, weil ich kaum das Haus verließ, viel Zeit im Bett verbrachte, immer wieder dasselbe Buch las, wenig aß und einen großen Teil meiner reichlichen Zeit damit verbrachte, über den Tod nachzudenken.

In jeder Krebs-Broschüre oder Website oder Infoseite zu dem Thema werden Depressionen als Nebenwirkung von Krebs genannt. Doch in Wirklichkeit sind Depressionen keine Nebenwirkung von Krebs. Depressionen sind eine Nebenwirkung des Sterbens. (Auch Krebs ist eine Nebenwirkung des Sterbens. Eigentlich ist fast alles eine Nebenwirkung des Sterbens.) Aber meine Mutter glaubte fest, dass ich eine Therapie brauchte, und deshalb brachte sie mich zu meinem Hausarzt Dr. Jim, der ihr bestätigte, dass ich bis zum Hals in einer lähmenden und absolut klinischen Depression steckte und dass meine Medikamente neu eingestellt werden müssten und ich außerdem einmal die Woche eine Selbsthilfegruppe besuchen sollte.

Die Selbsthilfegruppe bestand aus einer wechselnden Besetzung von Jugendlichen in verschiedenen Stadien des tumorbedingten Unwohlseins. Warum wechselte die Besetzung? Noch so eine Nebenwirkung des Sterbens…

John Green, „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“

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Der alte König in seinem Exil

Man muss auch das Allgemeine

persönlich darstellen.

Hokusai

 

Als ich sechs Jahre alt war, hörte  mein Großvater auf, mich zu erkennen. Er wohnte im Nachbarhaus unterhalb unseres Hauses, und weil ich seinen Obstgarten als Abkürzung auf dem Weg zur Schule benutzte, warf er mir gelegentlich ein Scheit Holz hinterher, ich hätte in seinen Feldern nichts verloren. Manchmal jedoch freute ihn mein Anblick, er kam auf mich zu und nannte mich Helmut. Das war ebenfalls nichts, womit ich etwas anfangen konnte. Der Großvater starb. Ich vergaß diese Erlebnisse – bis die Krankheit bei meinem Vater losging.

In Russland gibt es ein Sprichwort, dass nichts im Leben wiederkehrt außer unseren Fehlern. Und im Alter verstärken sie sich. Da mein Vater schon immer einen Hang zum Eigenbrötlerischen hatte, erklärten wir uns seine bald nach der Pensionierung auftretenden Aussetzer damit, dass er jetzt Anstalten machte, jegliches Interesse an seiner Umwelt zu verlieren. Sein Verhalten erschien typisch für ihn. Also gingen wir ihm etliche Jahre mit Beschwörungen auf die Nerven, er solle sich zusammenreißen.

Heute befällt mich ein stiller Zorn über diese Vergeudung von Kräften; denn wir schimpften mit der Person und meinten die Krankheit. „Lass dich bitte nicht so gehen!“, sagten wir hundertmal, und der Vater nahm es hin, geduldig und nach dem Motto, dass man es am leichtesten hat, wenn man rechtzeitig resigniert. Er wollte dem Vergessen nicht trotzen, verwendete nie auch nur die geringsten Gedächtnisstützen und lief daher auch nicht Gefahr, sich zu beklagen, jemand mache Knoten in seine Taschentücher. Er leistete sich keinen hartnäckigen Stellungskrieg gegen seinen geistigen Verfall, und er suchte nicht ein einziges Mal das Gespräch darüber, obwohl er – aus heutiger Sicht – spätestens Mitte der neunziger Jahre um den Ernst der Sache gewusst haben muss. Wenn er zu einem seiner Kinder gesagt hätte, tut mir leid, mein Gehirn lässt mich im Stich, hätten alle besser mit der Situation umgehen können. So jedoch fand ein jahrelanges Katz-und-Maus-Spiel, statt, mit dem Vater als Maus, mit uns als Mäusen und mit der Krankheit als Katze.

Arno Geiger, „Der alte König in seinem Exil“

Der Verdacht

Der Verdacht

Bärlach war anfangs November 1948 ins Salem eingeliefert worden, in jenes Spital, von dem aus man die Altstadt Berns mit dem Rathaus sieht. Eine Herzattacke schob den dringend gewordenen Eingriff zwei Wochen hinaus. Als die schwierige Operation unternommen wurde, verlief sie glücklich, doch ergab der Befund jene hoffnungslose Krankheit, die man vermutete. Es stand schlimm um den Kommissär. Zweimal schon hatte sein Chef, der Untersuchungsrichter Lutz, sich mit dessen Tod abgefunden, und zweimal durfte er neue Hoffnung schöpfen, als endlich kurz vor Weihnachten die Besserung eintrat. Über die Feiertage schlief zwar der Alte noch, aber am siebenundzwanzigsten, an einem Montag, war er munter und schaute sich alte Nummern der amerikanischen Zeitschrift „Life“ aus dem Jahr fünfundvierzig an.

„Es waren Tiere, Samuel“, sagte er, als Dr. Hungertobel in das abendliche Zimmer trat, seine Visite zu machen, „es waren Tiere“, und reichte ihm die Zeitschrift. „Du bist Arzt und kannst es dir vorstellen. Sieh dir dieses Bild aus dem Konzentrationslager Stutthof an! Der Lagerarzt Nehle führt an einem Häftling eine Bauchoperation ohne Narkose durch und ist dabei photographiert worden.“

Das hätten die Nazis manchmal getan, sagte der Arzt und sah sich das Bild an, erbleichte jedoch, wie er die Zeitschrift schon weglegen wollte…

Friedrich Dürrenmatt, „Der Verdacht“

Der Richter und sein Henker

Erstes Kapitel

Alphons Clenin, der Polizist von Twann, fand am Morgen des dritten November neunzehnhundertachtundvierzig dort, wo die Straße von Lamboing (eines der Tessenbergdörfer) aus dem Walde der Twannbachschlucht hervortritt, einen blauen Mercedes, der am Straßenrande stand. Es herrschte Nebel, wie oft in diesem Spätherbst, und eigentlich war Clenin am Wagen schon vorbeigegangen, als er doch wieder zurückkehrte. Es war ihm nämlich beim Vorbeischreiten gewesen, nachdem er flüchtig durch die trüben Scheiben des Wagens geblickt hatte, als sei der Fahrer auf das Steuer des Wagens niedergesunken…

Friedrich Dürrenmatt, „Der Richter und sein Henker“

Jene Menschen, die am Tage träumen

ELEONORA

Sub conservatione formae specificae salva anima.*

Raimundus Lullus

Ich bin der Abkömmling eines Geschlechts, das für den Flug seiner Phantasie und die Glut seiner Leidenschaften bekannt war. Man hat mich einen Wahnsinnigen genannt. Aber es ist eine noch ungelöste Frage, ob nicht der Wahnsinn die höchste Stufe der Geistigkeit bildet und ob nicht vieles Erhabene, ja, alles Tiefsinnige einer geistigen Erkrankung oder auf Kosten des gemeinen Verstandes übersteigerten Gemütsstimmungen zuzuschreiben ist. Jene Menschen, die am Tage träumen, wissen um vieles, was denen, die nur nachts träumen, verborgen bleibt. In ihren nebelhaften Traumgesichten erhaschen sie einen Schimmer der Ewigkeit und werden beim Erwachen erschauernd gewahr, daß sie auf der Schwelle des großen Geheimnisses gestanden haben. In Bruchstücken wird ihnen viel von der Weisheit des Guten, mehr noch von der Erkenntnis des Bösen vermittelt. Ohne Kompaß und Steuer segeln sie in das weite Meer des „unbeschreiblichen Lichts“ hinaus, und wiederum, wie in den Abenteuern des nubischen Geographen, „aggressi sunt mare tenebrarum, quid in eo esset exploraturi“.*

Edgar Allan Poe, „Phantastische Erzählungen“

* Sub… anima: Unter Erhaltung der eigentümlichen Gestalt bleibt die Seele unversehrt.

* aggressi… exploraturi: sie drangen in das Meer der Finsternis vor, um zu ergründen, was darin zu finden wäre.

Das Versprechen

Im März dieses Jahres hatte ich vor der Andreas-Dahinden-Gesellschaft in Chur über die Kunst, Kriminalromane zu schreiben, einen Vortrag zu halten. Ich traf mit dem Zug erst beim Einnachten ein, bei tiefliegenden Wolken und tristem Schneegestöber, dazu war alles vereist. Die Veranstaltung fand im Saale des Kaufmännischen Vereins statt. Publikum war nur spärlich vorhanden, da gleichzeitig in der Aula des Gymnasiums Emil Staiger über den späten Goethe las. Weder ich noch sonst jemand kam in Stimmung, und mehrere Einheimische verließen den Saal, bevor ich den Vortrag beendet hatte. Nach einem kurzen Zusammensein mit einigen Mitgliedern des Vorstandes, mit zwei, drei Gymnasiallehrern, die auch lieber beim späten Goethe gewesen wären, sowie einer wohltätigen Dame, die den Verband der Ostschweizerischen Hausangestellten ehrenhalber betreute, zog ich mich nach quittiertem Honorar und Reisespesen ins Hotel Steinbock nahe beim Bahnhof zurück, wo man mich logiert hatte. Doch auch hier Trostlosigkeit. Außer einer deutschen Wirtschaftszeitung und einer alten >Weltwoche< war keine Lektüre aufzutreiben, die Stille des Hotels unmenschlich, an Schlaf nicht zu denken, weil die Angst hochkam, dann nicht mehr zu erwachen. Die Nacht zeitlos, gespenstisch. Draußen hatte es zu schneien aufgehört, alles war ohne Bewegung, die Straßenlampen schwankten nicht mehr, kein Windstoß, kein Churer, kein Tier, nichts, nur vom Bahnhof her hallte es einmal himmelweit. Ich ging zur Bar, um noch einen Whisky zu trinken. Außer der älteren Bardame fand ich dort noch einen Herrn, der sich mir vorstellte, kaum daß ich Platz genommen hatte. Es war Dr. H., der ehemalige Kommandant der Kantonspolizei Zürich, ein großer und schwerer Mann, altmodisch, mit einer goldenen Uhrkette quer über der Weste, wie man dies heutzutage nur noch selten sieht. Trotz seines Alters waren seine borstigen Haare noch schwarz, der Schnurrbart buschig. Er saß an der Bar auf einem der hohen Stühle, trank Rotwein, rauchte eine Bahianos und redete die Bardame mit Vornamen an. Seine Stimme war laut und seine Gesten waren lebhaft, ein unzimperlicher Mensch, der mich gleicherweise anzog wie abschreckte. Als es schon gegen drei ging und zum ersten Johnnie Walker vier weitere gekommen waren, erbot er sich, mich am nächsten Morgen mit seinem Opel Kapitän nach Zürich zu schaffen. Da ich die Gegend um Chur und überhaupt diesen Teil der Schweiz nur flüchtig kannte, nahm ich die Einladung an. Dr. H. war als Mitglied der eidgenössischen Kommission nach Graubünden gekommen und hatte, da ihn das Wetter an der Rückfahrt hinderte, ebenfalls meinen Vortrag besucht, ließ sich jedoch nicht darüber aus, nur daß er einmal meinte: „Sie tragen ziemlich ungeschickt vor.“

Friedrich Dürrenmatt, „Das Versprechen – Requiem auf den Kriminalroman“

Maigret und der verstorbene Monsieur Gallet

Ein Geschenk vom Kater:

I

Eine lästige Pfllicht

Der erste Kontakt zwischen Kommissar Maigret und dem Toten, mit dem er in den nächsten Tagen auf eine so beklemmend intime Weise zusammenleben sollte, erfolgte am 27. Juni 1930 unter alltäglichen, zugleich aber unangenehmen und unvergesslichen Umständen…

Georges Simenon, „Maigret und der verstorbene Monsieur Gallet“

Der Mensch ist ein großer Fasan auf der Welt

DIE TIEFE STELLE

Um das Kriegerdenkmal stehn Rosen. Sie sind ein Gestrüpp. So verwachsen, daß sie das Gras ersticken. Sie blühn weiß, klein zusammengerollt wie Papier. Sie rascheln. Es dämmert. Bald ist es Tag.

Windisch zählt jeden Morgen, wenn er ganz allein über die Straße in die Mühle fährt, den Tag. Vor dem Kriegerdenkmal zählt er die Jahre. Am ersten Pappelbaum dahinter, wo das Fahrrad immer in dieselbe tiefe Stelle fährt, zählt er die Tage. Und abends, wenn Windisch die Mühle zusperrt, zählt er die Jahre und Tage noch einmal.

Von weitem sieht er die kleinen weißen Rosen, das Kriegerdenkmal und den Pappelbaum. Und wenn Nebel ist, ist das Weiße der Rosen und das Weiße des Steins beim Fahren dicht vor ihm. Windisch fährt hindurch. Windisch hat ein feuchtes Gesicht und fährt, bis er dort ist. Zweimal hat das Rosengestrüpp kahle Dornen gehabt und das Unkraut darunter war rostig. Zweimal war die Pappel so kahl, daß ihr Holz fast zerbrochen wär. Zweimal war Schnee auf den Wegen.

Windisch zählt zwei Jahre vor dem Kriegerdenkmal und zweihunderteinundzwanzig Tage in der tiefen Stelle vor der Pappel.

Jeden Tag, wenn Windisch von der tiefen Stelle gerüttelt wird, denkt er: „Das Ende ist da.“ Seit Windisch auswandern will, sieht er überall im Dorf das Ende. Und die stehende Zeit, für die, die bleiben wollen. Und daß der Nachtwächter dableibt, sieht Windisch, über das Ende hinaus.

Und nachdem Windisch zweihundertzwanzig Tage gezählt und die tiefe Stelle ihn gerüttelt hat, steigt er zum ersten Mal ab. Er lehnt das Fahrrad an den Pappelbaum. Seine Schritte sind laut. Aus dem Kirchgarten flattern wilde Tauben. Sie sind grau wie das Licht. Nur der Lärm macht sie anders.

Windisch schlägt das Kreuz. Die Türklinke ist naß. Sie klebt an Windischs Hand. Die Kirchentür ist zugesperrt. Der heilige Antonius steht hinter der Wand. Er trägt eine weiße Lilie und ein braunes Buch. Er ist eingeschlossen.

Windisch friert. Er schaut die Straße runter. Wo sie aufhört, schlagen die Gräser ins Dorf. Am Ende dort geht ein Mann. Der Mann ist ein schwarzer Faden, der in die Pflanzen geht. Das schlagende Gras hebt ihn über die Erde.

Herta Müller, „Der Mensch ist ein großer Fasan auf der Welt“

Das Spinoza-Problem

1

AMSTERDAM, APRIL 1656

Wenn sich die letzten Sonnenstrahlen im Wasser des Zwanenburgwal spiegeln, macht Amsterdam Feierabend. Die Färber sammeln ihre magenta- und purpurfarbenen Stoffe ein, die auf den Steinufern des Kanals trocknen. Händler rollen die Markisen ein und schließen die Läden ihrer Verkaufsstände. Ein paar Arbeiter, die nach Hause schlurfen, bleiben kurz an den Heringsständen am Kanal stehen, genehmigen sich einen schnellen Imbiss mit holländischem Gin und setzen dann ihren Weg fort. Amsterdam bewegt sich träge: Die Stadt ist in Trauer, sie erholt sich noch immer von der Seuche, die erst wenige Monate zuvor einen von neun Menschen dahingerafft hat.

Der Jakobssegen
Rembrandt van Rijn, 1656
Öl auf Leinwand, 178 cm × 211 cm
Schloss Wilhelmshöhe, Kassel

Ein paar Meter von der Gracht entfernt, setzt in der Breestraat Nummer 4 der bankrotte und leicht angetrunkene Rembrandt van Rijn den letzten Pinselstrich auf sein Gemälde Jakob segnet die Söhne Josephs, signiert es in der rechten unteren Ecke mit seinem Namen, wirft seine Palette auf den Fußboden, dreht sich um und steigt die schmale Wendeltreppe hinunter. Das Rembrandt-Haus, drei Jahrhunderte später dazu bestimmt, sein Museum und sein Denkmal zu werden, ist an diesem Tag Zeuge seiner Schmach: Es wimmelt von Bietern, die auf die Versteigerung sämtlicher Habseligkeiten des Künstlers warten. Er schiebt die Gaffer auf der Treppe unsanft zur Seite, tritt aus der Haustür, atmet die salzige Luft ein und stolpert auf das Wirtshaus an der Ecke zu.

In Delft, sieben Kilometer weiter südlich, geht der Stern eines anderen Künstlers auf. Der fünfundzwanzig Jahre alte Johannes Vermeer wirft einen letzten Blick auf sein neues Werk Bei der Kupplerin. Er begutachtet es von rechts nach links. Als erstes die Prostituierte mit der prächtigen gelben Joppe. Gut. Gut. Das Gelb glänzt wie poliertes Sonnenlicht. Und die Gruppe von Männern, die sich um sie schart: Ausgezeichnet – jeder von ihnen könnte ohne weiteres aus der Leinwand heraustreten und ein Gespräch beginnen. Er beugt sich näher heran, um den angedeuteten und doch durchdringenden Blick des anzüglich grinsenden jungen Mannes mit dem geckenhaften Hut einzufangen. Vermeer nicht seiner eigenen Miniatur zu. Ausgesprochen zufrieden signiert er das Gemälde in der rechten, unteren Ecke mit seinem Namen und einem Schnörkel.

Bei der Kupplerin
Jan Vermeer, 1656
Öl auf Leinwand, 143 cm × 130 cm
Gemäldegalerie Alte Meister, Dresden

Zurück in Amsterdam, in der Breestraat Nummer 57, nur zwei Straßen von der bevorstehenden Versteigerung in Rembrandts Haus entfernt, macht sich ein fünfundzwanzig Jahre alter Kaufmann (nur wenige Tage älter als Vermeer, den er sehr verehren, aber nie persönlich treffen wird) daran seinen Import-Export-Laden zuzusperren. Für einen Krämer ist er eigentlich zu schmal und zu hübsch. Seine Gesichtszüge sind perfekt, seine olivfarbene Haut makellos, die Augen groß, dunkel, schwermütig.

Er sieht sich ein letztes Mal um: Viele Regale sind so leer wie seine Taschen. Seeräuber haben seine letzte Lieferung aus Bahia abgefangen, und nun gibt es keinen Kaffee, keinen Zucker und auch keinen Kakao. Über eine Generation lang betrieb die Spinoza-Familie ein blühendes Handelsgeschäft, doch nun ist für die Spinoza-Brüder Gabriel und Bento nur noch ein kleines Einzelhandelsgeschäft übrig geblieben. In der staubigen Luft, die Bento Spinoza einatmet, macht er resigniert den übelriechenden Rattenkot aus, der den Duft der getrockneten Feigen, der Rosinen, des kandierten Ingwers, der Mandeln und der Kichererbsen begleitet und sich in die scharfen Dämpfe des spanischen Weines mischt. Er geht hinaus und stellt sich seinem täglichen Duell mit dem verrosteten Vorhängeschloss an der Ladentür…

Baruch de Spinoza (1632-1677) Portrait, ca. 1665 (Gemäldesammlung der Herzog-August-Bibliothek, Wolfenbüttel)

Irvin D. Yalom, „Das Spinoza-Problem“

Ein Gott der Frechheit

Erstes Kapitel

Eine Art Auferstehung

Das Schiff durchquerte ein Gewässer von lauernder Ruhe. Hier war Schlimmes passiert, und vielleicht kehrte es wieder. Es war kalt. Noch zwei Tage bis zum griechischen Osterfest.

Außer der jungen Frau war niemand an Deck.

Das Ausflugsschiff näherte sich der Engstelle zwischen zwei Inseln von melancholischem Aussehen. An der einen ragte, wo sie der anderen am nächsten war, eine Steilwand aus schwarzem Fels auf, senkrecht fast, hoch wie eine Festung. Nicht die kleinste Pflanze schien dort zu gedeihen. Von weitem sah es aus wie eine Narbe, verhornt und verwachsen, beim Näherkommen bekam die Nacktheit des Gesteins einen metallischen Glanz. Von der Gegend ging Gewalt aus. Da stand etwas und drohte, überall zwischen Himmel und Wasser, vibrierend und unsichtbar. Eine Kraft vor dem Sprung, ein Blitz, noch lichtlos, kurz vor dem Aufzucken und Zuschlagen…

Sten Nadolny, „Ein Gott der Frechheit“

Ein Geschenk vom Kater!

 

Die Entdeckung der Langsamkeit

Erstes Kapitel

Das Dorf

John Franklin war schon zehn Jahre alt und noch immer so langsam, daß er keinen Ball fangen konnte. Er hielt für die anderen die Schnur. Vom tiefsten Ast des Baums reichte sie herüber bis in seine emporgestreckte Hand. Er hielt sie so gut wie der Baum, er senkte den Arm nicht vor dem Ende des Spiels. Als Schnurhalter war er geeignet wie kein anderes Kind in Spilsby oder sogar in Lincolnshire. Aus dem Fenster des Rathauses sah der Schreiber herüber. Sein Blick schien anerkennend.

Vielleicht war in ganz England keiner, der eine Stunde und länger nur stehen und eine Schnur halten konnte. Er stand so ruhig wie ein Grabkreuz, ragte wie ein Denkmal. „Wie eine Vogelscheuche!“ sagte Tom Barker.

Sten Nadolny, „Die Entdeckung der Langsamkeit“

Weitlings Sommerfrische

Erstes Kapitel

Das Schiff

„Sicher ist, dass ich im Leben ein paar grundlegende Dinge nie begriffen habe, und ich weiß nicht einmal, welche.“

Nachts hatte Weitling diese Bemerkung auf einen Zettel geschrieben, noch halb im Schlaf, aber euphorisch, durchdrungen von einer grundlegenden Erkenntnis. Jetzt, auf der Terrasse am hellen Tage, las er die Zeilen wieder, sie kamen ihm etwas depressiv vor, allerdings nicht falsch. Es klang wie der Beginn von Selbsterkenntnis und Besserung. Nun liebte er am hellen Tag Sätze nicht, in denen zwar etwas steckte, aber nicht herauskam. Er war unschlüssig, wollte den Zettel weder aufheben noch wegwerfen. Neben seinem rechten Fuß war eine Bodenfliese locker. Er hob sie an, schob den Zettel darunter und murmelte: „Wiedervorlage!“

Sten Nadolny, „Weitlings Sommerfrische“

Unrast

Ich bin ein paar Jahre alt. Ich sitze auf der Fensterbank, ringsum liegen Spielsachen verstreut, umgestürzte Türme aus Bauklötzen, Puppen mit weit aufgerissenen Augen. Im Haus ist es dunkel, die Luft in den Zimmern wird kühler, der Abend dämmert. Niemand ist zu Hause; sie sind fortgegangen, verschwunden, man hört noch ihre verhallenden Stimmen, Rascheln, das Echo von Schritten, ein fernes Lachen. Draußen vor dem Fenster liegt der verlassene Hof. Sanft senkt sich das Dunkel herab. Wie schwarzer Tau breitet es sich über die Dinge…

Olga Tokarczuk, „Unrast“

Große Erwartungen

ERSTER BAND

Kapitel I

Meines Vaters Name lautet Pirrip, mein Vorname Philip, und aus beiden Namen vermochte meine kindliche Zunge nichts Längeres und Verständlicheres zu bilden als Pip. So kam es, dass ich mich Pip nannte und Pip genannt wurde.

Pirrip nenne ich als meines Vaters Namen im Vertrauen auf seinen Grabstein und meine Schwester Mrs. Joe Gargery, die den Schmied geheiratet hat. Da ich weder meinen Vater noch meine Mutter gekannt und nie ein Porträt von ihnen gesehen habe (denn sie lebten lange vor den Zeiten der Photographie), fußten meine ersten Vorstellungen von ihrem Aussehen törichterweise auf ihren Grabsteinen. Die Form der Buchstaben auf dem meines Vaters gab mir den sonderbaren Gedanken ein, er sei ein vierschrötiger, untersetzter, brünetter Mann mit lockigem schwarzen Haar gewesen. Aus Form und Gestalt der Inschrift „Desgleichen Georgiana, Gattin des Obigen“ gewann ich die kindliche Schlussfolgerung, dass meine Mutter sommersprossig und kränkelnd war. Fünf kleinen Grabsteinen von jeweils eineinhalb Fuß Länge, in gerader Reihe neben den Gräbern meiner Eltern angelegt und dem Gedächtnis meiner fünf kleinen Brüder geweiht, die den Existenzkampf außerordentlich früh aufgegeben hatten, verdanke ich den andächtig gehegten Glauben, sie seien allesamt auf den Rücken liegend und mit den Händen in den Hosentaschen zur Welt gekommen und hätten sie in diesem Leben kein einziges Mal herausgenommen.

Unsere Heimat war das Marschland in den Schleifen der Flussmündung, keine zwanzig Meilen vom Meer entfernt. An einem denkwürdigen nasskalten Nachmittag, der sich zum Abend neigte, erhielt ich offenbar meine erste lebhafte und eindringliche Vorstellung von den wahren Beschaffenheiten der Dinge. An jenem Tag kam mir mit unumstößlicher Gewissheit zu Bewusstsein, dass dieser trostlose, von Nesseln überwucherte Ort der Friedhof war; dass Philip Pirrip, in dieser Gemeinde verstorben, desgleichen Georgiana, Gattin des Obigen, tot und begraben waren; dass Alexander, Bartholomew, Abraham, Tobias und Roger, als Säuglinge verstorbene Kinder der Obigen, ebenfalls tot und begraben waren; dass die von Gräben, Dämmen und Schleusen durchzogene dunkle, flache Einöde jenseits des Friedhofs, auf der vereinzelt Vieh graste, das Marschland war; dass die tiefe bleierne Linie am Horizont der Fluss war; dass das ferne wilde Lager, von dem der Wind herbeistürmte, das Meer war und dass das kleine Espenlaubbündel, das sich vor alledem zu fürchten und zu weinen begann, Pip war…

Charles Dickens, „Große Erwartungen“

Das sterbende Tier

Die Geschichte eines Lebens

ist im Körper ebenso enthalten

wie im Gehirn.

Edna O’Brian

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Ich lernte sie vor acht Jahren kennen. Sie war in meinem Seminar.

Philip Roth, „Das sterbende Tier“

Jane Eyre

Ein lang gehegter Lesetraum geht in Erfüllung: Charlotte Brontës teils autobiographischer Roman über eine der berühmtesten Frauenfiguren der Weltliteratur, die mit den Rollenerwartungen ihrer Zeit bricht und sich mit Willensstärke, Leidenschaft und Ironie gegen ihr Schicksal auflehnt. Der Roman wurde erstmalig 1849 unter Brontës Pseudonym ‚Currer Bell‘ veröffentlicht.

ERSTES KAPITEL

Ein richtiger Spaziergang war an jenem Tag ausgeschlossen. Zwar waren wir am Morgen eine Stunde lang durch das blätterlose Strauchwerk gestreift, doch nach dem Dinner (Mrs. Reed speiste frühzeitig, wenn sie ohne Gesellschaft war) hatte der kalte Winterwind so düstere Wolken mit sich gebracht und einen so alles durchdringenden Regen, daß nun nicht daran zu denken war, sich noch einmal an der frischen Luft etwas Bewegung zu verschaffen…

Ein paar Absätze weiter: Die 10jährige Jane, die als Waise und mittelloses Mündel in einer so wohlhabenden wie hochnäsigen Pflegefamilie aufwächst, sucht Zuflucht in einem Buch…

…Ein kleines Frühstückszimmer schloß sich ans Wohnzimmer an; dort schlüpfte ich hinein. Es enthielt einen Bücherschrank; schnell bemächtigte ich mich eines Bandes, wobei ich darauf achtete, daß er auch mit Bildern ausgestattet war. Ich kletterte auf die Fensterbank, zog die Füße an den Körper und setzte mich, nach Türkenart, mit gekreuzten Beinen hin; und nachdem ich den schweren, roten Baumwollvorhang ganz dicht an mich herangezogen hatte, saß ich in zweifacher Zurückgezogenheit dahinter wie in einem Schrein.

Zur Rechten begrenzte der scharlachfarbene Faltenwurf mein Gesichtsfeld, zur Linken waren es die klaren Fensterscheiben, die mich vor dem trüben Novembertag beschützten, ohne mich völlig von der Außenwelt abzusondern. Während ich die Seiten meines Buches umblätterte, vertiefte ich mich zwischendurch immer wieder in den Anblick dieses Winternachmittags. In der Ferne bot er sich als ein fahles Nichts aus Dunst und Nebel dar, aus der Nähe als Landschaftsbild mit endlosen Regenschauern, die ungestüm vor den langen und klagenden Böen dahinfegten.

Ich kehrte wieder zu meinem Buch zurück, Bewicks „Darstellung der britischen Vogelwelt“. Eigentlich interessierte mich der Text dabei meist weniger, andererseits gab es da gewisse Seiten in der Einleitung, bei denen ich – selbst als Kind – nicht einfach so tun konnte, als seien sie leer. Es waren jene, auf denen die Schlupfwinkel von Seevögeln beschrieben wurden – die ausschließlich von ihnen besiedelten „einsam gelegenen Klippen und Felsvorsprünge“, die Küste Norwegens, übersät mit vorgelagerten Inseln von ihrem südlichsten Punkt Lindesnes (d. h.: Landspitze) bis hinauf zum Nordkap –

Wo das Nordmeer in wilden Wirbeln / Brodelt rings um die nackten düstren Inseln / Des fernen Thule und die Sturzseen des Atlantik / Hereinbrechen über die stürmischen Hebriden.

Genausowenig konnte ich die Beschwörung der öden Gestade von Lappland, Sibirien, Spitzbergen, Nowaja Semlja, Island und Grönland einfach übergehen mit „der riesigen Weite der Regionen nördlich des Polarkreises und jene gottverlassenen, öden Gebiete – diesen Vorratskammern an Frost und Schnee, wo erstarrte Eisfelder als jahrhundertealte Aufhäufung von Wintern gläsern in alpine Höhen hinaufragen und als geballte Verkörperung der vielfachen Unbilden extremer Kälte den Pol umgeben“. Aus diesen leichenstarren Sphären erschuf ich mir mein eigenes Reich: schemenhaft und verschwommen wie alle halbverstandenen Vorstellungen, die in einem Kinderhirn umherschwirren, aber eigenartig eindrucksvoll. Die Wörter auf den einleitenden Seiten verbanden sich mit den nachfolgenden Vignetten. Sie verliehen der Klippe, die einsam aus dem wogenden und tosenden Meer ragte, erst ihre Bedeutung, desgleichen dem gestrandeten Boot, das an einer trostlosen Küste zerschellt lag, und dem kalten und gespenstischen Mond, der zwischen Wolkenbänken hindurch auf ein Wrack sah, das gerade versank.

Ich könnte die Stimmung nicht wiedergeben, die geisterhaft über dem völlig verlassenen Friedhof lag mit seinen beschrifteten Grabsteinen, seinem Tor, den zwei Bäumen, der von einer verfallenen Mauer gesäumten, niedrigen Horizontlinie und der gerade aufgegangenen Mondsichel, welche die Abendstunde anzeigte.

Die beiden in Windstille und träger See dümpelnden Schiffe waren für mich meergeborene Traumgebilde.

Den Dämon, der sich dem Dieb auf den Rücken hockt und seine Krallen in den Sack mit dem Raubgut schlägt, überblätterte ich rasch; es war ein  Bild des Grauens.

Dies galt auch für das Bild mit dem schwarzen, gehörnten Unhold, der abseits auf einem Felsen saß und aus der Entfernung eine Menschenmenge beobachtete, die einen Galgen umstand.

Jedes einzelne Bild erzählte eine Geschichte; oftmals rätselhaft für meinen unentwickelten Verstand und meine unfertigen Gefühle, doch immer zutiefst fesselnd, so fesselnd wie die Geschichten, die Bessie manchmal an den Winterabenden zum besten gab, wenn sie gerade guter Laune war und uns, nachdem sie ihren Bügeltisch zum Ofen im Kinderzimmer gestellt hatte, erlaubte, daß wir uns um ihn herumsetzten. Und während sie Mrs. Reeds Spitzenrüschen bügelte und die Bordüren ihrer Nachthauben kräuselte, fütterte sie unsere gespannte Aufmerksamkeit mit Geschichten von Liebe und Abenteuer aus alten Märchen und noch älteren Balladen oder (wie ich zu einem späteren Zeitpunkt herausfand) aus „Pamela“ und „Henry, Graf von Moreland“.

Mit Bewicks Buch auf meinen Knien war ich glücklich, zumindest auf meine Weise. Ich fürchtete nichts so sehr, wie gestört zu werden, und das geschah nur allzu bald. Die Tür zum Frühstückszimmer ging auf…

Charlotte Brontë, „Jane Eyre“

Der im Hinblick darauf, dass hier eine Frau schreibt, auffallend aufsässige und gleichzeitig süffig-poetische Erzählstil gefällt mir auf Anhieb. Wobei „süffig“ ein Attribut ist, dass ich bis dato wohl immer eher männlichen Erzählern zugesprochen habe. Und ich bin überrascht, wie wenig antiquiert die Sprache klingt.

Das finstere Tal

Die knorrige Hand fuhr hinein in das wurlende Knäuel neugeborenen Lebens. Sie scherte sich nicht um das Maunzen der Kätzchen und die Wischer ihrer bekrallten Tatzen. Sie erkundete die Kräftigkeit und das Geschlecht der kleinen Körper, drehte hin und wieder eines der noch blinden Gesichter ins Licht des großen Petroleumlüsters, der über dem Weidenkorb mit den Tieren hing. Dann wurden kurz die zahnlosen Mäuler betrachtet, auf Fauchen oder Jammern gehört.

Lange dauerte es nicht. Dann hatte die Hand drei strampelnde Leiber aus dem Haufen der Brüder und Schwestern gelupft.

„De, de und de“, erging das Urteil.

Die drei Kätzlein wurden auf einen weiblichen Arm gehoben und zurück zu ihrer Mutter gebracht, die – noch immer benommen von der Anstrengung der vielfachen Geburt – beim Ofen lag.

Ein bärtiger Mann packte den Korb mit den Übrigen, trug ihn zur Stube, zum Haus hinaus. Er ging den kurzen Weg zur Scheune, pflanzte sich drei Schritt vor den harten Brettern ihrer Seitenwand auf. Dann packte er eins nach dem andern die Kätzlein aus dem Korb, den er in die Beuge des linken Arms gehängt hatte, und derschmiss sie.

Thomas Willmann, „Das finstere Tal“

Großes Solo für Anton

Der Endzweck der Welt ist ein Buch.

Stéphane Mallarmé

I

Sonnengeflechtsschwellung

Als Anton L. einige Tage später über die Sache nachzudenken begann – in den ersten Tagen hatte er keine Zeit dazu gehabt, war er damit beschäftigt gewesen, zu staunen und sein neues Leben einzurichten -, erinnerte er sich daran, daß er in der Nacht vom 25. auf den 26. einmal kurz aufgewacht war. Er hatte nicht auf die Uhr geschaut. Ein auffallend heller Schein, ein fahler, gelblicher Schein wie in einer Schneenacht, war durch den Spalt des Vorhanges gedrungen. Er war nur kurz wach gewesen, erinnerte sich Anton L.; nicht lang genug, um zu denken: es ist ein Schneesturm, und um dem entgegen zu denken: nein, nicht im Juni. Dann mußte er wieder eingeschlafen sein.

Dieser helle, fahl-gelbliche Schein war das einzige gewesen, was Anton L. in der Nacht vom 25. auf den 26. Juni aufgefallen war und was er später als Hinweis deuten konnte, wenn er nach Erklärungen suchte. Viel half es ihm freilich auch nicht weiter…

Herbert Rosendorfer, „Großes Solo für Anton“

Verblendung

Prolog

Freitag, 1. November

Es wiederholte sich alljährlich. Der Empfänger der Blume feierte seinen zweiundachtzigsten Geburtstag. Sowie die Blume bei ihm angekommen war, öffnete er das Paket und entfernte das Geschenkpapier. Danach griff er zum Telefonhörer und wählte die Nummer eines ehemaligen Kriminalkommissars, der sich nach seiner Pensionierung am Siljan-See niedergelassen hatte. Die beiden Männer waren nicht nur gleich alt, sie waren sogar am selben Tag geboren, was in diesem Zusammenhang nicht einer gewissen Ironie entbehrte. Der Kommissar wusste, dass der Anruf um elf Uhr morgens nach der Postzustellung eingehen würde, und trank Kaffee, während er wartete. Dieses Jahr klingelte das Telefon bereits um halb elf. Er nahm den Hörer ab und sagte hallo, ohne sich mit Namen zu melden.

„Sie ist angekommen.“

„Was für eine ist es dieses Jahr?“

„Keine Ahnung, was das für eine Blume ist. Ich werde sie bestimmen lassen. Weiß ist sie.“

„Kein Brief, nehme ich mal an?“

„Nein. Nur die Blume, sonst nichts. Der Rahmen ist derselbe wie letztes Jahr. So ein Billigrahmen zum Selberzusammenbauen.“

„Poststempel?“

„Stockholm.“

„Handschrift?“

„Wie immer, alles in Großbuchstaben. Gerade, ordentliche Buchstaben.“

Damit war das Thema erschöpft, und ein paar Minuten saßen beide schweigend am jeweiligen Ende der Leitung. Der pensionierte Kommissar lehnte sich am Küchentisch zurück und zog an seiner Pfeife. Er wusste jedoch, dass von ihm keine erlösende und bestechend intelligente Frage mehr erwartet wurde, die ein neues Licht auf diese Angelegenheit hätte werfen können. Diese Zeiten waren seit vielen Jahren vorbei, und das Gespräch der beiden alternden Männer hatte beinahe schon den Charakter eines Rituals – eines Rituals um ein Mysterium, dessen Lösung keinen anderen Menschen auf der ganzen Welt interessierte…

Stieg Larsson, „Verblendung“

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Die Vergangenheit hat uns in der Gewalt. Wollte man das Figurenkabinett von Stieg Larssons Multi-Millionen-Bestseller Verblendung auf eine Konstante bringen, könnte sie so oder ähnlich lauten. Dort treffen keine Charaktere aufeinander, sondern Biografien. Wer die relevanten Informationen über den anderen kennt, kennt sein Intimstes, weiß um alle Schwachstellen und Passionen. Gewalt ist angewandte Macht – und Wissen ist die Möglichkeitsbedingung der Macht. Was einmal geschehen ist, kann potenziell immer erinnert werden. Dieser Satz ist zugleich Hoffnung wie Fluch – je nachdem, ob man ihn aus der Sicht des Opfers oder des Täters ausspricht. Und in Zeiten einer neuen Unerbittlichkeit des kollektiven Gedächtnisses, in der ein jeder überall digitale Spuren für die Ewigkeit hinterlässt, ist dieses Themenfeld konstant virulent. Denn auch der generell unbescholtene Bürger wird schnell verdächtig, wenn nur das falsche Foto auf Facebook auftauchen sollte. Vielleicht erklärt sich aus der Verquickung dieser beiden Diskurse – der Erinnerung und des Cyberspace – die bewundernswerte Langlebigkeit von Stieg Larssons Millennium-Trilogie.

Grimmiger, dunkler, kälter als selbst die Bücher kommt Finchers Film daher – aufgekratzt von einem Soundtrack zwischen schreiendem Industrial und unendlichen Drones (komponiert vom Nine-Inch-Nails-Gespann Trent Reznor und Atticus Ross), in tiefes Dunkel getaucht von Jeff Cronenweth’ sparsam ausgeleuchteten, aber präzise komponierten Bildern. Manchmal, in kurzen, fast gewalttätig in den Schnittfluss eingefügten Flashbacks (die keiner Figur anzugehören scheinen, sondern wie eigensinnige Gipfel der Zeit aus der Vergangenheit ragen), dringt auch Sonnenlicht hinein, hängt eine schiefe Pianoharmonie angenehm lange nach. Aber der Grundton des Filmes ist geradezu desperat: Craigs Blomkvist hat nichts von einem idealistischen Aufklärer, aber viel von einem ausgebrannten Zyniker, Schweden in Finchers Blick besteht aus endlosen Winterstürmen, nachgedunkeltem Prunk und entmenschlichtem Funktionsdesign.

Hier schaut ein Amerikaner auf ein von der Vergangenheit niedergerungenes Europa, eine Welt, in der die Geschichte (sei es die verborgene nazistische Schwedens, die in Missgunst und Gewalt erstarrte der Industriellenfamilie Vanger oder die traumatische Lisbeths) jede Zukunft schon von vornhinein in den Klauen hält. Aber sein Blick ist nicht distanziert, sondern auf eine ambivalente Art empathisch – als wüsste Fincher, dass es mit Amerikas nach vorne gewandter Vitalität schon lange vorbei ist. In der Originalversion sprechen auch alle Schauspieler – selbst die angelsächsischen – ein Englisch mit skandinavischem Fake-Akzent: ein sprachlicher Bastard, eine Schicksalsgemeinschaft.

Dabei kleidet Fincher seine Reise in ein Europa der verkrusteten Größe in fast altmodische Genregewänder – Verblendung ist ein formal enorm präzise inszenierter, niemals allzu gewagter Psychothriller. Neben der erwähnten sprachlichen Altertümlichkeit lässt sich dieser beizeiten fast Pastiche-artige Klassizismus nirgendwo besser ablesen als an der James-Bond-artigen Titelsequenz. Zu Trent Reznors und Karen O.’s noisigem Cover von Led Zeppelins Immigrant Song fließen da pechschwarze Flüssigkeiten wie Teer, Öl und Lack ineinander, formen die Gesichter der Protagonisten und zerstäuben wieder im Schlag des Beats – aus der Schwärze gerinnen Gestalten, gleichsam wie Erinnerungen, geformt aus bis zum Bersten verdichtetem Vergessen.

Quelle: critic.de

Verblendung (2011)

Originaltitel: THE GIRL WITH THE DRAGON TATTOO

Kriminalfilm, Literaturverfilmung

Produktionsland: USA/Schweden/Großbritannien/Deutschland
Produktionsjahr: 2011
Produktionsfirma: Columbia Pic./MGM/Scott Rudin Prod./Yellow Bird Films/Film Rites/Ground Control
Länge: 158 Minuten
FSK: ab 16; f
Kinostart: 12.01.2012
Kinoverleih: Sony

Darsteller: Daniel Craig (Mikael Blomkvist), Rooney Mara (Lisbeth Salander), Robin Wright (Erika Berger), Stellan Skarsgård (Martin Vanger), Christopher Plummer (Henrik Vanger), Joely Richardson (Anita Vanger), Embeth Davidtz (Annika Blomkvist), Goran Visnjic (Dragan Armansky), (Christer Malm), Elodie Yung (Miriam Wu), Julian Sands (junger Henrik Vanger), Geraldine James (Cecilia Vanger), Steven Berkoff (Dirch Frode); Produzent: Ceán Chaffin, Scott Rudin, Søren Stærmose, Ole Søndberg, Berna Levin; Regie: David Fincher; Drehbuch: Steven Zaillian; Kamera: Jeff Cronenweth; Musik: Trent Reznor, Atticus Ross; Schnitt: Kirk Baxter, Angus Wall; Vorlage: Stieg Larsson

Inhalt

Ein Journalist und eine Hackerin spüren den düsteren Geheimnissen einer großbürgerlichen schwedischen Familie nach und geraten in einen Sumpf aus Mord und Gewalt, der bis in die Nazi-Zeit zurückreicht. Weniger eine Verfilmung des Kriminalromans von Stieg Larsson als ein filmisch weiter verdichtetes Remake der schwedischen Kinoadaption von Niels Arden Oplev (2009), die dank der konsequenteren und stimmungsvolleren visuellen Umsetzung sowie der klugen Gewichtung der Erzählstränge noch über diese hinausgeht. Eine ebenso spannende wie vielschichtige Reise in die Untiefen der bürgerlichen Gesellschaft.

Quelle: Filmlexikon

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Sie benötigte freilich einen Vorwand, um an seine Tür zu klopfen. Sie hatte ihm kein Weihnachtsgeschenk gegeben, wusste aber, was sie ihm kaufen wollte. In einem Trödelladen hatte sie ein paar alte Reklameschilder aus Blech aus den fünfziger Jahren gefunden, auf denen die Figuren in Halbreliefs hervortraten. Eines der Schilder stellte Elvis Presley dar, die Gitarre auf der Hüfte und daneben eine Sprechblase mit dem Text Heartbreak Hotel. Zwar hatte Lisbeth nicht das geringste Gespür für Inneneinrichtung, aber sogar ihr war klar, dass dieses Schild perfekt in die Hütte in Sandhamn passen würde. Es kostete 780 Kronen, und rein aus Prinzip handelte sie den Preis auf 700 herunter. Sie ließ es sich einpacken, nahm es unter den Arm und spazierte damit zu seiner Wohnung in der Bellmansgata.

Auf der Hornsgata warf sie zufällig einen Blick in die Kaffeebar und sah plötzlich Mikael mit Erika im Schlepptau herauskommen. Er sagte etwas, woraufhin Erika lachte, ihm die Arme um die Taille legte und ihm einen Kuss auf die Wange gab. Sie verschwanden über die Brännkyrkagata in Richtung Bellmansgata. Ihre Körpersprache ließ keinen Zweifel daran, was sie im Sinn hatten.

Der Schmerz war so jäh und brutal, dass Lisbeth innehielt – unfähig auch nur einen einzigen weiteren Schritt zu tun. Ein Teil von ihr wollte ihnen hinterherlaufen. Am liebsten hätte sie das Blechschild genommen, um mit der scharfen Kante Erikas Kopf zu spalten. Sie unternahm gar nichts, während die Gedanken durch ihren Kopf rasten. Konsequenzanalyse. Schließlich beruhigte sie sich wieder.

Salander, du bist so ein peinliches Rindvieh, sagte sie laut zu sich selbst.

Sie drehte sich auf dem Absatz um und ging nach Hause in ihre frisch geputzte Wohnung. Als sie am Zinkensdamm vorbeikam, begann es zu schneien. Den Elvis Presley warf sie in einen Müllcontainer.

Stieg Larsson, „Verblendung“

Die Nacht der Amazonen

Personenbeschreibung: 173 cm groß –

(also nicht so arg groß, einen Meter dreiundsiebzig, nicht grad ein Riese oder Recke oder Hüne. Wenn ihn, viele Jahre später Herr Ernst Hanfstaengel, genannt Putzi, als Anderthalb-Mann beschreibt, so ist das doch ein wenig übertrieben; vielleicht hat die ferne Erinnerung Herrn Hanfstaengel getäuscht.)

Haar: braun

(die Farbe sollte in seinem Leben noch eine bedeutende Rolle spielen.)

Herbert Rosendorfer, „Die Nacht der Amazonen“

Drei Bauern auf dem Weg zum Tanz

EINS

ICH RÜSTE MICH FÜR EINE REISE NACH SAINT IVES

Cats, kits, sacks, wives: how many were going to St. Ives?

Ein gutes Dritteljahrhundert bin ich wunderbar ohne Detroit ausgekommen. Ich fühle mich in Autos unwohl und habe nie eins besessen. Wenn ich etwas rieche, das auch nur entfernt an Autositze erinnert, wird mir übel. Schon deshalb rangiert Detroit tief im unteren Drittel der Rangfolge amerikanischer Städte, die ich gern besuchen würde. Ich hoffe immer, das lästige Reisen durch reizvolle Aussichten versüßt werden, aber die Formulierung „reizvolles Detroit“ klingt in meinen Ohren genauso widersprüchlich wie „künstlerischer Film“, „gutartiger Tumor“, „ehrenwerte Journalisten“ oder „amerikanische Diplomatie“. Ich hatte Detroit mein ganzes Leben lang erfolgreich ignoriert. Doch vor zwei Jahren wurde ich eines schönen Tages von der Stadt gepackt, bevor ich ihr entwischen konnte…

Richard Powers, „Drei Bauern auf dem Weg zum Tanz“

Der schwarze Steg

Können Sie sich erinnern?

Rebekka Martinsson sah ihren toten Freund in Poikkijärvi im Kies liegen. Und die Welt brach zusammen. Rebecca musste festgehalten werden, sonst wäre sie in den Fluss gegangen.

Das hier ist das dritte Buch.

Der Oberarzt fragt, wie es mir geht. Ich antworte: Gut.

Er schweigt und sieht mich an. Fast ein Lächeln. Verständnisvoll. Er kann unendlich lange schweigen. Darin ist er Experte. Schweigen provoziert ihn nicht. Am Ende antworte ich: Gut genug. Das ist die richtige Antwort. Er nickt.

Ich darf nicht hierbleiben. Habe lange genug Platz weggenommen. Es gibt Frauen, die diesen Platz dringender brauchen. Solche, die sich die Haare anstecken. Die hier auf der Toilette Spiegelscherben schlucken und in aller Eile auf die Notstation gebracht werden müssen. Ich kann sprechen, antworten, morgens aufstehen und mir die Zähne putzen.

Ich hasse ihn, weil er mich nicht dazu zwingt, in alle Ewigkeit hierzubleiben. Weil er nicht Gott ist.

Dann sitze ich im Zug nach Norden. Die Landschaft jagt in kleinen Bruchstücken vorbei. Zuerst hohe Laubbäume in roten und gelben Tönen. Herbstsonne und jede Menge Häuser. In allen leben Menschen ihre Leben. Auf irgendeine Weise kommen sie weiter.

Hinter Bastuträsk liegt Schnee. Und dann endlich: Wald, Wald, Wald. Ich bin auf dem Heimweg. Die Birken schrumpfen, heben sich jämmerlich und schwarz vom Weiß ab.

Ich presse Stirn und Nase ans Fenster.

Mir geht es gut, sage ich mir. So ist es, wenn es gut geht.

Asa Larsson, „Der schwarze Steg“

Weiße Nacht

Freitag, 21. Juni

ICH LIEGE SEITLICH auf dem Küchensofa. Kann einfach nicht schlafen. Jetzt, mitten im Sommer, sind die Nächte blassblau und lassen mir keine Ruhe. Bald wird die Wanduhr über mir einmal schlagen. In der Stille wird das Ticken des Pendels immer lauter. Zerhackt jeglichen Sinn. Jeglichen Versuch, vernünftig zu denken. Auf dem Tisch liegt der Brief dieser Frau.

Ganz stillliegen, sage ich mir. Jetzt liegst du still und schläfst.

Ich muss an Traja denken, eine Pointerhündin, die ich als Kind hatte. Traja fand niemals Ruhe, sie wanderte durch die Küche wie ein unseliger Geist, und ihre Krallen scharrten über den lackierten Holzboden. In den ersten Monaten musste sie im Haus in einem Käfig schlafen, damit sie nicht immer herumlief. Die Befehle „sitz“, „Platz“, „bleib“ füllten die ganze Zeit das Haus.

Jetzt ist es genauso. In meiner Brust liegt ein Hund auf der Lauer, der bei jedem Ticken der Uhr aufspringen will. Es ist aber nicht Traja, die da in meiner Brust auf dem Sprung liegt. Traja wollte nur herumwandern. Diese Hündin hier wendet den Kopf von mir ab, wenn ich versuche, sie anzusehen. Und sie hegt lauter böse Absichten.

Ich will versuchen zu schlafen. Irgendwer müsste mich einschließen. Ich müsste einen Käfig in der Küche aufstellen…

Asa Larsson, „Weiße Nacht“

Sonnensturm

Und es ward Abend, und es ward Morgen, das war der erste Tag.

DASS ER STIRBT, passiert Viktor Strandgard durchaus nicht zum ersten Mal. Er liegt in der Kirche der Kraftquelle auf dem Rücken und schaut durch die riesigen Dachfenster hoch droben. Nichts scheint ihn von dem düsteren Winterhimmel über ihm zu trennen.

Näher als jetzt kann man gar nicht kommen, denkt er. Wenn man die Kirche auf dem Felsen am Ende der Welt erreicht hat, dann ist der Himmel so nah, dass man fast die Hand ausstrecken und ihn berühren kann.

Das Nordlicht schlängelt sich wie ein Lindwurm durch die Nacht. Sterne und Planeten müssen ihm weichen, diesem gewaltigen Wunder aus funkelndem Licht, das sich gelassen seinen Weg durch das Himmelsgewölbe bahnt.

Viktor Strandgard folgt dieser Wanderung mit seinen Augen.

Ob es wohl singt, überlegt er. Wie ein einsamer Wal unter dem Himmel?

Und als hätten seine Gedanken es erreicht, hält das Nordlicht für eine Sekunde inne. Unterbricht seine unaufhaltsame Reise. Betrachtet Viktor Strandgard aus kalten Winteraugen. Denn er ist wahrlich schön wie eine Ikone, wie er so daliegt. Das dunkle Blut wie ein Heiligenschein um seine langen blonden Luciahaare. Jetzt spürt er seine Beine nicht mehr. Er ist unendlich müde. Er hat keine Schmerzen.

Seltsamerweise denkt er an seinen ersten Tod, während er hier liegt und dem Lindwurm ins Auge schaut. Damals fuhr er im Spätwinter auf dem Rad den langen Hang auf die Kreuzung von Adolf Hedinsvägen und Hjalmar Lundbohmsvägen zu. Fröhlich und fromm und mit der Gitarre auf dem Rücken. Er weiß noch, wie sein Rad hilflos über das Eis glitt, als er zu bremsen versuchte. Wie er sie von rechts kommen sah, die Frau mit dem roten Fiat Uno. Wie sie einen Blick tauschten, wie beide im Auge des Gegenübers die Erkenntnis registrierten, jetzt beginnt sie, die eisige Rutschfahrt in den Tod.

Mit diesem Bild vor Augen stirbt Viktor Strandgard zum zweiten Mal in seinem Leben. Schritte nähern sich, aber die hört er nicht. Seine Augen brauchen das funkelnde Messer nicht einmal zu sehen. Wie eine leere Schale liegt sein Körper auf dem Kirchenboden und wird durchbohrt. Wieder und wieder. Und der Lindwurm nimmt gelassen seine Wanderung über das Himmelgewölbe wieder auf.

Asa Larsson, „Sonnensturm“

Die Attentäterin

Ich erinnere mich nicht, eine Detonation gehört zu haben. Ein Zischen vielleicht, ähnlich dem Reißen eines Stoffes, aber sicher bin ich mir nicht. Meine Aufmerksamkeit ist abgelenkt von diesem Mann, der vom Heer seiner frommen Anhänger getragen wird wie ein Gott, während seine Leibgarde versucht, ihm einen Weg zu seinem Fahrzeug zu bahnen. „Macht Platz da. Bitte geht zur Seite, lasst uns durch.“ Die Gläubigen drängeln, stoßen einander in die Rippen, um aus der Nähe einen Blick auf den Scheich zu erhaschen, einen Zipfel seines kamis zu berühren, seines langen Gewandes. Der verehrte Greis winkt in die Menge, grüßt  hier einen seiner Bekannten, dankt dort einem seiner Schüler. Der Blick seines asketischen Gesichts ist so schneidend scharf wie die Klinge eines Krummschwerts…

Yasmina Khadra, „Die Attentäterin“

Totengleich

Eigentlich bin ich keine Freundin von Prologen, aber hier kommt einer vom Feinsten:

Prolog

Manchmal nachts, wenn ich allein schlafe, träume ich noch immer vom Whitethorn House. Im Traum ist es stets Frühling, kühles, zart dunstiges Spätnachmittagslicht. Ich steige die abgetretenen Steinstufen hoch und klopfe an die Tür – der prächtige Messingklopfer ist schwarz angelaufen und so schwer, dass man jedes Mal erschrickt -; und eine alte Frau mit Schürze und einem bauernschlauen, harten Gesicht lässt mich herein. Dann hängt sie den großen, rostigen Schlüssel wieder an ihren Gürtel und geht die Einfahrt hinunter davon, unter den fallenden Kirschblüten hindurch, und ich schließe die Tür hinter ihr.

Das Haus ist immer leer. Die Schlafzimmer sind kahl und hell, nur meine Schritte hallen von den Dielenbrettern, kreiseln durch die Sonne und die Staubkörnchen hinauf bis zur hohen Decke. Es riecht nach wilden Hyazinthen, deren Duft durch die weit offenen Fenster hereinweht, und nach Bienenwachspolitur. Weiße Farbflocken blättern von den Schiebefenstern ab, und eine Efeuranke ragt schwankend über die Fensterbank. Waldtauben, träge irgendwo draußen.

Im Wohnzimmer ist das Klavier aufgeklappt, kastanienfarben schimmerndes Holz, in den Sonnenstreifen fast blendend hell, leichter Wind, der die vergilbten Notenblätter bewegt wie ein Finger. Der Tisch ist für fünf Personen gedeckt, für uns – die Knochenporzellanteller und die langstieligen, frisch geschnittenes Waldgeißblatt quillt aus einer Kristallschale -, aber das Tafelsilber ist matt angelaufen, und die dicken Damastservietten sind wattig vor Staub. Daniels Zigarettenetui liegt an seinem Platz am Kopfende des Tisches, offen und leer bis auf ein abgebranntes Streichholz.

Irgendwo im Haus, schwach wie ein Fingernagelklicken, sind Geräusche: ein Schlurfen, Flüstern. Mir bleibt fast das Herz stehen. Die anderen sind gar nicht fort, irgendwie hab ich das alles nur falsch verstanden. Sie verstecken sich bloß; sind noch da, für alle Zeit.

Ich folge den winzigen Geräuschen Zimmer für Zimmer durchs Haus, verharre nach jedem Schritt, um zu lauschen, aber ich bin nie schnell genug: Sie entgleiten stets wie Trugbilder, hinter die nächste Tür oder weiter die Treppe hinauf. Ein spitziges Kichern, augenblicklich gedämpft, das Knarren von Holz. Ich lasse Kleiderschranktüren weit aufschwingen, ich nehme drei Stufen auf einmal, ich wirbele oben um den Treppenpfosten herum und erhasche aus dem Augenwinkel noch eine rasche Bewegung: der fleckige alte Spiegel am Ende des Korridors, mein Gesicht darin, lachend.

Tana French, „Totengleich“

Titel der Originalausgabe: „The Likeness“

Tauben fliegen auf

Titos Sommer

Als wir nun endlich mit unserem amerikanischen Wagen einfahren, einem tiefbraunen Chevrolet, schokoladefarben, könnte man sagen, brennt die Sonne unbarmherzig auf die Kleinstadt, hat die Sonne die Schatten der Häuser und Bäume beinahe restlos aufgefressen, zur Mittagszeit also fahren wir ein, recken unsere Hälse, um zu sehen, ob alles noch da ist, ob alles noch so ist wie im letzten Sommer und all die Jahre zuvor.

Wir fahren ein, gleiten durch die mit majestätischen Pappeln gesäumte Strasse, die Allee, welche die Kleinstadt vorankündigt, und ich habe es nie jemandem gesagt, dass mich diese zum Himmel strebenden Bäume in einen schwindelerregenden Zustand versetzen, einen Zustand, der mich mit Matteo kurzschliesst (der Taumel, dem ich verfalle, als Matteo und ich uns endlos im Kreis drehen, auf der schönsten Lichtung des Dorfwaldes, innig, seine Stirn auf meiner, später dann Matteos Zunge, die eigenartig kühl ist, seine schwarzen Körperhaare, die sich so an seine Haut schmiegen, als wären sie ihrer hellen Schönheit völlig ergeben).

Als wir an den Pappeln vorbeifahren, mir dieses Flirren den Verstand raubt, unser schokoladefarbenes Schiff geräuschlos von einem Baum zum nächsten gleitet, dazwischen die Luft der Ebene, die sichtbar wird, ich kann sie sehen, die Luft, die jetzt stillsteht, weil die Sonne so erbarmungslos ist, da sagt mein Vater zur Klimaanlage hin, immer noch alles genau gleich, mit kleiner Stimme sagt er, hat sich nichts verändert, gar nichts…

Melinda Nadj Abonji, „Tauben fliegen auf“