Wie man sich des Lichts der Träume auch am Tage noch erinnert…

Im Traum erschien mir Helene Schjerfbecks Räuber am Tor zum Paradies. Dazu die Worte Ilse Aichingers aus „Kleist, Moos, Fasane“:

Die stumme Landschaft, in die die Stimmen dringen.

Mit jedem in seiner Landschaft ausharren.

Liebe: aus dem Vergleich ziehen.

Nur die notwendigen Bewegungen.

Advertisements

Liebes Tagebuch

Liebes Tagebuch, dir kann ich’s erzählen. Gestern beim Abspülen geschah etwas Merkwürdiges: Plötzlich hatte ich diesen eigenartigen Geruch in der Nase, und im selben Moment fiel mir ein Traum aus der Nacht zuvor ein, wobei… der Inhalt ließ sich partout nicht ins Gedächtnis zurückrufen, wohl aber der Mensch, um den er sich drehte und der im Traum diesen Geruch verströmte. Wir kamen dereinst während einer Zugfahrt ins Gespräch, und es entspann sich ein wirklich anregender Dialog über unsere beruflichen und familiären Lebenssituationen. Er, Lehrer und Musiker, und ich, mit Zahlen und Recht und Gesetz jonglierend. Und als er merkte, dass ich damit alles andere als glücklich war, hielt er ein sehr charmantes Plädoyer über Sinn und Zweck dieser meiner Profession. Fast so als könne Musik machen letztlich jeder, mit Zahlen und Recht und Gesetz jonglieren dagegen nur wenige. Jedenfalls brachte mich sein Esprit zum Lachen, gleichzeitig gab er mir keinen Grund, die Ernsthaftigkeit seiner Rede an irgendeiner Stelle in Zweifel zu ziehen. Kurzum: Diese Begegnung ist mir bis heute in sehr angenehmer Erinnerung geblieben. Nur der Traum verheißt nichts Gutes: Der Geruch, den ich gestern beim Abspülen plötzlich in der Nase hatte, kündete von Krankheit und Verwesung und hinterlässt im Nachgang ein Gefühl der Beunruhigung. (Ich kann nicht aufhören, mich mittelmäßig, zufallsbedingt, sterblich zu fühlen.) Auch oder vor allem weil die olfaktorische Wahrnehmung so unheimlich und intensiv war.

Scheint auch die Nacht vorübergezogen

Einen neunmalklugen Vortrag über Magnesium gehalten. Dass die Einnahme auf Dauer einen lebensbedrohlichen Eisenmangel zur Folge habe. Über die rustikale Tischplatte einer Südtiroler Bauernschänke hinweg blickt mich der Kater an. Zutiefst erschrocken.

Regen fällt pudrig im orangefarbenen Licht der Straßenlaternen. Seidenweich schimmert in der Tiefe das Pflaster. Als hätte das Tier dort unten seinen Pelz abgelegt. Nur seine Augen blitzen aus der Ferne noch zu mir herüber.

Am schieferschwarzen Nachthimmel leuchtet kreidebleich der Mond. In seinem Hof ziehende Wolkenformationen reißt ein eiskalter Windstoß in Stücke. Wie Fragmente einer vergilbten Landkarte treiben sie nun für immer hinaus. Ins Unermessliche.

Sie sind viele

Ich bin auf der Flucht. Unter einem Bretterverschlag verstecke ich mich vor meinen Verfolgern. Doch dann beginnt sich der Boden der Hütte über mir zu senken. Es wird eng. Das Atmen fällt immer schwerer. Rücklings liegend versuche ich, mich nach draußen zu winden, aber meine Füße treten immer wieder ins Leere. Ein Loch, aus dem plötzlich eine Mischung aus Maulwurf und Marder schlüpft. Erst einer, dann zwei, dann springen sie in Massen aus ihrem Bau. Es sind so viele, dass ihre schiere Überzahl mich in Panik versetzt. Bevor ich reagieren kann, hat sich der erste in meinen linken Arm verbissen. Um mich schlagen geht nicht, nur irgendwie versuchen, nach hinten zu entweichen. Als ich im Rücken auf Widerstand stoße, reiße ich die Augen auf. Das Bild von der über mich herfallenden Meute scheint auf der Netzhaut zu kleben. Noch sehe ich sie. Bis sie allmählich von den trudelnden Tupfen auf meiner Bettwäsche in die Tiefe gesogen werden, aus der sie kamen.

Träume von Türen

Keine Bleibe, kein Ziel. Nur ein Weg. Ein Höhenweg durch schwere Berge. Hier endet er. Über den Fluss führt eine Brücke. Die Brücke neigt sich dem anderen Ufer zu. Meine Hände dem Griff einer Tür. Ich öffne sie und gehe hindurch. Als sie hinter mir zufällt, die Angst, der Weg zurück könne nun für immer versperrt sein. Doch im Schloss steckt ein Schlüssel. Ich glaube, das Wissen um diesen Schlüssel nur wie ein Geheimnis hüten zu müssen, dann würde ich den Weg zurück auch finden. Jederzeit.

~~~

Auf Pfaden, wie sie so verschlungen nur in Träumen sein können, schließe ich mich selber ein. Ich bin eine von zweien. Wo die andere ist, weiß ich nicht. Sie hat den Schlüssel.

Mr. Hackman

Letzte Nacht nahm doch tatsächlich Gene Hackman Platz auf meiner Couch… ein langer Schlacks, edel gekleidet in einem Anzug aus tiefschwarzem Tuch und schimmernd wie Seide. Nur seine nervösen Zuckungen erinnerten mich eher an Robert De Niro in Zeit des Erwachens. Der wäre mir vielleicht sogar lieber gewesen, hier, auf meiner Couch, ich weiß nicht, wenn er an dieser Rolle nicht so Schaden genommen hätte, der Ärmste. Jedenfalls kam er mir von da an nur noch wie deren Blaupause vor. Zu Gene Hackman dagegen hatte ich schon immer ein ambivalentes Verhältnis.

Gene Hackman also auf meiner Couch… diese Zuckungen machten mich ganz nervös, aber als ich hörte, er befände sich auf dem Weg nach Köln, fragte ich ihn, ob er mich nicht mitnehmen könne. „No problem“, meinte er, mit seinem Schlitten wären wir in spätestens drei Stunden da. Als ich aus dem Fenster schaute, stand dort draußen tatsächlich eine Limousine der Extraklasse, Ton in Ton mit seinem tiefschwarzen Anzug und genauso schimmernd. Ich glaubte ihm aufs Wort, wenngleich ich mehr dem Wagen als Mr. Hackman selber vertraute.

Seine Zuckungen machten mich so nervös, dass ich plötzlich nicht mehr wusste, welchen Tag wir hatten. War es Freitag- oder Samstagabend? Während ich in fieberhafter Eile meine Sachen packte, fiel ihm ein, dass wir über München fahren würden, weil er dort noch eine Kleinigkeit zu erledigen hätte. Die Rate seiner Zuckungen erhöhte sich von Minute zu Minute. Im Geiste war ich nur noch am Rechnen: Wie viele Stunden würde uns der Umweg kosten? Würden wir noch Freitag- oder erst am Samstagabend ankommen? Ich wusste ja nicht mal, welchen Tag wir hatten? Egal, darüber würde ich unterwegs nachdenken.

Sein Fahrstil war so abgehackt wie seine Bewegungen, die er kaum mehr unter Kontrolle hatte. In seinem Rücken entdeckte ich ein großes Loch. Eine ältere Dame, seine Privatsekretärin, glaube ich, auf deren Schoß er saß, steckte ihren ganzen Arm hinein und kitzelte ihn an den verschiedenen Organen. Am liebsten mochte er es, wenn sie seinen Magen massierte. In mir machte sich allmählich Panik breit. Vor Samstagabend würden wir auf keinen Fall ankommen… wenn überhaupt… wenn wir überhaupt jemals irgendwo ankommen würden. Ich würde T. beim Schreiben stören und am Sonntag schon wieder abreisen müssen. Meine Lippen fingen so sehr an zu brennen, dass ich ständig mit dem Labello darüber fuhr.

Mit einer Geste, die ich zunächst nicht zu deuten wusste, wandte er sich mir plötzlich zu… ein Wedeln mit den Fingerspitzen, als würde er Klavier spielen, direkt vor meiner Nase. Erst ganz zum Schluss verstand ich… er wollte meinen Labello haben. Auf den hatte er es augenscheinlich von Anfang an abgesehen.

Chaos

Mir träumte von einem Schwarm Parasiten, der wimmelte im Inneren einer Art riesigen Amöbe.

Wie Rauch aus einer unsichtbaren Quelle verdichtet und verflüchtigt sich das wolkige Gebilde in einem fort. In dieser kontraktiven Bewegung robbt es die Wand entlang.

Meine Sorge gilt den Parasiten: Wie kann ich verhindern, dass sie ihrem Wirt entweichen?

Nur nach und nach verblasst das Abziehbild, das die Erscheinung auf meiner Netzhaut hinterlassen hat.

Glass Tears

Das Heilige beim Menschen ist wie Ebbe und Flut – es legt die Seele des Menschen frei und überdeckt sie… *

Man Ray, "Glass Tears" (1932)
Man Ray, „Glass Tears“ (1932)

Vertraute Traumsymbolik in überdeutlichen, teils apokalyptischen, teils surrealen Bildern:

Nach der Mittagspause besteige ich, ganz gegen meine Gewohnheit, den Lift, der mich ins Büro bringen soll. Beim Verlassen jedoch erkenne ich, dass die Ebene, auf der ich gelandet bin, eine völlig andere ist.

Einmal finde ich mich in der Wüste wieder. Sand, so weit das Auge reicht. Weißer Wüstensand, gleißendes Licht und flirrende Hitze. Einmal in einem Land des Monsuns, wo der Regen in Massen vom Himmel stürzt und mir das Wasser in kürzester Zeit bis zum Halse steht.

Die Menschen, die mir begegnen, und die ich in wachsender Verzweiflung nach dem richtigen Weg frage, zeigen sich zwar alle hilfsbereit. Nur, jedes Mal, wenn ich einen Blick zurück werfe, finde ich mich weiter von meinem vermeintlichen Ziel entfernt. Wie eine Fata Morgana wabert die Silhouette des Hochhauses, in dem ich von einem Stockwerk ins andere fahre, am Nachthimmel, der nirgendwo endet, und die hell erleuchteten Fenster blinken wie Sterne aus einer fernen Galaxie zu mir herüber.

Ich sollte Bescheid sagen, mein Fernbleiben erklären. Ich tu’s nicht. In einem türkischen Bad erkenne ich kurz darauf undeutlich, seine Nacktheit in Dampfschwaden gehüllt, den Chef. Lächerlich.

Auf der obersten Etage schließlich eine Arztpraxis. Eine der Helferinnen, eine Asiatin, reißt plötzlich in einem stummen Schrei den Mund auf. Ihre Zunge, deren Oberfläche der Haut eines Reptils gleicht, versprüht ein Sekret mit kleinen Glassteinen darin. Wie ein Hagelschauer geht es auf meiner Haut nieder. Der Anblick erinnert mich an ein Bild von Man Ray. Die Steine tun mir weh. Von dem Schmerz wache ich auf.

Zitat Per Olov Enquist, „Das Buch von Blanche und Marie“

Ein Büschel grünes Laub…

…gefegt vom Lindenbaum, in der Allee, 1 Ästchen grünes Laub 1 Ästchen Lindenbaum, 1 Gedichtzeile womöglich

…und ich liesz meine Arme / Augen emporfliegen zu den Häuptern der Linden welche in 1 Allee in der Strasze, und ihren Duft verströmten…

Friederike Mayröcker

Seit einigen Nächten nun, nur geträumt, logiere ich immer im selben Hotel. Ich checke ein, der Empfangschef weist mir einen Parkplatz zu, und dann zerfließt alles in einem Mix aus mehr gefühlten denn konkreten Inhalten…

Der Mond. La Lune. The Moon. Ein Bilderbuchmond. Ein Kinomond. Wie ein Stück Leinwand leuchtend im kreisrunden Lichtkegel eines imaginären Projektors. Durchzogen von einer geheimnisvollen blau-violetten Schwade: der Atemhauch eines eng umschlungenen Paares an einem fernen Horizont oder der feucht-heiße Odem eines einsam heulenden Wolfes. Mühelos liefert der Kopf Bild und Ton zur himmlischen Dramaturgie. Der inszenierte Partyrummel verblasst, verklingt. Ein Vorhang fällt. Dein Film läuft Backstage.

Im Park knistern die letzten Regentropfen im Laub. Die Blütenkelche des Jasmin prangen wie Sterne im dunklen Spalier. Ihr betörender Duft mischt sich mit dem der Lindenblüten, die goldgelben Glöckchen gleich von den Zweigen baumeln. Ein leises Potpourri fernab des ohrenbetäubenden Lärms.

Aus einem Brief Bettina Brentanos an ihren Bruder Clemens:

Die Linden blühen, Clemente, und der Abendwind schüttelt sich in ihren Zweigen. Wer bin ich, daß ihr mir all euren Duft zuweht, ihr Linden? Ach, sagen die Linden, Du gehst so einsam zwischen unseren Stämmen herum und umfaßt unsre Stämme, als wenn wir Menschen wären, da sprechen wir dich an mit unserm Duft.

Ich liebe diesen Duft, auch weil er mich an eine reich bebilderte Geschichte erinnert, die ich als Kind gelesen habe. Sie handelte von einem kleinen Jungen, der sich des nachts auf einer Baustelle herumtreibt, wo die Arbeitsgeräte plötzlich zu mysteriösem Leben erwachen. Irgendwann beginnt es zu regnen, und vollkommen durchnässt findet er sich nach diesem traumhaften Abenteuer in seinem Bette wieder. Am nächsten Morgen ist er krank. Die Mutter kocht ihm heißen Lindenblütentee, von dem gesagt wird, dass er scheußlich schmecke. Kaum zu glauben, wo die frischen Blüten doch so köstlich riechen.

Nie wollte ich so krank sein, dass meine Mutter mir heißen Lindenblütentee würde einflößen müssen, denn bei der Vorstellung, Kamille und Pfefferminze würden einmal nicht mehr ihre Wirkung tun, schauderte mir.

Was wohl die Botschaft dieser Geschichte war? Betreten der Baustelle bei Strafe verboten? Oder: Mach Dir nichts vor, das Leben ist kaum mehr als ein Fiebertraum.

Das Buch dürfte bei einem Umzug auf der Strecke geblieben sein. Merkwürdig: An seinen Titel erinnere ich mich nicht mehr, wohl aber daran, dass es in einem DDR-Verlag erschienen war.

Und dann ist da noch Wilhelm Müllers Lindenbaum: Ich träumt‘ in seinem Schatten so manchen kühlen Traum. Ja, es ist Sommer, und ich höre die Winterreise. Manchmal ist es gut, wenn einer den Finger in die Wunde legt und sagt: „Sieh. Hier. Du blutest.“

Von hungrigen Löwinnen

Spieglein, SpiegleinAlles beginnt damit, dass ich auf der Rampe einer Wasserrutsche stehe. Hinter mir drängt mich eine männliche Stimme, endlich loszulassen und zu springen. Ich würde mich gerne umdrehen, um zu sehen, wer sich dahinter verbirgt, aber das darf ich nicht. „Dreh‘ dich nicht um, dreh‘ dich nicht um!“ raunt sie mir jedes Mal ins Ohr, sobald ich versuche, den Kopf zu wenden.

Irgendwann springe ich tatsächlich, und die Rutsche entpuppt sich als gigantische Wildwasserbahn und das Wildwasser als die Donau, auf der ich in rasender Geschwindigkeit an der Stadt vorbei katapultiert werde. Ich kann gerade noch einen Blick auf das Riesenrad erhaschen und spüre, dass der Unbekannte immer noch dicht hinter mir ist, ja, mich fest umklammert hält und mir inmitten all des Getöses immer noch denselben Satz in die Ohren brüllt: „Dreh‘ dich nicht um, dreh‘ dich nicht um!“

Plötzlich lande ich in einem kleinen Bretterverschlag. Alles wirkt wie die verlassene Kulisse auf einer großen Bühne. Der Vorhang ist gefallen, die Scheinwerfer erloschen. Keine Menschenseele weit und breit. Ich weiß nur, dass ich mich irgendwo auf dem Balkan befinde. Als die ersten Wölfe auftauchen, fühle ich mich rettungslos verloren. Immer mehr Tiere streichen um meinen Verschlag. Hyänen und Schakale. Ein Rudel hungriger Löwinnen, von denen mich eine hinterrücks anfällt. In dem Bewusstsein, dass sie jeden Moment zubeißen kann, beginne ich zu schreien. Ich rufe nach meinem Sohn. Immer wieder. Gleichzeitig wage ich nicht, mich zu bewegen. Eine falsche Bewegung, und sie wird zubeißen. In dem Moment, als ich es nicht mehr auszuhalten glaube, taucht L. auf, in den Händen eine Lanze, mit der er auf die Löwin einzuschlagen beginnt. Wie ein Berserker drischt er auf das Tier ein. Er schlägt sie buchstäblich zu Brei. Alles ist jetzt voller Blut, Fleischstücken und Knochensplittern. Unter meinen Füßen erkenne ich den Teppich aus meinem Zimmer. Jetzt ist er nicht mehr rot gefärbt sondern blutgetränkt, denke ich und: „Es musste früher oder später so kommen!“ Mir scheint, als hätte ich ein Geheimnis gelüftet, und alles würde nun endlich gut werden.

Leider war es mir nicht vergönnt, das Wissen um dieses Geheimnis über die Schwelle zwischen Traum und Wirklichkeit zu tragen. Bemerkenswert dagegen die Farbe, die sich aus dem Traumraum in die Wirklichkeit ergießt. Obwohl Wirklichkeit. Was heißt das schon. In Soutines Morphinträumen ist das Paradies „ein weites leeres … tiefverschneites Land …“ Und an einer anderen Stelle, die ich sehr liebe, heißt es:

Warum sollten nicht die Farben Brüder der Schmerzen sein, da diese wie jene uns ins Ewige ziehen?

Wenn im Französischen couleur und douleur, Farbe und Schmerz, so nah beieinander liegen, wirft einer von den dreien ein, was meinen Sie zur merkwürdigen Nachbarschaft von Farben und Narben im Deutschen? Sind die farbigen Wunden in der einen Sprache schmerzhaft offenbar und gegenwärtig, durchpulsen die Haut und das sprachliche Gewebe, so zeugen sie in der anderen von gewesenen Verletzungen, von geschlossenen Wunden, von der späten Erinnerung an den Schmerz.

Der Maler zuckt auf. Denn in seiner Sprache reimen sich die Farben noch mit einem anderen Wort.

Wi an ofene wund … Los mich nit asoj fil mol schtarbn wi der harbsst in tojsnt farbn.

Ralph Dutli, „Soutines letzte Fahrt“

 

Abwege

AbwegeWieder so ein nächtlicher Trip, diesmal mit dem Bus durch die Wohngebiete einer kleinen Stadt, ohne zu wissen, wohin die Fahrt  eigentlich gehen soll.

Ich bin in einem Arbeitslager interniert. Women only. Die einzige Waschgelegenheit ist permanent okkupiert von einer langbeinigen Südamerikanerin in Strapsen. Für eine Latina erscheint sie mir viel zu groß und überheblich. Sie mustert mich mit abschätzigen Blicken, während ich ungeduldig in den Katakomben unserer Unterbringung auf und ab tigere. Ein Wettlauf gegen die Zeit. An der Schleuse zu unserem Sammelplatz tickt die Stempeluhr. Wer nicht sticht, fliegt raus. Alle anderen sitzen schon im Bus. Wenn ich mich jetzt noch der Zutrittskontrolle unterziehe,  stehe ich allein im Flutlicht des Kolosseums und fliege auf. In der wahnwitzigen Hoffnung, unentdeckt zu bleiben, besteige ich den Bus. Aber als die Tür sich hinter mir schließt, weiß ich, dass ich einen schweren Fehler begangen habe. In rasender Geschwindigkeit jagt der Fahrer plötzlich durch die Wohngebiete einer kleinen Stadt, wo die Gerechten noch in tiefem Schlummer liegen.

Das Bild zum Traum liefert heute L., das ist kein Zufall, und der Drehbuchautor erweist sich wieder einmal als gnadenloser Plagiator.

Meine Versagensängste beginnen lange vor dem Weckerläuten, lange bevor in den müden Stunden des Tages seit Wochen immer wieder dasselbe Bild vor meinem inneren Auge auftaucht: ein Schiff, das sich unmerklich von einem Ende des Horizonts zum anderen bewegt. Nicht neu, nur in ungewohnter Intensität. Nur das Gefühl der Heimatlosigkeit im eigenen Leben, das sich die Gunst der Stunde zunutze macht, um sich wieder heranschleichen zu können. Dazu das Wissen, dass eine Auszeit unerschwinglich ist.

Immerhin: Bei Brainin eine Stelle gelesen, die schöne Erinnerungen weckt:

Die Analogien, die sich von seinem professionellen Leben ausgehend auf sein übriges ziehen ließen, blieben Alfred nicht völlig verborgen. Die Passivität war in seinem scheinbar einfachen Beziehungsgeflecht zu anderen Menschen unübersehbar. Selten, dass er den ersten Schritt tat, praktisch nie war er es, der bereit war, an Mängeln einer Beziehung zu arbeiten, bevor sie in die Brüche ging. Es war immer erst die unplanbare, unentrinnbare Situation, die Veränderungen bewirkte, nie die Beziehung selbst.

Umso aufregender fand Alfred Isabella. Isabella spielte keine Spiele. Sie übernahm keine der vorgefertigten Rollen, die Frauen vom Haken nehmen, wenn sie mit Männern spielen. Es schien für sie bedeutungslos, ob der narzisstische Widerpart ausreichend zum Zug kam. Die Mann-Frau-Beziehung wurde hier pur genommen, unverdünnt.

Alfred war in seiner Passivität ganz anders gefordert als bisher. Isabella unternahm keine Anstrengungen ihn anders, besser und funktionierender zu machen. Sie akzeptierte ihn, wie er war, weil sie sich selbst genügte. Das war für ihn allerdings ein Ansporn eigener Art. Alfred war erstmals in einer Beziehung mehr mit sich selbst beschäftigt als mit der Frau, die in sein Leben getreten war. Die absehbare Bruchstelle, so wie sie Alfred aus seinen bisherigen Beziehungen kannte, schien in weite Ferne gerückt.

Einen kurzen Augenblick lang glaubte er nicht mehr länger bloß Lagerhalter seiner Gegenstände zu sein. Er sah sich vielmehr als Besitzer einer erlesenen Sammlung von Objekten, einem Fürsten, Adeligen oder Patrizier nicht unähnlich. Er war am Ziel seiner Wünsche angekommen, die ihn begleitet hatten, seit er als Lehrling Staub gewischt und glatte Oberflächen noch glatter gemacht hatte.

Bis jetzt. Bis heute.

Und zufällig noch zwei Gedichte über die Staubschichten in länger leer gestandenen Wohnungen entdeckt, hier und hier. Diese Staubschichten sind für den Empfänglichen genauso zu lesen wie Gesteinsformationen für einen Geologen.

In diesem Zusammenhang: Wörtlich schrieb Rilke an Franz Xaver Kappus:

Denn wie wir dieses Dasein des einzelnen als einen größeren oder kleineren Raum denken, so zeigt sich, daß die meisten nur eine Ecke ihres Raumes kennen lernen, einen Fensterplatz, einen Streifen, auf dem sie auf und nieder gehen. So haben sie eine gewisse Sicherheit. Und doch ist jene gefahrvolle Unsicherheit so viel menschlicher, welche die Gefangenen in den Geschichten Poes drängt, die Formen ihrer fürchterlichen Kerker abzutasten und den unsäglichen Schrecken ihres Aufenthaltes nicht fremd zu sein.

Ein Traum erschien

Fischen im DrübenEin Traum erschien, der sich mit Bildern aus Eindrücken und Empfindungen der letzten Wochen speiste: Ich betrete den Aufzug des Oriental Pearl Tower in Shanghai. Gleich darauf stellt sich heraus, dass ich besser alle Hoffnung fahren lasse, wie geplant sanft ins Erdgeschoss hinab zu gleiten. Stattdessen beginnt eine aberwitzige Jagd durch gläserne Tunnel, kreuz und quer und rauf und runter durch die ganze Stadt. Grelles Sonnenlicht scheint aus jeder Himmelsrichtung auf die Fassaden, leuchtet die Straßenschluchten vollständig aus, so dass kein Gebäude einen Schatten wirft. Erst als mich auf einmal totale Finsternis umgibt, endet die wilde Fahrt. Ich verlasse den Aufzug, der sich jetzt an der Außenseite eines ziemlich heruntergekommenen, traditionellen chinesischen Badehauses befindet. Gleich gegenüber gibt es einen zweiten, der direkt in die verschiedenen Becken und Liegeecken auf den jeweiligen Stockwerken führt. In einer mit dunklem Holz getäfelten Ruhezone lasse ich mich erschöpft auf eine Sitzbank sinken. Nachdem ich dort eine Weile vergeblich versuche, inmitten von Dampf und Dunkelheit etwas zu erkennen, durchfährt es mich plötzlich siedend heiß: Mein Mobiltelefon ist mir abhanden gekommen. Und während ich mir noch den Kopf zerbreche, wie und wo und wann es geschehen sein könnte, fallen mir weitere Gegenstände ein, die ich unterwegs verloren habe, darunter mein Portemonnaie. Am Ende stelle ich fest, dass mein gesamtes Reisegepäck auf der Strecke geblieben ist. Ich beschließe, noch einmal sämtliche Stockwerke abzufahren. Diesmal ganz systematisch.

Draußen treibt die Natur ihr Werden und Vergehen voran, grünt und blüht zum Himmel, als gelte es einen Ausgleich zu erschaffen zu dem brodelnden Verlusttopf, den Dorothea Grünzweig elegisch in ihrem Gedicht vom Finden und Verlieren beschreibt:

„wir hatten von weither und immer wieder
von vergänglichkeit geredet
vom willen mit einem verlust andere kommende einzuüben
der wendet sich zu trotziger verzweiflung“

und

„WIR SAGEN IN DEN NÄCHSTEN TAGEN ZUEINANDER
sagen es wieder und wieder wie von weither
wir müssen mehr bereit sein zu verlust
am anfang hieß verlieren     lösen freiwerden
wir dürfen das was wir verlieren
nie nie als schlussstein definieren von
dem das leben überdomenden gewölbe
müssen verstehen das ist nur ein verlust
und kommen viele bis zum großen ganz am schluss

dann müssen wir auch in das schweigen gehen
das stärker ist und sprechender als jegliches gedicht“

Oh ja, die Totenstille, trommelt mit den Fäusten an die Wände. Es fühlt sich an, als fischte ich im Drüben mit dem falschen Köder an der Angel. Manchmal hilft Musik, die wir gemeinsam gehört haben. Miles Davis, zum Beispiel, das „Concierto de Aranjuez“.

Gemengelage

Eine Konstellation wie auf einem Schachbrett: Vater, Mutter, Bruder, Schwester. Die Praxis des Familienstellens gründet auf der Vermutung, dass innerlich-grundlegende Beziehungsverhältnisse auch innerlich räumlich abgespeichert wirken. Aus einer dazu in Beziehung gesetzten Wahrnehmungsposition lassen sich dann gewisse Muster innerhalb jenes Familien-Systems erkennen. Meine Position ist die des Spielers, nachdem ich zuvor Zeugin des Missbrauchs der Tochter durch den Vater geworden bin. Es könnte aber auch der Bruder gewesen sein. Vor allem seine Rolle in dieser Aufstellung erscheint mir am unklarsten. War er tatsächlich aktiv beteiligt, oder hat er womöglich doch versucht, seiner Schwester zu helfen? Vielleicht war er auch nur stummer Zeuge, so wie ich. Alle Figuren stehen auf engstem Raum. Ihre Felder grenzen unmittelbar aneinander. Ob schwarz, ob weiß, das kann ich nicht erkennen. Nur die Mutter fehlt. Ich müsste meinen Mund aufmachen, dann wäre auch sie im Spiel. Aber dazu müsste ich das groteske Gleichgewicht der gegenwärtigen Gemengelage zerstören…

POCUTF8_8835013951_Original_Daccord„Alles, was man vergessen will, schreit im Traum um Hilfe“, sagt Richard Brock alias Heino Ferch im ersten Teil der von ZDF und ORF gemeinsam produzierten Krimiserie „Spuren des Bösen“. Stimmige Genrekrimis der härteren, schlanken, nicht blasierten Art haben wir nicht allzu viele. Das ist einer davon, schreibt die FAZ. Für geladene Düsternis über neunzig Minuten aber sorgen auch und vor allem die Musik von Matthias Weber und die Kamera von David Slama. Slamas Bilder vermitteln stets den Eindruck, dass die Protagonisten der Geschichte (und wir mit ihnen) nur die Hälfte dessen mitbekommen, was geschieht. Fast wie im richtigen Leben. Darüber hinaus sind es die messerscharfen verbalen Pointen, die geistreich unterstreichen, dass es hier um mehr geht als die Frage: „Was haben Sie zwischen sieben und neun Uhr gemacht?“ Der ermittelnde Psychologe Richard Brock stellt selbstredend Fragen der ganz anderen Art.

Zurück zum Traum: Natürlich habe ich mich gefragt, wer oder was hier schreit. Die Tochter, deren Opferrolle sie zu einem Neutrum degradiert hat? Der Vater, der wie gelähmt durch sein Vergehen zu keiner Reaktion mehr fähig ist? Die Mutter, an deren Abwesenheit sich die Geister scheiden? Der Bruder, der mir wie ein Advocatus Diaboli erscheint, ohne dass er auch nur ein Wort sagt? Oder ich, die sich einem perfiden Gleichgewicht zuliebe ebenfalls zum Schweigen verurteilt sieht?

Für den Neuropsychologen Allan Hobson sind Träume schlichtweg a form of madness. Genug herum gedeutet also und zu einem anderen Seelenkrimi: „Das Phantom des Alexander Wolf“ von Gaito Gasdanow.

Alexander Wolf, zu Beginn des Romans dem Tode durch die Hand des Ich-Erzählers entronnen, fällt ihm am Ende doch zum Opfer:

Er lag nun, den Körper der Länge nach ausgestreckt, die Arme zur Seite geworfen; sein Kopf lag beinahe zu ihren Füßen. Ich trat einen Schritt vor, beugte mich über ihn, und plötzlich war mir, als ob die Zeit sich verdichtete und verflüchtigte, als ob sie in dieser blitzschnellen Bewegung viele Jahre meines Lebens davontrüge.

Vom grauen Teppich, der den Boden dieses Zimmers bedeckte, schauten auf mich die toten Augen des Alexander Wolf.

Während Wolf ein Leben lang diese endgültige Begegnung quasi antizipiert –

Ein jegliches Leben wird – in seiner Bewegung, seiner Besonderheit, meine ich – erst dann klar, in den letzten Minuten… Das ist kein Fatalismus, das ist die Richtung des Lebens, das ist der Sinn jeglicher Bewegung. Vielmehr, nicht der Sinn, sondern die Bedeutung.

– wird für den Ich-Erzähler ein Zitat von Dickens zur selbsterfüllenden Prophezeiung:

Er stand von der Bank auf; ich stand ebenfalls auf. Das Laub war unbeweglich, im Garten herrschte Stille.

„Bei Dickens steht irgendwo ein wunderbarer Satz“, sagte er. „Merken Sie sich den, er ist es wert. Ich weiß nicht mehr, wie er wörtlich lautet, aber dem Sinn nach: Uns wurde das Leben unter der unabdingbaren Voraussetzung geschenkt, dass wir es tapfer verteidigen bis zum letzten Atemzug. Gute Nacht.“

Und jetzt stand ich genauso vom Sessel auf wie damals von der Bank, auf der ich neben ihm gesessen hatte, und wiederholte die Worte, die nun besonders bedeutsam klangen:

„Uns wurde das Leben unter der unabdingbaren Voraussetzung geschenkt, dass wir es tapfer verteidigen bis zum letzten Atemzug.“

***

Ein ebenso ab- wie tiefgründiger Roman, in dem Plot und Sprache jene seltene, absolut mitreißende Allianz eingehen, auf die man eigentlich immer hofft, wenn man ein Buch aufschlägt.

Über all dem schwebt die Hoffnung auf hellere Tage und die Vorfreude auf zwei Wochen Urlaub.

Beneath me lay my corpse with the arrow in my temple

Mir träumte, ich hätte die erste Schulstunde frei. Aber als ich erwache und einen Blick auf die Uhr werfe, ist es bereits zu spät, um noch pünktlich zur zweiten zu erscheinen. Ich ärgere mich über meine Mutter, weil sie mich nicht geweckt hat und beschließe, den Tag blau zu machen. Schließlich bin ich volljährig und kann mir selber eine Entschuldigung schreiben. Für einen Mann, der mir nicht ganz koscher ist, soll ich Leergut abgeben und volle Flaschen besorgen. Als ich mich auf den Weg mache, habe ich das Gefühl, von ihm verfolgt zu werden. Ich flüchte mich in eine Parkanlage mit uraltem Baumbestand, die zu einem großen Haus gehört, wo sich Juden versteckt halten. Im Park können sie sich jedoch frei bewegen. Das Areal ist für Nicht-Juden eigentlich tabu. Plötzlich ertönen Sirenen. Ich höre sofort, dass es sich nicht um unsere Martinshörner handelt sondern um die irgendwie sonorer klingenden Sirenen der Amerikaner. Im Park dürfen sie mich natürlich nicht entdecken, aber im Moment, da ich auf die Straße trete, fahren bereits die schweren Batmobile der Besatzer vor, denen jeweils zwei große schwarze Männer entsteigen. Zu allem Unglück habe ich die Tasche mit meiner Geldbörse im Park verloren, und in der Geldbörse befindet sich mein Ausweis, den die beiden bestimmt gleich kontrollieren werden. Es bleibt mir also nichts anderes übrig, als mich wieder in das schützende Dunkel des Parks zurückzuziehen in der Hoffnung, dort meine Tasche wieder zu finden. Da kommt mir auch schon einer der Bewohner entgegen und reicht sie mir…

Der Traum ereignete sich in den frühen Stunden des heutigen Sonntagmorgens. Auf den Schwingen eines angenehmen Halbschlafs ließ ich mich noch einmal durch das Stimmungsaggregat der vergangenen Woche tragen, das sich aus den magischen Wirkungen eines meiner absoluten Lieblingsfilme, der Lektüre eines neuen Buches sowie eines Gesprächs nach langer Zeit mit meinem Lieblingsonkel zusammensetzt.

Falling_in_Love_35465_MediumRobert De Niro, der Hexenmeister der abgründigen Charaktere als Frank, und Meryl Streep, eine die mit kleinen Gesten eine Rolle auf die Leinwand zu malen vermag wie keine, als Molly in dem Film „Falling in Love“. Wie durch Zauberhand gerät das Blättern in einem Boulevardblatt bei ihr zum Sinnbild all dessen, was sich plötzlich falsch anfühlt in Mollys Leben. De Niro dagegen spielt Frank gläsern wie einen, in dem der Zuschauer einen Sturm tosen sieht, ohne dass sich auf der Leinwand augenscheinlich Sensationelles ereignen würde. Bis zum Schluss bleibt die Beziehung zwischen den beiden platonisch, die gegenseitige Anziehung aber erzeugt eine Spannung, die mindestens genau so unerträglich ist wie in einem jener Thriller, in denen De Niro den Bösewicht gibt.

Die Kritik im Filmlexikon ist vernichtend:

Ein Mann und eine Frau, beide verheiratet, geraten in eine letztlich platonisch verlaufende Liebesbeziehung. Die Geschichte einer unmöglichen Liebe, die, statt große Gefühle und Gewissenskonflikte zu vermitteln, banal und oberflächlich bleibt; trotz prominenter Besetzung weitgehend langweilig, erzählt im Stil eines einfach konstruierten Boulevardstückes.

Die ließ mich bereits befürchten, der Verblendung durch meinen hoffnungslosen Romantizismus erlegen zu sein. Die Deutsche Film- und Medienbewertung fällt dagegen folgendes Urteil, das ich in meiner Begeisterung, die auch, nachdem ich den Film mindestens schon zum dritten Mal gesehen habe, nach wie vor ungebrochen ist, demzufolge bedingungslos unterschreibe:

Zwei Menschen lernen sich kennen, begegnen sich zufällig öfter und entdecken plötzlich, das sie füreinander bestimmt sind. Beide sind verheiratet, beide aber empfinden die Schicksalhaftigkeit ihres Zusammentreffens, dem sie sich fast willenlos überlassen, bis sie – vom gleichen Zufall, vom gleichen Schicksal? – wieder getrennt werden, obgleich ihre jeweiligen Bindungen inzwischen zerbrochen sind.

Buch und Regie dieses Films, der eigentlich nur ein Zwei-Personen Stück ist, bringen es fertig, diesen Sturm der Gefühle ausschließlich im Spiel, in der Musik und im knappen Dialog der Darsteller stattfinden zu lassen, ohne spekulative Bett- und Entkleidungs-Szenen und ohne dass auch nur der geringste Eindruck von Peinlichkeit entsteht. Die Keuschheit dieser Beziehung wird so konsequent durchgeführt, das die Zerstörung beider Ehen durch die jeweiligen Partner erfolgt; das Liebespaar selbst schreitet gleichsam unbefleckt durch die Handlung, die dramaturgisch sehr behutsam entwickelt wird, ohne Pathos, ja ohne Leidenschaft, getragen lediglich von der Kraft der Persönlichkeit der beiden Hauptdarsteller.

Die Frage, ob das Happy-End nach der bereits erfolgten scheinbar endgültigen Trennung künstlerisch entbehrlich oder nur ein Zugeständniss an den Publikumsgeschmack sei, wurde vom Bewertungsausschuss ausführlich diskutiert, ohne dass sich daraus eine Beeinträchtigung des einmütig positiven Urteils ergeben hätte.

Mit dem höchsten Prädikat gewürdigt wird hier eine große Kameraerzählung, eine echte Kinogeschichte, der dennoch genügend Realität anhaftet – siehe die glaubwürdige Darstellung der Umwelt des Liebespaares, des Arbeitsmilieus, vor allem der Eisenbahn, in der die wichtigsten Begegnungen stattfinden -, als dass sie in den unverbindlichen Bereich der Traumfabrik verwiesen werden müsste.

Gasdanow_23853_MR.inddDer Film lief letzten Samstag im Spätprogramm, die Verzauberung hielt mindestens bis Dienstag. Da hatte ich frei und las zufällig die ersten Worte der Kritik zu einem Buch, das bereits in der Kulturzeit vorgestellt worden war, „Das Phantom des Alexander Wolf“ von Gaito Gasdanow (1903 in St. Petersburg geboren und 1971 in München gestorben), ein wieder entdeckter russischer Exilautor:

Von allen meinen Erinnerungen, von all den unzähligen Empfindungen meines Lebens war die bedrückendste die Erinnerungen an den einzigen Mord, den ich begangenen hatte. Seit dem Moment, als es geschehen war, erinnere ich mich an keinen Tag, da ich nicht Bedauern empfunden hätte darüber. Niemals hätte mir irgendeine Strafe gedroht, denn es passierte unter ganz ungewöhnlichen Umständen, auch war klar, dass ich nicht anders hatte handeln können. Niemand außer mir selbst wusste im übrigen davon. Es war dies eine der zahllosen Episoden des Bürgerkriegs; im Zuge der damaligen Ereignisse mochte sie als unbedeutende Einzelheit anzusehen sein, zumal im Verlauf der wenigen Minuten und Sekunden, die der Episode vorausgingen, ihr Ausgang nur uns beide interessierte – mich und noch einen, mir unbekannten Menschen. Dann blieb ich allein zurück. Niemand sonst war beteiligt…

In diesem Duktus geht es immer weiter. Später im Leben fällt dem Erzähler der Kurzgeschichtenband eines englischen Autors in die Hände, in dem dieser genau jene Begebenheit minutiös und bis in letzte Detail deckungsgleich schildert. Tatsächlich erstand ich das Buch noch am selben Tag bei Pustet.

Die Stimmung, die darin erzeugt wird, erinnerte mich sofort an Edgar Allan Poe. Der vermeintlich autobiographische Stil, als ließe hier jemand gefiltert durch einen analytischen Verstand und mit einer gewissen emotionalen Distanz sein Leben Revue passieren, steht in einem spannungsgeladenen Gegensatz zu der sich einschleichenden Vermutung, es handele sich womöglich um einen, der die Schwelle zum Irrsinn lange schon überschritten hat. Jedenfalls entwickelt das Buch den Sog eines Maelström, in den ich mich bereitwillig hinab ziehen lassen werde, wenn ich gleich in die Badewanne steige.

Bleibt noch das Telefonat mit meinem Lieblingsonkel zu erwähnen. Lieblingsonkel ist gut, denn es gibt nur den einen, richtigen Onkel. Viel Zeit ist vergangen. Wie viel Zeit, das erkennt man plötzlich an all den Dingen, von denen man weiß, dass sie im Leben des jeweils anderen passiert sind, an denen man aber nicht unmittelbar Anteil nehmen konnte. No one is to blame, das waren seine Worte. Dass man irgendwie ja doch Anteil nimmt, das zeigt mir dieses Geldgeschenk, das mir ganz unerwartet von seiner Seite zuteil wurde. Aber es macht mich traurig, dass wir uns in diesem Leben aller Wahrscheinlichkeit nach nie mehr wiedersehen werden.

Schreiben – die Kunst, die voraus und davon eilenden Gedanken im entscheidenden Moment wieder einzufangen.

Hansjürgen Bulkowski

Time is a tube

Mir träumte, ich sei schwer krank. Die Krankheit war schon so weit fort geschritten, dass ich die Schwellungen unter der Haut auf Schritt und Tritt spüren konnte. Ich schaute in den Spiegel, und was ich erblickte, war ein riesiger Wasserkopf und Oberarme, so massig wie die von Schwarzenegger. Vor allem die Arme waren ein Bild des Schreckens.

Nicht auszudenken, was es bedeuten würde, wenn mir tatsächlich etwas geschehe. Wie in jenem Liebesgedicht von Brecht, so geht es mir derzeit: „Darum gebe ich auf mich acht, sehe auf meinen Weg und fürchte von jedem Regentropfen, daß er mich erschlagen könnte.“

Seit der Kater uns zu Weihnachten die „Kinder- und Hausmärchen“ der Brüder Grimm geschenkt hat, lesen wir jeden Abend ein Märchen. Ich weiß, dass ich seitdem ein intensives Traumleben führe, aber mehr als Ahnungen von der Arbeit der Nacht  dringen nicht in mein Wachbewusstsein. Meist verfolgen sie mich, wenn ich dem Broterwerb des Tages nachgehe, ohne dass ich auch nur eines dieser unkonkreten Bilder habhaft würde.

Am zweiten Märchen „Von den Wichtelmännern“ gefielen mir besonders die unterschiedlichen Dimensionen der Zeit, die darin zur Sprache kamen. Auf die inständigen Bitten der Wichtelmänner, bleibt das Mädchen drei Tage. Aber als es schließlich nach Hause kommt und seine Arbeit als Dienstmädchen wieder beginnen will, stellt sich heraus: „Da war es nicht drei Tage, wie es gemeint hatte, sondern sieben Jahre bei den kleinen Männern im Berge gewesen, und seine vorherige Herrschaft war in der Zeit gestorben.“

Ein Tag kann eine Perle sein und ein Jahrhundert nichts. „Die Zeit geht nicht, sie stehet still“, schreibt Gottfried Keller, „wir ziehen durch sie hin.“

Time is a tube, dachte ich neulich, als ich mir die Zahnpasta aus der Tube auf die Bürste quetschte. Überhaupt gehen mir in den winzig kleinen Stunden des Morgens die allermerkwürdigsten Gedanken durch den Kopf:

Spieglein, Spieglein an der Wand zum Beispiel, wenn ich die kreisenden Bewegungen der Hände auf meinem Bauch verfolge. Die Gedanken kreisen im Uhrzeigersinn, in einer stilleren Sprache jene Gegenbewegung der Hände auf meinem Bauch. Der ist jetzt leer, nichts gebiert er mehr, wenn ich den Rumor wie jeden Morgen in die Schüssel gedrückt und weggespült habe. Die Bittermandel im Kopf spuckt Gift und Galle, während der Bauch sich salben lässt, mit einer Mischung aus Buttercreme und Vanille, die riecht wie ein Kuchen. Jetzt ein Messer nehmen und sich ein großes Stück davon abschneiden… und so weiter und so fort.

Apropos Kuchen. Noch ein schönes Gedicht von Wolf Wondratschek, das ich dieser Tage aus dem virtuellen Papierkorb gerettet habe:

Für meine Mutter

Aus Cezannes Äpfeln hätte sie Apfelmus gemacht –
das alles beeindruckt sie nicht,
solange folgende Fragen ungeklärt sind:
wer kocht und wäscht und sorgt für mein Kind?
Das hat Vorrang vor aller Kunst.
„Wenn ich sterbe“ schreibt sie, „was dann?“
Vom beigelegten Geld für ein gutes Essen
kaufe ich Zigaretten und Papier,
rauche und schreibe
und liebe sie.
Sie ist meine Bäuerin,
sie kennt die Absturzstellen
meiner Höhenflüge.
So müßte das Leben sein:
das Mißlungene vollenden
mit einem selbstgebackenen Kuchen.

Das Ende der Welt

Das Ende der Welt stand unmittelbar bevor. Die Sonne würde nie mehr scheinen, und es gab nichts, wovon die Menschen noch zehren konnten. Nur ein großes Bett im obersten Stockwerk eines Hochhauses, in dem jeder noch ein bisschen Ruhe zu finden hoffte, bevor es so weit sein würde. Alle waren auf dem Weg dorthin. Zielstrebig und diszipliniert, denn es gab einen genauen Zeitplan. Jeder durfte genau zwei Stunden in dem großen Bett schlafen. Meine Sorge galt den Ratten, die zahllos aus sämtlichen Schlupflöchern krochen und dabei zu Riesenhamstern mutierten. Falls sie das oberste Stockwerk des Hochhauses vor mir erreichen würden, wäre es mit der Ruhe dahin. Dabei wünschte ich mir so sehr, Vicky dort zu treffen und die verbleibende Zeit in dem großen Bett mit ihr zu verbringen. Danach würde auch ich sterben können. So wie alle anderen.

Unruhige Nacht…

…mit beunruhigenden Träumen. Der neue Arbeitsplatz entpuppt sich als Blechverschlag, in den es hinein regnet. Die Eingeweide ausgeschlachteter Rechner liegen überall verstreut, Kabelsalat hängt von Decke und Wänden. Es sieht aus wie nach einem Raubüberfall. Ich weiß überhaupt nicht, was ich hier soll. Draußen vor der Tür erstreckt sich ein riesiger aber leerer Parkplatz. Es gießt in Strömen.

Unperfekte Keimzellen

Als Mitglied eines Sportvereins versuche ich, etwas über ein unmittelbar bevorstehendes Event in Erfahrung zu bringen. Der Vorstand entzieht sich jedoch geschickt meinen insistierenden Nachforschungen, was mich zunehmend rasend macht. In dem Gefühl, die Ziellinie niemals zu erreichen, drehe ich endlose Runden auf der Aschenbahn eines Stadions. Vor mir geht Peter Lohmeyer, wenngleich wesentlich gelassener. Er begegnet meinen Fragen zum Stand der Dinge mit Gleichgültigkeit. Ein älterer Herr erklärt mir, der Mensch würde sich gerade dadurch auszeichnen, dass er eine unperfekte Keimzelle sei. Es ärgert mich, dass ich alles auf einem silbernen Tablett serviert bekommen möchte, ohne selber tätig zu werden.

Herz und Hand

Endlich würde sich jemand mein Herz ganz genau ansehen. Mit seinen Pianistenhänden knetete der Mann im weißen Kittel sorgfältig jeden einzelnen Muskelstrang und schob seine langen Finger tief in die Zwischenräume meiner Rippen. Ich hatte vollstes Vertrauen zu ihm. Seine Sorgfalt fühlte sich gut an. Plötzlich hielt er inne, verharrte an einer Stelle und murmelte: „Ja, das könnte es sein.“ Ich wollte schon nachfragen, da wachte ich auf.

Grab und Gitterbett

Heute nacht waren wir in Rottweil. Wir gingen über den Friedhof. Plötzlich erkannte ich die Reihe wieder, wo meine Großeltern beerdigt waren. Ich begann zu suchen. Einige der Gräber waren komplett überwuchert, manche gab es schon gar nicht mehr, auf anderen fehlten die Grabsteine oder deren Inschriften waren nicht mehr zu entziffern. Auch das Grab meiner Großeltern existierte nicht mehr. Wo ich die Stelle schließlich vermutete, schlief ein kleiner Junge auf der nackten Erde. Das Gestrüpp zu beiden Seiten wirkte wie die Stäbe eines Gitterbettchens. Auf dem Grab links von ihm lag sein Vater.

Rimini

Eine Gegend, in der ich schon einmal war. Hügelig und gottverlassen. Ich arbeite in einer Bäckerei und warte auf den Feierabend. Ist sowieso nichts los. Das Beste ist ein großer Pool in einem traumhaft schönen Innenhof. Alles ist ganz natürlich angelegt. Wie eine Lichtung im Wald. Das Wasser ruht still, tiefgründig und unberührt. Schwimmen ist tabu. Ich frage mich, wie mein Sohn es bewerkstelligt haben mag, hier seine Pool-Parties zu feiern. Ich blicke auf die Uhr. Schon kurz vor halb sechs. Ich werde den Bus verpassen. Wenn ich mich beeile, erreiche ich ihn noch an einer der nächsten Haltestellen. Aber ich verschätze mich. Die Entfernungen sind plötzlich viel größer. Es geht immer bergauf und bergab. Von der ersten Kuppe aus sehe ich in weiter Ferne noch mehrere Busse, die sich auf dem weißen Band der in Serpentinen verlaufenden Straße schon den nächsten Hügel hinauf schlängeln. Mit jeder weiteren Kuppe werden es immer weniger. Ich trage meine Tochter auf dem Arm. Sie könnte sonst nicht mithalten. Meine Fußsohlen werden auf dem Asphalt allmählich wund. Aber zum Schuhe anziehen ist keine Zeit. Auf einer der Kuppen stockt schließlich der Verkehr, und es gelingt mir, einen der Busse zu erreichen. Ich frage den Fahrer, ob es sich um den Linienbus handle. Nein, der sei schon über alle Berge. Ich steige trotzdem ein. Sitzplatz ist keiner mehr frei. Ich frage, wo er denn hinfahren würde. Nach Rimini, lautet die Antwort. Da gerate ich in Panik. Ich kann doch nicht einfach nach Rimini fahren. Es dauert eine Weile, bis es mir gelingt, wieder einen klaren Gedanken zu fassen. Bis der Angstschweiß sich gelegt hat: Obwohl. Warum eigentlich nicht. Warum eigentlich nicht nach Rimini fahren…

Liebe und Leberwurst

Während wir uns noch liebten fragtest du mich, ob ich in letzter Zeit so viel Leberwurst essen würde oder woher denn dieser intensive Fleischgeruch käme, den ich verströmen würde. Da fiel es mir plötzlich wie Schuppen von den Augen, es war eine Nebenwirkung dieses Medikaments mit dem lyrischen Namen. Dann stand Vicky plötzlich im Raum, einem winzigen Badezimmer. Mit den Füßen versuchte sie dem blutigen Strom auszuweichen, der an der Wand und die weiß geflieste Kloake hinab floss.

Traumsplitter

Ein Kriechtier, das an ein Gürteltier erinnerte, höchstens handtellergroß. Wenn man jedoch versuchte, dieses Ding einzufangen, verwandelte es sich in eine Kanonenkugel, die wie wild im Zimmer umher schoss. Alarmstufe Rot. Sämtliche Türen wurden mit einer speziellen Schließanlage versehen, die Wohnung in einen Hochsicherheitstrakt verwandelt. Es wimmelte nur so von Kammerjägern. Einem von ihnen gelang schließlich der Zugriff. Das Ding wurde in einen Käfig voller Kaninchen gesteckt. Um Gottes willen, dachte ich, wenn die sich paaren! In dem Moment blickte mir das Biest in die Augen, plötzlich mit einer phosphoreszierenden Löwenmähne auf dem Kopf, und begann herzzerreißend zu schreien.

Acheron

Ich nehme an einer merkwürdigen Veranstaltung teil, eine Mischung aus Querfeldeinlauf, Kulturevent und Letztem Abendmahl. Dort am Tisch sehe ich plötzlich L. sitzen. Im Nachhinein würde ich sagen, er sah aus wie mein Vater, in dem Moment bin ich mir jedoch sicher, dass es L. ist. Dünn, faltig, zahnlos und komplett ergraut. Bar jeglicher Vitalität und um Jahre gealtert. Er spricht kaum. Ich habe das Gefühl, er schämt sich für seine Zahnlosigkeit. Ich stelle mir vor, wie schrecklich sie für ihn sein muss, diese leere Mundhöhle.

Das Leben scheint ihm eine letzte Gnadenfrist gewährt zu haben, und ich erzähle ihm, wie alles abgelaufen ist nach seinem Tod. Ich weiß, sagt er nur immer wieder. Es scheint ihm nichts auszumachen und daran irgendetwas zu ändern nicht seine Mission zu sein. Dennoch versuche ich, ihn davon zu überzeugen, dass die Gunst der Stunde vielleicht darin liegt, manche Dinge im Nachhinein doch noch etwas zu ändern. Die Szenerie wechselt ständig zwischen unserem Gespräch am Tisch einer Geschlossenen Gesellschaft, verschiedenen Schauplätzen, an denen ein mir unbekannter junger Mann Monologe aus einem Theaterstück, das anscheinend am selben Abend noch aufgeführt werden soll, zitiert und kommentiert und einer Art Schnitzeljagd durch die freie Natur, in der es einen Fluss zu überqueren gilt, über den keine Brücke führt. Eine ältere Dame winkt mir lächelnd vom anderen Ufer aus zu. Ich frage mich, wie sie es wohl geschafft haben mag, dort hinüber zu gelangen, obwohl der Fluss eigentlich nur ein dünnes Rinnsal ist, das sich durch den Wald schlängelt.

Am Ende stehen wir an einem Zebrastreifen. L. verschwindet in einem Gebäude auf der anderen Straßenseite in den Räumlichkeiten eines Steuerberaters, den wir einmal gemeinsam aufgesucht hatten. Ich weiß, dass ich ihm eigentlich folgen sollte, starre aber nur von Weitem auf die geöffnete Tür. Plötzlich wird mir bewusst, dass es für L. keinen Ort mehr gibt, an den er auf dieser Welt noch gehen kann. Keine Wohnung, kein Telefon. In dem Moment erkenne ich die ältere Dame wieder. Sie steht auf der anderen Seite der Straße neben der geöffneten Tür und winkt mir zu. Lächelnd.