Vollständige Entlastung

Wenn man einmal auf diesem vermaledeiten Stuhl gelandet ist, sagte ich heute zu meiner Zahnärztin. Das „vermaledeit“ behielt ich natürlich für mich. Und den Stuhl trifft eigentlich auch keine Schuld. Schuld ist der Kaugummi, den ich während des Einkaufs bei Edeka gestern zwischen meinen Backenzähnen zermalmte und an dessen zäher Masse ein Brocken Füllung kleben blieb. Vermaledeiter Kaugummi, also, diese leicht verformbare, meist süß, manchmal auch sauer schmeckende Masse, auf der man oft einige Stunden lang kauen kann, ohne dass sie zerfällt. Die Masse nicht, nein, aber eine Zahnfüllung. Vor allem, wenn sie groß ist.

Das Kaugummikauen ist lediglich ein Ablenkungsmanöver mit Placeboeffekt. Wenn die herkömmlichen Mittel nicht wirken, hilft wenigstens das, obwohl kein vermeintlicher Experte hierfür eine angemessene Erklärung parat haben dürfte.

Genoss ich halt heute mal wieder den Ausblick aus dem vorläufigen Wartezimmer meiner Zahnärztin, wenngleich es sich hierbei um ein Foto vom 26. Januar handelt:

Nasser ist es heute. Windig und mild. Die dünne Schneedecke, die zwischenzeitlich wie ein weißes Laken über den Dächern der Stadt lag und die Welt in einer Art Schwebezustand zu halten schien, sie schmilzt langsam aber stetig dahin. Die weißen Laken rutschen von den Dächern und bringen wieder alles Mögliche zum Vorschein. Den Taubendreck beispielsweise, der immer noch wie Pech und Schwefel an der Blechverkleidung dieser kleinen Hinterhofansicht klebt.

Als ich nach der Reparatur meines Malheurs mit einem kleinen Kittklumpen wieder zuhause war, schaltete ich den Deutschlandfunk ein. Wulfman Christian:

…Alle sollen sich zugehörig fühlen, die hier bei uns in Deutschland leben, eine Ausbildung machen, studieren und arbeiten, ganz gleich, welche Wurzeln sie haben – wir gestalten unsere Zukunft gemeinsam.

Ich bin davon überzeugt, dass Deutschland seine wirtschaftliche und gesellschaftliche Kraft am besten entfalten und einen guten Beitrag zur europäischen Einigung leisten kann, wenn die Integration auch nach innen gelingt.

Dann wurde es interessant:

Unser Land, die Bundesrepublik Deutschland, braucht einen Präsidenten, der sich uneingeschränkt diesen und anderen nationalen sowie den gewaltigen internationalen Herausforderungen widmen kann; einen Präsidenten, der vom Vertrauen nicht nur einer Mehrheit, sondern einer breiten Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger getragen wird…

Das Staatsoberhaupt, das sich in seinen Ämtern stets rechtlich korrekt verhalten hat und überzeugt ist, dass die anstehende rechtliche Klärung zu seiner vollständigen Entlastung führen wird, ist also zurückgetreten.

Anschließend kam Wiefelspütz zu Wort, der, ohne pathetisch klingen zu wollen, seiner Hoffnung auf einen Nachfolger Ausdruck verlieh, der das Amt des Bundespräsidenten auch auszufüllen vermag und auf den alle stolz sein können. Amen! Clap your hands, everybody!! Sing Hallelujah!!! Nach all den Pleiten, Pech und Pannen der letzten Wochen und Monate: Die Hoffnung stirbt wie immer zuletzt.

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Wegmarke

Der Arbeitsvertrag lag wie angekündigt am Freitagnachmittag in meinem Briefkasten. Ich habe ihn heute unterschrieben und ein Exemplar wieder im Briefkasten meines zukünftigen Arbeitgebers deponiert. Der erste Dienstgang quasi, den ich bei dieser Gelegenheit zu einem einstündigen Spaziergang ausdehnte. So lange dauert es bei diesen immer noch knackigen Minusgraden, sich warm zu marschieren und die Zirkulation des Blutes bis in die Fingerspitzen zu spüren. Auf den Wegen im Park, die von der Streuwut des Winterdienstes der vergangenen Woche verschont geblieben sind, knirscht eine hauchdünne Schneedecke wie Leder unter jedem Schritt. Eine vertraute Strecke, und doch fiel mir auf, wie das Licht die Erscheinung der Dinge beeinflusst. Diese Wegmarke beispielsweise tauchte heute zum ersten Mal am Wegesrand auf. Manchmal zeigen sie sich, manchmal bleiben die Dinge unsichtbar. Manchmal sehen wir sie, manchmal können wir sie partout nicht erkennen. Spiegelt die Wahrnehmung das innere Erleben oder wird dieses erst durch die Wahrnehmung erweckt?

Hoffnungsfroh und Hundert Freuden

Eine derart positive Verstärkung in einem Vorstellungsgespräch habe ich noch nie erfahren. Für Herrn K. war es offensichtlich nur eine Formalität. Ihm war wohl vom ersten Moment an, nachdem er meine Bewerbung gelesen hatte, klar, dass ich die Richtige bin für die von ihm ausgeschriebene Stelle. Meinen Lebenslauf fände er interessant, meine Zeugnisse wären ausgezeichnet, solche Bewerbungen bekommt man nicht alle Tage, die hat mir sofort gefallen, sagte er. Nach eineinhalb Stunden fragte ich immer noch ungläubig: „Heißt das, Sie haben sich schon für mich entschieden?“

Vom Fleck weg eingestellt, also, aber so richtig fassen kann ich es noch nicht. Meinen augenblicklichen Gemütszustand würde ich, in ein Wort gekleidet, als hoffnungsfroh bezeichnen.

Im Briefkasten fand ich gestern eine Benachrichtigung vom Paketboten und rätselte bis heute, wer mir da wohl was geschickt haben mochte. In Verdacht hatte ich seltsamerweise die Telekom. Aber als ich den Amazon-Schriftzug erkannte, wusste ich: Es kann nur einen geben. Inliegend fand sich ein Gedichtband von Wisława Szymborska:

Hundert Freuden. Sagen wir, ein Vierteljahr jeden Tag ein Gedicht von Wisława Szymborska. Wie schön. Tausend Dank, Katerchen!

Für heute habe ich mir das Folgende ausgesucht:

„Ein Leben im Handumdrehen“

Ein Leben im Handumdrehen.
Eine Aufführung ohne Probe.
Ein Körper von der Stange.
Ein Schädel ohne Bedacht.

Ich kenne die Rolle, die ich spiele, nicht.
Ich weiß nur, sie ist unauswechselbar mein.

Wovon das Stück handelt,
werde ich erst auf der Bühne erraten.

Dürftig gerüstet dem Leben zum Ruhm,
ertrage ich das mir aufgezwungene Tempo der
Handlung mit Mühe.
Ich improvisiere, obwohl mich das Improvisieren
ekelt.
Ich stolpere auf Schritt und Tritt über meine
Unkenntnis der Dinge.
Mein Lebenslauf schmeckt nach Provinz.
Meine Instinkte sind Dilettantismus.
Das Lampenfieber, das für mich spricht, demütigt um
so mehr.
Die mildernden Umstände scheinen mir grausam.

Nicht rücknehmbar sind die Worte und Gesten,
die Sterne nicht zählbar,
und der Charakter, gleich einem Mantel, im Laufen
zu Ende geknöpft –
das sind die kläglichen Folgen dieser Eile.
Probte man wenigstens rechtzeitig einen Mittwoch,
oder man wiederholte den Donnerstag doch!
Aber schon naht der Freitag mit der mir fremden
Rolle.
Ist das in Ordnung – frag ich
(mit heiserer Stimme,
denn nicht einmal hüsteln durfte ich hinter Kulissen).

Es täuscht der Gedanke, die Prüfung sei Nebensache,
in einen provisorischen Raum verwiesen. Nein.
Ich steh im Bühnenbild und seh, wie solide es ist.
Die Präzision verschiedener Requisiten fällt auf.
Der Drehmechanismus funktioniert seit geraumer
Zeit.
Sogar die entferntesten Nebel sind angezündet.
Kein Zweifel, es ist die Premiere.
Und was ich auch tue,
verwandelt sich ein für alle Male in das, was ich tat.

Kommt mir irgendwie bekannt vor. Vielleicht ist es eins von den Gedichten, die wir damals im Literaturgrundkurs besprochen haben.

Mittwoch, 08. Februar 2012

Man kommt immer da an, wo man erwartet wird, las ich sinngemäß irgendwo die Tage. Auf die wesentlichen Begegnungen im Leben trifft das wohl zu, warum sollte dieser schöne Satz nicht auch für die Arbeitssuche gelten, dachte ich mir. Nach der gestrigen Absage fühlte ich mich wie befreit. Das Hoffen und Bangen der letzten Wochen hatte mich geradezu gelähmt. Als ich endlich wusste, was Sache war, war ich plötzlich wieder imstande, ein paar Telefonate zu tätigen und drei neue Bewerbungen aufzusetzen. Die erste positive Reaktion ereilte mich gleich heute, während ich mit Vicky in der Cafébar ein spätes Frühstück einnahm.

Gestern war sie auf die glorreiche Idee gekommen, sich den Vormittag frei zu nehmen, um gemeinsam mit ihrer in diesen Dingen noch nachlässigeren Mutter die längst überfällige Ummeldung auf dem Einwohnermeldeamt zu erledigen und mich anschließend zum Essen einzuladen. Das Mädel im Meldeamt klärte uns dahingehend auf, dass die Ummeldung eigentlich innerhalb einer Woche zu erfolgen gehabt hätte, dass sie aber so gerade eben noch ein, um nicht zu sagen beide Augen zudrücken könne. Wohlweislich hatten Vicky und ich uns schon im Vorhinein darüber verständigt, den Umzug sicherheitshalber vorgeblich auf den 01.01.2012 zu datieren. Ein ruppigerer Beamter hätte uns auch eine ordentliche Ordnungsstrafe aufbrummen können.

Als wir also anschließend gemütlich im Warmen der Cafébar saßen und abwechselnd in unsere Gespräche und in den Anblick des von der Sonne ausgeleuchteten klirrend kalten Wintertages draußen vor der Tür vertieft waren, klingelte mein Handy, und es meldete sich der Herr von der Firma G., um mich für nächste Woche Mittwoch, 10 Uhr zu einem Vorstellungsgespräch einzuladen. Ausgerechnet auf die Bewerbung eine erste Reaktion, die ich mit den meisten Skrupeln versehen gestern zur Post gegeben hatte. Eine relativ anspruchsvolle Buchhalterstelle, direkt der kaufmännischen Leitung unterstellt, von der ich mir nicht einmal sicher bin, ob ich sie überhaupt auszufüllen imstande wäre. Fachlich eigentlich genau das, was meiner Berufserfahrung bis dato entsprechen würde. Aber wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Von meinen Zweifeln werde ich nächsten Mittwoch nicht einen einzigen durchblicken lassen. Zumindest darin bin ich gut.

War das schön, meinte Vicky, als wir uns um 12 Uhr verabschiedeten, sie zur Arbeit und ich in den Park. Ein bisschen wie Urlaub. Mehr als dieses In-den-Tag-hinein-leben, worin ich zwar Meister bin, das aber nicht jeden Tag auch Urlaubsgefühle in mir zu wecken vermag.

Montag, 24.10.2011

Ein stürmischer Föhn fegte heute jede Menge trocken Laub von den Bäumen und die Menschen in Schieflage vor sich her. Die Fleischrote Rosskastanie ist schon ganz kahl. Blätter trägt sie keine mehr, aber wenn man genau hinschaut, stecken ein paar frisch aufgegangene Blüten wie Kerzen auf den nackten Zweigen. Ihre Gemeinen Gefährtinnen wirken, als hätten sie ihre rauschenden rostigen Blätterkleider noch einmal eiligst zusammengerafft und bäten zu einem allerletzten Tanz auf dem goldenen Oktoberparkett.