They sentenced me to 20 years of boredom oder Schnee, der auf Linden fällt.

Literweise Lindenblütentee trinken und sich von fiebrigen Assoziationen treiben lassen. In die Untiefen des Blogs eintauchen und alte Einträge zutage fördern…

…gefegt vom Lindenbaum, in der Allee, 1 Ästchen grünes Laub 1 Ästchen Lindenbaum, 1 Gedichtzeile womöglich

…und ich liesz meine Arme / Augen emporfliegen zu den Häuptern der Linden welche in 1 Allee in der Strasze, und ihren Duft verströmten…

Friederike Mayröcker

Seit einigen Nächten nun, nur geträumt, logiere ich immer im selben Hotel. Ich checke ein, der Empfangschef weist mir einen Parkplatz zu, dann zerfließt alles in einem Mix aus mehr gefühlten denn konkreten Inhalten…

Der Mond. La Lune. The Moon. Ein Bilderbuchmond. Ein Kinomond. Wie ein Stück Leinwand leuchtend im kreisrunden Lichtkegel eines imaginären Projektors. Durchzogen von einer geheimnisvollen blau-violetten Schwade: der Atemhauch eines eng umschlungenen Paares an einem fernen Horizont oder der feucht-heiße Odem eines einsam heulenden Wolfes. Mühelos liefert der Kopf Bild und Ton zur himmlischen Dramaturgie. Der inszenierte Partyrummel verblasst, verklingt. Ein Vorhang fällt. Dein Film läuft Backstage.

Im Park knistern die letzten Regentropfen im Laub. Die Blütenkelche des Jasmin prangen wie Sterne im dunklen Spalier. Ihr betörender Duft mischt sich mit dem der Lindenblüten, die goldgelben Glöckchen gleich von den Zweigen baumeln. Ein leises Potpourri fernab des ohrenbetäubenden Lärms.

Aus einem Brief Bettina Brentanos an ihren Bruder Clemens:

Die Linden blühen, Clemente, und der Abendwind schüttelt sich in ihren Zweigen. Wer bin ich, daß ihr mir all euren Duft zuweht, ihr Linden? Ach, sagen die Linden, Du gehst so einsam zwischen unseren Stämmen herum und umfaßt unsre Stämme, als wenn wir Menschen wären, da sprechen wir dich an mit unserm Duft.

Ich liebe diesen Duft, auch weil er mich an eine reich bebilderte Geschichte erinnert, die ich als Kind gelesen habe. Sie handelte von einem kleinen Jungen, der sich des nachts auf einer Baustelle herumtreibt, wo die Arbeitsgeräte plötzlich zu mysteriösem Leben erwachen. Irgendwann beginnt es zu regnen. Vollkommen durchnässt findet er sich nach diesem traumhaften Abenteuer in seinem Bette wieder. Am nächsten Morgen ist er krank. Die Mutter kocht ihm heißen Lindenblütentee, von dem gesagt wird, dass er scheußlich schmecke. Kaum zu glauben, wo die frischen Blüten doch so köstlich riechen.

Nie wollte ich so krank sein, dass meine Mutter mir heißen Lindenblütentee würde einflößen müssen, denn bei der Vorstellung, Kamille und Pfefferminze würden einmal nicht mehr ihre Wirkung tun, schauderte mir.

Was wohl die Botschaft dieser Geschichte war? Betreten der Baustelle bei Strafe verboten? Oder: Mach Dir nichts vor, das Leben ist kaum mehr als ein Fiebertraum.

Das Buch dürfte bei einem Umzug auf der Strecke geblieben sein. Merkwürdig: An seinen Titel erinnere ich mich nicht mehr, wohl aber daran, dass es in einem DDR-Verlag erschienen war.

Und dann ist da noch Wilhelm Müllers Lindenbaum: Ich träumt‘ in seinem Schatten so manchen kühlen Traum. Ja, es ist Sommer, und ich höre die Winterreise. Manchmal ist es gut, wenn einer den Finger in die Wunde legt und sagt: „Sieh. Hier. Du blutest.“

Eine schwarze Höhle ist unser Schweigen…

…Daraus bisweilen ein sanftes Tier tritt / Und langsam die schweren Lider senkt. / Auf deine Schläfen tropft schwarzer Tau,

Das letzte Gold verfallener Sterne.

Georg Trakl, „Ellis, wenn die Amsel im schwarzen Wald ruft“

Edouard Manet - Jeanne Duval, Baudelaire's Mistress, Reclining (Lady with a Fan) - 1862
Edouard Manet, „Lady with a Fan“(1862)

Die Dame mit dem Fächer war Charles Baudelaires Geliebte Jeanne Duval. Manet malte sie im Jahr ihres vermuteten Todes – 1862. Sowohl Baudelaire als auch Duval waren an Syphilis erkrankt. Es scheint ungeklärt, wer von beiden tatsächlich zuerst verstarb.

Im Zeitpunkt der Entstehung dieses Bildes war Jeanne bereits erblindet und gelähmt. Zwei schwarze Augenhöhlen, ein ungelenk unter der Krinoline hervorragendes Bein und eine unproportioniert groß und männlich wirkende Hand irritieren den Betrachter. Gleichzeitig quillt das Bild beinahe über von einem Berg aus Tüll, der wie in einem letzten Aufbäumen die Hinfälligkeit des Körpers unter sich begräbt. Halb weht es, halb liegt es kunstvoll drapiert über die Lehne des Canapés, ein zartes Gardinengespinst, dahinter das letzte Gold verfallener Sterne bereits verglüht scheint.

Aufmerksam wurde ich auf das Bild durch einen raffinierten Schnappschuss von Gueorgui Pinkhassov.

Playground Love

Früher.

Als wir den lieben Gott noch ungeniert um schönes Wetter baten, wenn es regnete. Mit gefalteten Händen und flehenden Blicken gen Himmel. Und der Herr ließ sein Angesicht leuchten über uns und war uns gnädig. Das Gurren der Wildtauben betörte uns wie ein vieldeutiges Versprechen aus den Tiefen des Märchengartens, der sich zu unseren Füßen erstreckte und weit über unsere Köpfe hinausragte. In unseren rosa und türkisfarbenen Schlafgewändern wandelten wir darin wie Prinzessinnen aus Tausend und einer Nacht. Nur manchmal verfing sich die eine oder andere Nylonspitze in den Ranken der mannshohen Himbeersträucher, und die Lust am Abenteuer strandete in den hohen Gassen eines gefühlten Labyrinths. Der Rote Faden war immer das Gurren der Wildtauben. Wie eine Zauberformel beschwört es noch heute den Sommer herauf. Den Sommer und wir mittendrin.

I confess

Unter Birgits Sätzen & Schätzen findet sich die Kategorie Verschämte Lektüren. Ich gebe zu, ich war damals in der Tat zu verschämt, mich zur Lektüre von Diana Gabaldons Highland-Saga zu bekennen. Jetzt fiel sie mir wieder ein, weil in Brenda Hills Gedicht „An effort to step into morning“ die Libellen erwähnt werden, dragonflies / frantic in their amber / coats. So lautet nämlich der Titel des ersten Bandes besagter Saga: Dragonfly in Amber.

Nun gibt es nicht nur verschämte Lektüren sondern auch unsäglich verschämte Lieder,  Stücke, die ich nur im stillen Kämmerlein höre, weil sie mir unsagbar peinlich sind.

Ich war nie ein Fan von Patrick Swayze, deshalb ist es vermutlich die Zeile „Just a fool to believe I have anything she needs“, die mich insgeheim zu Tränen rührt. Die Tage bin ich gleich zweimal hintereinander zu Dirty Dancing versumpft, und das nur weil ich den Film einmal mit meinem Erstgeborenen im Arm gesehen habe. Nach dem Stillen war er so tief und fest eingeschlafen, dass ich mich nicht mehr zu bewegen wagte. Wie es dazu kam, dass plötzlich der Fernseher lief und dieser unsäglich verschämte Film dazu, das weiß ich nicht mehr. Jedenfalls beschert er mir jedesmal einen sehr sentimentalen Flashback.

So. Jetzt ist es raus. Und wer seine verschämten Lieder mit mir teilen will, in welcher Form auch immer, ist herzlich willkommen. Ich freue mich.

Dangerous Liaison

Für Dagmar

Nadja Haefeli, Germanic Funeral 2, 2007
Nadja Haefeli, „Germanic Funeral 2“ (2007)

Manchmal laufe ich ihm zufällig über den Weg. Dann merke ich, nach wie vor habe ich ihm  nicht verziehen. Was daran so schwer sei, meinte dereinst eine Therapeutin. Jeder von uns beiße doch ab und an in einen sauren Apfel.

Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land?

Ist das der Punkt? Gekränkte Eitelkeit? Und warum komme ich nicht darüber hinweg? Nicht schön genug, nicht gut genug gewesen zu sein. Oder wenigstens vorausschauend genug, zu wissen, die Liebe lässt sich nicht verdienen.

Die erwähnte Therapeutin befand sich damals kurz vor ihrem Rückzug ins Private. Sie wollte den Abschluss unserer Sitzungsperiode möglichst rund gestalten. Und weil ich auch in dieser Situation, die Haut, in der ich lebe, nicht abstreifen konnte, mimte ich die perfekte Patientin und gab vor, geheilt zu sein.

Nur, immer wenn ich ihm zufällig über den Weg laufe, antwortet der Spiegel in mir:

Frau Königin, ihr seid die schönste hier, aber Schneewittchen über den Bergen bei den sieben Zwergen ist noch tausendmal schöner als ihr.

Liebe

Bei Peoplecheck sucht jemand nach Maria Karl Bobaj und die Maschine spuckt Februar | 2012 | Cool Pains aus. Ich kenne die Dame zwar nicht, und der Sachverhalt hätte mich auch nicht weiter beschäftigt, aber durch ihn bin ich über einen alten Blogeintrag gestolpert:

Liebe

Liebe
liegt in
der Luft, obwohl:
Love is in the
air, klingt auch schön. Ätherischer.
Im Deutschen raubt das t der
Luft die Leichtigkeit. Von Luft und Liebe
könnte man leben, wenn das kleine Klötzchen t
nicht wäre am Bein der Luft. Und das Los
der Leibhaftigkeit, das auch kein leichtes ist, das Leben, hier,
in einem Leib, während die leuchtenden Laken der Lust brach liegen.
Im letzten Licht des Tages liebäugeln sie mit der Leichtigkeit von Worten.

So geschehen, nachdem ich mich den ganzen Tag lang mit Platon rumgeschlagen hatte und noch über das Bett als Bühne bei Hopper und überhaupt in der Kunst nachdachte. Ich könnte eine Serie daraus machen.

Et voilà:

Abbas - Intimacy - 2012
Abbas, „Intimacy“ (2012)

Der Moment aber, aus dem heraus jene Zeilen entstanden sind, lässt sich leider nicht rekonstruieren. Fakt ist, heute würden sie mir nicht mehr einfallen. Während die leuchtenden Laken der Lust brach liegen… das tun sie zwar, keine Frage, vor fünf Jahren jedoch, da glaubte ich noch an den Zahlenwert der von Bowie besungenen magischen Five Years.

Am nächsten Tag dann die Nachricht von seinem Tod… als breche ein Stück eigenes Leben weg. Endgültig. Und für immer.

H wie Habicht

Zu einer bestimmten Zeit im Leben erwarten wir, dass die Welt ständig voll von Neuem ist. Dann kommt der Tag, an dem uns bewusst wird, dass das nicht der Fall sein wird. Wir erkennen, dass sich das Leben aus Löchern zusammensetzt. Aus Dingen, die fehlen. Aus Verlusten. Dinge, die einmal waren und nun nicht mehr da sind. Und wir erkennen, dass wir um diese Lücken herum und zwischen sie hineinwachsen müssen, obwohl wir die Hand ausstrecken und dort, wo die Dinge waren, den öden Raum fühlen können, wo jetzt die Erinnerungen sind.

Helen Macdonald, „H wie Habicht“

Das ist nichts für dich, das steht auf der Bestsellerliste, meinte meine Schwester letztens. Um es gleich vorweg zu nehmen: Es handelte sich nicht um dieses Buch. Auf „H wie Habicht“ wurde ich bei Jarg aufmerksam. Im Übrigen stimmt das so nicht. Wenn ein Buch wie dieses, das aus der Zeit gefallen scheint, einen Nerv bei vielen Lesern trifft, finde ich das wundervoll, auch wenn „Ja, wir haben dieses Buch schon oft verkauft“ weder Kriterium noch die Art von Empfehlung ist, die ich mir von einer Buchhändlerin erwarte. Zum Glück stand mein Entschluss schon fest, und der Habicht auf dem Umschlag weckte Erinnerungen an einen vermeintlich gesehenen alten Spielfilm mit Errol Flynn in der Hauptrolle. Als Falkner wohlgemerkt. Nur… in Zeiten wie diesen genügen ein paar läppische Klicks, um die Bilder im Kopf als wilde Mischung aus  „Sea Hawk“ und „The Adventures of Robin Hood“ zu entlarven und herauszufinden, dass Errol Flynn zu Lebzeiten nie einen Falkner gemimt hat. Was ist das Gedächtnis doch für ein mieser Gaukler!

Das alles sagt natürlich nichts über dieses Buch. Die Autorin selbst fasst es so zusammen:

While the backbone of the book is a memoir about that year when I lost my father and trained a hawk, there are also other things tangled up in that story which are not memoir. There is the shadow biography of T. H. White and a lot of nature-writing, too. I was trying to let these different genres speak to each other.

Quelle: The Guardian

Man muss aber weder von Greifvögeln besessen sein noch ein Faible für T. H. White haben, um der Magie von Helen Macdonalds Prosa vom Fleck weg zu erliegen. Die eigenwillige Chronik ihrer Trauerarbeit geht auf jeden Fall unter die Haut.

 

No dar papaya

No dar papaya, is a common expression unique to Colombia which means show no vulnerabilities and present no easy target…

Andernorts trugen Mädchen Schuluniformen. Lange Zeit, eine sehr lange Zeit musste ich um eines dieser kurzen, dunkelblauen, plissierten Röckchen bitten und betteln. A vertically hanging piece of fabric such as a skirt or a drape will often be described in terms of its „fullness.“ An einem Sonntagvormittag im April saß ich schließlich neben meinem Vater im Auto. Zu einer Zeit, da es einer besonderen Belohnung gleichkam, als Kind auf dem Beifahrersitz Platz nehmen zu dürfen. Wir fuhren über eine Grenze, fremdes Territorium betreten. Fast wie etwas Verbotenes tun. Ganz tief in meinem Innersten fühlte ich: Ich bin frei.

Auch Klimaanlagen gab es noch keine. Durch die Frontscheibe prallte ungebremst die Sonne in meinen Schoß und ergoss sich wie ein warmer Wasserfall über meine nackten Oberschenkel unter dem heißgeliebten Röckchen. Selbst meine Mutter war einem ihrer Prinzipien untreu geworden an diesem Tag im April: Keine Kniestrümpfe in einem Monat mit „r“! Einer jener seltenen Momente, in denen ich Anteil hatte an der Fülle des Lebens, ja, für den Augenblick sogar die Anwesenheit des Vaters vergaß. Ich zog das dunkelblaue Tuch ein Stückchen weiter über die Beine und entblößte meine Knie.

Ohne Worte legte sich eine schwere Hand auf meine Beine und schob den gefältelten Stoff mit einem Ruck zurück. Ich hatte eine Grenze überschritten. Ich war nicht frei.

Woman at a Window waving at a Girl

Jacobus Vrel,
Jacobus Vrel, „Woman at a Window waving at a Girl“ (ca. 1650-1700)

Vieles in diesem Bild spricht gegen seinen Titel. Als würde die Hand der Frau, die wir nur von hinten sehen – wenn sich wenigstens ihr Gesicht im Fensterglas spiegeln würde – in einer Geste der Ungläubigkeit an die Scheibe fassen, als handelte es sich bei dem Mädchen um ein vermeintliches Trugbild, dessen Erscheinung nur durch Berührung wahr werden könnte. Dieses Kind, das wie ein Licht in dunkler Nacht vor dem Fenster auftaucht, was macht es überhaupt zu offensichtlich später Stunde da draußen im Stockfinsteren? Und wie oft und wie lange mag die Frau schon dort gesessen haben in diesem nicht besonders bequem anmutenden Stuhl. Tatenlos vermutlich. Bis sie plötzlich ruckartig nach vorne schnellt, weil das, wonach sie vielleicht Ausschau gehalten haben mag – oder auch nicht -, weil auf einmal etwas wie aus dem Nichts und zum Greifen nahe vor ihr steht. Wenn auch nur fast. Nietzsche fällt mir ein: …Und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein. Oder Edgar Allan Poe:

Take this kiss upon the brow! / And, in parting from you now, / Thus much let me avow – / You are not wrong, who deem / That my days have been a dream; / Yet if hope has flown away / In a night, or in a day, / In a vision, or in none, / Is it therefore the less gone? / All that we see or seem / Is but a dream within a dream…

Well, folks: Take this kiss upon the brow! Das Hamsterrad ruft, hier wird es nun zwangsläufig wieder etwas ruhiger werden. Ich danke vielmals und ganz herzlich für Eure Aufmerksamkeit, und wo immer Ihr seid: Let your nodes glow on in the dark!

Wahrheit oder Pflicht

Hans Aichinger,
Hans Aichinger, „Les Certitude du Réalisme“ (2010)

Ich fühle mich geehrt. Matthias von der Beat Company hat mich nominiert. Und das zu einer Zeit, da mir scheinen will, die Frau, die hier rumwerkelt, verschwindet zunehmend hinter ihren Spiegelbildern. Ich gebe kaum noch Privates von mir preis. Ich folge nur einer Handvoll Blogs. Es geht mir gut.

In mein analoges Leben ist auf leisen Sohlen ein Mensch getreten, den ich anfangs gar nicht bemerkte. Es sind nicht nur die Samtpfoten, die ihn auszeichnen. Es ist wohl seiner Hartnäckigkeit zuzuschreiben, dass er gewartet hat, bis ich ihm eine Tür öffnen konnte. Lange Zeit dachte ich, bis zum Ende meiner Tage würde ich das tiefe Tal nicht mehr verlassen. Und plötzlich fühlt es sich ein bisschen weniger einsam an. Was die Zukunft bringen wird, weiß ich nicht. Dieser Mensch ist wesentlich jünger als ich, und eigentlich weiß ich auch überhaupt nicht, was er bei mir findet. Es gibt diesen Sicherheitsabstand zwischen uns, der sich nicht überwinden ließe, ohne dass ich ihn auf meine grauen Haare, auf meine Krähenfüße oder Lachfalten, kurzum: auf die Tatsache aufmerksam machen müsste, dass ich seine Mutter sein könnte. Nicht dass er nicht wüsste, wie alt ich bin. Jahrgang 1964. Kein Geheimnis. Und obwohl ich mich zuweilen älter fühle als meine Mutter, sehe ich nicht so aus und spüre das junge Mädchen in mir, immer auf dem Sprung, all den verpassten Gelegenheiten nachzujagen, die seinen Weg bis zum heutigen Tage pflastern. Keiner von uns macht Anstalten, diesen Sicherheitsabstand aufzugeben, und selbst das fühlt sich ganz natürlich an. Es ist, wie es ist. Und so, wie es ist, ist es erst einmal gut. Wir sind kein Paar, wir sind Freunde, und das ist so viel mehr, als ich vor geraumer Zeit noch für möglich gehalten hätte in meinem Leben.

Ach ja, worum geht es denn überhaupt? Um den Liebsten Award natürlich. Das Spannende an der ganzen Sache sind manchmal die Fragen. Was machst Du im Leben nach dem Tod? Wie bitte? Träumst du noch oder bist du schon wach, dachte ich, als ich das heute morgen las. Well, „in the morning it was morning and I was still alive.“ So weit, so gut. Darüber hinaus konnte es sich nur um einen Zufall handeln, dass mir jemand ausgerechnet die Frage stellt, die mich seit geraumer Zeit umtreibt. Zufall? Wie immer verweise ich auch diesmal auf Max Frisch.

1. Was machst Du im Leben nach dem Tod?

Nach jetzigem Stand der Dinge werde ich nicht zu den Menschen gehören, die rundum zufrieden auf ihr Leben zurückblicken können, wenn sie auf dem Totenbett liegen. Ich hoffe, es wird mir deshalb nicht schwerer fallen, zu gehen, wenn es soweit ist. Ich glaube auch nicht, dass es ein Leben nach dem Tod gibt. In letzter Zeit denke ich nur manchmal, dass es mich trösten würde, wenn ich glauben könnte, dass sich mir nach dem Tod tatsächlich die Möglichkeit bieten würde, mich für ein weiteres Leben zu entscheiden. Mit etwas Glück würde mir die Gnade eines unproblematischeren Elternhauses zuteil, mein beruflicher Werdegang wäre kein Zickzackkurs, sondern die Entscheidungen lägen klarer und früher auf der Hand, und ich wäre mit genügend Selbstbewusstsein ausgestattet, das zu verwirklichen, wovon ich immer nur geträumt habe. Konkret: Im Leben nach dem Tod arbeite ich, Hauptsache irgendwas, im Bereich Kunst und Kultur, und der Job dient nicht nur dazu, das Dach über dem Kopf und das tägliche Brot zu sichern, ohne jemals Freude zu machen, sondern ist, darunter geht gar nichts, Berufung. Andernfalls kann mir ein Leben nach dem Tod auch gut und gerne gestohlen bleiben.

2. Wen siehst Du, wenn Du morgens in den Spiegel schaust?

Gute Frage an eine, die sich Frau im Spiegel nennt und ein Morgenmuffel ist. Aber ich sehe das oben erwähnte junge Mädchen, das wie jeden Tag schon in den Startlöchern steht. Ich sehe ihr in die Augen und denke: „Here’s looking at you, kid.“ Wenn ich morgens in den Spiegel schaue, sehe ich auch die unverbesserliche Romantikerin in mir, der ich für den Rest des Tages konsequent aus dem Weg gehen werde.

3. Wahrheit oder Pflicht ? (Best of Flaschendrehen)

Ich weiß nicht, ob ich das Spiel überhaupt jemals gespielt habe, deshalb musste ich mich erst einmal schlau machen:

Entweder nach beantworteter Frage bzw. erfüllter Aufgabe oder der Reihe nach oder durch eine Zufallsauswahl (oftmals mittels Flaschendrehen) wird der Befragte, welcher nun „Wahrheit oder Pflicht“ (also eine Aufgabe) zu erfüllen hat, ausgewählt. Dazu muss sich der Befragte zuerst zwischen „Wahrheit“ und „Pflicht“ entscheiden. Bei „Wahrheit“ wird dem Ausgewählten eine Frage gestellt, die er wahrheitsgemäß beantworten muss; bei „Pflicht“ muss der Ausgewählte eine von den anderen Mitspielern auserkorene Aufgabe erledigen. Die Frage oder Aufgabe stellt dabei derjenige, der vorher der Befragte war. Je nachdem, in welchem Alter sich die Spieler befinden, gehen die Fragen und Aufgaben oft in den persönlichen oder intimen Bereich.

Quelle: wikipedia

Hier fällt mir die Entscheidung nicht schwer. Unter welchen Umständen auch immer, ich gebe der Wahrheit den Vorzug. Jede Wahrheit ist besser, als eine Pflicht zu erfüllen, die womöglich lästig ist.

Für den Fall, dass ich mich jetzt auf eine weitere Frage gefasst machen muss: „I am ready, I am fine“, Matthias. Und last but not least: Herzlichen Dank!

Becoming a Vermeer

Diese helle Freude, wann immer mir ein Vermeer begegnet, was will sie mir sagen?

Ein Tag kann eine Perle sein / Und hundert Jahre – Nichts!“, schreibt Gottfried Keller über die Zeit. Und der Guardian über Gerhard Richters Lesende: “He snaps his daughter reading a letter, meditative in the sunshine, and she becomes a Vermeer.”

Bündele das verfügbare Licht, gieße alle Hingabe in den Moment und werde zu einem Vermeer. So einfach ist das.

A thin place ist ein alter keltischer Ausdruck für einen Ort, an dem der Schleier zwischen Himmel und Erde fast transparent ist. Und in den hebräischen Schriften gibt es eine Erzählung, nach der sich Gott anlässlich dramatischer Ereignisse erst recht nicht zu erkennen gibt, selbst wenn wir uns gerade in solchen Momenten besonders danach sehnen. Dagegen tritt er als kaum wahrnehmbares Flüstern in Erscheinung, in a thin silence, da, wo wir ihn am wenigsten vermuten und vermeintlich brauchen würden.

Vermeer übte keine Gesellschaftskritik. Seine Frauen sind keine ausgemachten Schönheiten wie die Mona Lisa oder Botticellis Unvergleichliche. Die Sujets gleichen sich, unterscheiden sich lediglich in dem, was seine Figuren gerade tun und worin sie so ganz und gar aufgehen. Wie der Maler selbst, vermutlich.

Ich möchte mein Ohr an diese Bilder legen. Ich würde zu gerne jenes kaum wahrnehmbare Flüstern vernehmen, das Vermeer in ihnen eingschlossen hat und das die Jahrhunderte überdauert wie die Inklusen zartgeflügelter Insekten in Bernstein.

„Ein Etwas, form- und farbenlos, / Das nur Gestalt gewinnt, / Wo ihr drin auf und nieder taucht, / Bis wieder ihr zerrinnt.“

Nur die notwendigen Bewegungen.

Ich habe dieses Buch in meinen Regalen wiedergefunden. Ich habe keine Erinnerung daran, es gelesen zu haben. Ich weiß, dass ich es getan habe, dass ich es war, die es gelesen hat, ich erkenne meine Unterstreichungen wieder, doch ich sehe mich nicht beim Lesen dieses Buches.

So ähnlich beginnt Der Schmerz von Marguerite Duras. (Immer wenn die Mützenfalterin sie erwähnte, wollte ich es einmal wiederlesen.) Ich habe es am 18.03.1986 gekauft, und möglicherweise war es das letzte Buch, bevor ich lange Zeit keines mehr gelesen habe.

Man darf nicht allzu viele Bewegungen machen, das ist vergeudete Energie, man muß alles Kräfte für das Martyrium aufsparen… – Auf den Straßen sind viel zu viele Leute, ich möchte in einer großen Ebene vorwärtsgehen, allein… – Jene, die von Allgemeinheiten leben, haben nichts mit mir gemein… – Sie haben das spezifische Lächeln von Frauen, die wollen, daß man ihre große Erschöpfung wahrnimmt, aber auch ihre Anstrengung, sie zu verbergen…

Ein paar der Unterstreichungen, die mir auf den ersten Seiten wiederbegegnet sind.

Nun lässt der Frühling sein blaues Band wieder flattern, nicht nur in der Natur, auch in der Stadt flattert wieder blütenzarte Wäsche durch die Lüfte, und selbst das Summen der Motoren vernimmt sich plötzlich viel verführerischer als den ganzen Winter über, streift wie etwas von Sehnsucht erfülltes ahnungsvoll das Ohr. Wie jedes Jahr schlägt die Frühjahrsmanie allerorten bei mir ins Gegenteil um. Als müsste ich mich mit Händen und Füßen gegen einen gut gemeinten Ratschlag zur Wehr setzen. Während sich unter immer noch winterhartem Tweed welke Haut in Falten legt, denke ich dann beim Anblick der wehenden Wäsche im Wind.

In die Notwendigkeit des Häutens und Hüllenabwerfens muss ich mich erst wieder einfinden. So lange es irgendwie geht, weiche ich dem aus, verfolge lieber die seichte Fährte des Lichts schweifend im milchigen Mittag. Auch schön. Zu sehen, wie sie von Woche zu Woche länger wird.

…sobald das Leben wieder zu uns zurückkommt, finden sich auch alle Chancen wieder.

Knausgårds Sterben vorerst auf Eis gelegt.

Von Erinnerungen

Theodore Shaw, "Dutch Scene"
Theodore Shaw, „Dutch Scene“

Im Zeitmagazin vom 28. Februar 2015 erzählt Liv Ullmann unter der Rubrik Ich habe einen Traum von der einzigen Erinnerung, die sie an ihren Vater hat. Berührend. An meinen Vater habe ich viele Erinnerungen. Ich wünschte, es wäre eine gute dabei.

Mein Vater war Zahnarzt, und ich hatte von Geburt an schlechte Zähne. Die waren wohl nicht das einzige, was ihn an mir gestört haben mag. Meine Mutter meint, er hätte doch meine schmalen Schultern  und nicht nur meine krausen Haare sehen können. (Die krausen Haare hatte ich von ihrem Vater, die schmalen Schultern von seiner Mutter.) Für schwere Lasten waren diese Schultern nie gemacht, und nur mit einer Prise Galgenhumor lässt es sich nach jedem Niederschlag wieder aufstehen.

An den ersten erinnere ich mich nicht, doch es gibt diese Anekdote, nach der ich eine Ohrfeige meines Vaters, die mich zur Räson bringen sollte, mit einem Gegenschlag konterte. Ich war noch sehr klein und unbedarft, die Situation entbehrt nicht einer gewissen Komik, denn ich lachte meinem Gegner den Erzählungen zufolge dabei schamlos ins Gesicht. Den Ernst der Lage galt es erst noch zu begreifen. Dass er es todernst meinte, war mir längst klar, als er zum letzten Mal handgreiflich wurde, mir seine Hände um den Hals legte und damit den Morddrohungen aus seinem Munde den nötigen Nachdruck verlieh. Dabei hatte er selber rein gar nichts begriffen. Ich war längst so eingeschüchtert, dass ich mich nichts von alledem traute, was für andere Mädchen meines Alters selbstverständlich war. Nur um sein Missfallen nicht zu erregen, tapezierte ich die Wände meines Zimmers statt mit männlichen Konterfeis mit Bildern schöner Frauen: Greta Garbo, Katherine Hepburn, Ingrid Bergman, Romy Schneider, Liv Ullmann. All die Frauen, die nicht nur schön waren, weil sie hübsche Gesichter hatten. Was sich am Ende als ebenso großer, wenn nicht größerer Fehler erwies, lieferte ich ihm damit doch den augenfälligen Beweis, dass mit mir etwas nicht stimmte.

Selbst meine schulischen Leistungen bereiteten ihm Anlass zur Sorge, wenn ich meiner Mutter Glauben schenken darf. Die waren zwar vorzeigbar, legten jedoch die Befürchtung nahe, dass ich ihm eines Tages geistig überlegen sein würde.

Das Geistige. Mein Vater hat mir vieles genommen, und noch heute stehe ich manchmal der Macht gegenüber, mit der er meine Gefühle kontrolliert hat. Hilflos. Nur die Welt in meinem Kopf, die um so vieles schöner und wirklicher war als die mich umgebende Realität, die entzog sich seinem Zugriff. Das war meine Rettung. Dieses Kind, ich wüsste nur zu gerne, was es denkt. Dieses Kind, dem nichts anderes übrig blieb, als um sich eine Aura von geistiger Abwesenheit zu erschaffen. Please, don’t bother trying to find her, she’s not there. Mag sein, dass er mir ausgerechnet den Sinn für die Kunst mitgegeben hat. Schöne Dinge hat er geliebt und sie am Ende doch zerstört. Vor seinen unkontrollierten Wutausbrüchen war nichts und niemand sicher.

Irgendwann bekam ich nach langem Bitten und Betteln endlich ein eigenes Radio, ein lumpiges Transistorradio zwar, kaum größer als die ersten Mobiltelefone, aber egal, ich war überglücklich. Bis dahin hatte ich mir am Abend, wenn ich durfte, das Kofferradio aus der Küche mit in mein Zimmer genommen. (An ein Stück, das damals im Dunkel der Nacht durch den Äther waberte, erinnere ich mich ganz besonders: „Spain“ von Chick Corea.) Jetzt konnte ich überall Radio hören, das Ding wurde zu meinem ständigen Begleiter. Nur, so hatte sich mein Vater das nicht gedacht. Als ich eines Tages damit aus dem Bad kam, griff er nach der Antenne, hob in einer archaischen Geste seinen Arm und zertrümmerte den kleinen Weltempfänger mit einem Schlag auf dem Boden. Das war’s. Von da an traute ich mich nicht einmal mehr, nach dem Radio in der Küche zu fragen.

Die letzten Worte, die mein Vater zu mir sagte, ohne mich noch eines Blickes zu würdigen, waren: „Geh weg. Mach die Tür zu.“ Das tat ich dann auch. Erleichtert. Geblieben sind mir nur traurige Erinnerungen, die von Zeit zu Zeit am Horizont aufscheinen, und keine, die gut und stark genug wäre, sie zu ersetzen. Wenngleich ich sie immer wieder umarrangiere, ändere ich damit nur das Erscheinungsbild des Schmerzes. Nur der Schmerz verfügt über eine schier unendliche Zahl von Masken. Nicht dass ich ihn noch spüren würde, wenn ich an meinen Vater denke. Nein. Die Gestalt, die dort in weiter Ferne an einem anderen Ufer steht, ist viel zu weit weg. Nein. Der Schmerz hat sich selbständig gemacht. Die Gesichtsnervenneuralgie, die sich bei mir in chronischen Zahnschmerzen manifestiert hat, ist nur eine der vielen Masken, die er sich immer wieder aufsetzt. Keine besonders phantasievolle in meinem Fall, by the way. Lebe damit. Wie T. C. Boyle im Interview mit Günter Keil sagt:

Weil das die Realität ist, weil wir alle in einem ganz und gar willkürlichen Universum leben. Die Grausamkeit schlägt bei jedem von uns zu. Und wir sind dazu verurteilt, ein illusorisches und viel zu kurzes Leben zu leben.

Ich beichte

Georges de la Tour, "Éducation de la Vierge" (1650)
Georges de la Tour, „Éducation de la Vierge“ (1650)

Es ist ja mal so, beginnt die gute Tikerscherk so manchen ihrer wunderbaren Einträge auf Kreuzberg Süd-Ost, und wenn ich schon von ihr nominiert bin, bediene ich mich auch gleich einer ihrer Formulierungen: Es ist ja mal so: Beichten ist eine ernste Angelegenheit. Das ein oder andere Geständnis habe ich aus eben diesem Grund in die Tonne getreten. Zu kokett. Zu wenig intim. Zu schmerzlos. Dass ich die Wäsche so lange auf der Leine hin- und herschiebe, bis das Gesamtbild meinen Vorstellungen entspricht, zum Beispiel. Immer nach denselben Kriterien, als da wären: Art, Größe und Farbe der einzelnen Teile. Am ehesten vergleichbar mit Rubik’s Cube oder Solitär, ein mechanisches Geduldsspiel ohne erkennbaren Mehrwert außer der Manifestation einer äußeren Ordnung und dabei möglichst wenig Fehlgriffe zu landen. Und, ja, ich ärgere mich, wenn aus der Tiefe des Raumes plötzlich noch eine schwarze Unterhose schlüpft, während die Reihen mit selbigen schon gefüllt und die Lücken dahinter bereits geschlossen sind. Aber die Schamesröte? Da gilt es schon ein bisschen tiefer zu buddeln.

Als ich in die vierte Klasse kam, zogen wir um. Nicht zum ersten und nicht zum letzten Mal. Diesmal von Nord nach Süd. Warum, weshalb, warum, und was das mit mir machte, wäre eine andere Geschichte. Es ist der erste Umzug, an den ich mich bewusst erinnere. The first cut is the deepest. Meine Mutter, die mit mir manchmal die Sonntagsmesse besuchte und eine, wie sich herausstellen sollte, eher vage Vorstellung von den Sitten und Gebräuchen in anderen Bundesländern hatte, meldete mich am alten Wohnort vorsorglich zur Erstkommunion an. Ich besuchte also kurz bevor es Abschied nehmen hieß noch einen entsprechenden Kurs für Kinder aller Altersstufen in der örtlichen Pfarrgemeinde. Und wenngleich mir schon damals nicht klar war, weshalb ich in der Kirche immer das tun musste, was alle anderen taten, machte ich meine Sache gut, ja, geradezu vorbildlich. Das dazugehörige Malbuch befindet sich noch heute in meinem Fundus.

Zu Beginn des neuen Schuljahrs fand ich mich in einem Dorf auf der Schwäbischen Alb wieder. Dort gab es jede Menge Uhren, und alle tickten sie anders als die altbekannten. Mit der Erstkommunion hatte meine Mutter richtig gelegen, darüber hinaus aber hatten meine neuen Klassenkameraden alle schon gebeichtet. Denn den Leib Christi empfangen, ohne gebeichtet zu haben, war eine Sünde für sich. Eines derart verirrten Schäfchens nahm sich der Geistliche am Ort höchstpersönlich an. Er drückte mir also ein Heftchen in die Hand, zum Lesen, nicht zum Ausmalen, das sollte ich durcharbeiten und an einem der folgenden Samstagnachmittage zu ihm in den Beichtstuhl kommen. Gewissenhaft wie ich war, bereitete ich mich auch darauf mit der gebotenen Sorgfalt vor. Nur, je näher die Stunde der Wahrheit rückte, um so größer wurde meine Angst. Als ich schließlich vor dem Priester kniete, das vergitterte Profil mit dem mir zugeneigten Ohr vor Augen, ergriff mich die erste Panikattacke meines Lebens. Schluchzend stürzte ich aus dem Beichtstuhl. Auf und davon. In der Folge musste ich jedoch einsehen, dass es nicht an der Zeit war, eine Sache, die einer gewissen Ordnung bedarf, auf sich beruhen zu lassen. Ich musste also wohl oder übel in einen sauren Apfel beißen, von dem ich überhaupt nicht wusste, was er mir bedeuten sollte.

Damals hatte ich eine Freundin, Edith, deren Mutter an Leukämie erkrankt war. Ich erinnere dunkle Winternachmittage, an denen wir zusammen im Wohnzimmer saßen und ihr abwechselnd aus dem Doppelten Lottchen vorlasen, während es draußen stürmte und schneite. Das war schön. Wie im Märchen. Ein großer schwarzer Vogel stand mitten im Raum, und eine seiner Schwingen lag schwer auf den Schultern der stillen blassen Frau, die gefasst in ihrem Sessel saß, aber wenn auch noch ein Bär an die Tür geklopft und um Einlass gebeten hätte, ich hätte mich nicht gewundert. Der Bär wäre mein gewesen, mein ganz allein, denn Edith hatte schon einen Freund. Wenn sie von ihm erzählte, wurde ich neidisch, ich, die heimlich noch mit Puppen spielte, ich wollte auch einen Freund, und er sollte genau so sein wie der, den Edith mir beschrieb. Irgendwann begann ich, mir Briefe auszudenken und aufzuschreiben. Und immer wenn Edith von ihrem Freund sprach, zog ich einen von ihnen aus der Tasche und gab ihr zu lesen, was meiner mir geschrieben hatte. Von hier an lässt mich meine Erinnerung im Stich. Ich denke, dass ich den Bogen überspannte, dass meine Phantasie mit mir durchging, ja, ich bin mir sicher, dass Edith mir irgendwann nicht mehr glaubte und ich mich zu schämen begann. Jedenfalls waren wir schon nicht mehr befreundet, als ihre Mutter starb. Die Schmach, die ich empfand, als ich ihr auf Geheiß meiner Eltern unsere Beileidswünsche überbringen musste, hätte nicht größer sein können. Ein Gang nach Canossa, bei dem ich ihr kaum in die Augen sehen konnte.

Diesmal war ich froh, als wir wenig später wieder umzogen. Mittlerweile hatte ich den Tick entwickelt, jeden Morgen mit dem Vorsatz aufzustehen, ein völliges neues Leben zu beginnen. Ein Spiel, das sich jetzt um die Dimension eines neuen Ortes erweitern ließ.

Der Priester dort hielt mir in seinem Beichtstuhl eine Strafpredigt, als ich ihm vertrauensselig versicherte, dass ich, obwohl meine letzte Beichte mehr als vier Wochen zurücklag, selbstverständlich die Kommunion empfangen hätte. Die mir zur Buße auferlegten 10 Gegrüßet-seist-du-Maria und 10 Vater-unser habe ich wohl noch ein letztes Mal gebetet, während ich mir gleichzeitig insgeheim schwor, nie wieder einen Beichtstuhl zu betreten.

Die gute Tikerscherk möge mir nun also verzeihen, dass ich keine sieben Geständnisse zuwege gebracht habe, das Stöckchen nicht ordnungsgemäß weiterreiche und mich am Ende auch noch als Spielverderberin oute. Es ist ja mal so: Beichten ist eine ernste Angelegenheit.

Five Years

Für Asallime: Hörst du drei oder vier Lieder mit mir?

Seine Tage waren schon immer gezählt. Nichtsdestotrotz hielt sich der Schuppen – jahrzehntelang – im Hinterhof eines sanierungsbedürftigen Altbaus. Bis sich am Ende doch noch ein Investor gefunden hat. Heute gibt es das Roxy nicht mehr. Time flies oder: Die Zeit geht nicht, sie stehet still, wir ziehen durch sie hin…

Zu einer Zeit jedenfalls, als mein Trommelfell noch nicht rebellierte, sobald die Bässe zu vibrieren begannen, zog es auch mich dorthin. Ich war neu in der Stadt. Ich kannte niemanden. Ich dachte, das wäre gut so. Jemanden kennen bedeutete, früher oder später etwas von mir preisgeben zu müssen. Die DJs trugen orangefarbene Overalls wie Gefallene aus einem anderen Orbit. Und erst viel später würde einer von ihnen mein Vorgesetzter sein. Ich habe mich immer gefragt, was aus seinem orangefarbenen Overall geworden ist. Ob er ihn einfach irgendwann abgestreift hat wie eine blutleere Haut oder an die Wand des stillen Kämmerleins genagelt, in dem er noch immer die alten Platten auflegt. Aber als ich dort im Roxy stand, unter jener Glasglocke, die ich nun schon eine ganze Weile mit mir herumschleppte und die, hartnäckig wie sie war, ihren Platz beanspruchte inmitten der Welt da draußen, hatte ich keine Ahnung, wie das Leben sich verlaufen oder, sagen wir, keinen Plan, wie sich das in letzter Minute vielleicht verhindern lassen konnte.

Ziellos ließ ich meine Blicke schweifen, bis sie eines Abends an jemandem hängenblieben, der aussah wie David Bowie, ja, in meiner Erinnerung hat er sogar diese beiden verschiedenfarbigen Augen. Von da an tauchte er immer wieder auf, wie aus dem Nichts, und war auch jedes Mal genau so plötzlich wieder verschwunden. Eine jener creatures of the night, bei denen ich mir nicht sicher bin, ob sie meinen Weg tatsächlich gekreuzt haben oder mir nur im Traum begegnet sind. Aber wenn er da war, konnte ich meine Augen nicht von ihm lassen, was mir im übrigen als vollkommen risikoloses Unterfangen vorkam, denn niemals nahm er auch nur irgendeine Notiz von mir.

Heute würde ich ihn als rauchblauen Engel mit einem grauen Flügelpaar malen, don’t think you knew you were in this song, oder als arroganten Schnösel, der sich heimlich genau daran weidete. Wie auch immer, sowohl das eine wie das andere sagt sicher mehr über mich als über die Erscheinung des Menschen, der gemeint ist.

Vielleicht wäre ich irgendwann sogar aus meiner Deckung gekommen, doch von einem Tag auf den anderen war er für immer verschwunden. Ich hatte keinen Namen, nichts. Ich habe ihn einfach nie wieder gesehen, und, um es mit Patrick Modiano zu sagen: Er wird ein Rätsel bleiben, wie so viele andere […] Gesichter, die wir für einen Augenblick entdecken und die in unserer Erinnerung leuchten mit dem Flimmern eines fernen Sterns, bevor sie am Tag unseres Todes erlöschen, ohne ihr Geheimnis preisgegeben zu haben.

And now, Ladies and Gentlemen:

 

Sich nicht aus der Hand geben

Beim Lesen des von Iris verlinkten Vorabdruckes eines Textes von Herta Müller in der Welt (aus dem Buch von Henriette Schroeder: Ein Hauch von Lippenstift für die Würde. Weiblichkeit in Zeiten großer Not.) fiel mir insbesondere eine Redewendung auf, die Herta Müller gleich zweimal gebraucht:

Als die Bedrohung ganz schlimm wurde, als es zu Verhören beim Geheimdienst kam und Freunde verhaftet wurden, habe ich besonderen Wert darauf gelegt, mich nicht aus der Hand zu geben. Schminken gehörte dazu. Ich wusste, wenn ich mich nicht mehr schminke, wenn mir das nicht mehr wichtig ist, dann habe ich mich aufgegeben. Ich habe mich auch geschminkt, wenn ich nicht zu einem Verhör ging. Aber wenn ich zu einem Verhör ging, vielleicht noch mehr…

Wenn man sich aus der Hand gibt, dann hat man natürlich keine Würde mehr. Eitelkeit ist vielleicht sogar übertriebene Würde. Oder Würde da, wo man sich etwas beweisen will, wo es nicht unbedingt sein müsste. Ich glaube, dass ich auch beweisen wollte, ich bin intakt. Dem Geheimdienstler, der mich verhörte, wollte ich damit sagen, du hast mich noch nicht fertiggemacht. Ich lass mich nicht unterkriegen. Mit Worten konnte man das ja nicht tun. Das tat dann die Kleidung…

Ein Foto von ihr, täte es an dieser Stelle auch. Um ihren Worten den gebührenden Ausdruck zu verleihen. Obwohl: Wenn etwas keiner Bilder bedarf, dann sind es Worte von Herta Müller. Sie erinnert mich an eine Englischlehrerin, die ich einst hatte. Meta Krupp. Immer, wenn sie vor uns stand, fiel sie den Spottdrosseln der Klasse zum Opfer. Ich mochte sie. Vermutlich weil ich hinter der harten, ja, stählernen Fassade eine beschädigte Frau sah. Und alles, was mit Verletzlichkeit zu tun hatte, zog und zieht mich unwiderstehlich an. Kein Bild von Herta Müller, also, sondern eines aus Cindy Shermans Fashion-Photo-Serie, das mir beim Lesen dieses Artikels in den Sinn kam: die Frau mit den zusammengeballten Fäusten. Dabei gibt es in Cindy Shermans Werk tausend und ein Bild, das an dieser Stelle stehen könnte. Ich habe noch vier ausgewählt aus verschiedenen aufeinander folgenden Schaffensperioden und in chronologischer Reihenfolge angeordnet:

Ich wollte mit diesen Bildern [Centerfolds] auf jeden Fall provozieren, aber es ging eher darum, Männer dazu zu bringen, ihre Annahmen zu überdenken, mit denen sie Bilder von Frauen betrachten. Ich dachte an eine Verletzlichkeit, bei der ein männlicher Betrachter sich unwohl fühlen würde, wie wenn man seine Tochter in einer verletzlichen Lage sieht. […] Mir ist erst später klar geworden, dass es eine Bandbreite von Interpretationen geben wird, die ich nicht kontrollieren kann, und auch nicht kontrollieren will, weil es das für mich interessant macht. Aber ich war verstört, dass man meine Absichten so missverstehen konnte, und deshalb versuchte ich sie in der nächsten Serie [Pink Robes and Fashion Photos] klarer darzulegen.

Cindy Sherman

In einem dieser Chick Flicks, den ich mir die Tage reinzog, steht Diane Lane an der Metzgertheke, und der Verkäufer will ihr statt der verlangten Hühnerbrust gleich ein ganzes Huhn andrehen, woraufhin die Gute ausflippt: „Hör’n Sie, ich bin geschieden, klar, ich esse für gewöhnlich allein, im Stehen, an der Spüle, ich brauche keinen Haufen Hühner!“ Ich weiß nicht genau, was die Szene mit diesem Beitrag zu tun hat, vielleicht, weil ich auch daran denken musste, als ich über Herta Müllers Formulierung „sich nicht aus der Hand geben“ stolperte. Und weil Cindy Shermans Frauenfiguren irgendwie so aussehen, als würden sie, aus welchen Gründen auch immer, für gewöhnlich allein essen, im Stehen, an der Spüle.

Wie kommt es nur, dass ich die Entfernung, die zwischen uns liegt, nicht spüre?

Was schreibst du ihr? Worte der Liebe, des Vermissens, der großen Versprechungen, die sich nie erfüllen, weil der, der verspricht, vergisst, dass die Dinge sich ständig ändern; dass nichts Bestand hat. Wie gern würde ich  sicher sein können, dass es anders ist, dass das, was ich als wirklich empfinde, auch von dir als wirklich empfunden wird!

Stefanie Schaefer, „Meditation über ein Bild von Gabriel Metsu“

In der Malerei gibt es die Lesenden wie Sand am Meer. Das Sujet macht aber noch lange kein Bild, wenn es nicht den Finger in eine Wunde hält.

Die Distanz könnte nicht größer sein zwischen der Dame des Hauses und ihrer Dienstmagd, die Rollenverteilung ist eindeutig. Und doch gibt es Hinweise auf eine heimliche Nähe. Über den verlorenen Schuh schweift mein Blick in einen Raum, in dem für einen Moment die Zeit stillzustehen scheint. Schön ist sie, die Dame, die den Brief in Händen hält wie ein filigranes Spitzentaschentuch. Als wäre er Teil der Handarbeit, die weiß und weich wie eine Schleppe an ihrem Kleid hinunter fließt. Die Worte haben ihr ein leises Lächeln auf die schmalen Lippen gezaubert. Die Carte Blanche zwischen den Fingern der Magd dagegen ist zwar nicht zu übersehen, doch bei näherer Inaugenscheinnahme dem Betrachter zugedacht: Auf ihr befindet sich die Signatur des Malers. Das Mädchen selber nutzt die Gunst der Stunde, einen Blick auf jenes Bild im Bild zu werfen, dessen Leinwand sich hinter einem giftig grünen Vorhang verbirgt und eine von Wind und Wetter gepeitschte Hohe See zeigt mit zwei ungleichen Schiffen im Kampf gegen die Elemente. Noch bevor ich erkennen kann, was sie sieht, empfinde ich eine Art Komplizenschaft.

Dann ist da noch der schiefe Spiegel über dem Kopf der Dame, der nur ein rudimentäres Bild vom Fenster an der Seitenwand zurückwirft. Als lauere draußen schon die Nacht. Je länger ich den Blick schweifen lasse, um so undurchschaubarer erscheint mir die Szenerie in diesem hellen Raum, und am Ende frage ich mich, in das gleißende Licht welcher Wahrheit der Maler ihn getaucht haben mag?

(Wer das Bild in starker Vergrößerung sehen will, folge diesem Link und verwende die Lupe.)

Durch Raum und Zeit

Das Bildnis vom schreibenden Erasmus hatte Helene Schjerfbeck im Louvre gesehen. Was sie wohl bewogen haben mag, es an die Wand der Stube mit den lesenden Mädchen zu hängen und damit auch den fortwährenden großen Dialog in der Malerei fortzuführen. Und welcher Lektüre die beiden sich dort in Gegenwart der Alten Meister so überaus aufmerksam widmen, bleibt ein Geheimnis für sich. Wie ein Sattel nicht zum Ochsen, so passt die Bildung nicht zur Frau, diesen Satz legte der Humanist von Rotterdam in „Der Abt Antonius besucht Magdalia“ dem Abt in den Mund. Und lächelte dabei vielleicht so erasmisch wie auf Holbeins Portrait. Ein X für ein U lassen sich Schjerfbecks Lesende jedenfalls, wie es aussieht, nicht vormachen.

Displacement in Time

What might have been and what has been
Point to one end, which is always present.

T. S. Eliot, “Burnt Norton” (No. 1 of “Four Quartets”)

Immer noch bin ich auf der Suche nach meiner Lieblingsmalerin. Als mir diese Woche Helene Schjerfbecks Schneiderin begegnete, wurde mir wieder bewusst, wie sehr ich die finnische Künstlerin mag. Auf diese in einer Schaukelbewegung erstarrte Frau, deren Handwerkszeug ihr von der Taille baumelt wie ein loser Faden, trifft in meinen Augen zu, was Bianca Brunner über ihre Arbeit „Limbo“ sagt: Erinnerung ist auch an Bewegung geknüpft. Und wenn diese latent schwelenden Bilder in einer bestimmten Bewegung plötzlich aufflackern, können sie einen Riss in die Gegenwart brennen. Vielleicht auch den Vorhang durchtrennen, der manchmal so schwer zwischen den Zeitkorridoren lastet.

Kafka und ich

Ich will doch nur spielen
Ich will doch nur spielen

Beide kamen wir in diesen Tagen unters Messer. Kafka und ich. Für ihn war der Eingriff sicher einschneidender. Er wurde kastriert. Obwohl er naturgemäß nicht wusste, wie ihm geschieht. Nun ja: Watt mutt, dat mutt. Was zwar auch für mich galt, aber die meiste Angst hatte ich vor der Narkose. Ich gebe die Zügel nur ungern aus der Hand. Du könntest mein Sohn sein, dachte ich, während der Anästhesist sich bemühte, meinen flackernden Blick mit seinen dunklen Augen über dem hellen Mundschutz auf sich zu ziehen. Das machte er gut. Der russische Akzent, der seinerseits etwas sehr Väterliches hatte, tat ein Übriges zu meiner Beruhigung. Seine letzten Worte waren „Tief ein- und ausatmen… ganz tief einatmen… und wieder ausatmen“, dann reißt der Film. Faszinierend. Wie das Skalpell mit einem einzigen glatten sauberen Schnitt auch ein Stück Lebenszeit entfernt.

Als ich die Augen zum ersten Mal wieder aufschlage, tätschelt der Operateur mein Bein. „Alles gut“, flüstert er mir zu. Beim zweiten Mal beugt sich der junge Anästhesist, der mein Sohn sein könnte, über mich. „Ah, ohne Mundschutz“, meine Stimme klingt wie von fern, „auch gut“, seufze ich und beschließe, noch eine Weile zu schlafen. Jegliches Zeitgefühl ist mir abhanden gekommen. Erst als ich zur Toilette muss, geht plötzlich alles ganz schnell. Kaffee und Kekse sind köstlich, in der Tat, alles gut. Bald darauf werde ich in die Obhut meiner Schwester entlassen.

Für Kafka war in weniger als einer halben Stunde alles vorbei. Wie tot lag er da, mit weit geöffneten Augen und so leblos, dass ich ihm die Hand auflegte, um seinem Atem nachzuspüren. „Sehen Sie nur, er ist ganz entspannt“, versicherte mir die Ärztin mit ihrem vertraut klingenden südamerikanischen Akzent. Im Gegensatz zu mir hatte er dann aber mit den Nachwirkungen der Narkose zu kämpfen und verbrachte den Rest des Tages als Häuflein Elend auf meinem Schoß. Nur wenn ihm wieder schlecht wurde, schleppte er sich ein ums andere Mal brav ins Badezimmer, um sich dort auf den kalten weißen Fliesen ganz erbärmlich zu erbrechen. Seitdem haben wir ein noch innigeres Verhältnis zueinander, Kafka und ich.

Der König in seinem Exil, denke ich manchmal, wenn er, wie jetzt, eingerollt wie ein Wüstenfuchs auf meinem Schoß liegt. Ob er einen Artgenossen neben sich akzeptieren würde? Seit dem Auszug meines Sohnes trage ich mich nämlich mit dem Gedanken, noch eine Katze in meine Obhut zu nehmen. „Oh, nein, Frau S., bitte nicht, Sie werden sonst noch so eine Katzenfrau“, meinte ein Freund meines Sohnes mit unverhohlenem Entsetzen.

So eine Katzenfrau, so so. Ich schätze, das bin ich schon.

In eigener Sache

Ernst Haas, "Ohne Titel"
Ernst Haas, „Ohne Titel“

Das Netz ist für mich zu einem wesentlichen Teil ein Internet der Bilder. Dessen Flut schlägt manchmal über meinem Kopf zusammen wie ein Tsunami. In letzter Zeit war ich etliche Male kurz davor, mein Blog zu schließen. Weil ich nicht mehr wusste, ob ich damit lediglich eine Lücke fülle oder aufreiße. Der Mangel an kulturellem Leben in der kleinen Stadt, in der ich nun schon so lange gestrandet bin, erzeugt viel zu oft eine Art von Langeweile, die mich in die Flucht schlägt und in die Fänge des Netzes treibt, wo das Leben der anderen mir um vieles interessanter erscheint als mein eigenes. Ich frage mich, ob der Verlust an Realität, der damit einher geht, nicht schwerer wiegt als der Ausgleich, den ich mir damit für fehlendes eigenes Erleben schaffe. Ein Kommentar von Iris erinnerte mich an das englische Window = Windauge und daran, dass in vielen Kulturen früher beim Tod eines Menschen die Fenster geöffnet wurden, um die Seele nicht am Entweichen zu hindern. Ein Grund, weshalb Fenster auch Fluglöcher der Seele genannt wurden. Ein schönes Bild. In diesem Zusammenhang begegnete mir die Aufnahme eines niederländischen Fotografen, ein echtes Windauge, an dem ich mich heute gar nicht satt sehen konnte und zu dem mir eines meiner Lieblingsstücke nun auch nicht mehr aus dem Kopf geht: Am Fenster… Für das Stück siehe hier. Für das erwähnte Foto siehe den nachfolgenden Beitrag. Wer mag.

In a Wilderness of Mirrors II

Väter, die mit ihren Kindern spazieren gehen; in Anlehnung an einen Schlager aus jener Zeit, deren Tage des Herrn ich als dem Vater vorbehalten erinnere, könnte die Überschrift hier auch lauten: Immer wieder sonntags…

Ein Zitat des amerikanischen Fotografen Ralph Gibson trifft es vielleicht noch besser:

It felt as if one’s entire world was one, long Sunday afternoon. Nothing to do. Nowhere to go.

Ralph Gibson

Schwerelos

Schwerelos wie Luftschlangen kräuseln sich die Rauchfähnchen aus den Kaminen in den Feiertagshimmel. Wieder eine volle Arbeitswoche geschafft, für die der Mondkalender das folgende Motto ausgegeben hatte:

…Bitte machen Sie am Schreibtisch Dehnübungen, mindestens einmal pro Stunde, stehen Sie öfters auf, gehen Sie an die frische Luft, tanzen Sie!

Isabella Berr, "Schwerelos"
Isabella Berr, „Schwerelos“

In regelmäßigen Abständen das Tanzbein durchs Großraumbüro geschwungen, und kein Kollege würde früher oder später noch Notiz von einem nehmen. Ein Creep müsste man sein, ein Weirdo. Keinen Pfifferling d’rauf geben, was die Leute von einem denken. Frau F. beispielsweise. Sie steht manchmal wie eine Schlafwandlerin plötzlich am Fenster und nimmt sich die Freiheit, den Blick über die Gleise schweifen zu lassen, als hinge sie in Gedanken tausend und einer verpassten Gelegenheit nach. Vielleicht sind die Gestade ihrer heimlichen Träume mit der Zeit auch in so weite Ferne gerückt, dass sie deren Ufer bereits aus den Augen verloren hat. Vielleicht ist es nur das Donnern des durchrasenden Schnellzuges, welches das Rattern der Rechenwerke immer noch zu übertönen vermag und das sie lediglich in ihrer Konzentration stört. Nicht mehr und nicht weniger, als es das Geplapper der Seniorchefin tut oder eine meiner Zwischenfragen hin und wieder. Dann erhebt sie sich, geht ans Fenster und steht dort minutenlang und schaut angestrengt hinaus in die unendlichen Weiten des Weltraums.

Neben dem Kopierer steht ein Papierkorb. Einer für alle. Alles was nicht in den Reißwolf muss, werfen alle dahinein. Ein zinnfarbenes Behältnis mit Deckel auf einem der Schreibtische gibt es auch. In das gehört, was nicht Papier ist. Heftklammern und so. Aber ein Apfelbutzen, ich wüsste nicht wohin damit. Auch in der Toilette gibt es keinen Abfalleimer. Keine Ahnung, wie das die anderen Frauen machen. Ich will auch nicht fragen, wie verfahren Sie eigentlich mit Ihren Tampons, Frau F., da versenke ich sie doch lieber stillschweigend in der Kanalisation. Jedenfalls fischte ich aus besagtem Papierkorb neben dem Kopierer Anfang der Woche eine Ansichtskarte. Sie zeigt einen italienischen Himmel über einer malerischen hügeligen Landschaft. Auf einem dieser Hügel liegt ein Gehöft. Ein Gehöft in Umbrien. Was sich systemisch über das Gefälle des Hügels erstreckt, sieht aus wie ein Olivenhain. Das Bild liegt jetzt auf meinem Schreibtisch und soll mich daran erinnern, wenigstens ab und zu den Blick schweifen zu lassen, wenn ich schon nicht Creep oder Weirdo genug bin, durchs Großraumbüro zu tanzen.

Bewegung verschaffe ich mir morgens, mittags und abends. Mehr ist nicht drin als die paar Stechschritte über den Stadtplatz auf dem Weg zwischen Arbeit und Zuhause. Golden Years, denke ich, wenn die Zeiger der Stadtturmuhr im Licht der auf- oder untergehenden Sonne erstrahlen wie wertvollstes Geschmeide am Halse einer wohlhabenden Frau. Wenn ich für ein paar Augenblicke am Tag das Gefühl habe, dass die Zeit nicht an diesen zwei Zeigern klebt sondern der Moment bis zum Sprung auf die nächste Ziffer mir gehört und nichts mit der Rechnung zu tun hat, die immer ein vermeintlich anderer für einen aufgestellt zu haben scheint. Oder All on a misty morning, wenn der Nebel am Morgen nicht feucht sondern sandig wirkt wie Wüstenstaub, in dessen pudrigem Medium die Silhouetten schweben wie Fata Morganen am Horizont. Mittags sitze ich für 20 Minuten in meiner Küche und versuche mir ins Gedächtnis zu rufen, wer ich bin und dass bald Feierabend ist und ich dann für ein paar Stunden vielleicht vergessen kann, wie anstrengend es ist, sich nicht zu verlieren.

Jetzt herrscht Puppenruhe. In einen Kokon aus seidigem Wolkengarn spinnt sich am Himmel der Mond, und am Boden des Stundenglases häufen sich stumm die Minuten.

Die Tage traf ich meine Tochter im Supermarkt. Zwischen zwei Regalreihen kam sie mir plötzlich entgegen und sah mich an mit einem Blick, der dem ihres Vaters wie aus den Augen geschnitzt war. Ernst und verschleiert, als hätte er zu verbergen, was ihm schon alles untergekommen sei im Leben. Derselbe Blick, den mir L. zugeworfen hatte, als er mich zum letzten Mal ansah, dachte ich. Nur dass seiner in dem Moment schon kurz davor war, zu brechen.

Keine Rückschau im Leben sollte wesentlicher sein als das Leben selbst.

Loseblattsammlung

LoseblattsammlungSanfte Brise aus der Bibliothek des Baches, sein leises Murmeln im Ohr. So geheimnisvoll, dass ich es nicht entschlüsseln kann. Langsam fallen die Blätter wie lose Seiten aus einem Buch. Taumeln beschwipst im lauen Oktoberwind, rascheln unter jedem Schritt. Ein verworfenes Manuskript. Seine Schrift verblasst im Sonnenglast, das Murmeln verklingt. Zieht sich zurück wie ein ganzes Meer bei Ebbe. Nur mitten in der Bibliothek des Baches die Loseblattsammlung, geborgen von Strömung und Schatten.

Das Fähnchen hoch halten

Bubble BathMeine Schwester badet nicht.

Sie vermachte mir kürzlich diverse Tütchen der tetesept Sinnensalze des Jahres “Zeit für Dich” sowie ein kleines Nackenkissen für die Wanne.

Sehen Sie die harmonische Farbe von hellem Rosé.

Riechen Sie den blumig-leichten Duft mit Hibiskus und weißem Tee.

Reimt sich sogar. Außerdem sind diese Sinnensalze frei von allem möglichen. Frei von Farbstoffen sind sie offensichtlich nicht.

Schon vorgestern tauchte ich meinen Körper in die hochgebaute Wanne voll warmen Wassers mit Meersalz und einer Kombination ätherischer Öle aus Orange, Mandarine, Lavendel sowie Limette und ließ den Kopf ins Nackenkissen sinken. Dabei schwebte mir das in Entwicklerflüssigkeit schwimmende latente Bild eines belichteten Films vor Augen, das in der Fotoemulsion allmählich sichtbar werden würde. Wie vom Rotlicht einer Dunkelkammerleuchte bestrahlt glühte das Wasser in einem tiefen Orangerot und verstärkte die Illusion, es ließe sich darin tatsächlich ein Entwicklungsfortschritt in statu nascendi beobachten. Kein schlechtes Setting für einen Psychothriller, dachte ich.

Gleichzeitig bildete die intensive Farbe einen wohltuenden Kontrast zur nebelverhangenen Außenwelt.

Heute badete ich also in Hibiskus und weißem Tee, der sich aber nicht wie angekündigt als helles Rosé entpuppte sondern himbeerrot wie die gute alte AHOJ-BRAUSE in der Wanne sprudelte. Und wie der Matrose sein Frigeo-Fähnchen, so hielt ich das Lesebändchen meiner Lektüre hoch, um Virginia Woolf vor einem zweiten Tod durch Ertrinken zu bewahren.

Wenn ich lese, läuft ein purpurfarbener Rand um die schwarze Kante des Schulbuchs. Doch kann ich keinem Wort durch seine Abwandlungen folgen. Ich kann keinem Gedanken aus der Gegenwart in die Vergangenheit folgen. Ich stehe nicht verloren herum, wie Susan, mit Tränen in den Augen, wenn ich mich an zu Hause erinnere; noch liege ich, wie Rhoda, zerknittert unter den Farnkräutern und mache grüne Flecken auf mein rosa Baumwollkleid, während ich von Pflanzen träume, die unter der Meeresoberfläche blühen, und von Felsen, zwischen denen gemächlich die Fische dahinschwimmen. Ich träume nicht.

So schwebt durch Traum und Wachen hin die Welle, heißt es bei Tieck. Ja. So schwebt sie hin… und in einer Endlosschleife Louise and the Pins mit ihrem „Bell Jar“.

Only Child

Greg Sand, "Only Child" (aus der Serie "Snapshots")
Greg Sand, „Only Child“
(aus der Serie „Snapshots“)

„Ich lese gleichzeitig: das wird sein und das ist gewesen; mit Schrecken gewahre ich eine vollendete Zukunft, deren Einsatz der Tod ist. Indem die Photographie mir die vollendete Vergangenheit der Pose (den Aorist) darbietet, setzt sie für mich den Tod in die Zukunft. Was mich besticht, ist die Entdeckung dieser Gleichwertigkeit. Das Kinderphoto meiner Mutter vor Augen, sage ich mir: sie wird sterben: ich erschauere wie der Psychotiker bei Winnicott vor einer Katastrophe, die bereits stattgefunden hat. Gleichviel, ob das Subjekt, das sie erfährt, schon tot ist oder nicht, ist jegliche Photographie diese Katastrophe.“

Roland Barthes, „Die helle Kammer“

Das Zitat von Roland Barthes hat Greg Sand im Kopf, wenn er alte Fotografien betrachtet, deren Portraitierte lange schon nicht mehr leben. Aus diesem Grund bearbeitet er in der Mehrzahl auf Flohmärkten und in Nachlässen aufgelesene Bilder. „Snapshots deals with my struggle to reconcile reality, perception, time, and death. These personal anxieties manifest themselves in old family snapshots – the mementos of past times and lives.“ Der Schnappschuss eines „Einzigen Kindes“ hat mich ganz besonders berührt. Wie ein Déja-vu. Als hätte ich genau dieselbe Situation schon einmal erlebt.

In the ponds broken off from the sky

(Ich gebe zu, die Übersetzung gefällt mir besser als das Original.)

Während Twomblys Schriftbild bereits zu verblassen droht, scheint das Wort fishes mit einer Strömung zu schwimmen und im Begriff, von ihr aus dem Bild getragen zu werden. Im Gegensatz dazu das saftige Grün der Pflanzen, die den kleinen Teich schon fast völlig überwuchert haben… in the ponds broken off from the sky my falling sinks. Auch der Mythos von Narziss, dessen Identiät vom eigenen Spiegelbild verschluckt wird, mag hier noch irgendwo zwischen den Zeilen lauern. Und der Betrachter steht zögernd irgendwo auf der Schwelle zwischen Wort und Bild…

Gedankenranken

Himbeere
Himbeere

Um Himbeeren, Sprechblasen, Spruchbänder und Erdbeeren. Der Auslöser war ein Gedicht. Das Gedicht folgt im Anschluss.

Die Fähigkeit, aus dem eigenen Speichel Blasen zu bilden, ist Teil der sprachlichen Entwicklung des Menschen. Bevor das erste Wort seine Lippen verlässt, müssen sämtliche Sprechwerkzeuge aufeinander abgestimmt werden. Spitting bubbles ist eine der kleinstkindlichen Übungen, um die Bewegungen des Mundes koordiniert zu bekommen. Erwachsene haben diese Fähigkeit insofern verfeinert, als sie den Speichel nach bestem Vermögen durch die reine Atemluft ersetzen. Blowing raspberries nennt sich das auf Englisch. Mütter und Väter tun es gerne auf den nackten Bäuchen ihrer Babys:

Enge Grünlippmuschel Himbeer Mund spucken; Komödie Küsse, Lippen klatscht, Himbeeren & Pfeifen.

So lautet die Beschreibung der sich dahinter verbergenden Sounddatei. Der geneigte Leser klicke also auf den Link, um zu hören, wovon hier die Rede ist.

In diesem Zusammenhang fiel mir auf, dass ich die Sprechblase bislang vollkommen vernachlässigt habe. Dabei wurde schon im Mittelalter Gesprochenes auf Gemälden und Druckgrafiken durch flatternde Bänder (Spruchbänder) angedeutet.

Venus steckt in allen Frauen, meint der Kunsthistoriker Professor Eberhard König zum Liebeszauber eines unbekannten niederrheinischen Meisters. Es lässt sich also nicht genau sagen, ob eine heidnische Göttin, eine gute Fee oder nur ein einfaches Mädchen vom Niederrhein das riesige Herz beträufelt, das in einer eigens dafür vorgesehen Schatulle ruht. Versonnen blickt die Frau auf ihr magisches Werk, während in ihrem Rücken ein junger Mann den Raum betritt. Der Meister selbst mag gespürt haben, dass seine Kunst dem Anspruch nicht genügen wollte, nämlich das eigentlich Gemeinte adäquat auszudrücken. Vielleicht lässt er deshalb die Frau und den Mann in ihrem Rücken selber zu Wort kommen und ihre Sätze als geschwungene Spruchbänder durch den Raum ziehen. Sogar der Hund und das in der Schatulle geborgene, gefangene, versteckte oder prunkende Herz haben etwas zu sagen. Das Herz aber scheint jene Erdbeere zu sein, die im Garten der Lüste von Hieronymus Bosch wahrscheinlich schon längst zu einem allgegenwärtigen Motiv der Wollust geworden ist…
Aus Babeltrack

auf einer insel sitzen, ein kind haben, kindhaben
das gegenteil von verinselung, nämlich archipel werden, die
ränder schwemmen auf, werden durchlässig, bilden neue
festländer für versorgungen – fähren unterwegs bis in den
morgen, ziehen milchbahnen hinter sich her, milchbahnen
und fransige schlafbänder, so dass auch die festländer
wieder dösen, sich lösen von allem, und in der sprach der
insel macht es war, in der sprache des kindes macht es
noch sauglaut, bald sprachlaut, in der schnipselsprache
der mittendrin tippenden schlagen blasen, werden sachen
aufgelesen, steht in einer blase jakobson, sagt: die kinder
mit ihren wilden lauten, mit dem ersten blustern lallen,
sind sie in der lage, alle denklichen laute aller sprachen zu
erzeugen, blase steigt auf, welche sie dann vergessen, blase
schwebt bedeutungsschwanger überm Mittag, wenn sie ihre
muttersprache lernen, platzt

Uljana Wolf, aus: „Meine schönste Lengevitch“

Notiz an die Mützenfalterin: Tausend Dank fürs Auflesen und zu mir Herüberschweben lassen…

Hundstage (In Gedanken)

Like a knife in a mango, Autumn slices Summer.

Ich esse keine Flugfrüchte. Weder Mangos noch andere Exotica. Ich weiß also überhaupt nicht, wie es sich anfühlt, wenn des Messers Schneide in die Mango fährt. Wie es sich anfühlt, wenn der Herbst den Sommer filettiert durchaus.

Es war einmal… in the dog days of summer as muslin curls on its own heat and crickets cry in the black walnut tree.

Musselin. Ein lockerer, feinfädiger und glatter Stoff, der wegen der ursprünglich verwendeten orientalischen Muster nach der Stadt Mosul im heutigen Nordirak benannt ist und aus Baumwolle oder Wolle in Leinwandbindung gewebt wird, schreibt Wikipedia. Ich erinnere mich nicht, Musselin jemals auf einem Label gelesen zu haben. Seit es Chemiefasern gibt, seit Anfang des 20. Jahrhunderts, heißt es Viskose. Die Blütezeit des Musselin liegt lange zurück. Ende 18./Beginn 19. Jahrhundert. Erkältungskrankheiten wurden damals als Musselinkrankheit bezeichnet, weil viele Frauen die während des Empire und Directoir beliebte Mode à la Grecque auch im Winter trugen.

Bei Musselin denke ich an französische Filme, die typische akustische Melange aus zirpenden Grillen und rauschenden Blätterkronen im Wind und natürlich an weibliche Protagonistinnen in klitzeklein geblümten Sommerkleidern. Musselin ist der Stoff aus dem meine flirrendsten Hitzeträume gewebt sind.

Für die Jahreszeit [und für Musselin] zu kalt, verkündet der Wetterprophet. Von Hundstagen keine Spur.

Bei Hundstagen denke ich an Himbeeren. Die esse ich schon. Sofern sie aus heimischen Gärten stammen. Im Moment werden sie in kleinen Schälchen auf dem Wochenmarkt feilgeboten. Hundstage hin oder her. Ich würde sie auch in rauen Mengen verschlingen, allein: In rauen Mengen sind sie unerschwinglich. Himbeeren wecken Kindheitserinnerungen. Wie Wildtauben. Wildtauben + Himbeeren = Hundstage.

Ich im türkisfarbenen NylonnachthemdHundstage. Als wir den lieben Gott noch ungeniert um schönes Wetter baten, wenn es an einem von ihnen ausnahmsweise einmal regnete. Mit gefalteten Händen und flehenden Blicken gen Himmel. Es dauerte nie lange, und der Herr ließ sein Angesicht leuchten über uns, während sich zu unseren Füßen der Märchengarten erstreckte und weit über unsere Köpfe hinausragte. Das Gurren der Wildtauben betörte uns wie ein vieldeutiges Versprechen aus seinen tiefsten Tiefen. In rosa- und türkisfarbenen Nylongewändern [in Wahrheit handelte es sich natürlich um allerfeinstes Gewebe à la Musselin] wandelten wir darin wie Prinzessinnen aus Tausend und einer Nacht. Nur manchmal verfing sich die eine oder andere Spitze in den Ranken der mannshohen Himbeersträucher, und die Lust am Abenteuer strandete in den hohen Gassen eines gefühlten Labyrinths. Aber der Rote Faden war immer das Gurren der Wildtauben. Wie eine Zauberformel beschwört es noch heute den Sommer herauf. Den Sommer und wir mittendrin.

Dahin dahin. Um ihnen dennoch zu huldigen, den Hundstagen, die keine sind, kaufe ich ein Schälchen Himbeeren. Meine Suche nach einem schönen Bell Jar blieb für heute erfolglos. Scheint wohl gerade nicht in zu sein. Schade. Mir schwebten da nämlich ein paar Aufnahmen vor… Himbeeren an Taubenfeder auf Musselin. Andere werden folgen.

Die Fünfte Jahreszeit

Um leblose Erlebnisse kam ich am besten herum, wenn ich still irgendwo saß, ein Haus oder eine Wand anschaute und dabei, zum Beispiel, dem kindischen Lärm eines fernen Rummelplatzes zuhörte.

Wilhelm Genazino, aus den Notizbüchern von Sätze&Schätze

Rummelplatz
Rummelplatz

Seit einer Woche tost in unserer Kleinen Stadt nun schon die Fünfte Jahreszeit. Irgendwie kann man sich ihr kaum entziehen. Die zum Festplatz pilgernden Heerscharen sind allgegenwärtig. Entweder du gesellst dich zu ihnen oder sitzt still irgendwo an der Peripherie und lauschst ihren Hymnen.

Der geneigte Leser imaginiere an dieser Stelle eine Kakophonie aus einschlägigen Tonspuren. Das Sausen und Brausen der Schleudersitze über dem Inferno, das Kreischen der darin baumelnden Armen Seelen und den Lobgesang Wolfgang Petrys auf den Wahnsinn und die Hölle Hölle Hölle.

Wie auch immer. Hörst du lange genug hin, tut sich irgendwann das Auge dieses Feuersturms auf. Und: Wenn du lange genug in seinen Abgrund blickst, blickt der Abgrund irgendwann auch in dich hinein.

Mit der Schwester also an der Peripherie dieses Abgrunds gesessen und – ein bisschen trunken vom mitgeführten Wein – den Blick vorsichtshalber nur ins heilignüchterne Wasser getunkt. Wohin die eine Hälfte unserer Leben entschwunden ist, erscheint in seinem Spiegel ebenso ungewiss wie das, was die andere noch zu bringen gedenkt. Beide wirken in unendliche Fernen gerückt. Nur unser Lachen schwingt sich auf, und weht wie ein Fähnlein im Wind über all das hinweg. Bis hierher und nicht weiter. Weiter wollen wir gar nicht wissen von uns und für den Moment.

Ach, ist doch alles eins, hätte unsere Großmutter jetzt gesagt und dabei mindestens so schallend gelacht wie wir.

Silence has no wings

Kazuo Kuroki, "Silence has no wings" (Film Still, 1966)
Kazuo Kuroki, „Silence has no wings“
(Film Still, 1966)

Erst ein Tag Urlaub und schon zur Nachteule mutiert. Das stört mich so am Arbeitsleben, permanent gegen die eigene innere Uhr ankämpfen zu müssen. Nun plötzlich Zeit. Auch Kafka ist aus dem Häuschen, weil er nicht mit den Hühnern ins Körbchen muss. Weil auch ihm das Fell gezaust wird, wenn ich mir das Haar kämme.

Gestern gegen Mitternacht den Fernseher eingeschaltet und in einem japanischen Film gelandet. Obwohl ich die Geschichte nicht kannte, im Abspann meine Vermutung bestätigt gefunden, dass es sich nur um eine Haruki-Murakami-Verfilmung handeln konnte. Naokos Lächeln. Im Original Norwegian Wood, vom vietnamesischen Regisseur Anh Hung Tran. Gegen Ende, und der Film hatte Überlänge, wurde es ein wenig qualvoll, aber da konnte ich mich schon nicht mehr trennen von den intimen, gemäldegleichen Bildern.

Vordergründig handelt Naokos Lächeln von Liebe, in leisen Zwischentönen erzählt der Film aber von der Unbestimmtheit all dessen, was wir die großen Gefühle nennen. Der Tod ist gewiss, alles andere Utopie. Keine Alternative. Zwischen Nichts und Schmerz wähle ich Schmerz, sagte William Faulkner. Vor dieser Wahl stehen auch Trans Figuren. Er selber sagt: Im Leid kann sich Schönheit verbergen. Und hat eine Sprache gefunden, diese Schönheit zu zeigen.

And when I awoke I was alone
This bird had flown
So I lit a fire
Isn’t it good Norwegian Wood?

Neben diesem Stück der Beatles spielt der Tod natürlich eine Hauptrolle. Eine um die andere Jahreszeit vergeht, wir werden älter, nur die Toten nicht, heißt es am Ende.

In Filmen regnet es immer so schön. Auch in diesem. Heute kaufte ich mir einen türkisfarbenen Regenschirm und machte einen Spaziergang zum Friedhof. Es ist August. Ein Todestag jährt sich. Ich denke an die Durchsage des Bahnhofssprechers: „Ein Zug fährt durch.“ Tatsächlich liegt der Friedhof hier an der Bahnlinie. Das Geräusch des vorbeifahrenden Zuges ging mir damals durch Mark und Bein. Heute dachte ich, Reisende kann man nicht aufhalten. Vögel, Schmetterlinge, Engel muss man irgendwann loslassen…

…in meinen heimlichsten Träumen behalten
werde ich immer das Flügelfalten
das wie eine weiße Zypresse
hinter ihm stand …

Dieser Murakami wird wohl meine Urlaubslektüre werden.

Ein Goldfisch namens Mensch

Michiko Makino, aus der "Tokyo Kingyo"-Serie (seit Oktober 2013)
Michiko Makino, aus der „Tokyo Kingyo“-Serie (seit Oktober 2013)

Michiko Makinos Bilder sind wie offene Glaskugeln, in denen sie die Sphären von Goldfischen und Menschen mixt. So verschieden diese auch sein mögen – ein Zierfisch hat vermutlich überhaupt keine Vorstellung von einem Leben jenseits des Zimmeraquariums – mit der Wahrnehmung von Welten, die über das hinaus gehen, was wir unsere eigene nennen, tut sich auch der wissende Mensch immer noch verdammt schwer…

Liebes Tagebuch

Time, my twin, take me by hand
through the streets of your city;
my days, your pigeons, are fighting for crumbs –

Ilya Kaminsky, aus „Praise“

Liebes Tagebuch, ich übe mich in Gelassenheit. Vermutlich beschreibt der Riss in der Karte doch das eigentliche Stück des Weges. Oder: Just another crumb in einem Leben, das mich von den vermeintlich wichtigen Dingen abhält? Auf dem Fußballrasen gedeihen denkwürdige Bilder. Das eines im Hexenkessel des Riesen von Pampulha auf die Knie gefallenen Luiz Gustavo zum Beispiel, sein Gesicht, wie alles, was es noch in die Waagschale zu werfen gilt, in beide Hände gelegt, versenkt in ein Stoßgebet, als ginge es um sein Leben. Schade, dass es scheinbar niemand für wert befand, genau in diesem Moment einen Auslöser zu betätigen.

Liebes Tagebuch

Liebes Tagebuch, Fronleichnam 2014. Es hat mich Überwindung gekostet.

H. heute zum ersten Mal im Pflegeheim besucht.

Ein Häuflein Mensch, und gleichzeitig liegt da der harte Kern dessen, der er einmal war. Spitze Knochen unter weicher Haut. Und der Mund eines Kindes, der jedes Wort nachspricht. Über das ein oder andere lange nicht gehörte scheint er sich zu freuen. Dreht und wendet es, während vieles, was er selbst zu formulieren versucht, bis zur Unkenntlichkeit verzerrt ist.

Am Ende bleibt eine verbogene Leitplanke.

Die Schwester nimmt kein Blatt vor den Mund. Ein Bewohner in ähnlicher Lage ist kürzlich verstorben. Ein Segen. H. fällt ihr mit seiner Antwort überraschend klar und deutlich ins Wort: Lasst sie doch alle noch ein wenig leben!

Wer sind wir, ein Urteil zu fällen, wann es das wert ist. Hehre Gedanken werden manchmal im selben Moment ad absurdum geführt. Das Leben selbst behält sein Geheimnis für sich. Bis zum Schluss.

Ich denke an die Zeilen von Helma Sanders-Brahms:

Leinen,

Handgewebtes Leinen, das den ganzen Winter über nach Sommer duftet.
Rau ist es am Körper, wie eine feine Massage bei jeder Bewegung, damit das Blut des Schläfers lebendig bleibt, während er in seinen Träumen den Himmel sucht.
In den Schränken früher die Rollen, aus denen Laken und Betttücher geschnitten wurden, auch die für den letzten Gang.

So war das einmal.

Liebes Tagebuch

Liebes Tagebuch, dir kann ich’s erzählen. Gestern beim Abspülen geschah etwas Merkwürdiges: Plötzlich hatte ich diesen eigenartigen Geruch in der Nase, und im selben Moment fiel mir ein Traum aus der Nacht zuvor ein, wobei… der Inhalt ließ sich partout nicht ins Gedächtnis zurückrufen, wohl aber der Mensch, um den er sich drehte und der im Traum diesen Geruch verströmte. Wir kamen dereinst während einer Zugfahrt ins Gespräch, und es entspann sich ein wirklich anregender Dialog über unsere beruflichen und familiären Lebenssituationen. Er, Lehrer und Musiker, und ich, mit Zahlen und Recht und Gesetz jonglierend. Und als er merkte, dass ich damit alles andere als glücklich war, hielt er ein sehr charmantes Plädoyer über Sinn und Zweck dieser meiner Profession. Fast so als könne Musik machen letztlich jeder, mit Zahlen und Recht und Gesetz jonglieren dagegen nur wenige. Jedenfalls brachte mich sein Esprit zum Lachen, gleichzeitig gab er mir keinen Grund, die Ernsthaftigkeit seiner Rede an irgendeiner Stelle in Zweifel zu ziehen. Kurzum: Diese Begegnung ist mir bis heute in sehr angenehmer Erinnerung geblieben. Nur der Traum verheißt nichts Gutes: Der Geruch, den ich gestern beim Abspülen plötzlich in der Nase hatte, kündete von Krankheit und Verwesung und hinterlässt im Nachgang ein Gefühl der Beunruhigung. (Ich kann nicht aufhören, mich mittelmäßig, zufallsbedingt, sterblich zu fühlen.) Auch oder vor allem weil die olfaktorische Wahrnehmung so unheimlich und intensiv war.

Liebes Tagebuch

Liebes Tagebuch,

so sagt man doch, oder? Doch, ja. Ich denke, ja.

Alles aufschreiben, so, wie man es wahrgenommen hat.

Damit man sich erinnern kann. Später.

Aber was, wenn es nichts mehr zu schreiben gibt?

Manche Menschen verliert man für immer.

Manche Menschen sind leicht zu finden…

Jan Costin Wagner, „Das Licht in einem dunklen Haus“


Phänomenal. Ein Kimmo-Joentaa-Roman besser als der andere.

Und sonst?

Liebes Tagebuch, ja, so sagt man. Dir brauche ich nichts vorzumachen. Die Glücklichen verkünden die Frohe Botschaft, die Einsamen schweigen sich aus. Erkenne dich selbst. Ein süßer See. Darin das Licht. Der Blick über den Glasrand. Wohin du auch siehst: Täuschung – Irrtum. Erdbeerfelder. Oder etwas das du mit dem Irrtum verwechselst? Ein Leben lang. Und die Einsamen. Gegenseitig erkennen sie sich blind.

Selfie or not

Smelly Cat
Smelly Cat

Zufällig passend zu Achims Post The Fear of the Self Portrait einen interessanten Artikel im National Geographic gelesen: The Un-Selfie: Taking Back the Self-Portrait.

Daraus das Zitat von Felicia Simion:

At one point, the self-portrait became more than just a portrait of myself. I started to look beyond what I saw inside the mirror, searching for my one and only identity. I noticed that while trying to showcase our multiple selves, we tend to peril our individuality, and it becomes more and more difficult to embrace our uniqueness. I called these multiple selves “shadows.” Doppelgängers. Perhaps things we want to be but we’re not.

Perhaps things we want to be but we’re not. Vielleicht auch Dinge, die wir gerne aus unserem Selbstbild verdrängen.

Augenpaare

Mag sein, die beiden Bilder erwecken einen eigenartigen Gesamteindruck.

Frida Kahlo zierte mit ihrem Selbstbildnis aus dem Jahr 1930 mein Kalenderblatt im Monat Mai. Nähere Informationen dazu konnte ich kurzfristig nicht beitreiben. Zufällig stolperte ich über das gleichfalls 1930 entstandene Bild „American Gothic“ von Grant DeVolson Wood. Vielfach kopiert und parodiert. Wood selber beantwortete Fragen nach den Absichten, die er damit verfolge, ausweichend: Es stelle „Typen“ dar, die er schon sein ganzes Leben lang kenne und die er nicht bloßstellen wolle. Eine Aussage, die möglicherweise einer gewissen Süffisanz nicht entbehrt.

Das Haus hatte der Künstler im August 1930 in Eldon, Iowa auf der Suche nach Inspiration zufällig aus dem Autofenster heraus gesehen und beschlossen, es zu malen. Die Figuren entwarf er nach seiner Vorstellung von Menschen, die in einem solchen Haus leben könnten. Wood bat seine Schwester Nan und seinen Zahnarzt Dr. Byron McKeeby im Studio Modell zu stehen und kleidete sie dafür in ländlich-kolonialem Stil.

Gemeinsam ist beiden Bildern die Art der Darstellung. Sie erinnert an Posen der Porträtfotografie. Darüber hinaus haben sie eigentlich nichts miteinander zu tun. Außer dass sie in mir eine Art Déja Vu hervorrufen, a kind of glitch in the matrix…

Scheint auch die Nacht vorübergezogen

Einen neunmalklugen Vortrag über Magnesium gehalten. Dass die Einnahme auf Dauer einen lebensbedrohlichen Eisenmangel zur Folge habe. Über die rustikale Tischplatte einer Südtiroler Bauernschänke hinweg blickt mich der Kater an. Zutiefst erschrocken.

Regen fällt pudrig im orangefarbenen Licht der Straßenlaternen. Seidenweich schimmert in der Tiefe das Pflaster. Als hätte das Tier dort unten seinen Pelz abgelegt. Nur seine Augen blitzen aus der Ferne noch zu mir herüber.

Am schieferschwarzen Nachthimmel leuchtet kreidebleich der Mond. In seinem Hof ziehende Wolkenformationen reißt ein eiskalter Windstoß in Stücke. Wie Fragmente einer vergilbten Landkarte treiben sie nun für immer hinaus. Ins Unermessliche.

Timmy’s Playground

Timmy's PlaygroundLange keine Fotos gemacht. Manche Bilder entstehen auch nur in meinem Kopf. Das der drei jungen Männer auf einer Bank im Einkaufszentrum, zum Beispiel. Jeder von ihnen hält ein Smartphone in der Hand. Ihre Köpfe sind tief gebeugt über dem jeweiligen Display. Sie wirken sorgenvoll und ernst und dem Trubel um sie herum wie entrückt. Was mag wohl gerade in ihnen vorgehen? Welche Bilder ziehen an ihren geistigen Augen vorüber? Welcher Art sind die Nachrichten, die sie verfolgen? Oder die sie in die ferne Heimat schicken? Um den Moment festzuhalten, könnte ich mich hinstellen und einfach auf den Auslöser drücken. Oder sie ansprechen und in den Trubel zurückholen. Dann müsste ich sie bitten, noch einmal dieselben Posen einzunehmen und eine Szene zu mimen, die ich unterbrochen habe. Beides traue ich mich nicht und gehe einfach weiter. Mit einem Bild, das seitdem in meinem Kopf weiterlebt.

Dinge des Lebens

Michel Piccoli in "Die Dinge des Lebens"
Michel Piccoli in „Die Dinge des Lebens“

Zum ich weiß nicht wievielten Male Die Dinge des Lebens (Les choses de la vie) von Claude Sautet angeschaut. Einer meiner Lieblingsfilme. Nicht wegen des Kette rauchenden Michel Piccoli und der wie immer unvergleichlichen Romy Schneider, nicht wegen seiner technischen und ästhetischen Brillanz, sondern weil ich den Film das erste Mal mit meiner Oma sah. Da war ich noch keine 15.

Ein erfolgreicher Architekt, der in einem ungeklärten Dreiecksverhältnis lebt, wird bei einem Autounfall schwer verletzt und stirbt zwei Stunden später. Während der Fahrt lässt er les choses de son vie Revue passieren.

Ob der Film es tatsächlich vermag, den vermeintlichen Belanglosigkeiten eines Lebens aus der Perspektive des Todes Bedeutung zu verleihen, will ich nicht beurteilen. Für mich schöpft er seinen Wert aus der oben erwähnten Zweisamkeit und allem, was jemals über Leben, Liebe und Tod zwischen meiner Oma und mir ungesagt blieb. All das finde ich ausgesprochen in seinen bewegten Bildern, jedes Mal, wenn sie über den Bildschirm flimmern.

Mikael Persbrandt und William Jøhnk Nielsen in "In einer besseren Welt"
Mikael Persbrandt und William Jøhnk Nielsen in „In einer besseren Welt“

Ein anderer Film, der mich wie lange keiner sehr berührt hat, war In einer besseren Welt (Hævnen) der dänischen Regisseurin Susanne Bier. Eine so feinfühlige wie komplexe Allegorie auf die biblischen Motive von Schuld und Rache. Obwohl der Film darauf verzichtet, eindeutige Antworten zu geben und die Fehlbarkeit für immer in unser Genom implantiert ist, bleibt am Ende eine leise Zuversicht. Es fallen so schöne Sätze wie: „Vom Tod trennt uns nur ein hauchzarter Schleier, und wenn ein Mensch stirbt, der uns nahe steht, hebt sich dieser Schleier für einen kurzen Moment, und wir sehen dem Tod ins Gesicht.“ An den Jungen gerichtet, der den Anblick seiner Mutter nicht vergessen kann. Im Tod sah sie aus wie ein Kind. Als wäre sie nie seine Mutter gewesen. „Bis er wieder fällt, dann wird alles wieder besser.“

Ich habe mich schon als Kind mit dem Tod beschäftigt. Natürlich ohne ihn wirklich denken zu können. Der Tod war einfach eine andere Art von Leben. Ob ich mich selbst darin wiedererkennen würde? Oder wäre Ich dann ein Anderer? Es war dieses Über-sich-selbst-Hinausgehen, das ich mir nicht vorstellen konnte und das mir eigentlich schon ein Leben lang Angst macht. Warum das schon immer so war und woher es rührt, kann ich mir mit Ereignissen in diesem Leben nicht erklären. Ich glaube nichts und halte alles für möglich.

Im Moment lese ich „Eismond“ von Jan Costin Wagner. Eine Empfehlung von Jarg. Es ist wirklich schön:

Er versuchte sich den letzten Moment seines Lebens vorzustellen und den ersten Moment danach, den es nie geben würde.

Er versuchte sich einen Moment vorzustellen, den es nicht gab.

In seinem Kopf summte eine Melodie, die immer wiederkehrte und von der er nicht wußte, woher er sie kannte.

Cool Blue

Ohne an ein Produkt der Leuchtmittelindustrie erinnern zu wollen, ein so cooles Blau wie auf den Farbfotografien von Ernst Haas habe ich selten gesehen. Manchmal fasziniert mich eine in meinen Augen perfekte Ästhetik. Manchmal erschöpft sich der Anblick schon nach kurzer Zeit. Und plötzlich kann ich das Bild nicht mehr sehen. So geschehen mit Ingrid von Andreas Bitesnich. Ingrid war mir plötzlich zu kalt. Mit cool meine ich bei Haas aber nicht kalt, obwohl Blau auf die meisten Menschen so wirkt. Blaue Schatten auf sonnig bestrahltem Eis und Schnee rufen – insbesondere im Eisblau – ein Gefühl von Kälte hervor. Ob das jetzt auf Haas‘ Snow Lovers zutrifft? In mir erzeugt dieses Bild absolut kein Gefühl von Kälte, aber ich gebe zu, Blau ist meine Lieblingsfarbe.

In seinem Buch von der Malerei beschreibt Leonardo da Vinci Wesen und Wirkung des Blau als immateriell, keine Farbe der Luft, sondern eine metaphysische Mischung des Sonnenlichts mit der „Schwärze der Weltfinsternis“. Goethe, für den es mit Gelb und Blau nur zwei reine Farben gab, rückte das Blau auch an die Grenze zur Dunkelheit und damit dem Gelb, das sich für ihn an der Grenze zum Licht befand, diametral gegenüber.

Ich halte fest, dass mein Blauempfinden da Vincis Sicht wohl ziemlich nahekommt.

Ernst Haas, "Paris, France" (1954)
Ernst Haas, „Modern Paris“ (1954)

Malerinnen / Maria Wiik

Auf Maria Wiik stieß ich in Zusammenhang mit Anna Anchers Mädchen in der Küche. Bei Wikipedia hieß es dazu:

Anna Anchers Bild „Pigen i køkenet“ (Mädchen in der Küche) von 1886/87 zeigt ebenso wie das 1889 entstandene Bild „Maailmalle“ (Hinaus in die Welt) der Finnin Maria Wiik eine Frau vor der Folie eines von Sonnenlicht durchschienenen Vorhangs. Die Frauen werden durch die Lichtregie erneut gerahmt; ihre Konturen verschärfen sich im Gegenlicht und ihre Köpfe scheinen selber Licht auszustrahlen. Anna Ancher baut einen Farb- und Strukturkontrast zwischen dem hellgelben, durchscheinenden Vorhang und der tiefschwarzen Bluse der Frau am Fenster auf, der durch den roten Rock verstärkt wird. Derselbe Kontrast wird von Maria Wiik angewendet und umgibt in ihrem Bild die stehende junge Frau mit einer Aura.

Maria Wiik, "Hinaus in die Welt" (1989)
Maria Wiik, „Hinaus in die Welt“ (1989)

Außer einem Eintrag auf Suomi konnte ich keine weiteren nennenswerten Informationen zu Maria Catharina Wiik (1853-1928) ausfindig machen. Ihre  Bilder von Kindern und Jugendlichen hinterlassen bei mir einen überzuckerten Nachgeschmack. Was mir an diesem hier gefällt: Wie sie den Moment des Verlassenwerdens der, vermutlich, Mutter durch die Tochter in Szene setzt. Die eine im Schein des Gegenlichts, das Gesicht der anderen fast schon erloschen. Der Strohhut, auf den der Blick der Alten gerichtet ist, wenn er nicht ins Leere geht, und den das Mädchen gleich vom Stuhl nehmen und sich aufbinden wird, leuchtet wie ein Vorschusslorbeer für die, die von ihm bedeckt hinaus in die Welt treten wird. In der Selbstverständlichkeit, mit der sie sich kleidet, liegt ja fast eine gewisse Grausamkeit, so absichtslos und unvermeidlich, wie der natürliche Gang des Geschehens in diesem Bild.

Malerinnen / Anna Ancher

Beim Googeln des Begriffes Malerinnen erhält man an erster Stelle einen Verweis auf die Seite von Fembio und eine Liste diverser Berühmtheiten, die dort unter diesem Schlagwort geführt wird. Berühmt ist nicht das Kriterium, aber nur die Hälfte der in alphabetischer Reihenfolge aufgezählten Namen kenne ich. In etwa. Ein Einstieg in medias res also. Den zweiten Hinweis auf einen Artikel bei Wikipedia merke ich mir: Frauen in der Kunst. Reich illustriert mit Selbstbildnissen von Malerinnen aus allen Epochen der Kunstgeschichte. Von diesen ist mir immerhin die eine oder andere schon begegnet.

Der Fembio-Film zu Anna Ancher, dem ersten Namen auf der Liste, gewährt Einblicke in ihr komplettes Schaffen. Bei Wikipedia gibt es auch einen lesenswerten Artikel über Leben und Werk dieser dänischen Malerin des Impressionismus, deren Arbeiten zu den Themenschwerpunkten Interieurs, Porträts, Mutter und Kind, Die blinde Frau, Trauer, Reisigsammeln, Erschöpfung und Schwermut, Geflügelrupfen, Schafschur und Schafwäsche sowie Landschaften mich sofort in ihren Bann ziehen. Bei den Interieurs fallen mir die magischen Licht- und Schattenspiele ins Auge, die immer wieder an den Vorhängen und Wänden der dargestellten Innenräume aufscheinen.

Anna Ancher, "Mädchen in der Küche" (1986/87)
Anna Ancher, „Mädchen in der Küche“ (1986/87)

Und das Porträt der Mutter ruft mir ein Projekt in Erinnerung, das ich mir vor einiger Zeit schon einmal vornehmen wollte: Maler und ihre Mütter. Ich mag es, wenn sich solche weiten Felder auftun.

Stöckchenhausen

IMG_3029Seit Monaten dachte ich darüber nach, wie es wohl wäre, wieder mit einer Katze zu leben.

Obwohl, nachdenken kann man es eigentlich nicht nennen. Um einen wirklich klaren Gedanken zu fassen, müsste ich imstande sein, den schmalen Grat der Erschöpfung, an dem ich mich entlang hangele, endlich einmal zu verlassen. Allein, echte Landgewinnung will mir nicht gelingen. Die flackernde Funzel am Ende des Tunnels ist ein zu schwaches Licht, um das Dunkel so weit zu erhellen, dass sich daraus ein konkretes Konzept ableiten ließe. Und so ist jegliche Idee lediglich ein Irrlicht ohne Substanz an meinem geistigen Horizont und verschwindet so schnell wieder, wie sie sich durch nicht weiter fassbare Polaritäten aufgeladen haben mag. Ermüdend ist das, und die allgegenwärtige Erschöpfung macht es mir unmöglich, ein Gegengift zu finden. Ich tue das, was sich wie ein Roter Faden durch mein Leben zieht: warten auf eine Kaiserliche Botschaft, die bekanntlich nie eintrifft: Du aber sitzt an deinem Fenster und erträumst sie Dir, wenn der Abend kommt.

Könntest du dein Leben noch einmal leben, würde es vielleicht so sein, wie es der Schatten, der dir voraus eilt, immer suggeriert hat: zielstrebig und zupackend, denke ich, während ich die immer gleichen Wege gehe, die das Tagesgeschäft mir vorschreibt. Manchmal möchte ich gar nicht mehr aufstehen oder aber in den nächstbesten Zug steigen und auf und davon. Dazwischen scheint es nur diesen schmalen Grat zu geben, den ich so wenig wie möglich ernst zu nehmen versuche, denn anders wäre er nicht zu ertragen.

Im Moment würde ich mein letztes Hemd geben, wenn Heimat ein Ort wäre, an den ich mich jetzt zurückziehen könnte. Stattdessen rächt sich in der Tat die Vergangenheit, die wie ein schlecht erzogenes Kind ihr Unwesen treibt. Diesem Kind war es nie gegeben, sich einen solchen Ort zu erschaffen. Heimat war und blieb bis heute für mich das, was Lene Lovich als Staccato ihrer Kehle abringt, just emotion, sticking in my throat. Home is hard to swallow, home is like a rock. Home is good clean living, home is – I forgot. Let’s go to your place…

Heimat kann sehr weit weg sein, wenn sie sich nicht in einem selber verorten oder einen das Herz verlieren lässt. Home is, will you miss it, home is, I don’t know. Ein Ort, der mit jedem Verlust einerseits in immer weitere Ferne rückt. Andererseits könnte in diesem Gefühl die Rolle begründet liegen, die die Toten in meinem Leben spielen.

Mein Vater zum Beispiel. Lange Zeit lebte ich mein Leben in dem Glauben, es wäre besser gewesen, wenn ich ihm nie begegnet wäre. An meine letzte Ohrfeige erinnere ich mich nicht, stattdessen daran, wie mein Vater mich an der Gurgel packte und mir drohte, mich umzubringen, wenn er mich beim Rauchen oder mit einem Jungen erwischen würde. Ich nahm ihn beim Wort. Am Ende hätte es ihn vielleicht froh gemacht, von mir eine Zigarette angeboten zu bekommen und mit mir gemeinsam seinen Enkelkinder beim Spielen zuzusehen, während alles, was jemals zwischen uns stand, in Schall und Rauch aufgegangen wäre. Aber dazu kam es nicht. Als er starb, hatte ich ihn über zwanzig Jahre nicht gesehen, und es erschien mir nur konsequent, auch seinen Tod zu ignorieren. Auf die Dauer funktionierte das natürlich nicht, aber damit auseinandersetzen konnte ich mich erst, nachdem der Vater meiner Kinder gestorben war. Seitdem hole ich ihn Stück für Stück in mein Leben zurück und damit ein Viertel meiner Lebensgeschichte, die ich lange Zeit gerne gestrichen hätte.

Der Tod oder la mort trägt für mich die Maske dessen, den er oder sie holt. Mir persönlich begegnete er bislang immer in der Gestalt eines Mannes. Merkwürdig eigentlich. Auch dass ich keine Lieblingsmalerin benennen kann, auch darüber sollte ich nachdenken.

Kurz bevor er starb, erzählte mir mein erster Mann die Geschichte eines Schwangerschaftsabbruches seiner Mutter, der wiederum von deren Mutter vorgenommen worden war. Wir schreiben das Jahr 1955 in Chile. Er ist sechs Jahre alt, als die Großmutter mit ihm und dem in ein weißes Tuch gehüllten Fötus in den Wald geht, um das tot geborene Kind zu begraben. Noch fünfzig Jahre später trieb ihm die Erinnerung den Angstschweiß auf die Stirn. Ich verstand erst im Nachhinein, dass er im Grunde über seine Furcht vor dem Tod sprach, der im Begriff war, ihn einzuholen. Seitdem verfolgt mich dieser kleine Funke eines Lebens, der verglühte, noch bevor er das Licht der Welt erblickte, wie es immer so schön heißt. Es war ein Mädchen, aber der Grund, warum la mort in diesem Fall die Gesichtszüge einer Frau trägt, ist eigentlich die Großmutter, die ihm den Tod gebracht hat.

In diesem Zusammenhang über meinen ersten Kuss zu schreiben, erscheint irgendwie makaber, aber, wie sollte es anders sein, Geburt und Tod, Leben und Sterben liegen eben eng beieinander. Meinen ersten Kuss bekam ich vom Vater meiner Kinder. Meine erste Katze übrigens auch. Absolute Unerfahrenheit prallten auf das genaue Gegenteil. Ich war eine Spätzünderin und er 15 Jahre älter als ich. Der Rest ist ein weiteres Viertel meiner Lebensgeschichte mit sämtlichen Hochs und Tiefs, die der geneigte Leser mit entsprechend Phantasie sich vielleicht vorstellen kann.

Ich denke, damit die Fragen der Mützenfalterin in einer Momentaufnahme beantwortet zu haben. BisKater auf eine: Was mir Mut macht. Hier schließt sich der Kreis. Mir ist nämlich eine Katze zugelaufen. Sie kam über die Dächer direkt durch mein geöffnetes Küchenfenster herein spaziert und tut seitdem so, als wäre sie hier schon immer und ewig zu Hause. Jeder, der die Aussicht kennt, die sich dem Auge des Betrachters aus meinem Küchenfenster bietet, hält dies für einen Zufall, der gar nicht erst als glücklich interpretiert werden muss. Er ist es schlicht und ergreifend. Denn die Aussicht, dass auf diesem Wege mein leise vor sich hin schwelender Wunsch in Erfüllung hätte gehen können, tendiert gen Null. Niemand weiß, woher sie tatsächlich kommt, wie sie auf die Dächer kam, niemand vermisst sie.

Sie ist eigentlich ein Kater. Nachdem er nun seit einer Woche hier haust, habe ich beschlossen, ihn zu behalten, und nach weiterer reiflicher Überlegung ihm auch einen Namen gegeben: Kafka. Kafka will jetzt spielen, deshalb schließe ich an dieser Stelle. Es gilt: Mir das letzte Viertel meines Lebens zu erobern und natürlich: meine Lieblingsmalerin ausfindig zu machen.

Notizen

Noti t zen schreibt man so. Immer, wenn ich dieses Wort verwende, muss ich an eine diskrete Geste denken, mit der ich während einer Klassenarbeit auf meinen Rechtschreibfehler aufmerksam gemacht wurde. Ich sehe eine Hand, die mir unauffällig einen kleinen Zettel zuschiebt. Die korrekte Diktion ist mir nie in Fleisch und Blut übergegangen. Immer setzt die Zeit für einen kurzen Moment aus, und der Akt des Schreibens wird von der Erinnerung überblendet, die das Wort Notizen in mir auslöst.

Was hat Duchamps Akt, eine Treppe herabsteigend mit mir zu tun? Wenn ich das Bild auch kannte, die Druckwelle verspürte ich erst beim Lesen von Illies‘ Beschreibung: Eine Frau, die Raum und Zeit durchschreitet – sie katapultierte mich direkt in einen Raum vor dieser Zeit:

2011-11-01_out-of-a-dreamZu Duchamps Bild gibt es einen exzellenten Artikel bei Wikipedia.

Das Gemälde vereint Elemente des Kubismus und des Futurismus und ist vom noch jungen Medium Film, von fotografischen Bewegungsstudien und von der Chronofotografie, mit der unter anderem Thomas Eakins, Étienne-Jules Marey und Eadweard Muybridge experimentierten, beeinflusst. Vornehmlich Muybridges Serienfotografie Woman Walking Downstairs aus dessen 1887 veröffentlichter Bildserie The Human Figure in Motion und die 1890-91 entstandene fotografische Bewegungsstudie Man Walking von Étienne-Jules Marey dienten Duchamp als Anregungen.

Eadweard Joseph Muybridge, "Woman Walking Downstairs" aus der Serie "The Human Figure in Motion" (spätes 19. Jahrhundert)
Eadweard Joseph Muybridge, „Woman Walking Downstairs“
aus der Serie „The Human Figure in Motion“
(spätes 19. Jahrhundert)
Étienne-Jules Marey, "Man walking"
Étienne-Jules Marey, „Man walking“

Im Unterschied zum Futurismus, der sich mit der reinen Abbildung von Bewegungsabläufen, der „statischen Bewegung“, auseinandersetzte, wollte Duchamp allerdings „den visuellen Eindruck der Idee von Bewegung“ wiedergeben. Ihm war es nicht wichtig, „ob es sich um eine reale Person, die eine reale Treppe herabsteigt, handelt oder nicht.“

Was den Schluss nahelegt, dass sich auch die Frage, ob es sich bei der Person, die in Duchamps Bild eine Treppe herabsteigt, um eine Frau oder einen Mann handelt, für ihn nicht stellte. Und doch scheint sie bei der Interpretation eine der spannendsten überhaupt zu sein, wie dieses Gedicht zeigt, das aus einem Wettbewerb um die Enträtselung des Bildes als Gewinner hervor ging:

Du hast versucht, sie zu finden,
Und hast vergebens geschaut
Das Bild hinauf und hinab,
Hast versucht, sie zusammenzusetzen
Aus tausend zerbrochenen Stücken
Hast bald dich zu Tode gemartert;
Den Grund für dein Scheitern ich sagen kann:
Es ist keine Lady, er ist nur ein Mann.

Der Preis war übrigens mit 10 Dollar dotiert.

Ich frage mich also nicht nur, was dieser Akt, eine Treppe herabsteigend mit mir zu tun hat sondern auch, was Illies dazu veranlasst, von einer Frau, die Raum und Zeit durchschreitet, zu sprechen, und: Wie meine Reaktion wohl ausgefallen wäre, wenn hier nicht von einer Frau die Rede gewesen wäre.

Kurz nachdem Marcel Duchamp mit seiner Malerei endlich in aller Munde war, erklärte er, sie langweile ihn und das Thema „mit Bewegung vermischte Ölfarbe“ für beendet:

Für mich ist die Malerei veraltet. Sie ist Energieverschwendung, keine gute Masche, nicht praktisch. Wir haben jetzt die Photographie, das Kino – soviel andere Wege um das Leben auszudrücken.

Eadweard_Muybridge_1Der Rest ist bekanntlich Geschichte.

Spezialeffekte

Die blauere Stunde ist die am Morgen. Wenn die Reise eines langen Tages in die Nacht beginnt, die Straßen gesäumt von in sich zusammen gefallenen Häuflein Schnee. Leicht und schwerelos wie Schirmflieger einer Pusteblume zerstreut sich langsam in alle Himmelsrichtungen das Bild des Mondes am Firmament. Der Fahrer plappert pausenlos, doch den Moment kann er mir nicht nehmen. Hauchdünn wie die allmählich verwehenden Dunstschleier ist die Membran, die mich umgibt. So durchsichtig wie das Fensterglas, durch das ich meine Blicke werfe. Hinaus hinaus. Vibrierend im Dröhnen des Automotors, während draußen ein Luftfahrzeug seinen tonnenschweren Rumpf stumm in den blauen Morgenhimmel hievt und doch stillzustehen scheint. Zum Greifen nah und doch so fern. Meilen und Minuten verschmelzen im Standbild des grauen Reaktorblocks, das als Monument für die Manipulation von Raum und Zeit am Horizont gefriert.

DruckwasserreaktorNichts bewegt sich, nur die Nadel auf dem tellergroßen Tacho bohrt sich wie ein Pfeil immer tiefer in den dreistelligen Bereich. Die Zeit zwingt zum Diktat, und ich lese auf, was auf der Strecke bleibt.

Zuflucht hinter der Zeit, so der ursprüngliche Titel eines Romans der österreichischen Schriftstellerin Hannelore Valencak, der dem Film Fenster zum Sommer von Hendrik Handloegten als Vorlage diente. So schön hat noch keiner den Wechsel von Zeit- und Bewusstseinsebenen ins Bild gesetzt. Der wunderbaren Nina Hoss schien ihre Rolle einmal mehr wie auf den Leib geschneidert. Die Süddeutsche schrieb:

Das Science-Fiction-Szenario ist in Fenster zum Sommer ein bloßes Gedankenspiel – der größte Spezialeffekt ist das Wetter, das magische Licht der finnischen Mittsommernächte, und im Kontrast dazu das frostige Grau der Berliner Februartage, die diskret verwirrenden Sirenenklänge des Soundtracks von Timo Hietala beschwören dazu das Unerklärliche. Souverän jongliert Handloegten mit Rückblenden und Erinnerungen, mit verschiedenen Filmmaterialien und Lichtverhältnissen. Zwischen Fakten und Ahnungen, zwischen brutaler Evidenz und fragiler Flüchtigkeit hält er seinen Film in der Schwebe, hier das Krachen eines Unfalls, der den Tod bringt, dort die flüchtige Berührung in einer überfüllten Trambahn, die der Anfang einer großen Liebe ist.

Mich traf der Film jedenfalls mitten ins Herz, und jetzt wird er mich wieder für Tage in einer Art Paralleluniversum gefangen halten. Die Szene vom Unfalltod erinnert im übrigen an die persische Legende, die Gaito Gasdanow in Das Phantom des Alexander Wolf zitiert:

Zum Schah kam einmal sein Gärtner, in höchster Aufregung, und sagte zu ihm: Gib mir dein schnellstes Pferd, ich möchte so weit wie möglich fortreiten, nach Isfahan. Gerade als ich im Garten arbeitete, habe ich meinen Tod gesehen. Der Schah gab ihm das Pferd, und der Gärtner sprengte nach Isfahan. Der Schah ging in den Garten; dort stand der Tod. Er sagte zum Tod: Weshalb hast du meinen Gärtner so erschreckt, weshalb bist du ihm erschienen? Der Tod erwiderte dem Schah: Ich habe das nicht gewollt. Ich war erstaunt, deinen Gärtner hier zu sehen. In meinem Buch steht geschrieben, ich würde ihm heute Nacht weit von hier begegnen, in Isfahan.

Der größte Spezialeffekt ist also das Wetter. Oder um es in Ermangelung eines an dieser Stelle adäquat anknüpfenden Schlusswortes mit Tom Waits zu sagen: That wraps up the weather for this evening. Now back to the eleven o’clock blues.

Rabbit Hole

Merkwürdige Blüten treiben in meinem Garten der Trivialitäten ihr Unwesen. Wer dies liest, möge es mir nachsehen, dass ich derzeit nur über meine Befindlichkeiten und den Kelch schreiben kann, der nicht vorüber ziehen mag. Oder gleich das Weite suchen.

Drei freie Tage gingen mit Konsultationen meiner Hausärztin dahin, nachdem die Nebenwirkungen diverser Blutdruck senkender Medikamente mich immer wieder an die äußersten Ränder der Verzweiflung brachten. Reizhusten, Tachykardien, Panikattacken, Synkopen, das volle Programm. Ich will gar nicht weiter ins Detail gehen. In meinem ganzen Leben habe ich mich nicht so elend gefühlt wie in diesen Tagen. Da fällt es schwer, seinen Galgenhumor nicht zu verlieren. Den beiden Pharmaburschen, die zu allem Überfluss wie Maden im kranken Speck des Wartezimmerpersonals saßen, wäre ich am liebsten an die weißen Kehlen gesprungen. Mittendrin weigerte ich mich, überhaupt noch etwas einzunehmen, was leider die schlechteste aller Alternativen ist. Die gute Nachricht: Es gibt noch andere. Die weniger gute: Es kann bis zu einem Jahr dauern, bis das ideale Mittel zum Zweck gefunden ist. Ich mutiere also zum Versuchskaninchen und nage nun an einem Betablocker.

Da fällt es auch schwer, von sich abzusehen. Alles um mich her dümpelt vor sich hin. Mein Seelentröster ist immer noch Imre Kertész, wenngleich ich zu jung und nichtsdestotrotz zu gesund bin, um mich mit einem 75igjährigen, an Parkinson erkrankten alten Mann zu identifizieren. Aber ich mache mir nicht gerne etwas vor, und es gibt Stellen von entwaffnender Ehrlichkeit in der Letzten Einkehr:

Manchmal fühlt er sich noch irgendwie unsicher. Der archimedische Punkt der Identität ist, wie es scheint, der andere. Die Existenz des anderen ist zugleich mein Identitätsbewußtsein. Fehlt der andere, erleiden wir außer Liebesverlust und Trauer auch die Unsicherheit des Rollenverlustes. Die gemeinsame Identiät erweist sich manchmal als unechter Stil, gegen den wir unerwartet verstoßen. Und trotzdem verhelfen wir dann nicht der Wahrheit zu ihrem Recht, sonder begehen – so fühlen wir wenigstens – Verrat. Der Mensch sucht sich sozusagen unaufhörlich zu entschuldigen: Trauer ist das schlechte Gewissen des Überlebenden.

Ein Trost war mir in diesen Tagen auch die Anwesenheit der Tochter. Wir haben zusammen Musik gehört und Rilke gelesen, der mich für Stunden alles vergessen ließ, was momentan befremdlich ist in meinem Leben: Nichts ist mir zu klein, und ich lieb es trotzdem und mal es auf Goldgrund und groß und halte es hoch, und ich weiß nicht wem löst es die Seele los…

Ich hasse Plattitüden, aber die Hoffnung, dass es nur besser werden kann, stirbt zuletzt.

Trivialtagebuch

Mich am Freitag mal wieder unter Menschen gemischt.

Die Tatsache, dass mein Gehalt ausnahmsweise schon an diesem letzten Werktag des Monats auf dem Konto war, machte mich ein bisschen manisch. Die milden Temperaturen taten ihr übriges. Wie von leichter Hand geleitet schlenderte ich zur Conchiglia, dem mit den Freundinnen vereinbarten Treffpunkt.

Der Name lässt ein lauschiges Plätzchen vermuten, aber wie mir ging es augenscheinlich auch anderen. Die kleine Muschel platzte schier aus ihren Schalen. Auf Cosimos Gesicht wie üblich nicht die Spur einer hellen Freude. Als säße im Hinterzimmer ein Abgesandter der Camorra, fegt er mit finsterer Mine durch die Tischreihen und gibt dennoch den Gasparo. Es wirkt wie Galgenhumor und lässt einem das Lächeln auf den Lippen mehr gefrieren denn erblühen.

Nichtsdestotrotz: Die Stimmung an unserem Tisch und das Essen waren gut.

Anschließend noch in den zum aktuellen Inlokal unserer Generation mutierten ehemaligen Weinkeller. Antikes Gemäuer mit einer Mischung aus Moder und Bierhefe in der Luft, dazu eine exorbitante Geräuschkulisse, in der sich eins vom anderen nicht mehr unterscheiden lässt.

Erstmal eine rauchen.

Den Gedanken hatten noch zwei andere Gesellen, von denen der eine aussah wie ein Räuberhauptmann, der andere wie sein Vasalle. Die machten sich auch sofort an den Heizstrahlern zu schaffen. Gas aufdrehen und Zippo drauf halten. Du mache Feuer, dachte ich, während zischend eine Stichflamme in den schwarzen Nachthimmel züngelte.

Auf einer Schiefertafel wurden hier immerhin Helle Freude und dazu noch ein Primitivo angepriesen. Ich konnte mich nicht entscheiden und bestellte Apfelschorle. Ich dachte, viel Trinken würde vielleicht der Stimme helfen, aber schon nach einer halben Stunde gegenseitigen Anschreiens brachte ich keinen Ton mehr heraus.

Als ich später unter meine Trudeltupfenbettwäsche kroch und mich in die Letzte Einkehr versenkte, entfuhr mir ein seliger Seufzer:

5. Dezember 2003 Wie es scheint, ist es nötig, ein Trivialtagebuch zu führen. Nicht sicher, ob es wirklich so ist.

Dass mein Trivialtagebuch dem eines Imre Kertész nicht das Wasser reichen kann, brauche ich hoffentlich nicht extra zu erwähnen.

Elf Fragen…

…von Herrn Ärmel:

Du wirst fristlos aus Deiner Wohnung geworfen und kannst drei Dinge mitnehmen, welche und warum?

Meine Handtasche.

Neulich nachts schlug ich nämlich in der Notaufnahme auf. Das war kurz nach dem Tod meines Lebensgefährten. Ich nahm an mir selbst Symptome wahr, die schwer auf einen Infarkt schließen ließen. Drei Uhr morgens. Was tun. Als ich meiner Panik nicht mehr Herr wurde, wählte ich die Nummer der Rettungsleitstelle. Sanitäter, Notarzt, schweres Gerät und meine Wenigkeit im Schlafanzug. Als sich der Verdacht nicht aus der Welt schaffen ließ, musste ich mit. Nur nach meiner Handtasche konnte ich noch greifen. Vollständige Entwarnung gab es erst Stunden später im Klinikum, wo sich ein einfühlsamer Kardiologe meiner annahm. Das Herz sei ja nicht bloß ein Organ sondern auch ein Fleck, an dem wir unsere Gefühle verorten. Warum nur bin ich nicht selbst darauf gekommen. Aber panisch lässt es sich nun einmal schlecht denken. In meiner Handtasche befinden sich deshalb drei Dinge: Ein Necessaire, um mich auch in Ausnahmesituationen wenigstens notdürftig zurecht machen zu können. (Ich will nicht, dass man mir meine Miseren auf den ersten Blick ansieht.) Das Buch, das ich gerade lese, zur Wahrung eines Mindestmaßes an Kontinuität. Meine Brieftasche. Um gegen drohende Formalitäten gewappnet zu sein.

 Du verbringst Deinen nächsten Urlaub mit einem Cellisten oder einem Posaunisten – warum?

Mit einem Cellisten.

Weil ich dahinter einen feinsinnigen Menschen der leisen Töne vermute.

Du hast deine letzten hundert Eurotaler. Für was wirst Du sie ausgeben: für ein Kunstwerk oder ein Möbelstück – warum?

Für ein Kunstwerk.

Eines, das in meiner Handtasche Platz hat. Für den Fall, dass ich fristlos aus meiner Wohnung geworfen werde.;-)

Dein Auftrag: ein Jahr lang intensive Beschäftigung mit Bach oder Bibel. Wofür wirst Du Dich entscheiden – warum?

Bach.

Intellektuell fühle ich mich der Bibel zwar eher gewachsen, aber aus eben diesem Grund stellt Bach die größere Herausforderung dar.

Du verlässt Deutschland für den Rest Deines Lebens. Für welches Land wirst Du Dich entscheiden – warum?

Chile.

Ein bislang unerfüllter Traum von mir und meinen Kindern… die Heimat ihres Vaters kennenzulernen.

Hund oder Katze – warum?

Katze.

Falls es so etwas wie Seelenverwandtschaft zwischen Mensch und Tier gibt, empfinde ich sie zu Katzen.

Was schiebst Du immer hinaus – warum?

Hausputz.

Weil ich ansonsten keine Zeit hätte für Dinge, die mir wichtiger sind.

In welchem Theaterstück / Film würdest Du gerne die Hauptrolle spielen – warum?

Dann hätte ich doch bitte gerne die Rolle der Gloria im gleichnamigen Film von John Cassavetes.

Die Begründung findet sich hier

Was würdest Du jetzt sofort gerne anfangen: malen oder musizieren – warum?

Musizieren.

Wenn schon ein Jahr lang intensive Beschäftigung mit Bach, will ich ihn auch spielen!

Von welchem Fotografen (ausser Herrn Ärmel) würdest Du Dich gerne fotografieren lassen – warum?

Steve McCurry.

He brings out the best in human kind.

 Küche oder Schlafzimmer. Auf welchen Raum könnest Du leichter verzichten – warum?

Auf das Schlafzimmer.

Schlafen könnte ich zur Not auch im Wohnzimmer. Eine schöne große Wohnküche aber lässt sich durch keinen anderen Raum kompensieren.

ke anu

 

Benoit Courti, "Black & White"
Benoit Courti, „Black & White“

ke anu ist Hawaiianisch und bedeutet „kühle Brise, die über dem Berg weht“.

In einer hellen Mondnacht vor ungefähr elf Jahren stand ich am Fenster und blickte auf die Dächer der Stadt. A night in white satin. Aus den Straßenschluchten stieg ein Schweigen, in das nur Schnee die Welt zu hüllen vermag. Kein Laut weit und breit, nur das Säuseln des weißen Pulvers, das vom Wind über den Firsten verweht wurde. Es gibt ihn doch, den Atem Gottes, schrieb ich später in mein Tagebuch. Gott war nur ein anderes Wort für ein Gefühl, von dem ich noch nicht wusste, dass es der Beginn einer großen Liebe war. Ich schreibe diesen Satz und frage mich gleichzeitig: Klingt das jetzt kitschig.

Mein Vater, der ein außergewöhnlicher Mensch war und sich von niemandem vorschreiben ließ, was ihm zu gefallen hatte, der Kunst genau so liebte wie Kitsch und mit derselben Akribie, mit der er einen Mercedesmotor auseinandernehmen und wieder zusammensetzen konnte, seine Patienten behandelte, mein Vater schenkte mir einmal eine Brosche. Eine seltene Geste der Wertschätzung. Wahrscheinlich habe ich sie als das gesehen und bedeutete sie mir deshalb so viel. Einmal nur trug ich sie auch in der Schule. Zu der Zeit, sechste Klasse, war ich mit einem Mädchen befreundet, deren Mutter Kunst studiert hatte. In ihrem Zimmer hingen Aktfotos von einer Art, wie ich sie bis dahin noch nie gesehen hatte. Kein Vergleich mit der Wartezimmerlektüre, in der ich so lange heimlich geblättert hatte, bis mein Vater mir auf die Schliche kam und die einschlägigen Schundhefte abbestellte. Die sind doch überhaupt nicht porno, oder, meinte Bettina zu den Bildern an ihrer Wand. Ich wusste nicht, was ich darauf sagen sollte. Meine Brosche fand sie kitschig, und ich schämte mich plötzlich dafür. Auf einmal war sie nicht mehr als das Bruchstück einer Illusion. Zerschlagen. Heute würde ich mir die Frage gerne selber beantworten können: War die Brosche wirklich kitschig? Spielt das überhaupt eine Rolle? Aber es gelingt mir nicht. Mir fehlt die nötige Distanz. Nun. Irgendwann ist man zu alt dafür, sich auf seine verkorkste Kindheit zu berufen. Von Zeit zu Zeit fällt auch in der deutschen Krimilandschaft ein guter Satz. Der andere, der mir in Erinnerung geblieben ist: In der Idylle gedeiht der Horror. Auf Berlinerisch, wohlgemerkt.

Also nochmal: Es war der Beginn einer großen Liebe. Der Mann, mit dem ich zuvor lange gesprochen hatte, er und ich, wir wurden Gefährten. Bis auf das Dach über unseren Köpfen teilten wir alles. Eine gemeinsame Wohnung, darüber dachten wir erst ernsthaft nach, als er krank wurde. Noch zwei, drei gute Jahre. Im besten Fall. Immerhin. Die Ärzte versprachen es noch, als wir selber schon nicht mehr daran glaubten. Die Krankheit hatte es eilig, und jetzt ist es bald ein Jahr her, dass er gegangen ist. Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen. Dann wieder ist Gott nur ein anderes Wort für etwas, das unwiederbringlich verloren ist.

Es heißt, dass Trauer in Teilen um die eigene Zurückgelassenheit kreist. Und dass sie einen Jahreskreis benötigt, um in all ihren Facetten durchlebt zu werden. Einer der schwersten Tage war Silvester. Als um Mitternacht die Raketen in den Himmel schossen… well, I felt like bursting into tears. Aber ich habe nicht geweint. Ich habe keine Tränen mehr. Wo genau ich heute stehe, weiß ich nicht. Dieser Blog war ursprünglich gedacht als ein zusätzlicher Raum des Teilens über die täglichen Telefonate hinaus, in Zeiten, da wir uns nicht sehen konnten. Irgendwann gingen auch andere Menschen hier ein und aus. Als dann die Katastrophe über uns herein brach, schaltete ich um auf Privat. Letzten Endes stand ich vor der Wahl: Den Blog auch sterben zu lassen oder weiter zu machen. Ich habe mich für letzteres entschieden. Öffentlich. Mal spüre ich die Einsamkeit um so mehr. Mal hilft das Bloggen darüber hinweg.

Die „kühle Brise, die über dem Berg weht“ war ein Synonym für die kleinen Etappensiege, die es gibt, im Kampf gegen die Krankheit, bevor sie einen endgültig überholt. Sie soll es auch bleiben. Ein Synonym für jeden noch so kleinen Etappensieg. Im Leben. Und überhaupt.

A girl’s best friends

Puppen und Bären. Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, dass ich so traurig bin. Ich war ein kränkelndes Kind. Im Bild mit einem Hasen, an den ich mich nicht erinnere, und mit meiner ersten Puppe. Die Susi. Auf diesen Namen war sie sicher von meiner Mutter getauft worden. Ich sollte nämlich Susanne heißen. Es war die Hebamme, die meine Mutter in letzter Minute davon abhielt. Dann bleibt sie ihr Leben lang eine Susi. Keine schönen Aussichten. Also wurde sich umentschieden in etwas Blühendes, das auch in einem deutschen Volkslied besungen wird, welches mein Vater angeblich schon als Junge geträllert hatte. Wenn er das damals schon gewusst hätte, pflegte meine Oma immer zu sagen, dass er einmal eine Tochter mit diesem Namen haben würde. Das war die eine Seite der Medaille. Auf einer ähnlichen Aufnahme kniet meine Mutter am Bettrand und trägt einen weißen Kittel. Wie eine Krankenschwester. Der Kittel war vermutlich ein Requisit aus der Praxis meines Vaters. Womöglich trug auch er einen, als er dieses Foto machte, was aber sicher nicht der Grund dafür ist, weshalb ich so traurig dreinblicke. Die Bedeutung des weißen Kittels dürfte ich mit kaum zwei Jahren noch nicht durchschaut haben. Das kam später und wäre die andere Seite der Medaille. Genug davon. Zurück zu dieser Puppe, der Susi. Ich mochte sie nicht wirklich. Der Bruder meiner Mutter, der in den Staaten lebte und einmal im Jahr zu Besuch kam, brachte mir später eine andere mit, die, nicht zuletzt weil ein Geschenk meines Lieblingsonkels, dann zu meiner Lieblingspuppe wurde. Da war ich auch schon alt genug, ihr selbst einen Namen zu geben. Gloria. Wie ich darauf kam, weiß ich heute nicht mehr. Ihrem zerzausten Haar rückte ich irgendwann mit der Schere zu Leibe. Und als ihre Glieder schon ganz lose um den weichen Körper baumelten, fasste ich sie nur noch mit Samthandschuhen an, um ihr keines davon auszureißen. Puppendoktoren sind leider eine ausgestorbene Zunft, sonst hätte ich sie vielleicht eines Tages einem solchen Weißkittel anvertraut. Aber ich habe mich erkundigt. Selbst Schildkröt legt an seine alten Modelle keine Hand mehr.

Puppen, also. Und Bären. Wie gesagt. Ich war ein kränkelndes Kind. Die Zeiten lassen sich rückblickend nicht zählen, in denen ich das Bett hüten musste. Als ich schon lesen konnte, vertrieb ich sie mir mit den Märchen der Brüder Grimm und denen von Wilhelm Hauff. Zwei große schwere Bände, die irgendwann so zerfleddert waren wie meine Gloria. Im Vergleich zu heute waren es damals natürlich ganz andere Stellen, die mich faszinierten. In Schneeweißchen und Rosenrot zum Beispiel die Szene mit dem Zwerg, dessen Bart sich in einem Baumstamm verheddert. Was es bedeuten mochte, seinen Freier totzuschlagen, davon hatte ich keine Ahnung. Es sind diese im eigentlichen Sinn des Wortes früher un-erhörten Märchenmomente, die heute die altvertrauten Geschichten in einem neuen Licht erscheinen lassen. Manchmal ist es ein unruhig flackerndes, meistens jedoch eine hell auflodernde Flamme.

Alles, was ist

Er fügte hinzu: „Ich hoffe, du vergisst mich nicht.“

„Da kannst du beruhigt sein.“

Das waren die Worte, die er einsteckte und über die er noch oft mit den Fingern strich, dazu Bilder von ihr, die so konkret waren wie Fotografien. Er wollte ein Foto von ihr, hielt sich aber zurück, sie nach einem zu fragen. Er würde das nächste Mal selber eins machen und es im Büro zwischen den Seiten eines Buchs bewahren, ohne es zu beschriften, kein Name oder Datum. Er stellte sich bereits vor, wie es jemand zufällig fand und fragte, wer das sei. Und er würde es ihm einfach wortlos aus der Hand nehmen.

James Salter, „Alles, was ist“

Am Ende kommt es zu nichts von alledem. Auch die zweite große Liebe im Leben Philip Bowmans verläuft sich. Es wird noch eine dritte geben und eine vierte. Was aus der letzten wird, bleibt offen.

Unmerklich vergeht die Zeit in und mit diesem Buch. Ehe man sichs versieht, versiegt der Erzählstrom. Ein Mäandern um Miniaturen, wie sie die Gedächtnisborde eines jeden füllen und nur ab und an im Schlaglicht des Bewusstseins aufscheinen. Salters Miniaturen aber sind so zart und exquisit wie teures Porzellan. Er formuliert fein und zurückhaltend, fast als wolle er sie selbst nicht zerschlagen. Er weiß um das rechte Maß an Worten. Nicht mehr und nicht weniger lässt er seinen Miniaturen angedeihen. Von der ersten bis zur letzten Seite bleibt er seinem diesem Buch voran gestellten ersten Satz treu:

Irgendwann wird einem klar,

dass alles ein Traum ist,

und nur geschriebene Dinge

die Möglichkeit haben, wirklich zu sein.