Loseblattsammlung

LoseblattsammlungSanfte Brise aus der Bibliothek des Baches, sein leises Murmeln im Ohr. So geheimnisvoll, dass ich es nicht entschlüsseln kann. Langsam fallen die Blätter wie lose Seiten aus einem Buch. Taumeln beschwipst im lauen Oktoberwind, rascheln unter jedem Schritt. Ein verworfenes Manuskript. Seine Schrift verblasst im Sonnenglast, das Murmeln verklingt. Zieht sich zurück wie ein ganzes Meer bei Ebbe. Nur mitten in der Bibliothek des Baches die Loseblattsammlung, geborgen von Strömung und Schatten.

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Das Fähnchen hoch halten

Bubble BathMeine Schwester badet nicht.

Sie vermachte mir kürzlich diverse Tütchen der tetesept Sinnensalze des Jahres “Zeit für Dich” sowie ein kleines Nackenkissen für die Wanne.

Sehen Sie die harmonische Farbe von hellem Rosé.

Riechen Sie den blumig-leichten Duft mit Hibiskus und weißem Tee.

Reimt sich sogar. Außerdem sind diese Sinnensalze frei von allem möglichen. Frei von Farbstoffen sind sie offensichtlich nicht.

Schon vorgestern tauchte ich meinen Körper in die hochgebaute Wanne voll warmen Wassers mit Meersalz und einer Kombination ätherischer Öle aus Orange, Mandarine, Lavendel sowie Limette und ließ den Kopf ins Nackenkissen sinken. Dabei schwebte mir das in Entwicklerflüssigkeit schwimmende latente Bild eines belichteten Films vor Augen, das in der Fotoemulsion allmählich sichtbar werden würde. Wie vom Rotlicht einer Dunkelkammerleuchte bestrahlt glühte das Wasser in einem tiefen Orangerot und verstärkte die Illusion, es ließe sich darin tatsächlich ein Entwicklungsfortschritt in statu nascendi beobachten. Kein schlechtes Setting für einen Psychothriller, dachte ich.

Gleichzeitig bildete die intensive Farbe einen wohltuenden Kontrast zur nebelverhangenen Außenwelt.

Heute badete ich also in Hibiskus und weißem Tee, der sich aber nicht wie angekündigt als helles Rosé entpuppte sondern himbeerrot wie die gute alte AHOJ-BRAUSE in der Wanne sprudelte. Und wie der Matrose sein Frigeo-Fähnchen, so hielt ich das Lesebändchen meiner Lektüre hoch, um Virginia Woolf vor einem zweiten Tod durch Ertrinken zu bewahren.

Wenn ich lese, läuft ein purpurfarbener Rand um die schwarze Kante des Schulbuchs. Doch kann ich keinem Wort durch seine Abwandlungen folgen. Ich kann keinem Gedanken aus der Gegenwart in die Vergangenheit folgen. Ich stehe nicht verloren herum, wie Susan, mit Tränen in den Augen, wenn ich mich an zu Hause erinnere; noch liege ich, wie Rhoda, zerknittert unter den Farnkräutern und mache grüne Flecken auf mein rosa Baumwollkleid, während ich von Pflanzen träume, die unter der Meeresoberfläche blühen, und von Felsen, zwischen denen gemächlich die Fische dahinschwimmen. Ich träume nicht.

So schwebt durch Traum und Wachen hin die Welle, heißt es bei Tieck. Ja. So schwebt sie hin… und in einer Endlosschleife Louise and the Pins mit ihrem „Bell Jar“.

Die Fünfte Jahreszeit

Um leblose Erlebnisse kam ich am besten herum, wenn ich still irgendwo saß, ein Haus oder eine Wand anschaute und dabei, zum Beispiel, dem kindischen Lärm eines fernen Rummelplatzes zuhörte.

Wilhelm Genazino, aus den Notizbüchern von Sätze&Schätze

Rummelplatz
Rummelplatz

Seit einer Woche tost in unserer Kleinen Stadt nun schon die Fünfte Jahreszeit. Irgendwie kann man sich ihr kaum entziehen. Die zum Festplatz pilgernden Heerscharen sind allgegenwärtig. Entweder du gesellst dich zu ihnen oder sitzt still irgendwo an der Peripherie und lauschst ihren Hymnen.

Der geneigte Leser imaginiere an dieser Stelle eine Kakophonie aus einschlägigen Tonspuren. Das Sausen und Brausen der Schleudersitze über dem Inferno, das Kreischen der darin baumelnden Armen Seelen und den Lobgesang Wolfgang Petrys auf den Wahnsinn und die Hölle Hölle Hölle.

Wie auch immer. Hörst du lange genug hin, tut sich irgendwann das Auge dieses Feuersturms auf. Und: Wenn du lange genug in seinen Abgrund blickst, blickt der Abgrund irgendwann auch in dich hinein.

Mit der Schwester also an der Peripherie dieses Abgrunds gesessen und – ein bisschen trunken vom mitgeführten Wein – den Blick vorsichtshalber nur ins heilignüchterne Wasser getunkt. Wohin die eine Hälfte unserer Leben entschwunden ist, erscheint in seinem Spiegel ebenso ungewiss wie das, was die andere noch zu bringen gedenkt. Beide wirken in unendliche Fernen gerückt. Nur unser Lachen schwingt sich auf, und weht wie ein Fähnlein im Wind über all das hinweg. Bis hierher und nicht weiter. Weiter wollen wir gar nicht wissen von uns und für den Moment.

Ach, ist doch alles eins, hätte unsere Großmutter jetzt gesagt und dabei mindestens so schallend gelacht wie wir.

Herbstlaubtrittvergnügen

HerbstlaubtrittvergnügenEs gibt Worte, die scheinen mir im Englischen manchmal prägnanter, schöner auch als ihre deutschen Äquivalente. Der glückliche Zufall zum Beispiel. Sofern so willfährig, irgendwann einmal wieder meinen Weg zu kreuzen, werde ich ihn Serendipity nennen. Eine kleine Hommage an die englische Sprache by the way.

Umgekehrt kommt das auch vor. In der New York Post findet sich dieser Tage ein Beitrag, der wiederum die Fähigkeit der deutschen Sprache preist, mit immer neuen Wortschöpfungen eigentlich Unsagbares auszudrücken. Von Zeitgeist und Doppelgänger bis Wanderlust und Schadenfreude haben solche Lehnwörter Einzug gehalten in den anglo-amerikanischen Sprachraum.

Dort erscheint demnächst auch ein Buch  von Ben Schott mit „German Words for the Human Condition“. Allerbeste Aussichten im Rennen um mein persönliches Lieblingswort in diesem Jahr hat die Eisenbahnscheinbewegung. Wer wissen will, was das ist und Lust auf mehr hat, dem sei der erwähnte Artikel Schottenfreude empfohlen.

Ein Traum erschien

Fischen im DrübenEin Traum erschien, der sich mit Bildern aus Eindrücken und Empfindungen der letzten Wochen speiste: Ich betrete den Aufzug des Oriental Pearl Tower in Shanghai. Gleich darauf stellt sich heraus, dass ich besser alle Hoffnung fahren lasse, wie geplant sanft ins Erdgeschoss hinab zu gleiten. Stattdessen beginnt eine aberwitzige Jagd durch gläserne Tunnel, kreuz und quer und rauf und runter durch die ganze Stadt. Grelles Sonnenlicht scheint aus jeder Himmelsrichtung auf die Fassaden, leuchtet die Straßenschluchten vollständig aus, so dass kein Gebäude einen Schatten wirft. Erst als mich auf einmal totale Finsternis umgibt, endet die wilde Fahrt. Ich verlasse den Aufzug, der sich jetzt an der Außenseite eines ziemlich heruntergekommenen, traditionellen chinesischen Badehauses befindet. Gleich gegenüber gibt es einen zweiten, der direkt in die verschiedenen Becken und Liegeecken auf den jeweiligen Stockwerken führt. In einer mit dunklem Holz getäfelten Ruhezone lasse ich mich erschöpft auf eine Sitzbank sinken. Nachdem ich dort eine Weile vergeblich versuche, inmitten von Dampf und Dunkelheit etwas zu erkennen, durchfährt es mich plötzlich siedend heiß: Mein Mobiltelefon ist mir abhanden gekommen. Und während ich mir noch den Kopf zerbreche, wie und wo und wann es geschehen sein könnte, fallen mir weitere Gegenstände ein, die ich unterwegs verloren habe, darunter mein Portemonnaie. Am Ende stelle ich fest, dass mein gesamtes Reisegepäck auf der Strecke geblieben ist. Ich beschließe, noch einmal sämtliche Stockwerke abzufahren. Diesmal ganz systematisch.

Draußen treibt die Natur ihr Werden und Vergehen voran, grünt und blüht zum Himmel, als gelte es einen Ausgleich zu erschaffen zu dem brodelnden Verlusttopf, den Dorothea Grünzweig elegisch in ihrem Gedicht vom Finden und Verlieren beschreibt:

„wir hatten von weither und immer wieder
von vergänglichkeit geredet
vom willen mit einem verlust andere kommende einzuüben
der wendet sich zu trotziger verzweiflung“

und

„WIR SAGEN IN DEN NÄCHSTEN TAGEN ZUEINANDER
sagen es wieder und wieder wie von weither
wir müssen mehr bereit sein zu verlust
am anfang hieß verlieren     lösen freiwerden
wir dürfen das was wir verlieren
nie nie als schlussstein definieren von
dem das leben überdomenden gewölbe
müssen verstehen das ist nur ein verlust
und kommen viele bis zum großen ganz am schluss

dann müssen wir auch in das schweigen gehen
das stärker ist und sprechender als jegliches gedicht“

Oh ja, die Totenstille, trommelt mit den Fäusten an die Wände. Es fühlt sich an, als fischte ich im Drüben mit dem falschen Köder an der Angel. Manchmal hilft Musik, die wir gemeinsam gehört haben. Miles Davis, zum Beispiel, das „Concierto de Aranjuez“.

Aus der Dunkelkammer meines Schreibens

Während ich schreibe fällt der Nebel, und die Bäume lassen ihre letzten Blätter.

Auf der Skala der Grautöne rangieren die Tage bei „Battleship Grey“.

Grau ist das, was bleibt, wenn die Farben ausgeblutet sind.

Alles kommt aus dem Grau und verliert sich darin.

Grau ist der Geist, der alles Bunte verneint.

Grau ist der Horror Vacui.

In der Fotografie werden Grautöne auch als Halbtöne bezeichnet. Allerdings wird die Wahrnehmung des reinen Grau, wenn absolut kein Farbstich vorliegt, durch benachbarte Flächen beeinflusst.

Mit dem Füllen der benachbarten Flächen rücke ich also dem Grau zu Leibe. Beim Baden in den Konnotationen von Grün zum Beispiel: Frische, Hoffnung, Zuversicht.

Nebenbei bemerkt: Der Duft von Japanischer Minze weckt das Gefühl, mehr über dem Wasser zu schweben denn darin zu liegen. Gedanken kommen und gehen wie eine kühle Brise über dem Berg. Als löse sich das Gewicht des Körpers von der Seele.

Der Natur ist es natürlich egal, womit wir unsere Vacuen füllen. Nicht sie ist es, die vor leeren Räumen zurückschreckt.

Wie sagte Herta Müller in einem Interview: „Die Landschaft steht intakt da, während du nicht weißt, wie es weitergeht. Irgendwie ist es ihr total egal.“

Die Natur gehorcht ihren eigenen Gesetzen. Gesetzen des Lichts zum Beispiel.

Peter Nadás kam beim täglichen Fotografieren der Wildkirsche vor seinem Fenster der Gedanke, „dass es keine Zeit gibt. Dass wir falsche Vorstellungen über Jahreszeiten und über die Zeit haben.“ Und stellt sich die Frage: „Wenn alles aus der Unendlichkeit kommt und in die Unendlichkeit geht, was ist dann die Zeit?“

Ich glaube, die Zeit ist ein Konstrukt unseres Gehirns. So wie die Farbwahrnehmung auch.

Grau enthält Rot, Grün und Blau zu jeweils gleichen Teilen. Die Helligkeit ist weder maximal (Weiß) noch minimal (Schwarz). Das ist das ganze Geheimnis. Und wenn die Tage wieder länger werden, werden die Farben neu gemischt.

Ländlicher Raum

Zuckerrübenhaufen

Maisfeld

…und was davon noch übrig ist.

Der nächste März kommt bestimmt.

Schwammerl

Wegmarke

Treppe rauf zur Schleuse

Schleuse

Schilderbaum

Treppe runter zur Donau

Guckst du..;-)

Schutzraum

Vorher

Nachher

Blick von der Donaubrücke gen Westen


Wallfahrt

Abfahrt: 13.36 Uhr Gleis 2

…und Pilger!

Jedem seine eigene Kreuzwegstation.

Lourdesgrotte am Wegesrand

Kalvarienberg ohne Kreuz

Rast im Kastaniengarten „Zur schönen Aussicht“

Schattenspiel an der Friedhofsmauer

Turm der Wallfahrtskirche

Abstieg auf eigene Gefahr

Donau und Eisenbahnbrücke

Blick zurück

Überhängende Äste eines Apfelbaums