Die Fünfte Jahreszeit

Um leblose Erlebnisse kam ich am besten herum, wenn ich still irgendwo saß, ein Haus oder eine Wand anschaute und dabei, zum Beispiel, dem kindischen Lärm eines fernen Rummelplatzes zuhörte.

Wilhelm Genazino, aus den Notizbüchern von Sätze&Schätze

Rummelplatz
Rummelplatz

Seit einer Woche tost in unserer Kleinen Stadt nun schon die Fünfte Jahreszeit. Irgendwie kann man sich ihr kaum entziehen. Die zum Festplatz pilgernden Heerscharen sind allgegenwärtig. Entweder du gesellst dich zu ihnen oder sitzt still irgendwo an der Peripherie und lauschst ihren Hymnen.

Der geneigte Leser imaginiere an dieser Stelle eine Kakophonie aus einschlägigen Tonspuren. Das Sausen und Brausen der Schleudersitze über dem Inferno, das Kreischen der darin baumelnden Armen Seelen und den Lobgesang Wolfgang Petrys auf den Wahnsinn und die Hölle Hölle Hölle.

Wie auch immer. Hörst du lange genug hin, tut sich irgendwann das Auge dieses Feuersturms auf. Und: Wenn du lange genug in seinen Abgrund blickst, blickt der Abgrund irgendwann auch in dich hinein.

Mit der Schwester also an der Peripherie dieses Abgrunds gesessen und – ein bisschen trunken vom mitgeführten Wein – den Blick vorsichtshalber nur ins heilignüchterne Wasser getunkt. Wohin die eine Hälfte unserer Leben entschwunden ist, erscheint in seinem Spiegel ebenso ungewiss wie das, was die andere noch zu bringen gedenkt. Beide wirken in unendliche Fernen gerückt. Nur unser Lachen schwingt sich auf, und weht wie ein Fähnlein im Wind über all das hinweg. Bis hierher und nicht weiter. Weiter wollen wir gar nicht wissen von uns und für den Moment.

Ach, ist doch alles eins, hätte unsere Großmutter jetzt gesagt und dabei mindestens so schallend gelacht wie wir.

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Herbstlaubtrittvergnügen

HerbstlaubtrittvergnügenEs gibt Worte, die scheinen mir im Englischen manchmal prägnanter, schöner auch als ihre deutschen Äquivalente. Der glückliche Zufall zum Beispiel. Sofern so willfährig, irgendwann einmal wieder meinen Weg zu kreuzen, werde ich ihn Serendipity nennen. Eine kleine Hommage an die englische Sprache by the way.

Umgekehrt kommt das auch vor. In der New York Post findet sich dieser Tage ein Beitrag, der wiederum die Fähigkeit der deutschen Sprache preist, mit immer neuen Wortschöpfungen eigentlich Unsagbares auszudrücken. Von Zeitgeist und Doppelgänger bis Wanderlust und Schadenfreude haben solche Lehnwörter Einzug gehalten in den anglo-amerikanischen Sprachraum.

Dort erscheint demnächst auch ein Buch  von Ben Schott mit „German Words for the Human Condition“. Allerbeste Aussichten im Rennen um mein persönliches Lieblingswort in diesem Jahr hat die Eisenbahnscheinbewegung. Wer wissen will, was das ist und Lust auf mehr hat, dem sei der erwähnte Artikel Schottenfreude empfohlen.

Von hungrigen Löwinnen

Spieglein, SpiegleinAlles beginnt damit, dass ich auf der Rampe einer Wasserrutsche stehe. Hinter mir drängt mich eine männliche Stimme, endlich loszulassen und zu springen. Ich würde mich gerne umdrehen, um zu sehen, wer sich dahinter verbirgt, aber das darf ich nicht. „Dreh‘ dich nicht um, dreh‘ dich nicht um!“ raunt sie mir jedes Mal ins Ohr, sobald ich versuche, den Kopf zu wenden.

Irgendwann springe ich tatsächlich, und die Rutsche entpuppt sich als gigantische Wildwasserbahn und das Wildwasser als die Donau, auf der ich in rasender Geschwindigkeit an der Stadt vorbei katapultiert werde. Ich kann gerade noch einen Blick auf das Riesenrad erhaschen und spüre, dass der Unbekannte immer noch dicht hinter mir ist, ja, mich fest umklammert hält und mir inmitten all des Getöses immer noch denselben Satz in die Ohren brüllt: „Dreh‘ dich nicht um, dreh‘ dich nicht um!“

Plötzlich lande ich in einem kleinen Bretterverschlag. Alles wirkt wie die verlassene Kulisse auf einer großen Bühne. Der Vorhang ist gefallen, die Scheinwerfer erloschen. Keine Menschenseele weit und breit. Ich weiß nur, dass ich mich irgendwo auf dem Balkan befinde. Als die ersten Wölfe auftauchen, fühle ich mich rettungslos verloren. Immer mehr Tiere streichen um meinen Verschlag. Hyänen und Schakale. Ein Rudel hungriger Löwinnen, von denen mich eine hinterrücks anfällt. In dem Bewusstsein, dass sie jeden Moment zubeißen kann, beginne ich zu schreien. Ich rufe nach meinem Sohn. Immer wieder. Gleichzeitig wage ich nicht, mich zu bewegen. Eine falsche Bewegung, und sie wird zubeißen. In dem Moment, als ich es nicht mehr auszuhalten glaube, taucht L. auf, in den Händen eine Lanze, mit der er auf die Löwin einzuschlagen beginnt. Wie ein Berserker drischt er auf das Tier ein. Er schlägt sie buchstäblich zu Brei. Alles ist jetzt voller Blut, Fleischstücken und Knochensplittern. Unter meinen Füßen erkenne ich den Teppich aus meinem Zimmer. Jetzt ist er nicht mehr rot gefärbt sondern blutgetränkt, denke ich und: „Es musste früher oder später so kommen!“ Mir scheint, als hätte ich ein Geheimnis gelüftet, und alles würde nun endlich gut werden.

Leider war es mir nicht vergönnt, das Wissen um dieses Geheimnis über die Schwelle zwischen Traum und Wirklichkeit zu tragen. Bemerkenswert dagegen die Farbe, die sich aus dem Traumraum in die Wirklichkeit ergießt. Obwohl Wirklichkeit. Was heißt das schon. In Soutines Morphinträumen ist das Paradies „ein weites leeres … tiefverschneites Land …“ Und an einer anderen Stelle, die ich sehr liebe, heißt es:

Warum sollten nicht die Farben Brüder der Schmerzen sein, da diese wie jene uns ins Ewige ziehen?

Wenn im Französischen couleur und douleur, Farbe und Schmerz, so nah beieinander liegen, wirft einer von den dreien ein, was meinen Sie zur merkwürdigen Nachbarschaft von Farben und Narben im Deutschen? Sind die farbigen Wunden in der einen Sprache schmerzhaft offenbar und gegenwärtig, durchpulsen die Haut und das sprachliche Gewebe, so zeugen sie in der anderen von gewesenen Verletzungen, von geschlossenen Wunden, von der späten Erinnerung an den Schmerz.

Der Maler zuckt auf. Denn in seiner Sprache reimen sich die Farben noch mit einem anderen Wort.

Wi an ofene wund … Los mich nit asoj fil mol schtarbn wi der harbsst in tojsnt farbn.

Ralph Dutli, „Soutines letzte Fahrt“

 

Ländlicher Raum

Zuckerrübenhaufen

Maisfeld

…und was davon noch übrig ist.

Der nächste März kommt bestimmt.

Schwammerl

Wegmarke

Treppe rauf zur Schleuse

Schleuse

Schilderbaum

Treppe runter zur Donau

Guckst du..;-)

Schutzraum

Vorher

Nachher

Blick von der Donaubrücke gen Westen