Loseblattsammlung

LoseblattsammlungSanfte Brise aus der Bibliothek des Baches, sein leises Murmeln im Ohr. So geheimnisvoll, dass ich es nicht entschlüsseln kann. Langsam fallen die Blätter wie lose Seiten aus einem Buch. Taumeln beschwipst im lauen Oktoberwind, rascheln unter jedem Schritt. Ein verworfenes Manuskript. Seine Schrift verblasst im Sonnenglast, das Murmeln verklingt. Zieht sich zurück wie ein ganzes Meer bei Ebbe. Nur mitten in der Bibliothek des Baches die Loseblattsammlung, geborgen von Strömung und Schatten.

Die Fünfte Jahreszeit

Um leblose Erlebnisse kam ich am besten herum, wenn ich still irgendwo saß, ein Haus oder eine Wand anschaute und dabei, zum Beispiel, dem kindischen Lärm eines fernen Rummelplatzes zuhörte.

Wilhelm Genazino, aus den Notizbüchern von Sätze&Schätze

Rummelplatz
Rummelplatz

Seit einer Woche tost in unserer Kleinen Stadt nun schon die Fünfte Jahreszeit. Irgendwie kann man sich ihr kaum entziehen. Die zum Festplatz pilgernden Heerscharen sind allgegenwärtig. Entweder du gesellst dich zu ihnen oder sitzt still irgendwo an der Peripherie und lauschst ihren Hymnen.

Der geneigte Leser imaginiere an dieser Stelle eine Kakophonie aus einschlägigen Tonspuren. Das Sausen und Brausen der Schleudersitze über dem Inferno, das Kreischen der darin baumelnden Armen Seelen und den Lobgesang Wolfgang Petrys auf den Wahnsinn und die Hölle Hölle Hölle.

Wie auch immer. Hörst du lange genug hin, tut sich irgendwann das Auge dieses Feuersturms auf. Und: Wenn du lange genug in seinen Abgrund blickst, blickt der Abgrund irgendwann auch in dich hinein.

Mit der Schwester also an der Peripherie dieses Abgrunds gesessen und – ein bisschen trunken vom mitgeführten Wein – den Blick vorsichtshalber nur ins heilignüchterne Wasser getunkt. Wohin die eine Hälfte unserer Leben entschwunden ist, erscheint in seinem Spiegel ebenso ungewiss wie das, was die andere noch zu bringen gedenkt. Beide wirken in unendliche Fernen gerückt. Nur unser Lachen schwingt sich auf, und weht wie ein Fähnlein im Wind über all das hinweg. Bis hierher und nicht weiter. Weiter wollen wir gar nicht wissen von uns und für den Moment.

Ach, ist doch alles eins, hätte unsere Großmutter jetzt gesagt und dabei mindestens so schallend gelacht wie wir.

Bleecker Street, Summer

Summer
Summer
Summer for prose and lemons, for nakedness and languor,
for the eternal idleness of the imagined return,
for rare flutes and bare feet, and the August bedroom
of tangled sheets and the Sunday salt, ah violin!

When I press summer dusks together, it is
a month of street accordions and sprinklers
laying the dust, small shadows running from me.

It is music opening and closing, Italia mia, on Bleecker,
ciao, Antonio, and the water-cries of children
tearing the rose-coloured sky in streams of paper;
it is dusk in the nostrils and the smell of water
down littered streets that lead you to no water,
and gathering islands and lemons in the mind.

There is the Hudson, like the sea aflame.
I would undress you in the summer heat,
and laugh and dry your damp flesh if you came.

 

Derek Walcott

 

My course is set for an uncharted sea

Wir müssen uns Kimmo Joentaa als einen jungen Mann vorstellen. Zum Glück gibt es gesetzt den Fall, dass dies misslingen sollte, den Erzähler, der einen von Zeit zu Zeit an die Kandare nimmt, um zu verhindern, dass die Phantasie der geneigten Leserin vollkommen mit ihr durchgeht. Aber was heißt hier Phantasie. Nichts leichter, als sich in jemanden hineinzuversetzen, dem Schlafes Bruder gerade einen geliebten Menschen geraubt hat. So weit so schlimm. Diesen Stein rollt er von nun an vor sich her. Dass es ausgerechnet einen jungen Menschen treffen muss, will gar nicht in die Gefüge von Raum und Zeit passen, die wir uns manchmal als Trost zurechtlegen, von wegen der natürliche Lauf der Dinge und so. Seine Introvertiertheit macht es ihm auch nicht leichter, mir den Protagonisten dafür um so sympathischer. Wirklich ein durch und durch gelungener Gegenentwurf, dieser junge Polizist, zu all den toughen Krimifrauen, deren einzige Schwäche es ist, sich nach einem langen Tag am Seziertisch ein Glas gut gekühlten Weißwein zu genehmigen. Kimmo dagegen trinkt Milch zum Abendbrot in seinem einsamen Haus am naturgemäß eiskalten finnischen Ende der Welt.

Ketola kicherte leise, während er durch den stärker werdenden Schneefall lief. Er mochte Kimmo, die Integrität dieses Mannes oder wie immer man das nennen wollte, war ein wenig penetrant, die Art, wie er alles so verdammt ernst nahm… aber er mochte ihn wirklich, und er hatte zwei volle Jahre lang mit dem Gedanken gespielt, mit Kimmo irgendwann länger über den Tod seiner Frau zu sprechen, weil er das Gefühl nicht los wurde, dass dieser Mann in aller Stille am Tod seiner Frau verrückt wurde, und mit Verrückten, vor allem mit Verrückten in jungen Jahren, kannte Ketola sich aus.

Das Zitat ist schon aus dem zweiten Band der Reihe, „Das Schweigen“, denn natürlich will ich wissen, wie es mit Kimmo weitergeht. Das dazu.

In „Diese schönen Tage“ von Patrizia Cavalli entdeckte ich diese Woche ein Gedicht mit dem Titel „Scheint auch der Tag vorübergezogen“:

Scheint auch der Tag vorübergezogen
wie der Flügel einer Schwalbe,
wie hingeworfener Staub
den man nicht auflesen kann
und die Beschreibung, die Erzählung
sind nicht nötig, nicht erhört
bleibt immer ein Wort übrig
ein Wörtchen nur
um vielleicht zu sagen
daß es nichts zu sagen gibt.

So geht es mir meistens am Ende eines Tages. Dann helfen weder Weißwein noch Milch. Weil mir die Zeilen so vertraut vorkamen, stöberte ich in meinen Notizen, und abgesehen davon, dass ich fündig wurde, stieß ich darüber hinaus in drei ganz unterschiedlichen Zusammenhängen noch auf jeweils einen Absatz, die gemeinsam plötzlich einen Sinn ergaben. Daraus wurde dann „Scheint auch die Nacht vorübergezogen“.

Das Gilben der Karten beginnt lange bevor es augenfällig wird, das Suchen der Farben aber hört niemals auf. Ja, es ist schön, wie sich alles verzweigt und verbindet.

Der Sohn entführte mich heute in die Welt des Monsieur Hu. Hier wird Ingwertee mit Minze empfohlen. Savoir vivre. Die kulinarische Landkarte jedenfalls ist groß…

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Herbstlaubtrittvergnügen

HerbstlaubtrittvergnügenEs gibt Worte, die scheinen mir im Englischen manchmal prägnanter, schöner auch als ihre deutschen Äquivalente. Der glückliche Zufall zum Beispiel. Sofern so willfährig, irgendwann einmal wieder meinen Weg zu kreuzen, werde ich ihn Serendipity nennen. Eine kleine Hommage an die englische Sprache by the way.

Umgekehrt kommt das auch vor. In der New York Post findet sich dieser Tage ein Beitrag, der wiederum die Fähigkeit der deutschen Sprache preist, mit immer neuen Wortschöpfungen eigentlich Unsagbares auszudrücken. Von Zeitgeist und Doppelgänger bis Wanderlust und Schadenfreude haben solche Lehnwörter Einzug gehalten in den anglo-amerikanischen Sprachraum.

Dort erscheint demnächst auch ein Buch  von Ben Schott mit „German Words for the Human Condition“. Allerbeste Aussichten im Rennen um mein persönliches Lieblingswort in diesem Jahr hat die Eisenbahnscheinbewegung. Wer wissen will, was das ist und Lust auf mehr hat, dem sei der erwähnte Artikel Schottenfreude empfohlen.

Inbetween

Just a shadow. Hardly that. But audible. Coming out of the woods, whispering Happily Ever After...
Just a shadow. Hardly that. But audible.
Coming out of the woods, whispering
Happily Ever After…*

Ich glaube, es geht mir besser, sagte ich neulich zum Urenkel der Schwarzen Witwe, der sich von berufs wegen für mein Befinden interessiert. Beide brachen wir zugleich in schallendes Gelächter aus. Im selben Moment war mir klar, dass meine Antwort, die ich mir im Vorfeld sorgfältigst zurecht gelegt hatte, nicht gerade überzeugend geklungen haben konnte. Gelogen war sie nicht. Sie war so ehrlich, wie ich es zum jetzigen Zeitpunkt sein kann. Darüber hinaus wollte ich nicht den Eindruck eines sich stetig ausweitenden tiefen Tales erwecken. Manchmal ist der Eindruck, den man hinterlassen möchte oder eben nicht, etwas, woran man sich festhalten kann. Ich glaube wirklich, dass es mir besser geht, bekräftigte ich meine Aussage. Am Ende wird ihn nicht die sondern mein Lachen dahingehend überzeugt haben, dass ich zumindest auf einem Weg bin, der aus dem tiefen Tal auch wieder hinaus führt.

Eigentlich hatte ich ihn um eine Erklärung für einen Gedanken bei Teju Cole bitten wollen, der mich bis heute nicht loslässt:

In Trauer und Melancholie und später in Das Ich und das Es argumentierte Freud, dass man im normalen Trauervorgang die Toten verinnerlicht. Die Toten werden vollständig in die Lebenden assimiliert, in einem Prozess, den er Introjektion nennt. Bei einem Trauerprozess, der nicht normal verläuft, bei einer falschen Trauer sozusagen, findet diese gesunde Verinnerlichung nicht statt, sondern etwas, das er Inkorporation nennt. Dann besetzen die Toten nur einen Teil des Überlebenden; sie sind teilweise abgetrennt, verborgen in einer Krypta, von der aus sie die Lebendigen heimsuchen.

Ich verstehe den Unterschied nicht. So oft und so lange ich darüber nachdenke, verstehe ich ihn immer weniger. Leider vergaß ich, den Urenkel danach zu fragen. Auch das Vergessen ist unter Umständen als gutes Zeichen zu werten. Vermutlich hätte er ohnehin abgewunken. Wenn überhaupt, wird Freud heutzutage höchstens noch aus literarischen Gründen gelesen.

Apropos Vergessen: Der Schwester erzählte ich von meinem letzten Traum. Vielleicht brauchst Du das, meinte sie, ihm den Schwarzen Peter zuzuschieben. Auch das gab mir zu denken. Wieso sollte ich das brauchen? Weil Vorwürfe Trotzreaktionen provozieren? Versuche, sich zu rechtfertigen. Das eigene Recht auf Leben verteidigen. Kleine Freuden wie ein Bollwerk vor sich aufbauen.

Zur Medikation gesellt sich nun auch noch ein blutdrucksenkendes Mittel. So what! Die Wirkung ist von größerer Durchschlagskraft als die so manchen Psychopharmakums. Von alleine konnte ich aus dem Drivemodus meines inneren Automatikgetriebes nicht mehr runterschalten. Ich bin jetzt ruhiger. Auch der Presslufthammer, der schon am Morgen in mir zu wüten begann, hat seine Arbeit eingestellt. Ich renne nicht mehr mit weit geschlossenen Augen durch die Gegend.

Nur eine irrationale innere Stimme begleitet mich auf Schritt und Tritt. Wie der Geist, der stets verneint. Und gegen den vielleicht alles, was in diesen Tagen danach entsteht, verteidigt werden muss.

*Zitat Paul Grant, „Just Another Paradigm Shift“

Mittwoch, 08. Februar 2012

Man kommt immer da an, wo man erwartet wird, las ich sinngemäß irgendwo die Tage. Auf die wesentlichen Begegnungen im Leben trifft das wohl zu, warum sollte dieser schöne Satz nicht auch für die Arbeitssuche gelten, dachte ich mir. Nach der gestrigen Absage fühlte ich mich wie befreit. Das Hoffen und Bangen der letzten Wochen hatte mich geradezu gelähmt. Als ich endlich wusste, was Sache war, war ich plötzlich wieder imstande, ein paar Telefonate zu tätigen und drei neue Bewerbungen aufzusetzen. Die erste positive Reaktion ereilte mich gleich heute, während ich mit Vicky in der Cafébar ein spätes Frühstück einnahm.

Gestern war sie auf die glorreiche Idee gekommen, sich den Vormittag frei zu nehmen, um gemeinsam mit ihrer in diesen Dingen noch nachlässigeren Mutter die längst überfällige Ummeldung auf dem Einwohnermeldeamt zu erledigen und mich anschließend zum Essen einzuladen. Das Mädel im Meldeamt klärte uns dahingehend auf, dass die Ummeldung eigentlich innerhalb einer Woche zu erfolgen gehabt hätte, dass sie aber so gerade eben noch ein, um nicht zu sagen beide Augen zudrücken könne. Wohlweislich hatten Vicky und ich uns schon im Vorhinein darüber verständigt, den Umzug sicherheitshalber vorgeblich auf den 01.01.2012 zu datieren. Ein ruppigerer Beamter hätte uns auch eine ordentliche Ordnungsstrafe aufbrummen können.

Als wir also anschließend gemütlich im Warmen der Cafébar saßen und abwechselnd in unsere Gespräche und in den Anblick des von der Sonne ausgeleuchteten klirrend kalten Wintertages draußen vor der Tür vertieft waren, klingelte mein Handy, und es meldete sich der Herr von der Firma G., um mich für nächste Woche Mittwoch, 10 Uhr zu einem Vorstellungsgespräch einzuladen. Ausgerechnet auf die Bewerbung eine erste Reaktion, die ich mit den meisten Skrupeln versehen gestern zur Post gegeben hatte. Eine relativ anspruchsvolle Buchhalterstelle, direkt der kaufmännischen Leitung unterstellt, von der ich mir nicht einmal sicher bin, ob ich sie überhaupt auszufüllen imstande wäre. Fachlich eigentlich genau das, was meiner Berufserfahrung bis dato entsprechen würde. Aber wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Von meinen Zweifeln werde ich nächsten Mittwoch nicht einen einzigen durchblicken lassen. Zumindest darin bin ich gut.

War das schön, meinte Vicky, als wir uns um 12 Uhr verabschiedeten, sie zur Arbeit und ich in den Park. Ein bisschen wie Urlaub. Mehr als dieses In-den-Tag-hinein-leben, worin ich zwar Meister bin, das aber nicht jeden Tag auch Urlaubsgefühle in mir zu wecken vermag.

Sonntagsausflug

Gilbhard im Park

Durchgesessen

Ostdeutsche Galerie

Große Fußwaschende

Fahnenstrickinstallation

Spidronized Archimedean Solids

Licht und Schattenstruktur


Sonnenschein und lange Schatten

Hell und Dunkel

Eingewachsen

Anschmiegsam

Eingebettet

Altes Kreuz und junger Baum

Portal der Schottenkirche St. Jakob


Hinterhof der Dreieinigkeitskirche


Wallfahrt

Abfahrt: 13.36 Uhr Gleis 2

…und Pilger!

Jedem seine eigene Kreuzwegstation.

Lourdesgrotte am Wegesrand

Kalvarienberg ohne Kreuz

Rast im Kastaniengarten „Zur schönen Aussicht“

Schattenspiel an der Friedhofsmauer

Turm der Wallfahrtskirche

Abstieg auf eigene Gefahr

Donau und Eisenbahnbrücke

Blick zurück

Überhängende Äste eines Apfelbaums