Stöckchenhausen

IMG_3029Seit Monaten dachte ich darüber nach, wie es wohl wäre, wieder mit einer Katze zu leben.

Obwohl, nachdenken kann man es eigentlich nicht nennen. Um einen wirklich klaren Gedanken zu fassen, müsste ich imstande sein, den schmalen Grat der Erschöpfung, an dem ich mich entlang hangele, endlich einmal zu verlassen. Allein, echte Landgewinnung will mir nicht gelingen. Die flackernde Funzel am Ende des Tunnels ist ein zu schwaches Licht, um das Dunkel so weit zu erhellen, dass sich daraus ein konkretes Konzept ableiten ließe. Und so ist jegliche Idee lediglich ein Irrlicht ohne Substanz an meinem geistigen Horizont und verschwindet so schnell wieder, wie sie sich durch nicht weiter fassbare Polaritäten aufgeladen haben mag. Ermüdend ist das, und die allgegenwärtige Erschöpfung macht es mir unmöglich, ein Gegengift zu finden. Ich tue das, was sich wie ein Roter Faden durch mein Leben zieht: warten auf eine Kaiserliche Botschaft, die bekanntlich nie eintrifft: Du aber sitzt an deinem Fenster und erträumst sie Dir, wenn der Abend kommt.

Könntest du dein Leben noch einmal leben, würde es vielleicht so sein, wie es der Schatten, der dir voraus eilt, immer suggeriert hat: zielstrebig und zupackend, denke ich, während ich die immer gleichen Wege gehe, die das Tagesgeschäft mir vorschreibt. Manchmal möchte ich gar nicht mehr aufstehen oder aber in den nächstbesten Zug steigen und auf und davon. Dazwischen scheint es nur diesen schmalen Grat zu geben, den ich so wenig wie möglich ernst zu nehmen versuche, denn anders wäre er nicht zu ertragen.

Im Moment würde ich mein letztes Hemd geben, wenn Heimat ein Ort wäre, an den ich mich jetzt zurückziehen könnte. Stattdessen rächt sich in der Tat die Vergangenheit, die wie ein schlecht erzogenes Kind ihr Unwesen treibt. Diesem Kind war es nie gegeben, sich einen solchen Ort zu erschaffen. Heimat war und blieb bis heute für mich das, was Lene Lovich als Staccato ihrer Kehle abringt, just emotion, sticking in my throat. Home is hard to swallow, home is like a rock. Home is good clean living, home is – I forgot. Let’s go to your place…

Heimat kann sehr weit weg sein, wenn sie sich nicht in einem selber verorten oder einen das Herz verlieren lässt. Home is, will you miss it, home is, I don’t know. Ein Ort, der mit jedem Verlust einerseits in immer weitere Ferne rückt. Andererseits könnte in diesem Gefühl die Rolle begründet liegen, die die Toten in meinem Leben spielen.

Mein Vater zum Beispiel. Lange Zeit lebte ich mein Leben in dem Glauben, es wäre besser gewesen, wenn ich ihm nie begegnet wäre. An meine letzte Ohrfeige erinnere ich mich nicht, stattdessen daran, wie mein Vater mich an der Gurgel packte und mir drohte, mich umzubringen, wenn er mich beim Rauchen oder mit einem Jungen erwischen würde. Ich nahm ihn beim Wort. Am Ende hätte es ihn vielleicht froh gemacht, von mir eine Zigarette angeboten zu bekommen und mit mir gemeinsam seinen Enkelkinder beim Spielen zuzusehen, während alles, was jemals zwischen uns stand, in Schall und Rauch aufgegangen wäre. Aber dazu kam es nicht. Als er starb, hatte ich ihn über zwanzig Jahre nicht gesehen, und es erschien mir nur konsequent, auch seinen Tod zu ignorieren. Auf die Dauer funktionierte das natürlich nicht, aber damit auseinandersetzen konnte ich mich erst, nachdem der Vater meiner Kinder gestorben war. Seitdem hole ich ihn Stück für Stück in mein Leben zurück und damit ein Viertel meiner Lebensgeschichte, die ich lange Zeit gerne gestrichen hätte.

Der Tod oder la mort trägt für mich die Maske dessen, den er oder sie holt. Mir persönlich begegnete er bislang immer in der Gestalt eines Mannes. Merkwürdig eigentlich. Auch dass ich keine Lieblingsmalerin benennen kann, auch darüber sollte ich nachdenken.

Kurz bevor er starb, erzählte mir mein erster Mann die Geschichte eines Schwangerschaftsabbruches seiner Mutter, der wiederum von deren Mutter vorgenommen worden war. Wir schreiben das Jahr 1955 in Chile. Er ist sechs Jahre alt, als die Großmutter mit ihm und dem in ein weißes Tuch gehüllten Fötus in den Wald geht, um das tot geborene Kind zu begraben. Noch fünfzig Jahre später trieb ihm die Erinnerung den Angstschweiß auf die Stirn. Ich verstand erst im Nachhinein, dass er im Grunde über seine Furcht vor dem Tod sprach, der im Begriff war, ihn einzuholen. Seitdem verfolgt mich dieser kleine Funke eines Lebens, der verglühte, noch bevor er das Licht der Welt erblickte, wie es immer so schön heißt. Es war ein Mädchen, aber der Grund, warum la mort in diesem Fall die Gesichtszüge einer Frau trägt, ist eigentlich die Großmutter, die ihm den Tod gebracht hat.

In diesem Zusammenhang über meinen ersten Kuss zu schreiben, erscheint irgendwie makaber, aber, wie sollte es anders sein, Geburt und Tod, Leben und Sterben liegen eben eng beieinander. Meinen ersten Kuss bekam ich vom Vater meiner Kinder. Meine erste Katze übrigens auch. Absolute Unerfahrenheit prallten auf das genaue Gegenteil. Ich war eine Spätzünderin und er 15 Jahre älter als ich. Der Rest ist ein weiteres Viertel meiner Lebensgeschichte mit sämtlichen Hochs und Tiefs, die der geneigte Leser mit entsprechend Phantasie sich vielleicht vorstellen kann.

Ich denke, damit die Fragen der Mützenfalterin in einer Momentaufnahme beantwortet zu haben. BisKater auf eine: Was mir Mut macht. Hier schließt sich der Kreis. Mir ist nämlich eine Katze zugelaufen. Sie kam über die Dächer direkt durch mein geöffnetes Küchenfenster herein spaziert und tut seitdem so, als wäre sie hier schon immer und ewig zu Hause. Jeder, der die Aussicht kennt, die sich dem Auge des Betrachters aus meinem Küchenfenster bietet, hält dies für einen Zufall, der gar nicht erst als glücklich interpretiert werden muss. Er ist es schlicht und ergreifend. Denn die Aussicht, dass auf diesem Wege mein leise vor sich hin schwelender Wunsch in Erfüllung hätte gehen können, tendiert gen Null. Niemand weiß, woher sie tatsächlich kommt, wie sie auf die Dächer kam, niemand vermisst sie.

Sie ist eigentlich ein Kater. Nachdem er nun seit einer Woche hier haust, habe ich beschlossen, ihn zu behalten, und nach weiterer reiflicher Überlegung ihm auch einen Namen gegeben: Kafka. Kafka will jetzt spielen, deshalb schließe ich an dieser Stelle. Es gilt: Mir das letzte Viertel meines Lebens zu erobern und natürlich: meine Lieblingsmalerin ausfindig zu machen.