Von hungrigen Löwinnen

Spieglein, SpiegleinAlles beginnt damit, dass ich auf der Rampe einer Wasserrutsche stehe. Hinter mir drängt mich eine männliche Stimme, endlich loszulassen und zu springen. Ich würde mich gerne umdrehen, um zu sehen, wer sich dahinter verbirgt, aber das darf ich nicht. „Dreh‘ dich nicht um, dreh‘ dich nicht um!“ raunt sie mir jedes Mal ins Ohr, sobald ich versuche, den Kopf zu wenden.

Irgendwann springe ich tatsächlich, und die Rutsche entpuppt sich als gigantische Wildwasserbahn und das Wildwasser als die Donau, auf der ich in rasender Geschwindigkeit an der Stadt vorbei katapultiert werde. Ich kann gerade noch einen Blick auf das Riesenrad erhaschen und spüre, dass der Unbekannte immer noch dicht hinter mir ist, ja, mich fest umklammert hält und mir inmitten all des Getöses immer noch denselben Satz in die Ohren brüllt: „Dreh‘ dich nicht um, dreh‘ dich nicht um!“

Plötzlich lande ich in einem kleinen Bretterverschlag. Alles wirkt wie die verlassene Kulisse auf einer großen Bühne. Der Vorhang ist gefallen, die Scheinwerfer erloschen. Keine Menschenseele weit und breit. Ich weiß nur, dass ich mich irgendwo auf dem Balkan befinde. Als die ersten Wölfe auftauchen, fühle ich mich rettungslos verloren. Immer mehr Tiere streichen um meinen Verschlag. Hyänen und Schakale. Ein Rudel hungriger Löwinnen, von denen mich eine hinterrücks anfällt. In dem Bewusstsein, dass sie jeden Moment zubeißen kann, beginne ich zu schreien. Ich rufe nach meinem Sohn. Immer wieder. Gleichzeitig wage ich nicht, mich zu bewegen. Eine falsche Bewegung, und sie wird zubeißen. In dem Moment, als ich es nicht mehr auszuhalten glaube, taucht L. auf, in den Händen eine Lanze, mit der er auf die Löwin einzuschlagen beginnt. Wie ein Berserker drischt er auf das Tier ein. Er schlägt sie buchstäblich zu Brei. Alles ist jetzt voller Blut, Fleischstücken und Knochensplittern. Unter meinen Füßen erkenne ich den Teppich aus meinem Zimmer. Jetzt ist er nicht mehr rot gefärbt sondern blutgetränkt, denke ich und: „Es musste früher oder später so kommen!“ Mir scheint, als hätte ich ein Geheimnis gelüftet, und alles würde nun endlich gut werden.

Leider war es mir nicht vergönnt, das Wissen um dieses Geheimnis über die Schwelle zwischen Traum und Wirklichkeit zu tragen. Bemerkenswert dagegen die Farbe, die sich aus dem Traumraum in die Wirklichkeit ergießt. Obwohl Wirklichkeit. Was heißt das schon. In Soutines Morphinträumen ist das Paradies „ein weites leeres … tiefverschneites Land …“ Und an einer anderen Stelle, die ich sehr liebe, heißt es:

Warum sollten nicht die Farben Brüder der Schmerzen sein, da diese wie jene uns ins Ewige ziehen?

Wenn im Französischen couleur und douleur, Farbe und Schmerz, so nah beieinander liegen, wirft einer von den dreien ein, was meinen Sie zur merkwürdigen Nachbarschaft von Farben und Narben im Deutschen? Sind die farbigen Wunden in der einen Sprache schmerzhaft offenbar und gegenwärtig, durchpulsen die Haut und das sprachliche Gewebe, so zeugen sie in der anderen von gewesenen Verletzungen, von geschlossenen Wunden, von der späten Erinnerung an den Schmerz.

Der Maler zuckt auf. Denn in seiner Sprache reimen sich die Farben noch mit einem anderen Wort.

Wi an ofene wund … Los mich nit asoj fil mol schtarbn wi der harbsst in tojsnt farbn.

Ralph Dutli, „Soutines letzte Fahrt“

 

Aus der Dunkelkammer meines Schreibens

Während ich schreibe fällt der Nebel, und die Bäume lassen ihre letzten Blätter.

Auf der Skala der Grautöne rangieren die Tage bei „Battleship Grey“.

Grau ist das, was bleibt, wenn die Farben ausgeblutet sind.

Alles kommt aus dem Grau und verliert sich darin.

Grau ist der Geist, der alles Bunte verneint.

Grau ist der Horror Vacui.

In der Fotografie werden Grautöne auch als Halbtöne bezeichnet. Allerdings wird die Wahrnehmung des reinen Grau, wenn absolut kein Farbstich vorliegt, durch benachbarte Flächen beeinflusst.

Mit dem Füllen der benachbarten Flächen rücke ich also dem Grau zu Leibe. Beim Baden in den Konnotationen von Grün zum Beispiel: Frische, Hoffnung, Zuversicht.

Nebenbei bemerkt: Der Duft von Japanischer Minze weckt das Gefühl, mehr über dem Wasser zu schweben denn darin zu liegen. Gedanken kommen und gehen wie eine kühle Brise über dem Berg. Als löse sich das Gewicht des Körpers von der Seele.

Der Natur ist es natürlich egal, womit wir unsere Vacuen füllen. Nicht sie ist es, die vor leeren Räumen zurückschreckt.

Wie sagte Herta Müller in einem Interview: „Die Landschaft steht intakt da, während du nicht weißt, wie es weitergeht. Irgendwie ist es ihr total egal.“

Die Natur gehorcht ihren eigenen Gesetzen. Gesetzen des Lichts zum Beispiel.

Peter Nadás kam beim täglichen Fotografieren der Wildkirsche vor seinem Fenster der Gedanke, „dass es keine Zeit gibt. Dass wir falsche Vorstellungen über Jahreszeiten und über die Zeit haben.“ Und stellt sich die Frage: „Wenn alles aus der Unendlichkeit kommt und in die Unendlichkeit geht, was ist dann die Zeit?“

Ich glaube, die Zeit ist ein Konstrukt unseres Gehirns. So wie die Farbwahrnehmung auch.

Grau enthält Rot, Grün und Blau zu jeweils gleichen Teilen. Die Helligkeit ist weder maximal (Weiß) noch minimal (Schwarz). Das ist das ganze Geheimnis. Und wenn die Tage wieder länger werden, werden die Farben neu gemischt.