Fenster zur Welt

Fenster zur Welt

Short Messages von meinem Sohn aus Ordu an der türkischen Schwarzmeerküste. Das ein oder andere ist schon mal missverständlich, weil Netzjargon und heimgesucht von den Tücken des Text on 9 keys. Dann fügt es sich in meinem Kopf zu klassischen Fernschriften: Viele Mischehen stop Korrektur stop Moscheen zum Beispiel.

Als Tonnachrichten erreichen mich die Rufe des Muezzins zum Gebet, der ganz normale Wahnsinn im Straßenverkehr einer türkischen Stadt und das Plätschern von Wasser. Bilder von Haselnussbäumen, so weit das Auge reicht.

„Die Wirklichkeit ist ein Spiegel“, sagte Michelles Stimme, „durch den deine Hand hindurchgreift.“ *

* Zitat Wolfgang Herrndorf, „Sand“

Von hungrigen Löwinnen

Spieglein, SpiegleinAlles beginnt damit, dass ich auf der Rampe einer Wasserrutsche stehe. Hinter mir drängt mich eine männliche Stimme, endlich loszulassen und zu springen. Ich würde mich gerne umdrehen, um zu sehen, wer sich dahinter verbirgt, aber das darf ich nicht. „Dreh‘ dich nicht um, dreh‘ dich nicht um!“ raunt sie mir jedes Mal ins Ohr, sobald ich versuche, den Kopf zu wenden.

Irgendwann springe ich tatsächlich, und die Rutsche entpuppt sich als gigantische Wildwasserbahn und das Wildwasser als die Donau, auf der ich in rasender Geschwindigkeit an der Stadt vorbei katapultiert werde. Ich kann gerade noch einen Blick auf das Riesenrad erhaschen und spüre, dass der Unbekannte immer noch dicht hinter mir ist, ja, mich fest umklammert hält und mir inmitten all des Getöses immer noch denselben Satz in die Ohren brüllt: „Dreh‘ dich nicht um, dreh‘ dich nicht um!“

Plötzlich lande ich in einem kleinen Bretterverschlag. Alles wirkt wie die verlassene Kulisse auf einer großen Bühne. Der Vorhang ist gefallen, die Scheinwerfer erloschen. Keine Menschenseele weit und breit. Ich weiß nur, dass ich mich irgendwo auf dem Balkan befinde. Als die ersten Wölfe auftauchen, fühle ich mich rettungslos verloren. Immer mehr Tiere streichen um meinen Verschlag. Hyänen und Schakale. Ein Rudel hungriger Löwinnen, von denen mich eine hinterrücks anfällt. In dem Bewusstsein, dass sie jeden Moment zubeißen kann, beginne ich zu schreien. Ich rufe nach meinem Sohn. Immer wieder. Gleichzeitig wage ich nicht, mich zu bewegen. Eine falsche Bewegung, und sie wird zubeißen. In dem Moment, als ich es nicht mehr auszuhalten glaube, taucht L. auf, in den Händen eine Lanze, mit der er auf die Löwin einzuschlagen beginnt. Wie ein Berserker drischt er auf das Tier ein. Er schlägt sie buchstäblich zu Brei. Alles ist jetzt voller Blut, Fleischstücken und Knochensplittern. Unter meinen Füßen erkenne ich den Teppich aus meinem Zimmer. Jetzt ist er nicht mehr rot gefärbt sondern blutgetränkt, denke ich und: „Es musste früher oder später so kommen!“ Mir scheint, als hätte ich ein Geheimnis gelüftet, und alles würde nun endlich gut werden.

Leider war es mir nicht vergönnt, das Wissen um dieses Geheimnis über die Schwelle zwischen Traum und Wirklichkeit zu tragen. Bemerkenswert dagegen die Farbe, die sich aus dem Traumraum in die Wirklichkeit ergießt. Obwohl Wirklichkeit. Was heißt das schon. In Soutines Morphinträumen ist das Paradies „ein weites leeres … tiefverschneites Land …“ Und an einer anderen Stelle, die ich sehr liebe, heißt es:

Warum sollten nicht die Farben Brüder der Schmerzen sein, da diese wie jene uns ins Ewige ziehen?

Wenn im Französischen couleur und douleur, Farbe und Schmerz, so nah beieinander liegen, wirft einer von den dreien ein, was meinen Sie zur merkwürdigen Nachbarschaft von Farben und Narben im Deutschen? Sind die farbigen Wunden in der einen Sprache schmerzhaft offenbar und gegenwärtig, durchpulsen die Haut und das sprachliche Gewebe, so zeugen sie in der anderen von gewesenen Verletzungen, von geschlossenen Wunden, von der späten Erinnerung an den Schmerz.

Der Maler zuckt auf. Denn in seiner Sprache reimen sich die Farben noch mit einem anderen Wort.

Wi an ofene wund … Los mich nit asoj fil mol schtarbn wi der harbsst in tojsnt farbn.

Ralph Dutli, „Soutines letzte Fahrt“

 

Vollständige Entlastung

Wenn man einmal auf diesem vermaledeiten Stuhl gelandet ist, sagte ich heute zu meiner Zahnärztin. Das „vermaledeit“ behielt ich natürlich für mich. Und den Stuhl trifft eigentlich auch keine Schuld. Schuld ist der Kaugummi, den ich während des Einkaufs bei Edeka gestern zwischen meinen Backenzähnen zermalmte und an dessen zäher Masse ein Brocken Füllung kleben blieb. Vermaledeiter Kaugummi, also, diese leicht verformbare, meist süß, manchmal auch sauer schmeckende Masse, auf der man oft einige Stunden lang kauen kann, ohne dass sie zerfällt. Die Masse nicht, nein, aber eine Zahnfüllung. Vor allem, wenn sie groß ist.

Das Kaugummikauen ist lediglich ein Ablenkungsmanöver mit Placeboeffekt. Wenn die herkömmlichen Mittel nicht wirken, hilft wenigstens das, obwohl kein vermeintlicher Experte hierfür eine angemessene Erklärung parat haben dürfte.

Genoss ich halt heute mal wieder den Ausblick aus dem vorläufigen Wartezimmer meiner Zahnärztin, wenngleich es sich hierbei um ein Foto vom 26. Januar handelt:

Nasser ist es heute. Windig und mild. Die dünne Schneedecke, die zwischenzeitlich wie ein weißes Laken über den Dächern der Stadt lag und die Welt in einer Art Schwebezustand zu halten schien, sie schmilzt langsam aber stetig dahin. Die weißen Laken rutschen von den Dächern und bringen wieder alles Mögliche zum Vorschein. Den Taubendreck beispielsweise, der immer noch wie Pech und Schwefel an der Blechverkleidung dieser kleinen Hinterhofansicht klebt.

Als ich nach der Reparatur meines Malheurs mit einem kleinen Kittklumpen wieder zuhause war, schaltete ich den Deutschlandfunk ein. Wulfman Christian:

…Alle sollen sich zugehörig fühlen, die hier bei uns in Deutschland leben, eine Ausbildung machen, studieren und arbeiten, ganz gleich, welche Wurzeln sie haben – wir gestalten unsere Zukunft gemeinsam.

Ich bin davon überzeugt, dass Deutschland seine wirtschaftliche und gesellschaftliche Kraft am besten entfalten und einen guten Beitrag zur europäischen Einigung leisten kann, wenn die Integration auch nach innen gelingt.

Dann wurde es interessant:

Unser Land, die Bundesrepublik Deutschland, braucht einen Präsidenten, der sich uneingeschränkt diesen und anderen nationalen sowie den gewaltigen internationalen Herausforderungen widmen kann; einen Präsidenten, der vom Vertrauen nicht nur einer Mehrheit, sondern einer breiten Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger getragen wird…

Das Staatsoberhaupt, das sich in seinen Ämtern stets rechtlich korrekt verhalten hat und überzeugt ist, dass die anstehende rechtliche Klärung zu seiner vollständigen Entlastung führen wird, ist also zurückgetreten.

Anschließend kam Wiefelspütz zu Wort, der, ohne pathetisch klingen zu wollen, seiner Hoffnung auf einen Nachfolger Ausdruck verlieh, der das Amt des Bundespräsidenten auch auszufüllen vermag und auf den alle stolz sein können. Amen! Clap your hands, everybody!! Sing Hallelujah!!! Nach all den Pleiten, Pech und Pannen der letzten Wochen und Monate: Die Hoffnung stirbt wie immer zuletzt.

Mittwoch, 08. Februar 2012

Man kommt immer da an, wo man erwartet wird, las ich sinngemäß irgendwo die Tage. Auf die wesentlichen Begegnungen im Leben trifft das wohl zu, warum sollte dieser schöne Satz nicht auch für die Arbeitssuche gelten, dachte ich mir. Nach der gestrigen Absage fühlte ich mich wie befreit. Das Hoffen und Bangen der letzten Wochen hatte mich geradezu gelähmt. Als ich endlich wusste, was Sache war, war ich plötzlich wieder imstande, ein paar Telefonate zu tätigen und drei neue Bewerbungen aufzusetzen. Die erste positive Reaktion ereilte mich gleich heute, während ich mit Vicky in der Cafébar ein spätes Frühstück einnahm.

Gestern war sie auf die glorreiche Idee gekommen, sich den Vormittag frei zu nehmen, um gemeinsam mit ihrer in diesen Dingen noch nachlässigeren Mutter die längst überfällige Ummeldung auf dem Einwohnermeldeamt zu erledigen und mich anschließend zum Essen einzuladen. Das Mädel im Meldeamt klärte uns dahingehend auf, dass die Ummeldung eigentlich innerhalb einer Woche zu erfolgen gehabt hätte, dass sie aber so gerade eben noch ein, um nicht zu sagen beide Augen zudrücken könne. Wohlweislich hatten Vicky und ich uns schon im Vorhinein darüber verständigt, den Umzug sicherheitshalber vorgeblich auf den 01.01.2012 zu datieren. Ein ruppigerer Beamter hätte uns auch eine ordentliche Ordnungsstrafe aufbrummen können.

Als wir also anschließend gemütlich im Warmen der Cafébar saßen und abwechselnd in unsere Gespräche und in den Anblick des von der Sonne ausgeleuchteten klirrend kalten Wintertages draußen vor der Tür vertieft waren, klingelte mein Handy, und es meldete sich der Herr von der Firma G., um mich für nächste Woche Mittwoch, 10 Uhr zu einem Vorstellungsgespräch einzuladen. Ausgerechnet auf die Bewerbung eine erste Reaktion, die ich mit den meisten Skrupeln versehen gestern zur Post gegeben hatte. Eine relativ anspruchsvolle Buchhalterstelle, direkt der kaufmännischen Leitung unterstellt, von der ich mir nicht einmal sicher bin, ob ich sie überhaupt auszufüllen imstande wäre. Fachlich eigentlich genau das, was meiner Berufserfahrung bis dato entsprechen würde. Aber wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Von meinen Zweifeln werde ich nächsten Mittwoch nicht einen einzigen durchblicken lassen. Zumindest darin bin ich gut.

War das schön, meinte Vicky, als wir uns um 12 Uhr verabschiedeten, sie zur Arbeit und ich in den Park. Ein bisschen wie Urlaub. Mehr als dieses In-den-Tag-hinein-leben, worin ich zwar Meister bin, das aber nicht jeden Tag auch Urlaubsgefühle in mir zu wecken vermag.